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Lehrbuch
der
Xerveiikranklieiten rtes Mensclien.
Von
Moritz Heinrich Romberg,
Doctor der Medlcin, Bitter des rothen Adlerordens dritter Klasse mit der Schleife, ordentlichcm
offentlichem Professor der Heilkunde und Director des Koniglichen PolikliniscLen
Institnts der Friedrich-Wilbelms-Universitiit zu Berlin.
Erster Band
Berlin,
Verlag von Alexander Duncker,
Konigl. Ilofbuchhandler.
1840.
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Lehrbuch
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Nervenkranklieiten des Menschen.
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Berlin,
V^riag von AUrx^r*'i<rr l>un/ker.
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Seiner Excellenz
dem
ijcvtn j^tUsmber non jjjumlwUrt,
zur bevor9tehenden
fiinfzigjalirl^en Jubelfeler
der
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Versuche tiber die gereizte Muskel- und Nervenfaser
in hdchster Verehrung
gewidmet
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Dr. llombcrg.
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Vorwort.
9
„Es wird, furchte ich, noch lange Zeit dauern, bis vereinte Be-
„muhungen den arztlichen Schriftsteller in Stand setzen werden die
„Nervenkrankheiten zu ordnen und genau zu beschreiben. Die Stufe,
„auf vvelcber wir jetzt stehen, ist noch eine sehr niedrige.“ So
sprach Carl Bell. Ein Decennium ist seitdem verflossen, Viele ha-
ben gefordert, reichhaltiges Material liegt vor, und dennoch fehlt es
an einem Lehrbuche der Nervenkrankbeiten, das den Anforderungen
der Wissenschaft entsprache. Nicht ohne Grund mochte ich bei den
Bessern die Scheu beschuldigen, dass die pathologischen Leistungen
hinter den physiologischen zuriick stehen wurden, bei Andern die In-
dolenz, die das bequeme Geleise der Ueberlieferung vorzieht, und
unter dem Deckmantel der Skepsis jede Neuerung von sich weist.
Allein nirgends ist wohl die physiologische Durchdringung der Patlio-
logie so fruchtbar, nirgends feiert freie Forschung so schonen Sieg
- iiber das triige Herkommen einer Disciplin, wie in der Lehre der
Nervenkrankheiten. Den Beweis zu geben ist diese Schrift, die Frucht
zwanzigjahrigen Strebens, bestimmt. Hat sie auch, nach meiner eig-
VI
non Ueberzeugung, viele Mangel undLucken, wird man s.e auch -
als Uebergangsstufe zu vollkommneren Werken betracbten - b^t
docb ihre Grnndlage unerschutterlich, das phys.olog.sche V
cin, das auf dem Unveranderlichen im Thiergescblechte bas.rt,
grobre Schwankungen erhaben 1st, nnd mil alien. Guten und Crosse.,
in der Wissenschaft den Vorzug theilt, in sich den Ke.m hohere
VtTntokher HaMhut nm so mehr zu einer Zeit noth in welche
die Medicin in einen ^
wahrt am sichersten vor jepem l ebl^riti ,
Naturforsehung vor den andern sich bat zu Schuiden kommen lasse.
das Unzugangliche in das ihr Zuganglicbe bineinzuz.ehen. ln re.cl
lichstem Maasse hat die Lehre der Nervenkrankbe.ten vou jeber ue
Unbill erdulden mussen ; meine Aufgabe " ar cs das Ge 1C
bekanntcn nicbt noch mitUnzuverlassigem zu vergrossern.
dcrstrebtc es mir dem Urtheile des Lesers vorzugrcifen und Zvva
anzuthun durcli vorangescliickte doclrinare Betrachtungen, ie
VII
' leicht die unbefangne Prufung der Thatsachen storen: es ist die all-
gemeine Pathologic derSchluss-, nicht der Grundstein der speciellen.
So mag die Abweichung von der ublichen Einrichtung der Lehrbii-
cher gerechtfertigt sein.
Ich habe die Eintheilung der Nervenkrankheiten beibehalten, wel-
cher ich seit einer Reihe von Jahren in meinen academischen Vor-
triigen gefolgt bin, nach den Attribiiten der vier Nervenhebel des
Organismus, in die Neurosen der Sensibilit'at, der Motilitat, in die
Logo- und Trophoneurosen. Die Bilder der einzelnen Krankheiten
sind, so weit eigne Beobachtung reicht, der Natur entnommen, vom
Staube der Tradition gereinigt. Bemiiht habe ich mich die experi-
mentellen und chirurgischen Ergebnisse als Prototypen fiir die ver-
wickelteren pathischen Nervenzustande aufzustellen. Historische und
littcrarische Exegesen lagen ausser dem Plane dieser Schrift, obgleich
ich stcts der Pflicht eingedenk war Jedem das Seine unangetastet zu
lassen. '
Mein Wunsch ist, dass Praktiker, welche aufgeschichtete Formeln
VIII
entbehren kbnnen, Nutzen aus den folgenden Untersucbungen -hen.
Vor allem aber ist meine Hoffnung darauf gertellt, dass den Stu i-
renden dieses Lehrbuch ein nicht bloss mittheilendes, sondern auc
anregendes sei, damit der grosse Zweck, Emancipate der Me-
dicin aus den hemmenden Schranken e.ner anzuler-
nenden Technik, durcli frische Kraft gefordert werde.
Berlin, im September 1840.
Dr. Roml>erg.
Die Lehre
der
8ensibilMt>ST euroyen.
-Bf-O-Str
'
Erste lilasse
der
]¥erveiikraiiklieften.
-O-JjXog-O-
Sensibilitat-Neurosen. -
Sensibilitat-Neurose ist der Lehensvorgang, in welchem dieEnergie
des sensibeln Nerven durch Veranderung seiner Reitzbarkeit von der
Norm abweicbt.
Die Energie des sensibeln Nerven offenbart sich durch Empfin-
d u n g und dieser ilir Ausdruck ist es auch, welcher abnorm erscheint,
gesteigert, Hyperaesthaesia, oder vermin der t und erloschen,
Anaeslhaesia.
Je nach der Eigenthumlichkeit des sensibeln Nerven ist die Em-
pfindung verschieden, demgemass auch das Phanomen in der Sensi-
bilitat-Neurose. Der Hautnerv, der sensible Muskelnerv, der sensible
Nerv des Sympathicus, der Sinnesnerv — ein jeder hat, wie in hygia-
nen, so in pathischen Zustanden, seine hcsondere Empfmdungssphare,
welche er mit keiner andcrn vertauscht.
Jlicraus liisst sich sowohl der Umfang dieses nosologischen Gebietes,
dessen Exposition bisher mangelhaft und verkiimmcrt war, als auch
das Moment der Classification entnehmcn. Hyper aeslhaesia und
Anaeslhaesia hilden die beiden Abtbeilungcn dieser Krankheitsclasse,
deren Gattungen durch die Eigenthumlichkeit der Sensihilitatnerven
SENS1B1 LIT AT -NEEJROSEN-
4 i nil' (loin Sit'/.fi der Affection,
bestimmt wcrdcn. Die Ord'iungc " ^)r0 Jnalcn und sympatbischen,
be— s«athischen>
entwedermder v und Riickenmark.
odev in den Centra organen find snerven miissen fur die
Die physiologiscta Gesebe s^biMt.Neurosen ,n Grunde
Auffassung und Beurlheil. „ deute ich sie 8n, da die aus-
gelegt werden. Mit wemg Nervenpathologie ihre Stelle
fuhrliche Erorterung in dcr aU0emc
ftntet • ,, ndas Gesetz der isolirten Leitnng: nur die von
' Es sind 1) das . ^ Anlasse getroffene Nervenfaser
dem reitzenden o( er Betlieiligung der noth so
nahe angranzenden < f pntralapparate findet auch
dieses Gesetz ohne Ansna me: ^ *^£r.di.tio» de.
2) das Gesetz der theil
SrSlT^nJrUe den Enden andrer sensibier Ner-
venfasern mit. . v rheinune: die Em
f I d8S Ged8t tllC B— -dens, auf das peripberisch
Slit* -gen,
ihres Laufes, vom peripherischen b,s zum Central-Ende
Eindruck empfanglich ist.
Erste Abtheilung.
Hyperaesthaesiae.
Der allgemeine Charakter ist: Exaltation der Reitzbarkeit sensibler
Nerven.
Der Ausdruck ist verschieden, je nacli der eigenthiimlichen Ener-
gie des afficirten Nerven.
Darauf beruhet die Eintheilung der Hyperastbasieen.
I. Ordnung.
Ilyperasthasieen der Nervenbahnen.
A. Der cerebrospinalen: v
1. Gatt. Cutane Hyperastbasieen,
a) Neuralgia, b) Pruritus, c) Ardor, d) Algor.
2. Gatt. Muskel-Hyperiisthasieen.
a) Neuralgia muscularis, b) Vertigo.
3. Gatt. Ilyperasthasieen des Vagus.
a) Neuralgia: Globus, Pyrosis, Gastrodynia neuralgica.
b) Bulimia, c) Polydipsia.
4. Gatt. Sensuale Ilyperasthasieen.
a) Ilyper aeslhaesia optica, b) acustica, c) olfactoria,
d) guslaloria.
6
hyperasthasieen.
B. Der sympathischen Nervenbahnen.
1. Gatt. Hyperaesthaesia plexus cardiaci.
2. Galt. Hyperaesthaesia plexus Solaris.
3. Gatt. Hyperaesthaesia plexus mesenterici.
4. Gatt. Hyperaesthaesia plexus hypogastrici.
5. Gatt. Hyperaesthaesia plexus spermatici.
II. Ordmmg.
Hyperasthasieen tier Centralorgane.
A. Dcs Riickenmarks.
Neuralgia spinalis.
B. Des Gehirns.
a) Neuralgia cerebralis, b) Hyperaesthaesia psychica.
Die Hyperasthasieen der Nervenbahnen unterscheiden sich nicht
hloss durch die specifischen Energieen der afficirten Nerven, sondeni
auch durch ihren p eripher ischen oder centralen Sitz; nur
werde der Begriff eines peripherischen Nerven gehorig aufgefasst,
und nicht, wie es bislier ublich war, auf dessen letzte Endigungen
beschrankt. Peripherisch ist der Nerv von der Stelle, wo die Fa-
sern vom Centralorgane abgehen, bis an die iiusserste Griinze ihres
Laufes, demgemass ist, was man Nervenwurzel zu nennen und als Cen-
tralende zu betrachten pflegt, welches richtiger Insertionsende ge-
nannt werden muss, nur ein Theil der peripherischen Bahn. Dadurch
schori gewinnt die Lehre der Hyperasthasieen, zumal die iitiologische,
eine grossre Ausdehnung: man wird sich kiinftig nicht mehr mit
Untersuchung der an den aussern Theilen verbreiteten Nerven be-
gniigen, auch die in den Knochenkanalen, die am Gehirne oder
Riickenmarke verlaufenden Easern mussen die Aufmerksamkeit auf
sich ziehen, urn so mehr, da besondre Merkmale den Sitz der Krank-
hcit in den verschiednen Stationen der peripherischen Bahn andeu-
ten. Central ist der Nerv in seiner, dcm Auge und Messer fast
ganz entzognen Verbreitung innerhalb des Gehirns und Riicken-
marks.
IIYPERASTHASIEEN.
7
Fur die peripherischen Bahnen gilt das Gcsetz der isolirten
Lei tu n g, fur die peripherischen und centralen das Gesetz der ex-
c e n t r i s c h e n Erscheinung als Norm.
In Bezug auf das letztere durfen jedoch einige Umstande nicht un-
erwahnt bleiben, welche Ausnahmen bilden und bisher noch keine
geniigende pbysiologiscbe Erklarung gefunden haben. Es ist bekannt,
dass ein Stoss an einen oberflachlich gelegnen Nerven, z. B. den Ulna-
ris die Empfmdung sowobl in den peripherischen Enden als auch zu-
gleich an der getroffnen Stelle hervorruft. Eine ahnliche Erscheinung
fmden wir in den Neuralgieen. Bei den tubercul. doloros. aussert
sich der Schmerz wabrend des Anfalls nicht nur in excentrischer
Verbreitung, sondern auch im Sitze der Geschwulst. Im Hiiftweh
sind ausser den Schmerzen in den Endigungen der ischiadischen
Hautnerven oft auch Schmerzen im Stamme des Hiiftnerven, in der
Nahe seines Austritts aus der Beckenhohle, vorhanden. Bei 'Entziin-
dung eines Nerven empfindet der Rranke an der Druckstelle den
Schmerz *). In den schmerzhaften Stumpfen offenbart sich der Schmerz
im Stumpfe selbst, nicht wie die Analogie bei Amputirten vermuthen
liisst, in den nicht mehr vorhandnen Enden der abgesetzten Glieder.
Die Verhiiltnisse der sensibeln Nerven in den Hyperiisthasieen zu
den iibrigen Nerven und den Centralorganen haben sowohl ein phy-
siologisches als diagnostisches Interesse. Richten wir zuerst auf die
motorischen Beziehungen unsern Blick, so bieten sich uns Muskel-
actionen, Bevvegungen, als haufige Begleiter der Ilyperasthasieen dar,
zwiefacher Art: entweder in Folge simultaner Reitzung motorischer
Nerven, z. B. ischiadische Neuralgie und Zuckungen des Beines durch
Reitzung des Schenkelgellechts in der Beckenhohle, Wadenschmerz
und Wadenkrampf durch denselben Anlass, Schmerz und Contractur
des Arms durch entzundliche llirnreitzung n. s. f. oder die Bcwe-
V Valentin fdc functionibus nervorum cerebralium et nervi sympathici Libri
II. Jicrnae 1839. p. 84. §. 20bJ sucht cine Erklarung rliescr Erschcinungcn da-
rin, dass in den Nervenstammcn Fasern mil Endschlingen verlaufcn, welche sich
wie nervi nervorum vcrhalten und gereitzt den Schmerz im Nerven selbst erregen.
8
HYPER ASTHlSIEEN.
gungen entstehen durch Refleximpuls, durch einc Reftzung motori-
scher Fasern mittelst scnsihler, welche, wie bekannt, nur im Central-
apparate, vorzugsweise im Ruckenmarke, stattfinden kann. Diese
Synergie zwischen Empfindungs- und Bewegungsnerven offenbart
sich nicht selten in den Ilyperasthasieen der cerebrospinalen, am
baufigsten der sympathischen Nervenbahnen. So giebt sich in der
Neuralgie des Quintus ,die Reitzung des n. facialis durch Contractio-
nen der mimiscben Gesichtsmuskeln kund: in einem Falle von Pro-
sopalgic mit Zungenschmerz erfolgte der Refleximpuls auf den Hy~
poglossus, wodurcli die Zunge bin und hergewiilzt wurde. In der
Ciliar neuralgie, der Photophobic, scbliessen sich die Augenlieder durch
den Reflex von den sensibeln Quintusfasem auf die motoriscben des
Facialis. In den Gelenkneuralgieen erfolgen Contractionen derBeug^-
muskeln der Extremitaten. Eine Hyperasthasie des Vagus, die Ga-
strodynianeuralgica, wird gewohnlich vonRuctus, Erbrechen, Giihnen
l)egleitet. In den Neuralgieen des Sympathicus, des fiir Reflexactionen
giinstigsten Bodens, sind die Beispiele zahlreich und evident. Dahin
gehoren der gestorte Rhythmus der Herzbewegungen in der Hypcr-
aesthaesia plexus cardiaci , die Spannung der Bauchmuskeln, das Er-
brechen in der Neuralgia coeliaca, der Darmkrampf, der Harnzwang
in der Neuralgia mesenterica u. s. f.
2) Die Synergie zwischen sensibeln und trophischen
Nerven*) macht sich in den Ilyperasthasieen bemerkbar. In den
Anfallen des Folhergilhehen Gesichtsschmerzes sind Rothe, Ilitze, ver-
mehrte Secretion der Thriinen oder des Speichels, verstiirkte Pulsa-
tion nahgelegncr Arterienstamme Begleiter. Earle, der hieruber
instructive Beobachtungen angestellt hat, (cases and observations illu-
strating the influence of the nervous system in regulating animal heal
in den Med. chir. transact, vol. VII. p. 1 S7J sail in einem Falle von
) Mit dcm Namen trophische Nerven bezcichne ieh keinesweges Nerven
von cigcnlhumlichcr Formation, •welche- ein besondres System bilden, sondern
vci stehe darunter diejenigen Primitivfasern, die an Gefassen und Hriisen verbrei-
tel den Process der Circulation, Secretion, dcr Nutrition tiberhaupt reguliren.
(Vcrgl. die Einlcilung des zweiten Bandes.)
hyperAsthasieen.
9
Neuralgia supraorbilalis einen dem Laufe dieses Nerven folgenden
sclmrf ajigesetzten rothen Streif mit so starker Warmeentwickelung,
dass kalte Umschlage schnell verdunsteten. Bei einer seit Jahren von
NeuraFgie des n. maxill. infer, befallnen Wittwe war jeder Paroxys-
mus von einer heftigen Pulsation in alien Zweigen der carotis externa
begleitet und endete gewohnlich mit einem profusen Speichellluss.
Der von mir in der Scbilderung der Prosopalgie beschriebne Fall
bietet ahnliche Symptome dar. In der Neuralgia ciliaris thrant das
Auge und rotbet sich. Tropfbar fliissige und gasartige Absonderungen
sind besonders im Gefolge der Ilyperasthasieen des Sympalhicus.
Erytbem und Blasenbildung begleiten ofters die Sticliwunden sensi-
bler Nerven. Icb habe weiter unten eines solchen Falles erwahnt und
Earle theilt folgenden mit. Ein 32jahriges Frauenzimmer stach
sich mit einer Gabel in den n. cutaneus externus, ungefahr auf der
tlalfte seines Laufes am Yorderarm. Es stellten sich heftige Schmer-
zen in der Babn dieses Nerven ein und eine betrachtliche Entziin-
dung in der Nahe der Wunde. Drei Wochen darauf, als die Kranke
mit dem Arme eine Bewegung vornahm, wurde sie plotzlich von hef-
tigen Scbmerzen und einem brennenden Gefuhl in der Wunde be-
fallen. Eine erysipelatose Rdthe verbreitete sich uber die vordre
Flache des Yorderarms, mit Ilinzutritt grosser Blasen wie im Pem-
phigus. Die Hitze des Arms war sehr bedeutend. Strenge Rube und
verdunstende Fomentationen mit Opium stellten sie her, allein als
sie kurze Zeit darauf wieder den Arm zu bewegen versuchte, kehr-
ten dieselben Zufalle zuriick. Die Temperatur des Arms war um 3
Grad holier als die Temperatur unter der Zunge. Nocli viermal stell-
ten sich nacb ahnlichen Anlassen Recidive ein; bei dem letzten bil—
deten sich keine Blasen, sondern ein der Urticaria ahnliches Exan-
them. Endlich giebt sich in der psychischen Hyperiistbasie, in der
Hypochondrie, das Weehselverhaltniss zwischen scnsibeln und trophi-
schen Nerven am offenbarsten kund, wovon wichtige matcrielle Ver-
anderungen in den Organen die Folge sind.
3) Die Beziehungen, in welclie die Ilyperasthasieen dcr Nerven-
JO
iiyperAsthAsieen.
bahnen zu den Encrgieen der Centralorgane sich stellen, verdienen
cine nahere Priifung. Das Riickenmark ist bercits als Vermittler der
Reflexaction beachtet worden. Eine'andre Einwirkung auf dasselbe
erfolgt in einigen Neuralgieen des Sympathies, vvelche das Eigen-
thumliche haben, den entgegengesetzten Zusland, Verlust der Action,
in der motorischen Sphare bestimmler Spinalregionen hervorzurufen :
so gesellt sich Lakmung der obern Extremitaten zur Colica satur-
nina. In Betreff des Gehirns ist die psychische Beziehung der Hyper-
asthasieen von Interesse. Haben diese in den spinalen und sympa-
thischen Nervenbahnen ihren Sitz, so weicht, vorausgesetzt ein we-
der durch Irresein gestortes, noch durch den Zustand des Schla-
fes gebundehes Bewusstsein (vergl. den Abschnitt fiber Logoneu-
roses und idler Hypnoneuroses) , die logische Deutung nickt von der
Norm ab. Der Mensch erkennt die Sulijectivitiit seiner schmerzhaf-
ten Empfindungen an und steht iiber seiner Krankheit. Davon geben
die cutanen Hyperasthiisieen den deutlichsten Beweis. Niemals wird
der Kranke an diesen Schmerzempfindungen sein Selbstgefuhl ent-
iiussern und dariiberden Verstand verlieren, sei die Grdsse des Schmer-
zes, z. B. im tic douloureux, noch so gross, die Dauer noch so lang. Ue-
berhaupt ist der Mensch geneigt, den Sitz des Schmerzes in den Haut-
nerven zu suchen, daher auch bei innern Schmerzen sofort das Grei-
fen, Reiben, Driicken der Haut. Anders verhalt es sich in den sen-
sualen Hyperasthiisieen, deren Phantasmen so leicht zur Anerken-
nung einer Objectivitat verleiten und die Entstehung des Wahnsinnes
begiinstigen. Yorzugsweise gilt dieses vom opticus, der \\de der olfac-
torius am innigsten mit dem grossen Gchirne zusammenhiingt. Es
ist nur der durch Erziehung und Cultur mehr entwickelten Energie
des Sehnerven zuzusclirciben, dass der Einfluss des Geruchsnerven
auf die Intellectualitat sich beim Menschen nicht geltcnd macht, da-
gegen er bei Thieren iibcrwicgend, uud fur ihr Gedacbtniss wesent-
lich ist.
Von den Ccntralorgancn geht aber aucli einc Ruckwirkung auf
die Hyperasthiisieen aus. Das Gehirn als psychisches Organ iiusscrt
HYPERASTHASIEEN.
n
'seinen Einfluss durch die Intention, die nicht nnr die abnormen Em-
Ipfindungen scharft und zu einer lastigen Hohe sleigert, sondern sie
Much zu erregen vermag, wovon die Hypochondrie den Beweis giebt.
'\och einflussreicher wirken die Centralapparate, Gehirn und Ruk-
kenmark, dadurch, dass sie die Quelle der erhohten Incitabilitat fur
diejenigen sensibeln Nerven sind, die den Ileerd der Iiyperasthasie
1 bilden. Diese Exaltation der Nervenreitzbarkeit ist der Grundcharak-
r ter der Hyperasthasieen, wodurch sie sich von blossen Thatigkeits-
(i:\usserungen der Nerven unterscheiden. Denn der Hautnerv, mag er
durch aussere oder innere Anliisse verletzt werden, giebt seine Reit-
oiug durch Schmerz zu erkennen: wer"mirde diesen Ausdruck sei—
;aer normalen Energie wold als Neuralgie deuten? Wenn aber seiu
A^erhalten gegen die Reitze der Aussen- und Innenwelt sich veran-
*
dert, ein ganz andres wird fur die Norm des Individuums, dann ist
Kvrankheit gesetzt, und wo die Incitabilitat gesteigert ist, Hyperastha-
' de. Die Symbole dieser Steigerung sind zwar noch unvollstiindig auf-
gefasst, allein es konnte auch bei der bisher so diirftigen Gescbichte
i lieser Krankheiten kaum angers seiu. Einige Andeutungen mogen
cur Erbrterung dienen.
In den cutanen Hyperasthasieen ist wahrend des Anfalls und bei
iingrer Dau'er der Krankheit auch in den Intervallen die Empfmdlich-
\:eit der Oberllache dergestalt erhoht, dass die geringfugigste Be-
•uhrung den Schmerz steigert oder weckt, wahrend ein starkrer
! Jruck nicht bloss geduldet wird, auch erlcichtert. In dcr Prosopal-
fm, Iscliias u. s. f. hat man Gelegenheit, sich hievon zu uberzeugen.
)as Gegentheil fmdet bei dem Schmerze statt, der als Symbol einer :
.gesunden Nervenenergie zu Entziindungen, selbst zur Entzundung
Her Nervensubstanz (Neuritis) und zu Desorganisationen andrer Ge-
oilde sich gescllt. Diese abnormc Empfindlichkeit der Oberfliiche be-
gleitet auch die Hyperasthasieen der Centralorgane, die Neuralgia
• I'pinalis , die Hemicrania , wo oft die Kopfhaarc so empfindiich wer-
den, dass ih re Beriihrung und Handhabung schmerzt. Allein nicht
doss' gegen den mechanischen Reitz des Druckcs etc., auch gegen
12
HYPERASTHASIEEN.
nndere Einfliisse iiussert sicli cine abnorme Reaction. Die Veninde-
rungen des Welters, der electrischen Spannung, der Atmosphare
werden von solchen Kranken angekundigt und gefiihlt, und Hugh
Ley (An essay on the laryngismus stridulus or crouplike inspiration
of infants. London 183G. p. 30G.J hat die Beobachtung gemacht,
dassBlutegelstiche in der neuralgischen HautErythcm und Geschwure
nach sich ziclien. Andrerseits haben Reitz'e, die den Schmerz als
Thatigkeitsausserung des gesunden Nerven hervorrufen, keinen sol-
chen Einfluss auf den von Hyperasthiisie Befallnen. Der die organi-
schen Ivrankheiten des Gehirnes begleitende Schmerz wird sofort und
zu jeder Zeit durch Schutteln, Biicken des Kopfes, durcli Anhalten
des Athems u. s. w. erregt: dagegen in den Intervallen der Migrane
die diese und ahnliche Einfliisse unwirksam hleihen.
Eine niclit minder erhehliche Verschiedenheit bietet das zeitlicke
Yerhaltniss der Hyperasthasieen dar, im Vergleiche zu den Reitzun-
gen gesunder Nerven. Es ist zwar eine ganz irrige Yoraussetzung,
dass ein permanenter Reitz in einem Nerven von einer anhaltenden
Aeusserung seiner Energie begleitet sein miisse, da in jedem Nerven
die Reitzbarkeit temporar durch die Reitzung erschopft wird, allein
ein rhythmischer oder periodiscber Yerlauf, Abwecbselung von An-
1 alien und freien Zwischenzeiten, mag ihre Dauer noch so kurz sein,
ist cbarakteristisch fur die Hyperasthasieen und abhangig von der pe-
riodischen Exaltation der Reitzbarkeit, deren Bedingung uns freilick
unbekannt ist.
*
Um diese und andre Unterscbiede deutlicher hervorzubeben, babe «
ich in den folgenden Expositionen hie und da Yergleichungen von
Zustiinden, wie sie durch Reitzung gesunder Nerven entstehen, mit
Hyperasthasieen angcstellt.
Ausser den unmittelbaren Reitzungen sensibler Nerven, welche im
gesunden und kranken Zustande einen der eigenthiimlichen Energie
des gereitzten Nerven entsprechenden Ausdruck haben, gicbt es noch
mittelbare Empfindungen, die wie die Reflexbewegungen auf Em-
pfindungen, im Lenlralapparate durch Mittheilung von scnsibeln
HYPERASTHASIEEN.
13
7asern an nahgelegene sensible Fasern entstehen mbgcn und von
t a Her*) Mitempfmdungen genannt worden sind. (Valentin’s ho-
nogene Synergie. 1. c. p. 103). In Hyperasthasieen kommen diese
blitempfindungen haufig vor und geben sich in Nervenbahnen kund,
iie von der peripherischen Manifestation der Hyperasthasie mehr
>der weniger entfernt sind. So mussen die Schmerzen gecleutet wer-
len, welche sich in Neuralgieen nach Verletzung eines Hautnerven,
. B. am Finger, in der Hand, im Arme, am Halse, im Gesichte, in der
intern Extremitat, nicht bloss derselben, auch der entgegengesetzten
^eite einfinden. (Vrgl. die unten mitgetheilten Beobachtungen.) Zu
I lyperasthasieen der sympathischen Nerven gesellen sich reclit oft
Ulitempfindungfen, z. B. in die Arme ziehende Schmerzen bei der
l ingina* pectoris, Schmerzen in den Schlundzweigen des vagus bei
Her Neuralgia coeliaca, Schmerzen in den obern Extremitaten bei der
Neuralgia mesenterica, in den untern bei der Neiir. hypogaslr. u. s. f.
Wenden wir uns von den physiologischen Attributen der Ilyper-
iisthasieen zu den Erscheinungen, die ihnen als pathischen Lebens-
l Organgen eigen sind, so finden wir nur wenige Ziige, die fur die
Aesammtheit als charakteristisch aufgestellt werden konnen. Es sind:
1 1 ) der periodische Verlauf mit regelmassigem oder unregelmassigem
fthythmus. 2) Die Isolirung des Krankheitsprocesses, der mit andern,
Hen der intermiUens ausgenommen, keine Verbindung einzugehen
geneigt ist: dalier die Gleichmassigkeit und Beharrlichkeit der Pha—
aomene, bei noch so langer Dauer. 3) Die Nichtgefahrdung des Le-
bens. 4) Das Verschonen des kindlichen Alters. 5) Die Neigung zu
llecidiven.
Je nach dem Sitze der nyperasthasieen in den verschiednen sen-
dbeln Nervengebieten mischen sich diesen allgemeinen Ziigen be-
sondre bei. Der wichtigste ist unstreitig der eigenthumliche Ausdruck
je nach der specifischen Energic des afficirten Nerven. Zunachst der
Einfluss des Sitzes in dem peripherischen oder ceutralen Apparate.
Bei Hyperasthasieen des Gehirns und Ruckenmarks ist, von der Mit—
*) Ilandh. dor Physiol, des Menschen. 3. Auil. Ir Thl. S. 709.
14
hyperasthasieen.
ttoeilbarkeit tier Zustiindc, wclche denselben als Centralorganen zu-
kommt, tier Ilinzutritt anderer Nervenerschcinungen, motorigehen,
trophischen, psychiscben Gepriiges abhangig.
Darauf berubet nun aucli die Diagnose der Hyperasthasieen,
welche durch die pbysiologiscben Fortschritte in der neueren Zeit
einen festeren Halt bekommen hat. Indessen bedarf es noch ernster
Bemiihungen, sie zu vervollkommnen und Irrthumer auszumerzen,
welche durch Tradition sanctionirt worden sind. Um nur ein Bei-
spiel anzufuhren, es hat sich die Ansicht erbalten, dass in den Neu-
ralgieen der Schmerz am Laufe der Nerven sich halt und den Aesten
und Zweigen entlang verbreitet. Allein bei genauerer Beobachtung
wird man sich iiberzeugen, dass der Schmerz nur an einzelneu Punk-
ten einer oder mehrerer Nervenbahnen aufblitzt, gleicbzeitig oder
successiv, in letzterem Falle mit so grosser Schnelligkeit, dass der
Schein einer Continuity entsteht. Unbefangne frische Kranke geben
bier'uber zuverlassigere Auskunft als solche, in die viele Jahre hin-
eingefragt worden ist.
Die atiolo gisc he Diagnose, die fur Entzimdungen, z. B. des
Auges, mit so grossem Erfolge eroffnet worden ist, muss fur die
Hyperasthasieen noch geschaffen werden. Einige Materialien liegen
vor: z. B. die Beziehung einzelner Organe zu bestimmten Nerven-
bahnen, der Gebarmutter zum vagus, des Herzens zu den Haul ner-
ven des Armgeflechts, des rectum zum Schenkelgeflecht. (Zu verglei-
chen ist die physiologische Deutung im Scholion des Capitels uber
Byperaesth. plexus cardiaci.) Auch die Modificationen einzelner Er-
scheinungen gehoren hieher. Bell bemerkt bereits (Physiol, und pa-
tholog. Untersuch. des Nervensyst. S. 308). „In der schmerzhaften
Affection des Gesichts kommt ofters ein Symptom vor, welches ich
als die Wirkung einer Darmreitzung betrachte, namlich ein bruh-
heisses Gefuhl. Dieses zeigt sich aucli sehr oft an den untern Ex-
tremitiiten. Ein Purgans fiihrt es zuweilen bei seinem Durchgang
durch den Darmkanal herbei, hebt es aber auch oft giinzlich. Ich
behandle einen Kranken, der jedesmal bei Anhaufung reitzender
1IYPERASTH/VSIEEN.
15
'StofTe in den Darmen diese brennende Empfindung von der Hufte
bis zur Ferse bekommt. Hiemit ist Empfindlichkeit gegen aussern
IDruck verbunden und lasst man diesen Zufall fortdauern, so nimmt
3r leicht den Charakter der Ischias an.“ So durften auch in der op-
tischen Hyperasthasie die Formen der Phantasmen an bestimmte
ersachliche Bedingungen gekniipft sein.
Was die iitiologischen Yerhaltnisse der Ilyperasthasieen
iberhaupt hetrifft, so sind mir einige mit geniigender Sicherheit ermit-
elt, die Mehrzahl nicht. Unter den Lebensaltern sind das jugendliche
ind mittlere am giinstigsten, das Greisesalter disponirt nur zu einigen
Arten, ( Pruritus , Vertigo ): das kindliche wird fast verschont. Die
Geschlechter zeigen eine verschiedne Neigung zu bestimmten For-
rnen: \viihrend das mannliche ausschliesslich der Hypochondrie ausge-
' ;etzt ist, wird das weibliche vorzugsweise von der Hemicranie, von den
Spinal- und Gelenkneuralgieen, von der Mastochjnia neuralgica, von
illen tubercul. doloros. heimgesucht. Erbliche Anlage ist selten und
nnacht sich am meisten bei Cerebralhyperasthasieen geltend. Ueber
nitmospharische Bedingungen steht nichts Test. Epidemische Verbrei-
l ung findet selten statt; bei Verbindung mit Intermittens, bei Neuralgia
n nesenterica und bei Neuralgie der Extremitiiten kommt sie vor. ,Auch
unit den climatischen Einfliissen ist man unbekannt ; nur eine tropische
rorm der mesenterischen Neuralgie ist genauer beschrieben. Einige
peciOsche Ursachen lassen sich nachweisen : Z. B. Blei fur Neuralgia
i nesenterica, verdorbnes Korn und Veratrin fur Formication, Morphium
ur Pruritus, eingeathmetes Stickstoffoxyd fur Hyperaeslh. optica. Die
m Organismus entwickelten Ursachen w irken durch Excess oder De-
'cct der Reitzung. Andrang oder Entziehung des Blutes, Plethora,
indrnie, beide haben Schwindel, optische und acustische Hyperasthasie
ur Folge. Krankheiten des Herzens und der Gefasse stehen oilers
in atiologischer Beziehung. Hypertrophic des linken Ventrikels ver-
i inlasst Schwindel, Seh- und Gehorphantasmen. Aneurysmen hedin-
gen zuweilen die heftigsten Neuralgieen, wovon Andral (in seiner
Ausgahe von Laennecs traite de l’ auscultation mediate T.III. p. 1 04)
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1IYPERASTIIASIEEN.
einen merkwiirdigcn Fall mitgetheilt hat. Krankhafte Zustande des
Darmkanals und seiner Dr'usen sind eine ergiebige Quelle fur Ent-
stehung der Ilyperasthasieen. Neuralgieen der untern Extremitaten
sind oft von ilinen abhangig, nicht minder Ilemicranie, Vertigo ,
optische und acustische Ilyperasthasie, Neuralg. coeliaca, Hypochon-
drie etc. Yon schr wichtigcm Einflusse ist der weibliche Sexualappa-
rat, an und fur sicb und als Heerd hysterischer Affection. Dagegen
liaben die Lungen keine atiologische Beziehung zu Ilyperasthasieen.
Unter den pathischen Processen Iiegen am ha u figs ten Rheuma, Arthri-
tis, Haemorrhois, Carcinoma, Impetigo unentwickelt, ausgebildet, unter-
brochen, zu Grunde. Der Missbrauch, den man unlangst noch mit der
gelaufigen Annahme des Entzundungsprozesses getrieben, hat zwar in
der neuesten Zeit nachgelassen, docli fmdet derselbe immer noch
Anklang. Aus der Geschichte der Sensibilitat-Neurosen ergiebt sicli
aber, dass Neuritis, wenn auch mit Symptomen exaltirterEmpfmdung
begyinend, den Contrast, die Anasthiisie, herbeifiihrt, wahrend, wie
ich zuvor erwahnt habe, Gleichmassigkeit und Beharrlichkeit der Pha-
nomene, bei noch so langer Dauer, ein Grundzug der Hyperastha-
sieen ist.
Yon den anatomischen Charakteren der Hyperasthasieen
hatte man bis jetzt nur eine sehr diirftige Kenntniss. Theils war die
Unbekanntschaft mit dem Gesetze der excentrischen Erscheinung
schuld, dass man nur in den oberflachlichen peripherischen Verzwei-
gungen Sitz und Anlass der Krankheit — meistens vergebens — auf-
suclite, theils liess sich bei dem Mangel technischer tibung, die in
den anatomischen Untersuchungcn der Nerven grossrer Ausbildung
bedarl, kein Aulschluss hoffen. Augenfallige oder handgreitliche Bc-
lunde, worauf die Neugierdc gespannt ist, werden nach Hyperiistha-
sieen kaum angetroffen: um aber ein in der Balm eines sensibeln
^men haftendes Tuberkel von der lvleinheit eines Hirsekorns oder
eine andre ^ erandcrung von microscopischer Feinheit aufzufinden,
bedarf es ausser der Fidiigkeit noch einer ausdauernderen Hinge-
bung, als sich von der lUenge erwarten liisst.
IIYPERiSTHASIEEN.
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Die Naturheilung cler Hyperasthiisieen erfolgt entweder unter
kritischen Erscheinungen, oder als Metaschematismus, oder als Lysis.
Die Krisen machen sich am hiiungsten durch Dr'usen- und Gefass-
apparat des Darms, des Uterus, der Nasenhohle, z. B. Blutbrechen
und Melaena fiir Neuralgia coeliaca, Ilaemorrhoi's, Blutfluss aus der
: Gebiirmutter fiir Ischias und Neuralgia hypogastrica, Epistaxis fur Ver-
tigo. Metaschematisch treten besonders Arthritis und Impetigines auf.
]Die Lysis erfolgt im Alter der Decrepiditat (Ilemicrania), bci Um-
>stimmung des ganzen Organismus durch yeriinderte Yerhaltnisse des
(Clima, der Lebensweise u. s. f.
Die technische Behandlung ist im Allgemeinen unzulang-
lich. Hyperasthiisieen gehoren zu den widerspenstigsten Krankheiten
und die oft lange Dauer ihrer Pausen tauscht den minder Erfahrnen
imit dem Scheine gliicklicber Cur. Schulgerecbt die Causalindication
zu erfiillen ist schwierig, in vielen Fallen unmoglich, fiihrt selten al-
ilein zum Ziel. In den Verhaltnissen der Nerven zu den andern Sy-
sstemen sucht dann der Praktiker einen Halt und findet ihn zuweilen.
IDem Blute kommt ein wichtiger Antheil zu, wenn er auch als ent-
zz'undlicher oft gemissdeutet wird. Yon Uebertragung auf den Darm-
ikanal ist, zumal in den Hyperasthiisieen und Neuralgieen der untern
lExtremitiiten und der Bauchgedechte, Erfolg zu erwarten: weniger
won der Reitzung der Haut durch rubefac. und exutoria. Die nacli-
.^ste Aufgabe ist durch alterirende und restaurirende Heilpotenzen die
I Exaltation der Reitzbarkeit , welche in den Centralorganen wurzelnd
den Hyperiisthasieen zu Grunde liegt, auf den Normalstand herabzu-
'Stimmen. Dazu reicht das somatische Yerfahren nicht aus, ein psy-
chisches muss zur Hiilfe genommen werden, von desscn YVirksam-
ikeit das Abwenden dcr Intention ein Zeugniss giebt.
Wie viel Muhe und Anstrengung aber auch auf diese Behandlung,
die den Namen der~ rationcllen sich vindicirt, gewandt wird — sic
wchliigt sehr oft fold und an empirischen Mitteln haftet die HofTnung.
IKein Yorwurf ist deshalb zu machcn, dcnn auch jcnes Mittel ist ein
wolches, welches am sichcrsten die Hyperasthiisieen mit regelmassigem
Romberg’s Nervcnkrankh. F. ^ 2
18
IIYPERASTHASIEEN.
Rhythmus lieilt, das vcgetabilischc und mineralische Antitypicum,
China und Arsenih. Nur verfahre man krilisch, sei mit dem Lobe
karg, rcife die Beobachtung: gar vieles birgt das Kehrigtfass der
Materia medica, was zur Zeit mit Lob uberscluittet worden ist. Vorn
Veratrin, vom Terhenthin u. a. 1). sind specifische Krafte geruhmt
worden, mit welchem Rechte — werden die folgenden Blatter an-
deuten.
Erste Ordnung.
Hyperastliasleen der IVeryenlialmeit.
A. Hyperasthasieen der cerebrospinalen Bahnen.
1. Gattnng.
Hyperasthasie der Hautnerven.
( Hyperaesthaesia cutanea .)
Der Ausdruck dieser Hyperasthasie istEmpfmdung von Schmerz,
Jucken, Kribbeln, Iiitze, Ralte; am haufigsten Schmerz, daher auch
der Name Neuralgia zu ihrer Bezeichnung in Gebrauch gekommen
ist. Diese Empfindungen geben sich anfallsweise kund und sind auf
einen der Ausbreitung eines oder mehrerer Hautnerven entsprechen-
den Raum, gewohnlich einer, zuweilen beider Rorperhalften, be-
schrankt.
Zum Prototyp mogen die Neuralgieen von Nerve nverletzung
dienen, weil sie, wie die chirurgiscben Yortalle uberhaupt, Experi-
menten gleichzustellen sind, die eine deutlichere Anscbauung einfa-
cher Zustande gewabren kbnnen.
Ausgang des Schmerzes von einer bcstimmten Steilc in der Balm
eines Nerven, Yerbreitung desselben in die peripberiscben Enden die-
ses Nerven, Erregung und Steigerung des Schmerzes durch iiussere
leicbte Beruhrung der verletzten Stelle, Nachlass durch Compression
2’
20
NEURALGIEEN.
oberhalb der vcrlctzten Stcllc — dies sind die Merkmale, wofan sich
die Neuralgic vou Verletzung ernes Nervcn erkennen lasst. ])azu gc-
sellen sicli haufig, zuAnfang oder spaterhin, Mitempfindungen in an-
dern Nerven, nicht bloss in der Nahc, aucli entfernt vom urspriingli-
chen Sitze, und ein Allgemeinlciden pflegt sich bei langrer Dauer
und Ilartnackigkeit der Schmerzen auszubilden.
Stichwunden, partielle Schnittwunden, Quetschungen, fremde Kbr-
per, Geschwiilstc geben am haufigsten Anlass. Schmerz tritt anfalls-
weise ein und wird durch Wetterveranderungen, GemiithsafTecte und
Diatfehler hervorgerufen oder gesteigert.
Am reinsten stellt sich die Neuralgie lieraus, wenn die verletzen-
den Anlasse vorzugsweise sensible Nerven, z. B. die subcutan ., tref-
fen, dagegen sie sich mit Symptomcn motorischen Gepriiges ver-
bindet, wo jenc Ursachen in einem Nervenstamme ihren Sitz haben,
welcher ausser sensibeln Fasern auch motorische Elemente iu sich
birgt.
Beispiele.
Ein 1 6 jahriges Madchen, mit Erlernung der Kochkunst beschaf-
tigt, stach sich beim Zuljereiten eines Rehbratens mit der Spitze einer
Spicknadel in den Mittelfinger der rech ten Hand, an der Radialseite
zwischen der 2. und 3. Phalanx. Ileftige Schmerzen stellten sich sofort
ein und nach einigen Tagen Entzundung, mit Entwickelung von Phly-
ctanen und dunkler Rothe iiber Hand und Vorderarm. Die geeigne-
ten Mittel beseitigten zwar die Entzundung, allein ein schmerzhaftes
Gefuhl blieb in der Fingerspitze zuriick, welches sowohl durch aussere
Beruhrung als spontan sich steigert, und Mitempfindungen in der
Hand, im Arm, im Nacken, und im Beinc derselben Scite herbeige-
fuhrthat. So oft ein andres Unwoldsein die Kranke befallt, schmerzt
der Finger am stiirksten. Der mehrere Sommer wiederholte Gebrauch
der Seebiider von Norderney hat wold einigen Nacldass, jedoch keine
Heilung bewirkt.
\\ ardiop erzahlt folgenden Fall (Medico-chirurgic. transactions
vol. XII. P. I p. 205 J:
NEURALGIEEN.
21
„.Ein junger Mann braclite sich mit eincm scharfen Flintensteine
eine tiefe Schniltwunde an der Radialseitc dor zweiten Phalanx des
linken Daumens bei, welche heftig schmerzte und per primam inten-
tionem sehnell zulieilte. Nach ein Paar Tagen wurde der Daumen
wieder schmerzhaft. Am zehnten Tage war das aussere Ansehen des
Daumens normal, die Narbe verhielt sich wie gewohnlich, allein hef-
tker Schmerz war nicht nur in dem verwundeten Gliede vorhanden,
sondern auch im Zeigefmger und in der Radialseite des Mittelfingers
und breitete sich fiber den Arm bis zupi Halse aus. Rei leichter Be-
rfihrung des Daumens wurde der Schmerz ausserordentlich heftig.
Der Puls war frequent und voll, das Gesicht roth. Ein reichliches
Aderlass schaffte Linderung, und selbst der aussere Druck war nicht
mehr so empfindlich. Nach drei Tagen kehrten die ortlichen Zufalle
zurfick, wichen von neuem der antiphlogistischen Behandlung, zeigten
sich dann spider wieder. Zu Zeiten war der Schmerz heftiger, zu an-
dern gelinder : nicht selten ward er durch psychische Aufregung her-
vorgerufen, zuweilen auch durch den geringsten Genuss animalischer
Kost. Opiate linderten nicht, sondern nur starkes Purgiren und ein-
fache dfinne Nahrung. Binnen drei Wochen war der Kranke abge-
zehrt, hinfallig, unddiedigestivenFunctionen, die schon zuvor gelitten
hatten, liessen sich jetzt schwer regeln. Der verwundete Daumen, der
stets empfindlich war, wurde lifters anfallsweise von marterndcn
Schmerzen befallen, welche uber die ganze Hand, den Arm, den Hals
und den Rficken entlang sich ausbreiteten. Die Durchschneidung des
Nerven oberhalb der verletzten Stelle wurde jetzt vorgcnommen.
Augenblicklich verschwanden alle Zufalle ; die Empfmdlichkeit gegen
iiussern Druck horte auf, so dass die rauhste Berfihrung unschmerz-
haft war. Allein nach einigcn Wochen ffihlte der Kranke, so oft cr
etwas Unverdauliches gegessen hatte, so oft Purgirmittel nicht recht
wirkten, oder Gemiithsalfecte stattgefunden hatten, den Schmerz in
der Hand und im Arme, zuweilen in sehr betrachtlichcm Grade. Nach
dieser Zeit kelirle die Gcsundheit zurfick, so dass dcr Kranke 20
Monate nach der Operation wieder die anslrengendstc Lebcnsweisc
22
NEURALGIEEN.
fuhren konnte. Die Daumenspitze ist taub geblieben und gegen au-
ssern Druck unempfindlich, wenn jcdoch die Verdauung in Unord-
nung ist, fiihlt der junge Mann einen Schmerz in dem verwundeten
Daumen.“ —
S c li o 1 i o n. In diesem Falle geben sich zuerst die Symptomc der
Neuralgie yon Yerletzung eines Nerven kund, in so fern sic den Theil
sclbst betreflen, worin sich dieser Nerv verbreitet: Schmerzhaftigkeit
in der Balm der n. cutanei pollicis dor sales vom Iiautaste des radialis,
und Vermehrung dieses Schmerzes durch iiussere leichte Beriihrung.
Zunachst stellen sich die Erscheinungen der Mitempfindung heraus :
der Kranke klagt iiber Schmerz niclit bloss in den angeschnittnen
n. cutan. dorsal, des Daumens, welche vom vordern Aste des ram.
superfic. dors, des n. radialis stammen, sondern aucb im Zeigefinger
und an der Radialseite des Mittelfingers, welche beide ihre Nerven
vom bintern Aste des ram. superfic. erhalten, ja nicht bloss iiber
Schmerzen im Laufe dieser Nerven, aucb in der Hand, im Arme, am
Halse. Dass diese Mitempfindungen nicht in der peripheriscben Ner-
venbahn zu Standekommen, wo ohnebin keine Anastomosen vorhan-
den sind, welche die Leitung von einer Faser auf die andre iibertragen
konnen, sielit man an dem Einflusse gelegentliclier Anlasse auf Erregung
der Anfalle und auf Steigerung des Schmerzes, ein Einlluss, der sich
selbst nach Trennung des Zusammenhangs des verwundeten Nerven-
stiickes mit dem Gehirne geltend machte, denn so oft der Kranke,
nach der Durchschneidung des Nerven, auf irgend eine Weise alficirt
wurde, klagte er iiber Schmerzen in der Hand, im Arme etc. Auch
das Gesetz der excentrischen Erscheinung ist in dieser Beobaclitung
recbt anschaulich. Der Daumen, obgleich unempfindlich, weil er sei-
ner Gefiihlsnerven verlustig ist, wird, wenn die Verdauung gestdrt
ist, schmerzhaft. Hicr wirkt der Einlluss auf das Centralorgan ein,
und beriihrt zunachst die Central faserung der cutan. pollic.; die da-
durcb zu Slande kommende Empfindung wird, nach der excenlri-
scbcn Norm, auf das pcripherischc Ende bezogen, welches = 0 ist,
weil sein Zusammenbang mit der Totalitat der Faser aufgehoben ist.
NEURALGIEEN.
23
Endlich inaclit sicli in diesem Falle auch die Entwickelung eines All-
gemeinleidens in Folge der ortlichen Irritation eines sensibeln Ner-
ven bemcrkbar.
Eine ahnliche Beobaclitung theilt Abernethy (Surgical observa-
tions on injuries of the head and on miscellaneous subjects. 4 edit.
London 1825. p. 209,) mit, und eine durcli Intensitat der Zufalle
ausgezeichnete Swan (a treatise on diseases and injuries of the
nerves, new edit. London 1834. p. 129.J.
„Miss W., 23 Jalire alt, schnitt sich am 20. Dezember 1822,
beim Aufschneiden einer Apfelsine, in die Ulnarseite des Mittelfingers
der linken Hand, in der Mitte dcr zweiten Phalanx. Gleich daraulklagte
sie uber heftigen Schmerz, der sicli uber Hand und Arm, und nach
einigen Tagen bis zur Mitte der linken Brust und in’s Gesicht verbrei-
tete. Am 26. Dez. war die Wunde fast verheilt, die Beriihrung je-
doch sehr empfindiich, und Schmerz stellte sich ein, sobald man jen-
seit der Wunde oder an der Spitze des Fingers driickte. Die ent-
gegengesetzte Seite des Fingers war unempfindlich und taub. Die
Bewegung des Armes war sehr schmerzhaft, auch OelTnen oder Strek-
ken des Fingers, besonders bei Pronation der Hand. Versuchte die
Kranke zu lesen, so bekam sie Schmerz im n. supraorbital, der linken
Seite (Breiumschl., extr. bellad. ausserlich, Opiate und anlispasmod.
innerlich). Am 1 1. Januar wurde wegen Fortdauer der Schmerzen
und Yerfalls der Gesundheit die Durchschneidung des Nerven vorge-
nommen. Sofort liess sich die Narbe ohne Schmerz driicken, und die
entsprechende Seite des Fingers hatte das Gefiihl verloren. Am 12.
kla gte sie iiber einigen Schmerz imArm und am Halse, und iiber sehr
lebhaften im Gelenke zwischcn der 1. und 2. Phalanx, doch woren
diese Empfindungen ganz verschieden von dcnen vor der Operation.
Am 1 6. Schmerzen am liaise und an der hintern Flaclie des Obrs,
ouch an der innern Seite des Arms. Am 20. Anfiille von Schmerz
im Gesiclitc, wie im lie douloureux (Ferr. curb.). Am 25. Januar
Schmerz im Arm, Seldiisselbcin undSchulter bis unter dem Ellbogep.
2. Februar Schmerzen im rcchlcn hypochondr. Die Kranke Iiatle
u
NEURALGIEEN.
bereits vor dor Vcrwundung an entzundlicher Lebcraffcc lion gehttcn
(Blntcgel, Calomel etc.). 1 0. Febr. Sie klagte nur selten uber Ge- j
sichtsschmerzen und konnte ihren Ann nach jcdcr Richlung bewcgen,
wenn die Hand geschlossen war, allein bckam Sclimerzen, sobald Fin-
ger und Hand zugleich exlendirt wurden. — 21. Febr. Heftige
Sclimerzen im Arm, am Halse und imGesichle. In der Narbe ist cine
kleine selir empfindliche Geschwulst befindlich. .5. Miirz. Wiederholte
Blutungen aus dem linken Nasenloche und viele Schmerzen in der
Hand, besonders im Finger. Da die Kranke immer melir herunler
kam, ihre Hand nicht gebrauchen konnte und die Sensibilitat des
Fingers gestort blieb, so entschloss man sicb zur Amputation im Me-
tacarpalgelenke. Bei Untersucbung des Fingers fand man in der
urspriinglichen Wunde eine kleine Faser des nerv. digital, durch-
sebnitten, deren untres peripherisches Ende mit der Narbe verschmol-
zen war, und deren obrer Stumpf in einen kleinen Bulbus auslief.
An der Stelle, wo der Nerv bei der ersten Operation durcbschnittcn
war, fanden sich beide Endstiicke des durebsebnittnen Nerven mit der
Narbe verwachsen, dcsgleicben die Endstiicke des Dorsalzweiges, der
ebenfalls durebsebnitten worden war. 8. Miirz. Einige Scbmerzen im
Gesicht und am Halse, und auch im Finger fiihlt die Kranke oft den-
selben Schmerz wie vor der Amputation. IT. Miirz. Beim Ausstrek-
ken des Armes und der Hand hat die Kranke Scbmerzen wie zuvor.
21. Miirz. Das Allgemeinbefinden bessert sicb, allein die Scbmerzen
dauern in der Hand, im Arm, hintcr dem Ohr und im Gesiehte fort.
Jm luli 1823 klagte sie zuerst iiber Schmerzen im Riicken, wozu sicb
spaterbin Kribbeln in den Armen und Schwierigkeit sicb aufreebt zu
ballen gcsellte. Die Percussion der Wirbel war empfindlich, beson-
ders der untern Brustwirbel. 2. April 1824. Brustkrampfe, Mangel
an Appetit, Scbmerzen im Riicken, zumal beim Aufheben der Hand,
heftiger Schmerz im linken Knic, wclcber drei Tage anbielt, Schmer-
zen beim Diuck an der Suite der Dornfortsatze, besonders beim An-
schhigcn mit dem Schliissel, Dysurie. Nacblass beim Gebraucbe eines
V esicatorium im Riicken. In Folge eines slacken GemiithsafTccts kebrte
NEURALGIEEN.
25
cin Anfall des tic douloureux zuriick. Den Sommer iiber war ihr
Zustand abwechselnd, zuweilen heftige Schmerzen im Riicken und in
dor Brust, gestdrte Verdauung, Erstarrung und Anasthiisie in der lin-
kcn Hufte und Schuller, dabei das Gefiihl, als konnte der Hals den
Kopf nicht tragen. Ueber die Hand klagfce sie nicht. Im November
slellten sich nacli einem Stosse an den Amputations-Stumpf wieder
Schmerzen in der Hand, besonders im abgesetzten Finger, ein, welche
jedocli bald nachliessen. Zu Anfang des Jahres 182G meldeten sich
Anfalle von Schwindel, wobei sie umfiel, allein nicht ganz das Be-
wusstsein verlor. Durch Aufenthalt an der Seekuste wiihrend des
Sommers besserte sich ihr Zustand im Allgemeinen : allein der linke
Arm und Fuss blieben schwacher als der rechte. Der Yf. verliess die
Stadt, wo sich die Kranke aufhielt, im Marz 1829. Spater litt sie
wieder an Schmerzen in der Hand und im amputirten Finger, wozu
sich noch andere Leiden gesellten. Auch der tic douloureux kehrte
zuriick. Sie litt oft an Niesen, Strangurie und an schmerzhaften Em-
pfindungen unter den Nageln der Finger und Zehen. Bei alien Bc-
schwerden war die linke Seite am meisten betheiligt. Noch im Jahre
1833 befand sich die Kranke in demselben Zustaude.“ —
Eine der haufigsten Yeranlassungen zu Neuralgieen in Folge ver-
letzter Nerven giebt das Aderlass, besonders mittelst des Schneppers,
und wo der Arm nicht geschont wird.
Selten sind die Falle von fremden Korpern, die in der Bahn eincs
Nerven haftcn, und die sensibeln Fasern reitzen. Einen solchen hat
Denmark beobachtet und beschrieben. (An example of symptoms
resembling tic douloureux produced by a wound in the radial nerve
in Med. chirurg. transact, vol. IV. p. 48 J
„ Einem jungen Marine drang bei dem Sturme von Badajoz cine
Musketenkugel in den triceps extensor cubiti, 1 ]f2 Zoll iiber dem
iinnern condylus des os humeri, streifte die innere Flaclic dieses Ivno-
1 chens, ging schief ab warts durch den brachialis internus und drang
nalie an der Armbcuge nach aussen. Die Wunde heiltc bald zu,
ohne dass sich besondre Zufalle einfanden. Nach seiner Aufnahme
2G
NETJRALGIEEN.
iu das Hospital fand ihn D. von peinigenden Schmorzen befallen,
welche die starksten Opiate nicht zu lindern vermochten. Bestandig
liielt er den Yorderarm gebogen, in der Supination, wobei er ihn mit
der andern Hand festhielt. Das Handgelenk war gebogen und konnte
spontan nicht aus dicser Stellung gebracht werden. Er duldete es
wold, dass ein andrer die Hand extendirtc, allein es geschah mit
Zunahme der Schmerzen. Sobald die Extension nachliess, nahm die
Hand wieder die vorige Lage an. Auch die Pronation liess sich, je-
doch nur unter Schmerzen, bewerkstelligen. Eine kleine Geschwulst
war in der Gegend derWunde am vordern Tlieil des Armes bemerk-
bar, deren Beriihrung den Schmerz steigerte. Der Kranke schil-
derte die Empfindung des Schmerzes : sie nehme von der Spitze des
Daumens und sammtlicher Finger, mit Ausnahme des kleinen, ihren
Anfang und breite sich am Arme bis zur Wunde aus: es sei ein
brennendes und so peinigendes Gefiihl, dass ihm immer der Schweiss
auf der Stirn stehe. Schlaf fehle fast ganz, und der wenige sei von
Traumen und Auffahren unterbrochen. Die Diagnose war klar. Der
Sitz der Wunde, der Charakter und Lauf des Schmerzes von den Fin-
gerspitzen aus, mit Ausnahme des kleinen Fingers, deuteten auf den
n. radialis, desgleichen die Zunahme des Schmerzes im Act der Pro-
nation vom Drucke des pronator teres auf den Nerven in seinem
Durcligange durch diesen Muskel. Die Amputation, worauf der Kranke
selbst dringend bestand, wurde vorgenommen, da die Excision eines
Stuckes aus dem Nerven zu wenig Sicherheit darbot, und der Arm
selbst wegen der Contractin' des Ellenbogengelenks unbrauchbar
war. Augenblicklich trat Erleichterung ein und der Kranke wurde
nacli drei Wochen vollig hergestellt entlassen. Bci Untersuchung des
Arms land Denmark den n. radialis in der Wunde, 1 Zoll lang,
mit den andern Iheilcn verschmolzen. Der Nerv selbst war verwun-
det und an dicser Stelle doppelt so dick und contrahirt. Bei Trennung
der Pasern land sich daselbst am hinlern Tlieil des Nerven ein klei-
nes St lick einer Flintenkugel, welches dort wic eingesprengt und beim
Streifen an den Knochen abgesprungen war.“
NEURALGIEEN
27
Aehnlich frcmden in sensibeln Nerven haftenden Korpcrn wirken
Geschwiilste, die sich interstitiar entwickeln, die sogenannten Tuber-
cula dolorosa.- Es sind meistens Balg- oder Faserknorpel-Geschwulste,
.seltner tuberculose Massen, von rundlicher Form und geringer Grosse,
eines Hirsekorns, einer Erbse oder hochstens einer Bobne, welche
im Zellgewebe zwischen den Biindeln der Nervenfasern, besonders
der Hautnerven, am haufigsten in den Extremitaten, ihren Sitz haben.
(Gewohnlich ist nur eins vorbanden, selten mehrere zugleich. IhrVo-
lumen ist stationar: mogen sie auch eine lange Beihe von Jahren
bestehen, sie nehmen nicht an Umfang zu. Bei oberflachlicher Lage
heben sie die Haut etwas in die Ilohe, deren Farbe und Textur un-
verandert ist: sonst sind sie bloss bei Application des Fingers auf die
Stelle, welche der Kranke andeutet, fiihlbar und beweglich.
Das pathognomonische Symptom ist heftiger Schmerz in Anfallen,
ierregt durch aussere Anlasse, zumal Druck und Stoss, oder durch Ge-
miithsaffecte, atmospharische Veranderungen und durch unbekaimte
Momente. Der Schmerz iiussert sich am heftigsten im Tuberkel selbst,
und schiesst wie ein electrischer Scldag in die peripherischen Aus-
breitungen, seltner in centripetaler Richtung, zuweilen begleitet von
Mitempfindungen in andern Hautnerven. Wiihrend des Anfalls ist
i die Empfindlichkeit der Haut dergestalt gesteigert, dass die ober-
flachlichste und leiseste Beruhrung den Schmerz vermehrt, was ausser
dem Paroxysmus nicht der Fall ist. Die Dauer der Anfalle ist von 10
Minuten bis iiber ein Paar Stunden. Ihre Frequenz und Intensitat
scheint im Verhallniss zur Dauer der Krankheit zuzunehmen : manche
Kranke haben tage- und wochenlange Intervallen, andere hingegen
mehrere Anfalle in 24 Stunden. Bei einigen kommt der Schmerz in
der Nacht mit schreckhaftem Auflfahren.
Die ursacblichen Yerhaltnisse sind fast unbekannt. Zuweilen hat
'ein Schlag oder Stich Anlass gegeben. Disposition zur Entstehung
dieser Geschwiilste hat unlaugbar das weibliche Geschlecht. Unter
1 8 Fallen hat sie Wood 14mal bei Frauenzimmern beobachtet, und
unter 13 andern in Descot’s Werke mitgetheilten Beobachtungen
28
NEURALGIEEN.
kommcn 1 0 auf das weibliche und 3 auf das mannliche Geschlecht.
Zvvei mir vorgekommene Falle betrafen ebenfalls Frauenzimmer. (Vgl.
Wood on painful subcutaneous tubercle in Edinb. med. and surgic.
Journ. vol FZET.jp.283 und 429 und Descot dissert, sur les af-
fections locales des nerfs. Paris 1825. p. 208.)
Fine andre Art von Geschwiilsten in den peripherisclien Nerven-
bahnen, das Neuroma, besteht aus fungoser oder scirrhoser Substanz,
in deren Innerem niclit selten Ilohlen und Cysten, mit verschieden-
artiger Fliissigkeit gefiillt, sich voffinden. Gewohnlich breiten sicli
Neryenfasern facherformig uber die Oberflache dieser Geschwiilste
aus. (Vgl. die microscopisclie Untersuchung einer solchen Geschvvulst
im Abschnitte liber Anacslhaesia culcmea .) Sie konnen eine bedeu-
tcnde Grosse, die eines Eies und driiber erreichen und sind meistens
verschiebbar, dagegen sie sich in der Lange niclit bewegen lassen,
ohne viel Schmerz zu erregen. Die Hautdecken haben ein normales
Ansehen. Mehrentheils findet ein schnelles Wachstlium statt, und
wahrend des Yerlaufs zeigt sicli Ab- und Zunabme des Yoluraens.
Die Ursachen sind fast immer unbekannt geblieben : vor dem Alter
derPubertat hat man diese Geschwtilste niclit beobachtet, und alsdann,
wic es scheint, haufiger beim mannlichen als weiblicben Geschlecht.
Die Symptome unterscheiden sicli nicht von denen der tubercula
dolorosa.
Den Schmerzen durch Verletzung und fremde Korper, die in den
Hautnerven iliren Sitz haben, reilien sich diejenigen an, welche von
Neuritis und deren Folgezustanden entstehen.
Die Fntziindung kommt in den peripherisclien Nervenbahnen selt-
ner vor als in den Centralapparaten, vorzugsweise in den Stammen
und Aestcn, und nimmt entweder das Neurilemm und das zwischen
den Biindeln gelegnc Zellgewebe ein oder die Nervensubstanz selbst.
Im erstern Falle ist ein gcdrangtes Gefassnetz auf dem Neurilemm
sichtbar, das interstitiarc Zellgewebe ist ebenfalls injicirt und mit einer
rothlichen serosen Fliissigkeit getrankt: auf dem Durchschnitte hat
das Nervenmark cm normales Anselm. \Yo in dicscm der Sitz der
INEURALGIEEN.
29
i Entzundung ist, zeigt sich cine homogene dunkelrothe Farbe des Ner-
vengefuges und veranderte Consistenz, cntweder Erweichung, so dass
•sich der Nerv ohne Muh durchreissen lasst, oder Yerhartung. In bei-
den Fallen ist gewohnlich Zunahme des Volumens, bis auf das Dop-
pelte und Dreifache, bemerkbar.
Die Symptome sind : ausserst heftige und marternde Schmerzen an
alien Stellen, wo der entziindete Nerv verlauft und sich ausbreitet,
rnit geringen Nachlassen und haufigen Exacerbationen, sowohl spon-
ttanen als auch durch aussre Beruhrung, besonders Druck und Bcwe-
:gung. An oberflachlich gelegnen Nerven lasst sich Geschwulst und
Ilarte deutlich fiihl^n. Die Temperatur des Theils ist erhoht. Bei
fortschreitendcr Entziindung des Nervengewebes macht die Neuralgie
' einer Anasthasie Platz.
Die haufigsten Yeranlassungen sind aussre Verletzung, Entzundung
’und Entartung nahgelegner Tlieile: so erzahlt Ollivier ftraile de la
moelle epin. et de ses maladies T. I. p. 360) einen Fall, wo durch de-
cubitus eine Entzundung der letzten Lumbar- und der Sacralnerven
tentstandcn war: Eindruck starker Kiilte.
Die Gefahr ist erheblich, zumal zuruckbleibender Anasthasie und
iLahmung, bei Mitaffection der motorischen Nervenfasern. (Vgl. Mar-
tinet sur V inflammation des nerfs in Revue medicale Juin 1 824. p.
329 — 354.)
Haufiger als im Stadium der Entzundung zeigt sich Neuritis in
ihren Folgezustanden, Verdickung und Yerhartung durch albumind-
> ses Exsudat. So kommt sic in den Stumpfen abgesetzter Glieder vor,
und ist die Quelle marternder Schmerzen, die sich im Stumpfe selbst
kundthun, nicht, wie sonst wohl die Erschcinungen bei Amputirten
schliessen lassen wurden, in den nicht mehr vorhandnen Enden der
abgesetzten Glieder. Die Schmerzen sind gewohnlich anhaltend und
• exacerbiren bei Wetterveranderung. Mitempfindungen machen sich
Lgeltcnd und spastische Zufalle sind zuweilen Begleiter. In solchen
IFiillen sind die Enden der Nerven verdickt, angcschwollcn, verhiirtet,
bulbos und adhariren fest an der Oberflache des Slumples, zuweilen
30
NEURAL GIEEN.
am Knochen selbst. (Vgl. Lang staff practical observations on the
healthy and morbid conditions of stumps in den Medic, chirurg. transact,
vol. XVI. P. I. p. 1 28 u. L arrey Clinique chirurgicale T. III. p. 4 93.)
Audi in der Nahe grosser, tiefer, fungoser Geschwiire, besonders
an den untern Extremitaten, sind die Nerven gewohnlich bypertro-
pliisch, 2 — 3mal so dick wie im normalen Zustande, verhartet oder
erweicht, stellenweise mit den angranzenden Gebilden verwachsen, zu-
weilen exulcerirt. Das Letztere findet sich auch in derNachbarschaft von
Aneurysmen. Die begleitenden Schmerzen sind ausserordentlich hef-
tig, exacerbiren oft zur Nachtzeit und aussern sich nacb der excentri-
schen Norm. (Vgl. Swan, a treatise on diseases and injuries of the
nerves. London 1 834. p. 68 — 85.)
Scholion. Die Entziindung ist das vermittelnde Glied, wenn die
Symptome einige Zeit nach der aussern Verletzung auftreten, und sie
ist es auch, welche gewissen Einfliissen, die sonst gar keine oder eine
entgegengesetzte Wirkung haben wurden, die neuralgische Ricbtung
ertheilt, z. B. dem Drucke und der Streckung sensibler Nervenfasern.
Ein sensibler Nerv vertriigt im gesunden Zustande die Dehnung sei-
ner Fasern ohne merkbare Storung. Icb habe an Pferden den Infra-
und Supraorbitalnerven auf dem Griffe eines Scalpells wie die Saite
auf dem Stege aufgeboben und gedehnt, ohne dass das Thier die ge-
ringste Empfindung kundgab: sobald aber durch mecbanische oder
chemische Reitzung eine Entziindung des Nerven hervorgebracht
worden, erregte schon eine leise Beruhrung heftigen Schmerz. Com-
pression eines gesunden sensibeln Nerven durch Geschvvulst nahlie-
gender Theile unterbricht die Leitung und veranlasst Aniisthasie.
Geriith aber derselbe Nerv in einen entz'undeten oder ulcerirenden
Zustand, so entstehen durch den Druck betrachtliche Schmerzen, w ie
es zuweilen bei ancurysmatischen Geschvviilsten der Fall ist, wovon
Morgagni (de sed, et cans, rnorbor. cpist. L. art. 55j ein crlautern-
des Beispiel angefiihrt hat.
Techni sch e Behan dlu ng. Bei primarer Neuritis ist ein con-
sequentes antiplilogistischcs Verfahren erforderlich, zumal die An-
NEURAL GIEEN.
31
wendung ortlicher blutentleerender Mittel, der Schropfkopfe undBlut-
egel in gehoriger Zalil und Wiederholung, darauf Fomentationen,
Cataplasmata , Einreibungen des ung. hydrarg. ciner. mil starkem
Zusatze von Opium. Gegen zuruckbleibende neuralgische Beschwer-
den eignen sich Hautreitze, Vesicatoria in Yerbindung mit enderma-
tischem Gebraucbe des Morphium, Inunctionen mit Veratrinsalbe.
Bei Verwundungen der Hautnerven sei die Behandlung, trotz der
zuweilen scheinbaren Geringfugigkeit der Wunde, ernst und sorgfal-
tig vom ersten Augenblicke an. Entfernung fremder Korper, Befor-
derung der prima intentio, und grosstmogliche Ruhe des verwunde-
len Theils sind nothwendig. Demniichst muss man durch Blutegel
und kalte Umschlage das Umsichgreifen des entziindlicben Prozesses
beschranken, und gastrischen Storungen, die sich leicht hinzugesel-
len, durch wiederholte Abfiihrungen entgegnen. Jedoch kann die In-
tensify der Zufalle auch einen solchen Grad erreichen, dass dieses
Yerfahren nicht geniigt und die Durchsclmeidung des Nerven vorge-
nommen werden muss. So erzahlt Swan (/. c. p. 1 17.) den Fall
eines von heftigen Zuckungen und bald darauf von Sopor befallenen
Madchens, das, ein Paar Tage zuvor am Arm zuAder gelassen, uber
grossen Schmerz im Arme, welcher sich nach der Schulter hinzog,
geklagt hatte. Die Aderlasswunde in der mediana war noch nicht ver-
narbt und etwas eutzundet; ihre Untersuchung erregte sofort einen
convulsivischen Anfall, der durch Anlegen eines Tourniquets oberhalb
der verletzten Stelle wieder nachliess. Die Convulsionen wiederholten
sich bald darauf. Es wurde die Verletzung eines Hautnerven mit Ge-
wissheit vorausgesetzt, und eine Incision oberhalb der Wunde von 1
Zoll Lange und einiger Tiefe gemacht, und bald darauf, da die Sym-
ptome fortbestandcn, noch eine tiefere und langere Incision ober-
halb der ersten, mit solchem Erfolge, dass die Kranke sogleich zu
sich kam und Schmerzen und Krampfe aufhorten. — Allein nicht
immcr wird die Hulfe bei frischer That nachgesucht, sondern langre
Zeit nachher, nachdem die Wunde bcrcits vernarbt ist und der Kranke
Monale und Jahre durch heftige Neuralgic heruntergekommen ist.
32
NEURALGIEEN.
Iiier prufe man zuvorderst die Narbe, vvenn nocli eine vorhanden ist,
und versuche narcotische Einreibungen, (extr. Belladonn. 3j oder pule.
Opii 9j zu Axung. ) und rubefacienlia, unlcr denen Pearson fol-
gender Mischung den Yorzug giebt : Bj Olei Olivae 3 jj{3 ol. terebinth.
§j(3 acid, sulphuric. 3j M., deren Gebrauch bis zum Erscbeinen eines
Erythems fortgesetzt wird (Med. chirurg. transact, vol. VIII. p. 200 ).
Der Erfolg solcher Mittel ist jedoch in der Regel nicht erheblich und
ein chirurgisches Yerfahren wird nothwendig. Man hat die Wahl
zwischen Excision eines Stiickes aus demNerven oberhalb der ver-
letzten Stelle, und A m p u ta t i 0 n. Sicherer ist die letztere und bei klei—
nen Gliedern, Fingern, Zehen, vorzuziehen; (War dr op account of
a case, where a severe nervous affection came on after a punctured
wound of the finger and in which amputation was successfully per-
formed, Med. chir. transact, vol. VIII p. 249, vol. XII. P. I p. 2 i {))
dagegen in grossern Gliedmassen die Excision zu versuchen ist, wenn
nicht dringende Umstande, z. B. ein hoher Grad von Allgemeinleiden,
die Amputation vorziehen lassen. So ist auch Excision des Nerven-
endes oder eine neue Amputation bei neuralgischen Stumpfen erfor-
derlich, obgleich in manchen Fallen, wo die Eutartung des Nerven
hoher herauf sich erstreckte, beide von keinem Nutzen waren (M ago
outlines of human pathology. London 1830 p. 82 u. p. 1 40y). L an g-
staff (l. c. p. 144J empfiehlt als prophylactisches Yerfahren bei
Amputationen das Hervorziehen der einzelnen Nerven mitlelst eines
Hakens, 1f2 Zoll aus der Qberflache des Stumpfes und darauf die
Durchsclmeidung, wodurch der Vernarbungsprozess der Hautdecken
um so sichrer und ungestdrter vor sich gelien soil.
Bei Nervengeschwiilsten ist, zumal bei oberflachlicher Lage dersel-
ben, die Exstirpation unumganglich.
Bei zuriickbleibendcm Allgemeinleiden und starker Intensitiit der
Mitempfindungen ist der Gcbrauch von Eisenmitteln, Sool- und See-
badern zu empfehlen, so wie auch stete Riicksicht auf etwanige Bc-
theiligung des Riickenmarks.
33
Neuralgia N. Quinti.
Dolor faciei Fothergill., Prosopalgia, Tic douloureux, Gesichtsschmerz.
ExperimentelleErgebnisse. — Reitzung der sensibeln Aeste,
Zweige, Fasern des Quintus und seines Ganglion erregt beim lebenden
Thiere heftigen Schmerz, in einem fast hoheren Grade als die Reitzung
andrer sensibler Hautnerven. Die Durchschneidung des Quintus in der
Schadelhdhle, wie sie M a g e n d i e (Legons sur les fonctions et les mala-
dies du systeme nerveux. T. II. p. 21) und Valentin (de functionibus
nervorum cerebralium et nervi sympathici Libri IV. p. 22, § 50.J
vorgenommen haben, wird von einem durchdringenden Schmerzens-
schrei begleitet.
Wo der Quintus sicli verbreitet oder anreihet, spendet er Sensi-
bilitat, auch den motorischen Nerven. Durch ihn wird der N. facialis
empfindlich. Es haben die Versuche der neuesten Zeit ausser alien
Zweifel gestellt, dass die Sensibilitiit des Antlitznerven keine urspriing-
liche, sondern nur eine erborgte ist; denn angebrachte Reitze auf
den facialis innerhalb der Schadelhohle, vor seinem Eintritte in das
foram. audit, veranlassen bloss Zuckungen, keinen Ausdruck des
Schmerzes. ( Valentin l. c. p. 32, §. 70.) Wird sein Stamm, nach-
dem er aus dem foram. stylomast. hervorgedr ungen, durchschnitten,
so zeigen nichts desto weniger seine Gesichtszweige Spuren von Sensi-
bilitat, weil die Integritat der Quintusverbindungen erhalten ist. (Ma-
gendie l. c. p. 198.J Nach Durchschneidung des Quintus, entweder
einzelner angereiheter Biindel, oder des Stammes im Schadel, ist der
facialis aller Sensibilitat verlustig, im ersteren Falle in einzelnen
Zweigen, im zweiten Falle in seinem ganzen Gebiete.
Die chirurgische Erfahrung giebt so haufige Beweise fur das
sensible Attribut des Quintus, dass es fast uberll'ussig sein durfte einen
oder den andern Beleg anzufuhren. Ich war im Jahre 1837 bei der
Operation einer steatomatbsen Geschwulst des Oberkiefers zugegen,
welche mein verehrter FreundDiel fen bach mit anerkannter Meister-
schaft ausfiihrte. Die Kranke hielt sich beroisch bis zu dem Augen-
Homberg’s Ncrvenkrankh. I.
3
34
NEURALGIC DES QUINTUS.
blicke, wo beim Durchsiigen des Knochens der N.infraorbilaUs durch-
rissen wurde: da schrie sie mid sprang vor Schmerz vom Stuhle aul.
Bild dor Krunk licit. — Anfallswcise, gewohnlich olino Vor-
boten, zuweilen mit denen einer spannenden, juckendcii oder
kribbelnden Empfindung, bricht der Schmerz an einer Stelle des
Gesichts oder seiner Hohlen, halbseitig hervor, mit solcher Ve-
hemenz des Stechens, Reissens, Zermalmens, dass er den mar-
terndsten Foltern sich anschliesst Nur selten bleibt er auf einen
Punkt fixirt, meistens zuckt er blitzessclmell, vorwarts, riickwarts,
uber nahe oder entferntere Stellen, denselben Lauf in den Anfal-
len beibehaltend, selten ihn veriindernd. Nach einer Dauer von
einer halben bis ganzen Minute liort er jahe auf, um bald darauf zu-
riickzukebren. A us solchen kleineren Ausbriichen ist der Paroxysmus
zusammengesetzt, welclier nach kurzeren oder Iangeren Intervallen
den Kranken von neuem befallt. Je ofter dies geschieht, je langer die
Krankheit andauert, desto empfindlicher wird der betrofFne Theil
des Gesichts gegen leichte, unvermuthete, oberflachliche Beruhrung,
die augenblicklich einen heftigen Anfall des Schmerzes zu erregen
pflegt. Gelindes Retupfen, Anstreifen der Stelle, das Ueberfahren
des Messers beim Rasiren, reichen dazu hin, vvahrend ein angebrach-
ter starker Druck es nicht vermag, ja sogar Erleichterung gewahrt.
So wird auch der Schmerz bei leichten Bewegungen( der Gesichts-
muskeln, beim Sprechen, Kauen etc. rege. Wiihrend des Schmerzes
agiren, zucken die Muskeln einer, zuweilen beider Gesichtshalftcn,
oder verharren in einer unbeweglichen Stellung. Die Farbe des Ge-
sichts ist zuweilen veriindert: es ziehen sich rothe Streifen an ein-
zelnen Stellen hin. Die Arterien pulsiren: die Yenen schwellen. Die
Temperatur des schmerzhaften Theils ist erhoht, bei kaltcn Ilanden
und Fiissen. Bisweilen zittert der ganze Korper und die Empfindlich-
keit ist allgemein gesteigert.
Je nach dem Sitze dcr Neuralgic in den verschicdenen Quintus-
bahnen nimmt der Schmerz einen besondern Zug. Am haufigsten
wird die Region des zweiten Astes, des maxill. super., heimgesucht.
NEURALGIE DES QUINTUS.
35
Am Nasenfliigel, in der Oberlippe, in der obern Zahnreihe blitzt der
Schmerz auf oder dringt in den Gaumen, in die Nasenhohle. Zunachst
der Frequenz nach ist der ramus ophthalm besonders der frontalis
afficirt. Der Schmerz schiesst aufwarts nach der Stirn, oder in die
Augenbrauen, zuweilen aucli nach dem einen Augenwinkel, in die
Thranencarunkel oder tobt im Innern des Auges. Thranenerguss ist
hier der gewbhnliche Begleiter oder Nachfolger. Seltner schlagt die
Nenralgie ihren Sitz in der Bahn des dritten Astes auf, und verbreitet
den Schmerz in den untern Zahnreihen, am Kinne, in der Unterlippe,
am Rande und in der Spitze der Zunge, womit Speichelfluss verbun-
den zu sein pflegt. — Entweder ist nur das Gebiet eines Astes be-
fallen, oder mehrere zugleich, oder sie wechseln mit einander ab.
Bei langerer Dauer derKrankheit frnden sich noch einigeErschei-
nungen ein. Die Gesichtsziige der leidenden Seite bekommen ein
erschlafftes, hangendes und die Haut, zumal der Backe, ein fettes,
schmutziges Ansehem Thranen oder Speichelfluss werden permanent.
Sc hoi ion. — Ausser der sensibeln Ouintusbahn ist aucli der n.
, facialis von einigen Autoren als Sitz der Neuralgie angenommen
worden, und es ist nicht zu leugnen, dass zuweilen der Schmerz in der
1 Bahn dieses Nerven strahlt. Physiologisch suchte man dies dadurch
zu deuten, dass der facialis nicht reiner Bewegungsnerv, sondern ur-
sprunglich aus motorischen und sensibeln Fasern zusammengesetzt,
und dass di e porlio intermedia Wrisberg. als sensibles Element dieser
Nervenbahn zu betrachten sei. (Gadechens in seiner ausgezeich-
1 neten Dissert. : Nervi facialis physiologia et pathologia. Heidelberg.
1832, p. 18. Arnold Untersuchungen im Gebiete der Anatomie
und Physiologic, lr B. Zurich 1838, S. 210.) Allein durch die oben
angefuhrten Vcrsuche ist diese Annahme widerlegt und aucli pa-
1 thologische Beobachtungen zeugen oflenbar dagegen : denn in der
ILahmung des facialis durch gerissne Narben in der Nahe des foramen
>s tylomasl., durch eine Geschwulst, die den Stamm des Nerven com-
iprimirt, wird, wie ich mich vielfach und gcnau iiberzcugt habc, die
Sensibilitjit der enlsprechcndcn Tlieile auf koine Weisc beeinlrachligl.
3*
3G
NEURALGIE DES QUINTUS.
Auch hat Ma gen die bei Behandlung der Paralysis n. facial, mit-
telst Galvanismus nicht bloss Schmerzen beim Einstechen der Platina-
nadeln in die limit, sondcrn auch beim Einstechen in die Zweige des
Antlitznerven Schmerzen eigenthiimlicher Art beobachtet, welche
nach alien Punkten sich verbreiteten, wohin der gestochne Zweig
✓
seine F'asern abschickt. [Lemons etc. T. II. p. 200.)
Verlauf und Dauer. — Der Verlauf der Prosopalgie ist perio-
discli, mit statigem oder unstatem Typus. Im ersteren Falle, wobei
die Balm des supraorbitalis am haufigsten den Sitz abgiebt, ist es ge-
wohnlich der Quotidian-, seltner der Tertian-, niemals der Quartan-
Typus, und die Dauer der Krankheit ist kurz. Bei atypischem Yer-
laufe dehnt sie sich lang bin, auf Jahre, ein halbes Lebensalter und
druber, mit Pausen, zuweilen halbjahrigen und jahrigen.
Ausgang. — Nach Halford (essays and orations read and de-
livered at the Royal College of Physicians. London lx8 31, p. 37 — 51)
soil Apoplexie der gewohnliche Ausgang dieser Krankheit sein. Psy-
chische Affectionen, Gemuthsverstimmung, Hang zur Einsamkeit,
Lebensuberdruss bleiben selten aus. Eine meiner Kranken, eine
72jahrige Frau, seit 30 Jahren vom Gesichtsschmerze gefoltert, er-
triinkte sich nach mehreremal vereitelten Versuchen des Selbstmordes.
Bei andern sind Structurveriinderungen der Digestionsorgane als Fol-
gezustiinde beobachtet worden.
Leichenbefun d. — Bisher sind nur wenige und ungeniigende
Beobachtungen von einigen englischen Aerzten mitgetbeilt worden.
Der Archiater Halford beruft sich in seinem Aufsatze fiber tic dou-
loureux (l. c.) auf mehrere Falle, wo er ITypertrophicen und andere
krankhafte Vcranderungen der Schadel- und Gesichtsknochen ange-
trolfen hat, cinen halben Zoll starke Verdickungen dcs Stirn-, Sieb-
und Keilbeins, Exfoliationen der proc. alveol. der Ziihne, Exfoliation
eines Knochenstiicks aus der Highmors- Hohle, Exostose eines Zah-
nes. Spater haben ein Paar andre Beobac.hter diesen Behind bestatigt.
Im anatomischen Museum des Londner Guy-Hospital (fatal. Nr.
1074' wild der Schadel eines solchen Kranken aufbewahrt, auf des-
INEURALGIE DES QUINTUS.
37
sen innerer Flaclie eine ungemein starke Ablagerung von Knochen-
substanz sicli befmdet, Travers beschreibt (a further inquiry con-
cerning constitutional irritation and the 'pathology of the nervous
system, London 1835, p. 351J den Section sbefund des bekannten
Londner Arztes Pemberton, dessen Gesichtsschmerz in dem linken
n. infraorbitalis seinen Sitz gehabt hatte. Das Stirnbein war von un-
gewohnlicher Dicke, von 3/8 Zoll oberhalb der Stirnhohlen und mehr
als % Zoll nahe an seiner Yerbindung mit den Scheitelknochen.
In dem sichelformigen Fortsatze der harten Hirnhaut, nicht weit von
der crista galli befand sicli ein Rnochenconcrement. In der rechten
Hemisphare des grossen Gebirns war sowohl auf der Aussenflache als
in der Marksubstanz eine Ueberfullnng mit Blut sichtbar, wovon sicli
in der linken keine Spur zeigte. Audi tier rechte sinus lateralis war
in der Nahe seiner Einmundung in die Jugularvene mit Blut uber-
fullt. Die Hirnventrikel enthielten 7y>Drachmen seroser Flussigkeit.
Endlich hat Bright folgenden Fall mitgetheilt: (Reports of medical
cases, selected with a view of illustrating the symptoms and cure of
diseases by a reference to morbid anatomy. Vol. II. Part. II. London
1831, p. 506 Eine 46jahrige magre Frau, deren Ziige das lange
Leiden verriethen, klagte hauptsachlich iiber einen sehr heftigen
Schmerz in der linken Seite des Gesichts, welcher sie selten verliess
und von Zeit zu Zeit in heftigeren Anfallen tobte. Die Krankheit
wurde von alien fur den achten tic douloureux gehalten und wider-
stand sammtlichen Mitteln. Ein Paar Wochen vor dem Tode warden
nach einander drei Backenzahne auf der kranken Seite ausgezogen,
jedesmal mit einer geringen Erleichterung des Schmerzes und darauf
folgendem ubelriecliendem Ausflusse ausderWunde des Zahnlleisches
Ein Paar Tage vor dem Tode zeigte sicli ein iihnlicher Auslluss aus
dcr Nase. Nach Eroffnung des Schadels fand sicli eine grbssreQuan-
titat von Serum vor, sowohl auf der Aussenflache des Gehirns als in
den Holden. Das Gehirn war weicher als im gesunden Zustande und
die Marksubstanz blassroth gesprenkelt. Die harte Hirnhaut war un-
mittelbar unter dem vordern Theile des linken mittleren Lappens
38
NEURALGIE DES QUINTUS.
durch fungose Geschwiilstc betrachtlich in die Ilohe gehoben, welche
zusammen fast die Grosso cines Taubeneies batten. Fs beland sich
an dieser Stelle cine entsprechende Depression der Hirnsubstanz, die
ein wenig adharirte, und veriindert, jedoch nicht vollkommen erweicht
war.' Der Knochen unterhalb der Geschwulst war krankhaft veran-
dert und bot dem Einstiche keinen Widerstand dar. Die Geschwulst
schien yon den Sinus sphaenoiclales auszugehen. Die Schleirnhaut
sammtlicher Nasenhohlen der linken Seite war auf eine ahnliche
Weise afficirt, doch in schwacherem Grade. Ein weicher gestielter
Polyp, von der Grosse und Form einer Rosine, war zwischen den oss. lur-
bin. befestigt. Die Zweige der porlio dura (?) verhielten sich normal/4 —
Bei so geringem Aufschlusse der bisherigen Leichenoffn ungen iiber
Anlass und Sitz der Prosopalgie kam mir die Gelegenheit erwiinscht,
die Untersuchung bei einem Kranken dieser Art anstellen zu konnen,
weicher 2 G Jahre lang ein erbarmungswiirdiger Dulder desGesichts-
schmerzes war und den ich selbst vor 22 Jahren mit unserm ver-
ewigten Forme y iiber sechs Monate behandelt hatte. In den Ietzten
10 Jahren seines Lebens war mein verehrter Freund Barez sein
Arzt und Herr Doctor Philipp, dessen freundschaftlicher Giite ich die
folgende Krankengeschichte verdanke. Die Section wurde von der
Meisterhand des Professor Froriep gemacht, der auch die kunst-
und lehrreiche Zeichnung angefertigt hat, welche in Kupferstich mei-
nem academischen Programme (Prosopakjiae FolhercjiUi Specimen.
Peru l ini 1840.; beigefiigt ist.
„IIerr F , einer der gebildetsten und geachtetsten Kaufleute un-
sercr Stadt, stammt von gesunden und kraftigen Eltern. Seine Mutter
errcichtc das Alter von 04, sein Yater das von 84 Jahren; letzterer
litt stark am Podagra. Nach der Aussage eines nocli lebendcn altern
Bruders war der Gegensland dieser Beobachtung ein schbnes, muntres
Kind, das von einer gesundcfi Amme die erste Nahrung empfing.
Mehrere ernste Kinderkrankheiten wurden von dem Knaben gliick-
lich iiberstanden. Gestottert hat derselbe sehr friihzeitig: das Aus-
sprechen der Buchslaben L und N wurde ihm besonders schwer.
NEURALGIE i)ES QUINTUS.
39
Das Slottern bat bis zum Tode fortgedauert. Im 28. Jahre ging der
Patient eine eheliche Verbindung ein, die jedoch nacb sehr kurzer
Zeit wieder uufgeloset wurde. Gegen das Ende der Dreissiger kam
ein cbronischer sebr juckender Ilautausscblag an den innern Tbeilen
der Scbenkel, am Damme und Hodensacke zum Vorschein, wclcher
allmahlig wieder verschwand. Unmittelbar darauf brach dcr Gesicbts-
scbmerz zum erstenmale aus.
Es scheint angemessen bei der Schilderung dieser Krankbeit mit
dem anzufangen, was die eigne Beobacbtung rnicb hat finden lassen,
und die fragmentarischen Mittbeilungen uber das Vorangegangue
(denn der Kranke zeigte eine entschiedne Abneigung von seinem
Leiden zu sprechen) bei Gelegenheit einzuschalten.
Herr F. stand im 57. Jahre seines Alters, und im 18. seines Lei-
dens, als ich ihn zum ersten Male sah. Von mittlerer Statur bot sein
Korper eine ziemlich starke Fettablagerung dar: der Bauch wolbte
sicb hervor, die Gegenden um die Brustwarzen waren wie gcpolslert,
die Extremitiiten, wenn aucli nicht musculos, docli plump und um-
faugreich. Die Haltung war die eines Greises, gewolbter R'ucken,
vorniibergeneigter Ropf, der Gang schlotternd. Der hochste Grad von
Unbeholfenheit Hess sich in alien Bewegungen erkennen ; der Kranke
vermochte nicht sich ein Kleidungsstiick ohne Ilulfe anzulegen. Das
Gesicht war so aullallend gestaltet, und machte einen so widrigen
Eindruck auf alle, denen es nicht zum gewohnten Anblick geworden,
dass Kinder nur mit grossem Widerstreben es wagten sicb demselben
mit einem Kusse zu nahern. War schon der Schiidel sehr um-
i'angreich, so scbien doch im Verhaltniss dazu das Antlitz noch im-
mer iibermassig cntwickelt. Eine dunkle Rothe, die je nacb der
Ileltigkeit der Paroxysmen mebr oder weniger livide war, iiberzog
beide Wangen, die linke indessen in hohcrem Grade. Beide Backen
waren Sitz einer Acne, deren periodisches Verschwinden undWieder-
erscheinen mit den Pausen und Anfiillen des Gcsicbtsscbmerzes nicht
gleichen Schritt bielt. Die stark vorspringende und dabei sebr fleiscbige
Nase batte diesclbe Farbung wie die Wangen. Die Lippen konntcn
40
NEURAL G IE DES QUINTUS.
nie ganz geschlossen sein, indem die untre ubermassig gewulstet und
nach der linken Seite hin verzogen war; beim Lachen und beim
Stottern steigerte sich diese Verzerrung und^liess das Gesicht wie
eine auf komischen Effect berechnete Maske erscheinen. Nur vorn
im Unterkiefer befanden sicli noeh Ziihne ; die des Oberkiefers waren
sammtlich in den ersten Jahren der Krankheit ausgezogen worden,
weil man mit ihnen die Veranlassung derselben zu entfernen glaubte.
Die vollstandigste Kurzsichtigkeit bei sehr grossen Augen Yollendete
das Eigenthumliche dieses Gesichtstypus.
Der Sitz der Prosopalgie war die linke Gesichtshalfte. Meine oft
wiederholte Frage, ob nicht auch in der andern Gesichtshalfte schmerz-
liafte Empfindungen sich kund gaben, beantwortete der Kranke stets
verneinend; uberdies babe ich mich unzahlige Mai uberzeugen kon-
nen, dass nach den Anf alien vorzugsweise das linke Auge gerothet
wrar, die linke Backe von livider Farbe erschien, dass das Taschen-
tuch, welches bei jedem Anfalle nach dem Gesichte gefuhrt wurde,
besonders dazu diente, die linke Gesichtshalfte zu bedecken und zu
comprimiren. In den Intervallen wurde mir einigemal gestattet, mit-
telst einer Nadel die Sensibilitat beider Gesichtshalften zu priifen.
Die Ergebnisse dieses Experiments waren immer dieselben ; namlich
gesteigerte Empfindlichkeit der linken Gesichtsflache im ganzen Ge-
biete des Quintus. Nur die Zungenhalften reagirten nicht verschie-
den von einander gegen die Nadel, so wie auch der Geschmack in
beiden nicht verschieden war und sich normal verhielt. Ueber Schmer-
zen im harten oder weichen Gaurnen horte ich den Kranken niemals
Klage fuhren. Das Rasiren ricf sehr haufig einen Anfall hervor: be-
sonders empfindlich gegen das Messer war die Oberlippe linkerseits
dicht unter der Scheidewand der Nase.
Forderte man, nachdem ein Anfall voriiber war, den Kranken auf
die Stelle zu bezeichnen, wo der Schmerz gew'uthet, so wies er ent-
wcder auf das linke Auge und dessen Umgebung nach oben und
aussen, oder er fuhr mit dem Finger von dem innern Augenwinkel
aus fiber die Nase binab, oder er deutete auf die Lippen, die Zunge,
I
I
NEURALGIE DES QUINTUS.
41
die Wange, die Schlafe. Oefters fiihrte er meine Hand an einen von
diesen Theilen, damit ich das Klopfen der Arterien darin fiihlen
konnte; besonders heftig war das Pulsiren, wenn die regio temporalis
Sitz des Schmerzes gewesen war. Wahrend der Paroxysmen und oft
noch lange nach denselben konnte man convulsivische Bewegun-
gen des untern Augenlids, der Wange, der Oberlippe wahrneh-
men; schrecklich war der Anblick, wenn die Zunge auf diese
Weise hin- und hergewalzt, wenn sie, wie der Kranke sich aus-
driickte, geschleift wurde. Es ist schon bemerkt worden, dass die
Venenentwicklung in den Theilen vorzuglich hervortrat, welche den
Anf alien am meisten ausgesetzt waren, in der Wange und Nase.
Beim Ergriffensein des ramus ophthalmicus sah man das Auge
wahrend der Anfalle und eine Zeitlang nachher blutroth, wie im ho-
heren Grade einer traumatischen Ophthalmie, herausquillend aus der
Orbita, als ware diese zu eng geworden; dabei Anschwellung der
Augenlider, copioser Ausfluss von Thranen und Nasenschleim. Spei-
chelfluss stellte sich ein, wenn andre Zweige afficirt waren, und es
bildete derselbe eins der lastigsten Symptome, in so fern damit innrer
Zungenbelag, Appetitlosigkeit und kaum zu stillender Durst in Yer-
bindung standen ; auch wahrte er oft die Intervalle hindurch, Wochen
und Monate : jeder Brief, den der Kranke schrieb, seine Kleider und
Wasche trugen Spuren davon.
Die Anfalle brachen, oline sich durch irgend etwas anzukiindigen,
mit der Plotzlichkeit des Blitzes iiber den Kranken herein, sehr haufig
beim Sprechen, inmitten eines Wortes, noch haufiger beim Genuss
von Speisen und Getriinken, beim Husten, Niesen, Fahren auf dem
Steinpllaster, Rasiren, bei Gemiithsatfecten, nicht minder haufig aber
ohne allc Veranlassung, und wenn sich der Patient ruhig verhielt.
Ihrc Dauer betrug hochstens eine Minute. An Intensitat waren sie
sehr verschicden ; am heftigsten und unertraglichsten war der Schmerz,
wenn er das Innere der Nase sich zum Sitze wahlte: dann hatte der
Kranke ein Geliihl, als wiirde das Gesicht gewaltsam auseinandcr-
■gesprengt. Bei gelinderen Anfallcn vermochte er in der Stellung
NEURALGIE OES QUINTUS.
40
auszuharren, die er irine hatte; ein Taschentuch gegen das Ge-
siclit driickend, tief stdhnend liess er nur dann und warm einen Aus-
ruf des Schmerzes laut werden. Die starkeren jagten ikn von seinem
Sitze auf, trieben ihn durcli Reihen von Zimraern, liessen ihn in ein
Geschrei, in ein wahres Gebriill ausbrechen, das nicht allein diellaus-
bewohner in Schrecken setzte, sondern selbst die Nachbarn erreichte.
Solclie Heftigkeit erreichten jedoch die Paroxysmen in den letzten
Jahren kaum mehr. Die Erschbpfung nach denselben war dem Grade
nach verscliieden, stand aber imraer mehr im Verhaltniss zu dem
Aligemeinbefinden als zur Intensitat der einzelnen Anfalle.
Ein Typus, eine Regelmassigkeit liess sich wahrend der Zeit mei-
ner Bekanntschaft mit Ilerrn F. in seiner Krankheit durchaus nicht
auffinden. Keine Stunde des Tages oder der Nacht, keine Jahreszeit
stellte vor ihren grausamen Angriffen sicher. Der Kranke hatte seine
guten und schlechten Perioden ; zwar war er auch in den besten nie-
mals eine ganze Woche, kaum je einen Tag frei von Anfallen, allein
in den schlechten folgten diese so rasch auf einander, dass man kaum
von Intervallen sprechen konnte. Anhaltende Hitzen etwa ausgenom-
meti, ubten atmospharische Zustande keinen besondern Einfluss auf
die Krankheit aus.
Das Aligemeinbefinden des Kranken war im Ganzen nicht schlecht
zu nennen; es schien, als ob das furchtbare Uebel, mit dem er im
Kampfe lag, gegen viele andre ihn schutze. Auch der Kraftezustand
musste, mit Beriicksichtigung der strengen Diiit, welcher derselbe in
den letzten zehn Jahren unterworfen war, befriedigend.erscheinen.
Stundenlang vermochte er an seinem Pulte stehend zu schreiben und
zu rechnen, stundenlang im Garten zu gehen.
Erst in dem letzten Lebensjahre gab sich ein merkharer Verfall
der Ki’afte, ein Ergriffen werden der Centralorgane zu erkennen. Zwei
Erscheinungen waren es, die darauf hindeuteten, einmal das Unver-
mogen den Urin langre Zeit an sich zu halten, dann Schwindel, der
von Zeit zu Zeit den Kranken wahrend des Gehens bcfiel und so
auf ihn wirkte, dass er nach der linken Seite hinuberzufallen furchtele,
NEURALGIE DES QUINTUS.
43
obgleich er sicli des festen Vorsatzes bewusst war das Gleichgewicht
uni jeden Preis zu erhalten. Die letztgenannte Erscheinung war im-
mer von eincm grossen, lange anhaltenden Schwachegefiihl in den
uuterii Extremitaten begleitet.
Die geistigen Fahigkeiten blieben durchaus unangefochten von der
Krankheit. Als einen in psychischer Beziehung merkwiirdigen Um-
stand mochte ich noch hervorheben, dass Patient, obgleich durch sein
Uebel in die Nothwendigkeit versetzt jeden gesellschaftlichen Umgang
zu meiden und sicli ganz in sicli zuruckzuziehen, eben so wenig da-
durch au Menschenfreuudlichkeit eingebusst hatte, als er aufhorte die
lebhafteste Theilnahme fur alles zu hegen, was edle und gebildete
Menschen zu interessiren pflegt.
Viele Aerzte hat der ungluckliche Zustand, den wir zu schildern
versucht, in Bewegung gesetzt. Stosse von Rezepten sind da, um zu
bezeugen, mit welcher Emsigkeit dieselben den Arzneischatz nach
alien Richtungen durchwi'ihlt haben, eine Waffe suchend gegen den
ubermachtigen Feind. Ich muss mich begniigen als allgemeines Re-
sultat dieser meist fruchtlosen Remuhungen Folgendes mitzutheilen :
1) Die Narcolica,~v on denen keins in den ersten Jahren unversucht
blieb, waren nicht allein ohne alien Nutzen, sondern verschlimmerten
• sogar in auffallender Weise. Dieses gilt besonders von der Blausaure,
der Belladonna, dem Opium.
2) Einige wenige Mittel, die in der ersten Zeit ihrer Anwendung
gute Dienste geleistet, versagten giinzlich bei liingerem Gebrauch,
so Ferrum carbonicum, Asa foelida.
3) Den meisten Erfolg, wenn man sich dieses Ausdrucks hier be-
dienen dart, schien ein negatives, auf starke Eingriffe verzichtendes
A^erfahren zu haben, wie solches vom Geheimen Medicinalrathe Dr.
IB a r ez in Ausfuhrung gebracht wurde. Beschrankung auf vegetabi-
ilische Kost, Enthaltung von alien reitzenden, erhitzenden Genussen
ibildete die Grundlage desselben; von Zeit zu Zeit kam noch ein
Purgans, Blulcgel, Schropfkopfe, unter Umstanden auch Aderlass
hinzu.
44
NEURALGIE DES QUINTUS.
Der Tod wurde herbeigefiihrt durch eino Ilarnverhaltung, die zu
dem Hauptleiden in keiner Beziehung gestanden zu haben scheint.
Beachtungswerth ist es, dass mit den ersten Zeichen der Ischurie,
1 0 Tage vor dem Tode, der Gesichtsschmerz verschwunden war, um
nie mehr wiederzukehren. In den letzten vier Tagen des Lebens ge-
sellten sich Sopor und Convulsionen hinzu.“
Leichenbefund. Am 26. Februar 1840 wurde, 36 Stunden
nach dem Tode, die Section in meinem und Dr. Philipps Beisein vom
Professor F r o r i e p gemacht.
Die Schadelknochen sind hypertrophisch, 4 — 5 Linien verdickt;
die aussere Lamelle ist unverandert, die Diploe verschwunden, die
innere Lamelle dagegen etwa 4 Linien dick, etwas poros im Ganzen,
aber von sehr festem und dickem Gefiige. Die innere Flache der Cal-
varia ist sehr uneben, indem die Arteriae meningeae in tiefen Gru-
ben verlaufen, von denen aus die Dicke der Knochen allmahlig zu-
nimmt, so dass der Knochen immer in der Mitte zwischen zwei Arte-
rieniisten am dicksten ist. Die dura mater hangt mit den Knochen
fest zusammen, so dass sie mit ihnen gemeinschaftlich abgenommen
werden musste. Die innere Flache der dura mater zeigt mehrere
inselformig gerothete Stellen und ist ai\ noch mehreren und grdsse-
ren Stellen, besonders iiber der linken Hemisphare des grossen Ge-
hirns, mit einem gallertartig aussehenden gelblich-rothlichem Exsudat
von V2 — 1'" Dicke bedeckt, welches hie und da neugebildete Ge-
fasschen enthalt, und aus lockerem Zellgewebe mit darin infdtrirter
seroser Feuchtigkeit besteht.
Nach Abnahme der Calvaria und dura mater erscheint das grosse
Gehirn wie verkiimmert, alrophisch. Statt der gleichmassigen Wdl-
hung heider Ilemispharen zeigen sich zwei durch mehrere Gruben
und Vertiefungen unregelmassig gestaltete und zusammengedriickte
Flachen. Die Arachnoidea ist stellenweise verdickt und unter ihr be-
findet sich seroses, durch Infiltration in das Gewebe der pi a mater
gallertartig ausseliendes Exsudat. Die Windungcn sind diinner und
schmaler als inj, gesunden Gehirne.
NEURALGIE DES QUINTUS.
45
Das Geliirn wurde aus der Schadelhohle herausgenommen ; auch
auf der basis cranii und besonders auf dem clivus zeigen sich Ro-
tlnmg der innern Platte der dura mater und rothliches plastisches
Exsudat.
Auf der untern Flache des Gehirns ist eine Auftreibung des Bo-
dens des dritten Ventrikels durch wassrige Fliissigkeit sichtbar, fer-
ner Trubung der Arachnoidea und endlich krankhafte Veranderung
des Arteriennetzes. Die rechte arteria vertebralis ist atrophisch, von
der Dicke einer Rabenfeder, die linke vertebralis dagegen neben der
medulla oblongata stellenweise verdickt und von betrachtlicherem
Lumen als gewohnlich. Die art. basilaris zeigt ebenfalls mehrere ver-
dickte, durch gelbe verknorpelte Stellen sich auszeichnende Erweite-
rungen und die linke carotis interna ist an ihrer Durchschnittsstelle
erweitert und an der hintern Halfte ihres Umfangs durch Verknor-
pelung der fibrosen Haut um das Dreifache verdickt.
Der Pons Varoli fuhlt sich schlaffer und weicher an als gewohn-
lich, besonders im Verhaltniss zu den andern Krankheiten. In der
rechten Halfte ist er atrophisch, indem uber die Mitte derselben, von
vorn nach hinten, ein wie mit dem Finger gemachter Eindruck ver-
liiuft. Die linke Halfte hat zwar nicht vollkommen die normale Wol-
bung, aber doch keine Vertiefung. Die pia mater auf dem Pons ist
sehr gefassreich.
Der Nervus Quintus der linken Seite ist fast um die Halfte diin-
ner als gewohnlich, leicht gerothet, mit einem einzelnen starker ge-
rothelen Punkte; es ist keine Faserung mehr daran zu bemerken,
er ist fast breiig weich; erst 6//; vom Pons entfernt ist am innern
Rande des Nerven die ebenfalls wciche und verdiinnte porlio minor
zu unterscheiden. Auch der rechte N. Quintus ist diinner und wei-
cher als gewohnlich, etwas gerothet, aber es sind an ihm seine Fa-
serhiindel und die portio minor von Anfang an zu unterscheiden. An
dem in der Schadelhohle zuruckgelassnen Stiicke der Quinti, von der
Durchschneidungsstelle his zum Eintritte in die Spalte der dura ma-
ter ist ebenfalls ungewohnliche Verminderung des Umfangs und ct-
46
NEURAL GIE I)ES QUINTUS.
was gelblich rothliche Fiirbung der Ncrvcnstiimme zu bemerken,
an welcbcn die Faserung indess, je weiter nach vorn , desto deut-
liclier wird:
Durch cinen horizontal gefuhrten Schnitt wurden nun die crura
ad cerebellum und der Pons, grade unterhalb des Eintritts der N.
Quinti, der Flache nach getheilt, so dass die Fasern des Quintus, so
weit es in einera frischen Gehirne moglich ist, in diesen Centralthci-
len verfolgt werden konnten. Auf der Durchschnittsflache sieht man
zuvorderst in der rechten Halfte des Pons die Quantitat der grauen
Substanz vermindert, in der linken ziemlich normal, aber nach au-
ssen durch viele bemerkbare Blutgefiisschen mehr gerothet. Ueber-
haupt zeigen sich auf der Durchschnittflache des linken crus ad cere-
bellum sehr viele feine rothe Blutpunktchen, wodurch die weisse Bahn
des Quintus deutlicher hervortritt. An der aussern Seite derselben,
etwa 1%'" von dem sogenannten Ursprunge des linken Quintus, fin-
det sich in der etvvas gerotheten und weich anzufuhlenden Marksub-
stanz des Crus ein 1/z Linse grosses, gelbes, in der Mitte durchschei-
nend graues, nach aussen unregelmassig viereckiges hartes Edrper-
cheu, welches auch beim Untersuchen mit dem Scalpell eine grossre
Festigkeit und Ilarte zeigt. Das rechte crus ad cerebellum erscheint
normal, auch ist die fasrige Structur an der Ursprungsstelle des rech-
ten Quintus deutlicher als auf der linken Seite.
Beide Ganglia Gasseri und ihre drei Aeste, wovon der erste und
zweite auf beiden Seiten bis in die vordern Theile der orbila verfolgt
wurden, lassen nichts Ungewohnliches an sich bemerken, ausser dass
die Ganglien etwas blasser erscheinen als sonst. Am n. oculomoto-
rius und trochlearis fand sich nichts Abnormcs. Der n. abducens
wurde im Sinus cavernosus auf beiden Seiten aufgesucht und normal
gefunden. Hiebei ergab sich ein wichtiger Befund.
Als die Sinus cavernosi von oben geodnet wurden, zeigte sich die
rechte Carotis interna mit Ausnahme einiger Knorpelpunkte normal,
dagegen war die linke Carotis interna sowohl in ihrer hinteren als
vorderen Windung aneurysmalisch ausgedehnt, von doppeltem Urn-
NEURALGIE DES QUINTUS. 47
fang. Die Wande dieser Aneurysmalci vera waren knorplich verdickl
und durch den Druck des Aneurysma war, der Form des letzteren
entsprechend, der sonst iiur seichte und schwach angedeutete Sulcus
caroticus ossis sphaenoidei (vom foramen carolicum internum zur
Seite der sella turcica nach vorn) in eine tiefe S formige Grube umge-
wandelt, indem durch Absorption, ohne Spuren entzundlicher Tha-
ligkeit der Rnochen, der linke processus clinoideus posterior und die
linke Seite des Keilbeinkorpers geschwunden waren. Die linke Halfte
der glandula pituitaria war in cine purpurbraune, dunnbreiige Fliis-
sigkeit umgewandelt, welche auch den ganzen liiiken Sinus caverno-
sas ausfiillte und das Aneurysma umspiilte. Da das Ga?iglion Gas-
seri zwischen Blattern der dura mater auf der ausseren Seite des
Aneurysma lag, so war es natiirlich dem Drucke desselben ausgesetzt,
um so mehr, da bei Betrachtung der basis cranii eine Lageverande-
rung der aussern Wand des linken Sinus cavernosus nicht zu bemer-
ken gewesen war, folglich das Ganglion Gasseri durch die gespannte
dura mater zui' Seite des Keilbeinkorpers festgehalten wurde.
Sammtliche Hirnventrikel, auch der des Septum lucid., enthalten
eine rothliche serose Fliissigkeit in ziemlich betraebtlieher Menge.
Ausser dem Gehirne wird noch die Urinblase in Bezug auf die vor-
angegangnen Harnbeschwerden untersucht. Dieselbe ist vergrossert,
1 ihre Muskelbiindel sind verdickt und die Schleimhaut ist mit betracht-
1 lichen Ekchymosen bedeckt, wie gewohnlich nach Harnverhaltungen.
Auf jeder Seite findet sich ein grosses Diverticulum, das zwischen den
.'Muskelbundeln der Harnblase nach aussen hervorragt. Durch Ver-
-grdsserung der Seitenlappen und des sogenannten dritten Lappens
der Prostata war der Blasenhals fast verschlossen.
Scholion. Bei so mannigfaltigen krankhaften Veranderungcn in
icinem Organe ist es notliwendig, die Beziehungen aufzufassen, wo-
trin die einzelnen Glieder zu einander stchen. Auf eine solche Weise
1 belebt sich gleichsam das starre Gebiet des Todes und aus ciner
blossen Grabschrift dcr Krankheit gestaltet es sich zu ciner Biogra-
diie derselben. So ist in diesem Falle die allgemeine AfTection der
48
NEURALGIE DES QUINTUS.
Hirngefasse als Fundament und wohl auch als Bedingung der ubri-
gen Veranderungen des Gehirns zu betrachten. Wenn auch Ver-
knorpelungeh und Incrustationen der Hirnarterien vom 50. Jahre an
nicht als Seltenheit vorkommen, so ist doch ein auf alle Arlerien
des Gehirns verbreiteter Zustand dieser Art ungewohnlich, und das
Aneurxjsma der linken Carotis, die Erweiterung der linken vertebra-
lis, die Atrophie der rechten verlebralis geben Zeugniss von dem
weiteren Einflusse einer solchen Yeriinderung auf die Gefiisse selhst.
Eben so wichtig erscheint der Einlluss auf die Ernahrung des Ge-
hirns und giebt sich am deutlichsten in der Atrophie tier rechten
Halfte des Pons Varoli kund, welche der Verkummerung der a. ver-
tebralis dieser Seite entspricht. Auch die Hemispharen des grossen
Gehirns waren atrophisch; nicht nur erschienen sie nach Ablosung
der dura mater von gedriicktem Ansehen, sondern auch die einzel-
nen Windungen waren schmaler und dunner als im normalen Zu-
stande. Zur Ausfullung des Raumes der geschwundnen Hirnsuhstanz
fmden sich die heiden gewohnlichen Ersatzmittel, Exsudate zwischen
den Membranen und Verdickung und Hypertrophie der Schadel-
knochen.
Auf diesem Boden gleichsam ist das ortliche Uebel gewachsen,
welches die lange Tortur des Schmerzes veranlasst hat. Der Nervus
Quintus der leidenden Seite war an zwei Stellen auf verschiedpe
Weise betheiligt. Einerseits war er da, wo er vom Pons Varoli ab-
geht, erweicht, seines fasrigen Gefiiges verlustig und selhst noch in
dem Centralorgan, auf seinem Laufe durch die Briicke und durch
den Schenkel zum kleinen Gehirn zeigte sich Weichheit der Fasern
und mitten darin ein hartlicher Kern eingesprengt. Andrerseits war
das Ganglion Gasseri, obschon von normaler Structur, unterworfen
einer Spannung und Zerrung durch die aneurvsmatische Geschwulst
der Carotis undderen Pulsationen. Aus dem im Yerhiiltnisse zur Dauer
.
der Krankheit nur geringen Fortschritte der Erweichung und aus
dem Mangel der Symptome der Anaesthaesie, welche ])csorganisa-
tionen des Quintus zu begleitcn pflegcn, liisst sich vermuthen, dass
NEURALGIE DES QUINTUS.
49
die Reitzung des Ganglion Gasseri durch das Aneurysma der Carotis
hier wohl der Zeitfolge nach primar war, obschon nicht geleugnet
werden kann, dass jener fremde gelbe Korper in der Hirnfaserung
des Quintus einen Heerd der Reitzung abgegeben baben mag, auf
abnliche Weise wie die lubercula dolorosa in den peripherischen
Nervenbahnen. Jedenfalls ist die Coexistenz beider Zustiinde mehr
als hinreichender Grund der Neuralgie und ihrer Unheilbarkeit.
Die physiologische Seite dieser Beobachtung ist nicht minder in-
teressant als die anatomische und von grosser Wichtigkeit, weil sie
es ist, welche der Diagnose dieser Nervenkrankheit wie jeder andern
einen hdheren Standpunkt und festeren Halt giebt.
Das Gesetz der excentrischen Erscheinung ist hier treffend erlau—
tert, wonacb die bewusstwerdende Empfindung der Reitzung einer
sensibeln Nervenfaser, an welcher Stelle der Faser auch die Reitzung
stattfindet, auf das peripherische Ende bezogen wird. Der Anlass der
Neuralgie hatte in der Schadelhohle seinen Sitz: dessenungeachtet
war kein Schmerz im Kopfe vorhanden, sondern an der Aussen-
flache etc. des Gesichtes. Da das Gebiet aller drei Aeste des Quintus
von der Neuralgie heimgesucht war, so musste die Summa der Prirni-
tivfasern Yon dem Reitze betheiligt sein und ich setzte deshalb voi-
der Section den Sitz des Anlasses in der mittleren Wurzel des Quin-
tus, ehe sie das Ganglion bildet oder in ihrem Verlaufe durch die
Varolsbrucke und durch das crus ad cerebellum fest, weil mir bisher
kein Befund eines reitzenden fremden Korpers im Ganglion Gasseri
selbst bekannt geworden war.
Das andere neurophysiologische Gesetz, das sowohl fur sensible
als motorische Nerven in ihren peripherischen Bahnen gilt, das Ge-
setz der isolirten Leitung, bewiihrte sich hier ebenfalls als ein frucht-
bares fur die Diagnose des Sitzes der Krankheit. Nur die sensible
Portion des Quintus der linken Seite war betheiligt, nicht einmal die
so nahe angriinzende pars moloria oder einer der andern Him- oder
Spinalnerven, so dass also auch der Anlass nur in der mittleren Wur-
zel oder innerhalb des Ganglion Gasseri seinen Sitz baben konnte.
Romberg’s Nervenkrankh. I.
4
50
NEURALGIE DES QUINTUS.
Ausser der Neuralgie ist noch in diesem Falle der Schwindel init
dem Gefiihle einer Neigung und Wiilzung des Korpers nach der lin-
ken Seite bemerkungswerth. Wir werden im Abschnitte iiber vertigo
darauf zuriickkommen, dass bei Experimenten an lebenden Thieren
nach Durchschneidung eines peduncul. cerebell. ad pontem das Thier
nach der Seite hinrollt, wo der pedunc. durchschnitten ist, oft mit
solcher Schnelligkeit, dass es in jeder Secunde umschwingt. Bei die-
sem Kranken war es die linke Halfte der Varolsbriicke und des Klein-
kirnschenkels, durch welche sich die erweichte Faserung des Quin-
tus erstreckte, und so diirfte man einen nicht zu gewagten Schluss
ziehen, wenn man in einer Affection dieses pedunculus, der sich auch
durch eine weichere Consistenz und ein injicirteres Ansehen vor dem
der rechten Seite auszeichnete, den Grund jener eigenthumlichen Form
des Schwindels annehmen wollte.
Yon welchem Einflusse aber die Reitzung und Compression des
erweichten und atrophischen Hirnanhangs durch die aneurysmatische
Carotis gewesen war, dariiber bekenne ich unverholden meine Un-
wissenheit.
Ursachen der Prosopalgie. Bei der im Allgemeinen grossen
Seltenheit dieser Krankheit ist eine genaue Kritik der Ursachen recht
nothwendig: denn es fiihrt zu nichts, einen Schwab von Anlassen,
wie es gewohnlich geschieht, zu citiren.
Das kindliche Alter wird von der Prosopalgie verschont. Unter
den Erwachsnen sind die im mittleren Lebensalter stehenden mehr
ausgeselzt. Fothergill und Pujol haben keinen Kranken beobach-
tet, der unter 40 Jahr alt war.
Dem Geschlechte kommt kein entschiedener atiologischer Einlluss
zu: doch leiden Unverheirathete und Kinderlose haufiger. Das weib-
liche Geschlecht ist in der Periode der Decrepiditat mehr ausgesetzt.
Der beg'iiterte, opulente Stand scheint haufiger unterworfen zu sein
als der durftige, daher auch in Ilospitalern diese Neuralgie eine selir
seltne Erscheinung ist.
Der climatische Einlluss ist zwar noch nicht genau ermiltelt, in-
NEURALGIC DES QUINTUS. 51
dessen durfte wolil die Krankheit in nordlichen Breiten haufiger vor-
kommen als in sudlichen.
Peripherische Anlasse sind bisher nocb selten constatirt worden.
Der von Jeffreys beschriebne Fall ist durch die gleicbzeitige mi-
mische Gesichtslahmung and durch seine Heilung merkwurdig. Ein
von einer Tasse abgebrochnes Stiickchen Porzellan hatte bei einem
Madchen 1 4 Jahre in der rechten Backe gebaftet und so anhaltende
und heftige Schmerzen veranlasst, dass auch nicht ein Tag davon ver-
scbont blieb. Man fuhlte unter der tlaut einen harten spitzen Kor-
per: die geringste Beruhrung dieser Stelle weckte den Anfall. Es
wurde mittelst einer Incision eine dreieckige Scherbe Porzellan her-
ausgenommen: die schmerzbaften Paroxysmen horten auf und nacb
zwei Monaten war die noch zuruckgebliebne Empfmdlichkeit der
Backe ganz verscbvvunden. (Descot dissertation sur les affections
locales des nerfs. Paris 1825, p. 09 J Cruveilhier (Anat. pa~
tliol. du corps humain. livr. XXXV.) erwiihnt eines Falles von sehr
schmerzhafter, dem Laufe des facialis folgender Neuralgie bei einer
mit Carcinoma mammae behafteten Frau. Es gesellte sich bald eine
unvollstandige Labmung des Gesichtes, successiv in den verschiednen
Gebieten des Antlitznerven, hinzu. Bei der Section wurden alle Yer-
zweigungen des facialis knotig, und in einer carcinomatosen Scbeide
von ungleicher Dicke eingehiillt angetroffen.
Yon peripherischen Anlassen, die den Quintus innerhalb der Scha-
delkohle bis zu seiner Hirninsertion reitzen und Neuralgie verursa-
chen, ist ausser dem zuvor beschriebnen bisher noch kein Beispief
mitgetheilt worden. Jedenfalls lenkt dasselbe bei kiinftigen Untersu-
chungen die Aufmerksamkeit mehr auf den Keilbeinkorper und die
darin verlaufende Carotis, wozu ohnehin die Nabe der drei Austritts-
offnungen fur die Quintusiiste auffordert.
Die cenlralen Ursachen, wodmch die im Gehirne lagernden Ele-
mente des Quintus gereitzt erden, sind uns noch grosstentheils un-
bekannt. Das Gehirn wird entweder unmittelbar betroffen, z. B. durch
substantielle Veranderung, wie in meinem Falle, oder mittelbar von
52
NEURALGIE DES QUINTUS.
andern Organen aus betheiligt. Unter diesen werden der Digestions-
und Uterinapparat am haufigsten in Yerdacht genommen, oft ohne
geniigende Krilik, nur zur Rechtfertigung der Kur. Metastatische
Vorgange, besonders in den dem Gehirne nahgelegnen Schleimhau-
ten und Driisen, konnen zuweilen nachgewiesen werden : unterdriickte
Catarrhe, Ohrenfliisse, Exutorien, Geschwiire. Arthritische, impeti-
ginose Dyscrasieen, Rheumatismus begiinstigen die Entstehung der
Prosopalgie.
Zu den gelegentlichen Anlassen der einzelnen Anfalle der Krank-
heit gehoren unvermuthete, oberflachliche Beriihrung des Sitzes der
Neuralgie, Bewegungen der Gesichtsmuskeln, besonders der mastica-
torischen, Erschiitterung durch Niesen, grelle Sinriesreitzung des
Auges, des Ohres, Gemiithsaffecte, geistige Anstrengung, rege Auf-
merksamkeit auf den Schmerz. Aus diesen Griinden kommen die
Anfalle im allgemeinen haufiger bei Tage als in der Nacht, Auch
atmospharische Verhaltnisse iiben einen unverkennbaren Einfluss.
Fruhjahr und Herbst, neblichte feuchte Witterung, rheumatische,
eatarrhalische Constitution, Siidwind, electrische Spannung vermit-
teln eine grossre Frequenz der Anfalle,
Diagnostisches. Es giebt keinen sensibeln Nerven, dessen
Energie So oft in Anspruch genommen wird, wie der Quintus, und
man kann schon aus der Zahl seiner Filamente an der Insertions-
statte vermuthen, dass seine Centralfaserung die machtigste von alien
ist. Daher die Haufigkeit und Leichtigkeit seiner Mitempfindungen
und die Verwechslung mit eigenthumlichen neuralgischen Zustanden.
Den Irrthum zu vermeiden beachte man 1) das raumliche und zeit-
liche Verhaltniss des Schmerzes; in der Prosopalgie: Beschrankung
auf einzelne Gebiete, und Paroxysmenbildung mit freiem Intervall;
in der schmerzhaften Mitempfindung: Wechsel des Ortes, w^eitre Ver-
breitung, und hinter dem maskirenden Schmerze die Zufalle eines
andern Leidens, z. B. kranker Gesichtsknochen, deren Steigerung
durch geeignete Anliisse in entsprechendem Verhaltnisse den Schmerz
im Gesichte hervorruft. Ein Fall wird im 1 0. Bande des Journal de
NEURALGIE DES QUINTUS.
53
Medecine mitgelheilt, wo die Krankheit von einer Wuride am Arm ih-
ren Ursprung nahm, und nach zwei quaalvollen Jaliren durch Cauteri-
sation der Narbe geheilt wurde. Analog ist auch der von Swan beo-
bachtete Fall (Vgl. S.23); 2) die Eigenth'umlichkeit der gelegentlichen
Ursache des Schmerzes; 3) die, zumal bei langerer Dauer, nicht aus-
bleibende Empfindlichkeit der afficirten Gesichtsflache gegen unvermu-
thete oberflachliche Beriihrung, wahrend starker Druck den Schmerz
nicht steigert, oft lindert; 4) die Yorliebe der Neuralgie des Quintus
fur das reife Alter, von der Mitte der Dreissiger Jahre an; 5) die
grosse Seltenheit der Krankheit, welche die Skepsis in der Diagnose
scharfen muss. Wahrend schmerzhafte Mitempfindungen im Gesichte
zu den taglichen Vorkornmnissen des Praktikers gehoren, sind Falle
von Prosopalgie, selbst in grossen volkreichen Stadten, zu den Ausnah-
inen zu zahlen.
Mit der Anaesthaesia dolorosa des Quintus war bis auf die neuesteZeit,
wo man dieselbe erst naher hat kennen lernen, die Verwechslung des
Tic douloureux wohl zu entschuldigen. Das wichtigste Criterium fur
jene ist Unempfindlichkeit der sclimerzhaften Flache gegen Reitzung,
dagegen bei diesem die Empfindlichkeit fur die oberfliichlichste Be-
ruhrung gesteigert ist.
Die Unterscheidung vom Gesichtskrampfe, sei es der mimische
oder masticatorische, ist durch die Intensitat des bei jenem nur au-
sserst selten vorhandnen Schmerzes leicht. Die Zuckungen in der Pro-
sopalgie erfolgen durch Reflexaction, selbst gegen den Widen des
Kranken. Auf diese Weise sind die in dem obigen Falle beobachte-
ten Rotationen der Zunge, das Verzerren der Lippe etc. zu deuten.
Prognose. — Der Verlauf der Krankheit setzt die erheblichste
prognostische Differenz. Die acute typische Neuralgie des Quintus ist
in den meisten Fallen binnen kurzer Zeit heilbar: die chronische aty-
pische gehort zu den Krankheiten, die am seltensten geheilt werden,
und mit dem Menschen ein hohes Alter erreichen konnen, ohne dass
die Quaal des Schmerzes durch die Dauer geringer wird.
Die, wenn auch seltncn Naturheilungen der Prosopalgie fmden
54
NEURALGIC DES QUINTUS.
statt entweder durcli Uebergang in Krankheit derselben und andrer
Sippschaft: in Neuralgieen, in impetiginose und ulcerose Affectionen,
an der Gesichtsflache und entfernt davon, in Podagra, oder durch spur-
loses Verschwinden der Krankheit, in Form der Lysis.
Be hand lung. — Wie stark der Ueberfluss an hypothetischem
Wuste und umhertappendem Probiren, so gross und driickend ist
der Mangel an zuverlassigen Ergebnissen technischen Wirkens! Nur
einen Erfolg konnen wir mit Sicherheit verheissen, die Kur des acu-
ten intermittirenden Gesichtsschmerzes mittelst des vegetabilischen
oder mineralischen antitypicum, der China oder des Arseniks. Lasst
das Cliinin. sulphur „ je nach der Kiirze des Intervalls in grossrer Dosis
zu 2, 4, 6 Gran, stiindlich oder zweistundiich gereicht, in Stich, was
nur selten der Fall sein wird, so hilft noch die Tinct. Fowleri, zu
3, 4 Tropfen und steigend, aus.
In der chronischen atypischen Prosopalgie wiirde schon ein hulf—
reiches Palliativ fur den gemarterten Kranken grosse Wohlthat sein
— allein die bisher geruhmten Mittel wirken entweder gar nicht oder
nur, so lange sie den Reitz der Neuheit haben. Dahin gehoren das
Streichen und Auflegen von Magnetstaben, Waschungen mit narco-
tischen Auflosungen, Fomentationen mit Sublimatsolution, Morphium
endermatisch applicirt, die ortliche Anwendung der Kalte, als kalter
Hauch, kalte Waschung, Auflegen von Eisstiickchen, Frictionen, Mani-
pulationen. In der neuesten Zeit ist der aussere Gebrauch des Vera-
\
trin von Turnbull u. A. empfohlen worden. Die Vorschrift ist fol-
gende: „Eine Salbe, welche in einer Unze Schweinefett 20 Gran
Yeratrin enthalt, wird wahrend des Schmerzanfalls 15 — 20 Minuten
lang iiber den ganzen Sitz des Schmerzes eingerieben, so lange, bis
das Warmegefuhl und Prickeln, welches durch die Einreibung ver-
ursacht wird, den neuralgischen Schmerzen an Starke gleichkommt.
Dann setzt man die Einreibung cine kurze Zeit aus, damit die durch
sie bewirkte Irritation sich lege, und um den Kranken in Stand zu
setzen, einen Vergleich zwischen den gegenwartigen und denvorder
Einreibung gefiihlten Schmerzen zu machen. Man wird oft finden, dass
NEURAL!* IE DES QUINTUS.
55
der Schmerz vertilgt ist : wenn aber irgend ein Grad von Empfind-
lichkeit zuriickbleibt, so muss man die Einreibung fortsetzen, bis die
eigenthumlichen Sensationen sich wieder zeigen, worauf in der Re-
gel der Schmerz nachlassen wird. Sollte er dennoch Widerstand
leisten, so muss der Kranke nic-hts desto weniger in der Einreibung
beharren, bis der Paroxysmus ausgeloscht ist. Wenn diese Salbe in
alien Fallen stark genug ist, wo der Schmerz sich liber die Verliste-
lungen des funften Paares ausbreitet, so bedarf man bisweilen einer
starkern, wenn er sich auf einen Punkt beschrankt: hier nimmt man
40 Gran auf eine Unze Fett. Uebrigens verdieut die Warming Be-
herzigung, nicht die kleinste Menge der Salbe mit der Conjunctiva
in Beriihrung zu bringen.“ (Forcke physiologisch-therapeutische
Untersuchungen uber das Yeratrin. 1837. S. 47.) Ich hatte Gele-
genheit bei einer 53jahrigeu Wittwe, die seit drei Jahren an einer
alien Heilversuchen trotzenden Neuralgie des n. supraorbitalis und
infraorbitalis der rechten Seite gelitten hatte, den palliativen Erfolg
der Veratrinsalbe im Anfange zu beobachten, sail aber auch, dass
nach einem Vierteljahre dasselbe Mittel jene Wirkung ganz versagte.
In der Radical -Behandlung des Gesichtsschmerzes wird iiberall
auf Erfullung der Causalindication, und, wenn dies nicht geniigt,, auf
ein gegen das Nervenleiden selbst gerichtetes Yerfahren gedrungen.
Und gewiss, wo ein ursachliches Verhaltniss mit Sicherheit oder auch
nur mit Wahrscheinlichkeit ermittelt werden kannr wird der Prak-
tiker, der sich alsdann doch eines Haltes zu erfreuen hat, nicht un-
terlassen, dieser Indication zu geniigen, und besonders von dem wie-
derholten Gebrauche der Thermen (z. B. Wiesbadens bei gestorter
Hamorrhois, Carlsbad’s und Marienbad’s bei hepatischen Allectio-
nen etc.) einigen Erfolg erwarten. Allein mit dem andern Verfahren
sieht es schlimm genug aus: gegen etwas zu agiren, was man nicht
einmal kennt, duffle in einem andern Fache nicht so leicht zugemu-
thet werden.
Am unmittelbarsten glaubte man das Uebel dadurch zu heben, dass
man es in seinem Sitze selbst angrifT, dass man den Nerven zur Lei-
56
NEURALGIE DES QUINTUS.
tung des Schmerzes unfahig inachte, eiu Gedanke, den zuerst Lud-
wig’s XIV. Wundarzt Mar <$ chal ausfiihrte, indem er den Nerven
durchschnilt. Allein die Kritiksowohl dieses Verfahrens, als der Exci-
sion eines Stiickes aus dem Nerven liegt schon in dem neurophy-
siologischen Gesetze der excenlrischen Erscheinung, wonach die ge-
reitzte Cenlralfaser oder der peripherische Stumpf, mag er aucli nur
noch 1 Millimeter betragen, die Schmerzen scheinbar in den iiusser-
sten Ilautenden empfmden lasst. Nur bei krankhaften Zustiinden der
Gesicbtsramificationen des Quintus liesse sich von dem chirurgischen
Verfahren ein Erfolg erwarten, wie er z. B. in dem von Jeffreys
beobachteten Falle statt fand, allein diese Falle von Prosopalgie sind
leider die seltensten. Auch bezeugt es binreichend der Verfall dieser
operatrven Versuche. Dieselben aber gar auf den n. facialis ausdeli-
neu zu wollen, wie es von einigen vorgeschlagen warden, ist der
grobste Verstoss, denn zu dem beklagenswerthen Loose des Kranken
von seinem Schmerze nicht befreit zu w erden, wiirde noch das Mis-
geschick einer mimischen Gesicbtslahmung sich gesellen.
Zu den ortlichen Mitteln, wodurch man unmittelbar auf den affi-
cirten Nerven einzuwirken glaubte, gehoren auch die miltelst eines
Cauterium eroffneten Exutorien, Fontanellen etc., welche an Andrei
einen grossen Lobredner gefunden haben. Wenn auch seine Ansicht,
den Nerven selbst dadurch zu zerstoren oder einer materia peccans
den Austritt zu verschaffen, heutigen Tages wohl nicht so leicht An-
klang finden mochte, so durfen wir doch nicht vergessen, dass durch
Reitzung peripherischer Empfmdungsnerven die centrale Action eine
Umstimmung erleiden kann. Von diesem Gesichtspunkte wiirde auch
der von Scott (Ueber den Gesichtsschmerz und andre Formen der
Neuralgie. Aus dem Engl, iibers. Berlin 1835. S. 24.) geriilimte
Erfolg der Einreibung einer Salbc aus Deutioduretum Mercurii
(3j — jj auf §j Ad. suill. ) in die schmerzhaftcn Theile zu deuten
sein. In der neuesten Zeit hat M age n die den Galvanismus zur
Ileilung der Prosopalgie vorgeschlagen und einige Falle zur Bestiiti-
gung mitgetheilt. Durch eine sehr feine, in den schmerzhaftcn Nerven-
NEURALGIE DES QUINTUS.
57
zweig eingestochne Platinanadel werden galvanische Strome geleitet.
(Lemons etc. p. 125 und p. 238 .) — Die Compression verdiente
wohl in Gcbrauch gezogen zu werden. Earle (Medic, chirurg. trans-
act. vol. VII. p.\ S7) erzahlt von einem Schmidt, der seit larigrer
Zeit, so oft er sich anstrengte, an heftigen Schmerzen in dem Stirn-
nerven litt. Derselhe ersann sich einen Apparat von Springfedern
mit kleinen Pelotten, womit er die Temporalarterie comprimirte und
auf diese Weise den ganzen Tag am Amboss arbeiten konnte.
Einige specifische Heilmittel zum innern Gebrauche sind gegen
den tic douloureux empfohlen worden, wobei man entweder von Hy-
potbesen ausging oder auf Analogie sich stiitzte. So wahlte F other-
gill in der Yoraussetzung einer carcinomatosen Basis dieser Krank-
lieit das Conium: Hutchinson r'uhmt das Ferrum carbonicum in
grossen Gaben, das Pulver zu 1/2 — 1 5 mit Ilonig, dreimal taglich.
Allein beide Mittel haben sich nicht bewahrt, und in Betreff des
letzteren liegt offenbar eine Verwechslung mit dessen Wirksamkeit
bei schmerzhaften AfFectionen des Quintus als Mitempfindungen, zu-
mal hysterischen, zu Grunde, was schon aus der Behauptung des
Herrn Hutchinson (wenn sie sonst Glauben verdient) hervorgeht,
dass in Zeit von zwei Jahren sich uber 200 Falle dieser Erankheit
in seinem Wirkungskreise dargeboten hatten.
Mehr Hoffimng des Erfolgs verheisst der wiederholte Gebrauch
der Seebader, besonders der sudlichen, und die beharrliche Anwen-
dung der Kalte, sowohl als Begiessung des Kopfes und Ruckens, wie
auch als Waschung des ganzen Rorpers.
»*):> o $ * — —
58
CILIARNEURALGIE.
Nicht nur die Gesichtsflachen, iiussere und innere, werden vom
Quintus mit Hautnerven versorgt, auch die membranosen Fliichen
der Sinnesorgane erhalten aus dieser Quelle ihr Gefuhl, welches sich
von der eigen thumlichen Sinnesempfindung wesentlich unterscheidet.
Diese Verschiedenheit giebt sich auch in den Ilyperasthiisieen hin-
reichend zu erkennen, und noch ein andrer Umstand hietet sich der
Beobachtung dar, welcher von physiologischem Interesse ist: die Er-
regung und Modificirung des Schmerzes durch den Sinnesreitz, im
Auge durch das Liclit, im Ohre durch den Schall u. s. w., wodurch
ein besondres Verhaltniss zum Sinnesnerven sich herausstellt, dessen
Action dadurch gestort wird.
STeuralgia ciliaris.
Schmerzgefiihl im Auge, angeregt und gesteigert durch den Ein-
fluss der Lichtstrahlen und des Sehens, ist das bestandige Merkmal.
Im hoheren Grade ist Lichtscheu vorhanden, wonach man auch die
Ivrankheit Photophobia genannt hat. Der Kranke meidet Sonnen-
und Kerzenlicht, hei dessen Einfallen in’s Auge der Bulbus schmerz-
haft wird und die Augenlieder sich sofort mit Gewalt schliessen. Die
Pupille ist contrahirt. Der Schmerz verbreitet sich nicht selten nach
Stirn und Kopf. Gewohnlich thrant und rothet sich das Auge.
Eine haufige Form der Ciliarneuralgie ist diejenige Empfindlichkeit
des Auges, welche man bisher unter dem Namen hehetudo visas, Ge-
sichtschwache, mit einbegriffen hat. Jeder Yersuch zur Anstrengung
der Sehkraft, besonders fur nahe Gegenstiinde, fiihrt ein peinliches
Gefuhl der Ermiidung des Auges mit sich, welches oft zu einem leb—
hafteren Schmerze steigt und wobei die Gegenstiinde matt erschei-
nen und allmahlig ganz schwinden. Bei fortgesetzter Anstrengung
thrant das Auge, das ohere Lied wird schwer und schliesst sich ; zu-
Jetzt tritt ein driickender Kopfschmerz in der Stirn hinzu. Solche
Kranke konnen uherhaupt die Augenlieder nicht so vollstandig oflfnen
CILIARiNEURALGlE.
59 '
wie die eines gesunden Auges, weshalb das Auge kleiner erscheint
als das gesunde. In mehreren Fallen habe ich dabei ein haufiges
Blinzeln beobachtet. Alle diese Zufalle lassen nach, sobald dem Auge
Ruhe gestattet wird. (Vgl. Juengken, die Lehre von den Augen-
krankheiten. 2. Aufl. S. 105 und 814.)
Scholion. Man hat diese Erscheinungen bisher als Affection des
Sehnerven betrachtet, doch ganz mit Unrecht, denn dem opticus ist
jede andre Empfindung ausser der des Lichts und der Farben fremd,
und seine Hyperasthasie offenbart sich nur durch Lichtphanomene,
so wie seine Anasthasie durch Unfahigkeit Licht und Farbe zu em-
pfinden. Mit dem Gefuhlsreitze der Lichtstrahlen hat der opticus
nichts zu thun, woran jeden Zweifel die wichtige Beobachtung nimmt,
dass Amaurotische an Photophobie leiden konnen. (S. die Schilde-
rung der optischen Anasthasie.) Die Storungen in der Energie des
Sehnerven bei der Neuralgia ciliaris bekunden, in welchem nahen
Verhaltnisse der Gefiihlsnerv des Sinnesorgans zu dem eigenthum-
lichen Sinnesnerven steht, was auch durch die Anasthasieen erwiesen
wird. Unter den andern Symptomen der Ciliarneuralgie sind noch
das Thranen und die Rothung als trophische Erscheinungen bemer-
kenswerth. Einige Augenarzte wollen auch eine Neuralgie der Thra-
nendriise beobachtet haben, welche sich durch stechende Schmerzen
in der Gegend der gland, lacrim., durch Lichtscheue und Empfind-
lichkeit des Auges, und durch ein periodisches Thranen kundge-
ben soil.
Die Ur sac he n der Ciliarneuralgie haben entweder in dem peri-
pherischen oder centralen Apparat der Ciliarnerven ihren Sitz. Das
Erstere ist der Fall bei Entzundungen, zumal scrofulosen, gichtischen
und syphilitischen, und bei Blennorrhoen des Auges, oft nur in einem
Auge. Centrale Anliisse, wodurch fast immer heide Augen betheiligt
werden, sind scrofulose Diathesis, Entwicklung der Pubertiit, das
Puerperium, vorangegangne Krankheiten, z. B. exanthematische, Ma-
^sern und Scharlach, congestiver Zustand, Siifteverlust, zumal sper-
matischer, Helminthiasis, iibermassige Anstrengungen der Augen durch
feine Arheiten in hellem Lichte, gleichzeitige Anstrengungen des
60
CIL 1ARN EURALG IE.
Geistes und der Augcn; seltner ist Mangel an Uebung des Augesund
Entziehung des Lichtreitzes schuld. Zur Hernicranie und Hysterie
gesellt sich die Ciliarneuralgie liaufig.
Die Ileil ung ist im Allgemeinen schwierig, bcsonders derjenigen
Form, vvelche man das reitzbare oder empfindliche Auge nennen
kann. Je Dinger die Dauer, je schwieriger die Ermittelung oder Be-
seitigung der Ursachen, um so weniger Disst sich" boffeh. Hinzutritt
von Amaurose ist zuweilen beobachtet worden.
Die technische Bella nd lung muss mehr eine diatetische als
pharmaceutische sein. Der Einfluss des Lichtes werde modificirt, nicht
entzogen, wofern nicht coexistirende Krankheiten des Auges das letz-
tere erheischen. Schneller Wechsel der Beleuchtung muss vermieden
werden. Mit Augenschirmen, einem breiten Rande der Kopfbedek-
kung, blauen Brillen schiitze man das Auge vor grellem Lichte.
Wechsel dcr Uebung ist heilsam : Beschaftigung in grosser Niihe ver-
tausche man mit einer in der Feme; der Anblick gruner Fliichen
wirkt wohlthatig, so auch Aufenthalt in freier trockner Luft, und der
Gehrauch kalter Bader und Waschungen desKorpers. Wo scrofulose
Anlage vorhanden, eignen sich Sool- und Seebader und ol Jecor.
aselli: sind schwachende Einfliisse vorhergegangen, eisenhaltige Mit-
tel und Bader. Gegen reitzbare Schwache sind kalte Begiessungen des .
Kopfes und Molkenkuren zu empfehlen. Bei plethorischem und con-
gestivem Zustande diirfen Blutentleerungen, besonders durch Schropf-
kopfe in den Nacken, durch Blutegel hinter den Ohren u. s. w. nicht
vernachliissigt werden. Unter den ortlichen Mitteln sind reitzende und
erhitzende durchweg zu vermeiden. Am meistcn riihmt Juengken
(1. c. S. 812) die kalte Augendouche, besonders mit kohlensaurem
Wasser, welche tiiglich zweimal, !/2 Stunde lang, gebraucht werden
muss. In mehreren hartnackigen Fallen, wo kein andres Mittel biilf-
reich war, hatte das Anstromen der reinen Kohlensiiure gegen die
Augen den ausgezeichnetsten Erfolg.
NEURALGIEEN DES SCHENKELGEFLECHTS.
61
IVenralgleen des Schenkelgeflechtes.
Es ist kein Zeichen vorschreitender Beobachtung, dass bis auf die
neueste Zeit die Ischias als einziger Reprasentant der Neuralgieen
der untern Extremitaten aufgestellt worden ist, — und ware noch
ihr Bild treu der Natur entnommen worden! Taglich lehrt die Er-
fahrung, dass es keinen Hautnerven des plexus lumbalis jind sacralis
giebt, vom Schenkelbogen bis zur Zehenspitze, welcher nicht neural-
gisch afficirt werden konnte, allein die Tradition von einem Schmerze,
der dem Laufe des Nerven-Stammes folgen soil, lenkt die Aufmerk-
samkeit ab, und mit uncritischen Termen, wie etwa rheumatische,
hamorrhoidaliscbe Schmerzen u. dgl. m., wird gewohnlich der Man-
gel diagnostischer Einsicht verdeckt.
Der untre Theil des Schenkelgeflechts leidet ofter neuralgisch als
der obre; Schmerzen in der ischiadischen Bahn kommen haufiger vor
als in der cruralen. Betrachten wir daher jene zuerst
Neuralgia iscliiatlica.
Ischias nervosa postica Cotunnii. Hiiftweh.
Schmerz im Gebiete der Hautnerven des Ischiadicus ist der Grund-
zug dieser Krankkeit, topisch verschieden, je nachdem die Fasern der
hoher oder tiefer abgehenden Cutanei, je nachdem mehr oder weni-
ger zugleich afficirt sind. Wo der hintre, mittlere und untre Haut-
nerv, wie es haufig der Fall ist, Sitz der Neuralgie sind, nimmt der
Schmerz die hintre und seitliche Flache des Oberschenkels ein, bis
zur Kniekehle und weiter herab bis zur Wade. Nicht so oft ist der
oberflachliche Ilautast des peronaeus befallen, wobei der Schmerz
sich in der Ilaut der aussern und vordern Flache des Unterschenkels
und in der Ilaut der aussern und innern ITalfte des Fussruckens, den
Zehen entlang, verbreitet. Haufiger leidet der lange Hautnerv des
tibialis und offenbart den Schmerz am aussern Knochel und aussern
Fussrande. Selten geben die Plantar-IIautnerven den Sitz ab, mit
62
NEURALGIE DES HttFTNERVEft
Ausnahme des n. tibialis exterior, der den hintern Theil der Sohle,
die Ferse versorgt.
In diesen Regionen verbreitet sich der Schmerz, entweder blitzes-
schnell hervorstrahlend, ab warts, aufwarts, schneidend, zerreissend,
brennend, von ausserordentlicher Heftigkeit, durch oberflachliche Be-
riihrung gesteigert, oder sich allmahlich fixirend mit bohrendem,
quetschendem Gefiilde. Gleichzeitig hat der Kranke oft eine driik-
kende, schmerzhafte Empfindung in der Niihe des Sitzbeinhbckers,
nicht weit vom Austritte des Hiiftnerven, und Schmerzen im Kreutze.
Am heftigsten ist der Schmerz in der Plantar-Neuralgie, wovon ich
unlangst bei einer 54jahrigen Frau einen Fall von 1 2w6chentlicher
Dauer beobachtet habe, dessen Quaalen denen des tic douloureux
gleichkamen. Hugh Ley fuhrt zwei ahnliche Beispiele an [Essay on
laryngismus stridulus. London 1 836, p. 307.) und Descot theilt
einen'von Richerand beobachteten Fall mit, wo die Application des
gluhenden Eisens auf die Fusssolde von Erfolg war. ( Dissert . sur les
affections locales des nerfs. Paris 1825, p. 305.)
Der ischiadische Schmerz bildet Anfalle von verschiedner Dauer,
mit remittirendem, selten intermittirendem Typus. Im Anfange der
Krankheit sind sie naher an einander, im weitern Verlaufe aus ein-
ander geruckt. Die Anfalle zeigen sich gegen Abend und im Anfange
der Nacht, die Intervalle in den Vormittagstunden.
Fast immer ist diese Neuralgie halbseitig, eben so oft am linken
als rechten Fusse. Beispiele von gleichzeitiger Affection beider untern
Extremitiiten sind sehr selten, mit Ausnahme der Plantar-Neuralgie.
Die Bewegung, besonders des Unterschenkels und Fusses, ist schmerz-
haft, erschwert, verhindert. Wahrend des Anfalls ist es schwierig eine
erleichternde Lage ausfindig zu machen. Einige halten das Bein ge-
streckt, andere gebogen, oder wechseln damit ab. Auch andre Sto-
rungen der Motilitat kommen ofters vor, Contractionen der Muskeln,
Schwache, Paresis..
Die Temperatur des neuralgischen Fusses ist selten erhoht, die
Farbe unverandert, sowohl in als ausser dem Anfalle. Nutritive Er-
scheinungen, Zunahme oder Schwinden, sind selten.
NEURALGIE DES HCFTNERVEN.
63
Ausser Verstopfung des Stuhlgangs, welche gewohnlich das Hiift-
weh begleitet, zeigt sich keine erhebliche Storung in den iibrigen
Functionen. Nur zu Anfange machen sich ofters Fieberbewegungen
bemerkbar.
Die Dauer der Krankheit als Totalitat belauft sich von 3 — 4 Wo-
chen bis auf mehrere Monate. Eine Neigung zu Recidiven waltet vor.
Complication mit andern Neuralgieen ist selten. C o t u g n o (de ischiade
nervosa commentarius. Vienn. 1770, p. 58) hat zuweilen eine Ver-
bindung mit Neuralgia ulnaris beobachtet. Neuralgia muscularis
der Gastrocnemii ist ofters ein Begleiter. Es pradisponirt das mittlere
Lebensalter, vom 40. bis 60. Jahre; das kindliche bleibt verschont.
Das mannliche Geschlecht soil nach Home’s Beobachtung haufiger
der Krankheit ausgesetzt sein, als das weibliche, was sich nach mei-
ner Erfahrung nicht bestatigt. Ein endemischer Einfluss ist zu ver-
muthen. So kommt sie in Neapel nach Cotugno’s Aeusserung oft
'vor, wiihrend sie in Berlin zu den seltneren Krankheiten gehort.
- Jahreszeiten stehen ofters zu den Recidiven in einer bestimmten Be-
?ziehung. Nach Cotugno, dem genauesten Beobachter dieser Krank-
heit, nehmen die Schmerzen bei herrschendem Sudwinde und feuch-
tem Wetter zu, und lassen nach bei Nordwind und heiterer Luft.
Unter den Ursachen gehoren Intestinal- und Uterin-Einflusse zu
den haufigeren : Anhiiufung von Excrementen, eingekeilter Kindes-
l kopf, lange Geburtsarbeit; zuniichst korperliche Anstrengungen : Auf-
heben und Tragen schwerer Lasten, starker Fall, Ertniidung durch
forcirte Marsche, durch anhaltendes Reiten, dann Bleiintoxication,
rheumatische Anlasse : Liegen des erhitzten Korpers oder baarfussi-
.ges Stehen auf feuchtem, kaltem Boden. Metastatische Vorgiinge:
, jahe oder allmahliche Unterdriickung gewohnter Blutflusse, zumal
der Hamorrhois und Menstrua, Arthritis; dyscrasische Verhaltnisse,
.Syphilis.
Diagnostisches. Bis auf die neuesteZeit hat ein an den Stamm
! des Huftnerven gebundner Schmerz fur das palhognomonische Merkmal
der Ischias gegolten. Allein in der Wirklichkeit lasst sich ein solcher
ILauf des Schmerzes in zwei Stromen nach der Verbreitung des
G4
NEURALGIE DES HCFTNERVEN.
n. tibialis und permaeus, nicht nachweisen. Hier, wie iiberall, wird
der Sclimerz, nacli der Norm der excentrischen Frscheinung, in den
iiussersten Enden der ischiadisclien Ilautnerven empfunden, wovon
ich mich durch sorgfaltige Beobachtung iiberzeugt babe. Nur an einer
Stelle des Stammes, nicht weit von seinem Austritte aus der Becken-
holile, in der Nahe des Sitzbeinhockers, klagen die Kranken oft iiber
einen fixen Sclimerz, gleichzeitig mit dem Schmerze in den subcutanei.
Diese Erscheinung hat mit derjenigen Aehnlichkeit, welche beim
Schlag oder Stoss eines Nervenstanimes, z. B. des ulnaris, erfolgt, wo mit
den Empfindungen in den aussern Tbeilen zugleich ein heftiger Scbmerz
an der getroffnen Stelle des Stammes sich kundgiebt, und wovon
bislier noch keine geniigende Erklarung bat gegeben werden konnen.
Zu unterscheiden ist die Neuralgie des Hiiftnerven von dessen M it-
em pfind ungen, die sich haufig auf hysterischer Basis, bei krank-
haften Veranderungen des Mastdarms, und zuweilen bei Stricturen
der Harnrohre einfmden.
Hemmend fiir die vollstandigere diagnostische AufFassung der Ischias
war die ausschliessliche Beriicksichtigung des Hiiftnerven in seinem
Verlaufe am Beine. Auch hier wurde der Begriff eines peripherischen
Nerven auf seine zu Tage gehende Faserung beschrankt, und der in
Hohlen und Gangen verborgne Lauf iibersehen. Nehmen wir aber
die seltnenFalle von Neuritis ischiadica aus, in Folge von Verletzun-
gen, Ulcerationen etc. des Schenkels, so ist es just die in der Becken-
hohle, im Lumbar- und Sacralgeflechte, und in der Nahe des Buk-
kenmarkes befindliche Partie des Hiiftnerven, welche durch gewisse
Anliisse gereitzt, die neuralgischen Symptome am Beine, nach der
excentrischen Norm, hervorruft. Von diesem Umstande sind auch
sowohl die Mitempfindungen als die gleichzeitige Theilnahme der
Motilitat abhangig. Als Mitempfindung ist der Kreuzschmerz zu deu-
ten, welcher mehrentheils vorhanden ist, so wie sich die Affection
der motorischen Fasern, die, den sensibeln im Ischiadicus angelagert,
von demselben Einflusse meistens mitgetroffen werden, in dem W a-
denkrampfe, im Zittern der Muskeln, in der gehinderten Beweglich-
65
NEURALGIE DES HOFTNERVEN.
keit zur Genuge ausspriclit. Diese Erscheinungen sind recht deutlich
ibei einem schweren Gebaracte, wo durch den im Uterus eingekeilten
iKindeskopf der plexus ischiadicus gereitzt wird. Die Kreissende fiihlt
niclit nur im Kreutze den schneidenden durchdringenden Schmerz,
auch in den Schenkeln, in den Waden, in den Zehen, je nach-
dem die iscbiadiscben Hautnerven, einzeln oder mehrere, in der Bek-
kenbohle gereitzt werden. Zugleich finden sich schmerzhafte Mus-
kelcontractionen, besonders der Gastrocnemii, ein. Die Reitzung, in
welche der Hiiftnerv durch diesen Anlass gerath, kann so betracht-
lich sein, dass auch eine nachhaltige, nach der Entbindung fortdauernde,
und gefahrdrohende Affection sich ausbildet. Bisher habe ich drei
'solcher Fiille zu beobachten Gelegenheit gehabt.
Die Krankheit befiel nur ein Bein und begann sowohl mit Schmerz-
empfindung als mit gestorter Motilitat. Bei der einen Wochnerin
vvurde das Bein unter den heftigsten Schmerzen convulsivisch in die
IH5he geworfen, bei alien dreien war das Bewegungsvermogen gehin-
i dert. Der Schmerz tobte sowohl im Oberschenkel als in der Waden-
igegend, besonders heftig in den Zehen und der Fusssohle. Obgleich
weder die Warme vermehrt, noch Geschwulst oder Rothe bemerkbar
war, so reichte eine leise Beriihrung hin, den Schmerz aufden hoch-
^sten Grad zu steigern, weshalb auch die Kranken ihren Fuss unver-
riickt in derselben Lage erhielten und flehentlich baten, ihn nicht zu
tberuhren. Starkes Fieber mit einer Pulsfrequenz von 120 — 130
“Schlagen, Schlaflosigkeit, Verstopfung, Verminderung und Unterdriik-
Muing der Lochien begleiteten die Schmerzen, die gegen Abend und
i in der Nacht exacerbirten.
Bei geeigneter Behandlung liessen die heftigen Schmerzen und das
I Fieber binnen 14 Tagen nach, allein die Convalcscenz zog sich lange
I ain, und in alien drei Fallen sind Storungen der Sensibilitiit und Mo-
' ilitiit des afficirten Beins zuruckgeblieben; bei der einen Frau An-
isthasie der Fusssohle, so dass sie das Einstechen einer Stecknadel
licht fiihlt, bei den beiden andern ein lastiges Gefiihl von Schwiiche
)ei Anstrengungen und Bewegungen des Fusses.
Romberg's Nervenkrankh. 1. 5
6fl NEURALGIE DES llOFTNERVEN.
Zwei von diesen Kraoken, aus niederm Stande, von ungeschickter
Hand mit der Zange entbunden, waren schon 48 Stunden daraui’
vom Schmerze befallen worden. Die dritte, eine 20jahrige zartge-
baute Dome, war von einem unsrer erfahrensten Geburtshelfer mit
der Zange entbunden, und am elften Tage in diese Krankheit
verfallen. (
Die ischiadiscbe Neuralgie von andern schmerzhaften AfTectionen
des Beines zu unterscheiden, ist in einigen Fallen Ieicht, in andern
schwierig. Mit acutem Rheumatismus, mit podagrischen Schmerzen
wird so Ieicht keine Verwecbslung stattfinden konnen. Auch in Be-
trefF der Coxalgie glaubte man in den ortlichen Erscheinungen am
Gelenke und Trochanter und in den Verschiedenheiten des Langen-
maasses des Gliedes diagnostische Criterien zu besitzen. Allein abge-
sehen von der schwierigeren Beurtheilung bei Complication beider*
Zustiinde (Rust, uber die Verrenkungen durch innere Bedingung.
S. 53.), abgesehen davon, dass auch in der Ischias durch spastische
Muskel-Contraction der leidende Schenkel tiefer in die Pfanne gedriickt
werden kann, und kurzer erscheint, als der gesunde, so giebt es Af-
fectionen der Gelenke, welche in das Bereich der Neuralgieen gebo-
ren und zuerst von Brodie genau beschrieben worden sind. (Lectu-
res illustrative of certain local nervous dffections. London 1837./). 34.)
Oft beziehen sich die Symptome auf das fliiftgelenk. Die Kranken
haben Schmerz in der Hufte und im Knie, vermehrt durch Druck
und Bewegung, und behalten eine fixe Lage des Gliedes bei. Der
Schmerz beschrankt sich nicht auf eine Stelle, sondern verbreitet sich
iiber den ganzen Schenkel, und uberall sind die Hautdecken mehr
als die tiefer gelegnen Theile Sitz der schmerzhaften Empfindlichkeit;
es werden die BJagen lauter, wenn man die Haut aufhebt und kneift,
als wenn man den Schenkelkopf fest in die Pfanne presst. Ist die
Aufmerksamkeit grade auf die Untersuchung gerichtet, so wird der
Schmerz durch die letztere gesteigert, dagegen in belebter Conversa-
tion derselbe Eindruck kaum schmerzhaft ist. Es fehlt die Atrophic
der Glutaei, die Abflachung der Hinterbacke. Das gnnze Ansehen
NEURALGIE DES HCFTNFRVEN.
67
des Gliedes ist verscliieden von demjenigen bei Desorganisation des
iGelenkes. Zuweileu zeigt sich eine Anscliwellung des Schenkcls und
der Hinterbacke, in seltneren Fallen sogar eine circumscripte Ge-
'Schwulst, allein der Verdacht auf Abscess rechtfertigt sich nicht : es
bildet sich keine Fluctuation und die Erscheinung lasst sich nicht
besser vergleichen, als mit einer Nesselquaddel von ungewohnlicher
iGrosse. Ohgleich keine Entstellung durch Abflachung der Hinter-
ibacke vorhanden ist, so zeigt sich doch nicht selten eine andre, niirn-
lich eine Hervorwolbung des Beckens nach hinten, wohei es zugleich
auf der kranken Seite in die Hohe steht, so dass es einen spitzen
'Winkel, statt eines rechten, mit der Wirbelsaule bildet. Dadurch
ist das Glied scheinbar verkurzt, und der Ilacken beruhrt beim Ste-
hen nicht den Boden. Dies ist dieFolge einer pradomiuirenden Action
Lgewisser Muskeln, und andauernder Nachgiebigkeit gegen eine ab-
inorme Stellung. — Ein merldicher Wechsel von Hitze und Kiilte
i findet zuweilen nicht bloss im Gelenke, sondern im ganzen Gliede
'Halt. Dasselbe ist des Morgens kalt, von blasser, livider Farbe, Nach-
nuittags warm, Abends heiss mit angefiillten Gefassen und gliinzender
JHaut. Auch spastische Zufalle in den Muskeln des afficirten Gliedes
>ind nicht ungfcvvohnlich. So erfolgen convulsivische Bewegungen
nach Kneifen oder ganz leichter Ber’uhrung der Integumente, welche
nit den Bewegungen in der Chorea Aehnlichkeit haben. Manchmal
1 .vird auch das Glied von Zuckungen heftig in die Hohe geworfen.
I n diesen Fallen ist auch immer ein Gefiihl von Schwache vorhan-
i ien, welches zuletzt beim Nachlasse der Schmerzen pradominirt. Ein
1 olcher Zustand dauert Wochen, Monate, Jahre lang, ohne weitere
lble Folgen. Die Kranken sind fast immer weiblichen Geschlechts,
inehrentheils uher das Alter der Pubertiit nicht hinaus, leiden ofters
■u Lnregelmiissigkeit der Menstruation, und haben eine hysterische
)iathesis. Hysterische Anfalle gehen vorher oder folgen, mit gegen-
eitiger Erleichterung und Nachlass. Zuweilen ging auch eine schwere
irankheit voran, mit Hinterlassung einer grossen Erschopfung, oder
in deprimirender Gemfithsaflfect.
(18
ISEURALGIE DES Ilt)FTNERVEN.
Die anatomise he Kenntniss tier Ischias ist aus demselben
Grunde zuriickgebliebcn wie die diagnostische. Nur auf die Schen-
kelbahn des Hiiftnerven war die Aufmerksamkeit gerichtet. Allein
mit Ausnahme der seltner vorkommenden Neuritis oder der Verdik-
kung und Verhartung einzelner Nervenzweige in der Nahe alter Ge-
schwure oder der tuberc. dolor, hat sich in den bisber untersuch-
ten Fallen, selbst bei langer Dauer der Krankheit, keine Yerande-
rung von Belang in dem Laufe des Nerven am Beine dargeboten.
So wurde bei einer 87jahrigen Frau, die uber 40 Jahr an der
Ischias gelitten hatte, die Scheide des Nerven ein wenig lockrer als im
normalen Zustande und die Venen im obern Theile des Nerven va-
ricos gefunden. Die variedse Ausdehnung der Yenen fand auch Bi-
chat bei einem Kranken. ( Dictionn . des scienc. medic. T. 35. p. 504.)
Selbst an einem erdichteten Befunde fehlt es nicht, wobei man noch
immer auf Cotugno sich zu berufen beliebt: es ist die Ansamm-
lung seroser Fliissigkeit in den Scheiden der ischiadischen Nervenfa-
sern. Allein die Leichenoffnung, wovon die Rede, geniigte dem be-
ruhmten Neapolitanischen Arzte selbst so wenig, dass er bemerkt:
Sed quin haec dissectio mihi pro eo ac voluissem satis faceret, plurima
obstitere (l. c. p. 67.) und an einer andern Stelle gar keine Riicksicht
darauf nimmt, indem er ausdriicklich sagt: Quern (sc. nerv. ischia-
dicum) elsi fors non tulerit unquam in ischiadici cadavere investigare,
quod hac ischiade peremtus nemo nobis o ccurrer it , nun -
quam tamen dubiam morbi sedem stabilivisse putavi. (p. 11.) Der
Fall betraf einen nach vorangegangenen ischiadischen Schmerzen und
gastrisch nervosem Fieber verstorbnen Menschen, mit Oedem beider
Unterschenkel, wo nur der Huftnerv der leidenden Seite untersucht
wurde, und derselbe von dunklerer Farbe angetroffen wurde. Die
Scheide war dicker als im normalen Zustande und von der Mitte des
Schienbeins abwiirts mit einer grosseren Menge seroser Feuchtigkeit
angefullt. YFegen vorgeschrittner Putrescenz ward die Untersuchung
des andern Hiiftnerven unterlassen, so dass nicht einmal ein Yergleich
angestellt werden konnte. .
NEURALGIE DES HOFTNERVEN.
69
Nur durch eine umfasseiidere Untersuchung tier ischiadischen Ner-
'venbahn lasst sich die anatomische Liicke in der Geschichte dieser
iKrankheit erganzen. Wo sich die obschon seltne Gelegenheit darbie-
tet, die Section eines mit Ischias Verstorbnen zn machen, versaume
man nicbt den peripherischen Lanf des Hiiftnerven in der Becken-
hohle, im Lumbar- und Sacralgeflecht, in dem Wirbelkanal zu un-
tersuchen, so wie auch das Riickenmark selbst: nur dann erst kann
man sicb begnugen.
In der prognostischen Beurtheilung dcr Ischias kommt die
.grosse Neigung zu Recidiven in Betracht, und der missliche Hinzutritt
von Paresis. Beispiele von vollstandiger Genesung sind iiberbaupt nicbt
haufig : erhohteEmpfindlichkeit oder dumpfes Gefiihl von Erstarrung
I bleibt gewohnlich noch geraume Zeit in dem afficirten Beine zuruck.
Die Naturheilung findet statt in Form der Lysis, oder unter
lAritischen Erscheinungen, Diarrhoa, Menstrua, Lochia, Hamorrhois.
"Selten ist das Abwechseln der Ischias mit andern Neuralgieen.
T e c h n i s c h e B e b a n d 1 u n g. — W orauf zuerst die Aufmerksam-
Ueit zu richten, ist die Untersuchung der Verhaltnisse des Blutes zur
VVeuralgie. Sclion der jahe Eintritt der Ischias bei plethoriscben Men-
jchen bedingt nicbt selten einen fieberbaften, selbst entzundlichen
'?ustand, von Cotugno als eignes inflammatorisches Stadium bezeich-
let, welcher bei unterdruckten Menses oder Hamorrhois um so leich-
er sich ausbildet. Das Yerfahren ist hier das antiphlogistische. Bei
msgeprligtem entzundlichem Charakter ist ein Aderlass indicirt, nacb
Jmstiinden wiederholt, von altern Autoren am leidenden Fusse an-
;m|)fohlen. Ist hiezu keine Aufforderung, so begniige man sich mit
trtlichen Blutentleerungcn, Scbropfkopfen und Blutegeln an dieLum-
oar- und Sacralgegend, an den After.
Zuniichst ist die causale Indication zu erfullen. Auf die Organe der
deckenhoble nehmc man besondere Rticksicht. So findet im Darm-
^anal nicht selten lange Yerhaltung excremenliliellcr Massen statt,
nit deren Ausleerung der Nachlass der Neuralgie gleichcn Schritt
dilt. In Bctrefi' des Uterus muss bei eingekeiltem Kindcskopfc die
70
NEURAL G IE DES ffCFTNERVEN.
Entbindung beschleunigt werden : hei zuriickbleibender entziindlicher
Anschwellung des Organs ist die Anwendung orllicher Blutentlee-
rungen nothweudig. So liess ich in den obeu angefuhrten Fallen mit
Nutzen Blutegel in die regio iliaca und in die Gegend der Lenden-
wirbel setzen, daratif Einreibungen mit ung. neapol. und grpssen Do-
sen Opium machen, und gelinde purgiren. Gegen die auch nach
leichten Entbindungen nicht selten zuriickbleibenden ischiadischen
Scbmerzen empfiehlt Dr. v. Basedow (Wochenschr. fur die ges.
ITeilk. Jahrg. 1838. S. 030.) als sicherstes Beruhigungsmittel die
Einwickelung des Unterschenkels von den Zehen an bis uber die
Kniebeuge hinauf, und wiederholtes Anlegen der Binde, so oft der
Schmerz zuruckkehrt.
Metastatische und dyscrasiscbe Vorgange werden nach den be-
kannten therapeutisclien Maximen behandelt. Die heilkriiftige Wir-
kung des Quecksilbers bei syphilitischer Grundlage mag wolil zu dem
Lobe beigetragen haben, welches dem Gebrauche des Calomel in der
Ischias zu Theil geworden ist. Fothergill (Sammtl. medic, u. phi-
los. Schr. Uebers. 2. Th. S. 73.) empfiehlt 1 Gr. Calomel in Pillen-
form des Abends zu nehmen und eine Mixtur mit 30 Tropfen vin.
andm. u. 25 Tr. tinct.theb. nachzutrinken. Zeigt sich recht bald eine
Wirkung, so soli die Dosis des Calomel auf 2 Gran, einen Abend
um den andern, erhoht werden: bei Nachlass des Schmerzes wird
Opium und Antimon. ausgesetzt. „Selten habe ich ein wahres H'uft-
weh gefunden, versichert Fothergill (und glucklich genug war er,
es so getroffen zu haben) welches nicht in Zeit von etlichen Wochen
auf dieses Verfahren gewichen ware, und eben so selten habe ich
einen Ri'ickfall beobachtet.“
In der hysterischen Gelenkneuralgie, wie sie Brodie beschrie-
bcn hat, sei man .eingedenk, dass hysterische Zufiille nicht selten
plotzlich verschwinden, olme merkbarcn Anlass ihres Aufhorens
und dass die Genesung oft unmittelbar nach einem starken Ein-
druck auf das Nervensystem, welchcr Art er auch sei, erfolgt.
So kommep die verschiedensten Dinge in den Ruf grosser Heil-
NEURALGIA DES HCFTJNERVEJN.
71
kraft, moralische und pnysische Einfliisse. Zu liiiten hat man sich
vor Blut entleerenden, schwachenden Mitteln, insbesondere aber
vor Anweiidung von Exutorien und Gegenreitzen, welche die Auf-
inerksomkeit der Krauken auf die ortlichen Beschwerden stets rege
erbalten. Travers empfiehlt Binden des afflcirten Theils ( a further
inquiry concerning constitutional irritation and the pathology of the
nervous system-. London 1835 p. 272.) Trage Ruhe muss vermieden
vverden, daher auch selten eine wirklicbe Besserung zu Stande kommt,
so lange die Krarike am Lager haftet. Der Schmerz kann wohl nach-
lassen, allein es folgt ein Gefubl von Schwache, welches am Gehen
binderlicher ist als der Schmerz selbst, und im Verhaltnisse zur Dauer
des Liegens zunimmt. In Betreff der allgemeinen Behandlung ver-
weise ich auf die Exposition der Hysterie.
Bleibt nach gewissenhafterErfullung causaler Indication der Schmerz
unverandert, oder lasst sich, was oft genug der Fall ist, keine Ursache
mit Sicherheit ermitteln, so eignet sich das Verfahren, welches die
Neuralgie selbst sowohl mittelst gewisser Stoffe, als durch Ableitung
und Uebertragung, zum Gegenstande der Kur macht. Unter jenen
Mitteln hat sich das oleum ter ebinthinae recti ficcitum (s. aethe-
reum, spiritus Terebinth.) den grossten Ruf erworben, welches zu-
erst von Cheyne im J. 1722 (on the gout §. 7 1)N empfohlen, von
Franz Home (Clinische Versuche, Kraukengeschichten und Leichen-
offnungen. Aus dem Engl, ubers. Leipzig 1781 S. 279 — 304.) und
in neuerer Zeit von Recamier und Martinet (Memoire sur I’em-
ploi de lliuile de lerebenthine dans la sciatique et quelques autres neu-
ralgies des membres. Paris 1823.) mit grossem Erfolg gebraucht
worden ist. In diesem Lobe slimmt meine Erfahrung uberein : ich
habe von keinem andern Mittel eine so schnelle Linderung und Hei- .
lung gesehen wie von diesem, doch verhehle ich nicht seine Unwirk-
samkeit in andern Fallen, Auch habe ich Martinet’s Behauptung
nicht bestatigt gelunden, dass die specifische Wirkung des Terpen-
thinbls sicb durch einGeluhl vonWarme zu erkennen giebt, welches
sich vom Darmcanal aus auf den erkranklen IJidtuerven in seinem
72
NEURALGIE DES HtfFTNEUVEIN.
ganzen Verlaufe ausdehnt und zuweilen einen drtlichen Schweiss her-
vorbringt. Die Dosis ist von 15 — 30 Tropfen, die passendste Form
das Electuarium (Rr 01. Tereb. rectif. 3j Syr. Aurant. oder Mell. §jj
Ms. 2mal taglich einen Essloffel voll zu nehmen). Mit dem innern
Gebrauche kann man den aussern, als Einreibung des Beines,
verbinden.
Als ein andrer specifischer StofF ist auch gegen Ischias das Alka-
loid des Veratr. Sabadilla empfohlen worden (Ebers, das Yeratrin
und seine Wirkungen nach eignen Erfahrungen in der Wochenschr.
fur die ges. Heilk. 1835. S. 789.), hauptsachlich zum aussern Ge-
brauche in Salbenform (Pulv. Veralrin. B(3 — gr. XV. auf 1 Unze Ad.
Swill.) mehreremal des Tages eine Haselnuss gross in den Schenkel
einzureiben, bis sich ein Gefiihl von Erstarrung und Prickeln einstellt.
Die Beobachtungen sind noch zu gering an der Zahl, um das Lob
des Veratrins in der Ischias zu rechtfertigen.
Zum Sitze der Ableitung und Uebertragung sind seit alten Zeiten
Haut und Darmkanal gewiihlt worden. Griechische und arabische
Aerzte bedienten sich des Gluheisens in der Nahe der schmerzhaften
Stelle. Cotugno hat sich durch Empfehlung der Yesicatoria ein
Verdienst um die Behandlung der Ischias erworben, wenn auch seine
humoralpathologische Idee, dass die kiinstlichen Geschwiire eine attra-
birende Kraft besitzen und dadurch die in der Nervenscheide stok-
kende Flussigkeit herausziehen, keinen Eingang mehr Gnden wird.
Diejenigen Stellen am Beine werden fur die Application des Vesica-
torium gewiihlt, wo der Nerv am nachsten der Oberflache sicli befin-
det, das Kopfchcn des YFadenbeins, und eine 4 Zoll liber dem aussern
Knochel gelegne Stelle. Die Cantbaridenpasta wird auf ein G Zoll
langes und 4 Zoll breites Stuck Leinwand gestrichen und an der
aussern Seite des Kniees wie ein Strumpfband aufgelegt. Das Ge-
schwiir wird einige Zeit offen gehalten, doch nicht zu lange: eine
erneuerte Application ist vorzuziehen. Die abgesonderte Flussigkeit
bat oft eine ungemeine Scharfe und Zahigkeit. — Dieses Verfahren,
womit zweekmassig die endermatische Methode verbunden werden
NEURAL GIE DES SCHENKELN ERVEN.
73
kanu, hat sicli mir in mehreren Fallen inveterirten Hiiftwehes von
Erfolg erwiesen, obgleich nicht von so raschem, wie Colugno beo-
bachtet bat.
Die in iilterer Zeit ublicbe Ableitung auf den Mastdarm mittelst
scharfer Clysmata, so dass selbst eine entzundliche Reaction die Folge
war, ist mit Recht in Vergessenheit gerathen ; doch sind vor kurzem
in hartnackiger Isckias Clysmata aus ol. terebinth, zu 1 Unze pro
dosi, 1 — 2 mal tiiglich, empfolden worden. (Ducros in The Lan-
cet, Februar 17, 1838.J
Zur palliativen Linderung eignet sich vor allem der endermatische
Gebrauch des Morphium aceticum, zu y4, 1/3, lL gr., beim Eintritte
des Schmerzes auf das Vesicatorium aufgestreuet. Marcet riihmt
(med. chirurg. transact, vol. VII, p. 550.j das aus den Saamen der
Datura Stramonium bereitete Extract zu V4 — 1/2 gr., 3 mal taglich:
Cotugno den Gebrauch des Opium im Clystir.
Die Diat sei reitzmildernd, mit Vermeidung der Spirituosa und
gewurzhafter Kost. Das Lager kein Federbett, sondern Matratze.
Rewegung des Fusses, sowohl active als passive, ist beim Nachlass
des Schmerzes anzuempfehlen.
Gegen zuriickbleibende Paresis muss man zu belebenden Frictio-
nen, zur Electricitat, zur Douche, zu See-, Sool- und Eisenbadern,
zu den Thermen Gasteins und Wildbad’s seine Zuflucht nehmen.
Neuralgia crui*ali§.
Iscliias nervosa antica Cotunnii.
Scbmerz an der vordern innern Seite des Oberschenkels, im Ge-
bicte des obern Ilautnerven des cruralis (n. saplienus minor j und
im Knie ist das Criterium. Selten verbreitet er sicli in der Rabn des
Saplienus interims, bis zum Fussriicken und zum grosscn Zelie.
Die Storungen der Motilitat, welche gewobnlicb mit vorbanden
I
74 NEURALG1E DES SCHENKELNERVEN.
sind, betreffen den Oberschenkel, erschweren oder verhindern dessen
Beugung oder Streckung.
Die. Neuralgia cfuralis kommt weit seltner vor als die ischiadica ,
, mit welcher sie die iibrigen Merkmale gemein hat. Auch die atiolo-
gischen Momente sind nicht sehr verschieden. So tragen die in der
Beckenhohle gelegnen Organe, zumal der Darm, zuweilen die Schuld,
wozu folgender von Portal ( Cours d’ anatomic medicale T. IV, p. 27 6)
beobachtete Fall eine Erlauterung giebt. Eine Dame, deren Wirbel-
saule betrachtlich gekriimmt war, wurde 3 — 4 Stunden nacb dem
Essen von sehr heftigen Schmerzen in dem grossen Zehe des linken
Fusses befallen, welche kurzere oder langere Zeit anhielten und ge-
wohnlich nach einem copiosen Stuhlgange aufhorten. Elystire ver-
melirten die Heftigkeit des Schmerzes, bis sie entleert waren. Nach
ihrem an einem bosartigen Fieber erfolgten Tode fand man die letz-
ten falscben Kippen der linken Seite dergestalt in die Regio iliaca
einwarts gebogen, dass das S. Romanum dadurch comprimirt war,
und die in ihrem Durchgange aufgehaltnen Excremente die Nerven
des plexus lumbalis betheiligten. So entstand die Affection des n.
cruralis, welche sich in der Bahn des Saphenus internus, und zwar
nach der Norm der excentrischen Erscheinung, in der Fussspitze kund-
gab. Mayo (outlines of human pathology 1830, p. 83J erzahlt einen
Fall von so heftigen Knieschmerzen bei einem Frauenzimmer, dass
die Amputation des Schenkels fur nothwendig gehalten wurde. Sie
blieb ohne Erfolg, die Schmerzen dauerten fort. Die Kranke starb
ein Paar Jahre darauf. Bei der Section fand man die hintere Fliiche
des Riickenmarks mit Knorpel- und Knochenplattchen bedeckt.
Auch auf hysterischer Basis kommt die Neuralgia cruralis vor,
wie die ischiadica , und kann den Unaufmerksamen als Gelenkaffec-
tion tauschen. Das Knie ist sehr empfindlich, allein schmerzhafter
beim Kncifen der llaut, als beim Drucke. Diese Empfindlichkeit ist
noch in ciniger Entfernung vom Gelenke verbreitet, sowold nach
oben als unten. Die Kranke leidet wcniger bei der Untersuchung,
sobald ihre Aufmerksamkeit aul andre Gegenstiinde gerichtet wird,
I
INEURALGIE DES SCHENKELNERVEN.
75
und klagt auch nicht sehr, wenn man durch Druck auf die Ferse
die arliculirenden Flachen des Schien- und Schenkelknochens an
einander presst, wofern nur die Bewegung des Gelenkes selbst dabei
vermieden wird. Mehrentheils wird der Unterschenkel extendirt ge-
gen den Oberschenkel gehalten, wahrend in Gelenkkrankheiten das
Ivnie etwas gebogen ist. So konnen Wochen, Monate, Jahre hin- -
gehen und das Rnie behalt seine naturliehe Form und Grosse. Nur
zuweilen ist eine kleine Anschwellung bemerkbar, an der vordern
Fliiche, iiber und an der Seite des ligament, patellae, welche nicht
mit einer allgemeinen Geschwulst des Kniegelenkes verwechselt wer-
den darf,-sondern mehr die Folge unzweckmassiger Behandlung mit-
telst Gegenreitzung ist. ( Brodie lectures illustrative of certain local
nervous affections p. 40*)
Symptomatisch gesellt sicli die Neuralgie des obern Hautnerven
des cruralis zur Coxarlhrocace, und giebt sich als Rnie sch merz
(Gonalgia) kund, der dem Rranken jede Bewegung des Schenkels,
vorzuglich die AusstreckiAg des Rniees erschwert, zum Theil ganz
unmoglich macht und hauptsachlich in der Nacht tobt. (Rust, uber
die Verrenkungen durch innere Bedingung. S. 37.) Die Empfind- -
lichkeit des Rniees ist dergestalt erhoht, dass die leiseste Beruhrung
unertriiglich ist. Nack Rust begleitet dicser Schmerz nur das erste
Stadium, die Verlangerung des Schenkels, und entsteht durch die
Spannung der Muskeln und Nerven. Nach Strom eyer (De combi-
nalione aclionis nervorum el motoriorum et sensoriorum sive de sen-
suum impressionibus musculorum aclione effeclis. Erlangae 1S39.J
kommt er sowohl in der Periode der Verlangerung als der Verkur-
zung des Schenkels vor, und tritt uberhaupt da auf, wo durch einen
tonischen Rrampf des psoas und iliacus internus das HLiftgelenk in
Flexion erhalten wird, dahcr auch jeder Versuch dieses Gelenk zu
extendiren den Rnieschmerz steigert. Die mechanische Ansicht von
Spannung der Nerven wird mit Recht von Stromeyer verworfen,
denn iiussrer Druck und Pressen des Iliiftgelenkes vermehrt nicht
einmal den Schmerz im Rnie.
76
NEURALGIEEN DES ARMGEFLECHTS.
In Betreff der Bell and lung dienen die liir Neuralgia ischia&ica
gegebnen Hathschlage zur Richtschnur.
JVem*algieen «Ics Aringclleclits.
Die Neuralgieen kommen im plexus brachialis seltner vor als im
Schenkelgeflechte, und wo sie sich zeigen mehr als Mitempfindungen
denn als selbststandige Hyperasthasieen. Yorzugsweise befallen 3ie
den innern Hautnerven und die cutanei des Ellenbogennerven ; demge-
mass das Ulnargelenk, der vierte und fiinfte Finger Sitz der Schmer-
zen sind. Die Motilitat ist erschwert: uber Schwache des Arms kla-
gen die Kranken gewohnlich.
Fine neuralgische Affection der cutanei palmares und plantares
hat in den Jahren 1828 und 1829 epidemisch in Paris geherrscbt,
und den Namen Acrodynia erhalten. Die Kranken hatten, nach
Andral’s Schilderung (Vorlesungen iiber die Krankbeiten der Ner-
venheerde. Deutsch bearbeitet unter Redact, von Dr. Bell rend.
Leipzig 1838, S. 41 1) einen Schmerz, als ob man ihnen Nadeln in
das Fleisch stache, und Druck vermehrte denselben. Nacli Yerlauf
einer gewissen Zeit nahm er ab und verschwand sogar, allein die
Haut erbielt ihre normale Sensibilitat niclit wieder, sondern ward
unempfindlicher, roth, und die Oberhaut losete sicb in grossen Lap-
pen oder fast in einem St'ucke los. Darunter bildete sich zwar eine
neue Epidermis, allein aucli diese fiel ab und so wiederliolte sich die—
ser Wechsel von Abfallen und neuer Bildung 3 — 4 mal. Das Haut-
pigment veranderte seine Natur und die Ilaut ward schwarzlich braun,
negerartig. Bei einigen Individuen fand man ausser dem Schmerze in
den Handen und Fiissen weiter nichts bemerkenswerthes. Die Yer-
dauungswege litten in dieser Krankheit niclit sonderlich, und nur bei
einigen fehlte der Appetit. Die Dauer erslreckte sich auf 4, 6 Wo-
chen und noch langere Zeit. Die Epidemie herrschte nur wahrend
des Sommers: im Winter verschwand sie, an ibre Stclle trat die
NEURALGIEEN DES ARMGEFLECIITS.
77
Grippe, welche ihrerseits wieder der Cholera Platz machte. Die Pro-
.gnose war niclit ungiinstig, und es ist kein einziger an der Krankheit
selbst, sondern nur an intercurrenten Zustiinden sind einige gestor-
ben. Die mit der grossten Genauigkeit angestellten LeichenofFnungen
haben keine Aufklarung gegeben. Die Ursachen der Krankheit sind
bis jetzt noch ganzlich unbekannt. Was man weiss, ist, dass sie haupt-
sachlich die armere Klasse ergrifF und in den volkreichsten Quarti-
ren vorzugsweise herrschte. Ihre nicht contagiose Natur ist noch
nicht bewiesen. So vieler Methoden und Mittel man sich auch zur
Behandlung bedient hat, lasst sich doch von keinem Yerfahren sagen,
es sei glucklich gewesen. Gegen das Ende der Epidemie beschrankte
man sich darauf, einfache oder erweichende Bader, nebst Fomen-
tatiouen, Frictionen und erweichenden und narcotischen Cataplasmen
zu verordnen.
Unter den Ursachen der Neuralgieen des plexus brachialis ist Blei-
vergiftung eine der haufigeren : auch Krankheiten der Leber und be-
sonders des Herzens haben diese Neuralgieen in ihrer Eegleitung.
Wie an den untern Extremitaten, so bieten sich auch zuweilen an
den obern neuralgische AfFectionen der Gelenke dar, zumal des Schul-
tergelenks, welche bei mangelnder Aufmerksamkeit mit entzundli-
chen und desorganisirenden Vorgangen des Gelenks verwechselt wer-
den konnen. Rust (iiber die Verrenkungen durch innere Bedin-
gung etc. S. G3) hat bereits bemerkt, dass durch die Heftigkeit der
Schmerzen und durch die krampfhafte Zusammenziehung der Mus-
keln der Oberarmkopf starker an die Gelenkflache des Schulterblatts
hingedruckt wird und daher zuweilen kiirzer erscheint ; allein die an-
dern Yeranderungen der Gestalt und Lage der Theile, welche sich
im Laufe der Omarthrocace hinzugesellen, fehlen in der neuralgischen
AfFection.
Hinsichtlich der Behandlung verweise ich auf die ischiadische Neu-
ralgie. Jedoch hat man sich von dem Gebrauchc der in den Neural-
gieen des Schenkelgeflechts so wirksamen Abfuhrungsmittel weniger
zu versprechen. Von der Application der Vesicatorien sah Cotugno
i
78
MASTODYNIA.
(de ischiade nervosa commenlarius. Viennae 17 70, p. 110,’ in fiinf
Fallen von Neuralgia cubitalis den entschiedensten Erfolg.
In das Bereich der Neuralgieen spinaler Bahnen gehort auch die
schmerzhafte Affection der Brustdriise, welche man in neuerer Zeit
durch Astley Cooper naher hat kennen lernen.
Ittastodynia neuralgica.
Astlcii Cooper, illustrations of the diseases of the breast. Part. I. London
1829, p. 76.
Eine oder mehrere Stellen der Brustdruse werden sehr empfind-
lich und schmerzhaft bei der Beruhrung. Der Schmerz hat Aehnlich-
keit mit dem Tic douloureux, schiesst wie ein electrischer Schlag
durch die Brust und die benachbarten Nerven, nach der Schulter und
Achsel, in die innere Seite des Ellenhogens und in die Finger, zuwei-
leu auch his zur Hi'ifte herab. Auf seiner Hohe gesellt sich oft Er-
hrechen hinzu. Die Kranken konnen auf dieser Seite nicht liegen,
auch nicht schlafen; die Schwere der Brust ini Bette steigert den
Schmerz zu einem unertraglichen Grade. Hitze und Kalte wechseln
oft in der Brust ab. Die Farbe der Haut ist unverandert, und keine
Spur von Entzundung bemerkbar.
Vor der Menstruation ist die Schmerzhaftigkeit grosser, wiihrend
derselben geringer, nachher in Abnahme. In einigen Fallen ist nur
eine kleine Stelle in einer Brust afficirt, in andern der ganze Chnfang
und nicht selten beide Briiste zugleicb. Dieser Zustand dauert Monate,
selbst Jahre lang, mit seltnen Pausen, jedocb ohne Tendenz zu einem
bosartigen Ausgange. Junge Frauenzimmer vom 1 6ten — 30sLcn Jahre
werden am hfiufigsten befallen ; vor der Entwicklung der Pubertat
wb'd die Krankheit nicht beobaebtet, zuweilen iin spatern Lebensalter.
Es kommt auch eine eigne Art von Gesehwulsten in der Brust-
MASTODYNIA.
79
druse vor, welche man die neuralgische ( irritable tumour of the breast)
inennen kdnnte. Die Geschwulst ist scharf begranzt, sehr empfmd-
lich bei der Beruhrung, von Zeit zu Zeit im hochsten Grade schmerz-
iiaft, besonders vor den Menses, sehr beweglich, von der Grosse einer
;Erbse bis zu dem Umfange einer kleinen Thonkugel. Gewohnlich
ist nur eine vorhanden, zuweilen deren mehrere. Trotz jahrelanger
iDauer nimmt sie nicht an Grosse zu, eitert nicht, hort zuweilen auf
'Schmerzhaft zu sein, und verschwindet selbst ohne wahrnehmbaren
Anlass. Die niihere Untersuchung dieser Gescbwulste ergiebt eine
feste, halbdurcbsicbtige Substanz, worin Fasern in unregelmassiger
Folge verlaufen. Nerven lassen sich nicht hinein verfolgen. Sie schei-
nen eher ein Produkt des Zellgewebes der Brust als des driisigen
Parenchyms zu sein und kommen auch im Zellgewebe andrer Tlieile
mit ahnlichen Erscheinungen vor. Der begleitende Schmerz, die Em-
pfindlichkeit bei der geringsten Beruhrung oder Druck, die nach der
ILocaluntersuchung andauernde Schmerzhaftigkeit dienen zur Unter-
-scheidung von andern Geschwulsten, Hydatiden, Scirrbus, Fungus.
iReitzbare Schwache disponirt. Die Catamenien sind gewohnlich in
lUnordnung: Fluor albus ist ein haufiger Begleiter. Meistens wird
ein Stoss, Schlag oder Druck von einem Kleidungsstucke als Ur-
s sache angegeben.
Die Behandlung der Mastodynia neuralgica, mit oder ohne Ge-
schwulst, muss sowohl eine allgemeine als ortliche sein. Als das beste
topische Mittel lobt A. Cooper ein Pilaster aus gleichen Theilen
- cerat. sapon. und exlr. Belladonnae oder ein Cataplasma aus Brod-
krumen und Solutio Belladonnae. Bedeckung der Brust mit Wachs-
tafiet, Ilasenfell oder sonst einem Pelzwerk ist zweckmassig. Nur
bei sehr heftigen Schmerzen ist die Anwendung von Blutegeln ge-
stattet; ihr zu haufiger Gebrauch steigert die Schwache und Reitz-
barkeit. Zum innern Gebrauche wird Calomel in Yerbindung mit
Opium und Conium, und gelegentlich ein eroffnendes Mittel empfoh-
len und hierauf Pc exlr. Conii, exlr. Papaver. a a gr. jj, exlr. Stra-
rrwvii e seminib. gr. '/, — (3 M. f. pilula, 2 — 3 mal taglich eine
80
MASTODYNIA.
Pille. Zur Herstellung der Menses eignen sich Ferr. carbon., ferr.
ammon., mixt. ferri comp., allein oder mit Aloe. Halbbader aus See-
wasser, oder aus gewohnlichera Wasser mit Zusatz von Salz. Eine
Operation ist nicht nothwendig ; allein angstliche Kranke bestehen
nicht selten darauf, aus Furcht vor Carcinom “
Eunftige Beobachtungen mussen lehren, ob nicht die Mastodynie
ofters von einer Spinalneuralgie abhangig ist, worauf mehrere Sym-
ptome hindeuten. Teale beschreibt fa treatise on neuralgic disea-
ses etc. London 1829, p. 26 — 31 .) einige Falle, die es wahrschein-
lich maclien, und wo durch Application von Blutegeln auf die schmerz-
haften untern Halswirbel grosse Erleichterung den Rranken zu Theil
geworden ist.
PRURITUS.
81
Die Hyperasthasiccn tier Hautnerven geben sich nicht nur durch
Schmerzempfindung kund, sondern auch durch andre Ausdrucke ties
Gefuhls, deren physiologische Bedingung noch nicht ermittelt ist. Zu
den haufigeren gehort die Hyperasthasie des Juckens unci Krihhelns.
Pruritus, Formicatio.
Man hat sich durch die Frequenz des Juckens als accidentellen
Symptoms bei Hautkrankheiten verleiten lassen, dasselbe iiberhaupt
in dieses Gehiet hineinzuziehen und ihm eine Stelle in der Ordnung
Papulae , unter dem Namen Prurigo, anzuweisen. Eine Eruption
von kleinen Blatterchen, die fast dieselbe Farbe wie die Oberhaut
haben, und gekratzt mit einer kleinen schwarzen Kruste sich bedek-
ken, soil in vielen Fallen vorlianden sein, in andern fehlen, weshalb
eine p r u r igo sine p ap u l i s angenommen worden ist. Audi bleibt
es bei den Blatterchen nicht stehen, Pusteln, Furunkel, Abscesse
kommen im weitern Verlaufe hinzu, bei unveranderter Fortdauer des
Pruritus. Es scheint jedoch keinem Zweifel unterworfen zu sein, dass
man hiebei Bedingungen und Folgen venvechselt bat. Wer einen
einfacben pruritus plantaris beobachtet, kann sich davon iiberzeugen.
Bei der vorangehenden peinlichen Unrube und beim Eintritt des Juckens
lasst sich auch nicht die geringste Veranderung in der Haut wahr-
nehmen: nimmt das Jucken zu, so wird die Haut roth, die Warme
steigt, und kleine Knotchen kommen zum Yorschein, welche mit
Nachlass des Anfalls wieder verschwinden, dagegen fortdauern, ris—
sig und blutig werden, sobald der Kranke im Kratzen kein Maass
hat ; dessenungeachtet liort der Pruritus auf, um in bestimmter oder
unbestimmter Frist zur'uckzukehren. Die Knotchen diirfen hier wohl
nicht als selbststandiges Exanthem betrachtet werden, sondern entste-
hen in Folge der Hyperasthasie, auf almliche Weise wie sich bei an-
dern Hyperasthasieen vegetative Storungen, tier Secretion etc. einfinden.
Das Jucken ist selten iiber den ganzen Korper verbreitet, be-
schriinkt sich mehr auf einzelne Regionen und wahlt im Allgemei-
nen die behaarten Stellen. Der zweite und dritte Ast des Quintus, in
den Nasal-, zuwcilcn auch in den Lingual-Filamenten, der^Vagus
Romberg’s NervenkranUli. I. G
82
PRURITUS.
in seinem ramus a'uricularis, das Lumbar- und Sacralgeflecht, sind
am haufigsten Sitz diescr Hyperaslhasie ; besonders geben die n. pu-
dendo-haemorrhoidales den Heerdeines liistigen .Juckens beibeiden Ge-
schlechtern ab, dessen einzelne Formen als prurigo pudendi muliebm ,
prurigo scroti und prurigo podicis von \\ Ulan u. A. beschrieben
worden sind. Unter den Ilautnerven der Extremitaten sind die jp/a?z-
tares des tibialis am haufigsten afficirt und Sitz des quiilendsten Juk-
kens zwischen den Zehen und an der Fusssolile. Und nicht bloss
in den n. cutan. der Aussenflache, auch in denen dcr Schleimhaute
kommt dcr Pruritus vor, in derllarnrohre, in derScheide, imMastdarm.
Der Tvpus ist entweder periodisch, selbst mit regelmassigen An-
fallen zur Zeit der Catamenien, der Iiaemorrhois, oder anbaltend,
mit nachtlichen Exacerbationen.
Kindliches und Greisenalter disponiren. Unterdriickte Blutfliisse,
zumal uterine und hamorrhoidale, sind hiiufige Anlasse. Krankbeiten
der Leber stehen in einer nahern Beziehung: vom Icterus ist es be-
kannt, docli auch ohne Gelbsucht sah ich mehreremal heftigen pru-
ritus planlaris von hepatischen Storungen abhangig, so wie Jos.
Frank unter gleichen Umstanden Pruritus der rechten Mamma
beobachtet hat. [Medic, univ. praec. vol. III. sect. II. p. 37 7.)
Darmreitze, besonders Lumbrici, erregen ein liistiges Jucken an der
i %
Nasenspitze, Blasensteine an der Gians. Unter den gelegentlichen An-
lassen ist der Genuss gewisser Stoffe zu nennen, spirituoser Getriinke,
Muscheln, besonders des Opium: nach Dr. Bally ist der Pruritus ein
sichres Merkmal der Morphiumvergiftung. [Lembert essai sur la
mclhocle endermique p. 31.) Auch psychischer Einfluss ist unverkenn-
bar. Der Anblick oder die Erinnerung an einen juckenden Gegen-
stand erregt Pruritus, oft an derselbcn Stelle.
Dem Pruritus nahe steht. die Empfindung des Prick el ns und
Eribbelns, wie beim sogenannten Einschlafen der Glieder, oder
als ob Ameisen iiber die Haul krochen. Schon von Hippocrates
[de morbis (3. edit. Linden F. II. p. 7 6) ist das Gefiihl der Formica-
tion am Ruckgrale in der tabes dorsualis erwahnt worden, und wenn
auch dieses Symptom kcineswegesbcslandigund pathognomonisch fur
FGRMICATIO.
83
diese Krankheit ist, so hat es ein physiologisches Interesse, in so fern
es, wie die Empfindung des Schmerzes in den Hautnerven bei Krank-
heiten der Centrajorgane, ebenfalls nur nach dem Gesetze der excen-
irischen Erscheinung gedeutet werden kann. Als Folge einer Intoxi-
cation kommt das Ameisenkriechen in jener Krankheit vor, die da-
von den Namen Kriebelkrankheit erhalten hat und nach dem Genusse
verdorbnen Roggens entsteht. (Vgi. das Capitel Convulsio cerealis
in den Motilitatneurosen.) Auch nach dem aussern und innern Ge-
ibrauche des Yeratrin stellt sich ein liistiges Gefiihl von Prickeln an
mehrcren Stellen des Korpers ein, besonders in den Zehen'und Fin-
.gerspitzen. Im Allgemeinen ist aber die Formication eine haufigere
Begleiterin der Aniisthasie.
Die tecbnische Bella nd lung des Pruritus ist sehr ungenu-
.gend, was um so mehr zu bedauern ist, weil diese Ilyperasthasie eine
missliche psychische Riickwirkung iiussert, durch Unterhaltungpeinli-
cher Unruhe. Im jugendlichen Alter gelingt die Ileilung leichter als
i bei Greisen, wo die Krankheit gewohnlich alien Mitteln trotzt. Bei
vollsaftigen Individuen und unterdr’uckten Blutfliissen sind Blutentlee-
i rungen durch Schropfkopfe indicirt : bei ersteren ist auch zuweilen
der Gebrauch von Siiuren, + muriat., -j- nitric., hulfreich. Purgantia
' sind in der Regel unwirksam. Im pruritus senilis hat man Diuretica
empfohlen, in der Yoraussetzung mangelhafter Abscheidung durch die
' Nieren , wovon jedoch der Erfolg nicht der Erwartung entspricht.
i Zu Biidern nehme man immerhin seine Zuflucht, zu Seebiidern, oder
zu solclien, denen man Bolus alba, in Verbindung mit Kali caust.
zugesetzt hat. Selbst nach palliativen Linderungsmitteln sieht man sich
vergebens um: gegen Pruritus scroti und pudend. wird von Frank
(/. c. p. 384) das Plenk’sche Unguent empfohlen. (R p Ung. citr.mer-
< cur. axung. pur. §(3 mcrcur. praec. rubr. Bj MS. Morg. u. Ab. in
die afficirtc Stelle einzureiben.) Versuche mit der Veratrinsalbe sind
I bisher noch nicht angestellt worden.
Durch die sensibeln Hautnerven wird auch die Empfindung der
physicalischen \Yarme vermittelt, wclche, nach Bell’s Beobachtung,
»
84 ARDOR, ALGOR.
den Gefuhlsnerven der Muskeln nicht zukommt, die in chirurgischen
Operationen blossgelcgt, wold Empfindlichkeit bei Application kalten
oder heissen Wassers verrathen, allein des Gefuhls der Temperatur-
Veranderung unfahig sein sollen. So kommen nun aueh
x Ai'doB' und Algor
v
als Hyper aesthaesiae culaneae vor, und offenbarcn sich durcli ein Ge-
fiihl von Hitze und Kalte, welches mit den physicalischen Merkmalen
am Thermometer nicht ubereinstimmt.
Eine haufige Form ist der Arclor volaticus s.fugax. Eine
Briihhitze iiberfliegt Gesicht, Hals, Brust, besonders das Gesicht, mit
aufsteigender Rothe, zuweilen auch mit Ausbruck eines diinnen
Schweisses. Nach einigen Minuten verschwindet diese Erscheinung
eben so plotzlich, wie sie gekommen ist. Ich babe sie meistens bei
Frauenzimmern in den climacterischen Jahren und nach Aufhoren
der Catamenien beobachtet, wo sie sich mit einem aufgeregten psy-
chischen Zustande, grosser Unruhe verbindet, ofters hartnackig alien
Mitteln Widerstand leistet, und sich nach Verlauf einiger Jahre von
selbst verlicrt. Blutentziehungen, zu denen die Aeusserlichkeit der
Symptome leicht verleitet, sind nur selten von Nutzen : von den mi-
neralischen Sauren habe ich noch am meisten Wirkung gesehen :
Pc Elix. acid. Hall, oder elix. vitriol. Myns. 3j dbc. aurant. comp.
3jj. MS. 3mal taglich 30 Tropfen zu nehmen.
Einen Contrast mit dieser Hyperasthasie bildet die Kalte beim Ab-
sterben der Glieder, wovon im A.bschnitte iiber Anasthasieen das Na-
here,-und das auf einen kleinenRaum beschriinkte Kal tegef iihl , Algor
circumscriptus. Die Kranken sind fast immer weiblichen Geschlechts,
mit hysterischer Diathesis. Gewohnlich zeigt sich diese Erscheinung an
den Kopfdecken, seltner an den Bauchdecken, kommt anfallsweise und
verschwindet wieder, in Begleilung andrer hysterischer Symptome. —
Von dem Gefiihle eines anwehenden Hauches, als Yorlaufers epilepti-
schcr Anfalle, wird bei Exposition dieser Krankheit die Rede sein.
”£• Gattiing.
Hyperisthasieen cler Muskelgefiihlsnerven.
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- *■
\
Wird die Verbreitung sensibler Nervenfasern in den willkulirlichen
Muskeln durch die anatomische Untersuchung dargethan, so giebt die
i tagliche Beobachtung den Beweis, dass diese Muskeln im Besitze von
Empfindung sind, welche einen eigenthumlichen Charakter hat, der
• sich im gesunden Zustande nacb starken Bewegungen als Gefiihl von
i Ermiidung (Lassiludo) deutlich kundgiebt. Diese Eigenthumlichkeit
bewahrt sich auch in der Hyperiisthasie, wie sie so oft dem Ausbruche,
zumal fieberliafter Krankheiten, vorangeht oder andre Affectionen,
am haufigsten die hysterische, begleitet. In dieser letzteren wird aucli
oft ein Gefiihl iingstlicher Unruhe in den Beinen, zumal in den Un-
terschenkeln undFussen beobachtet, welche dieKranken, nacli ihrem
eignen Ausdrucke, nicht zu Iassen wissen, und wobei sie sich stels
durch Veranderung der Lage Erleichterung — jedoch vergebens —
zu verschalfen suchen, eine Erscheinung, die von altern Nosologen
(Aslruo, Sauvages) anxielas lib i arum genannt worden ist.
Wo die Muskelempfindung zum Schmerzgefiihle sich steigert, hat
sie ebenhdls ein bcsondrcs Gepriigc: es ist das Gefiihl von Verrenkung
oder Zerreissung, und mehrentheils ist ein Krampf des Muskels und
verhinderte Beweglichkeit Begleiler, wodurch sich die gleichzcitige
8G
MUSKELNEURALGIE.
Affection der motorise lien Muskelnerven kundgiebt. Diese Cha-
rakterc nnterscheiden die
Vrimilgia iii9i§nilai‘i§, (Crampug).
von der Neuralgia cutanea.
Am haufigsten werden die den dreikopfigen Wadenmuskel ver-
sorgenden Zweige des Tibialis befallen, zunachst der Frequenz nach
die Zweige der Lumbarnerven, besonders der in den viereckigen
Lendenmuskel verbreiteten, und endlich die Filamente der Cervical-
nerven, die in den Kappenmuskel, Kopfnicker und andre Nacken-
muskeln dringen.
Der Eintritt der Muskelneuralgie ist jah, iiberraschend schnell, so
dass beim hiesigen Volke der Name Hexenschuss fur den Grampus
der Lendenmuskeln ublich ist. Jeder Yersuch zur Bewegung des
afficirten Muskels ist von den hefligsten Schmerzen begleitet. Die
Contraction ist in den Wadenmuskeln am sichtbarsten, welche sich
zuweilen faustdick zusammenballen.
Die Dauer des Anfalls ist verschieden, oft nur von wenigen Minu-
ten; so bei der Muskelneuralgie des Tibialis, langer hingegen bei dem
Grampus der Lenden- und Nackenmuskeln.
Es disponirt das weibliche Geschlecht zum so'genannten Waden-
krampfe, das mannliche zur Neuralgia muscularis der Lenden- und
Cervicalnerven. Bei dem ersteren giebt der Uterus, zumal im schwan-
gern Zustande, haufig Gelegenheit: in den letzten Monaten der Gra-
viditat und wahrend der Entbindung entstehen dnrch Zerrung und
Druck des Kindeskopfes auf die Fasern des Tibialis im plexus isehia-
dicus die stiirksten und haufigsten Anfallc. In der peripherischen
Balm der betreffenden Nerven tragen mechanische Anlasse offers zur
Entstehung dieser Neuralgiecn bei, schnelle Wendungen, Drehungen
des Halses undRiickens, Biicken, Erschiitterung durch sclmelles Rei-
len u. s. f. Audi vom Dannkanale aus kann die Reitzung sowohl ortlich
ihren Einfhiss iiussern als durch Riickwirkung auf das Centralorgan,
auf das RuCkenmark, wobei die Muskelaffection als Mitcmpfindung und
MUSKEL-NEURALG1E.
87
als Reflexbewegung crscheint. So diirfte wohl der zur Cholera hin-
zutretende Grampus der Streckmuskeln zu deuten sein, welcher die
iheimische und asiatische begleitet, und der einzige Zufall ist, der in
der letzteren die Kranken aus ihrer Indolenz zu wecken vermag.
iSeltner als den tibialis , doch im Ganzen oft genug, sah ich in dieser
Krankheit aucli den radialis und ulnaris afficirt und die Fingerstrek-
ker vom Grampus befallen, sowohl den exlens, digit . commun. als
besonders die Daumenstrecker und den Strecker des Zeigefingers,
wodurch die Finger unter den heftigsten Schmerzen ausgespreitzt
wurden und niclit die geringste Bewegung vertrugen.
Der mit der Cholera verbundne Crampus befallt beide Seiten des
Korpers, was sonst niclit der Fall zu sein pflegt, und erscheint nicht
bloss im Gefolge der ausgebrochnen Krankheit, sondern auch als Vor-
i und Nachlaufer: ja in der crsten Cholera-Invasion des Jahres 1831
zeigte er sich bei vielen Individuen, die gar nicht von der Seuehe be-
1 fallen wurden. — Rheumatischer Anlass wird von Einigen als begun-
•stigendes Moment fur die Neuralgia muscularis angefuhrt, indessen
^scheint hier eine Yerwechslung mit Lumbago rheum, und Rheumat.
• colli zu Grunde zu Iiegen, von denen sich jene durch den jahenEin-
t tritt, durch die kurze Dauer, durch den Mangel an Geschwulst,
durch die Abwesenheit eines Allgemeinleidens hinreichend unter-
' scheidet.
Zur Behandlung eignen sich am besten gelinde Frictionen mit der
blossen Hand. In der Neuralgie der Waden- und Lendenmuskcln ist
aul den Darmkanal Riicksicht zu nehmen, und ausleerende Mittel
erleichtern nicht nur fiir den Augenblick, sondern beugen auch den
IRecidiven vor. In der asiatischen Cholera liute man sich vor gewalt-
ssamem Reiben und Biirsten, worin bei den crsten Ausbruchen der
kSeuchc einer vor dem andern zuvorzuthun sich a'bmiihte.
88
SCIIYVI1NDEL.
Nicht nur die abnorme Steigcrung der Muskelsensibilitat kommt
zum Bewusstsein, jede Yeranderung im Zustande des Muskels kann
empfunden vverden. So fuhlt der gesunde Mensch die Bewegung oder
Rube, er fuhlt die Modalitat der Muskelaction, die Leichtigkeit oder
Schwere, womit sie zu Stande kommt. Zum Condoctor dieses Ge-
fuhls kann niclits anders dienen als ein Nerv, und wenn ein Nerv vor-
handen sein muss, der den Impuls des Widens auf den Muskel iiber-
tragt, der motorischeMuskelnerv,so muss es einen anderngeben, der
die Empfindung der Action zur'uckleitet, und dies ist der sensible
Muskelnerv. Hierauf aufmerksam gemachtzu baben hat B ell das Ver-
dienst (Physiol, u. pathol. Untersuch. S. 185 — 193); seine Be-
obachtungen sind eben so scharfsinnig als beweisend.
Der die Energie des sensibeln Muskelnerven anregende Reitz kann
sowohl ein innerer als ausserer Einfluss sein. So gelangen wir' nicht
nur zur Empfindung von Yeranderungen in unsern Muskeln, sondern
auch zur Wahrnehmung bestimmter Yerhaltnisse der Aussenwelt zu
unserm Korper. Die Yerschiedenheit des Eindrucks, welchen z. B.
der Widerstand des Bodens auf die Muskeln der Fusssohle hervor-
bringt, erzeugt die Empfindung desFesten oder Schwankenden. Der
Blinde unterscheidet wie der Sehende, ob er eine Hohe hinauf oder
herabsteigt, ob er den Arm horizontal oder vertikal schwingt. Die
Bestimmung des Gewichts beim Wiegen mit den Handen wird nur
durch die mittelst der sensibeln Muskelnerven geleitete Empfindung
moglich. (Ygl. die vortrefllichen Untersuchungen von E. II. Weber
de pulsu, resorptione, audilu et tactu. Lipsiae 1834 p. 81 — 1 13.)
Wo nun die Empfindung der Muskelaction, der Bewegung, olme
alle objective Anregung, lediglich durch subjective entsteht, durch
Exaltation der Rcitzbarkeit des sensibeln Muskelnerven, da ist Hy-
perasthasie gesetzt, deren charakteristischer Zug die Empfin-
dung von Scheinbewegung oder Sch einstel lung ist, wo-
fiir der einmal eingefuhrte Name
Vertigo, Sclmiiidel,
beibehalten wcrden kann.
SCHW1NDEL.
89
Purkinje, Bcitragc zur naheren Kcnntniss des Schwindels aus hcautognostischcn
Daten. In Mcdicin. Jahrbiichern des K. K. dsterreich. Staates. 1820. VI.
JB. 2. St. S. 79 etc.
Ueber die physiologische Bcdcutung dcs Schwindels und die Bezichung
dessclben zu den neuesten Yersuchen iiber die Hirnfunctionen, in Rust
Magazin fur die gesamrale Heilkunde. 1827. 23. B. S. 284 — 310.
Diese ITyperasthasie nimmt, wie jede andre, entweder in der peri-
pheriseken oder centralen Nervenausbreitung ihren Ursprung. Die
erslere bedingt einen einfacheren Zustand, weshalb ihre Schilderung
voranstehen mag, mit den Worten des beruhmten Forschers, der
diesen Gegenstand zuerst auf das Gebiet der Experimentalphysiologie
ubertragen hat.
„Die im Tastsinne vorkommenden Scheinbewegungen in Bezie-
hung auf die eigne Schwere des Korpers und seiner Glieder liisst je-
nen und diese nach verschiednen Bichtungen schwebend erscheinen,
je uachdem die Bedingungen dazu abgeandcrt werden. Wenn man
an jeder Hand ein relativ sehr schweres Gewicht aufgehangt halt,
und genau auf die Empfmdung des Zuges achtet, der durch die
Schwere verursacht wird, so scheint es, wie wenn von Moment zu
Moment eine Zulage an Gewicht geschahe, bis es zuletzt unmoglich
wird, die in’s Ungeheure angewachsne Last langer zu halten. Wenn
man die Gewichte eine Zeit stehend gehalten hatte, und sie nun wie-
der niederstellt, so scheint es wie wenn man in grader Linie auf-
warts schweben mochte. Dabei scheint es, wie wenn die Hiinde, die
herabreichend die Gewichte hielten, betrachtlich verkiirzt wiirden
und wie in den Thorax einkriechen mussten.“
„Wenn man etwas mit einerHand festgeschlossen hielt, so scheint
es nachher, wie wenn man die Hand zur Faust ballen musste.“ (Pur-
kinje, Medic. Jahrb. etc. S. 102.) „Wenn man bei starker Seitwarts-
wendung des Auges einen Gegenstand einige Zeit fixirt halt, so
scheint derselbe nach der gegebenen Richtung zu fliehen, und das
Auge muss iminer neue und grossre Anstrengung anwenden, um ihn
festzuhalten.“ (/. c. S. 97.)
Krankhafle Zustande bieten keine Gelegenheit zur Beobachtung
90
SCIIWJNDEL.
ties peripherischen Schwindels dar; die Empfindung Amputirter von
Bewegung oder Stellung ties abgesetzten Gliedes diirf'te als solcher zu
deuten sein. Um so haufiger veranlassen sie den centralen, wo das
Gefuhl der Scheinbewegung durch eine Ilyperasthiisie im Central-
apparate sensibler Muskelnerven erzeugt wird.
Gewohnlich iiberfallt plotzlich, ohne Yorboten, das Gefuhl der
Scheinbewegung, welches der Kranke, bei freiem Bewusstsein, auf
sich oder auf die Aussenwelt bezieht. Es stellt sich die Empfindung
von Umfallen und Herumdrehen ein, entweder des eignen Korpers,
oder der sicht- und tastbaren Umgebungen. Mit tlieser Empfindung
verbindet sich ein andres Merkmal, geht ihr voraus, begleitet sie,
folgt ihr, welches niemals vermisst wird, das Gefuhl gestorten Gleich-
gewichts. Diesen beiclen Hauptzi'igen reihen sich noch andre, jedocli
nicht so bestandige Erscheinungen an: optische, acustische Hyper-
asthasie (Flimmern vor den Augen, Ohrensausen), schmerzhafte Em-
pfmdungen im Kopfe, besonders im Hinterhaupte, Uebelkeit, Erbre-
chen, Angstgefuhl mit Ausbruch kalten Schweisses, Beben und
Zittern der Muskeln, voller, langsamer oder kleiner, frequenter Puls,
Rothe oder Blasse des Gesichts, Kalte der Fusse.
Die Richtung der Scheinbewegung ist verscbieden. Scbon
der griechische und lateinische Name der Kranklieit driickt die Kreis-
bewegung aus; divog bedeutet Wirbel, kreisformiger Tanz, vertigo
ist ihm nachgebildet. Wepfer, dem wir treffliche Beobachtungen
verdanken, ( Observationes medico-practicae de affectibus capitis inter-
nis et externis. Scaphus. 1727, p. 217 — 314) unterscheidet vertigo
ti tub a ns, wo die Scheinbewegung des Korpers nach vorn oder
hinten, vacillans s.fluctuans, wo sie nach einer Seite, und girosa,
wo sie im Kreise stattfmdet. Boerhaave (. Praelect . acad. cle morb.
nervor. cur. v. Eems. Lipsicie 1762. p. 476) macht einen Unter-
schied zwischen vertigo, der kreisformigen, und nut a do , der
Scheinbewegung in gerader Richtung, von oben nach untcn oder
umgekehrt.
Die verschicdncn Richtungen der Scheinbewegung in horizontalem
SCII WIN DEL.
91
oder verticalem Kreise, mit vor- oder riickwarts gerichteter Peri-
pherie etc. gehen zuweilen in einander liber oder wechseln in dem-
selben Individuum mit einander ab. Wepfer (/. c. p. 285.) beschreibt
. einen solchen Fall: aliquando omnes Ires species vertiginis in uno pa-
roxysmo adsunt; quandoque solavacillcms sen ex uno latere in alterum
nutans el putat caput instar navis ad latera a fluctibus percussae nutate
ac vacillate; quando tilubans est, putat sibi supine, non prone nec
in latera, cadendum esse; imo fere supine proslerneretur, nisi susten-
taretur.
Die Seheinbewegung betrifft, wenn sie den eignen Ivorper zum
' Sitze nimmt, dessen Totalitat oder nur einzelne Theile, z. B. den
1 Ivopf. Ich habe ein achtjahriges Madchen behandelt, in dessen Schwin-
delanfallen die umgebenden Gegenstande von unten nach oben zu
^steigen schienen und zugleich ein Gefiihl stattfand, als ob der Kopf,
djesonders die Stirn, zu boch wiirde. (Romberg, zurLelire von dem
\Schwindel in Wochenschr. fur die ges. Heilk. 1833. S. 1057.)
'Wepfer (l. c.J erwahnt: paroxysnios praecedit tinnitus aurium et
i videtur sursum capillis caput train und in einem andernFalle (p. 240.)
caput semper antrorsum vergere videtur.
Die Stellung des Kopfes hat beim Eintritt des Schwindels auf
Richtung und Sitz der Seheinbewegung Einduss. Wepfer (/. c.
p. 204.) : quando sedet, putat inferiorem truncum antrorsum et re-
trorsum mover! ' ; quando d ecu mb it, moveri videtur caput solum hoc
modo ; quando sinistro later i incumbit, minor eldest haec fluctuatio.
Das Verhaltniss der empfundnen Seheinbewegung zur Muskel-
aelion, zur Sinuesthatigkeit, zum Bewusstsein ist naher zu bestim-
men. Bei freiem Bewusstsein zeigt sich keine der Scbeinbewegung
• entsprechende wirkliche Bewegung : nur das Gefuhl gestorten Gleich-
cgewichts ist zuweilen so betrachtlich, dass es den dagegen ankam-
I pfenden Widen iiberwaltigt, und der Kranke umfallt, vertigo ca-
duca. Unter den Sinncsnerven wird der Opticus am hatifigsten in
den Kreis der Affection hineingezogen. Doppeltsehen, Farbensehen,
IFlimmern begleitet moistens die Anfalle des Schwindels, und die
92
SCHWINDEL.
kreisformige Bewegung sichtbarer Gegenstande kann einen solclien
Grad der Schnelligkeit erreichen, dass, wie bcim Umdrehen der Ne w-
ton’schen Farbenscheibe, alles in Nebel und Dunkel gehullt scheint,
oxozodhog, vertigo tenebricosa.
Die Kranken, die uber die Scheinbewegung und uber das gestorte
Gleichgewicbt klagen, bezeugen schon dadurch Unbenommenheil
des Bewusstseins : demgemiiss wirkt auch der Wille. Durch Bewe-
gungen, die selbst mit einiger Kraft vollzogen werden, durch Aus-
strecken der Arme, durch Feststellen der Fi'isse, durch Anstemmen
des Rumpfes an einen Gegenstand suchen sie sich gegen das abnorme
Gefiihl, welches den K5rper mit sich fortzuschwingen droht, zu
sichern. Anders verhalt es sich, wo die Freiheit des Bewusstseins
unterbrochen ist: so im Schlafe, im Traumsch win del (vertigo
nocturna). Die Richtung der Scheinbewegung ist in demselben
selten kreisformig, mehrentheils von oben nach unten, (Traume vom
Herunterfallen von einer Treppe sind am haufigsten) oder in die Holie,
oder nach vorn oder hinten, was wohl von der Lage des Kopfes
abhiingig ist: aucli traumt man vom Einsinken des Bodens, vom Er-
offnen einer unabsehbaren Tiefe, von drohendem Umsturze der Hau-
ser u. s. w. Es erfolgt bei dem im Schlafe gebundnen Einflusse des
Widens durch Rellexaction ein Zusammenfahren des Ivorpers, womit
man erwacht. Der Traumschwindel stellt sich haufig bei denjenigen
ein, die auch im Wachen daran leiden. Wepfer (l. c. p. '221) unice
de vertigine sollicitus est, quae ipsam quoque decumbentem in lecto el
in somno invadit: (p. 2S6J hac vesper a indormire ande primam non
potuit , el quando obdormiebat statirn insomniis vexabatur, ac si vcr-
liginem paleretur el cum ancilla recidisset, unde perterrita mox exper-
gefiebat. In wachen Zustiinden gestorten Bewusstseins, mit geschwach-
ter Intention des Widens, wird . dem Drange zur Bewegung nach
einer bestimmten Richtung kein Widcrstand geleistet, und die ein-
pfundne Scheinbewegung geht in eine reale uber. Iliezu bietet die
Trunkenheit den haufigsten Beleg dar.
Der Schwindcl tritt in Anfaden auf, deren Dauer gewohnlick kurz
SCHWINDEL.
93
ist, von einigen Minuten bis zu einer Viertelstunde, selten longer.
Die Riickkehr der Anfatle erfolgt bald langsamer, bald schneller, zu-
weilen zu wiederholten Malen in einem Tage, selbst in einer Stunde.
Der Typus ist nur selten regelmassig. Der Verlauf der Krankheit
ist ofter chronisch, auf eine Reihe von Jahren ausgedehnt.
Das mittlere und hohere Alter disponirt vorzugsweise : das kind-
liche ist in der Regel verschont. Ich babe nur ein Paar Falle beob-
achtet: der eine betraf einen dreijahrigen, von Meningitis befallenen
Knaben, der wieder genas und am ersten Tage der Krankheit wa-
chend und im Scklafe haufig und mit grosser Angst ausrief: ich
falle! Auch der accidentelle Schwindel nach schnellen Kreisbewe-
gungen des Korpers kommt bei Kindern schwerer zu Stande, da-
her sie dieselben leichter ertragen als Erwachsne. Vollsaftige Con-
stitution und sitzende Lebensweise, zumal beim weiblichen Ge-
schlechte in den climacterischen Jahren sind der Entstehung dieser
Krankheit giinstig: andrerseits Schwachezustand, veranlasst durcli
erschopfenden Siifteverlust, daher das Convalescenz-Stadium andrer
Krankheiten. Starker fortgesetzter Genuss spirituoser Getriinke dis-
ponirt.
Unter den Ursachen nehmen die Verhaltnisse des Rlutes eine
wichlige Stelle ein : sowohl vermehrter als verminderter Rlutandrang
hat Schwindel zur Folge. So zeigt er sich als haufiger Begleiter von
Herzkrankheiten, zumal Hypertrophie des linken Ventrikels. Jede
Ohnmacht beginnt mit Schwindel. Unterdruckte Hamorrhois, Men-
strua, Epistaxis, Uebergehen gewohnter Blutentleerungen von der
einen Seite, Ilamorrhagieen von der andern fiihren Schwindel herbei.
Schwangerschaft und Druck von Geschwulsten im Unterleibe geho-
ren in diese Categorie. Verletzungen und Krankheiten des Gehirns,
besonders des Cerebellum, sind nicht selten AnlasserKrankheiten der
Pracordialorgane, der Milz u. s. w., haben den Schwindel oft in ihrer
Begleilung, und es miissen kiinftige Untersuchungen noch ermitteln,
oh bestimmte Formen des Schwindels von dem Leiden einzelner Or-
gane abhiingig sind.
94
SC11WINDEL.
Untcr den gelegenllichen Ursachen sind die haufigeren: Intoxica-
tion durch Alcohol und durch Narcotica, Nicoliana, l)esonders heirn
Rauchen, Belladonna, Digitalis, Hyoscyamus, Kohlensiiure. Ueber-
fullung des Magens mit unverdaulichep Stoflcn, mit kohlensauern
Getranken, Prodromalstadium andrer Krankheiten, besonders fieber-
hal’ter und contagioser. Ungewohnte Bewegungen und Stellungen
des Kopfes, z. B. liingeres Biicken, Seefahrt. Unterbrochne Re-
spiration, Einhalten des Atbems, Pressen beim Stublgang, bei der
Entbindung. Gemuthsaffecte, grelle Sinneseindrucke, atmospharische
Einflusse, FrLihjahr und Herbst, jahe Yerminderung des Luftdruckes.
Sc hoi ion. Die Erscheinungen bei Verletzung gewisser Hirnre-
gionen, womit wir durch die von Elourens, M age n die, Bouil-
laud, Krauss und Her twig an lebenden Thieren angesteliten
Yersuche bekannt geworden sind, erleichtern die pbysiologische
Deutung des Schwindels. Sie stimmen, wenn auch im Einzelnen ab-
weichend, darin iiberein, dass die Durchschneidung von Theilen des
kleinen Gelnrns und der Varolsbriicke rotatorische Bewegungen des
Thieres veranlasst, deren Richtung durch die Richtung der A er-
letzung bestimmt wird. Das Drehen erfolgt stets nach der verletzten
Seite bin, und zwar urn die Langenaxe des Korpers bei Schnitten
in eine Hemisphare und in einen Schenkel des kleinen Gehirns' und
bei Langeschnitten in eine Seite des Pons Varolii dagegen um die
Queeraxe, bei Incisionen in die Mitte des Wurms und bei Transver-
salschnitten in den Pons. Bei Yerletzungen und organischen Krank-
heiten des kleinen Gehirns beim Menschen sind ahnliche Erschei-
nungen beobachtet worden. Serres (anatomic comparee du ccrveau
T. II, j). G 2 erzahlt von einem OSjahrigen, dem Trunke ergebnen
Schuster, der nach einem Excesse dieser Art auf der Slrasse die Be-
merkung machfe, dass sich nicht wie gewohnlich die Gegensliinde
um ihn, sondern er sich um sie drehe. Er wurde nach Hause ge-
bracht, und bier drehle er sich von der rechlen nach der linken Seite
im Kreise herum. In der Nacht bekam er einen apoplectischen An-
fall mit Lahmung der linken Seite und starb nach einiger Zeit. Bei
SCHWITNDEL.
95
der Section fand man das Blutextravasat in dem rechten Crus cere-
belli ad emin. quadrig. Petit und Sauce rotte haben zwei Falle
von Yerletzung des kleinen Gehirns beschrieben, (Prix de V acad.
roy. de Chirurgie T. IV, p. 423 und 549J wovon der eine einen
Mann betrifft, der von einer Treppe r'uckwarts herabgestiirzt war,
und den vordern und mittleren Theil des Scheitelbeins fracturirt
hatte. Er drehte sich in kreisformiger Bewegung im Bette her-
um. Bei der Section fand man auf der rechten Hemisphare des
kleinen Gehirns einen starken Eitererguss. In Mage n die’s Jour-
nal der Physiologie (T. VI, p A 62) lesen wir den Fall von einem
'Soldaten, der nach Hieben auf den Hinterkopf von einer unwider-
'Stehlichen Neigung riickwarts zu gehen befallen wurde, und so oft
er von seinem Bett nach dem des Nachbarn ging, die Fiisse von
worn nach hinten setzte. Am 13ten Tage nach der Verwundung
'Starb er. Das kleine Gehirn war in eine weisse breiartige Masse
'verwandelt, das grosse Gehirn und Riickenmark waren normal.
IHieher gehort auch der in der Schilderung der Prosopalgie mitge-
ttheilte Fall (S. 50).
So wie nun in diesen Beispielen durch Affection der motorischen
'Muskelnerven Dr eh bewegung en zu Stande kommen, so entste-
hen durch Affection der sensibeln Muskelnerven im Centralorgan
Drehempfindungen, die durch das Bewusstsein zu ahnlichen
Baumvorstellungen sich gestalten. Purkinje’s geistreiche und ge-
naue Untersuchungen haben gelehrt, dass die jedesmalige Stellung
les Kopies wahrend und nach den Umdrehungen des Korpers die
nachmalige Richtung der rotatorischen Empfindungen bestimmt.
ft. B. „Wenn man das Gesicht gegen die Decke des Zimmers wen-
let und dort irgend einen Punkt fixirt, um den man als Pol einer
■ amkrechten Achse dann eine Anzahl Drehungen des Korpers aus-
ll ’uhrt, so werden, wenn man diese Lage des Kopfes, mit der Rich-
i nng des Blickes nach ohen, ferner behalt, die sichtharen Gegenstiinde
ler Zimmerdecke horizontal hewegt erscheinen, und so gleichfalls
lie Bodenfliiche und der Gegensland, an dem man sich nachmals
90
SCHWINDEL.
mit den Ilanden festhalt. Wenn man wahrend dessen den Kopf wie-
der in die gewohnliche Lage bringt, wo das Gesicht senkreeht gegen
den Horizont steht, so iindert sich die Richtung der horizontalen
Kreisbewegung des Schwindels in die eines senkreeht stehenden Ra-
des, nnd dasselbe findet auch in der Tastempfindung der Fusssohlen
und der Ilande statt, wo der Fussboden auf der einen Seile zu sin-
ken, auf der andern sich zu erheben scheint. Wenn man zu den
Achsendrehungen des Korpers den Kopf so stark als .moglich gegen
die eine oder andre Schulter neigt, dann, nachdem man die zur Schwin-
delerregung hinreicbende Zabl von Drehbewegungen gemacht, stehen
bleibt, und den Kopf, sich an einer festen Unterlage anhaltend, wie-
der in die gewohnliche senkrechte Lage bringt, so scheint der An-
schauungsraum sowohl des Gesichtes als des Tastsinnes und die da-
rin befindlichen Gegenstiinde in der Richtung von vorne nach ruck-
warts oder umgekehrt iiberzusturzen, je nachdem man sich rechts
oder links mit rechts oder links geneigtem Kopfe umgedreht hat.“
fPurkinje in Rust Magaz. etc. S. 290 etc.J Es ergiebt sich aus alien
diesen Versuchen, dass der Durchschnitt des Kopfes, als einer Kugel,
um deren Achse die wahre Rewegung geschah, jedesmal die Schein-
bewegung der Gegenstiinde bei der nachmaligen Stellung des Kop-
fes, wahrend des Stehenbleibens beslimmt, und dasselbe gilt aucli
von den Anfiillen der Schwindelkrankheit, wie zuvor erinnert wor-
den ist. Zeune, der verdienstvolle Director des Rerliner Blinden-
instituts, theilt (Belisar, S. 22) die Beobachtung mit, dass einer
seiner blinden Zoglinge nur beim Linksumdrehen, ein andrer nur
beim Rechtsumdrehen schwindlig werde, was alles mit zum Beweise
dienen mag, dass zur Ilervorbringung von Schwindelempfindungen
die Affection im Gehirne, welcher Art sie auch sei, ebxen so in be-
stimmten Bahnen erfolgen muss, wie die Schwindelbewegungen durch
die Richtung und selbst durch das Maass der Verletzung bestimmt
werden.
In welchem Ilirngebiete diese Hyperasthiisie ihren Sitz hat, lasst
sich aus den vorliegenden Thatsachen nur approximate deuten. Fur
SCHWINDEL.
97
das kleine Geliirn und seine Commissuren sprechen die positiven Er-
.gebnisse direkter Yersuche und pathologische Beobachtungen : so er-
walint Gall ( Fonctions du cervcciu etc. T. Ill, p. 341.) eines von ihm
in Wien behandelten, einige 40 Jalire alien Kranken, der seit meh-
reren Monaten uber Hamorrhoidalschmerzen und einen sehr lastigen
Druck im Nacken geklagt liatte, mil der Neigung nach vorn zu fal-
len, als sahe er einen tiefen Abgrund vor seinen Fiissen. Bei der
'Section fand man auf dem Tentorium cerebelli eine zwei Zoll lange
Geschwulst. Dieselben Symptome zeigten sich bei einem andern mit
'Vereiterung des kleinen Geliirns. La llem and { reclierches ancit.palh.
sur I’encephale T. II, p. 39) theilt den Fall eines 4Gjahrigen Manners
mit, welcher iiber dumpfen Schmerz unter dem Stirnbein klagte und
■ seit einem Jahr an Schwindel und Erbrechen litt. Sein Gang war
'Schwankend ujid er kam oft in Gefahr nacb vorn iiberzufallen. Bei der
: Leicbenoffnung zeigte sich das kleine Geliirn zur Halfte in eine sa-
liose, braune, stinkende Fl'ussigkeit zergangen. — Auch das Gefulil
:?estorten Gleichgewichts, welches die Empfindung von Scheinbewe-
:gung im Schwindel begieitet, bezeichnet das Cerebellum als Heerd,
lessen Verletzungen nach Flourens und spatern Versucben den
i Verlust der Harmonic unsrer mannigfaltigen Bewegungen und Stel-
ungen mit sich fiihren. Endlich hat der Schmerz, wenn Schwindel-
cranke dariiber klagen, fast immer im Hinterhaupte seinen Sitz. Wenn
mch Experimente am grossen Gekirne keine rotatorische Bewegun-
.gen zur Folge haben, so kommen doch bei Krankheiten desselben
”>chwindel-Empfmdungen und Bewegungen vor, was bei den gegen-
1 eitigen Beziehungen dieses Organs zum Cerebellum nicht autfallend
i ein kann. (Vrgl. das Capitel iiber statische Motilitiitneurosen.)
Wie in den Neuralgieen, so liisst sich auch im Schwindel die Norm
ler excentrischen Erscheinung nachweisen. Hie Sclieinbewegung
^ird auf diejenigen Muskeln des Korpers bezogen, deren sensible
Vservenfaserung im Centralorgan vorzugswcise afficirt ist, und in so
' ern die peripherischen Endcn es sind, welcbe die Empfindung von
ien raumlichen Yerhaltnissen der Aussenwelt vennitteln, so geschielit
Romberg’s Ncrvenkrankh. I.
7
98
SCHWINDEL.
cs auch, dass die Sensation dcr Scheinbewegung im Bewusstwerden
auf die umgebenden Gegenstande iibertragen wird.
Die Synergie dcr Sinncsncrven uud sensibcln Muskelnerven stellt
sich im Schwindel deutlich heraus, vorzuglich des Opticus. Eine mil
Anstrengung der Augenmuskeln verbundne Action des Sehnerven,
zumal mit Richlung des Blickes in die Tiefe oder Ilbhe, ruft den
Schwindel hervor, so wie andrerseits der Schwindel nach kreisfor-
migen Bewegungen mit geschlossnen Augen Flimmern und andre Ge-
sichtsphantasmen mit sich fiihrt.
Was fur eine Affection des Gehirns diese Ilyperasthasie bedingt,
dariiher wollen wir uns jeder leeren Yermuthung enthalten. Die
Geschichte der Theorieen des Schwindels stellt zu warnende Beispiele
auf! Sauvagcs Annahme einer retrograden Bewegung des Blutes in
der Netzhaut, Marcus Herz Ansicht von einem psychischen Ursprunge
des Schwindels sind vergessen, und mit Recht vergessen, weil sie
nicht einmal den einfachsten Anspriichen genligen, die an die Theo-
rie einer Krankheit gemacht werden diirfen, genauer und vollstandi-
ger Beobachtung ilirer Erscheinungen. Man halte lediglich den Ge-
sichtsschwindel zum Paradigma gewahlt, und sich nicht darum be-
kummert, dass auch Schlafende, Blinde, Narcotisirte von dieser Krank-
heit befallen werden.
Nosologisches. — Das Verhaltniss dieser Hyperasthiisie zum
Bewusstsein ist von den altern Nosologen irrig aufgefasst worden, in-
dem sie den Schwindel unter die Ilallucinationen aufnahmen. Neuere
Eintheilungen in Gesichts- und Tastschwindel, in Raum- und Zeit-
schwindel geni'igen eben so wenig. Das physiologische Moment der
Classification muss dem Sitze der Krankheit in einem bestimmten
organischen Apparate und (lessen ofienbarter Energie entnommen
werden. So ist die Annahme des Schwindels als einer Hyperiistha-
sie sensibler Muskelnerven motivirt worden, welche nur sellen vom
peripherischen, meistens vom Centralapparate ausgeht.
Prognose. — B o e r h a a v e ’ s Ausspruch : Vertigo est omnium
morborum capitis lemssimus et facillimc curabilis, unde mnnes alii
SCHWINDEL.
99
capitis mo'rbi incipiunl et qui, hisce curalis, saepe relinquitur (Prael.
mad. de morb. nerv. p. 475,), darf nicht verleiten. Eine jedc Central-
neurose ist an und fur sicli wichtig und verliert nur dann an Re-
deutung, wenn ihre ursachlichen Verhaltnjsse beseitigt werden kbn-
nen. Der durck Safteverlust und Erschopfung entstandne Schwindel
ist lieilbar, wahrend er als Begleiter von liirndesorganisation ausser
dein Bereiche der Kunst ist. Audi in Folge von Haniorrhagieen ist
der Schwindel leichter lieilbar, als nach Unterdriickung gewohnter
Blulflusse. Nicht selten verschwindet er beim Ausbruche andrer
Krankheiten, der Epistaxis, der Otorrhoea, der Haemorrhois, der
Arthritis, des Weichselzopfes etc. Mittleres Alter der Erkrankten ist
.gunstig. Bei vertigo caduca und iencbricosa soli, nach der Behaup-
tung altrer Autoren, die Prognose iibler sein als bei dem einfachen
'Schwindel. Auch die Richtung der Scheinbewegung diirfte nach der
obigen Erorterung bedeutsam sein, indem die Scheinbewegung uni
die Queerackse (der nach vorn oder hinten drohende Sturz) die Af-
ii lection der Totalitat des kleinen Gehirns oder seiner Coramissuren,
idie um die Langenachse drehende Scheinbewegung (nach rechts oder
I links) die Affection einer Halfte des Organs bezeicbnen wiirde.
Die technische Be hand lung des Schwindels basirt auf der
Causalindication mit steter Rucksicht auf die individuelle Constitution,
[m idiopathischen Schwindel muss die Untersuchung darauf gerich-
itet werden, ob ein blosser Erethismus zu Grunde liegt, oder bereits
uaterielle Yeranderungen zu Siande gekommen sind. 1m ersteren
Falle eignen sich Sauren (ellx. -{-'Hall., elix. vilr. Myns., -{phos-
phor.) und die mix vomica in Pulver zu 3 — 5 gr. mit einem Zu-
satze von vanilla etc., 2mal taglich. Im zweiten Falle sind ortliche
Blulcnlleerungen, zumal Schropfkbpfe an das Hinterhaupt und in den
A'acken, Exutoria, kalte Affusionen, wenn auch nicht Iieil-, docli
Lindcrungsmittel. — Im consensuellen Schwindel ist vorzugsweise
ler Zustand der Digeslionsorgane zu beach ten, und die blosse Ueber-
| 'iillung des Magens mit unverdauten Stoffen von der Atonie etc. zu
mterscheiden. Dort sind ausleerende Mittel, auch Emetica, obne alle
100
SCHWINDEL.
Sclieu, an ihrer S telle, bier die Amara, Trifolium, Quassia in Ver-
bindung mit Rheum. Milz— und Leberkrankheiten verdienen besondre
Berucksichtigung. In der metastatisclien Vertigo leisten Exutorien, *
Fontanellen etc. am meisten. Wo Plethora und gehemmte Blutlliisse
zu Grunde liegen, m'ussen allgemeine Blutentleerungen mit ortlichen
verbunden werden. Gegen den durch Siifteverlust und Erschopfung
entstandnen Schwindel sind Roborantia, in allmahliger Sleigerung,
indicirt.
Allgemeine Regeln fiir Behandlnng yon Schwindelkranken sind
folgende: Vermcidung starker, anhaltender, kreisformiger Bewegun-
gen, starknahrender, erhitzender Rost, des Abendessens, des langen
Schlafes auf Federbetten, der Bader. Reitzung der Hautnerven durch
Sinapismen, durch Fussbader, die mit Sent oder Lauge gescharft sind,
durch rauhes B'ursten des Nackens, Riickens, durch kalte Waschun-
gen des Rumpfes und der Gehrauch kiihlender Eccoprotica sind zu
empfehlen. (Flor. sulph. Cremor. tart. ff. act §(3, Gj Guajac. 3j Mfd-
DS. Morg. und Ab. 1 Theeloffel voll. Rji Magn. sulph. 3vj magn.
curb. 3jj Mfo. D. 3mal taglich 1 Theel. voll. Kleine Dosen des
Bitterwassers, ein Weinglas vor dem Schlafengehen, ein andres des
Morgens niichtern.)
Als Palliativ ist bei Annaherung des Anfalles und im Anfalle ge-
scharfte Intention des Widens auf Bewegung anzurathen. Die Kran-
ken selbst versuchen dies schon durch Anstemmen der Ilande oder
Fiisse, um der Scheinbewegung Widerstand zu leisten. Auch die
Sinnesthatigkeit des Auges kann hiezu benutzt werden: so liisst sicli
der nach Kreisschwingungen des Kbrpers enlstandne Schwindel un-
terdr'ucken, wenn man den nahe vorgehaltnen Finger mit dem Auge
fixirt oder sich nach der entgegengesetzten Seitc dreht.
3. Gatlung'.
Ilyperasthasieen des Nervus Vagus.
Schon die Ueberschrift soli darauf hindeuten, dass dieser machtige
sensible Nerv die Exaltation seiner Beitzbarkeit nicht durcli einen
Ausdruck, z. B. Schmerzgefuhl, aussert, sondern je nach den specifi-
sclien Energieen seiner Fasern durch mehrfache eigenthumliche Em-
pfindungen. Geben hieriiber die Experimente an lebenden Thiercn
bereits einigen Aufschluss, (s. Arnold’s schbne Untersucbungen in
seinen Bemerkungen uber den Bau des Hirns und Riickenmarks,
nebst Beitriigen zur Pbysiologie des 1 0. und 1 1 . Hirnnerven. Zurich
1838, S. 106 u. IT.) so sind es unleugbar die pathisclien Zustiinde
des Menschen, welche, wenn auch complicirt, dennoch eine grossre
Deutlichkeit und Zuverlassigkeit durch das Symbol der Sprache ge-
wahren. Betrachten wir zuvorderst diejenige Hyperasthiisie des Vagus,
welche sich durch Schmerzgefiihl offenbart, die
IVeuralgie dci* reNpiratonscIten mill gasliai§clien
Balm fllew Vagui.
In der ersteren sind neuralgische Erscheinungen seltner als in der
letzteren, und kommen zuweilen in Form des Pruritus vor. Der zum
Ilusten anregende Ivitzel in der Niihe der Bifurcation der Trachea
wird nicht nur als Begleiter der Bronchitis (Stokes on diseases of
die chest p. 54 .) sondern auch fur sich oline anderweitige Stoning
beobachtet. Als eine seltne Erscheinung fiihre ich das Gefuhl eincr
102
GLOBUS. PYROSIS.
in der Luftiohre aufsteigenden Kiilte an, woriiber rnehrere von mir
behandelte Hysterische klagten, obgleich die ausgeathmete Luft warm
* war. — Der Pruritus kommt auch zuweilen im ramus auricularis
des Vagus, der den aussern Gehorgang mit versorgt, vor und giebt
sicli durch gleicbzeitigen Reitz zum Husten und selbst zum Brechen
zu erkennen.
In der gastrischen Vagusbahn zeigt sicb die Neuralgie am hiiufig-
sten unter drei For men, als Gefuhl von Zusammenschn'urung im Pha-
rynx, von Brennen im Oesophagus, von Schmerzhaftigkeit des Ma-
gens. Das Erstere ist unter dem Namen Globus, das Zweite unter
dem Namen Pyrosis mit einbegriffen, das Britte bezeichne ich Gastro-
dynia neuralgica. Gewohnlich betrachtet man den Globus als mo-
torische Affection, als Pharyngospasmus, allein wo das Schlucken
ungehindert ist, wo sowohl flussige als feste Binge durch den Schlund
gleiten konnen, ist man, wenn auch das Gefuhl von Zusammenschuu-
rung vorhanden ist, keineswegs zur Annahme eines Schlundkram-
pfes berechtigt. Hiemit sti'mmt auch die eigenthumliche Empfindung
einer im Halse aufsteigenden Kugel iiberein. Auf hysterischem
Boden kommt der Globus am haufigsten vor, daher auch sein gewolni-
licher Beiname: zuweilen zeigt er sicli als Aura epileptica. Seltner
offenbart sich diese Neuralgie durch reines Schmerzgefiihl im Schlunde.
Hedland erzahlt in Ammons Zeitschr. f. Ophthalmol. B. V. S. 3G7
den Fall einer amaurotischen Frau, -die an einer Geschwulst der Glan-
dula pituitaria und andern Hirndesorganisationen litt, mit so heftigen
Schmerzen in dem durchaus gesunden Pharynx, dass sie glaubte, einc
Geschwulst hatte daselbst ihren Sitz.
In dcr Pyrosis steigt ein heisses, wundes Gefuhl aus dem Ma-
gen aufwiirts in den Schlund, mit oder ohne Absondrung von Magen-
salt und Speichel. Arthritis, Hypochondrie, Schwangerschaft disponi-
ren. A ermeidung fetter Nahrungsmiltel und der Spirituosa und der
fortgesetzte Gebrauch der Amara , dcr Quassia in Verbindung mit
Rheum etc. rcichen gewohnlich zur Kur him
GASTRODYNIA JNEURALGICA.
103
Gasti'OiGynlii neuvalg-ka.
Anfalle von schmerzhaften Empfmdungen im Magen, verschiedner
Art. und Inteusitat, driiekend, reisscnd, spannend, wechseln ab mit
ilntervallen von Ruhe und Schmerzlosigkeit. Durch Druck von aussen
oder innen (Aufullung mit Speisen) wird der Schmerz gewohnlicli
riicht gesteigert, nimmt mehrentheils ab. Nabrungstrieb ist fast immer
vorhanden, nicht ^elten Heisshunger. Mitempfindungen, Globus, Riik-
kenschmerz, Harndrang fehlen nur selten. Renexbewegungcn den
Bauchmuskeln, Spannung, Erbrechen, Ructus, Gahnen, sind haufig.
Die Reproduction geht ungehindcrt von statten, selbst bei langcr
Dauer der Kranklieit.
Jugendliches und mittleres Alter, erbliche Anlage, Hypochondria,
lHysterie, Spinalneuralgie, Arthritis, disponiren. Eine besondre Be-
ziehung des Uterus zu dieser Neuralgie des Vagus ist nicht zu ver-
■ kennen. Chlorosis, Fluor albus haben sie sehr oft in ilirer Beglei-
i tung, und bei vielen wird der Eintritt und die Ruckkehr der Menstrua
durch die Gastrodynia angekundigt. Hievon ist auch die uberwie-
. gende Frequenz der Kranklieit beim weiblichen Geschlechte abhan-
-gig. Safteverlust, zumal spermatischer durch Onanie, ist haufiger
' Anlass.
Der Verlaul ist chronisch : die Prognose im Allgemeinen giinstig,
obgleich die Kranklieit oft hartnackig ist, und erst mit vorschreiten-
den Jahren weicht. Die Unterscheidung von Desorganisationen des
'Magens (chronischer Entzundung, Geschwurbildung, Scirrhus) ist
leiclit, wenn diese vollstiindig entwickelt sind, schwierig im Beginn,
daher \ erwechslungen haufig. Unter den Critericn sind folgende zu-
verlassig: 1) der iiussre Druclt als Reagens. In der neuralgischen Ga-
'Strodynie Schmerz bei dem ersten noch so oberflachlichen Ilinfuhlcn:
keine Empfindung oder selbst eine Linderung bei starkerer Com-
pression: das umgekehrte Verhaltniss bei Structurverletzung des Ma-
-gens; 2) die digestive Verrichtung des Magens: gestort mit veranderler
104
CAST R,0 1 ) YN I A NEU R A LG IC A .
\
Secretion, schmerzhaft bei organischer Entartung; ununterbroclien,
schmerzlos in der Neuralgic; 3) Mitempfindungen, charakteristisch
in der Hyperasthasie, fehlen in der Desorganisation ; 4) das Yerhal-
ten der Epitheliumformation: in entziindlichen u. a. Zustiinden des
Magens ist die Zunge mit desquamirten Epitheliumpliittchen bedeckt,
trocken, roth an den Biindern und der Spitze, und entspricht hierin
der BeschafTenheit der innern Magenflachc. In der Neuralgie findet
sich keine solclie Veranderung. Bei langrer Dauer ist die Abwesen-
heit der eigenthumlichen Gesichtsfarbe, der starken Abmagerung, des
hektischen Fiebers, welche die organischen Krankheiten des Magens
begleiten, charakteristisch.
In der B eh and lung ist die Causalindication festzuhalten. Sind
Ursachen und Complicationen beseitigt, und hat man es mit einer
einfachen Hyperasthasie zu thun, so sind folgende Mittel als die wirk-
sameren zu betrachten. Soolbad, Seebad, mehreremal wiederholt, das
Eisen, (Spaaer, Pyrmonter Mineralwasser, natiirliches oder kiinst-
liches, auch in den Wintermonaten 1 — 2 Weinglaser voll nuchtern
zu trinken, oder in den verschiednen Praparaten, unter denen Aber-
crombie dem ferr. sulphur, m l — 2 Gran pro closi in Yerbindung
mit A/oe extract den Yorzug giebt) Magist. bismut, (gr j — j j, exlr.
Hyosc. gr j magn. curb. ff. alb a a gr V Mfo S. 2 — 3mal taglich
1 o). Nux vomica, in Pulverform von 3 — 6 Gran pr. dos., Bella-
donna, rad. und exlr., das letztere aufgeloset in Aq. Laurocer. (gr. IV
in 3jj 2 — 3mal taglich 16 Tropfen) Valeriana zumal als infus.
theif. mit lib. Trifol. fibr. Als Palliativ eignet sich die Chamomilla in
Jnfus. oder ol. aelh. 3(3 in 3jj spiv, sulph. aeth. 2stundlich 1 5 Tr., die
Carminativa, in hartnackigeren Fallen das Opium. Durch externa,
besonders empl. c. exlr. Belladonn., enipl. de Galb. croc., Einreibun-
gen von Mixt. ol. bals. §j Tinct. thebaic. 5jj M., von einigen Tropfen
ol. Sincip. aelh., Clysmata aus Asa foelida wird die Ivur unterstiitzt.
Die Diiit sei gehorig regulirt. Erkaltung der Fiisse und Vcrstopfung,
wozu die Kranken neigen, muss vermiedcn werden. Doch liiite man
sich vor dem Gebrauch salinischer Abfiihrungsmittel, welche den
BULIMIA.
105
neuralgischen Anfall leicht erregen. Audi der Genuss kalter Ge-
tranke und des Gefrornen ist nachtheilig, so wie des fetten, geraucher-
ten Fleisdies und wassriger Friichte.
Die ebengenannten Hyperasthasieen des Vagus sind nicht von de-
nen der Ilautnerven verschieden, dagegen die specifischen Energieen
in ihrem hygienen und pathischen Ausdrucke sich wesentlich vom
Hautgefiihle unterscheiden. Es sind dies die mit deni Nahrungs-
und Athmungstriebe verbundnen Empfindungen.
Das Gefiihl des Hungers und der Sattigung wird durch Fa-
sern der gastrisdien Bahn des Vagus vermittelt, und zwar durch
'Nervenfasern, die im Magen peripherisch enden. Versuche an Thie-
ren mit Durcbscbneidung des Vagus liaben hieriiber Auskunft ge-
;geben, und wenn auch gegen das eine Resultat, Verlust des Hungers
mach der Operation, die Skcpsis Einwurfe erheben kann, so vermag
>sie es nicht gegen das andre, gegen den Mangel des Sattigungsge-
!f uhls. Solche Thiere fressen, wie Le Gall o is, Brachet, Arnold
i beobachtet haben, bis Magen und Schlund zu einer enormen Grosse
anschwellen und das Futter aus dem Munde wieder herausquillt.
1 Diese Gefrassigkeit ist auch beim Menschen beobacbtet und mit Hun-
.ger verwecbselt worden, wahrend sie im Gegentheil ein Beweis der
Anasthasie ist. In der Hyperasthasie darf die Empfindung der Siitti-
.gung nicht aufiioren, mag sie auch in abnormen Verhaltnissen zu
dem Hunger stehen. So konnen beide Gefuhle exaltirt sein: es ist
nicht selten, dass im Iieishunger auf geringfugigen Genuss sofort
lUebersattigung eintritt. In andern Fallen folgt das Satlsein spater.
'Mit dem Heisshunger (so mochte ich diese Hyperasthasie in unsrer
"Sprache nennen: wer es vorzieht, wahle die griechischen Namen Bu-
limia, Cynorexia etc.) sind gewohnlich noch andre Empfindungen
verbunden: Gefiihl von Brennen, Nagen in der Ilerzgrube, uberwiil-
tigcndc, ohnmachtahnliche Schwachc. Das psychische Vcrhaltniss des
106
POLYDIPSIA.
Hun gergefiihls ist abnorm: es fehlt der Appetit, und dor Genuss ge-
wahrt kein Behagen. Zuweilen folgt Erbrechen odor Durcbfall.
Selten koramt diese Ilyperasthasie isolirt mid selbststandig vor,
moistens in Verbindung mit andcrn Zustanden und als Mitempfin-
dung; so in der Convalcscenz, in der Schwangerschaft, in den Wech-
selfiebern, in der Hysterie, im Irresein, in der Kriebelkrankheit, in
der Helminthiasis, im Diabetes, und auch, wie andre Hyperasthasieen,
als Vorlaufer verschiedner Krankheiten, z. B. des Podagra u. a. Dar-
nach richtet sich Prognose und Behandlung. In hartnackigen Fallen
darf man sicli einigen Erfolg von der Ekelkur versprechen.
Ausser dem Hunger ist aucli das Gefuhl des Durstes an den
Nahrungstrieb gekniipft, und wenn auch nicht mit Bestimmtheit der
Vagus als Conductor dieses Gefuhles nachgewiesen werden kann, so
lasst es sich doch mit einiger Wahrscheinlichkeit vermuthen, und
Valentin (de functionibus nervorum cerebralium et nervi sympa-
thici libri quattuor. Bernae 1 839. p.78, §. 190J schreibt den sen-
sibeln Schlundasten diese Energie zu. Larrey (Clinique chirurgicale
T. II, p. 1 55j will bei Verletzungen des oesophagus und des n. vagus
selir heftigen Durst als begleitendes Symptom wahrgenommen liaben,
und eine eigenthumliche Krankheit des Magens, die Gastromalacia,
ist von dem beftigsten Durste begleitet. Die Hyperasthasie des Durst-
gefuhls, Polydipsia, ist zuweilen als prim are Affection beobacktet
worden, wobei das kaum zu befriedigende Verlangen vorzuglich auf
kalte Getranke gerichtet ist, und bei Tag und Nacht quiilt. Hunger
ist gewohnlich nicht vorhanden, zuweilen findet selbst Widerwille
gegen Essen statt. Der Urin entspricht in seiner Quantitat dem ge-
nossnen Getranke und weicht von seiner normalen Beschaffenheit
nicht ah. Zunge und Scldund sind mehrenlheils trocken und roth:
die Speichelabsondrung ist gering. (Vgh einen interessanten Fall
von Dr. Martini in Rust Magaz. 1‘iir die ges. Heilk. 1827, S. 149.)
Das kindlichc Alter, vom dritten Jahre bis zur Pubertat, ist am meisten
ausgesetzt. Die Ursachen sind dunkel. Jos. Era nk erwiihnt eines
1 2jahrigen Bauerknabcn, der im Willna’er Klinicum behandell wurde
POLYDIPSIA.
107
imd an einem kaum zu loschenden Durste litt, so dass er in 24 Stun-
den liber 20 Quart trank, und gleichzeitig iiloer einen Schmerz im -
(Epigastrium klagte, welcher sich pldtzlich mit dem Durste eingefun-
den hatte, als er eines Tages mit grosser Anstrengung ein im Lehm-
wege steckendes Wagenrad aufzuhehen sich bemiihte. — Die Pro-
.gnose dieser Hyperasthasie ist gtinstig. Als Specificum riihmt J. F r a n k
das sal prunellae ( crystallus miner alls) Ej* Sails prunell. 3j Solv. in
acp font. Libr. j. Syr. rub. id. §j MBS. zweistundlich V2 Tasse voll.
;Doch sei man vorsichtig: auf eine stiirkre Dosis (1 Essl. voll dieses
vSalzes) erfolgte in einem Falle der Tod. (Jos. Frank prax. med.
nniv. pr accept a P. Ill, Vol. I, Sect. II. Lips. 1835, p. 299 — 313.)
Haufiger zeigt sich die Polydipsia als Begleiterin andrer Krank-
heiten, besonders des Diabetes mellitus, des Froststadiums intermitti-
i render Fieber, des Verlustes seroser Fliissigkeit, wovon die asiatische
i Cholera den treffendsten Beweis giebt. Auf einen heftigen Durst bei
Anwendung von Vesicatorien hat Baglivi aufmerksam gemacht.
( Dissert . de usu et abusu vesicantium. Cap. II, §. \.)
So wie durch die gastrische Balm des Vagus die den Nahrungs-
trieb erregenden Empfmdungen vermittelt werden, so die Gefiihle
des Athmungstriebes durch Fasern der respiratorischen Bahn dieses
Nerven. Das Beddrfniss des Athemholens und dessen Leichtigkeit
oder Schwierigkeit wird mittelst des Vagus empfunden, was durch
die Besullate der Versuche an Thieren und durch pathologische
; Beobachtungen erwiesen wird , wovon das Niihere im Abschnitte fiber
Anasthiisie. Diese specilische Energie der Vagusfasern wird nicht nur
durch objective Reitze in den Lungen geweckt, sondern auch durch
■subjective, durch Momente, welche die Reitzbarkeit des Nerven selbst
■steigern. Finer solchen im Zustande des Schlafes vorkommenden
i Hyperasthasie, die unter dem Namcn Alp, incubus, bekannt ist,
werde ich in der Exposition der Hypnoneuroses erwahnen.
' /
4. Galtuiig.
Hyperasthasieen der Sinnesnerven.
(. Hijperaeslhaesiae sensuales.)
Der grosse Fortschritt neuerer Physiologie, die sinnlichen Quali-
taten der Dinge als Aeusserungen der Sinnes-Energieen selbst dar-
zustellen, welche auch unabhangig von alien objectiven Reitzen in
Folge veranderter innrer Zustande des Nerven hervortreten, zeigt
sich fur die Pathologie von fruchtbarem Einflusse. Bis dahin den
psychischen Affectionen unter dem Namen Hallucinationes zuge-
theilt, werden von jetzt an die Hyperasthasieen der Sinnesnerven den
gebiihrenden Stand im Systeme einnehmen und sich folgerecht den
Hyperasthasieen andrer Nerven anreihen. Von nicht geringrer Wich-
tigkeit, sowohl in nosologischer als atiologischer Beziehung, ist die
Erkenntniss, dass dieselbe Ursache in jedem Sinnesnerven nur das
ihm eigenthiimliche Empfindbare anregt, in dem Opticus die Sensa-
tion des Lichtes, im Acusticus die des Schalles u. s. w. Endlich ist
es von Belang, dass, wie Ilenle in seinen gehaltvollen pathologi-
schen Untersuchungen (S. 214.) nachgewiescn hat, der Reitz
die Sinnesthatigkeit nicht hervorvorruft, sondcrn nur verstarkt
oder modificirt, und dass der Sinnesnerv ohne einen andern Impuls als
den, welchen die lebendige Wechselwirkung dcr Tlieile des Orga-
nismus bcstiindig auf ihn ausiibt, in dauernder Wirksamkeit bcharret,
die nach typischen Gesetzen periodisch steigt und fallt.
hyperasthasie des sehnerven.
109
Das Verhaltniss der Siimes-Hyperasthasieen zum Bewusstsein, von
len altern Pathologen einseitig aufgefasst, ist wichtig genug, um liier
nsbesondre erwahnt zu werden. Der Antheil, den schon im norma-
li.en Zustande das Sensorium an der Action der Sinnesnerven nimmt,
.md welcher die Beurtheilung so schwierig macht, was der blossen
Sinnesempfmdung, was der Yorstellung angehort, bat in den Hyper-
Asthasieen das Uebergewicht. Hiezu kommt der Einfluss der Inten-
ion, die nicht bloss die Erscheinung zu tixiren, sondern auch die
Acharfe der Empfinduug zu steigern vermag.
Die Diagnose des Sitzes der Affection in dem peripherischen oder
centralen Apparate der Sinnesnerven hat grosse Schwierigkeiten, den
Fall ausgenommen, wo die peripherische Bahn durcli Desorganisation
eitungsunfahig geworden ist, und die Sinnesempfindungen nicht an-
lers als von den cenlralen Endigungen im Gehirne aus angeregt wer-
len konnen. Fur den Sehnerven sind diese Untersuchungen am wei-
esten vorgeschritten.
Hypcraestliaesia optica.
Licht- und Farben-Empfindung, bedingt durch gesteigerteReitzhar-
xeit des Sehnerven, ist der Inhalt der optischen Hyperasthasie.
Diese Bedingung schliesst jede Sinnesempfiqdung des Sehorgans
ius, welche durch aussern Einfluss angeregt wird, sei es durch den
idiiquaten Reitz fur den optischen Nerven, das elementare Licht, oder
lurch ein andres Moment, Druck, Stoss, Galvanismus u. s. w. Bei
iiesen steht die Lichtempfindung in einem bestimmten Yerhaltnisse
;ur Dauer und Intensilat des objectiven Reitzes, und selbst die Nach-
virkungen der Gesichtseindriicke, die Nachbilder, nehmen in ihrer
Starke vom ersten Augenblicke an ab und kehren, wenn sie einmal
erschwunden sind, nicht wieder zuruck, dagegen die Lichterschei-
mngen der Hyperasthasie in ihrer Dauer und Intensitat mit der Stei—
f;erung der'Reitzbarkeit gleichen Schritt halten.
Die Formen dieser Lichterscheinungen sind mannigfaltig, wie die
1 10
hyperAstiiAsie des sehnerven.
durch das elementare Licht bestimmten. Hire Griinzen und Umrisse
sind scliarf, oder verwischt und undeutlich.
Eine liominelle Bezeichnung ist von iiltern und neuern Nosologen
vers ucht worclen. So erwahnt Sauvages (nosol. melh. ed. Daniel
T. IV p. 268.) der suffusio myodes, reticularis, scintillam, radians,
coruscans, Suffusio Danaes. Neuereunterscheiden zwischen Scotomata,
kleinen triiben Flecken, Pholopsia, hellerleuchteten Phantasmen, und
Cliromopsia, Farbenerscheinuugen. Die Form und besonders die Schiirfe
des Conturs ist in Bezug auf den Sitz der Affection in dem periphe-
rischen oder centralen Theile des Sehnerven von Wichtigkeit. Wo
die Retina den Sitz abgiebt, bieten sich die einzelnen Bilder in scbar-
fer Begranzung dar, mit so grosser Deutlichkeit, dass, da die Nelz-
kaut in einem solchen Zustande sich selbst empfmdet, einzelne Par-
thieen derselben oder ihre Blutgefasse oder sogar dieBewegung der
Blutkorperchen sich erkennen lassen. (Purkinj e Beitrage zurKennt-
niss des Sehens in subjectiver Hinsicht. Muller, Handb. der Physiol.
2. B. 1, Abth. S. 350. Valentin de function, nervor. cerebr. et
nervi sympathici. p. 15. §. 31. art. 6.) Auch den Kranken ist dasPhii-
nomen mit solcher Pracision sichtbar, dass sie es Andern durch eine
Zeichimng zu versinn lichen suchen. Undeutlicher, den Traumbildern
ahnlich, mit schwankenden, zerfliessenden Umrissen, aus dem Bereiche
menschlicher und thierischer Formen, schweben die Lichtempfindun-
gen vor, wenn der Centralapparat des Sehnerven Sitz der Affection ist.
Die raumliche Anschauung der Lichterscheinungen bietet Eigen-
thumlichkeiten dar. Characteristisch scheint die fliichenhafte Anschau-
ung zu sein: es fehlt die Tiefe des Sehraums. Auch erscheinen
die Phantasmen in der Nahe, und zwar in gleicher Nalie vor dem
Auge, selten in der Feme. Dagegen zeigt sich darin ein Unterschied,
dass einige in Bewegung sind, sowohl absolut als relativ zur-Bewe-
gung des Auges, andre ihren Stand unverandert beibehaltcn. Die
letzteren deuten die Affection des centralen, die ersteren die Hyper-
aslhasie des peripherischen Apparats an. Diese erscheinen selir hiiufig
nur vor einem Auge, jene im Sehfelde beider Augen.
HYPE R A S TH AS IE DES SEHN ERVEN. m
Die Verhaltnisse der optischen Ilyperasthasie zu der durch objective
iReitze bedingten Sinneserregung und zum Bewusstsein sind wichtig.
Es geben sich sowolil bei geschlossnen als oflben Augen dieErschei-
rmmgen kund, so wie auch da, wo den Lichtstrahlen die Einwirkung
auf die Retina versperrt ist, wozu folgender Fall einen Beleg giebt.
Wittwe G., 83 Jahre alt, von kriiftiger Constitution, bekam acbt
IJahre vor ihrem Tode Cataracta auf beiden Augen, deren Operation
Anfungs einen gliicklichen Erfolg zu haben schien, allein schon nach
einigen Monaten trubte sich wieder das Sehvermogen, der linkeBul-
bus wurde atrophisch, auf dem rechten bildete sich bald Synizesis
pupillae, so dass die Kranke nur noch im Stande war, Licht von
Dunkel zu unterscheiden. Urn diese Zeit klagte sie zuerst uber die
BErscheinung, dass Wiirmer in langen Reilien, bunte Leinwand in
langen Streifen, lange Faden von Wolle sich fortwahrend vor ihr in
lieHohe zogen. Die kfmstliche Pupillenbildung wurde auf dem rech-
:en Auge vorgeuommen. Anfangs blieben die Phantasmen aus, nach
ucht Wochen kehrten sie zuriick, zuerst in den fruheren, dann in
naeuen Formen. Hohe Mauern thiirmten sich auf, hochbeladne Wa-
^en standee herum, menschliche Gestalten schwebten vor, drohend,
a^rschreckend, selten mit freundlicher Geberde. Diese Erscheinungen,
lie gewohnlich nur im wachen Zustande eintraten, steigerten sich
on Zeit zu Zeit zu einer solchen Lebhaftigkeit, dass die Kranke von
hrer Objectivitat iiberzeugt, im Gespriiche abwehrende Bewegungen
nit den Handen machte, obgleich sie im ungestorten Besitze ihrer
ntellectuellen Krafte war und blieb. Die Stirn war dann heiss, das
jcsicht sehr roth, der Puls voll und hart, und ein Gefiihl von Angst
ind Beklemmung nahrn mit den iibrigen Zufallen gegen Abend zu.
i)lit solchen Exacerbationen und Nachlassen dauerten die Phantasmen
echs Jahre hindurch ununterbrochen bis zum Tode fort. Es gesellten
ich Anlalle von Schwindel und Bewussllosigkeit hinzu, begleitet von
•chwache und spaterhin Lahmung des linken Arms, welche mehre-
emal im Jahre sich wiedcrholten, ohne auf die Gesichtserscheinun-
en einen Einfluss zu haben. Ein starkerer apoplectischer Anfall traf
112
iiyperAsthasie des seienerven.
die Kranke im Januar 1837, mit tiefem, 24 Stundeu anhaltendem
Sopor, schnarchendem Atliem, langsamem vollem Pulse, Paralyse des
linken Arms und Beins, unwillkuhrlichem Ham- und Kothabgang.
Audi davon erholte sie sicli wiedcr und lebte nocli 1 xjx Jahr ohne
erneuerte Beschwerden. Am 10. Miirz 1838 verfiel sie, nachdem sie
den Tag iiber sich besonders froh und wold gefiihlt, in der Nacht
von neuem in Apoplexie, mit vollstandiger Lahmung derrecliten Seite,
und unterlag am Abend des folgenden 'Pages. — In der rechten He-
misphere des grossen Gehirns, nicht weit vom aussern Rande des
hintern Lappens und der Oberflache, land sich eine Holde von der
Grosse einer Pflaume, mit einer rothlichen Memhran ausgekleidet,
welche eine geringe Quantitat ockerfarbner Flussigkeit enthielt, wo-
von ich nocli das Praparat aufbewahre. Ein frisches Blutextravasat
wurde in der linken Hemisphere angetroffen, im mittleren und hin-
tern Lappen, in der Niihe des gestreiften Ivorpers und Sehnervenhii-
gels. Der letztere war in eine rothlich-graue breiartige Masse zergan-
gen. Die Sehnerven und das Chiasma opticum verhielten sich normal.
Die Untersuchung der Retina wurde nicht gestattet.
Audi bei Desorganisation und Atrophie des peripherischen Opti-
cus kommt die Hyperiisthasie als centrale Affection mit grosser Inten-
sitat vor. Dr. Johnson hat einen solchen Fall heohachtet und in
Medico-chirurg. review 1 836. No. 47. beschrieben. (Ygl. Schmidt’s
Jahrbucher B. XII. PI. I. S. 2 1 .) Er betraf einen ausgezeichneten
Kiinstler, der seit mehreren Jahren iiber Photopsieen klagte, wozu
sich nachher Eopfschmerzen und Abnahme der Sehkraft gesellten,
die in ganzliche Erblindung iiberging. Trotz dessen dauerten die
blendenden Erscheinungen Tag und Nacht fort, und nahmen zuwei-
len die Gestalt von Engcln mit llammenden Schwerdtern an, deren
Bewegungen wie von einem electrischen Leuchten hegleitct wurden.
Do^h wechselten die Formen haufig. Die psychischen Functionen
waren nicht im geringsten gestort: dcr Kranke zeigte sicli, wenn er
ausging, auf alles selir aufmerksam, wozu er des Gesichts nicht he-
durfte. Im Friihjahr 1835 wurde er von einem apoplectischen An-
HYPERASTHASIE des sehnerven.
113
falle betroffen mit Bewegungs- und Besinnungslosigkeit und Verlust
der Sprache. Urin und Excremente gingen unbewusst ab. Die Pu-
pillen waren erweitert. Von diesem Zustande erholte er sich, und nach
einigen Wochen war er wieder ira Stande in der Stadt umherzuge-
hen und seine Geschafte zu betreiben. Allein die Gesichtserscheinun-
.gen kehrten mit peinlicher Blendung und fast noch beharrlicher zu-
.ziick. Im Muriate August wiederholte sich der apoplectische Anfall
und der Tod erfolgte nach drei Tagen. — Der recbte Seitenventrikel
des Gehirns enthielt beinah drei Unzen heller Fliissigkeit. Der linke
war mit einer Menge Hydatiden ahnlicher Blasen von verschiedner
( Grosse, so wie mit Fliissigkeiten von verschiedner Consistenz, ange-
fiillt. Diese traubenartige Anhaufung entsprang auf dem Boden des
'Ventrikels an einer Art von Stiel, und drang in alle Nebenraume der
lHohle, ihre Zweige vorwarts treibend, so dass sie sich uber denTha-
llamus opticus dieserSeite hinaus bis in die andre Hirnhalfte erstreckte,
alle Theile auf dem Wege ihrer Verbreitung zerstorend. Beide Seh-
inervenhugel waren in breiartige Massen verwandelt, desgleichen der
L^anze vordre Hirnlappen, der kaum die leiseste Beruhrung ertrug
ahne zu zerfliessen. Die Sehnerven wurden von der Hydatidenmasse
.gedruckt, so dass von ilinen wenig mehr als eine fadenartige Hiille
itibrig geblieben war.“
Die psych ische Beziehung der optischen Ilyperasthasie ist
bedeutend. Keines andern Sinnesnerven AfFection zwingt so verfiih-
i erisch zur Anerkennung einer Objectivitat der Phantasmen, keine
indre fuhrt so leicht zur Entfremdung des Selbstgefiihls an ihren Er-
> cheinungen und hiedurch zum Irresein.
Die Ursachen wirken entweder auf den peripherischen oder cen-
tiralen Apparat des Sehnerven ein. Zu den ersteren gehoren Ueber-
i eitzung der Retina durch helles Licht (Purkinje’s Bleu-
:1 lungsbilder), durch angestrengte microscopische Untersu-
hungen. (Valentin l. c.) So erwiihnt Henle (Ueber das Ge-
liachtniss in den Sinnen, Wochenschr. fur die ges. Heilk. Jahrg. 1838.
s*. 303.) dass, als er im Sommer mehrere Tage anhaltend die Dim—
Romberg’s Nervenkrankh. I. ' 8
114
HYPER ASTIIASIE DES SEHNERVEN.
mernden Sclilauchc dcr Branchiobdella untersuchte, Abends unler
dem Wirrvvarr von Fadch, die dem ruhigen Ange vorschweben, auch
wieder die flimmernden Streifen erschienen, leuchtend, scharf be-
griinzt mid mit dcrselbcn lebhaft rieselnden Bewegung, wie sie das
Microscop gezeigt hatte. — Blutuberfiillung inderRetina, womit
auch cine bestimmte Form der Phantasmen und der Einfluss der
Respiration in Zusammenhang zu steben scheint. Schon Sauvages
( 1 . c.) bemerkt, dass in der suffusio reticularis das Netzwerk beim
Einatbmen sich verdunkle, beim Ausathmen aufhelle, und Muller
(iiber die phantastischen Gesichtserscheinungen. Coblenz 1826. S. 15)
sab, wenn er bei geschlossnen Augen lange Zeit das dunkle Seh-
feld beobachtet hatte, oft ein Licht von einem Punkte aus rhythmisch
sich uter das Sehfeld verbreiten, welches syuchronisch mit dem
Ausathmen war und dann wieder verschwand. Entziindung der
Retina, wobei die Photopsieen den starksten Grad erreichen. —
Auf das centrale Gebilde des Sehnerven wirken die Anliisse unmit-
lelbar oder mittelbar. So kommt die optische Hyperiisthasie als hau-
fige Begleiterin von Gehirnkrankkeiten vor: Irresein, (nach Esquirol
unter 100 Irrcn bei 80. Des maladies men! ales T. I. p. 199.) Deli-
rium tremens, Schwindel, Hypochondrie, Ecstasis. Die sogenannten
magnetischen und die religiosen Visionen haben durch das Lug- und
Truggewebe, in welches man das physiologisch Wahre eingespon-
nen hat, cine traurige Celebritat erlangt. Gemiilhsaffecte, besonders
Furcht und Schreck. Narcotische (Opium, Digitalis etc.) und andre
dem Blute beigemischte Stodc: yor allem das eingeathmete Stickstoff-
oxyd. Unzer sab in seinen Versuchen mit diesem Gas allerlei Liclit-
gestalten, feurige Punkte, Thiere etc. und Humphry Davy schil-
dert seinen eignen Zustand: „Wabrend der Zeit, als ich das Gas
baufig athmete, schlief ich weit weniger als sonst, und vor dem Ein-
scblafen war meine Einbildungskraft lange mit mancherlei Gesichts-
vorstellungcn beschaftigt. In dem Verbaltniss, wie die angenehme
Empfindung zunahm, horte alle Verbindung zwischen meinen Vor-
stellungen und den aussern Dingen auf. Ziige von lebbaOen Gesiehts-
bildein gingen sclmcll vor ineinem innern Sinn voriiber etc.; (die-
HYPERASTHASIE DES SEIIINERVEN.
115
misch-physiol. Untersuchungen iiber das oxydirte Stickgas. Lemgo
1 8 1 4.) Blut-Ueberfullung und Entziehung im Gehirne: jede Ohnmacht
beginnt mit optischer Hyperasthasie. Gehemmte Blutllusse: als Wir-
kung eines iibergangnen Aderlasses ist Nicolai’s Fall bekannt genug,
(Reil Fieberlehre 4. B. S. *285.) Pathische Zustande andrer Organe,
am haufigsten der Digestionsorgane und des Herzens. Endlich sind
nocli atmospharische Einfliisse zu nennen und interessant ist der Um-
stand, dessen Zeune (Belisar S. 25.) erwahnt, dass bei zweien
seiner blinden Zoglinge die Phantasmen Wetterverkiindiger sind. Bei
heitrer Luft haben sie angenehme Erscheinungen, bei triibem Wetter
schweben ihnen verworrne Gestalten vor.
Der Yerlauf der optischen Hyperasthasie ist gewohnlich cbronisch.
Die Gefabr erwachst sowohl fiir das Auge als fur das Gehirn. Niclit
selten gehen Licht- und Farben-Empfindungen der amaurotischen Er-
blindung voran. Der psychische Reflex macht sicli schon bei der peri-
pherischen Hyperasthasie des Sehnerven geltend. Es giebt wold ausser
der Hamoptysis keine Krankheit, die bei ihrem ersten Auftreten einen
solehen Eindruck macht, demMenschen alle Rube und Fassung nimmt
und oft den Grund zu andauernder Hypochondrie legt. Bei der centra-
len Hyperasthasie ist die Riickwirkung, obschon langsamer sich ent-
wickelnd, noch machtiger, wie ich bereits erwahnt habe.
In die Behandlung greift daher das psychische Regimen mit ein.
Die Abwendung der Intention (wovon im Abschnitte iiber Hypo-
chondrie das Niihere) ist eine Aufgabe, deren Losung trotz der be-
harrlichsten Geduld oft misslingt. Yon umstimmenden, ekelerregen-
den Ileilmitteln hat man sicli mehr versprochen als sie leisten. Einen
grossern Erfolg darf man von dem Gebrauche geeigneter Thermen
und von Reisen erwarten. Ich habe Mehrere beobaditet, welche, wenn
auch niclit von den Gesichtserscheinungen dadurch befreit, den Yor-
theil erlangt batten iiber ihre Krankheit zu stchen. Dass der Antheil
des Blutes sowohl bei peripherischem als centralcm Sitze der Hyper-
asthasie beriicksichtigt werden muss, ist kaum nothig zu erinnern.
Yerstopfung des Stuhlgangs muss verhiitet werden.
8*
116
HYPERftSTIlASrE DES G'EIIORNERVEN.
IIypci*acgfhaesia acustica.
Schall- und Tonempfindung, bedingt durch exaltirte Heitzbarkeit
des Hornerven, ist der Begriff der acustischen Hyperasthasie.
Den Anlass eines vernommenen Schalles aufzufmden, der ausser-
halb der Gehorwerkzeuge durch den Stoss der Luftwellen entsteht,
ist leicht, schwierig dagegen, oft unmoglich zu entscheiden, ob die
acustischeEmpfindung nur der erhohten Reitzbarkeit des Nerven oder
einem im Innern des Ohres selbst erzeugten Schalle ihren Ursprung
verdankt. Man hat zwar die Remissionen und die Mannigfaltigkeit
der Tone als Criterien angefuhrt, allein auch das Rauschen von Ver-
dichtung der Luft der Trommelhdhle und Spannung des Paukenfells
kommt und schwindet, und kann mit anders tonenden Gerauschen ab-
wechseln. Nur in einem Falle, bei coexistirender Taubheit, lasst sich
dcr Sitz der Affection im Nervengebilde selbst mit Bestimmtheit an-
nehmen.
Die Mannigfaltigkeit der Schallempfindungen ist gross, von dem
einfachen Ohrensausen bis zum Horen von Melodieen, von thierischen
und menschlichen Lauten. Diese Verschiedenheit durch besondre Na-
men bezeichnen zu wollen ist iiberflussig, und es hat auch die bishe-
rige Nomenclatur (Susurrus, Sibilus, Tinnitus, Bonibus etc.) keinen
andern Werth, als dass dadurch der Unterschied eines blossen Gerau-
sches von einem bestimmten Tone angedeutet wird.
Die Schallempfindunge!i finden bei geschlossnen und offnen Ohren
statt, in lautloser und gerauschvoller Umgebung, nicht selten mit sel-
cher Intensitat, dass der Eindruck der Luftwellen auf den Hornerven
geschwacht und selbst gehemmt wird. Besonders ist dies beim Ohren-
sausen der Fall, welches bei den meisten Kranken fur die alleinige
Ursache ihrer Schwerhbrigkeit gehalten wird.
Zur Bestimmung des Sitzes der acustischen Hyperasthasie in dem
peripherischen oder centralen Apparate des Hornerven fehlt es an
zuverlassigen Criterien. Die Halbseitigkeit lasst mehr auf die periphe-
rische, dagegen die Affection heider Hornerven, Cophosis, Coinplica-
hyperasthasie des gehOrnervein.
117
tion mit optischen Phantasmen und iiberwiegende psychische Theil-
nahme auf die centrale Hyperasthasie des Ilornerven sehliessen.
Die Ursachen nehmen entvveder die periplierische Ausbreitung
des Hornerven oder das Gebirn in Ansprucb. Starke Explosionen und
fortgesetzte Getose gehoren zu den ersteren. Krankheiten des Ge-
hirns haben diese Hyperasthasie oft zum Vorboten und in ihrer Be-
gleitung: sie geht den apoplectiscken und epileptischen Anfallen
voran, ist fast immer im Gefolge des Schwindels, und begleitet haufig
das Irresein. Esquirol {des maladies mentales T. I. p. 19G.) er-
wabut zweier wahnsinniger Frauen, die vollkommen taub stets die
Stimmen von Menschen horten, mit denen sie sich, bis zur Wuth,
lierum zankten. — Der Einfluss des Blutes ist in Bezug auf diese
Hyperasthasie unverkennbar. Bei Hypertrophieen des linken Herz-
ventrikels ist die Empfindung von Rauschen und Brausen nieht bloss
in den Ohren, sondern, wie die Kranken sich ausdrucken, im ganzen
Kopfe eine gewdhnliche Klage. Bei Blutfliissen? zumal Metrorrhagieen,
fehlt selten das Ohrenklingen und die Ohnmacht beginnt damit. Aucb
Hamorrhois und die damit verbundnen Digestionsstorungen sind oft
von acustischen Phantasmen begleitet. In Folge des Gebrauchs von
Chinin. sulphur, babe ich haufig Ohrensausen beobachtet.
In progn ostischer Hinsicht ist das Yerhaltniss zur Schwerho-
rigkeit und Taubheit am wichtigsten. Nach Itard (die Krankhei-
ten des Ohres und des Geliors. Weimar 1822. S. 181) soli Taub-
heit, die eine Wirkung des Ohrentonens ist, das Eigne haben,
dass sie, wenigstens im Anfange, die Wahrnehmung der isolir-
ten Tone nicht stort, sondern bloss dem Vernehmen der Sprache
und der mit andern zugleich schallenden Tone, z. B. bei allge-
meiner Conversation, oder im Gesang mit Begleitung, hinderlich
ist. Auch wird ein Versuch empfohlen, der, wenn er gelingt,
jeden Zweifel nehmen soli : er besteht darin beide Carotiden einige
Minuten lang zu comprimiren. Das Ohrentonen hort dann gewohn-
lich auf : verschwindet zugleich die Taubheit, so ist sie als Folge oder
als ein von derselben Ursache abhaneieer Zustand zu betrachten.
118
HYPEllASTilASIE DES gehOrn erven.
In der Behandlung, zumal dcs Ohrcntdnens, ist man gcvvohnt cine
congestive Basis vorauszusetzen und von Blutenllcerungcn, sowohl
allgcmeinen als ortlichen, Heil zu erwarten, obgleich sie oft genug
feldschlagen.
Am lcichtesten gelingt die Kur der durch Blutverlust und Er-
sclidpfung bcdingten Affection : schwieriger, wenn sie in hypochon-
drisclier Diathesis wurzelt. Oertliche Mittel lassen fast immer imStich.
In hartnackigen Fallen, wo durch die Gehorphantasmen der Schlaf
gestort oder abgehalten wird, empfiehlt Itard (l. c. S. 189), das in-
ner e Geriiusch durcli ein ausseres ahnliches, gleichmassig anlialtendes
zu dampfen. So lindert das Gerausch eines ziemlich lebhaften Ka-
minfeuers die Lastigkeit des dumpfen Ohrentonens, welches das ent-
fernte Rauschen der Winde oder eines Flusses nachakmt. Bei einer
Kranken war der Aufentkalt in einer Wasserm'uhle von dem besten
Erfolg.
Yonder acustisehen Hyperasthasie ist die Neuralgia otica
zu unterscheiden, welclie in den Quintusfasern des Paukenfelles und
inneren Ohres ihren Sitz hat, und auf iilmliche Weise das schmerz-
hafte Horen hervorbringt, wie die Ciliarneuralgie das schmerzhafte
Sehen.
UAPERASTHASIE DES GERUCllSNERVEN.
119
HyperaeisRi^esisi olfacioria.
Die Bcurtheilung der Unabhangigkeit vorhandner Gerachsemptin-
dungen von objectiven Reitzen ist nicht minder schwierig, als in Be-
treff der Gehorempfindungen. Denn nicht nur die nach innen, auch
die nacli aussen stromende Bewegung der Luft kami die Energie des
Olfactorius anregen, wie es die von den Athem- oder Digestionsor-
ganen aus entwickelten Geriiche beweisen, und ob nicht selbst ein
Geruch vom Blute aus durch die Circulation vermittelt werden kann,
steht nocli dahin. *) Es stutzt sich demnach die Diagnose dieser Iiy-
periisthasie melir auf negative Merkmale.
Die bisher mitgetheilten Beobachtungen sind Beispiele centraler Af-
fection. Mai nga ult fand bei einem Manne, derbestandig uber einen
unangenehmen Geruch geklagt hatte, Incrustation en der Arachnoidect
an einzelnen Stellen und Eiterbalge in der Mitte der Hemispharen des
grossen Gehirns. (Froriep’s Notizen VIII. B. S. 2 56) Dubois hatte
einen Mann gekannt, welcher nach einem Falle vom Pferde mehrere
Jahre bis zum Tode einen Gestank zu riechen glaubte. (Mill 1 e r Physiol.
2. B. 2. Abthl. S. 489). Im Irresein kommen Geruchsphantasmen vor,
obgleich seltner als optische und acustische. Esquirol erwahnt einer
Walmsinnigen, die uberall den Geruch des Kupfers und einer andern,
die im letzten Stadium der Phthisis den Geruch des Kohlendampfes
witterte. (Des maladies mentales. T.I. p. 7.) In der Ilysterie werden
Erscheinungen der olfactorischen Hypcraslhasie nicht selten beobachtet,
so wie auch in Krankheiten des Darmkanals, des Uterus, und der Geni-
talien. ( Hipp . Cloquet osphresiologie oa Iraite des odeurs, da sens
el des organes de 1’ olfaction. Paris 1821. p. 749.)
Als centrales Phiinomen ist auch die Geruchsempfindung bei Anos-
mia zu dculen, wovon Bdrard (Froriep’s Notizen B. XI. S. 151)
*) Dupuytren sah nach der Injection einer riechenden Fliissigkeit in die Vc-
nen den Hand die NascnHiigel olTnen, den Kopf in die Ildhc lichen und schnlif-
feln, als snchecrdic Quelle dcsGeruchs ausscrhalb auf. (II. Cloquet im Uict'umn.
des sc. medic. T. XXXVII. p. 245.)
120
iiyperAstiiAsie des geschmacksnerven.
einen Fall beschrieben hat, wo die n. olfaclorii zerstbrt waren, und
der Kranke dessenungeachtet fiber iible Geriiche geklagt hatte.
Ob in der Hyperaeslhaesia olfactoria der Geschraackssinn einen so
regen Antheil nimnit, wie iiberhaupt bei Geruchen, geht aus den
bisherigen Beobachtungen nicht hervor. Ein Kranker, der mich vor
einiger Zeit consultirt hat, klagt iiber einen andauernden raucherigen
Geruch wie vom Creosot, welcher ihm jeden Tafelgenuss stort. Audi
schweigen die Beobachtungen davon, ob Ekel als Mitempfmdung und
Brechen als Reflexaction vorkommt, wiewobl die Wahrscheinlichkeit
dafiir ist.
Hyperaesthaesla g;ustaloria.
Mit der durch exaltirte Reitzbarkeit des Geschmacksnerven be-
dingten Affection sind wir am wenigsten bekannt. Zweifel drangeu
sich auf, ob nicht objective Reitze im Munde und Zungenschleime
vorbanden sind, und andrerseits existiren keine Beispiele von gusta-
torischer Anasthasie, wo bei vorhandner Leitungsunfahigkeit Ge-
schmacksempfindungen centralen Ursprungs beobacbtet worden sind.
Dennoch konnen wir nach der Analogie die unter gewissen Verhalt-
nissen, z. B. in der Hysterie, Ilypochondrie, im Irresein u. s. w. vor-
kommenden Geschmacksempfmdungen nicht anders deuten als die
optischen u. s. w. Phantasmen.
Haufiger als den Geschmacksnerven befallt die Hyperiisthasie den
Gefiihlsnerven der Zunge, und olfenbart sich als Neuralgie, als Pru-
ritus und Ardor.
B. Hyperasthesieen der sympathischeii Nervenbahnen*
-o-©v2r°-
Wie in der Nervenpathologie iiberhaupt, so ist in den Affectionen
des Sympathicus strenge Kritik der Forschung nothwendig, um vor
Abwegen zu bewahren, welche entweder dieses Gebiet der Mystifi-
cation anheimgeben oder eine fur das Vorschreiten derUntersuchung
ungiinstige Skepsis unterhalten. Dies hat auch in Betreff der sen-
sibeln Attribute des Sympathicus seine Giiltigkeit : sie, die unlangst
noch in ein abenteuerliches Gewand gehullt, von einer andern Seite
wiederum ganz geleugnet wurden, stehen jetzt unzweifelhaft fest durch
i anatomisches und physiologisches Zeugniss. (S. Joh. Muller Handb.
der Physiol. 1. B. 3. Aufl. S. 755 und Valentin de fundionibus
nervorum cerebralimn et nervi sympathici. p. 7 0.) Primitivfasem von
der hintern Wurzel der Spinalnerven lassen sich eben so sicher wie
von der vordern in dieVerbindungsstrange verfolgen, und das lebende
iThier reagirt gegen mechanische und chemische Reitzung durch Ma-
nifestation von Schmerzempfindung, deren Intensitat nach dcm Sitze
fcr Reitzung verschieden zu sein scheint. So unterscheidet sich die
Reitzung des ramus communicans in ihren Wirkungen nicht von der
unes jeden andern sensibeln Spinalnerven, wahrend die Bauchgan-
?lien heftig gereitzt werden miissen, um in dem Thiere eine Aeusserung
122
iiyperAstiiesieen des sympathicus.
von Schmerz hervorzubringen. Allein ob niclit ein andres Gefiihl als
Schmerz diesc Reitzung beglcitet, daruber giebt das Thier keine Aus-
kunft, an dessen Empfindungen stets nur dcr Maassstab cines gereitzten
Iiautnervcn gclcgt wird, dcr Menscli dagegen schildert es in deulli-
chen Ziigen. In jenen einfachen Zustanden iiussrer Yerletzung, welche
Experimenten an lebenden Thieren vergleichbar sind, here man ihn
klagen, bei einem Schlag auf die Magengegend, bei einem Stoss an
den Testikel. Die uberwaltigende ohnmachtahnliche Empfindung, als
wiirde das Leben an seiner Wurzel bedroht, wird hervorgehoben und
sie ist es auch, die in den Hyperasthesieen des Sympathicus mehr
oder minder sich kundgiebt, entweder allein oder in Verbindung mit
Schmerz, der an und fur sich weder in seinen Graden noch in sei-
ner Modalitiit (Reissen, Stechen, Druck u. s. w.) von dem der cere-
brospinalen Hautnerven verschieden ist, woran zu zweifeln nur ein
Unkundiger die Neigung haben konnte.
Noch einige Eigenthumlichkeiten kommen den Hyperasthesieen des
Sympathicus zu, welche mit seiner physiologischen Bestiramung in
Zusammenhang stehen: zuvorderst die Anregung von Refl.exa-
ction in den Muskeln, sowohl willkiihrlichen als besonders automa-
tischen. Im sympathischen Apparate gelangen im gesunden Zustande
die Eindriicke auf die sensibeln Fasern selten zum Bewusstsein, son-
dern vermitteln sofort im Ruckenmarke die Reflexerregung : in den
Hyperasthesieen findet jedoch die Leitung nach beiden Richtungen
statt, und so erfolgt nicht bloss Perception der Empfindung, sondern
auch Contraction der Muskelfasern, sei es im Herzen, im Darmcanal,
in den Ausfiihrungsgangen der Dr'usen, oder in den Bauchmuskeln
u. s. f. Nachst der Reflexaction wird auch die trophische N e r v e n-
energie mehr in Anspruch genommen als bei den Hyperasthesieen
der iibrigen Cerebrospinalnerven. Die sogenannten vegetativen Ver-
richtungen, (Absondrung, selbst zum Theil die Circulation) sind gestort.
Betrachten wir nach diesen allgcmeincn Bemerkungen die Hyper-
asthesieen der einzelnen Gellechte des Sympathicus.
1. Cattuns,*.
V
Ilyperaesthesia plexus cardiaci.
f Angina pectoris.)
Ein zusammenschnlirender Schmerz unter dem Brustbein, in der
NVahe des Herzens, befallt plotzlich mit Angstgefuhl, bis zu einem
sijolchen Grade als erlosche das Leben. Herzschlag und Arterienpuls
i >ind schwach, klein, ungleicb, aussetzend, der Athem ist mehrentheils
I oeklommen, erschwert, zuweilen ungehindert, die Temperatur der
J blande und des Gesichts kiihl, das Colorit blass, die Ziige verfallen.
“'Schmerzhafte Mitempfindungen gesellen sich hinzu, dem Sitze und
i Grade nach verschieden : am haufigsten ein nach dem linken Arme,
-seltner nach dem rechten oder in beide Arme zugleich ziehender
^Schmerz, bis zur Insertion des Deltoideus, oder bis in’s Ellenbogen-
^gelenk oder dem Laufe des Ulnaris nach in die Fingerspitzen, oder
arickelnde Sensation wie beim Einschlafen der Glieder. Oefters ver-
1 breitet sich der Schmerz am Halse bis zur vordern Brustflache oder
n den Subcutaneis der obern Cervicalnerven nach dem Kieferrande
mfwarts, zuweilen auch im Vagus als Globus. Nachdem ein solcher
Anfall einige Minuten bis eine viertel und halbe Stunde gedauert,
i asst er meistens unter Ructus allmahlich nach, seltner plotzlich, und
'das Befinden bleibt ungestort, bis uber kurz oder lang der Paroxys-
nus zuriickkelirt.
So stellt sich die Neuralgia carcliaca in ihrem einfachen Zustande
dar: anders hingegen bei Complication mit Kranklieitcn des Herzens
124
NEURALGIA. CARDIACA.
und dergrossen Gefasse. Der erheblichste Unterscliied ist, dass alsdann
das lntervall zwischen den Anfallen niclit mehr ein Bild relativer Ge-
sundheit darbietet, und dass dem Paroxysmus selbst Symptome sich
beimischen, welche der Ilerzkrankbeit angehoren. Je grdssere und
scbnellere Fortscbritte die letztere macht, um so mebr pflegen die
Anfalle der Neuralgie in den Ilintergrund zu treten, und sicb zu
verlieren.
Scliolion. Von physiologischem Interesse ist der Sitz der Mitem-
pfindungen, in so fern er den Wurzelbeerd der sensibeln Nervenfa-
sern des Herzgeflechtes andeutet. Muller (Handb. der Phys. des
Menschen B. I. S. 674) hatte bereits darauf aufmerksam gemacbt,
dass der Griinzstrang des Sympathicus nur ein scheinbar zusammen-
hangender Strang vom Ganglion cervic. suprem. bis zum Gangl. coc-
cygeum sei, und dass die vom Ruekenmarke kommenden Wurzelfii-
den, nachdem sie in den Granzstrang eingetreten sind, in demselben
eine Strecke fortlaufen, und dann erst abgehen und in den Eingewei-
den etc. peripberisch sich ausbreiten. (Valentins lex progressus.
Vgl. de fund. new. cerebr. et newi sympath. p. 66.) Demnach
sind sympathische Fasern, die aus dem Granzstrange kommen,
Nachbarn von Cerebrospinalnerven, die hoher oben am Stamme
sich verbreiten, und es muss auch, wenn von einem Eingeweide
des Bauches oder der Brusthohle Irradiation der Empfindung statt
findet, der Schmerz an den obern Extremitaten, am Halse und
noch holier herauf, am Kopfe auftreten. (Henle patholog. Untersu-
chungen. S. 110.) So lasst sicb nun aus den Mitempfiudungen der
Neuralgia cardiaca die im Riickenmarke befindliche anatomische
Contiguitat der sensibeln Herzfasern des Sympathicus und der sen-
sibeln Elemente der Cervicalnerven vermulhen, und es kann nicht
auffallen, dass auch bei primaren Affectionen des Cervicalbezirkes des
Riickenmarks eine ahnliche Gruppe von Symptomen zum Vorschein
kommt. Dies hatten die Beobachter ganzlich iibersehen, welche nach
Parry’s und Jenner’s Vorgang nur einen peripherischen Ursprung
der Neuralgia cardiaca oder, wic sie lie her den zuerst genannt
NEURALGIA CARDIACA.
125
hatte, der Angina pectoris annahmen, und die Symptome an einer
bestimmten organischen Veranderung, an der Incrustation der Co-
ronararterien, knupften. Andre liessen zwar eine grossre Breite
•krankhafter Zustande des Herzens als Bedingung dieser Neuralgie
gelten, allein mit welchem Unrechte, ist durch neuere Untersuchun-
gen nachgewiesen, und wer noch daran zweifelt, moge in Laennecs
Erfahrung* *) Belehrung finden.
Das kindliche Alter bleibt von dieser Neuralgie verschont; das ju-
gendliche wird sehr selten befallen ; das mittlere und hdhere ge-
ben den fruchtbarsten Boden. Arthritis, Hysterie und Neuralgia
spinalis disponiren am meisten. Gelegentliche Anlasse sind anstren-
gende Bewegungen, zumal bei vollem Magen, Treppen- und Berg-
steigen, Gemuthsaffecte, Diatsiinden.
In der Prognose lasse man sich nicht durch die irrige Voraus-
^setzung, als bilde organische Herzkrankheit die Folie der Neuralgia
i cardiaca, verleiten. Auf hysterischem Grunde verliert diese Affection
ljegliche Bedeutung. Erheblicher ist bereits bei Arthritis, besonders
*) Laennec, traitd de Vauscultation mediate et des maladies des pou-
mons et du coeur. 4 i erne edit, consider ablement augment de par Andral
• Paris 1 837. T. III. p. 495. — „Laplupart des mddecinsn’en sont pas moins resU per-
suades en Angleterre, enAllemagne et en Italie surtout, que Vangine de poitrine est tou-
i fours tide a quelque maladie organique du coeur, que cet accident est tres grave, etque
(a plupart des malades qui en sont attaquds, meurent subilement. Ces iddes sont loin,
d’dtre exactes. L’angine de poitrine dun Uger ou a un mediocre ddgrd estune affection
t extrdmement commune et exisle fort souvent chez des sujels, qui n’ont aucune affection
organique du coeur ni des gros vaisseaux. J’ai vu beaucoup de per sonnes qui en ont
dprouvd seulement quelques attaques trds fortes, mais de courte duree, et qui en ons
etd ensuite ddbarrassdes. Je crois memo que Vinfluence de la constitution mddicale con-
tribue d son ddveloppement, car je Vai observde frdquemment dans le cours de cerlai-
nes anndes, et je Vai d peine rencontrde dans les autres. D’un autre cdtd, il est vrai
que Vangine de poitrine coincide assez souvent uvec des affections organiques du
coeur; mais rien ne prouvc qu’elle en ddpende, mdme dans ces cas, puisqu’cUc pent
■cxister sans cela, el que ces affections sont variables. J’ai ouvert plusieurs sujels at-
taquds d la fois d’ hyper tropliie ou de dilatation du coeur et d ’angina pectoris; chez
aucun je n’ai trouvd les arldres coronaires ossifides. Un seul d’entre eux mourut su-
Ibitement en milieu d’tme violente atlaque d’angine de poitrine; et Von conpoit que
la reunion d’une affection nerveuse aussi intense d une dnorme liypertrophie du
coeur ( qui existait chez ce sujetj puisse quelquefois produire cet e(fet.“ —
126
NEURALGIA CARDIAC A.
der anomalen, die Besorgniss, weil diesclbc den Incrustationen der
Yalveln, der grossen Gefiisse u. s. w. giinstig ist.
Fur die B eh andlung gelte die Hegel mit allgemeinen Blutentlee-
rungen vorsichtig zu sein, zumal wahrend des Anfalls. Oertliche (lurch
Schropfkopfe und Blutegel sind bei plethorischen Individuen urid im
Anfange der Krankheit vorzuziehen. Wo Arthritis zu Grunde liegt,
sind Exutoria, Fontanelle, Haarseil in der Nahe des Herzens, an ihrer
Stelle. Bei Hysterie sind Eisen- und Seebiider zu empfehlen: in der
Spinalneuralgie das fiir diese Krankheit geeignete Verfahren. Yer-
stopfung ist bei alien solchen Kranken zu verhiiten, und Anstrengung
jeder Art muss untersagt werden, was um so notlwvendiger, je mehr
derVcrdacht auf eine Complication mit Structurveranderung des Her-
zens gegrundet ist. Im Anfalle selbst leisten Excitantia gute Dienste.
Ich sah von dem Einathmen des Schwefel- oder Essigiithers den
schnellsten Erfolg : (es werden ein Paar Theeloffel voll in eine Unter-
tasse gegossen, und deren Rand an den Mund des Kranken bis zur
Verdunstung des Aethers gehalten). Auch zum innern Gebrauche
eignet sich der Aether, mit linct. castor, und in dringenden Fallen mit
einem gehorigen Zusatze von Opium. Senfteige, oder Einreibungen
des ol. sinap. cieth. in die Ilerzgegend und in den Nacken mussen zu
H'ulfe genommen werden. Manche Kranke loben das Aufheben und
in die Hohe Halten der Arme als Erleichterung. Laennec (/. c.p.
497) sah vom Tragen zweier diinner gebogner Magnetplatten in der
Herzgrube und der entsprechenden Stelle des Riickens palliativen
Nutzen. Die Wirkung wurde (lurch Application eines kleinen Yesi-
catoriums unter der vordern Platte verstarkt. Fran k bcobachtete
einen Kranken, dem kalte Umschlage auf den Kopf am schnellsten
Linderung verschafften. [Praxcos medic, univers. pracccpta P. If. vol.
II. Sect. II. p: 251.) Ein von mir behandelter Kranker fand im Ge-
nusse des Gefrornen wahrend des Anfalls die grbsste Erleichterung.
— IK-OXl-
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G aides Mg*
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Hyperaesthesia plexus Solaris.
( Neuralgia coeliaca.)
Jahlings oder nach vorangegangenem Gefiilde von Druck befallt
ein heftiger zusammenschniirender Schmerz in der Magengrube, ge-
wohnlich bis zum Riicken sich verbreitend, mit Ohnmachtgefuhl,
verfallenem Gesicht, Kalte der Hande und Fiisse, mit kleinem,
contrahirtem, aussetzendem Pulse. Der Schmerz steigt so, dass der
Kranke laut aufschreiet. Die Magengegend ist entweder aufgetrieben,
kugelformig gewolbt, oder, was haufiger der Fall ist, eingezogen, mit
Spannung der Baucbdecken. Pulsationen in der epigastrischen Ge-
gend sind haufig. Aeusserer Druck wird vertragen und der Kranke
selbst stemmt niclit selten die Magengrube an einen festen Gegen-
stand oder comprimirt sie mit den Handen. Mitempfindungen in der
Brusthohle, unter dem Sternum, in den Schlundasten des Vagus,
zeigen sich oft, in aussern Theilen nur selten.
Der Anfall dauert einige Minuten bis eine balbe Stunde: dann
nimmt der Schmerz allmahlich ab, mit Zurucklassung einer grossen
Erschopfung, oder hort plotzlich auf mit Aufstossen, lcerem oder
wassrigem, mit Erbrechen, mit Ausbruch eines gelinden Sehweisses,
oder reichlichem Harnabgang. In den Intervallen ist die Gesundheit
meistens ungestort.
Der pcriodische Typus der Paroxysmen ist zuweilen regelmassig,
w°von die inlermilt. comilata cardialgica ein Beispiel ist, welche
128
NEURALGIA COELIACA.
iiberhaupt das vollstandigste Bild dieser Hyper'asthesie giebt. (. Bor -
sieri instil, med. pracl. vol. 1. p. 235.) Der Ycrlauf ist gewohnlich
chronisch.
Das kindliche Alter wird verschont: das miinnliche Geschlecht ist
eben so unterworfen vvie das weibliche. Unterdr'uckte BIulfTusse, zu-
mal uterine und hamorrhoidale, geben oft Anlass, so wie andrerseits
die Neuralgia coeliaca dem Ausbruche des Yomitus cruentus und der
Melana voranzugelien pflegt. Arthritis disponirt: ich selbst babe vor
dem ersten Anfalle des Podagra diese Neuralgie bestanden, und er-
innre mich lebbaft des vernichtenden Gefuhls und des Schmerzes, als
packten Krallen die Herzgrube. Auch die carcinomatose Diathesis
begiinstigt die Entstehung: der Entwicklung des Magenkrebses geht
ofters Jahre lang die Neuralgia coeliaca voran.
Yon diesen atiologischen Verhaltnissen und der Dauer der Krank-
heit ist auch die Prognose abhangig. Je frischer die Neuralgie, je
weniger Complicationen, um so sichrer die Aussiclit auf Erfolg,
obschon die Neigung zu Recidiyen nicht ausser Acht gelassen wer-
den darf.
\
In diagnostischer Beziehung sind die Erscheinungen charakteri-
stisch genug, um Verwechslung der Neuralgia coeliaca mit Entziin-
dung und Desorganisation des Magens zu verhiiten. Schwieriger lasst
sich der Unterschied von andern Neuralgieen in demselben organi-
schen Gebiete festsetzen, wie es schon der eingefiihrte Collectivname
Cardialgia bezeugt. Mir scheint das den Schmerz begleitende speci-
fische Gefrihl der Ohnmacht, der drohenden Lebensvernichtung, wel-
ches sich auch in der Circulation, in dem ganzen Habitus des Kran-
ken deutlich ausspricht, der pathognomonische Zug zu sein fur die
Neuralgia coeliaca um sie zu unterscheiden von der Neuralgie
des Yagus, welche enlweder als selbstsUindige Affection oder als
excentrisches Symptom eines Riickenmarkleidens beobachtet wird (S.
die Exposition der Gastrodynia neuralgica S. 103 und der Neuralgia
spinalis.)
Die Behandlung ist nicht wesentlich von der der Gastrodynia ncu-
NEURALGIA COELIACA.
129
ralgica verschieden. Nur die Storungen in der Circulation und Se-
cretion miissen eigens beriicksichtigt werden, um Structurverande-
rungen vorzubeugen. Der wiederholte Gebrauch ortlicher Blutent-
leerungeu, besonders durch Schropfkopfe, und ableitender Mittel auf
die Ilaut, durch Exutoria, darf in den Intervallen derNeuralgie nicht
vernachlassigt werden. Wo eine regelmassige Periodicitat bemerk-
bar ist, die in der interm, comitata am deutlichsten sich ausspricht,
passt der dreiste Gebrauch des Chinins.
Romberg’s Nervenkrankh. I.
9
3. ftattiing'.
Hyperaesthesia plexus mesenterici.
Schmerz verbreitel sich vom Nabel aus in den Unterleib, anfalls-
weise, abwechselnd mit Intervallen von Ruhe. Der Schmerz ist rei-
ssend, schneidend, druckend, am haufigsten kneifend, eingeleitet und
begleitet von einem eigenthiimlichen wehen Gefiihle. Der Kranke
ist unruhig, sucht in Veranderung seiner Lage und in Compression des
Unterleibs Erleichterung: seine Ilande, Fusse, Backen haben eine
kuhle Temperatur: das Gesicht ist gespannt, die gerunzelten Augen-
brauen und zusammengeknifFnen Lippen verrathen den Schmerz. Der
Puls ist klein und hart. Die aufgetriebnen oder einwarts gezognen
Bauchdecken sind gespannt. Uebelkeit, Erbrachen, Ilarndrang und
Zwang sind oft zugegen.
Diese allgemeinen Ziige werden durch besondre Umstande modi-
ficirt. Der wichtigste ist die TheilnahmedesCentralappa-
rats, des R ii c k e n m a r k s , \velche sich durch begleitende Affec-
tion sensibler und motorischer Spinalrierven kundgiebt. Eine Form
ist bisher unter dem Namen
Colica §aturniua s. metallira
beschrieben worden.
I)e Hacn, ratio mcdcndi T. Ill, p. 73, T. X, p. 4.
Stoll, ratio medendi T. II, p. 240.
Merat, traite dc la colique mctallique. 2. edit. Paris 1812.
Verstopfung des zuvor losen Stuhlgangs und Gefiihl von Druck in
der epigastrischen Gegend machen gewohnlich den Anfang. Darauf
NEURALGIA MESENTERICA.
131
stellen sich reissende, kneifende Sclimerzen in der Niihe des Nabels
ein, welche durch aussern Druck in der Mehrzahl der Falle nicht
zunehmen, oft gelindert werden, in den ersten Tagen nur kurze Nach-
liisse bilden, und zu einer ausserordentlichen Intensitat steigen.
Die Bauchdecken sind entweder hart, gespannt, zuvveilen wie im Te-
tanus, oder, was seltner der Fall ist, weich. Wenn Oeffnung, spar-
lich und miihsam, erfolgt, besteht sie aus trocknen, geballten Excre-
menten, wie Ziegenkoth. Die Reaction des Darmkanals gegen Purgir-
mittel, selbst drastische, ist sebr trage. Der Kranke leidet an Uebel-
keit, bittern, ranzigem Aufstossen, biliosem Erbrechen bei stark beleg-
ter, gelb gefiirbter Zunge. Urin wird unter haufigem Drang und mit
Schmerz, in geringer Quantitat, wasserhell, entleert oder ist unter-
driickt. Zuvveilen ziehen ein oder beide Testikel sich schmerzhaft in
die Hohe. Der Puls ist langsam *), gespannt, hart, oft in einem sol-
chen Grade, dass man einen eisernen Draht unter dem Finger zu
fiihlen glaubt * *). Der Athem ist langsam, zuweilen beklommen.
Die Stimme hohl, rauh, klanglos. Die Haut trocken, sprode, von
gelblicher Farbe. Mitempfindungen sind haufige Begleiter: am haufig-
sten brennende, reissende Schmerzen in den Armen, seltner in den
Beinen, zuweilen auf die Gelenke beschriinkt, welche Abends und in
der Nacht exacerbiren und gegen Morgen nachlassen. Auch im Kreutze
und in den Huften sind die Schmerzen lebhaft. Hiezu gesellt sich
Yerlust der Motilitat, (nach Stoll ungefahr wie 1 : 15) vorzugsweise
in den obern Extremitaten, sehr selten in den untern, meistens in
beiden Armen, am haufigsten in den Handen, zuweilen nur in einzel-
nen Fingern. Sitz der Lahmung sind die Streckmuskeln, daber die
*) Lentin, ein zuverlassiger Bcobachter, der diese Krankheit in den Berg-
werken dcs Ilarzes genau hatle kennen lernen, behauptet in seinen Beitr'agen
zur auslibenden Arznei wissenschaft 1. B. S. 385: „Wcnn die Schmerzen
in der Blcicolik am heftigstcn sind, welches gewbhnlich die ersten vier Tagc be-
merkt wird, fand ich immer einen iiberaus langsamen, aber vollen Puls. So wie
die Zahl der Pidsschlage binncn einer Minute gcwann, nahm die Hoflnung,
Oeffnung und Erlcichlerung zu bekommcn, zu.“
**) l^'e Harte dcs Pulses soli nach Stoll pathognomonisch sein und unter al-
ien Symptomen am langstcn bestchcn. Ich habe sie nicht selten vermisst.
9 *
132
NEURALGIA MESENTERICA.
Flexoren das Uebergewicht haben, und die Hand ein warts in einem
recbten Winkel gegen den Vorderarm gebogen ist. Friihzeitig ist
Welkwerden und Schwinden der Muskelsubstanz bemerkbar. Die
Lahmung tritt einige Tage oder spater nach Beginn der Neuralgie
ein, iiusserst selten vorher, und bleibt entweder nach Heilung der
letzteren permanent zuriick, oder kommt und schwindet mit den
Anfallen der Neuralgie, oder zeigt sich nicht wieder trotz der Riick-
kebr der Colik.
■
Auch das Geliirn giebt ofters in dieser Krankheit seine Theilnahme
kund. Nicht bloss die psychische Stimmung ist verandert, der Kranke
ist angstlich, ungeduldig, heftig, scblaflos, auch Benommenheit des
Kopfes, Schwindel, epileptiscbe Anfalle, Apoplexie, Amaurose sind
wiilirend oder nach der Neuralgie beobachtet worden.
De Haen und Stoll erwahnen der Formation von Ueberbeinen
auf dem Handr'ucken, in der Nahe der Scbeiden der Fingerstrecker,
als einer haufigen Erscheinung in der Bleicolik, welche sich bei lange-
rer Andauer oder oftmaliger Ruckkehr der neuralgischen Schmerzen
einzustellen pflegt. Zuweilen verschwinden sie mit dem Anfalle, oft
bleiben sie zuriick. Weder Merat noch ich haben die Entstehung
der Ganglien in dieser Krankheit beobachtet.
Eine andre Form ist die unter gewissen endemischen und epidemi-
schen Yerhaltnissen vorkommende
Colica Tegetaliilis.
Huxham, opusculum de morbo colico Damnoniorum, coque maxime epide-
mico. (Op. physic, medic, cur. G. Christ. Reichel. T. Ill, p. 54 .J
Segond, cssai sur la neuralgie du grand sympathique, maladie connue sous
les noms de colique vegetale, de Poitou, de Devonshire, de Ma-
drid, de Surinam, et sous ceux de Barbiers, de Beriberi etc. Pa-
ris 1837.
Plotzlich oder nach vorangegangnen Vorboten bricht die Neural-
gie aus, mit einem bohrenden, pressenden oder zerreissenden Schmerz
in der Gegend des Duodenum, des Nabels, des Colon transversum oder
des recbten ITypochondrium. Ructus, Uebelkeit, Erbrechen lauch-
griiner, saurer Stofte. Yerstopfung, nacbdem einige Tage zuvor harte,
NEURALGIA MESENTERICA.
133
dunkle Scybala, dem Schaafkothe ahnlich, mit Tenesmus abgegangcn
sind, Peinigende Dysurie, Beklemmung, Angst. Sehr heftiger Schmerz
im Ruckgrath, besonders in der Nierengegend, und lschurie. Schmer-
zen in den obern und untern Extreiniluten, in den Knieen, Hand-
und Ellenbogengelenken, Schnltern. Sehnenhiipfen, Schwiicbe und
Lahmung der Hande, mit Flexion der Finger. Klanglosigkeit, Rau-
heit, Schwache der Stimme. Sclilaflosigkeit, Schwermuth. Eine neue
Gruppe von Symptomen stellt sich zuweilen eiu. Der Leib wird
ausserordentlich gespannt und empfindiich gegen die geringste Be-
riihrung. Icterische Farbe, heisse Haul, sehr frequenter, kleiner, hart-
licher Puls. Der Riickenschmerz steigt, Amaurose, Schwerhorigkeit,
Delirien treten hinzu, zuletzt Bevvussllosigkeit und Convulsionen.
Mit diesen Erschein ungen der in den Tropen endemischen
Neuralgia mesenterica hat die epidemische Aehnlichkeit, wie sie
Huxham beobachtet hat.
„Den Anfang der Krankheit macht Beklemmung in der Ilerz-
grube, heftiger Schmerz im Epigastrium, schwacher, ungleicher Puls,
kalter Schweiss, gelblich-belegte Zunge, ubelriechender Athem. Da-
rauf Erbrechen grunlicher, schwarzlicher, scharfer Stoffe, ein Paar
Tage nachher hartnackige Yerstopfung. Der Schmerz zieht sich her-
unter, in die Nabelgegend, in die Huflen, in das Ruckgrath, und steigt
aufs Aeusserste, so dass man einen Paroxysmus nephriticus vor Augen
zu haben glaubt, was die hinzutretende lschurie, der Harnzwang,
und das Gefiihl von Druck im Perinaeum um so mehr zu bestatigen
scheinen. Der Erin ist vom Ansehen einerLauge, mit starkem, roth-
lichem, schleimigem Satze. Der Bauch ist sehr hart, aufgetrieben, ge-
spannt, selten eingezogen. Oft ist ein heftiger, brennender Schmerz
im rechten Ilypochondrium mit Geschwulst - und Iliirte vorhanden;
eine starke Pulsation ist im Epigastrium fuhlbar. Die Excremente
sind sehr hart, rund, wie Schaafkoth; nach zwei oder drei soldier
Entleerungcn wird der Abgang grun, schwarz, zuweilen mit Blut
untermischt und von heftigem Tenesmus begleitet. Der Unterleib ist
sehr empfindiich gegen iiussre Beruhrung. Mit Nachlass der Colik
134
NEURALGIA ME SENTE RICA.
nimmt der Schmerz im R'ucken zu, besonders zwischen den Schul-
tern, zieht sicli in die Arme, in die Gelenke. Die Hande verlieren
ilire Beweglichkeit. Auch die untern Extremitiiten entgehen dem
Schmerze nicht, der wie der sypliilitische im innersten Rnochen tobt,
doch ohne Rothe und Geschwulst. Beim Uebergange des Schmerzes
aus dem Bauche nach den Extremitaten zeigen sich gelinde Fieber-
bewegungen, auch Delirien, die stets durch einen hellen Urin an-
gemeldet werden, so wie iiberhaupt, wenn im ganzen Verlaufe der
Krankheit ein heller Urin ohne Sediment abgeht, Convulsionen, De-
lirien, Lahmung plotzlich befallen. Die Schmerzen werden durch den
Ausbruch eines starken sauerriechenden Schweisses gelindert. Dauerte
dieser sehr lange, so wurden bei einigen die Hande geliihmt, bei un-
gestorter Sensibilitat, niemals die Fiisse. Zuweilen kommen rothe,
juckende, brennende Pusteln in der Haut zum Vorschein, mit Er-
leichterung und Genesung des K ran k en. Haufiger aber blieben die
Schmerzen in den Gliedern, abwechselnd mit der Colik zuruck. Auch
Icterus stellte sich, vicarirend oder metastatisch, ein. In mehreren
Fallen gingen Gliederschmerzen und Lahmung der Colik voran. Nur
wenige Kranke unterlagen, nachdem sie zuvor von Epilepsie befallen
waren. Wahrend des Nordwindes war die Krankheit am heftigsten:
sie herrschte epidemisch vom Herbste bis zum Fruhjahr.“ —
Ausser dieser durch den Antheil der Centralorgane bedingten Mo-
dification in den Erscheinungen der Neuralgia mesenterica ist die—
jenige bemerkungswerth, welche von der Theilnahme der motori-
schen Nervenenergie abhangig ist. Die geschilderte Gruppe von
Symptomen bietet sich entweder mit ungehindertem Stuhlgange, selbst
Diarrhoe dar, oder mit Verstopfung und Tenesmus. Ob in dem letzte-
ren Falle der Plexus mesentericus inferior, der das absleigende Colon
und den Mastdarm mit Nervenfasern versorgt, mehr afficirt ist, lasst
sich nur conjectured andeuten.
Sc ho lion. Der Colledivname Colica fur jeden Schmerz im Darm-
NEURALGIA MESENTERICA.
135
kanal und in angriinzenden Organen hat die Kenntniss der mesen-
terisclien Neuralgie verzdgert. Nur ein Meister unter den altern Be-
obachtern hat sie erkannt und in ihre Genesis tiefere Blicke gethau,
Thomas Willis *) , aus dessen Schilderung der passio colica, (l. c.
p.‘d'H)J folgende Bemerkung hier ihre Steile finden mag: „ Ul morbi
hujus sedes et natura rite innolescat, hie inprimis distinguere oportet ,
de ventris torminibus sive doloribus pro colicis mdgo habitis. Isti ni-
mirum aut mere occasionales a causa evidenti solitaria oriuntur, et
sine praevia diathesi hominibus quibusvis, Usque inprimis , qui tenerae
constilutionis fbras valde sensiles spirilusque cilo dissipabiles habent,
passim contingunt. Ad liunc modum incongrua vel inassueta epota
vel comesta, item pharmaca, frig oris contraction pluresque aliae circa
sex non naturalia alterationes, in visceribus imi ventris perturbatio-
nes insignes cum doloribus non raro excitant: cujusmodi lamen
affectio non morbus, sed tantum symptoma, a causa manifest a
excitation, censeri debet. Attamen praeterea Colica ita proprie dicta,
non tantum a causa accidentali producta quibusvis contingit, sed ho-
mines nonnullof peculiari ritu praedispositos incessens, omnino a causa
procatarctica sensim maturata dependet. Morbi insultus graviores
plerumque periodos suas habent atque aeris et anni alterationes obser-
vant : porro excitati remediis non facile cedunt neque cito pertranseunt,
verum non obstante epithematum usu, aut ventre per enemata aut
catharctica copiose licet subducto, saepe pet ’ plures dies ac interdion
hebdomadas cum magna ferocia persislunt. Dolores in quolibet pa-
roxysmo eandem usque partem repelunt, et aliorum symptomatum
pari ut plurimum syndrome stipantur. Caeterum dolores colici, licet
non eandem in omnibus sedem habeant, sed modo sub ventriculo, modo
circa umbilicum aut hypochondria, quandoque in hypogastrio, aut
versus lurnbos maxime desaeviant, attamen, quolies in eodem aegro-
lante repetunt, eundem saepissime focum observant Man hat den
Unterschied in der Manifestation sensibler Energie bei normaler oder
exaltirter Reitzbarkeit des Nerven ausser Acht gelassen, und die Ver-
V Op. omn. edit. Genev. T. II, p. 323.
136
NEURALGIA MESENTERICA.
wirrung in dcr Lehre der Colik noch dadurch gcsteigert, dass von
den aussern Reitzen der Eintheilungsgrund entnommen wurde. Die
unter den Neuralgieen aufgefuhrten Colica biliosa, saburralis, flalu-
lenta haben, ^as aufFallend genug ist, keinen Anstoss gefunden, ob-
gleich es sicherlich nicht gleichgultig aufgenommen worden ware,
wenn man den Schmerz beim Yerbrennen oder beim Nagelgeschwur
als Neuralgia a combustione oder a panarilio hiitte gelten lassen
wollen. Demnach durfte die Nothwendigkeit anerkannt werden, die
Colica in die Granzen einer Symptomengruppe einzuschranken, deren
eigentbiimlicber Zug durch den Sitz der Hyperasthesie in einem be-
stimmten Nervenbeerde bedingt wird, und wofiir der Name Neu-
ralgia mesenterica jedenfalls den Vorzug verdient.
Structurveranderungen der Ganglien und Gellechte in den Neu-
ralgieen des Sympathicus waren durch die bisherigen anatomiscben
Untersuchungen nicht ermiltelt worden. Nur Dr. S dgon d , der in
Cayenne die endemische Colik beobachtet hat, tbeilt ein Paar Sec-
tionsberichte mit ( l . c. p. 28 und 35), worin die Hypertrophie, die
veranderte Farbe und grossre Harte der Ganglien und selbst der ein-
zelnen Nervenstrange des Sympathicus hervorgehoben wird. Ohne
der Wahrheitsliebe dieses Reobachters zu nahe trelen zu ollen, be-
kennen wir doch ofFen, dass zur Feststellung von krankhaften Yer-
anderungen des Sympathicus das gewichtige Zeugniss eines in diesen
Untersuchungen bewanderten Anatomen unerlasslich ist, um vor Tiiu-
schungen und Yerwecbslungen mit normalen Zustanden sicher zu
sein. Es erscheint die's um so nothwendiger, da die Leichendflhun-
gen der an Bleicolik Yerstorbnen gar keine Yeranderungen weder
in den peripberischen Nerven noch in deren Centralorganen ergeben
haben. ( An dr al, clinique medicale 3. ed. T. II, p. 229. Ge ndr i n
in einer Note zu seiner Uebers. von Abercrombie’s Werk: Des
maladies de Venciphale el de la moelle epin. 2. edit. p. 5 7 ().J Durch
An drabs Untersuchungen ist auch die altere Annabmc von Yer-
dickung und Vercngerung einzelner Darmpartieen, besonders des
Colon, in der Cleicolik als irrig nachgewiesen worden. Der Darm-
NEURALGIA. MESENTERICA.
137
kanal verhielt sich in acht Fallen durchweg normal. (Andral l. c.
p. 210.;
Der Yerlauf der Neuralgia mesenterica ist periodisch, jedoch
minder regelmassig als der anderer Neuralgieen.
Unter den Lebensaltern disponirt das mittlere am meisten, unter
den Geschlechtern das mannliche. Ruhige sitzende Lebensweise be-
gunstigt. Epidemischer und endemischer Einfluss ist unverkeunbar.
Hypochondrie, Helminthiasis, Haemorrbois setzen eine entschiedne
Anlage, desgleichen Arthritis, sovvohl die unentwickelte als ausblei-
bende. Ein ahnliches Yerhaltniss findet nicht selten bei Hautkrank-
heiten statt. Am entschiedensten wirkt Bleivergiftung, weit seltner
durch Resorption auf der innern Darmflache als mittelst der Haut und
Lungen. Daher alle Gewerbe, wo Bleioxydul und Bleioxyd gerieben
und dessen Dampfe eingeathmet werden, der Neuralgia mesenterica
vorzugsweise ausgesetzt sind: Maler, Anstreicher, Topfer, Schrift-
giesser und Setzer, Glaser, Polirer, Bergleute. Auch das Schminken
mit bleihaltigen Cosmetica hat zuweilen dieselbe Wirkung gehabt.
(Brambilla in den Abhandl. der Josephin. Acad. 1 . B. S. 170.)
Nachst dem Blei giebt die Bearbeitung des Kupfers htiufig Anlass zur
mesenterischen Neuralgie, die alsdann von Diarrhbe begleitet zu sein
pflegt. Unter den gelegentlichen Ursachen sind am fruchtbarsten
Erkaltung, besonders der Fiisse, und zur Nachtzeit; Unterdriickung
von Fussschweisseu und Hiarrhoen; Gemiithsaffecte, zumal Schreck
und Zorn; Genuss kalter Getranke bei erhitztem Korper.
Alle Beobachtungen kommen darin uberein, dass das Leben nur
sehr selten durch die Neuralgia mesenterica gkfahrdet wird. Yon
oOO Bleicolik-Kranken, die im Verlaufe von acht Jahren im Hopiial
de la Charite behandelt worden sind, starben nur 5, und von diesen
zwei an hinzugetretner Hirn-Hamorrhagie. (Andral l. c. p. 210.J
Auch die endemische Colik nimmt nur selten einen todtlichen Aus-
gang. (Segond l. c. p. 22.) Dagegen wird die Prognose durch
zwei Umstande misslich, sowohl durch die grosse Neiguug zu Reci-
diven, als durch den Ilinzutritt von Lahmung spinaler Motilitatnerven
138
NEURALGIA MESENTERIUA.
und motorischer Darmnerven, von welcher letzteren die alien Mitteln
so hartnackig widerstehende Verstopfung die Folge ist. Die Furcht
vor drohendem Uebergange in Darmentzundung wird factisch nicht
gerechtfertigt. In der Bleicolik, wenn sie auch einen rascheren Ver-
lauf genommen hat, und mit erhitzenden drastischen. Mitteln behan-
delt worden ist, finden sich nach dem Tode keine Spuren von Ente-
ritis. Die Beispiele von rheuraatischer, schnell in Entzundung umge-
schlagner Colik, welche man anzufuhren pflegt, beruhen mehr auf
Fehlgriffen in der Diagnose.
Der Erfolg in der technischen Behandlung der Neuralgia
mesenterica ist im Allgemeinen von der geschickten Abwechslung
eroffnender Mittel und des Opiums abhangig. Darauf waren schon
die alteren Aerzte (Fernel, Rivifere u. a.) recht bedacht, und dem
praktischen Genie Sydenham’s verdankt man hieruber treffliche
Winke und Lehren. In der Bleicolik findet diese Maxime ihre aus-
gedehnteste Anwendung, und die zu einem grossen Rufe gelangte
Methode im Pariser Charite-Krankenhause basirt darauf. (Vgl. die
nahere Angabe in Me rat’s traite de la colique metallique, p. 156 —
160.) Ein einfaclieres Verfahren be wahrt mir seit einer Reike von
Jahren seinen Nutzen. Ich begin ne die Kur mit ol. Gi'oton., wovon
in der Regel 1 — 3 Tropfen hinreichend sind Oeffnung zu bewirken.
(Bj: ol. Crolon. gtt jjj f[. alb. 5(3 Mfo Divid. in Ires part. aeq.
S. zweistiindlich ein Pulver) und verordne gegen Abend % Gran
Opium purum. Am andern Morgen wiederhole ich den Gebrauch
des Crotonols, lasse den Tag iiber eine Mandelol -Emulsion und
gegen Abend das Qpiat nehmen u. s. f. Selten fand ich mehr als
5 — 6 Tage zur Heilung erforderlichj und hatte nicht noting, zu
andern geruhmten Mitteln meine Zuflucht zu nehmen, wovon die
wenigsten der Erwartung entsprechen. S^gond empfiehlt in der
endemischen Colik als selir wirksam die Anwendung von Vesicato-
rien auf das Riickgrath, die endermatische Application des Morphium
und den Gebrauch von Aloe und Calomel; bei chronischem Yerlaufe
das 01. tereb. aeth. — In den andern Arten der Neuralgia mesen-
NEURALGIA MESENTERICA.
139
tcrica reicht man meistens mit mildern Purgantien aus, unler denen
das ol. Ricini am haufigsten in Gebrauch gezogen wird. Auch Clys-
mata fmden bier ihre S telle, aus Emuls. Asae foetidae mit Ol. Lini
und besonders aus Infus. Bb. Nicotian.
Die Radicalcur stutzt sich auf Beseitigung der Ursachen und der
Complicatioiien. So wird die endemische Colik ohne Entfernung des
Kranken aus der ungesunden Gegend, die Bleicolik ohne Vermei-
dung des schadlichen Gewerbes, nicht griindlich geheilt. Wo die
Anfalle der mesenterischen Neuralgie haufig zuriickgekehrt sind, bei
Hypochondristen, bei Haemorrhoidarien etc. diirfen die zu Stande
gekommenen Storungen in den dr'usigen Absonderungen des Darm-
kanals nicht iibersehen werden. Hier sind die Thermen von Carls-
bad, Wiesbaden, Ems, die Quellen Marienbad’s sehr oft von ausge-
zeicbnetem Erfolge, auf deren Gebrauch man alsdann um so sichrer
die See- und Eisenbader folgen lassen kann.
Ohne Beihulfe einer geordneten Diat misslingt die Kur. Unter den
verschiednen Arten der Bewegung ist das Reiten vorzugsweise anzu-
empfehlen, welches bereits von Sydenham als Specificum geruhmt
worden ist. Warme Bekleidung des Bauches und Riickgraths ist
i heilsam.
Was endlich die Behandlung der Folgezustande betrifft, so ver-
weise ich auf den Abschnitt uber Paralysen.
-W-O-W
4. Gatiluiig.
Ilyperaesthesia plexus hypogastrici.
Diese bisher noch nicht beschriebne Neuralgie des Sympathicus
giebt sich durch wehe Empfindungen in der untern Bauchregion
kund, durch Schmerz und Druck in der Sacralgegend, mit einem
auf den Mastdarm, auf die Harnblase und, beim weiblichen Geschlechte,
auf die Gebarmutter und Scheide pressenden Gefiihle. Schmerzen in
den Oberschenkeln sind als Mitempfindungen haufig. Bei Frauen-
zimmern haben die Symptome grosse Aehnlichkeit mit denen einer
Senkung oder retroversio uteri, nur treten sie anfallsweise auf, wer-
den nicht durch die veranderte Lage des Korpers erleichtert, und
geben dem untersuchenden Finger keine abnorme Riclitung der Ge-
barmutter zu erkennen. Bei Mannern pflegt man die Erscbeinungen
mit dem gelaufigen Namen der Hamorrhoidalcolik zu belegen.
Im kindlichen Alter kommt die hypogastrische Neuralgie gar nicht
zum Yorschein. Im mannlichen Geschlechte disponirt das mittlere
Lebensaller. Im weiblichen zeigt sie sich oft mit Entwicklung der
Pubertat und begleitet in nicht seltnen Fallen jedcn Menstrualcyclus.
Hysterische Diathesis ist haufig yorhanden. Zuweilen bildet sie sich
erst im Alter der Decrepiditat aus. Ausschweifungen im Liebesge-
nuss sind fur beide Geschlechter ein haufigel* Anlass. Fine Affection
des Cenlralorgans, der pars lumbalis des Riickenmarks, liegt wohl
mehrentheils zu Grunde. Das Mitleiden von Spinalnerven, (den n.
NEURALGIA IIYPOGASTRICA.
141
haemorrhoid, mediis) und die schmerzhaften Empfindungen im Kreutze,
von wo der neuralgische Anfall gewohnlich ausgeht, lassen sich da-
fi'ir anfuhren. Folgewirkungen sind, wie iiberhaupt bei Neuralgieen
im Gebiete des Sympathies, Storungen im Blutumlaufe und in den
Secretionen der betroffnen Organe.
Beide Umstande miissen in der Behandlung berucksichtigt werden.
Auf den untern Theil des Riickgraths wirke man durch Schropfkopfe,
Blutegel, fliegende Yesicatore, Douche, kalte Waschungen. Wo im
Uterinsystem krankhafte Absonderungen zu Stande gekommen sind,
passen bei reitzbaren Individuen die Emser Thermen, bei torpiden
die Kissinger Quellen. AIs palliative Mittel zeigen sich die Antihyste-
rica wirksam. Concentrirt sich die Neuralgie mehr auf den Mastdarm,
so leistet die mix vomica in kleiner Dosis gute Dienste. (3 — 4 gr.
6 nuc. vom. oder y3 gr. extr. nuc. vom. spirit.) Fiir leichten Stuhl-
gang ist zu sorgen, wozu sich bei Complication mit Haemorrhois die
Schwefelpraparate eignen.
/
5. Gattung.
Hyperaesthesia plexus spermatid.
f
Diese Hyperasthesie aussert sidi durch Sehmerzen, die beim mann-
lichen Geschlechte im Hoden ihren Sitz nehmen.
Astley Cooper observations on the structure and diseases of the testis. Lon-
don 1830. Chapter IV. On the irritab le testis p. 49.
Der Kranke klagt 'uber sehr grosse Empfindlichkeit und Schmerz-
haftigkeit im Iloden, gewohnlich nur an einer Stelle, welche bei
ausserem Drucke und Bewegung zunimmt, und von Zeit zu Zeit
einen solchen Grad erreicht, dass die geringste Beriihrung unertrag-
lich wird, und nur ruhige Riickenlage einige Erleichterung gewahrt.
Der Testikel ist unbedeutend angeschwollen. Auch Nebenhode und
Samenstrang werden von der Neuralgie befallen, wobei die blosse
Schwere des Testikels unleidlich ist, und der Kranke ohne Suspen-
sorium keine Ruhe findet. Oft sind zugleich Sehmerzen im Riicken
und Beine vorhanden, und grosse Reitzbarkeit des Magens, so dass
leicht Erbrechen entsteht.
Die psychische Ruckwirkung ist machtiger als bei andern Neural-
gieen : alle Lust am Leben und an seinen Freuden gelit verloren,
und nur von der Castration erwartet der Leidende Ileil. Ich hatte
einen solchen Kranken in der Behandlung, welcher, als er Brauti-
gam war, von dieser Neuralgie befallen wurde. Trotz aller ernsten
Einwendungen cines beriihmten Chirurgen, den ich zu Rathe ge-
NEURALGIA SPERMATICA.
143
zogen hatte, trotz meiner Vorstellungen seines gegenwartigen Ver-
haltuisses, bestand er dergestalt auf die Operation, dass, urn grbsse-
rem Unheil vorzubeugen, dieselbe unternommen wurde. Acht Tage
darauf stellte sich der Schmerz in dem andern Testikel ein, den der
Herr jedoch, da die Hochzeit vor der Thure war, lieber behielt und
sich aucli bald der Genesung erfreute. Der exstirpirte Hode wich,
einige erweiterte Gefasse ausgenommen, nicht im geringsten von der
v Norm ab. A s 1 1 e y C o o p e r hat in drei Fallen, gegen seinen Wunsch,
die Operation vorgenommen, and ebenfalls den Testikel vollkommen
. gesund gefunden.
Die Dauer erstreckt sich auf Monate und Jahre, mit Intervallen
von Ruhe, welche der Kranke oft als Genesung deutet, indessen, bei
Vernachlassigung gewohnter Yorsicbt in Bewegungen und Stellun-
.gen, seiner Tauschung bald inne wird.
Das jugendliche und mittlere Lebensalter begunstigt die Entste-
hung der Neuralgia spermat., deren Ursachen unbekannt sind.
Ein Gewahrsmann, auf den man sich gern beruft, Astley Coo-
i per, halt diese Krankheit fur analog mit dem Tic douloureux , und
■ von einem Centralleiden, seltner von einem peripherischen, abhangig.
Dieser Idee gem ass verbindet er eine allgemeine Kur reitzbarer
'Schwache mit der ortlichen. China, Eisen, Seebiider und Seereisen
n warmen Climaten, Gebrauch von Narcot. (Conti gr jjj Opii gr.
j. extr. Strammon. e semin. gr (3. 2 — 3mal taglich, Belladonn. gr.
3 — gr jjj.J Aeusserlich extr. Belladonn. Eis, Opium und Campher,
Tinct. Jodin. eingerieben, bis ein Erythem zum Vorschein kommt,
Vesicat. in die Weiche und auf den Schenkel applicirt und mit Cerat.
Sabin, c. Opio verbunden, verdunstende Waschungen von verdiinn-
em Spiv. \ ini und Aether, von Kali nitr. mit Ammon, muriat. Auch
impfiehlt Astley Cooper zu Anfang Calomel und Opium bis zur
$elindcn Salivation und dec. Sarsap. comp., wodurch alle Secretio-
len befordert und die erhohte Reitzbarkeit gedampft wird. Der Coi-
ns erleichtert bei einigen momentan, pflegt aber heftigeren Schmerz
:ur holge zu haben. In den Fallen, wo bei Unwirksamkeit aller
144
NEURALGIA UTERINA.
Mittel die Kranken selbst auf die Castration bestanden, kehrte der
Schraerz nach der Operation nicht zuriick. Bei einem meiner Kran-
ken sah ich von dem anhaltcnden Gebrauche der Asa foelida einen
hcilsamen Erfolg.
Auch beim weiblichen Geschlechte ist in einepi Sexualorgan, wel-
ches im Bereiche des hypogastrischen Plexus befindlich ist, in der
Geb arm utter, eine Schmerzhaftigkeit mit neuralgischem Charak-
ter beobacbtet und bescbrieben worden.
Robert Gooch of the irritable uterus in dessen: an account of some of the
most important diseases 'peculiar to women. London 1831,
p. 299.
Folgende Symptome geben diese Affection kund: Schmerz im un-
. tern Theile des Bauches, langs dem Beckenrande und in der Lenden-
gegend. Zunahme des Schmerzes in aufrechter Stellung und bei Be-
wegung, Nacblass in ruhiger horizontaler Lage. Heftigere neural-
gische Anfalle treten von Zeit zu Zeit ein, besonders vor oder nach
der Menstruation, verschwinden wieder bei gehoriger Behandlung,
und hinterlassen die gtewohnliche andauernde Schmerzhaftigkeit. Der
Uterus ist bei der Untersuchung ausserst empfmdlich. Etwas Ge-
schwulst oder vielmehr Spannung des Gebarmutterhalses abgerech-
net, ist jedocb keine Abweichung von der normalen
Structur und F orm zu entdecken, und gesellt sich auch
nicht im spateren Yerlaufe der Krankheit hinzu. Die
Menstruation dauert oft regelmiissig fort, wird auch zuweilen schwa-
clier oder hort ganz auf. Der Darmkanal isttrage; allein starke Pur-
girmittel veranlassen jedesmal einen heftigen Anfall des Schmerzes.
AIs Ursachen wirken ubermassige korperliche Anstrengungen zu
Zeiten, wo der Uterus besonders reitzbar ist, wahrend der Catame-
nien, Lochien etc. Die Kranken litten schon zuvor an schmerzhafter
Menstruation, und hatten iiberhaupt eine rcitzbare Constitution.
Die Ileilung ist sehr schwer und eine grosse Neigung zu Recidi-
ven vorhanden.
NEURALGIA UTERINA.
145
Zur gliicklichen Behandlung ist vor allem horizontale Lage eine
geraume Zeit hindurch, selbst beim Nachlass der Scbmerzen, noth-
wendig. Oertliche, wiederholte Blutentleerungen mittelst Schropf-
kopfe auf die Sacral- und hypogastrische Gegend werden empfohlen,
besonders im Anfange der Krankheit. Desgleichen milde Narcotica
zum innern Gebrauche und in Clystiren. Ableitende Mittel (Vesica-
toria, Exutoria) auf das Kreutz, Halbbader. Bei gesunknen Kraften
und bysterischer Diathesis Eisenmittel. Zuweilen hatte auch die An-
wendung von Mercurialien Erfolg, doch nur im Beginne und bei gu-
tem Kraftezustande.
aj-o-a*
Romberg's Nervonkrankh. I.
10
f&f1 /4id Kt&Q y&cPj
i^' O'.m o'a«%
Zweite Ordnung.
Hyperasthesleen der Centralorgane.
-°-&<3r°-
In den bisher betrachteten Hyperaslhesieen der cerebrospinalen
Nerven wurde der Unterschied des Sitzes in den peripherischen oder
centralen Bahnen nach seiner vollen Wichtigkeit hervorgehoben, und
darauf aufmerksam gemacht, dass, wenn auch die centrale Faserung
des Nerven, sei es im Gehirne oder Riickenmarke, der Ausgangs-
punkt ist, dennoch nach dern Gesetze der excentrischen Erscheinung
die bewusst werdende Empfindung in’s peripherische Elide verlegt
wird. Anders verhiilt es sich, wenn Riickenmark oder Gehirn als
Centralorgane afficirt sind : dann aussert sich die Empfindung an Ort
und Stelle selbst; bei dem Ruckenmarke noch mit gleichzeitiger Aus-
strahlung nach den peripherischen Nerven, wovon der Grand wohl
in dem niiheren Beisammensein der durch diesen Apparat verlaufen-
den Nervenfasern zu suchen sein diirfte.
Eine andre Verschiedenheit der Hyperiisthesieen der Centralorgane
von denen der Nervenbahnen ist die Mitaffection der motorischen,
und beim Gehirne auch dcr psychischen Krafte. In den Neuralgieen
des Quintus etc., und besonders der sympathischen Nerven, baben
wir zwar der Begleitung von Bewegungen gedacht, allein auch ilire
Deutung als Reflexaction gegeben. In der spinalen und cerebralen
Neuralgie ist die motorische Sphare direct mitbetheiligt, und nicht
HYPERAESTHESIEEN DER CENTRALORGANE. 147
auf dieselbe Weise: Abnahme und Verlust der Motilitat werden
ofters beobacbtet.
Um die Differenz zwischen blosser Reitzung der sensibeln Partieen
der Centralapparate und ihren Hyperasthesieen deutlicher hervorzu-
heben, habe ich die Schilderung des dolor spinalis und cerebralis der
Exposition der Neuralgieen dieser Organe vorangeschickt.
-BK> HU-
10*
A. Hyperasthesie des Riickenmarks.
Dolor medullae spinalis.
Experimentelle Ergebnisse. Aus den bekannten von Bell
angeregten Versuchen geht hervor, dass die hintern gangliosen Wur-
zeln der Spinalnerven ausschliesslich Leiter der Sensibilitat sind, die
sich bei jeder mechanischen Reitzung dieser Wurzeln, sei sie riahe
oder entfernt vom Riickenmarke, durch lebhafte Aeusserung des
Schmerzes kundgiebt. Hierin stimmen alle Beobachter iiberein : allein
uber die Annahme desselben Attributs fur die hintern Strange des
Ruckenmarks drucken sich einige zweifelhaft aus, andre verneinend.
(J. Muller, Handb. der Physiol, des Menschen. 3. Aufi. 1. B. S.
814.) Ohne die iiberzeugenden Resultate von van Deen’s Ver-
suchen hier anfiihren zu wollen, genuge es, auf die neuesten Experi-
mente an Quadrupeden von Mag en die zu verweisen, wonach die
auf die hintern Strange beschriinkte Reitzung, z. B. Stechen mit ei-
ner Nadel, nichts anders als Schmerz erregt, eben so ausschliesslich
wie die Reitzung der hintern Wurzeln. (Logons sur les fonciions el
les maladies du sysleme nerveux. Paris 1 839. p. 150 etc.J
Ausser dieser urspriinglichen oder immanenten Sensibilitat kommt
eine mitgetheilte, gleichsam erborgte Sensibilitat den vordern Stran-
ger) des Ruckenmarks und den vordern Spinalnerven- Wurzeln zu,
auf dicselbe Welse, wie den peripherischen Bahnen der motorischen
Nervcn. Wird die vordre Wurzel eines Spinalnerven am lebenden
Thicre gereitzt, so zeigt sie sich empfindlich, wenn auch in einem
8PI1NALSCII31EHZ.
149
schwachern Grade als die hintre Wurzel. Wird sie durchschnitlen,
so erfolgt bei noch so starkem Zerren und Stechen des mit dem
Ruckenmarke zusammenhangenden St'uckes keine Aeusserung des
Schmerzes, wahrend die^Reitzung der hintern Wurzel unverandert
ihn kundlhut. Durchschneidet man die hintre Wurzel, und lasst die
vordre unversehrt, so zeigt sich in dieser keine Spur metre von Sen-
sibilitiit. Dieselben Erscheinungen machen sich an den vordern Striin-
gen des Riickenmarks bemerkbar. Wenn auch ilire Empfindlichkeit
schwiicher ist als die der hintern Strange, so ist sie doch unverkenn-
bar, erliseht aber sofort, sobald die vordre Wurzel, oder ouch die
hintre Wurzel allein durchschuitten wird. So ist nach Durchschnei-
dung der hintern Wurzel des zweiten Lendennervenpaars der vordre
Strang in der Nahe der entsprechenden vordern Wurzel nicht mehr
empfindlich, w^ahrend er an den iibrigen Stellen, z. R. im Segmente
des ersten Lendenpaars, seine Sensibilitat noch offenbart. Durch diese
Versuche wird erwiesen, dass die vordern Wurzel n und Strange nur
dadurch sensibel sind, dass sie mit der hintern Wurzel zusammen-
hangen und diese letztere noch mit dem hintern Riickenmarkstrange,
der gemeinschaftlichen Quelle der Sensibilitat, Communication hat
(Vgl. Magendie 1. c. p. 89, 151, 344.)
Die chirurgischenBeobachtungen beziehen sich fast sammt-
lich auf Verlust der Bewegung und Empfindung bei und nach Ver-
letzungen des Riickenmarks. In wenigen geschieht des Schmerzes,
als Hauptzuges, Erwahnung, und unter diesen habe ich nur eine ge-
funden, welche die Resultate der Experimente bestatigt. Ein Kran-
ker klagte nach einem Falle auf den Riicken liber Schmerzen in den
Hiiften und in den Dorsalwirbeln : die untern Extremitatcn waren
gelahmt. Der Riickenschmerz wurde von Tag zu Tag heftiger und
unter hinzugelretnen Delirien und Asphyxie erfolgte der Tod. An
zwei Stellen der hintern Fliiche, im Niveau des 4. und 5. Dorsal-
wirbels, waren die Membranen gerissen, und die Substanz des Riik-
kenmarks hindurchgetreten. ( Ollivier, tvaile cles maladies de la
moelle rpinicre. 3. edit. Paris 1837, T. J, p. 503(/)
150
SPINALSCFIMERZ.
In k r a n k h a f t e n Z u s t ii n d e n des Itiickenmarks ist der Schmerz
ein haufiger Begleiter und liisst durch die Combination mit andern
Erscheinungeu nicht bloss die Existenz sondern auch die Art der
organiscbcn Yeranderung erkennen: besonflers ist es das Verhaltniss
zur Motilitat, welches den Ausschlag giebt. Audi hat der Schmerz
das Eigenthiimliche, dass er selten auf den Riicken, sei es in einem
kleineren oder grosseren Umfange, beschriinkt bleibt, sondern nach
den Extremilaten, zumal den untern, und nach dem Rumpfe hin sich
verbreitet. Beim Eintritte von Hirnsymptomen lasst er nach oder
tritt ganz in den Hintergrund.
Betrachten wir die einzelnen Krankheiten in Bezug auf den Riik-
kensdimerz, so finden wir ihn als bestandigen Gefahrten der Me-
ningitis spinalis, wo er durch jede Bewegung, spontane oder
mitgetheilte, des Rumpfes oder der Glieder betrachtlich vermehrt
wird, ohne durch aussern Druck auf den Riicken zuzunehmen. Gleich-
zeitig finden oft starre schmerzhafte Contractionen der Muskeln des
Riickens oder der Extremitaten statt. Allein auch ohne diese ist der
Schmerz von der Art, dass er die Muskelaction verhindert, und eine
Unbeweglichkeit veranlasst, die ofters als Paralyse gemissdeutet wird.
Nur selten ist er anhaltend, gewohnlich macht er Remissionen.
In der Myelitis ist der Riickenschmerz circumscript, dem Sitze
der Krankheit entsprechend, und mehr in der Tiefe. Mit ihm ver-
bindet sich Lahmung, in verschiednem Grade, der untern Extremi-
taten haufiger als der oberen, und der Sphincteren. Ausser dem
Schmerze werden auch andre Modalitaten der Empfindung beobach-
tet, besonders Formication. Durch die Bewegung der Glieder wird
der Schmerz im Riicken nicht gesteigert. Je nach dem Sitze der
Myelitis zeigen sich oft schmerzhafte Empfindungen in den Extremi-
taten, an der Aussenflache des Rumpfes, und in den inneren Organen.
Bei Complication der Myelitis mit Krankheiten der YYirbelknochen
ist die Erregung und Vermchrung des Riickenschmerzcs durch iiu-
sseren Druck charakteristisch, so wie iiberhaupt durch aussere Reit-
zung, durch Beriihren mit einem heissen Schwamme u. s. f.
SPINALSCHMEKZ.
151
Endlich geben die im Ruckenmarke und auf seincn Membranen
wuchernden After gebilde, zumal die carcinomatbsen, am haufig-
sten Anlass zu den schmerzhaftesten Empfindungen im Riicken,
Rumpfe, Exlremitaten. Lancinirende Schmerzen, die wie Blitze von
der Dorsal- oder Lumbargegend nach den unbeweglichen oder ge-
lahmten Gliedern hinschiessen, sind bezeiclinend. Ich behandle ge-
genwartig mit S ch onlein eine 40jahrige Dame, deren rechte Brust-
driise vor vier Jahren nach vorangegangnen heftigen GemuthsafFecten,
an einem Scirrlius zu erkranken anfing, welcher sich allmahlig aus-
bildete. Vor sechs Monaten gesellte sich Schmerz in der Lumbar-
gegend hinzu, mit erschwerter Beweglichkeit der untern Extremi-
taten, zumal des linken Beines. Der Schmerz verbreitete sich nach
der Schultergegend, Nacken, und uberall ward er von einer verhin-
derten Beweglichkeit hegleitet. Seit dieser Zeit sind die Schmerzen
in der Brustdriise sehr vermindert, und der Scirrhus selbst hat an
Umfang abgenonmien : allein die Schmerzhaftigkeit des Riickens,
Rumples und besonders des linken Fusses steigert sich von Zeit zu
Zeit zu grosser Quaal. Die geringste Bewegung dieses Fusses presst
ein lautes Geschrei aus. Abmagerung, Blasse des Gesichts, Mangel
des Appetits, Verfall der Kriifte sind bereits hinzugetreten, und Ge-
schwulst und Verkriimmung der Wirbelsaule zeugen von der Theil-
nahme des Knochensystems an der carcinomatosen Diathesis.
Zur Priifung der physiologischen Ergehnisse in BetrefF der Stiittc
der Sensibilitat im Ruckenmarke eignen sich unter den bisher mit-
getheilten pathologischen Beobachtungen nur wenige, woran theils
die Unaufmerksamkeit bei der Untersuchung schuld ist, theils der
Mangel einer scharfen Abgranzung des pathischen Yorgangs in den
vordern oder hintern Strangen des Ruckenmarks, und das Auflioren
des Schmerzcs bei vorschreitender Krankheit. Eine grossere Sicher-
heit gevviihrt die BeschafFenheit der Spinalnervenwurzeln, welche
selbst in Fallen, vwo dcr Zustand des Ruckenmarks den physiologi-
schen Annahmen minder g'unstig ist, Aufschluss giebt, z. B. in folgen-
der Beobachtung von Rullier. Ein 44jahriger Mann hatte sicben
152
SPINA LSCHJV1ERZ.
Jahre vor seinem Tode einige Beschwerde bei Bewegung seiner Arme,
die bald darauf plotzlich gelahmt wurden. Die lliinde wurden steif
und contrahirt. Nur die MotiliUit der obern Extremitaten war einge-
busst, die Sensibilitat vollkommen erhalten. Das Riickenmark war in
einem Umfange yon 6" zu einer flussigen Masse erweicht, weniger
in den vordern als in den hinteru Strangen. Dagegen waren die
vordern Wurzeln der Spinalnerven, welche von der desorganisirten
Stelle abtraten, ihres Markes verlustig und auf das blosse Neurilemm
reducirt. Die hintern Wurzeln hatten bis zu den Membranen des
Riickenmarks ihre normale BeschafTenbeit. ( Ollivier traite des ma-
ladies de la moelle epiniere 3. edit. Paris 1836, T. II, p. 368.J In
einigen Fallen mit Integritat der Empfindung bei Verlust der Motili-
tat waren die vordern Strange Sitz der Desorganisation. Ollivier
( l . c. p. 382^ beschreibt einen Fall von Paraplegie bei einem 63jah-
rigen Manne, der seit sieben Jaliren im Bette mit gebognen Fiissen
lag, welche er weder zu extendiren noch uberhaupt zu bewegen im
Stande war. Dabei hatte sich die Sensibilitat ungestort erhalten:
Stechen und Kneifen machte ihm Schmerz. Bei der Section wurde
die vordre Flache des Riickenmarks erweicht gefunden, abwarts bis
zur Lumbaranschwellung, aufwarts bis in’s Gehirn hinein. Die corp.
pyramid, und olivar. waren zu einer zerlliessenden graufarbnen Masse
zergangen, und die Erweichung liess sich durch die Hirnschenkel,
Sehnervenhiigel und gestreiften Ivorper bis in die Mitte der rechten
Hemisphare und in die Hirnwindungen verfolgen. Die hintere Flache
des Riickenmarks hatte ihre normale BeschalTenheit. Auch Aber-
crombie erwahnt (Pathol, and pracl. researches. 3 edit. p. 338i
ein Paar Fiille von Paraplegie mit ungestorter Sensibilitat. In dem
einen waren die vordern Strange des Dorsaltheils von fliissiger Con-
sistenz, wahrend die hintern Strange ihre Integritat beibehalten hat-
ten, so, dass das herausgenommene und in die Hohe gehaltne Riik-
kenmark nur mittelst dieser in Zusammenhang blieb. Endlich theilt
Cruveilhier f Anatom, patholog. Livr. XXXII, p.'2) eine Beobach-
tung von carcinomatoser Geschwulst auf der vordern Flache des
SPINALSCIIMERZ.
153
Riickenmarks mit, wobei die untern Extremitaten ihre Motilitat ganz
eingebiisst, die Sensibilitat dagegen ungestort behalten hatten.
So wie an Iebenden Thieren die Reitzung der hintern Spinalnerven-
Wurzeln und Medullarstrange heftige Schmerzen erregt, so scheinen
auck bei Menschen Aftergebilde zu wirken, welche in der Niihe die—
ser Theile liegen, z. R. in den vordern Wurzeln und Strangen. In
Cruve ilhier’s Werke (l. c. p. 4J Iiest man einen Fall von Lah—
mung der untern Extremitaten, mit ungeheuren Schmerzen in den-
selben. In der Gegend des 8. und 9. Dorsalwirbels fanden sicli drei
kleine fibrose Geschwiilste, die ausschliesslich in den vordern Spinal—
nervenwurzeln ihren Sitz hatten ; die hinteren waren unversehrt.
Auch Velpeau’s Beobachtung gehort hieher. Eine 3Gjahrige Frau
wurde zwei Jahre zuvor von heftigen Schmerzen im linken Arm be-
fallen, mit verhinderter Beweglichkeit. Dann traten Convulsionen und
bald darauf Lahmung der Fiisse ein. Der Schmerz im linken Arme
liess nach: der rechte wurde auf ahnliche Weise afficirt. Die er-
sschwerte Motilitat dieses Armes ging in Lahmung iiber: die Schmer-
zen dauerten noch drei Tage vor dem Tode fort; jede Reitzung des
Arms veranlasste ein heftiges Geschrei. Im linken Arm war die Sen-
' sibilitiit erloschen. Der untre Theil des Rumpfes und die Beine wa-
; ren gelahmt und unempfindlich. Bei der Section fand man ein Me-
dullarsarcom auf der vordern Flache des Riickenmarks, zwischen Pia
mater und Arachnoidea, welches auf der linken Seite voluminoser war,
als auf der rechten, und von der vordern linken Seitenfurche zu ent-
springen scliien. An dieser Stelle liessen sich die vordern Wurzeln
der Spinalnerven nicht unterscheiden: die hintern waren zwar noch
sichtbar, allein krankhaft verandert. Auf der rechten Seite hatten
die vordern Wurzeln einen solchen Druck erlitlen, dass nur noch
einzelne Ffiden zu erkennen waren, wahrend die hintern Wurzeln
eine normale Beschaffenheit hatten. (Ollivier I. c. p. 504. observ.
' C XL I II.)
In BetreO der Prognose und Behandlung des Spinalschmerzes
verweise ich auf den Abschnitt iiber Convulsionen und Lahmung:
154
SPINALSCHMERZ.
docli wird die vorlaufige Warnung nicht iibertlussig sein sicli durch
genaue Priifung der Erscheinungen, besonders des Verhaltnisses
des Schmerzes zu Storungen der Molilitiit, von einer zu Grunde
liegenden Krankheit des Ruckenmarks zu uberzeugen, und sicli
nicht mit den gewohnlichen Floskeln : rheumatische, hamorrhoidali-
sche u. s. w. Schmerzen, welche im Munde der Techniker gelaufig
sind, zu begniigen.
Neuralgia spinalis.
(Spinal irritation der neueren englischen Autoren.)
155
Allgemeine Criterien dieser noch dunkeln Affection sind : Schmer-
zen an irgend einer Stelle auf der Oberflache oder im Innern des
*
Korpers, und Empfindlichkeit und Schmerz in einem entsprechenden
Bezirke des Riickgraths, welche letztere durch Beriihrung und Druck
auf die Wirbel erregt und, wo sie bereits vorhanden sind, gesteigert
werden. Zu diesen neuralgischen Erscbeinungen gesellen sich oft
motorische hinzu.
Je nach dem Sitze in den verschiednen Spinalregionen giebt sich
eineMannigfaltigkeit und Verschiedenbeit derSymptome kund, welche
beide Korperhalften oder nur eine befallen. Bei Affection des Cervi-
caltbeils verbreitet sich der Schmerz, wenn die obere Partie leidet,
fiber die Gegenden wo die Cutanei des 2. und 3. Halsnerven hin-
dringen, uber Hinterkopf, Kieferrand und Umgebungen des Ohres;
leidet die untre Parthie, an den Schliisselbeinen, Schultern, Armen,
Fingern. Der Druck auf einen oder mehrere Halswirbel ist iiusserst
schmerzhaft, und ruft uberdiess, wenn auch nicht immer, die schmerz-
hafte Empfindung an den ebengenannten Stellen hervor.
Bei Affection des obern Dorsalbezirkes ist die iiussere Brustwand
Sitz der neuralgischen Empfindung, und Seitenschmerz, Pleurody -
nia neur algica , ist eine haufigeErscheinung, die sich von andern
Seitenschmerzen, rheumatischen und pleuritischen, dadurch unter-
scheidet, dass schon die blosse Beriihrung der Haut selir empfindlich
ist, dass der Schmerz selbst einen kleinen Umfang einnimmt, bei
Ausdehnung der Lunge durch Inspiration sich nicht vermehrt, mit
keinen abnormen percussorischen und auscultatorischcn Symptomen
verbunden ist, und endlich, dass der Druck auf die obern Brustwirbel
schmerzhaft ist. Wo der untre Dorsalbezirk leidet, ist Schmerz in der
Magengmbe vorhanden, welcher sich kings des Bippcnrandes bis in
den Riicken zieht und baufig in der Brust bis zum liaise aufsteigt.
156
SPINALNEURALGIE.
Die Berfihrung und Compression des 7. und 8. Dorsal wirbels ist
iiusserst empfindlich und steigert den Schmerz im Scrobic. cordis.
Ist die Lumbarregion afficirt, so sind die Bauchdecken an einer
oder mehreren Stellen schmerzhaft, Coliken befallen von Zeit zu
Zeit, die untern Extremitaten schmerzen, und Druck auf dieLenden-
vvirbel ist empfindlich.
Die mit den neuralgischen verbundnen motorischen Erscheinungen
haben mehrentheils ein convulsivisches, seltner ein paralytisches Ge-
priige, und sind ebenfalls nach dem Sitze der Affection verschieden.
So begleiten offers Schlund- oder Glottiskrampf, Singultus oder eigen-
thfimlich tonender Husten die Spinalneuralgie des Cervicalbezirks,
Herzklopfen, Erbrechen, Ructus die des Dorsalbezirks, und Ischurie die
Lumbaraffection. Die Bewegungen der obern oder untern Extremi-
taten sind erschwert, und fiber ein Geffihl von Schwache und Er-
mattung in den Armen oder Beinen wird meistens Klage geffihrt.
Diese Affection haftet entweder in einem Bezirke des Rficken-
marks, besonders in der untern Dorsalpartie des 7., 8. und 9. Wir-
bels, oder veriindert ihren Sitz, oder, was seltner der Fall ist, dehnt
sich fiber das ganze Rfickgrath aus, womit die Symptome fiberein-
stimmen.
Der Yerlauf ist mehrentheils chronisch, der Typus aussetzend, zu-
weilen regelmassig intermittirend. Die Zeit der Pubertat-Entwick-
lung und das mittlere Lebensalter sind der Spinalneuralgie vorzugs-
weise ausgesetzt. Das weibliche Geschlecht ist bei weitem mehr dis—
ponift als das mannliche, so dass 3/4 der Falle auf jenes kommen.
Hysteric setzt eine entschiedne Anlage. Storungen der Catamenien,
das Wochenbett, Digestionsleiden stehen oft in einer naheren Bezie-
hung zu dieser Affection.
Die Prognose ist im Allgemeinen gfirislig.
Diagnostisches. Zu einer den Anforderungen der Critik gcnfi-
gcnden Kenntniss dieser Rrankheit fehlen noch Data: man ist in den
Voraussetzungen ihrer Existenz offenbar zu weitgegangen, und hat am
Unerwiesenen und Ilypothetischen Behagen gefunden. Dennoch verdie-
SP1NALNEURALGIE.
157
nen die Bemuhungen derer*) Anerkennung, welche die Aufmerk-
'Sarakeit darauf gerichtet haben, da das Gebiet neuralgischer Erschei-
nungen dadurch erweitert worden ist. In diagnostischer Beziehung
sind besonders zvvei Umstande beach tun gswerth : 1) die Unterschei-
dung von Affectionen des Ruckenmarks und seiner Hiillen, welche
von S t ructurveran deru ngen abhangig sind, und eine ernste, oft ge-
fahrliche Bedeulung haben. 2) Die Verschiedenheit der primaren
'Spinalneuralgie von derjenigen, welche als Mitempfindung sich gel-
tendmacht. Was das Erstere betrifft, so haben hauptsachlich Krank-
i heiten der Wirbelknochen mehrere Symptome gemein, die Schmerz-
haftigkeit bei iiussrer Beriihrung, den spannenden Schmerz kings des
Rippenrandes und in der Ilerzgrube, dieZunahme desSchmerzes beim
Biicken und beim Aufheben einer Last, die Erleichterung durch
iRiickenlage. Allein das Alter, die Constitution der Kranken und
einige ortliche Erscheinungen geben Merkmale an die Hand, wodurch
eine Verwechslung, die fur die Behandlung von schlimmen Folgen
ssein wiirde, verhiitet wird. Das kindliche Alter, vorzugsweise Kno-
cchentuberkeln ausgesetzt, ist in der Regel von Spinal neuralgie ver-
'schont, welche mit der Pubertat zum Vorschein kommt. Das Ge-
>schlecht bietet dort keinen Unterschied dar. Der Schmerz zeigt sich
anders, ist fix und wird durch Druck vermehrt; in der Spinalneu-
i ralgie veriindert er oft seinen Sitz, und giebt sich schon bei einer
oberflachlichen Beriihrung, beim Kneifen der Haut, kund, in einem
'SO hohen Grade, dass zuweilen selbst Ohnmacht und Bewusstlosigkeit
entsteht. Die Entstellung der Wirbelsaule durch successive Entar-
tung des Knochens, und das bei langrer Dauer immer eintretende
I constitulionelle Leiden fehlen in der neuralgischen Affection.
Ueber das Yerbaltniss der Spinalneuralgie entweder als Mitem-
*) Es gcniige unter den Engl'andern Teale zu nennen ( a treatise on neuralgic
diseases, dependent upon irritation of the spinal marroiv and ganglia of the
■sympathetic nerve. London 1829.) und unter den Deutschen Stilling: Physiolo-
: gischc, pathologische und medicinisch-practisehe Untersuchungen iiber die Spi-
nal-Irritation. Leipzig 1840.
158
SPINALNEURALGtE.
pfindung odcr als primarer selbststandiger Affection zu enlscheiden,
ist ungemein schwierig: denn obgleich in so vielen Krankheilen iiber
Riickenschmerz geklagt wird, hat man sich dennoch wenig um sei-
nen neuralgischen Charakler unter dicsen Umstanden gekiimmert.
Die eigenthiimliche Art des Schmerzes, das Verhaltniss der Empfind-
lichkeit am Riicken zu der Ilyperasthesie an der Vorderflache des
Rumpfes oder in den Hohlen, die Seltenheit eines Allgemeinleidens,
die Steigerung des Schmerzes durch Bucken und Aufrichten, durch
Heben und Tragen, die Abnahme in ruhiger horizontaler Lage, kon-
nen dazu dienen den primaren selbststandigen Charakter erkennen zu
lassen. Auch mag dieses Merkmal noch benutzt werden, dass der
Schmerz amRiickgrathe sich offers nur bei derUntersuchungheraus-
stellt, und weniger Grund zu lauter Klage giebt als da, wo er als Mit-
empfmdung andre Krankheiten begleitet.
Trotz derUnzuliinglichkeit bisheriger Beobachtungen dieserKrank-
heit gewahren sie ein physiologisches Interesse, in so fern sie sowohl
die Isolirung eines pathischen Zustandes auf einzelne Bezirke des
Ruckenmarks darthun als auch den Beweis geben, dass in neuralgi-
schen Affectionen die Reitzbarkeit nicht bloss in dem centralen, son-
dern auch in dem peripherischen Apparate der Sensibilitiitnerven
exaltirt ist. Eine oberflachliche Beruhrung derjenigen Stelle, wo die
Cutanei des hintern Astes des afficirten Spinalnerven sich verbreiten,
ist im Stande den Schmerz nach mehreren Richtungen hin und die
ubrigen Erscheinungen zuwecken. In Ollivier’s Werke (T. I. p. 400)
findet sich die Beobachtung einer tuberculosen Caries der Halswirbel
mit Desorganisation des Ruckenmarks, wobei der Kranke fiber einen
Schmerz klagte, der sich vom Nacken nach dem Hinterhaupte ver-
breitete, langs dem Laufe des hintern Zweiges des zweiten linken Cer-
vicalnerven. Bei der Section zeigte sich dieser Nerv, der durch die
erweichte tuberculose Masse seinen Weg nahm, angeschwollen und
von rothlicher Farbe.
T ec h n is che Bell and lung. — Der Unterschied, welchen Cha-
rakter und Verlauf der Symptome von denen der Entzundung und
SPINALNEURALGIE.
159
Desorganisationen des Ruckenmarks und seiner Hullen darbieten, muss
fur die Behandlung dieser Affection benutzt werden; auch stimmen
die Erfahrungen zuverlassiger Beobachter (Brodie, Travers etc.)
darin uberein, dass die in Knochenkrankheiten der Wirbelsiiule mit
Erfolg angewandten Mittel z. B. kunstliche Geschwiire, Cauterisation,
ruhige Lage, bier von grossem Nachtheile sind, und die Cur vereiteln.
! Es scheint iiberhaupt darauf anzukommen, dass man die Naturhei-
lung nicht durch sturmische Procedur verhindre, wovon ohnehin das
Alter der Pubertat und die bysterische Basis bei vielen Kranken ab-
lialten miissen. Nach Ermittlung des Causal- Yerhaltnisses zwischen
coexistirenden Storungen andrer Organe und der Spinalneuralgie und
bezweckter Abhulfe ist eine allgemeine Behandlung mit ortlicher zu
verbinden. Der wohlthatige Einfluss psychischer Eindrucke ist aner-
kannt. Yeranderung des Aufenthalts, Reisen, Landleben, See- und
"Soolbader, kalte Waschungen, Schauerbad in Verbindung mit toni-
•schen Mitteln, zumalEisenpraparaten, zeigen sich wirksam. Ableitun-
. gen auf das Riickgrath und auf den Darmkanal, von Zeit zu Zeit wie-
derholt, sind erforderlich. Zu Blutentleerungen wird man selten seine
Zuflucht nebmen, und wo es der Fall ist, zu brtlichen, weil jaher
i Blutverlust durch Aderlass diesen Kranken in der Regel nicht zusagt.
'Frictionen des Riickens, am besten mit ol. tereb. aeth., fliiehtige
■ schmale Vesicatore auf die schmerzhafte Stelle applicirt, mit Yermei-
dung der Eiterung, gelinde Purgantia sind von Nutzen. Palliativ ist
stundenlange Ruhe taglich zu empfehlen, doch hiite man sich die
! Kranken anhaltend liegen zu lassen, wozu sie grossen Hang haben.
Massige Bewegung und Uebung des Korpers darf nicht vernachlassigt
.werden. v
— W-0-H&
B. Hyperasthesieen des Gehirns.
Ceplialaea.
Dolor cerclralis. Hirnschmerz.
Experimentelle Resultate. Bei der Unzulanglichkeit und
Rohheit altrer Yersuche an lebenden Thieren iiber die Empfindlich-
keit des Gehirns, wobei man nicht einmal nach dem Tode den Sitz
der Verletzung constatirte, ein Vorwurf, der selbst Zinn und Hal-
ler [A. v. Haller opera minora T. I. P. II. Lausann. 1763. p.
350) trifft, konnte sich kein zuverlassiges Resultat herausstellen. Von
der vervollkommneten Methode des Experimentirens in neuerer Zeit
Hess sich ein solches erwarten, und Magendie hat in seinen Vor-
tragen die Aufgabe zu losen sich bernuht. (Legons snr les fonctions
et les maladies du systeme nerveux. Paris 1839. T.I.p. 176.) Nach
diesen Versuchen an Kaninchen und Hunden zeigen sich am empfind-
lichsten, so dass schon leise Beruhrung heftigen Schmerz erregt: die
corpora resliformia, (process . cerebelli ad medull. obi.) und die Ober-
flache der Varolsbrucke, zuniichst die der Basis nahgelegnen Schich-
ten des kleinen Gehirns, und die Vierhugel. Durchaus unempfindlich
sind die Hemispharen des grossen Gehirns, corpus callosum, hypo -
physis, conarium, und die Obcrflache des Cerebellum. Mit Recht warnt
Magendie bei solchen Versuchen vor Beruhrung und Reitzung der
sensibeln Quintuszweige in ihrem Laufe durch den Schadel.
Die ch irurgischen Ergebnisse stimmen mit den experimen-
IIIRNSCHMERZ.
161
tellen, in Betreff der Unempfindlichkeit des Gehirns, als Begleiterin
von Yerletzungen iiberein, lehren aber aucb, dass alsFolge derselben,
wenn Entziindung, Eiterung, Ervveichung, Yerhartung der Hirnsub-
stanz sich entwickelt, Schmerz hinzutritt. Yon Wichtigkeit ist die
Erscbeinung, dass die aus der Schadcl-Wunde oder Oeffnung hervor-
gedrungnen Hirnportionen, auch im Zustande der Entziindung oder
fungoser Entartung, unempfindlicb gegen Druck und Scbnitt sind.
Unter den Krankheits-Zustandcn des Gehirns existirt keiner, mit
Ausnahme der Atrophia cerebri, der nicht begleitet von Schmerz be-
obaclitet worden ware. Im Allgemeinen giebt sicli dieser Schmerz
durch folgende Merkmale kund: Fixer Sitz in einem grossern oder
kleinern Bezirke des Schiidels; pressendes, spannendes, klopfendes,
durebsebiessendes, zerreissendes, rollendes Gefiihl ; wechselnde Inten-
sitat; Erregung und Steigerung durch Anstrengungen, korperliche
und geistige, durch Bewegungen des Kopfes, durch heisse Tempe-
ralur, durch Genuss erhitzender Binge, durch langen, festen Schlaf;
Erleichterung durch erhohte, aufrechte Stellung oder Anstemmen des
Kopfes; remittirender Typus; Intervalle mit gestbrter Gesundheit;
Hinzutritt von Zuckungen, von Lahmung, meistens auf einer Halfte
des Gesichtes und Rumpfes beschrankt, von Aniisthesie der Sinnes-
organe, von Delirien ; Nachlass und Aufhoren des Schmerzes bei vor-
schreitender Paralyse und Sopor.
Diesen Ziigen diagnostische Schiirfe zu geben, ist zwar bei einem
Organe sehr schwierig, welches durch starre Knochenhulle unsrer
Untersuchung entzogen ist: indessen eine Zuganglichkeit ward iiber-
sehen, welche jedenfalls benutzt zu werden verdient. Es ist Tliat-
sache, dass bei jeder starken und anhaltenden Exspiration das Gehirn
i in die Hohe geboben, das kleine an das Zelt, das grosse an die Scbii-
• delknochen gedriickt wird, von welchem Letzteren man sich beiKin-
dern mit oflher Fontanelle wiibrend des Schreiens leicht iiberzeugen
kann. Aucb gaben sclion die alten Chirurgen ihren Kranken mit pe-
rnetrirenden Schadelwunden den Rath stark zu husten und zu niesen,
um den Ausfluss des Blutes oder Eiters zu befdrdern. Ein fortgesetztes
Romberg’s Nervenkrankli. I. \ {
162
HIRNSCHMERZ.
Ausathmen, ein langeres Anhalten des Athcms wahrend der Exspi-
ration kann daher bci Ilirnkrankheiten, besonders der Oberllache,
einigermassen die Stelle des iiussern Druckes vertreten, welcken wir
so oft zu unsrer Belehrung auf Bauch- und Brustwandungen anbrin-
gen. Fast immer klagen solclie Kranke iiber Erregung des Kopf-
schmerzes durch Pressen beim Sluhlgange: das diagnostische Expe-
riment besteht darin sie dieses nachahmen zu lassen, sie bei gleich-
zei tiger Contraction der Bauchmuskeln den Athem wahrend der
Exspiration langre Zeit anhalten zu lassen, wodurch der Ilirnschmerz
sofort geweckt, und, wo er bereits vorhanden, auf s Aeusserste ge-
steigert wird. Dasselbe geschieht beim Schreien, Ilusten, Erbrechen.
Yersuche, auf ahnliche Weise mit der Inspiration angestellt, bei wel-
clier das Gehirn sich senkt und der Schadelgrundflache nahert,*)
durften iiber die Krankheiten an der Basis des grossen und kleinen
Gehirns einigen Aufschluss gewahren.
Ueblicher ist die diagnostische Benutzung der Stellungen und Be-
wegungen des Kopfes. Seitliches Hin- und Herschwingen, Biicken,
schnelles Aufrichten aus der horizontalen Lage in die yerticale erre-
gen leicht und vermehren den Schmerz.
DieModificationen und Yerhaltnisse des Hirnschmerzes zubestimm-
ten Krankheiten des Gehirns sind in diagnostischer Hiusicht bemer-
kungswerth. Yor ihrer Erorterung sei jedoch daran erinnert, dass
zur Constatirung des Schmerzes in diesen Krankheiten es fast mehr
noch, als bei denen eines andern Organs, auf genaue Geschichte und
langeBeobachtung desKranken ankommt. Nicht nur die oft langern
Intervalle machen es erforderlich, auch der Riicktritt des Schmerzes
bei dem Iiinzukommen andrer, zumal paralytischer Erscheinungen,
*) Raviria konnte bei Yersuchen wahrend des Einathracns cinen Fcderkiol
zwischen den Hirnschadcl und das Gehirn eines Jagdhundes stecken. Stcllte cr
einen in Grade eingelheilten Korkcylinder auf das Gehirn, so sank diescr durch
ein gewohnlic.hes Einathrncn V", durch ein slarkcrcs 3'". Aus ciner trichierfiir-
migen, mit Wasser gefulllcn Glasrohre vcrschwand die Fliissigkcit wahrend der
Inspiration, und kehrte wahrend der Exspiration blutig zuriick. Ygl. Lund phy-
sio logische Res ul tale der Yi viscclionen neucrcr Zeit. S. 149.
1
HIRNSCIIMERZ.
163
und die in vielen Fallen spater erfolgende Abnahmp des Gedachtnisses.
Aus diesem Grunde ist auch auf die in der Privatpraxis gesammelten
Beobachtungen ein erhebliches Gewicht zu legen.
Bei den an der Aussenflache und besonders im Innern der Hirn-
substanz entwickelten Aftergebilden ist der Sehmerz ein haufiger
Begleiter.
Tuberkel.
Wilhelmine M..., 4 Jahre alt, litt seit ihrem zweiten Jahre an
Kopfsckmerzen, die sich nach Scharlachfieber eingestellt, und nach
und nach an Heftigkeit zugenommen hatten. Im October 1830 wurde
ich zu dem Kinde gerufen. Es bezeichnete den Sitz des Schmerzes in
der Stirn; seine Mutter erzahlte mir, dass taglich zu wiederholten
Malen Anfalle des Schmerzes wiederkehrten, welche auf ihrer H5he
W iirgen und Erbrechen herbeifuhrten. — In den Intervallen war das
Kind selir abgespannt, an den Spielen der Geschwister theilnahmlos,
und zur Scklummersucht geneigt. Die Extremitaten waren abgema-
gert, der Leib aufgetrieben und hart, die Backcn wulstig, die Farbe
gelblich, die Ilaut welk und diirr, der Appetit unregelmassig, der
' Stuhlgang gewohnlich verstopft. Aufrechte Stellung wurde ohne
Stiitzung des Kopfes nicht lange vertragen. Bin- und Herbewegen des
Kopfes, welches ich selhst mehreremal am Kinde versuchte, war
schmerzhaft und brachte es zum Weinen. Ohne alle Wirkung blieb
die Anwendung der verschiednen Heilmittel, der von Zeit zu Zeit
gelegten Blutegel, der Einreibung der Brechweinsteinsalbe in‘ den
Nacken, der Kiilte u. s. f. Anfangs Dezember nahm die Hinfiilligkeit
der Kleinen zu: sie konnte das Bett nicht mehr verlasscn, fieberte,
war fast immer schlummersiichtig. Der Bauch sank ein, und es liessen
sicli deutlich harte Geschwulste dcr Mesenterialdriisen fiihlen. Am
7. Dezember trat tiefer Sopor ein, am 8. Convulsionen des rechten
Arms, am 9. der Tod. — Leichenbefund. Nach Abnahme des
Schadeldaches und der Dura mater zeigte sich die Arachnoidea des
-grossen Gehirns trube, und langs derSichel mit einigen kleinen albu-
minbsen Exsudaten bedeckt. Die Consistenz der llirnsubstanz der
li*
164
IIIRNSCI1MERZ.
Ilemispharen war fest : die Medullargefasse injicirt. Die Seitenhohlen,
besonders die linke, waren erweitert und mit einer Menge heller,
serbser Fl'ussigkeit angcfiillt; ihrc Wandungen waren erweiclit. Im
kleinen Gehirn, auf der unternFkiche seiner Ilemispharen, fandensich
vier Tuberkel, zwei auf jeder Scile. Die grosseren, yon dem Volumen
einer kleinen Wallnuss und rundlicher Form, batten im zweibauchigen
Lappen ihren Sitz, einer im rechten, der andre im linken; sie lagen
auf der Aussendache in einer Aushohlung so locker, dass sie beim
blossen Druck auf die Umgebung herausfielen, und waren yon harter
Consistenz und gelber Farbe. Die kleineren, von der Grbsse einer
Bohne, sassen tiefer, in der innersten Abtheilung des hintern untern
Lappens und hingen fester mit den umgebenden Ilirnschichten zu-
sammen. ■ — Die Leber war von bedeutender Grosse, so dass sie fast
beide Hypochondrien ausfullte, und von blasser Farbe. Die Mesente-
rialdriisen waren sehr angeschwollen und der Sitz von Tuberkelabla-
gerung, die an vielen Stellen in Erweichung iibergegangen war.
2) Albert S., funfjahrig, in korperlicher und intellectueller Ausbil-
dung fur sein Alter zuruckgeblieben, unfahig zusammenhangend und
gelaufig zu sprechen, abgemagert, mit aufgetriebnem Unterleibe,
klagte seit langer als einem Jahre uber Schmerzen im Ropfe, haupt-
sachlich der Stirngegend. Nach arztlicher Iliilfe sah sich die Mutter,
eine arme Wittwe, die bei dem Erwerb ihres FTnterhaltes ausser dem
Hause die Pflege des Knaben vernachlassigte, nicht eher urn, als bis
Betaubung und Schlummersucht hinzutraten. So fand ich bei meinem
ersten Besuche (G. Juli 1832) das Bild eines hofTnungslosen Hydro-
cephalus acutus, dessen symptomatischen Charakter die, obschou so
diirftige, anamnestische Auskunft dennoch deutlich herausstellte. Zwei
Tage darauf erfolgte der Tod, unter Hinzutritt starker Convulsionen.
— Leichenbefund. Die Gefiisse dcr Pia mater und der Medullar-
substanz waren betrachtlich injicirt. Die Arachnoidca war kings der
Sicliel auf beiden Seiten mit albuminosen Exsudaten bedeckt. Die
Jlirnhohlen waren mit einer hellen, serosen Flussigkcit strotzend an-
gefiillt. Die durchsichtige Scheidevvand, das Gewolbe und die Wiindc
IIIRNSCHMERZ.
165
der Ventrikel batten eine sehr weiche Consistenz mid zergingcn bei
dem Fingerdruck in eine breiartige Masse. In deni obern hintern
Lappen (lobus semilunaris) der rechten Hemispbare des kleinen Ge-
birns bind sich, einige Linicn vom bintern Rande entfernt, ein Tu-
berkel von der Grdsse eines Kirschkerns, von gelblicher Farbe und
barter Consistenz, welcher etwas iiber dem Gehirne bervorragte und
sich oline Muhe herauslosen liess; die Stelle, wo er gesessen, war
durcli eine kleine Grube bezeichnet. Im Marklager derselben Hemi-
spbare sass in der Nahe des Corpus rhomboideum noch ein Tuberkel,
von der Grosse einer Erbse. — Die Mescnterialdriisen waren sehr
vergrossert und mit Tuberkelmasse angeflillt.
3) Wilhelm E., 5 Jahre alt, war seinen Eltern seit liingerer Zcit
durch eine Veranderung seines Charakters, durch ein traumeriscbes
Wesen, wie sie sich ausdriickten, aufgefallen: er hatte das Ansehen
eines Benommenen, Ilalbtrunknen, und einen schwankenden Gang.
Eine seit der Geburt andauernde Nasenblenorrboe hatte vor einem
halben Jahre aufgehort: seitdem klagte der Knabe sehr oft iiber hef-
tige, reissende Scbmerzen im rechten Ohre. Am 31. Mai 1830 ward
ich zu ihm gerufen. Es hatte sicb Erbrechen, besonders bei aufrecb-
ter Stellung des Kopfes eingefunden, Yerstopfung, Betiiubung, starkes
Fieber. Der Bauch sank dergestalt ein, dass zwischen den hervor-
stehenden Rippen und Darmbeinen eine tiefe Grube sich bildete. Der
Puls wurde langsam, der Athem ungleich, grunzend, die Pupillen er-
weiterten sich und wurden unbeweglich, die Augiipfel starr, die
Conjunctiva rothete sich, das Sehvermogen erlosch. Die kraftigste
Behandlung zeigte sich unwirksam und am 6. Juni erfolgte unter
heftigen Convulsionen der Tod. — Leichenbefund. Nach Ab-
nahme des Schadeldaches stieg das Gehirn, wie ein vom Drucke be-
freiter elastischer Korper in die Hohe, und liess sich nicht wieder in
die fur seinen Umfang zu enge Knochenhulle einpassen: die Dura
mater war iiber den an einander gepressten Windungen slralT ausge-
spannt. Die Arachnoidea war triibe, in der Scheitelgegend mit der
Pia mater verwachsen, und mit kleinen Exsudutcn, vom Ansehen des
166
IIIRNSCHMERZ.
Soors (muguel), bedeckt. Die Consistenz der mit Blut uberfullten
Marksubstanz in den Hemispharen des grossen Gchirns war schr lest.
Die Hirnhohlen waren von einer Menge gelblicher serdser Flussig-
keit ausgedehnt, ibre Wiinde und der Fornix erweicht. Auf der Ba-
sis des Gehirns bedeckte ein betrachtliches serds-albumindses Extra-
vasat das Ghiasma opticum. Im Mark lager der rechten Iiemisphare
des kleinen Gehirns hatte ein Tuberkel, von dem Volumen einer klei-
nen Kirsche, von gelber Farbe und hartem Gefiige seinen Sitz, wel-
cher, nachdem er leicht herausgeloset worden, eine Aushohlung in
der Marksubstanz zurfickliess. Aus dem Wirbelkanal regurgitirte,
zumal beim Drucke auf die Rippen, eine grosse Menge heller, seroser
Fliissigkeit.
HydatMose GeschwulsL
Im J. 1821 machte ich die Section eines von Formey behan-
delten funfzehnjahrigen Madchens, welches seit einem Jahre men-
struirt, hei dem jedesmaiigen Eintritte der Menses von Convulsionen
befallen wurde, hestandig uber Schmerzen in der rechten Seite des
Kopfes klagte, und unter hydrocephalischen Zufallen starh. — Die
Arachhoidea erschien trube und verdickt. Die Windungen des grossen
Gehirns waren bedeutend abgeflacht. Die Yentrikel ausserordentlich
ausgedehnt, hesonders der rechte, und ein jeder ungefahr mit vier
Unzen einer molkenfarbnen Fliissigkeit angefiillt. In der rechten Sei-
tenhohle fand sich eine Geschwulst von der Grosse eines Taubeneies,
welche vom Adergeflechte ausging, und aus einer hydatidosen, mit
angeschwollnen Gefiissen durchwebten Masse bestand. Auf dem
Boden des hintern Horns desselben Yentrikels wurde eine Erosion
der Ilirnsubstanz gefunden.
2) Ein sechsjiihriges Madchen klagte fast bestiindig fiber Kopf-
schmerz, stutzte gewohnlich die Slirn mit der Hand, und lehnte auch
im Scldafe den Kopf am Rande der Bettstclle an. Sie verlor ihren
Frohsinn, wurde trage und apathisch. Vierzehn Tage vor ihrem lode
stellte sich eine acute IlirnalTection ein, Erbrechen, Steigerung des
Schmcrzes, Amaurosc des Iinken Augcs, Sopor, Convulsionen. — Nach
HIRNSCIIMERZ.
167
Abnahme des Schadelgewblbes und der harten Hirnhaut zeigte sich
die Arachnoidea kings der Sichel mit einer Menge kleiner Granula-
tionen bedeckt. Die reclite Seitenhohle slrotzte von heller seroser
Fliissigkeit, die linke war fast leer. Auf der vordern Halfte des linken
Sehnervenhiigels lag ein weisser Korper, von der Grbsse einer Boline
und membranoser Structur. Bei naherer Untersuchung gab er sicli
als eine zusammengefallne abgestorbne Ilydatide zu erkennen, deren
innere Flache mit einer Menge kleiner Granulationen, von der Grbsse
und dem Ansehen der Sandkorner, bedeckt war. (Echinococcus
horn inis: „ Vesica externa, simplex vel duplex, cujus superficiei
internae insident entozoa plurima, arenulam mentientia, quorum cor-
pus obovatum; caput uncinorum corona et osculis suctoriis instru-
ct um.e{ Rudolphi, Entozoorum synopsis, p. 183J.
Bei einem Yergleiche mit Beobachtungen Andrer in Nasse’s lehr-
reicher und critischer Zusammenstellung ergiebt sich, dass der Kopf-
schmerz als diejenige Krankheitserscheinung betrachtet werden muss,
die bei Gesckwiilsten im Gehirne von alien die bestiindigste ist.
(Ueber Gesch wills te im Gehirn, als Anhang zur Uebers. von
Abercrombie iiber die Krankh. des Gehirns und Riickenmarks.
Bonn 1821. S. 66). Auch aus Andral’s Sammlung von Beobach-
tungen geht hervor, dass unter 36 Fallen von Geschwulsten im kl ei-
ne n Gehirn bei 26 Schmerz im Kopfe vorhanden war. ( Clinique
medicale. Sieme edit. T. V. p.7'2 9.) Endlich geben Abercrombie’s
Beobachtungen von Ilirngeschwiilsten, die hauptsachlich von Schmerz
begleitet waren, 1 1 an der Zahl, 9 von tuberculbsen, 2 von albumi-
nosen Geschwiisten, das Resultat, dass nur von dreien der Sitz im
grossen Gehirn sich fand, von dreien im grossen und kleincn Gehirne,
von 5 in letztercm allein. Sie hetrafen meistens das kindliche Alter,
womit auch meine Erfahrung ubereinstimmt, und waren bflers, wie
die von mir beobachteten Falle, mit Tuberculosis in den Bauch- und
Brustorganen complicirt.
168
IIIRNSCIIMERZ.
Zu den Geschwiilsten in dcr Schadelhohle, welche meistentheils
von Schmerz begleitet sind, gchdren aucli die aneury smatischen,
sowohl im Gebiete der Yertebralarterien als Carotiden. Der Schmerz
selbst ist gewobnlich pulsirender Art. (Vgl. cine Zusammensleliung
der bisbcr beobachteten Falle in Stumpf dissert, de anewrysmalibus
arteriarum cerebri. Bcrolini 1836. p. 1 1 — 18.)
Cancer cereTirl.
Die 45jahrigeFrau eines biesigen Malers hatteseit acht Jahren an an-
haltenden reissenden Schmerzen in der rechten Seite des Kopfes gelitten,
welche von Zeit zu Zeit den aussersten Grad von Heftigkeit erreichten,
und sie zu jeder Beschaftigung unfahig machten. Im November 1837
suchte sie bei mir Iliilfe und klagte besonders iiber reissende Schmerzen
im linken Arme undBeine, iiber ein Gefiihl von grosser Hinfalligkeit,
und iiber mehrere Zufalle bysterischen Geprages. Das Gesicht hatte
eine strohgelbe Farbe. Vier Wochen spater stellte sich unvollstandige
Lahmung der linken Extremitaten ein: die Kranke konnle, obschon
mit grosser Miihe, willkuhrlich Arm und Fuss bis zu einer gewissen
Hohe heben, was jedoch weit schneller und kraftiger durch Reflex-
impuls, beim Kneifen und unvennutheten Beriibren, geschab. Die
Sensibilitat war ungestort. Durchzuckende Schmerzen stellten sich
oft in den gelahmten Gliedern ein, aucli fliicbtige Contracturen. Da-
gegen trat der Kopfschmerz mehr in den Ilintergrund. Das Bewusst-
sein blieb frei. Im Monat Februar maclite die Lahmung schnelle
Fortschritte: Schmerzhaftigkeit und Gontractur desArmes und Fusses
horten auf, und iiber Kopfschmerz klagte die Kranke nicht mehr.
Am 15. Februar 1838 erfolgle der Tod plotzlich durch Hamoptysis.
— Nur die Oedhung der Schadelhohle wurde gestattet. Die Dura
mater war an mehreren Stellen fest mit dcm Ivnochen verwachsen,
besonders in dcr Gegend des hintern Lappens der rechten llemi-
sphare des grosscn Gehirns. An dieser Stelle war der Knochen
IIIRNSCHMERZ.
169
rauh, verdickt, wie wurmstichig. Die Dura mater war daselbst
mit den iibrigen Membranen und der IJirnoberllache auf’s festeste
verwachsen. Das Gehirn war in dem Umfange eines halben Eies
in eine carcinomatbse, rothlich-weisse Masse, mit eingesprengten
harteren Kernen verandert, wovon einzelne Stiicke in Zapfenform an
der abgeloseten Dura mater hafteten. Yon demUmkreise dieserEnt-
artung begann eine Erweichung der Hirnsubstanz, welche den gro-
ssern Theil des hintern und mittleren Lappens einnahm, si$i bis zum
Niveau der Seitenhbhle erstreckte und die Region des Thalamus opti-
cus und theilweise auch des gestreiften Korpers in eine Creme ahn-
liche, mit dem Scalpellhefte wegzuwiscbende Masse verwandelt liatte.
In den bisher bekannt gewordnen Fallen von Hirnkrebs (S.
An drabs vergleichende Zusammenstellung von 43 Fallen in der
Clinique medic. T. V. p. 639) warSchmerz eiu sehr hiiufiger Beglei-
ter, nicbt bloss bei dem Sitze der Krankheit im Cerebellum, auch im
grossen Gehirne, wo die Mehrzahl gefunden wurde. Oefters mit dem
eigenthiimlichen Geprage carcinomatoser Schmerzen, zuweilen auch
neuralgischer Art, von einem Punkte nach andern Stellen ausstrahlend,
verbindet er sich mit ahnliehen Schmerzen am Rumpfe und in den
Gliedern.
Enter den Veriinderungen der Hirnsubstanz selbst sind Erwei-
chung und Abscessbildung am haufigsten und beslandigsten von
Schmerz begleitet.
In Belreff der Hirn erweichung stimmen die zuverlassigen Be-
obachter iiberein, Lallemand, Rostan, Andral, Fuchs. Der
Schmerz geht entweder dem Ausbruche der Krankheit liingre Zeit
vorher oder beginnt mit dem ersten Stadium und dauert im zweiten
nocli fort. In einem von mir bei einer 27jahrigen Frau beobachteten
balle, wo in beiden Hemispharen des grossen Gehirns Erweichungen
gefunden wurden, und dessen Erzahlung imAbschnitte fiber cerebrale
Lahmung ihre Stclle finden wird, ging ein heftiger driickender Ilirn—
schmerz dem Ausbruche der Krankheit sieben Jahre voran, welcher
in unbestimmten Zwischenraumen wiederkehrte, Tage, selbst Wochen
170
IIIRNSCHMERZ.
lang anhielt, durch die Kiilte sicli minderte, in heisser Jahreszeit aber
unertraglich ward, so dass die Kranke oft nur durch Yerweilen in
einem kiihlen Keller sich Erleichterung verschaffen konnte. Audi
nacli Eintritt der Benommcnheit pllegen die Kranken auf dftere laute
\
Anfrage nach dem Schmerze die Hand langsam nach der der gelahm-
ten Seite entgegengesetzten Halfte des Kopfes zu fiihren, ein von
Rostan fur pathognomonisch gehaltner Zug der Iirankheit. ( Recher -
dies sur le ramollissement du cerveau. 2 de edit. Paris 1823. p. 243.)
Nur bei grosser Indolenz, im Greisesalter oder bei zunehmender Be-
taubung fehlen die spontanen Klagen uber Schmerz im Ivopfe.
Auch in jener interessanten Form von Erweichung der Cen-
tral theile des Gehirns (des corpus callosum, sept, lucid., fornix,
der Yentrikel-Wandungen), wie sie Abe rcrombie nannle, durch
dessen trefflicheUntersuchungen man zuerst darauf aufmerksam wurde,
ist der Hirnschmerz ein fast bestandiger Begleiter. Unter 1 G mitge-
theilten Fallen wird er nur bei einem vermisst. (. Palholog . and pract.
researches on diseases of the brain and the spinal cord. 3 d edit.
Edinburgh 1836 12T — 139.) Am intensivsten habe icb ihn in
folgendem Falle beobachtet:
Ein Tjahriges Madchen erkrankte am 27. Mai 1835 an Kopf-
schmerzen, Erbrechen, Durchfall, Fieberbewegungen. In den folgen-
den Tagen sprach sich eine Hirnaffection deutlich aus. Vor allem
Andern klagte die kleine Kranke anhaltend uber einen in der Tiefe
des Kopfes befindlichen Schmerz von ausserordentlicher Hefligke.it,
welcher es ihr unmoglich machte die sitzende Stellung im Bette auch
nur auf ein Paar Minuten auszuhalten. Ivein Mittel, weder ortliche
Blutentleerung, noch Kiilte, war im Stande diesen Schmerz zu lin-
dern. Dazu gesellte sich Erbrechen, Empfindlichkeit der Augen ge-
gen das Licht, Rothung der Conjunctiva, Delirien, Flockenlesen, be-
traclitliches Einsinken der Bauchdecken, Sopor, Convulsioncn, Tod
am 18. Tage der Krankheit. — Bei der Section fand ich die Ilirn-
substanz mit Blut sehr iiberladen. Das Septum lucidum, der Fornix
und die YVande der Latcralventrikel waren zu einer formlosen und
HIRNSCIIMERZ.
171
so weichen Masse zergangen, class sie sich wie Brei mit dem Finger
wegschieben Hessen. Alle iibrigen Theile des grossen und kleinen
Gehirns batten ilire normale Consistenz.
Yerhartung der Hirnsubstanz, welche bei weitem seltner
vorkommt als Erweichung, hat sich als Anlass anhaltenden Schmer-
zes in folgendem Beispiele rair dargeboten:
Ein secbsjabriges Madchen war vor drei Jaliren von einer Treppe
beruntergefallen und klagte seitdem fast bestandig fiber Schmerzen
in der Stirn, welche zuweilen einen solchen Grad von Heftigkeit er-
reichten, dass es laut aufschrie. Auch fand sich Schielen des rechten
Auges ein, und seit einem halben Jahre ein Ausfluss gelben Eiters
aus dem rechten Ohre, ohne alien Einfluss auf den Schmerz. Das
Kind war wohlgenahrt, hatte eine gesunde Gesichtsfarbe, dem Alter
angemessne Muskelkraft, gulen Appetit und regelmassigen Stuhlgang.
Als die Mutter am 8. November 1823 mit diesem Kinde zu mir kam,
erzahlte sie mir nebst den eben erwahnten Umstanden, dass es seit
einigen Tagen sich unwohl befinde, alles Genossue wieder ausbreche,
verstopft sei, und ofters aufsteigende Hitze, Rothe des Gesichts und
Anwandlung von Schwindel bekomme. DiePupillen waren erweitert
und trage, der Ohrfluss dauerte ungestort fort. Am anclern Morgen
fand ich den Puls frequent, das Gesicht sehr roth und aufgetrieben,
das Auge starr; Erbrechen fand haufig statt und Verstopfung dauerte
fort. Blutegel, kalte Umschlage des Kopfes, Abfubrungsmittel be-
wirkten keine Veriinderung. Es trat Sopor ein, der nur durch star-
kes Anrufen und Rutteln momentan unterbrochen wurde, ofteres lau-
tes Aufschreien, am 18. November iiusserst frequenter Puls, Con-
vulsionen beider Korperhalften, am 19. rubiges Verscheiden. Die
Otorrboe hatte bis zum Tode ihren Fortgang. — Leichcnbefund.
Auf der linken Hemisphare des grossen Gehirns, ungefahr in derMitte,
fand sich in der Dura mater ein Knochenconcrement von unregclma-
ssiger borin und ungefahr ,//4Zoll im Durcbmesser. Die Aracbnoidea
und Pia mater waren langs der Sicbel und an mehreren andern Stellen
mit der liarten llirnhaut verwachsen. Die Arachnoidea war in ihrcm
172
IIIRNSCIIMERZ.
ganzen Umfange getrubt, von opalfarbnem Anschcn. DasGehirn selbst
erscbien ausserordentlich voluminos, so (lass es nach der Ilerausnalime
aus dem Schadel dem eines Erwachsnen fast gleich kam. Die Con-
sislenz war sehr fest. Das Dach der Ventrikel war gewolbt, und liess
deutlich Fluctuation lumen. Nach einem Einstichc flossen 4 Unzen
gelblicher seroser Flussigkeit aus dem sehr erweiterten linken Ven-
trikel. Die durchsichtige Scheidewand war von breiweicher Consi-
stenz und in der Mitte durchrissen. Am innern Rande beider bintern
Lappen des grossen Gehirns fand icb die Substanz im Umfange eines
halben Zolles verhartet und von wachsgelber Farbe. Der hintre Rand
beider Hemispharen des kleinen Gehirns war auf’s Festeste mit der
Dura mater verwachsen, so dass die Trennung mit dem Messer ge-
scheben musste. In der Breite eines viertel Zolles war das kleine
Gehirn auf beiden Seiten an dieser Stelle in eine harte Masse dege-
nerirt, deren Durchschnittsflache ein gezacktes Ansehen, und von der
Beimischung der gelben Hirnsubstanz eine gelblicb-braune Farbe
hatte, Der Iibrige Theil des Cerebellum war von ausserst weicher
Consistenz und durch scharfe Grimzen geschieden. Die Oberflache
beider Felsenbeine hatte eine normale Beschaffenbeit.
Unler alien Krankheiten des Gehirns ist es die Abscessbildung,
sowohl im grossen als im kleinen Gehirn, welche am haufigsten und
bestandigsten von Schmerz begleitet wird. In Lallemand's Reclicr-
ches anatomico-pathologiques sur Vencephale et ses dependances T. I.
u. II. sind 19 Falle von Abscessen mitgetheilt, unter denen der Hirn-
scbmerz bei 14 ausdrucklich erwahnt wird, und in Abercro mbie’s
Beobacbtungen war er stets vorhanden. Von eigentbumlicher pulsi-
render Art babe ich ihn einmal zu beobacbten Gelegenheit gebabt.
Im September 1822 kam ein 22jahriger Schieferdecker zu mir,
weicher nach einem 14 Tage zuvor gethanen Fall von einem ho-
hen Geruste, wobei er mit den Fussen aufsliess, liber Mattheit, Frd-
steln und reissende Schmerzen in den Beinen klagte. Jeglichcr Pflege
entbehrend wurde er in das Charite-Krankenhaus aufgenommen.
Ilier ward er beim Austcigen aus dem Bade plotzlich von vollstiindi-
HIRNSCIIMERZ.
173
orer Lahmung des linken Arms und Heines befallen. Bewusstsein,
'Sprache und Gesichtsziige waren ungestort. Nur das rechte Auge
■ schielte, und im Grunde der Augenhohle dieser Seite klagte der Kranke
uber einen heftigen bohrenden Sclimerz, der sich nach Anwendung
allgemeiner und ortlicher Blutentleerungen zugleich mit dem Strabis-
mus wieder verlor. Dahingegen dauerte ein von diesem Tage an sich
einfmdender Schmerz in der Scheitelgegend mit vermebrter Intensi-
ty fort, welchen der Kranke mit dem Gefiihle verglich, als ob ein
Vogel sein Gehirn auspicke. Einige Zeit vor dem Tode, der in der
vierten Woche nach dem Falle erfolgte, kehrte die Sensibilitat in den
. gelahmten Gliedern zuriick. — Leichenbefund der Sc hade 1-
hohle. Die Arachnoidea war von opaler Farbe: zwischen ihr und
der Pia mater befand sich ein seros-sulziges Extravasat. Die Consi-
' stenz des Gehirns war in der linken Hemisphare fester als in der
rechten. Die Marksubstanz hatte ein rothlich-gesprenkeltes Ansehen.
I Beide Seitenhohlen enthielten eine serose gelbliche Flussigkeit ; die
rechte in starkerer Quantitat als die linke. Im gestreiften lvorper der
rechten Seite fand ich an der Griinze des Sehnervenhiigels eine mit -
Lgelbem, dunnemEiter angefullte ITohle, deren Wande mit einer netz-
formigen, mit einigen kleinen Gefiissen durchzognen Membran be-
| kleidet waren, die sich beim Aufgiessen eines dunnen Wasserstrahles
deutlich darstellte.
In den mit Desorganisation, meistens Tuberculosis, desFelsenbeins
verbundnen Otorrhoen hat der zum Ohrenschmerze hinzutretende
Kopfschmerz eine sehr wichtige Bedeutung, indem er die sich aus-
bildende Ilirnaffection offenbart. In den von mir verglich nen Fallen,
12 an der Zahl, waren es Eiterung und Abscesse des grossen oder
kleinen Gehirns in der Nahe des kranken Knochens, mit andauerndem
intensivem Schmerze in der leidenden Seite des Kopfes, wobei die
Otalgie mehrentheils aufgehort hatte. (Vgh Lai l cm and Recher-
ches elc. I. II. p. SO — 172 . und Abercrombie l. c. p. 31 — 39.)
ZuIIiimorrhagieen des Gehirns gesellt sich der Schmerz
weit seltner als zu andern Krankheiten dieses Organs. In diesen
174
HIRNSCIIMERZ.
Fallen, die eine Parallele zur Erscheinung des Schmerzes bei Ruptu-
ren von Brust- oder Bauchorganen darbieten, schreit der Kranke
jahlings auf, hat das deutliche Gcfuhl eines Risses im Gehirne, wird
blass, bekommt Erbrechen, der Puls wird klein, unterdruckt. Es
stellt sich nach einem kiirzern oder langern Intervall Benommenheit,
Sopor, Lahmung ein, die Krankheit nimmt dann ihren gewohnli-
chen Lauf und endet fast immer todtlich. Cheyne ( Cases of apo-
plexy and lethargy with observations upon the comatose diseases. Lon-
don 1812, p. 1 10) beschreibt einen solchen Fall von einem 33jahri-
gen Seeofficier, der beim Fruhstiick von Uebelkeit, Erbrechen und
einem so gewaltigen Kopfschmerze befallen wurde, dass er sagte, er
fiihle, wie eine Halfte des Gehirns von der andern sich losreisse, und
sein Ende nahe sei. Dabei rieb er die erstarrenden Hande, klagte
fortwahrend fiber den ungeheuern Schmerz, bekam gegen Mittag ei-
nen Schiittelfrost, wurde Abends soporos und starb um Mitternacht.
Bei der Section fand man beide Hemispharen durch ein enormes
Blutextravasat von einander gerissen, welches das Corpus callosum
zerstort hatte, und bis zur Basis gedrungen war. — Mehrere erlau-
ternde Beispiele sind von Abercrombie (7. c. p. 218 etc.) mitge-
theilt worden. Auch consecutiv kann sich der Schmerz im Kopfe
bei Hamorrhagieen des Gehirns einfinden, wenn ein entzundlicher
Yorgang in der Nahe des Blutextravasats sich ausbildet. Charakteri-
stisch ist alsdann die Gleichzeitigkeit schmerzhafter Empfindungen
und Contractionen in den gelahmten, zuvor schlaffen Muskeln.
Endlich zeigt sich der liirnschmerz als einer der hiiufigsten Be-
gleiter bei Meningitis und bildet die Hauptklage der Kranken, so
lange sie noch ihr Bewusstsein haben oder wieder erlangen.
Die hier erwahnten Hirnkrankheiten konnen bei ihrer so haufi-
gen Beschrankung auf einzelne Bezirke und Slellen dieses Organs
dazu dienen, den fur die Diagnose wichtigen Umstand zu erortern,
ob der Sitz des Schmerzes dem Sitze der Krankheit
entspricht? Im Allgemeinen lasst sich diese Frage verncinen. Cir-
cumscripte Veranderungen bedingen nicht selten Schmerz im ganzen
HIRNSCHMERZ.
175
Kopfe oder in einer Halflte, Desorganisationen des kleinen Gehirns
markiren sich oft durch Schmerz in der Stirn, bei manchen Kranken
wechselt selbst die Stelle des Schmerzes, und eiuige ffihlen ihn stets
in dem Theile des Kopfes, welcher am niedrigsten liegt.
Eben so wenig lasst sich aus der Eigenthfimlichkeit des Schmer-
zes auf. die besondre Beschaffenheit der organischen Yeranderung
schliessen, die sellnen Falle von Empfindung einer Ruptur ausge-
uommen. Das Geffihl von Klopfen, Sieden, Fliessen etc., auch wenn
es sich beim Bficken und Schfitteln des Kopfes vermehrt, kommt
eben so wold bei festsitzenden harten Geschwfilsten vor, als bei An-
sammlungen von Eiter und andern Fliissigkeiten. Die Empfindung
eines den Kopf sprengenden Druckes begleitet Krankheiten von ge-
ringem Umfang, wiibrend Geschwiilste von grossem Volumen keine
ihrer Raumlichkeit entsprechenden Sensationen erregen. Auch giebt
die Topik der Krankheit keinen genfigenden Aufschluss fiber Inten-
> sitat und Modificationen des Schmerzes. 1st auch nicht zu leugnen,
dass Krankheiten des kleinen Gehirns und in der Nahe der Varols-
brficke sehr oft mit Schmerzhaftigkeit verbunden sind, so dfirfen wir
die Nachbarschaft des machtigsten sensibeln Nerven, des Quintus,
nicht ausser Acht lassen, so wenig wie andrerseits die fiberwiegende
Zahl von Krankheiten des grossen Gehirns, welche von Schmerz-
empfindung begleitet werden. Wie lasst sich dieses nun mit den Er-
.gebnissen der experimentellen Physiologie vereinigen? Durch die
ein$t gelaufige Annahme wahrlich nicht, dass unempfindliche Organe
im Zustande der Reitzung und Entzfindung sensibel werden : ein aus
einer Schiidelwunde hervorgedrungnes Stfick Hirnsubstanz, dem Reitze
der Luft ausgesetzt, von Entzfindung befallen und dennoch schmerz-
los, ist wohl ein handgreiflicher Gegenbeweis. Besser erlautert die
Analogic der Wirkungen des Druckes auf das Gehirn. Beide Hemi-
spharen des grossen Gehirns konnen an einem lebenden Thiere ex-
stirpirt werden, ohne Liihmung zur Folge zu haben ; dagegen die
Injection von ein Paar Drachmen Flfissigkeit in die Schiidelhohle
llemiplegie der entgegengesetzten Seite bervorbringt. Der Grund
176
niRNSCHMERZ.
hievon ist die Glcichmassigkeit des Druckes, auch auf die entfernt
gelegnen motorisclien Nervengcbilde. Aehnlich wirken nun reitzende
Anliisse auf die Statten der Sensibilitat, an welcher fernen Stelle der
gleichsam solidarisch fur einander einstehenden Partieen des Geliirns
sie auch ibren Sitz liaben mogen, und grade der Orgasmus des
lebenden Geliirns, dieses von unnachgiebigen Wandungen einge-
schlossnen Organs, mag, wie die chirurgischen Beobachlungen der
penetrirenden Kopfwunden andeuten, dazu beitragen, die Propaga-
tion des Reitzes zu fordern, was auch durch die zuvor erwahnten
Wirkungen angehaltner Respiration bestatigt wird.
Ueberhaupt muss auf die begleitenden Umstande bei orgariischen
Hirnkrankheiten mehr Rucksicht genommen werden, als es gewohn-
lich geschieht. Man ist nur zu sehr an eine einseitige Auffassung
gewohnt, und auch bei Sectionen pflegt man, sobald ein so wichti-
ger, in die Augen springender Befund, wie eine Geschwulst im Ge-
hirne, sich darbietet, die genaue Untersuchung der ubrigen Thcile
des Organs zu vernachliissigen. Hierauf kommt es jedoch oft am
meisten an, nicht nur um den Hinzutritt neuer Zufalle zu deuten,
sondern auch die Yerdunklung oder den Rucktritt der vorhandnen
Erscheinungen. So wird der Hirnschmerz bei Geschwulsten etc. ver-
driingt durch Ansammlung seroser Flussigkeiten in den Holden
und zwischen den Membranen, gesteigert durch Entzundung und
Erweichung im Umkreise der Geschwulst. Auf analoge Weise wir-
ken intercurrente Zustiinde des Organismus. Acute, exanthematische
Krankheiten wecken oder vermehren nicht selten den Hirnschmerz:
vor den Katamenien nimmt er zu, nach dcnselben ab, so wie iiber-
haupt Blutenlleerungen zu erleichtcrn pflegen.
Ein anderer allgemeinerer Grund dcr Nacldasse des Ilirnschmer-
zes, trotz der Andaucr seiner Ursachc, ist die Erschopfung der Reitz-
barkeit durch die Reilzung selbst, und daraufberuht der remittirende
Typus des Schmerzes bei organischen Krankheiten des Geliirns. Selbst
regelmassige Periodicitat ist in seltneren Fallen beobachtet worden.
(Abercrombie l. c. p. ICC. 173.J
177
IIIRN SCHMERZ.
Stellt sicli aus den Ergebnissen dieser Untersuchung heraus, dass
die Diagnose der Species der von Schmerz begleiteten Ilirnkrank-
heiten auf grosse Schwierigkeiten stosst, und nur von dem mil deni
Gauge der Krankheit Vertrauten approximativ gestellt werden kann,
so darf uberhaupt die Leichtigkeit der Unterscheidung dieses Schmer-
zes von andern schmerzhaften Empfindungen im Kopfe niclit uber-
■ schatzt werden, wovon die Frequenz des Irrthums ein warnendes
Zeugniss ist. ‘ Zur Verhutung einer Verwecbslung mit Neuralgia he-
unicranica und mit dem Kopfschmerze als Mitempfindung diene die
Combination, die Proportion und die Aufeinanderfolge der Erscbei-
nungen. Die gleichzeitige Affection der motorischen und intellecluel-
len Sphare, wie fluchtig sie auch im Anfange der Krankheit sein
mag, ist von grosser Wichtigkeit. Schon ein vorubergehendes Schie-
en auf der Hohe des Schmerzes ist verdachtig: ein Gefi'ihl von Er-
jtarrung und Taubsein in einer Hand oder in einem ganzen Gliede
> st bedeutungsvoll : kurze Anwandlungen von Bewusstlosigkeit oder
"iopor lassen kaum einen Zweifel mehr. In dem dyspeptischen Kopf-
■veh und in der Migriine kann zwar der Schmerz einen solchen Grad
'rreichen, dass er die ubrigen Thiitigkeiten des Gehirns nicht zur
Ausiibung kommen lasst: der Kranke verurtbeilt sich selbst zur
igrossten Ruhe, physischer und psychischer, allein weder die moto-
ische nocli intellectuelle Energie weicht dabei von der Norm des
mdividuums ab. Das Missverbaltniss des Hirnschmerzes zu andern
iymptomen ist nicht minder beachtungswerth. Auf jenen allein be-
iehen sicli die Klagen, und er lasst sich nicht durch gelegenlliche
Crankheiten andrer Organe verdecken, wie es so haufig bei dem
lemicranischen und dyspeptischen Kopfweh der Fall ist. Demnachst
st die Succession der Erscheinungen von Belang, und das allmahlige
/erschwinden des Hirnschmerzes, je mehr die Lahmung und die
tchwache der Intelligenz zunehmen. Endlich kommen die Intervalle
n Betracht, in welche sich fast slets Spuren der Krankheit hinein-
iclien, (psychische und physische, Reitzbarkeit oder Indolenz, Un-
ilahigkeit zu Anstrengungen, Yerstopfung, trage Reaction gegen ab-
Kombcrg.’s Nervenkrankh. I. ^2
178
IIIRNSCHMERZ.
fuhrende Mittel,) und deren Dauer jeden Augenblick, zufallig oder
geflissentlich, durch Einfliisse auf das Gehirn abgekiirzt werden kann.
Auch andre Umstiinde konnen noch fur die Diagnose benutzt wer-
den. Dahin gehort die vorangegangne Ursache, z. B. cine aussre
Verletzung, und das Lebensalter des Erkrankten. So erweckt der
Hirnschmerz im kindlichen Alter, wo andre Arten von Kopfschmerz
nur selten vorkommen, die Vermuthung von Tuberkeln im Gehirne.
Die Coexistenz von Tuberkeln in andern Organen, in den Lungen,
im Mesenterium, und das Vorangehen oder Begleiten von Catarrhen
mid Blennorrhoen der Ohren, der Nase, wird der Vermuthung einen
grossern Halt geben.
Mit der Annahme einer organischen Hirnkrankheit wird gewohn-
lich der Stab fiber den Kranken gebrochen, und die technische
Behandlung des Ilirnschmerzes hat sich keines Fortgangs zu er-
freuen. Und in der That kommt man mit dem Rezepten-Schlendrian
hier nicht weiter, dagegen die Beachtung zweier Momente forder-
lich sein kann.
1) Man unternehme nie eine Kur, ohne zuvor eine genaue Unter-
suchung des Kopfes angestellt zu haben. Es ist kaum begreiflich,
dass, wahrend bei Rlagen liber Brust- oder Unterleibsschmerzen so-
fort eine Exploration an Ort und Stelle vorgenommen wird, dem
Kopfe allein eine Schonung von Seiten der Praktiker zu Theil wird
— und Kopfverletzungen gehoren doch nicht zu den Seltenhei-
ten. Selbst der Kranke erinnert sich zuweilen erst bei einer solchen
Untersuchung eines unlangst stattgefundnen Sturzes, Stosses etc. Fin-
det sich eine Narbe, eine Verdickung in den Hautdecken, eine Ver-
tiefung im Knochen, so iiberzeuge man sich, nacli Wegnahme der
Haare, von ihrcm IJmfange, und saume nicht mit energischen Mit-
teln, unter denen ein bis auf den Knochen dringender Kreulzschnitt
und die Application einer grossen Fontanelle alien andern vorzuzie-
hen sind. Von dem Erfolge dieses Verfahrens habe ich ein zu auf-
fallendes Beispiel beobachtet, um es hier unerwahnt zu lassen.
Im Jahre 1827 wurde ich zu einem 24jahrigen Madchen gernfen,
IIIRJNSSCHMERZ.
179
welches ich in einem bctrachtlichen Grade von Abmagerung, stimm-
los, amblyopisch auf beiden Augen antraf. Von den Verwandten er-
fuhr ich, dass ein seit mehreren Jahren andauernder, vom Hinter-
haupte nach der Stirn verbreiteter Schmerz die hochste Intensitat
erreicht hatte, und jede Veriinderung der Lage, aus der horizontalen
in die verlicale, von Schwindel und Ohnmachtgefuhl begleitet wurde.
Abnahme und Verlust des Gedachtnisses und der Schkraft, Meno-
stasie, Blodsinn und lahmungsartigc Schwiiche der untern Extremi-
taten hatten sich hinzugesellt, zuletzt Oedem der Beine, so dass die
bisherigen Aerzte der Kranken den tddtlichen Ausgang fur unver-
meidlich und nahe hielten. Die iitiologische Priifung gab keine Auf-
klarung fiber den Ursprung einer so entschiedenen und vorgeschritt-
nen Krankheit des Gehirns; durch die Exploration des Kopfes ward
sie mir zu Theil. In der rechten Ilalfte des Ilinterhauptes entdeckle
ich eine Ivnochennarbe mit bedeutender Yertiefung, von der Grosse ei-
nes halben Zolles. Jetzt erst erinnerten sich die Geschwister eines
vor sechs Jahren geschehnen Falles von einer Treppe, und dass spii-
terhin eine von einem jungeren Bruder aus Muthwillen geschleuderte
Kleiderburste ebenfalls den Hinterkopf getroffen hatte. Von meinem
verehrtcn Freunde Dieffenbach, der sich von der Verletzung
iiberzeugte und mit mir in Bctreff der Behandlung iibereinstimmte,
wurde ein betrachtlicher Kreutzschnitt in die Ilautdecken gemacht,
welchen wir zur Erdffnung einer Fontanelle von 1 2 Erbsen benutz-
ten. Die ein Viertel Jahr unterhaltne Eiterung hatte den glucklich-
sten Erfolg. Das Allgemeinbefmden besserte sich, das Oedem ver-
schwatid, der Ilirnschmerz liess nach, das Sehvermogen kehrte zu-
riick, die Menses stellten sich ein, und die Fusse erlangten allmahlig
ihre Kraft wieder. Das Gedachlniss hatte aber dcrgestalt gelitten,
dass die Kranke von neuem Unterricht im Lesen und in weiblichen
Handarbeiten nehmen musste. Nach einem halben Jahre war die
1 Genesung so vollkommen, dass sogar die Bewegungen des Tanzes
wieder behaglich waren.
Auch ohne vorangegangne Verletzung verheisst ein solches Yer-
12*
ISO
HIRNSCHMERZ.
fahreu Linderung und selbst Hulfe, wofern es nicht zu spat in Ge-
brnuch gezogen wird.
2) Der zuvor erwahnte Hinzulritt eines entzundlichen Yorgangs
in der Nahe der organischen Hirnkrankheit, wodurch nicht bloss der
Schrnerz gesteigert wird, sondern auch schnellere Gefahr erwachst,
macht die Anwendung der antipblogistischen Methode, in zeitgema-
sser Wiederholung, erforderlich, um so mehr, da auch die stiirkeren
Anfalle des Hirnschmerzes von Aufregung des Gefasssystems beglei-
tet werden. Allgemeine und ortliche Blutentleerungen durch Schropf-
kopfe und Blutegel, kalte Fomentationen, Ableitung auf den Darm-
kanal beschwichtigen den drohenden Sturm, der oft als primare Me-
ningitis, zumal bei Kindern, gedeutet wird, und tragen auch zur
langeren Erbaltung des Kranken bei.
Zu hiiten hat man sich jedenfalls vor unniitzem und angreifendem
Yerfahren, namentlich erschiitternden Sturz- und Dampfbadern, vor
Schmier- und Hungerkuren.
181
Neuralgia eereliralig.
Hemicrania, daraus corrumpirt Migraine.
Olme oder mit Vorboten, unter denen Frosteln, Gahnen, Heiss-
liunger, Anorexie, gereitzte Stimmung die haufigsten sind, befallt der
Sehmerz die liable des Kopfes, die linke haufiger als die rechte, ge-
wbhnlich stellenweise, besonders die Supraorbital- oder Tcmporal-
Gegend, hierauf sicli bescbriinkend oder weiter aufwarts nach dem
behaarten Theile des Schadels ausdebncnd, anfangs gelinde, dann
langsamer oder scbneller steigend, mit dem Gefuhle des Druckes und
der Spaimung. Die motorischen und geistigen Energieen des Gebirns
vermehren den Sehmerz: Rube und Einsamkeit sucht jeder Kranke
auf. Mitempfindungen in den Bahnen des Quintus und der Sinnes-
nerven fehlen selten. Das Auge ist schmerzhaft, tlirant, und erscheint
kleiner. Licht und Gerausch schmerzen. Flimmern und Ohrensausen
gesellen sich hinzu. Die Haare sind gegen aussre Beriibrung selir
empfiudlich. Auf der Hohe, meistens gegen Elide des Anfalls, stellt
sicli bei vielen Uebelkeit und Erbrecben ein, welches eine Menge
scbleimiger und bilioser StofTe mit Erleichterung entleert. Gewohn-
licli schliesst der Anfall mit einem festen, erquickenden Schlafe.
Die Dauer der An fade belauft sich fast immer auf mebrere Stun-
den, nicht selten langer, auf einen ganzen Tag^und driiber. Die In-
lervalle, von einer drei bis vierwochentlichen Dauer, zeichnen sich
meistens durch ein ungestortes Wohlbefmden aus. Beim weiblichen
Gescblecbte pllegt die Kemicranie die Menstrualperiode zu lialten und
sich vor oder wahrend, selten nach den Catamenien einzufmden.
Der Verlauf der Krankheit ist chronisch, auf mehrere Jahre, selbst
ein halbes Lebensalter ausgedehnt, oline eine wesentliche Yerande-
rung der Symptome herbeizufuhren.
Es disponiren erbliche Anlage, weibliches Geschlecht, jugendli-
ches Alter. Ich babe Fade beobachtet, wo 7 — Sjiihrige Madchen,
deren Mutter an dieser Neuralgic litlen, davon heimgesucht wurden.
182
HEMICRANIE.
Tissot (Abhandl. uber die Nerven und deren Krankheiten, ubers.
von Ackermann. 3. B. S. 514) behauptet sogar, dass wer nicht
im 25. Jahre von der Hemicranie befallen ist, davon verschont bleibt.
Storungen der Digestionsorgane sind, nach Tissot’s Yorgang, als
disponirende Momente uberschatzt worden, dagegen sie als gelegent-
liclie Anliisse, nebst Gemiithsaffecten, am fruchtbarsten sind.
Wenn auch heutigen Tages nicht so leicht Yerwechslung dieser
Krankheit mit der Prosopalgie statt finden durfte, wie es bei altern
Autoren, z. B. Wepfer und Tissot, der Fall war, so wird die
Unterscheidung von andern Schmerzen des Gehirnes ofters vernach-
lassigt. Indem ich mich auf die vorhergehende Schilderung des Schmer-
zes als Begleitcrs organischer Hirnkrankheiten beziehe, hebe ich hier
nur hervor, dass die bestimmte Gruppe von Symptomen, welche sich
bei dem einzelnen Individuum auf gleiche Weise in den Anfallen
wiederholt, der Wechsel freier und schmerzhafter Perioden, der Man-
gel der Succession neuer Erscheinnngen in andern Nervengebieten
trotz der langen Dauer der Krankheit, diejenigen Criterien sind, wo-
rauf die Diagnose der Neuralgia cerebral is beruht.
In dem hoheren Alter lasst meistens die Hemicranie nach oder
hort ganz auf, beim weiblichen Geschlecht oft mit der Decrepiditat.
Fieberhafte Krankheiten und der Ausbruch von Gicht und von im-
petiginosen Affectionen haben auch zuweilen diesen Einfluss.
In der Behandlung, sowohl palliativen als radicalen, kann man
nicht genug vor dem Missbrauche der Medicamente auf der Hut sein.
Wahrend des Anfalls erleichtern horizontale Lage mit erhohtem
Kopfe, Dunkelheit, Ruhe, Unterstiitzung des Erbrechens mit lauwar-
mem Thee. Beforderung des Stuhlgangs gegen Ende des Anfalls
durch ein einfaches Clysma, Aeussre, auf den Ivopf applicirte Mittel
sind unnutz: den meisten bekommt Druck durch Binden, andern die
Entblossung, wenigen nur Warme oder Kalte. Oerlliche Blutentlee-
rungen miissen vermieden werden.
Die radicale Kur ber'ucksichtige den Zustand der Digestion. o
bereits pathische Absonderungen der Leber und Darmdrusen obwalten,
HEMICRANlE.
183
was beim mannlichen Geschlechte haufiger der Fall ist als beim
weiblichen, eignet sich das natiirliche und kimstliche Marienbader,
Kissinger, selbst Carlsbader Wasser, und der Gebraueh der Gummata
resolv. mit Kalien. Bei atonischer Dyspepsie sind die Amara an ihrer
Stelle, unter denen die Hi), irifol. fibr. an Tissot einen grossen Lob-
redner gefunden hat. Stellt sich der neuralgische Charakter rein her-
aus, so meide man ein stiirmisches Verfahren, und sei des chronischen
Verlaufes der Krankheit und ihres Nachlasses durch vorschreitendes
iLebensalter eingedenk. Ein fortgesetzter Gebraueh der ras. lign.
Quciss., des Bitterklees in Verbindung mit rad. Valeria n., als Thee-
aufgusses, der Spaaer und Pyrmonter Quelle in massiger Dosis, 1 bis
2 Weinglaser des Morgens, auch im Winter, nuchtern getrunken,
die China, zumal das Chinin. sulph. bei statiger Periodicitat, der Versuch
mit einem Sool- und Seebade — dies sind im Allgemeinen diejeni—
.gen Mittel, von denen man sich die meiste und unschadiiche Wirksam-
keit versprechen kann. Ableitungen, besonders schmerzhafte und mit
"Safteverlust verbundne, durch Exutoria, sind zu vermeiden. Diegrosste
Aufmerksamkeit verdient die Regulirung der Diiit in ihrem vollen
1 Umfange, allein hieran scheitern gewohnlich die Aerzte, dagegen ku-
rirende Dilettanten sich einer beharrlicheren Folgsamkeit zu ruhmen
haben.
fXr
IlygtevnesllieMia psychicm.
Hypochondria.
Die durch Fixiren dcs Geistes auf Empfindungen bedingte Erre-
gung und Unterhaltung abnormer Sensationen ist es, was ich unter
dem Worte: psychische Hyper as the si e oder unter dem ge-
brauchlicheren Namen II y p o c h o n d r i e begreife.
Zum bcssern Verstandniss dieser Exposition sei daran erinnert,
dass im gesunden Zustande die Thatigkeit der Empfindungsnerven
perennirt, nicht erst durch Reitze hervorgerufen, sondern nur ver-
starkt oder modificirt wird. (S. Henle fiber das Gedachtniss in den
Sinnen. Wochenschr. fur die ges. Ileilkunde 1838, S. 283.! Ein
grosses Material von Sensationen ist zu jeder Zeit vorhanden, aus
welchem der Wille eine Auswahl fur die geistige Auffassung und
Anschauung treffen, und denen, sogar dem Detail einer Emptindung,
die Aufmerksamkeit Scharfe und Nacbhaltigkeit geben kann.
Die Reitze, welebe die sensibeln Energieen bestimmen, sind objec-
tiv-subjective oder lediglich subjective. Unter den letzteren kommt
dem Reitze der Vorstellungen ein grossrer Wirkungskreis zu, als
man ihm einzuraumen pflegt. An den Wirkungen der lusternen
Vorstellungen zvveifelt zwar niemand; allein, dass aucli des Schmer-
zes Yorstellung Schmerz zur Folge haben kann, fmdet Anstoss, ob-
gleich die nicht auffallenden Folgen der Yorstellung dcs Ekels, des
Schauders, des Kitzels, des Juckens nichts andres als abnorme Sen-
sationen sind.
Diese Verleiblichung des Ideellen durch Sensation hat nichts vor-
aus vor der Verleiblichung des Ideellen durch Rewegung — nur
wird sie nicht ge'ubt, als hbchsteris um die Wirbel eines sinnlichen
Genusses holier zu schrauben. Dass sie aber, wenn sie ge'ubt wird,
sich eben so priignant zeigt, wie die Manifestation der Yorstellung
durch Rewegung, davon giebt der Zustand Zeugniss, dessen Schilde-
HYPOCHOINDRIE.
185
rung jetzt folgt *). Die Hypochondristen sind, wenn anders dieser
Ausdruck gestattet ist, Virtuosen auf den sensibeln Nerven.
Zweifel und Sorgen um den eignen Gesundheitszustand drangen
sich auf, fixiren sich in der Yorstellung des Leidens eines besondern
Organs, gewohnlich zuerst des Magens und Darmkanals, sammt der
Yerdauung. Zunge und Stuhlgang werden beschauet. Druck, Span-
nung, Breunen, Yollsein in der Herzgrube sind die haufigsten Kla-
gen. Hier soli der Sitz der Krankheit sein, hier melden sich auch
die Empfindungen, deren Starke mit Wiederholung der Inten-
tion steigt. Ueber den Grund des Leidens wird fortan gegrubelt, da-
her der charakteristische Hang zum Lesen medicinischer Bucher,
zum Berathen mit Gevattern und arztlichem Personal. So spiegelt
sich in der Hypochondrie der rohe Yolksglauben ab und das medi-
cinische System der Zeit, so wie in der Manie die socialen und poli—
tischen Zustande. Jeder Hypochondrist ist zuerst ein Pneumatiker.
Ructus und Flatus sind so uberzeugende Argumente, und die Pneu-
matose des Magens und Darms nimmt im Verhaltniss der Intention
zu. In Frankreich supponirt der gebildete Hypochondrist heut zu
Tage Gastritis, wie in Deutschland vor vierzig Jahren schwarzgallige
Versessenheiten, deren Conterfei in Kempf’s Buche emsig betrach-
tet und verglichen wurde. Allein nicht bloss die Hypochondrien,
auch die Brustorgane werden von der Intention heimgesucht.
Die Sensation der Angst und Beklemmung gehort zu den haufigsten,
welche der Hypochondrist spontan hervorruft und steigert. Zugleich
nimmt auch die motorische Action Theil. Das Ilerz klopft, pocht in
unregelmassigem Rhythmus. Der Argwohn einer Herzkrankheit fasst
festcn Puss, bis ein zufalliger Catarrh die Aufmerksamkeit auf die
*) Der Einfluss des AYillens und der Intention auf Production und Fixirung von
Empfindungen ist fur die Thcrapie noch nicht gchorig benutzt worden. Einige
Andcutungcn finden sich in Dr. Lebenheim’s Aufsatze: „iiber die psychische
Behandlung somatischcr Krankhcitcn“ in Wochenschr. far die ges. Ileilk. 1838.
S. 489.
186
HVPOCHONDRIE.
Lungen lenkt. Dann keine Angst, keine Palpitation mehr — das
drohende Gespenst der Phthisis absorbirt alles Andre, und in dem-
selbcn Yerhiiltniss klagt der Kranke iiber Schmerzen in der Brust,
das Bedurfniss des Hustens meldet sich ofter und starker, und an den
wohlverwahrten Sputis haftet das Auge. Jedoch nichtbloss im Bauche
und in der Brust, aucli in des Kopfes sensibler Sphiire ruft die Vor-
stellung und Intention Phanoraene hervor: Hyperasthesieen der Sin-
nesnerven, Schmerzen an der Schadel- und Gesichtsflache, Druck
und Spannung, Schwindel, Benommenheit — die Besorgniss drohen-
den Schlagflusses befestigt sich schon, — da hort der Hypochondrist
von Cholera, frei fi'ihlt er sich im Kopfe, allein im Bauche nahen
schon die Vorboten der mordrischen Seuche.
Jetzt priife man den Kranken genauer. Sehr oft bietet sich ein
gesundes, frisches Aussehen dar, ein weicher Bauch, der nur bei der
Percussion einen ausgebreiteteren tympanitischen Schall ertdnen lasst,
normale Herz- und Lungengerausche, Erleichterung der Beschwer-
den bei Bewegung, Zunahme in der vorgezognen triigen Ruhe. Der
Appetit ist veranderlich, je nach der Intention. Die Ernahrung geht
ungestbrt von statten. Fiir sich gewinnt man Beruhigung, doch der
Kranke findet sie nicht. Wie in einem Zauberkreis seiner Sensatio-
nen ist er gebannt, und verbarricadirt sich mit diatetischen und Arz-
neisubstanzen. Der eine fastet, der andre trinkt kaltes Wasser fiir
und fiir, ein dritter verbraucht ganze Kisten voll der Lebensessenz. —
Richten wir endlich unsern Blick auf die geistige und gemuthliche
Richtung des Kranken. Trotz der bestandigen Gedanken von Le-
bensgefahr und Pein, kein taedium vilae — je mehr Aerzte, desto
besser: er mochte damit wie mit Fomentationen wechseln. Keine
Yeriinderung seines moralischen Charakters — keine Bosartigkeit —
fiir Weib und Kind dieselbe Liebe, wiewohl ihre gelegentlichen
Krankheiten gegen die seinige ihm als Bagatelle erscheinen — er
sorgt fiir den Unterhalt seiner Familie, setzt seine gewohnten Be-
schaftigungen fort, obgleich uberall der Einschlagsfaden seiner Sen-
sationen sich hineinzieht.
I1YP0CH0NDRIE.
187
Ein solcher Zustand bleibt entweder fur sich bestehen, oder geht
iii einen andern uber, dessen Auffassung von grosser Wichtigkeit
ist. Es stellen sich Structurveranderungen in jenen Organen ein, die
bisher die Scene der niannichfaltigen, durch die Intention bestimmten
und gesleigerten Empfindungen waren. Damit beginnt ein neuer
Cyclus der Krankheit. Am haufigsten werden die Digestionsorgane
der Sitz : Leber, Magen, Milz, Darmkanal. Intumescenzen, Verhar-
tungen lassen sich durch Betastung und Percussion erkennen. Im
Herzen bilden sich Hypertrophieen, Erweiterungen, in den Lungen
Tuberkel. Seltner werden Sinnesorgane und Gehirn beeintrachtigt.
Die reactionellen Symptome entsprechen. Die Gesichtsfarbe veran-
dert sich, die Ernahrung leidet, Zehrfieber entwickelt sich — und
mitten durch diese Yerwustungen zieht sich das hypochondrische
Element, die Steigerung der vorhandnen Empfindungen und die Er-
regung neuer durch die Intention der Vorstellungen. Jener Mensch
mit gelblichem Teint, mit Geschwulst des rechten Hypochondrium,
mit liistigen, druckenden Empfindungen, fiihlt nach dem Anblicke
eines Amaurotischen abnorme Erscheinungen im Auge, und furchtet
blind zu werden.
Der Hinzutritt malerieller Veranderungen in den Theilen, deren
sensible Nerven zuvor in dieser Krankheit vorzugsweise in Anspruch
genommen waren, ist ein Gegenstand von physiologischer Bedeutung,
und schliesst sich ahnlichen Phanomenen an, die im hygienen Zu-
stande vorkommen. Es ist bekannt, dass Liisternheit reichlicheren
Erguss des Speichels bewirkt, Ruhrung Thriinenerguss, woll'ustige
Gier Erection und Saamenerguss, dass die Vorstellung unsittlicher
Dinge die Schaamrothe hervorruft, und es war mir interessant, von
Dieffenbach zu horen, dass, als er unlangst bei einer Dame eine
kleine Geschwulst an den Pudendis untersuchte, in demselben Au-
genblicke die Labia und der Introitus vaginae mit cinem Male sich
rbtheten, wie die Wangen, so dass der Name Schaamrothe eine
wahre Bedeutung hat. Denkt man sich analoge Einwirkungen per-
manent und verbunden mit dem ohnehin die Ernahrung so sehr
188
IIYPOCHOINDRIE.
alterirenden Einflusse der Gemiithsverstimmung, so diirfte der Hinzu-
tritt der Trophoneurose zur Hyperasthesie nichts Befremdendes ha-
ben, uni so weniger da mil den Affectionen sensibler Nerven so oft
Stoning vegetativer Processe beobachtet wird.
Ursachen. — Wo keine Intention derYorstellungen\valtet,kann
die Hypochondrie nicht keimen. Das kindliche Alter muss a priori
frei davon sein und so ist es auch. Eine gewisse intellectuelle Reife,
die Mdglichkeit des Sichselbstbestimmens ist crforderlich, dalier in
die Zeit vom Junglings- bis zum Greisesaltcr die Breite der Disposi-
tion fallt. Aus demselben Grunde ist das weibliche Geschlecht zur
Hypochondrie nicht geneigt: denn wie sehr auch das Weib fur die
Oberflache der Empfindungen Rezeptivitat hat, so wenig vermag es
sie festwillig zu determiniren. Der climatische Einfluss steht noch
nicht best, dock scheint es, dass temperirtes Clima, feuchte und kiihle
Lander, z. B. der Nordwesten Europa’s, die Entsteliung der Krank-
heit mehr begunstigen als der Siiden. Die miissige, ruhige, sitzende
Lebensweise disponirt, am starksten als Contrast, wenn sie auf eine
zuvor bewegte folgt. Der Stand der Gelehrten und der Seeleute ist
giinstig, besonders der stationirten. Erregende Anlasse sind : gefalir-
liche Seuchen. Wir sahen zur Zeit der asiatischen Cholera die Kv-
%)
pochondrie fast epidemisch herrschen. Yergiftungen oder geargwohnte
Moglichkeit derselben: als die begunstigendsten sind die syphilitische,
die mercurielle, und besonders der Biss eines Thieres zu betrachtcn.
Chomel erzalilt von einem Lyoner Arzte, der im Jahre 181? an
der Section mehrerer Hydrophobischer Theil genommen hatte, und
die Yorstellung fasste, die Wuth sich dabei inoculirt zu haben. Er
verlor Appetit und Schlaf: sobald er trinken wollte, wurde er von
Suffocation und Schlundkrampf befallen: drei Tage irrle er verzwei-
felnd in den Strassen umher: endlich gelang es seinen Freunden ihn
vom psychischen Grunde seiner Krankheit zu uberzeugen. (Dubois
fiber das Wesen und die grundlichc lleilung der Hypochondrie und
Hysterie. Ilerausgegeben und mit einer Einleitung versehen von
Idler. Berlin 1840. S. 175.) Das Lescn medicinischer Bucher, wel-
HYPOCHONDRIE.
189
ches durch die iiberhand nchmende populare Litteratur unsersFaches,
durch das homoopathische, hydropathische und wie all das pathische
Zeug noch heissen mag, so sehr begiinstigt wird, ist haufiger Anlass.
Auch das medicinische Studium ist geeignet beiDisponirten dieKrank-
heit zum Ausbruch zu bringen, und die Ilypochondrie der Studenten
ist vorzugsweise ein Spiegel fiir die Richtung in unsrer Wissenschaft.
Wie vor ein Paar Dezennien Herzkrankheiten, so sind jetzt Nerven-
affectionen das Thema, auf welches man sicb einiibt. Eine gegensei-
tige Mittheilung der Hypocbondrie ist nicht zu leugnen. Mit einem
: Hypochondristen zusammen zu leben macbt nicht bloss Langeweile,
bringt auch Gefahr. Der Gesunde scharft die Intention auf sich selbst,
und es liegt, wie Dubois mit Recht erinnert (/. c. S. 1 10), im Hy-
pochondristen der Hang Yergleiche zwischen seinen und AndrerSen-
sationen anzustellen, nicht um Motive der Beruhigung fur sich daraus
zu entnehmen, nein, um in dem andern ahnliche Sorge und Un-
ruhe zu wecken. Endlich gehoren zu den gelegentlichen Anlassen
FErschopfung durch Safteverlust, zumal spermatischen : Diatfehler,
ungehoriger Gebrauch yon Arzneimitteln, unentwickelte Arthritis,
i Hamorrhois.
Nosologisches und D iagnostisches. — Ein grosser Irrthum
zieht sich durch die gewohnliche Auffassung dieser Krankheit, Missdeu-
l tung des trophischen Yerhaltnisses zum psychischen. Man unterschied
und unterscheidet noch eine Hypochondria cum materia von einer Hy-
pochondria sine materia. Die erstere soil von somatischen Veranderun-
.gen, zumal der Digestionsorgane und des Blutumlaufs im Unterleibe,
abhangig sein, die andre als psychischer Zustand rein fur sich beste-
hen. Es gehort kein grosser Scharfsinn dazu den Missgriff zu erkennen :
man hat die Geschichte der Krankheit zerrissen und ihre successiven
Perioden als verschiedne Zustiinde betrachtet. Die Hineinbildung des
Geistes in eine der Norm des Individuums nicht entsprechende Leib-
lichkeit ist der Grundzug der Ilypochondrie. Schon von Beginn an
begleitet ein vegetativer Process den sensibeln: zum Beweise dienen
die mannigfalt.igen Absonderungen im Magen, welche Pneumatosis,
190
HVPOCIIONDRIE.
Pyrosis zur Folge haben, und gleichzeitig mit den Empfindungen des
Druckes, des Yollseins etc. sich melden. Allein uber die letzteren wer-
den die ersteren ubersehen, und die Annahme einer Hypochondria
sine materia ist fertig. Wcnn aber die organischen Ycranderungen
im weiteren Yerlaufe und bei Steigerung der Krankheit in den Yor-
dergrund treten, wenn sie sicht- und tastbar werden, dann nenrit man
es Hypochondria cum materia. Icb bin weit entfernt Sldrungen in
den Digestionsorganen als eotfernte Momente fur die Entstehung der
Hypochondrie zu leugnen, obgleich sie oft genug nur supponirt wer-
den, allein jene Storungen sind nicht die Hypocbondrie, mogen sie
auch noch so sehr von unangenebmen Empfindungen und Irauriger
Gemuthsstimmung begleitet werden. Hypochondrie ist nur da vor-
handen, wo die geistige Intention neue Sensationen schafft, welche
wiederum trophische Alienationen herbeifiihren. Man hat sich aber
nicht bloss mit der Annahme einer materiellen Hypocbondrie begnugt:
man ist weiter gegangen, hat dieMaterie rubricirt, hat der Atra Bibs,
den Infarctus eine Rolle angewiesen — davon schweige ich: diese
Termen sind zu unfruchtbar.
Auch diagnostische Irrthiimer werden oft begangen, durch Yer-
wechslung der psychischen Ilyperasthesie mit Melancholie und Hysterie.
Der wesentliche Charakter der ersteren, wie des Irreseins uberhaupt,
ist Entfremdung des Selbstgefiibls und Selbstbewusstseins an Empfin-
dungen und Vorstellungen, in der Melancholie verbunden mit negi-
rendem Affect. In der Hypochondrie dagegen ist das Selbstgefuhl
potenzirt, keinesweges entiiiissert an irgend einer Empfmdung oder
Yorstellung, wodurch diese, als reale Objectivitat fixirt, mit der an
sich seienden, wabrhaftcn Objectivitat in Gegensatz tritt. In alien
Yerhiiltnissen spricht sich der Unterschied deutlich aus, auch im Yer-
haltnisse zum Arzte. Dem Hypochondristen ist der Arzt, mag er auch
noch so oft damit wechseln, sein Heifer und Retter: dem Melancho-
lischen dagegen ein unbefahigtes oder feindliches Wesen, von dem er
sich stets abzuwenden bemiihet.
Die Hysterie, welche Einzelne sich haben verleiten lassen fiir
hypochondrie.
191
gleichbedeutend beim weiblichen Geschlechte mit der Hypochondrie
beim mannlichen zu balten, bietet so verschiedne Ziige dar, dass ich
sie als Contrast der Hypocbondrie bezeichnen mocbte. Ihr wesentli-
eher Charakter ist: Uebergewicht der von einem bestimmten organi-
scben Heerde angeregten Reflexbewegungen und Mitempfindungen
iiber die von Yorstellungen abhangigen Bewegungen und Ernpfin-
dungen. Willenlosigkeit ist ihr psychisches Geprage: die geistige
Intention wird iiberwaltigt, und steht gefangen unter der physischen
Reflexherrschaft. In der Hypocbondrie ist der Geist productiv, schafft
kdrperlicheEmpfindungen und Veriinderungen: es haftet die Intention
gern an dem GeschafTnen, fixirt sich auf eine bestimmte Gruppe von
Centralenden sensibler Fasern, wahrend in der Hysterie Mitempfin-
dungen, die in verschiednen Nervenbahnen abwechseln, zu den cha-
rakteristischen Symptoraen gehoren.
Yerlauf undAusgang. — Die Hypochondrie nimmt einen tra—
gen, chronischen Yerlauf, mit Ausnahme der zur Zeit verderblicher
Seuchen herrschenden und der durch Biss von Thieren veranlassten.
Die Prognose richtet sich je nach dem Stadium der Krankheit.
So lauge keine bestebenden Structurveriinderungen vorhanden sind,
ist das Leben zwar nicht gefahrdet, allein die Heilung sebr schwierig.
Wo jene bereits eingetreten sind, entscheidet deren Sitz und Grad
iiber Nahe und Feme des todtlichen Ausgangs. Zuweilen beschliesst
eine Nervosa lenta oder Tabes nervosa das Leben der Hypochon-
dristen. Uebergange in andre Krankheiten kommen vor, seltner in
cerebrale, Irresein, apoplectische, paralytische Zustande, Amaurosis;
biiufiger in Krankheiten des circulatorischen Apparats, in Vomitus
cruentus, Hamorrhois, Melana, und derSchleiin absondernden Organe,
auch in Arthritis, wodurch die Hypochondrie verdriingt wird oder
| selbst gehoben werden kann.
Die Behandlung der Hypochondrie gehort zu den schwierigsten
Aufgaben: der Entwurf wird leicht gemacht, schwer durchgefiihrt,
scheitert an des Arztes Ungeduld bfter als an mangelnder Ausdauer
des Kranken.
102
HYPOCHONDRIA.
Vor allem entfremde man sich niclit das Zutrauen durch der Laien
sinn- und trosllosen Zuruf: eingebildete Leiden ! Die Sensationen des
Kranken sind zwar eingebildet, allein vom Gciste in die Leiblichkeit.
Im Empfmden maclit es keinenUnterschied, ob die Reitzung am pe-
ripherischen oder centralen Ende der Nervenfaser stattfindet, ob sie
durch die Intention oder durch einen mechanischen, chemischen, or-
ganischen Anlass bewirkt wird. Der Arzt zeige sich stets dem Kran-
ken als Kenner seiner Sensationen, eben so frei von hohnischem Ta-
deln als von niedrer Schmeichelei und von bemitleidendem Wortkram.
Auch die Umgebungen des Kranken miissen instruirt Averden: sie
tragen oft eine grosse Schuld am Mislingen der Kur. Ungehorige,
ubertriebne Besorgniss schadet eben so sehr als kaltes, liebloses
Vernunfteln.
Eine andre Warnung ist nicht minder zu beachten : man hi'ite sich
als sturmischer Reformator aufzutreten. Der Kranke hat sich nicht
bloss in seine Empfindungen, auch in alle Handlungen bat er sich
hineingearbeitet, welche auf sein Wohl und Well Bezug haben. De-
von sich mit einem Sclilag trennen zu sollen, vertragt sich nicht mit
seiner quaalvoll erworbnen Einsicht.
Zunachst kommt es in der Behandlung auf das Stadium der Krank-
heit an: ob sie als Hyperiisthesie oder zugleich auch als vorgeschrittne
Trophoneurose besteht?
Im ersteren Falle ist ein psychisches und somatisches Regimen die
Hauptsache. Die Aufgabe des psychischen Verfahrens ist Ableitung der
Intention von der sensibeln Sphere auf die intellectuelle und moto-
rische. Stand und Bildungsstufe des Kranken entscheiden die Wahl
und den Modus. Dem iippigen Miissiggiinger z. B. empfehle man eine
thatigeMitvvirkung bei der stadtischen Verwaltung, zumal des Armen-
wesens, dem Philosophen das Studium der Naturwissenschaften, der
Astronomie etc. Nur verlange man nicht das ganzliche Aufgeben einer
Laufbahn: das steht in den Buchern, liisst sich in der Wirklich-
keit nicht ausfuhrcn und wurde auch, wenn es geschelien konnte,
nicht immer von Nutzen sein: denn eine anhaltende Intention auf
HYPO CHOIS D RIE .
193
Vrorstellungen kdnnte Irresein zurFolge haben. — DieAbleitung der
ntention nacb der motorischen Sphare hin wird am besten durch
Einuben mechanischer Fertigkeiten gelingen. Erheiternd wirkt schon
ias Billardspiel, das Fechten, Turnen, das Erlernen musikaliscber In-
drumente etc. ; davon bleibe nun die Ausfi'ibrung im Einzelnen eines
eden Scharfsinne uberlassen. Allein wie zweckmassig diese auch aus-
allen mag, ohne gleicbzeitiges somatisches Regimen ist sie fruchtlos:
;rade bei der Hypochondrie, die ein Einbilden desGeistes in dieLeib-
ichkeit ist, darf das Leibliche nicht hintenangesetzt werden. Ab-
vechslung von Ruhe und Bewegung ist Erforderniss, und selbst
n der x\rt der Bewegung und Ruhe empfehle man Wechsel. So
ignen sicb Fussreisen mit Aufenthalt in schdnen Gebirgsgegenden,
teiten, Schwimmen, Fabren zu Wagen und zu Schiffe, Jagen u.
„gl. m. Eine geborige Eintheilung der Zeit fur Schlaf und Wachen
;t notbwendig. Der Schlaf darf nicht zu lang sein und in kiihler
^igerstatte. Die Diat sei einfach. 1m Allgemeinen widerrathe man
i en Genuss des Kaffee’s und Thee’s; statt des ersteren diene gero-
eter Roggen oder Cacaoschaale. Zum Getriink Wasser mit Wein
i der ein gut gegornes leichtes Bier. Gaserzeugende Speisen und Abend-
ssen mussen vermieden werden. Zur Erhaltung der Oeffnung ist der
iebrauch kalter Wasserclystire wirksam *). Eine besondre Beriicksich-
-gung verdient der Gescblechtstrieb. Hypochondristen neigen zu
Acessen darin : sie mussen schonend gewarnt werden. Doch giebt
> eine Art von Hypochondrie, wo ich den Geschlcchtsumgang zur
leilung empfehle; es ist diejenige, die auf der Vorstellung der Im-
*) \\ ie man mitunter der peinlichen Besorgniss der Hypochondristen in die-
•m Punkte aushclfen kann, zeigt folgende Anekdotc des geistreichen Marcus
erz. Derselbe hatte einem solchen Kranken zu leichterer Fdrderuhg des Stuhl-
Imgs statt des Cafiec Chocolade empfohlen, wobei dieser, nacb seiner Gewohnheit
n Glas kalten Wassers vor- und nachtrinkcnd, sicb rccht leidlich befand. Eines
orgens wird Ilerz gerufen. Der Kranke ist bestiirzt: er hat den Friihtrunk
;s kalten Wassers vcrgessen. Lassen Sie sich, cntgegnele Herz mit gczwung-
;m Ernst, ein Clystir von kaltcm Wasser setzen: dann kommt die Chocolade
)ch in die Mitte. Der Kranke ward beruhigt und konnte den Scharfsinn seines
rzles nicht genug loben.
Romberg's Ncrvciikrankh. I.
13
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M wfc ^jtr^Miir^pir XXHi^c «w telnw d k*^rr
IIYPOCIIONDRIE.
195
fiihlbar. Ain meisten cignen sicli das Solamen hypoch. Klein., die
Aloe, wo keine Complication mit Hamorrhois oder andcrn Blulungen
'Statlfindet, fur sicli und als Zusalz (Br Elect, knit. %j Elix. propriel.
Paracelsi3] M. Zu einem bis zwei Theel. voll dcs Abends oder in fol~
.gender von unserm verewiglem ITeim vorgezognen Formel: exlr. Aloes
c. acid, sulphur, corr. 3j Syr. balsam. 3j M. Einen Theel. voll.) Die
Coloquinlen als Extract zu V4 — y3 Gr. pr. Dos.
Zur Bcschwichtigung liistiger Sensationen vermeide man Hypno-
tica: Opium wird nur selir selten von llypochondrislen vertragen.
Bei starkcm Angslgefuhl und Ilerzklopfen sab ich von dcm Gebraucbe
der Tincl. digit, aelh. zu 0 — 8 Tropfen oft augenblicklicbe Wirkung,
bei Schwindel und Sinnes-Hyperastbesieen von Sauren, elix. ~{- Hall.,
elix. vilr. Myns. in Verbindung mit bittern Mitteln.
Die Radical cur slellt es sicli zur Aufgabe, mit Bezugnahmc auf
die Constitution des Individuums, auf die Yerhallnisse des Gcfasssy—
sterns, auf die vorangegangnc Ursache, auf die reitzbare oder torpide
"Scliwache, durcli Alteration oder Restauration die Leiblichkeit umzu-
'stimmen. Es giebt cine Classe von Ileilpotenzen, die alle zur Cur
iines Ilypocbondristen nothigen Erfordernisse — psychisches, diate-
1 tisches, llierapeulisches Wirken — in sicli vereinigen, die Mineral-
| quellen. Nur kommt es auf cine gcwissenhaft gelrofTne Wahl an.
AYo reitzbare Schwache obwaltet, passt Ems: wo torpide, Gastein,
vSool- und Seebiider. Wo erschopfende Einfiusse vorangegangen,
Franzensbad, Spaa, Pyrmont, Driburg: wo Storungen in der Tliatig-
ieit der Darmdrusen stattfinden, wo Arthritis im Hintergrunde lauert,
Carlsbad und Marienbad. Nach der gehorig geleiteten Brunnen- und
Badecur ist cine Reise zu empfeblen. Gestatten jedocli die Vcrbalt-
lisse eines solchen lieilplancs Ausfuhrung nicht, so gebcn die kunsl-
ichen Mineralwasser eiriigen Ersatz. Unler den Medicamcnten baben
lie sogenannten aullbsenden und auslecrendcn den grossten Ruf sich
erworben, docli hat man sicli wohl nicht immergenug uberzeugt, ob
lie Vs irkung nicht eher cine liloss erleichternde als nachhaltige und
heilende sei. Bei vollsaftigen, zu hepatischen Anomalieen Geneigten
13*
196 , HYPOCHONDRIE.
sind sie an ilirer Stelle: Tamarindcnmolken, Weintraubencur, die
frisch geprcssten Krautersafle mit Terr. fol. tart., Tart, tarlaris., selbst
die Kemp f’schen Visccralclystire, mit steter Riicksicht auf den Stand
der Digestion. Unter entgegengesetzten Umstiinden jedoch sind diese
Mittel, wenn sie auch zuweilen im Contraste zu andern erleichtern,
obne dauernden Nutzen. Hier sind die integrirenden Reitze erforder-
lich, unter denen ich das Eisen vorziehe. Nur vermeide man die
Ueberladung mit diesem Mittel, sonst steigert es die Leiden des Kran-
ken. Die angemessenste Form ist das Spaawasser, zu 1 — 2
Weinglasern, taglich nach dem Erwacben niichtern getrunken, und
Monate und Jalire lang fortgesetzt. Selten retardirt es in so miissiger
Dosis den Stuhlgang, und wo dies der Fall ist, komme man mit den
pilul. aper. Stahl, u. ahnl. zu Hiilfe. Die atherhaltigen Eisentinkturen
werden nur selten vertragen. Ausser dem Eisen ist der mit Conse-
quenz fortgesetzte Gebrauch eines bittern Stoffes, der Jib. Trifol. fibr.,
der ras. lign. Quass., im Theeaufguss, Yor- undNachmitt. eineTasse
voll, von Nutzen. Yon den Nervina, Valeriana etc. habe ich keinen
Erfolg gesehen : solche und ahnliche Dinge werden oft nur geduldet,
und man deutet es anders, dagegen ein einfaches machtiges Agens,
die Kalte, in Waschungen des Kopfes, Nackens, Rumpfes und mit-
telst des englischen Scbauerbads, noch zu wenig benutzt wird.
Es ereignet sich sebr oft, dass Hypochondristen zur Cur sich mel-
den, nachdem sie ganze Schulen durchgegangen sind, und eine far-
rago medicamimm verschluckt haben, deren Recepte sie zur Durch-
sicht in einem uberwiiltigenden Convolut uberreichen. In solchen
Fallen ist der Contrast am wirksamsten: man gonnt dem Kranken
Ruhe, und verordnet nur zum Schein Unbedeutendes, ein langst be-
kanntes Verfahren, dem man in neuerer Zeit die Schellenkappe der
Ilomoopathie aufgesetzt hat.
In der zweiten Periode der Hypochondrie ^ ird die diatetische Be-
handlung, in Uebereinstimmung mit dem Kraftestand des Kranken,
fortgesetzt : die ubrigen Indicationen ergeben sich aus dem Sitze und
der Art der organischen Veranderung.
Zvveite Abtheilung
der Seiisibilitat-Neurosen.
Anaestliesiae.
«
Abnahme oder Verlust der Energie des sensibeln Nerven, durch
verminderte oder aufgehobne Reitzbarkeit und Leitungsfahigkeit, ist
der Begriff der Anasthesie.
Hierdurch unterscheidet sie sich als Krankheit sowohl von der
Nichtubung und Unentwicklung der Sensibilitat als von der bloss ge-
hemmten Thatigkeitsausserung des Empfindungsnerven. Es diene der
Opticus zum Beispiel. Im schielenden Auge wird seine Energie nicht
geiibt, in der Cataracta und im Glaucom ist sie verkindert auf aussre
Reitze sich kundzugeben, in der Amaurose ist sie erloschen und weder
durch aussre noch inure Incitamente anzufachen. Diese verschiednen
Zustiinde sind uberhaupt noch nicht nach Gebuhr von einander ge-
sondert worden, obgleich schon in anthropologischer Beziehung die
in den Nervenapparaten prastahilirte Vollkommenheit als Gegenstand
von hohem Interesse erscheint, und in der Pathologie die Unlerschei-
dung unentwickelter und gehemmter Ncrvenenergieen von unerreg-
haren schr wichtig ist, worauf wir bei Exposition der Motilitiit- und
Bogoneurosen noch oftcr zuriickzukominen Gelcgenhcit haben werden.
193
anAstiiejsiken.
Von nicht geringerer Wichligkeit istdieKenntniss der Normen sen-
sibler Energieen, um iiber die Abnahme derselben ein sichres Urtheil
fallen zu kbnncn. Eine vortreffliche Anleitung hiezu bat E. II. W e-
ber, in Bezug auf das Tastgefuhl und die Warmeempfindung, ge-
geben. [De pulsu, resorplione, aridity, et laclu. Annolationes anato-
micae et physiologicae. Lipsiae 1834.) Diese Untersuchungen, die
den Aerzten als Muster derBeobachtung vorschweben konnen, haben
ergeben, dass die Deutlichkeit und Scharfe des Tastgef ulils, welche
nach der Empfindung der Distanz beider Schenkel eines auf die Haut
gesetzten Stangenzirkels bestimrat wurde, sehr verschieden auf der
Korperoberflache ist. So werden, um die Extreme anzufuhren, in der
Voiarflache des letzten Fingergliedes die beiden Schenkel des Zirkels
in der Entfernung von einer Linie, an der Zungenspitze selbst von
einer halben Linie, als zwei Empfind ungen wahrgenommen, dagegen
in der Mitte des Oberschenkels erst in der Distanz von 3 O'" (/. c. p.
58). Am Kopfe hat der behaarle Theil das stumpfeste Gefiihl, ob-
gleich noch ein feineres als der Hals. Im Gesichte ist die Scharfe des
Gefuhls um so geringer, je entfernter die Theile von dem Munde und
der Mittellinie Iiegen. Das Kinn und die Aussenflache derLippe zeich-
nen sich durch Feinheit des Gefuhls aus. Die Dorsalflache der Hand
und des Fusses sind bei weitem stumpfer als die Volar- und Plantar-
llache. So ist die Scharfe des Geschmackes, nacli den verschiednen
Gegenden derZunge, grosser oder geringer. (Vgl. die Schilderuug der
Ageustia.) — Auch fiir die Empfindung der Temperatur giebt es Ver-
schiedenheilen im gesunden Zustande. Eine der merkivurdigsten ist,
dass bei den meisten Menschen die linke Hand ein Gefiihl grossrer
War me oder Kiilte der Korper kundgiebt als die reclite. Selhst wenn
die Temperatur des Wassers, worm die rechte Hand sich befmdet,
um 1/.> oder 1 Grad libber ist, fuhlt die linke Hand das Wasser war-
mer. (Weber l. c. p. I 19.) Je grosser die Hautflacke ist, die mit
dem warmen Korper in Beruhrung kommt, um so melir Warme
% •
wird entzogen und um so heisser erscheint er, z. B. wenn man in
ein Gefass mit warmem Wasser die gauze Hand, in ein andres hloss
anAsthesiben.
199
eiuen Finger eintaucht. Ueberdiess kommt die verschiedne Mitthei-
lungsfahigkeit der Korper fur die physikaliscke Warrae in Betracht.
Dieselbe Temperatur wirkt starker auf die Haut, und wird viel war-
mer gefiihlt, wenn es Wasser, als wenn es Luft ist. Kaltes Wasser
erscheint auch kaller als Luft von derselben Temperatur, weil das
Wasser unserm Korper die Warme sclmeller entzieht. (Muller,
Handb. der Physiol. 2. Th. S. 498.) — Das Alter bedingt Ver-
schiedenheiten in der Scharfe des Hautgefuhls: icb sail oft Greise
beim Stechen der Gesichtsbaut keine oder sehr scbwache Zeichen
von Empfindung verratben. — Alle diese Umstande miissen, nebst
der Yergleichung bei symmetrischen Organen, beachtet werden, urn
die Anasthesie gehorig wurdigen zu konnen.
Je nach der specifischen Energie der sensibeln Nerven sind die
Symbole der Anasthesieen verschieden. Darauf berulit die Einthei-'
lung, die mit der S. 5 gegebnen der Hyperaslhesieen identisch ist.
Die Gesetze der isolirten Leitung und der excentrischen Erschei-
nung sind die Grundlage fur die diagnostiscbe Auffassung der An-
asthesieen. Das letztere erklart einPhanomen, das ohne seine Kennt-
niss nicht gedeutet werden kann, die Offenbarung von Energie in
dem Nerven, welcher der Leitung von Empfindungseindrucken ver-
luslig ist: fur die Ilautgefuhlsnerven hat man es Anaesthesia
dolorosa genannt. Die sensible Faser ist, wie bereits in der Ein-
leitung bemerkt worden, in der ganzen Lange ihres Lahfes, vom pe-
ripherischen bis zum Central-Ende bin, erregbar durcli den Reitz;
an welcher Stelle sie aber auch gereitzt werden mag, die Empfin-
dung als Act des Bewusstseins wird auf das peripherische Ende be-
zogen, wie es die Erscheinung in amputirten, nicht mehr vorhanclnen
1 Glicdcrn deutlich zeigt. Hat ein die Leitung hemmender Anlass,
z. B. cine Geschwulst, in der Mitte der sensibeln Faser ihren
Sitz, so wird die Faser jenseit der Geschwulst, nach dem centralen
Ende hin, fur den Eindruck empfanglich bleiben, dagegen diesseits
in der peripherischen Partie unerregbar sein, nach der bekannlen
Norm centripetaler Action in den sensibeln Nerven. \^relcher Reitz
\ t
200
ANASTEESIEEN.
auch jenseit der Geschwulst einwirkt, sei es dcr Reitz des Blutes,
des Entzi'mdungs-, des Erweichungs-Prozesses, immer wird der Sitz
der Empfindung in den peripherischen Endigurigen angegeben, ob-
gleich diese selbst von der Anasthesie befallen sind. In den Hautge-
fuhlsnerven hat diese Empfindung sehr liaufig den Charakter der
Formication.
Wie in den Hyperasthesieen, so ziehen auch in den Anasthesieen
die gegenseitigen Verhaltnisse der mit verschiedenen Energieen be-
gabten Nerven unsre Aufmerksamkeit auf sich, um so mehr, da sich
bei der Negation die meisten Erscheinungen in noch schiirferen Um-
rissen darbieten.
1) Die Synergie zwischen Geduhls- und Sinnes-Nerven
ist unverkennbar. In der Anasthesie des Zungenastes vom Quintus
ist der Geschmack der leidenden Zungenhalfte stumpfer. Bei Yersu-
chen an lebenden Thieren behauptet M a gen die nach Durchschnei-
dung des Quintus in der Schadelhohle, Abnahme und Yerlust der
optischen ujid akustisehen Energie beobachtet zu liaben. Zur Amau-
rose gesellt sich meistens Anasthesie der Ciliarnerven, so dass das
Auge fur den reitzenden Einfluss der Sonnenstrahlen unempfmdlich
wird, zur Taubheit Anasthesie des Gehorgangs.
2) Die Synergie zwischen sensibeln und motorischen
Nerven giebt sich deutlich kund. Wer das Bremsen derPferde an-
gesehen, wird sich wohl von diesem gegenseitigen Einflusse iiber-
zeugt halten: um Immobilitat des Thieres bei Operationen, Experi-
menten etc. zu bewirken, werden sensible Theile, Oberlippe, Nase,
Ohr etc. geknebelt, ' und sofort hdren die unruhigsten Bewegungen
auf. Insbcsondre sind es die Reflexb ewregungen, die bei unter-
brochner Leitungsfahigkeit sensibler Nerven einen Stillstand erleiden,
und die Anasthesieen geben den Unterschied zwischen Bewegungen,
die durch Refiexaction, und denen, die dureh psychischen Impuls er-
folgen, recht klar zu erkenncn. Ich habe cine Kranke mit Anasthesie
des Quintus der linken Seite vor Augen, bei welcher noch so rauhe
Beruhrung, selbst Stechen des Bulbus kein Blinzeln zur Folge hat,
anastiiesieen.
201
dagegen auf mein Verlangen die Augenlider kraftig geschlossen wer-
den. Auf mechanische und chemische Reitzung der linken Nasenhohle
erfolgt kein Niescn. Bei Anasthesie des Vagus findet kein Husten statt
u. s. f. Jedoch ubersehe man nicht, dass durch andre sensible Nerven
der Reitz fiir die Reflexaction zugeleitet werden kann. So schloss jene
Kranke die Augenlider beim Einfallen des Lichtes auf die Netzhaut.
3) DieSynergie zwischen sensibeln und trophischen
N'erven macht sich in Anasthesieen sehr haufig geltend. Abge-
sehen davon, dass durch Verlust des Schutzes, den das Hautgefiihl
fur die Oberflache gewahrt, die Gefasse, z. B. desAuges, schadlichen
EingrifFen anbaltend ausgesetzt sind, und dass bei fortgesetztem Drucke
Excoriationen und Gescbwiire entstehen, lasst sich auch eine unmit-
telbare Beziehung nachweisen, theils in der Verlangsamung und Sto-
rung des Blutumlaufes, theils in Exsudationen, serosen, albuminosen,
blutigen, theils endlich in mangelhafter Ernahrung, wovon die folgen-
den Schilderungen der einzelnen Arten der Anasthesie erklarende
Beispiele geben.
4) Das Verhaltniss der Centralorgane, welches im nor-
malen Zustande die beiden Modi der Empfindung bedingt, die be-
wusstwerdende, cerebrale, die durch das Gehirn, die unbe-
wusst bleibende, spinale, die durch das Riickenmark vermittelt
wird, stellt sich in der Anasthesie entschieden beraus. Es kommen
balle vor, wo die sensible Leitung nach dem Gehirne an irgend einer
Stelle unterbrochen ist, wahrend die nach dem Riickenmarke, unter-
balb derselben, fortdauert und sich durch Reflexbewegungen mani-
festirt. Paraplektiscbe zucken mit den untern Extremitaten, wenn
man mit der Hand uber die Haut des Beines hinfahrt, kaltes Wasser
anspritzt oder die Eusssohle kitzelt, obgleich sie diese Empfindung,
ja selbst das Einstechen einer Nadel in die Haut, nicht gewahr wer-
den. (S. die Schilderung der Anasthesie des Riickenmarkes.) Andrer-
seits kann bei fortdauernder cerebraler Leitungsfahigkeit durch Hem-
mung der Perception eine Pause der Empfindung entstehen, wie sie
sich in epileptischen und andern Zustanden von Bewussllosigkeit dar-
202
ANlSTHESIEEN.
bietet. — Nocli ein wichtiges Yerhallniss der Centralapparate koinmt
inCctraclit, namlich als producliverSlatlen der Reitzbarkeit, wodurch
die sensibeln Bahiien fur den Eindruck der Reitze erregbar werden.
Abnahme und Aufhoren dieser Reitzbarkeit ist das Element der An-
asthesie, so wie dasselbe fur die motorisehen Nerven in Relreff der
Paralysen gilt.
Ausser diesen Ceziehungen sind einige andre Ergebnisse bei Be-
obachtung der Anastliesie von physiologischcm Interesse. Die An-
asthesie giebt unwiderlegbares Zeugniss, dass niemals ein sensibler
Nerv fur den andern vicariirt, und widerlegt am biindigsten die Be-
bauptungen vom Gegentheile, woran die sogenannten Magnetisore so
grosses Wohlgefallen finden.
Es ist bereits bei den Ilyperasthesieen erwahnt worden, dass im
gesunden Zustande auch bei dem Mangel aussrer Anregung der sen-
sibeln Nerven, Empfindung statt hat, weil der Nerv in dauernder
Thatigkeit bebarrt, ohne einen andern Impuls als den, welchen die
Iebendige Wechselwirkung der Theile des Organismus bestiindig auf
ihn ausiibt. (Ygl. S. 10S) In der Anastliesie wird die Negation von dem
Bewusstsein wahrgenommen und gedeutet, z. B. in der Cutanea als
Gefiihl von Erstarrung, Abgestorbensein u. s. f., welches von dem
Gefuhle der Rube verschieden ist, das sich nach der Eigenthumlich-
keit des Nerven kundgiebt, im Opticus als Dunkel, im Acusticus als
Stille etc. und zu dessen Aeusserung nocli ein, wenn aucli nur schwa-
cher Grad von Energie erforderlich ist. Bei Yerlust der Reitzbarkeit
und Leitungsfahigkeit hort daher dieses Gefiihl der Ruhe auf, was
zum Untersclieidungsmerkmal der Unerregbarkeit des sensibeln Ner-
ven von der blossen Ileminung seiner Thaligkeitsausserung benutzt
werden kann. Die Empfindung der Dunkelhcit bei Cataraktosen ist
sehr verschieden von der Liicke im Sehfelde bei Amaurotischen. (S.
die Scbilderung der Anaeslh. optica.)
YV^enden wir von diesen physiologischen Andeulungcn auf die Pa-
thologic der Aniisthesieen unsern Blick, so mlissen wir bedaucrn, dass
diese Lelire zu denen gehort, die bisher am meisten vernachlassigt
ANASTUESIEEN.
203
worden sind, daher uberall Unvollstandigkeit und Liicken. Auch wir
geben nur Fragraente in den folgenden Blattern, yon spiiteren Un-
tersudiungen Ergiinzung und einen allgemeineren Standpunkt er-
wartend. _
So stellt sich auch die Behandlung selir kiimmerlich dar. Hier ist
es, wo die beliebte und das Nachdenken beschwichtigende Ansicht
von Nervenschwache die giinstigste Aufnahme fand und noch findet,
allein auch das Vertrauen auf nervenstarkende Medicamente so oft
getauscht wird. Denn fast alle diese Mittel reitzen nur, verursachen
eine Nervenaufregung, vermebren aber nicht die Starke der Reitzbar-
keit. „Die Nervenkraft nimmt nur zu durch dieselben Processe, wo-
durch sie bestandig wiedererzeugt wird, namlich die bestandige Re-
production aller Tbeile aus dem Ganzen, und des Ganzen durch die
Assimilation. Fiir einen geschwachten Theil des Nervensystems sind
gelinde Reitze daher nicht darum nutzlich, weil sie die Reitzbarkeit
erhohen, denn das thun sie nicht, sondern weil ein gereitzter Theil
mehr die Ergiinzung des Ganzen anspricht, und daher vorzugsweise
wiedererzeugt und erganzt wird.“ (Muller, Handb. der Physiol,
des Menschen. 1. B. 3. And, S, 033.)
/
-£»- <>-*?■
Erste Ordnung.
An^tliesieen der Hfervenlialinen.
A. Anasthesieen der cerebrospinalen Bahnen.
i
i
f. Gathmg.
Anasthesie der Hautnerven.
. I
(Anaesthesia cutanea.)
\
Romberg, liber Anasthesie in Wochenschr. fur die gcs. Heilk. 1839. Nro. 11,
19, 20.
Der Ausdruck dieser Anasthesie ist Abnahme oder Verlust des
normalen Hautgefiihls, des einfachen und seiner Modificationen.
Um das Vorhandensein und den Umfang der Hautanasthesie zu
constatiren, darf man sich niclit, wie es bisher iiblick war, mit den
Aussagen des Kranken, mit seinen vagen Angaben von Erstarrung,
Taubsein u. s. f. begniigen : Grade und Griinzen der Anasthesie miis-
sen mit der Nadel in der Hand ermittelt werden. Die Untersuchung
selbst wird bei zugehaltnen Augen des Kranken angestellt, um so-
wohl vor Simulation sicher zu sein, als auch um den psychiscken
Eipdruck Ijei dem Anblicke des schmcrzerregendcn Anlasses zu ver-
hiiten.
Die Anaesthesia cutanea bedingt ausser der Gefiihllosigkeit, Ab-
nahme oder Verlust von Empfindung der Warme und Kiilte. Einige
hautanAsthesie.
205
.genaue Beobachtungen uber Veranderung des Gefuhls der Tempe-
ratur in Anasthesie sind von englischen Aerzten mitgetheilt worden.
In einem Falle, wo die Fiisse bis zur Halfte der Wade und die Hande
von Anasthesie befallen waren, hatte der Kranke bei Beriihrung fester
Korper gar keine Empfmdung von ihrer Temperatur, auch nicht von
: Eis, dagegen Wasser, mochte es noch so heiss oder kalt sein, ihm
lauwarm vorkam. Ein andrer Kranker, selbst Arzt (Dr. Vieusseux
aus Genf), dessen rechte Seite Sitz der Anasthesie war, fiihlte an die-
>ser Seite Kaltes heiss, Heisses kalt oder lauwarm. Lag er in einem
kalten Bette, so kam es ihm heiss auf der rechten Seite, kalt auf der
linken vor. In einem heissen Bade fiihlte er das Wasser heiss an der
linken Seite, weder heiss noch kalt an der rechten. In sehr kaltem
Wasser hatte die rechte Seite das Gefiihl von Warme. Wenn er da-
.gegen Korper beriihrte, welche weder hart noch polirt waren, z. B.
die Hand einer andern Person, so war er ausser Stande, ihre Tern-
I peratur zu beurtheilen ; sie erschien ihm weder warm noch kalt, und
<er musste die linke Hand zur H'ulfe nehmen. (Vgl. Marcet, history
of a singular nervous or paralytic affection attended with anomalous
morbid sensations, Yelloly history of a case of anaesthesia, Earle
cases and observations illustrating the influence of the nervous system
in regulating animal heat in den Me dico-chiriirg. transactions
vol. II, p. 2 1 7, vol. Ill, p. 90 und vol. VII, p. 173.)
Die trophischen Functionen sind in den von Anaesthesia
cutanea betroffnen Theilen beeintrachtigt.
Die Warmeentwi cklung ist geringer. Ollivier theilt die Be-
obachtung von einem Manne mit, der nach einem Falle auf den Riik-
ken eine Anasthesie der rechten Seite und eine Lahmung der Moti-
litat der linken Seite zuruckbehalten hatte. Noch drei Monate nach-
her war die Temperatur der rechten Seite 1% Grad R. niedriger
als in der linken. ( Traite des maladies de la moelle epiniere. 3. edit.
T. I, p. 509.J Earle untersuchte bei einem Madchen, an welchem
er fun f Jahre zuvor wegen hartniickiger Neuralgia ulnaris die Exci-
sion eines Stiickes aus dem Ellenbogennerven vorgenommen hatte, die
206
hautanAsthesie.
Temperatur dcr gelahmten Theile, bci einer Zimmerwarme von 550
Fahrenh. Der kleine Finger fuhlte sich kalter als die iibrige Hand
an. An der Dorsalflachc der Basis des kleinen Fingers zeigte das
Thermometer 50° F.; im Zwischenraume des kleinen und Ringfiu-
gers 57°, an der Aussenseite des Zeigefingers G()°, zwiscben Zeige-
finger und Daumen und in der Yola manus G2°; an der andern Hand
war die Warme der Finger G0°, der Yola G2°. In einem andern
Falle, wo durch einen Schliissclbeinbruch eine vollstandige Lahmung
des linken Arms entstanden war, zeigte sich folgender Unterschied
in den Temperaturen:
Paralytischer
Arm
Gesunder
Arm
Hand 92° F.
Arm 95° F.
Achsel 9G° F.
Hand 7 1 0 F.
Arm 80° F.
Achsel 92° F.
Es ist diese Abnahme der Warme nicht bloss der aufgehobnen
Muskelbewegung zuzuschreiben, da auch nach Durchschneidung des
Yagus die Temperatur um einige Grade sinkt.
Noch eine das Temperaturverhaltniss betreffende Erscheinung ist
bei der Anasthesie der Hautgefiihlsn erven bemerkungswerth, welche
bisher nicht beachtet worden ist: dieUnfahigkeit des afficir-
ten Theils seine eigne Warme gegen die Temperatur
der umgebenden Medien zu bewahren. Er setzt sich mit
der aussern Temperatur in’s Gleichgewicht, und ist dadurch ausser
Stande einen Grad von Ilitze oder Kalte ungefahrdet auszuhalten,
welcher den gesunden Theilen unschadlich ist. Das zuvor angefuhrte
Madchen mit Anasthesie des Ulnarnerven bekam jedesmal beim Ein-
tritte von Frostwetter eine Blase und Versch waning an der Spitze
des kleinen Fingers, desgleichen wenn sie bei kaltem Wetter Tassen
im warmen Wasser abwaschen musste, dessen Temperatur den iibri-
gen Theilen der Hand nicht unangenehm war. Der Kranke mit dem
Schlusselbeinbruche hielt den gelahmten Arm eine lialbc Stunde lang
in einer Wanne mit warmem Maize, nachdem er sich zuvor mit dem
andern Arme iiberzeugt hatle, dass die Ilitze nicht zu gross war.
Beim Herausziehen war die Haut dcr ganzen Hand in einer Blase
IIAUTAIS ASTHESIE.
207
crhobcn und an den Fingcrspitzen batten sicb Scborfe gebildet. Ueber-
haupt war diese Hand stets geneigt von der Temperatur des umge-
benden Mediums sofort afficirt zu werden. Dasselbe erzahlt Yelloly
von seinem Kranken ; selbst am Kaminfeuer zog das Knie der ge-
labmten Seite eine Blase, obgleich die Kleider unversebrt waren.
Hiermit stiinmen auch Dieffen bach’s Beobachtungen an den neu
ersetzten Theilen des Gesichts uberein. Diese widerstanden ohne
Nachtheil der grossten Kalte, sobald sie vollkommen empfindlich wa-
ren, dagegen hildelen sich auf einer sehr jungen Nase bei einem ein-
maligen Ausgange sofort grosse Wasserblasen. ( Chirurg . Erfahrun-
gen, bcsonders iiber die Wieclerherstellung zerstorter Theile des
menschlichen Kdrpers nacli neuen Melhoden. 1 . B. 2 .Ablh. S. 1 88.)
Und nicht nur gegen die Temperatur hebt Anasthesie der Hautner-
ven die Widerstandsfahigkeit auf, auch gegen jeden andern aussern
•Einfluss, z. B. den mechanischen desDruckes, wovon das Durchliegen
die Folge ist. So entsteht bei Yerletzungen und Krankheiten des
Riickenmarks, welcbe Anasthesie in ihrer Begleitung haben, friihzei-
tig Decubitus am Kreutzbein, auf ahnliche Weise wie das Aufliegen
der Ferse bei Thieren, wo die Durchschneidung des n. ischiadicus
vorgenommen ist.
Der Blutumlauf in den kleinen Gefassen ist mehr oder minder ge-
stort, gewobnlich verlangsamt, daber die livide Farbe. Bei einem
meiner Kranken, der in Folge einer Gehirnkrankheit von Anasthesie
beider Hande befallen ist, haben die Finger stets, bei Kalte und Hitze,
eine blaulich-rothe Farbe. Extravasate von Serum, Blutroth, Albu-
men, sind nicht sellen. Brodie erwahnt ein Paar Fiille von Durch-
schneidung des Ulnarnerven durch iiussre Yerletzung. In dem einen
war der kleine Finger kalt, unempfindlich und mit purpurfarbnen
Flecken bedeckt; in dem andern bekam dcr Finger von Zcit zu Zeit
eine dunkle Purpurfarbe: dann entstand eine breite Blase und ein
oberllacblicbes Geschwur, welches mit Bildung einer neuen Kpider—
mis verheilte. ( Lectures illustrative of certain local nervous affections.
London 1837. p. 73.) AlbuminbseExsudale und darauf folgcnde Eitc-
208
IIAUTANASTIIES1E.
rung, Bhitungen aus Nasen- und Mundhohle, stellen sich hei An-
asthesie durch Desorganisation der Quintuswurzel und ihres Ganglion
ein. Oedem begleitet zuweilen die Anasthesie.
Die abnorme Ernahrung giebt sich am haufigsten im Horngewebe
kund. Vermehrte Abschilferung der Epidermis, kleienarlig und schup-
penformig, zeigt sich mit Mangel der Transspiration an den Beinen
Paraplektischer. Die Nagel kriimmen sich, werden rauh, rissig, fal-
len ab. Dr. Steinriick sah bei Kaninchen, deren n. infraorbitalis
durchschnitten war, die Barthaare ausfallen. ( Dissert . inaug. de ner-
vorum r eg eneratione. Berolini 1838.) Zuweilen werden die Knochen
der aufgelegnen Theile necrotisch.
Folgender Fall bietet mehrere der eben erwahnten Erscheinungen
in einem auffallenden Grade dar:
Eine 50jahrige Frau lift seit zehn Jahren an hefligen Schmerzen
im rechten Fusse, hauptsachlich in der Nahe des aussern Knochels,
auf dem Fussriicken und in den Zehen. An der aussern und hintern
Seite des Oberschenkels, ungefahr in der Mitte, war eine Geschwulst
iiher 5 Zoll im Umfange bemerkbar, welche eben falls schmerzhaft
war, zumal bei ausserer Beruhrung und Drucke, wodurch zugleich
der Schmerz an den bezeichneten Stellen des Fusses sich steigerte.
Im Laufe der Jahre nahmen die Schmerzen an Intensitat zu, und
dauerten Tag und Nacht fort, so dass die Kranke sich zu der von
Dieffenbach ihr gerathnen Excision der als Neurom des Hiiftner-
ven erkannten Geschwulst*) entschloss. Ich sah sie ein Paar Wochen
*) Die genaue yon Herrn Dr. Reniak damals vorgenommene Untersuchung des
Neuroms ergab Folgendcs:
1. Anatomischer Bcfund.
Das Neurom, von eifdrmiger Gestalt und etAva 5" Langendurchmesser, war von
dem sehr ausgcdehnten aber festen Neurilcmm bis auf die Ein- und AuslriUsstellc
der Neryenstrange ganz umspannt. An cincr Seite sail man durch das Neurilemm
hindurch in der Liingsrichtung die Mchrzahl der durch die Spannung auseinander-
gespreitzten Nervenstriinge etAvas dunkcl vcrlaufen. Nach Spaltung und Abldsung
der aussersten neurilcmmatischcn Hiillc zeigten sich die ausserlich unverschrtcn
Neryenstrange fast ganz yon scirrhdser Substanz umgeben, und von ilircr seitlichen
Begranzung aus konntc man nach Belicbcn mehrere, die GcscliAvulst glcichsam uni-
ITAU T AN AS THE SIE.
209
nach der Operation (April 183G). Vollstandige Anasthesie war in
alien jenen Theilen vorhauden, welche vom n. peronaeus und tibialis
hullende kiiutige Scliichten ablosen, die naeh innen zu derber und parenchymatdser
wurden und zwischen denen bin und wieder einzelnc Nervenstriingchen abwarts
liefen. Diesc Schichtcn umgaben die festc Substanz zweier, durch eine Membran
gesondertcr scirrbdser Geschwiilste, yon denen die kleinere, mehr kugligc an dem
abgestumpften Liingsende der griissern mehr eirunden Geschwulst etwas sci'Iich
sass. Die Mehrzahl der Nervenstrangchen lag nun bloss in der obersten Scbicbt der
grbssern Geschwulst und nur die wenigen in den Hauten verlaufenden Strang-
chen gelangten auf der entgegengesetzten Seite zur Obcrflachc der kleinern Ge-
schwulst, batten aber bier pnzlich ihr Ncurilemm ycrlorcn, so dass die Primitivfa-
sern grauschimmernd ausgebreitet blosslagcn; ein Strangchcn batte die Liingsachse
acider Geschwiilste durchsctzt. Beide Geschwiilste zeigten die dem Scirrhus eigen-
hiimlichen zwei Substanzen, cine hellere Rinden- und eine graue Marksubstanz mit
lurchstrshlenden weissen Fasern, und die grosserc batte in ihrer Mitte eine mit
schwammigem und faserigem Gebiilkc unregelmassig durchzogne und mit einer
jelblich-griinen serosen Fliissigkeit erfiillte Hdhle, wiihrend die kleinere durchaus
►olid war.
2. Microscopischer Refund.
Die Primitivfasern der Nerven zeigten, und zwar am starksten an den vom
V N'eurilemm entbldsstcn Stcllcn, eine ejgenthumliche Destruction, wie man sie auch
onst manchmai an etwas zerstorten Nerven findet, und welche hier ■\vcgen der
rischc des Priiparats wohl mit Recht der langdauernden mechanischenEinwirkung
er Geschwulst zugeschrieben Werdcn kann. Fastalle Markfasern namlich, (die ya-
icosen waren unverletzt) hatten die Gestalt in cinander gesteckter Trichter. Die ge-
neinsame ncurilemmatische Hiille zeigte Zellgewebc und wenige Gcfiisse. In den
olgenden Schichtcn nahm das Gefassnetz an Starke zu, es zeigte sich neben den
iellgewebsfasern nocb eine eigenthiimliche Art von Fasern, und nahe an dem festen
cirrbus auch granulirte rundc Korperchen, ganz ahnlich denen der grauen Sub-
tanz des Gebirns, und geschwanzte durchscheinende Korperchen, ahnlich den Kbr-
erchen in den Nerven des Embryo. Die feste Substanz bestand bloss aus eincm
ehr starken Gefassnetz, den erwahnten Fasern und einer iiberwiegenden Anzabl
I er bezeiebneten Korperchen, welche in der grauen Substanz die Fasern fast ganz-
| ch verdrangten und auch in der Fliissigkeit dcr Hdhle umherschwimmend gefun-
en wurden.
Hieraus ergiebt sich, dass (das Ncurilemm abgerechnct) die Hiillen von dem
cirrbus sclbst nicht wcscnllich verschicden sind. Die graue Farbe dcr innersten
■ chichi kommt bloss von dcr geringeren Mengc von Fasern und dcr iiberwiegen-
3ii Mcnge der Kdrncr her. Die Fliissigkeit ist viellcicht, bloss ein Product der von
non nach aussen fortschrcitenden Zcrsetzung der weiter wucherndcn Substanz.
inc absondernde serose Flache, wie bci den Balggcschwiilsten, war nicht wahrzu-
'hmcn.
Das besebriebne Priiparat bcfmdet sich auf dem anatomischcn Museum der
csigen Universitiit.
Romberg's Ncrvenkrnnkli. I.
14
210
HAUTANlSTlIESIE.
v
versorgt vverdeu, dagegen iibcrall, wo (lie vom Ischiadicus oberhalb
seiner Theilung abgehenden Ilautiiste und die Cutariei dcs Cruralis
hindringen, die Scnsibililiit ungestort war. So liess sich auf dern
Fussriicken die Granze des Schenkel- und Iliiftnerven recht genau
mit der Nadel absteckcn. In der Nahe des innern Knochels fiihlte die
Kranke beim Stechen lebhafte Schmerzen, denn die Iialm desSaphe-
nus interims war nicht unterbrochen, wabrend sie bei noch so tiefem
Einbobren der Nadel in die Mitte des Fussriickens und am aussern
Knochel, wo die Cutanei der Schien- und Wadenbeinn erven verlau-
fen, keine JEmpfindung hatte. Die Beweglichkeit des Beins verhielt
sich ganz so wie bei Thieren nach Durchschneidung des Ischiadicus
am Oberschenkel Nur die Muskeln des Unterschenkels und Fusses
waren gelabmt, dagegen konnte die Kranke das Bein selbst durch
die ungestorte 'Action der Oberschenkelmuskeln bewegen. Friibzeitig
hatte sich Decubitus an der Ferse eingestellt. Die exulcerirle, eine
diinne, saniose Fliissigkeit gebende Stelle war schmerzlos, blass, ohne
entzundliche Reaction, leicht verschorfend, von der Beschaffenbeit der
Wunde in Schroder van der Kolk’s Yersuchen, nach Durch-
schneidung des Ischiadicus und Cruralis am Beine eines Hundes (ob-
servat. anal, pathol. p. 14); bald darauf exfoliirten die Nagel. — Drei
Jahre nachher sab ich die Kranke wieder, welche mir obne Ivriicke
entgegen kam. Sie tritt mit dem aussern Rande des rechten Fusses
auf, der hierdurch das Ansehen eines Klumpfusses hat: der innere
Rand stebt nach oben, die Solile nach innen. Ausser der friiheren
iiocli fortdauernden Verschwarung an der Ferse hat sich seit liingrer
Zeit eine zweite am aussern Fussrande, nicht weit 'Com Knochel, ge- ;
bildet, aus welcher Yon Zeit zu Zeit necrotische Knochenstuckchen i
exfoliiren. Die Epidermis des Fussriickens und eines Tlieils des Un-
tcrschenkels desquamirt bestandig, und loset sich in Form grosserer ,
Schuppen, wie bei Psoriasis, ab. Die Farbe der Haut am Fussriicken f
ist dunkelrotb und gliinzend. AufFallend ist es, dass die Warme am i
gelahmten Fusse grosser ist ; am aussern Knochel gemessen betragt >
sie + 25° R., an derselben Stelle des gesunden Fusses +■ 24° R- (
IIAUT ANASTHESIE.
211
In dem Zwischenraume des dritten und vierten Zehes des geliihmtcn
Fusses -f- 24° R., des gesunden + 23° R. Abmagerung hat nicht
stattgefunden. Die Anasthesie dauert noch fort, wie ich sie in den
crsten Woclien nacli der Excision des Neuroms heobachtet batte.
Interessant ist die auf mcine Fragen gegebne Schilderung schmerz-
hafter Empfindungen in den gefiihllosen Tbeilen, welche bier, wie
bei Amputirten, nacb dem Gesetze excentrischer Erscheinung crfol-
?en. Cei einem zufalligen Drucke des Oberschenkcls, z. B. gegen
len Rand eines Stuhles, beginnt das Gefiihl des Einscblafens und
•Prickelns in den Zehen und im Fusse. Anfangs fandcri sicli auch
iftcrs Scbmerzen ein, seltner in den letzten Jaliren, doch glaubt die
xranke zuweilen ein Gefiihl vom Auftreten des Fusses beim Gehen
u haben.
Wie in diesem Fallc, so hort man iiberhaupt bei der Anaesthesia
utanea die Kranken iiber Empfindungen in den gefiihllosen Theilen
lagen, am hiiufigsten iiber Formication, zuweilen auch iiber lebhafte
chmerzen.
Der Sitz der Anasthesie im peripherischen oder centra-
?,n Apparate bedingt Modificationen der Symptome. Bei centra-
im Ursprunge ist die Anasthesie sehr selten auf einzelne Babnen
esclirankt, und Stbrungen der Motilitiit sind Begleiter. Bei periphe-
schem Ursprunge gesellen sich Abnormitiiten der Erriahrung um
) leichter hinzu, wenn die Ganglienformation belheiligt ist.
Die peripberische Haut-Anasthesie (von der centralen wird weiter
aten die Rede sein) entsteht am haufigsten durch Trcnnung der
ervencontinuitiit mittelst iiusserer Vcrletzungen und chirurgischer
perationen, durch anbaltenden Druck von nahgelegnen Organen,
. B. Driisen, Gebiirmutter, Gediirme) Gcschwiilsten, (desNcurilemms,
;r Knocben, dcr Gefiisse, Tuberkel, Fungus) von Extravasaten, durch
'isorganisirende Proccsse und Entziindung: in letzterem Fade pllegen
juralgiscbe Erscbeinungen voranzugehen. Insolation und Kalte sind
weilen als Ursachen beobaebtet worden. Dcr rheumatische Anlass,
r so oft auf der Gesichtsflache die Lcitungsfahigkcit des n. facialis
212
ILVUTANASTHESIE.
unterbricht, hat nur sclten cincri ahnlichen Einfluss auf die Energie
des Quintus.
Der Verlauf ist in dcr Hegel chronisch. Der Typus anhaltend.
Prognostische Bedeulung geben Sitz, Ursache, Consecutivlei-
den. Centrale Anliisse drohen meistens dem Leben Gefahr: unter den
peripherischen sind einfache Trennungen des Zusammenhangs, z. B.
durch Schnittwunden, am gimstigsten. Ilinzutritl trophischer Storun-
gen ist bedenklich und kann den Verlust des betrolfnen Theils her-
beifiihren. Von den Folgezustanden ist Decubitus am meisten zu be-
furchten. Wo mit der Anasthesie Motilitat-Lahmung zugleich vor-
handen ist, pflegt die erstere fr'uher naclizulassen und zu verschwinden
als die letztere. Auch bei Versuchen an lebenden Thieren stellt sich
die sensible Leitung zeitiger her als die motorische.
Der Naturheilungsprocess der Anaesthesia cutanea lasst sich
sowohl physiologisch als anatomisch nachweisen, am deutlichsten bei
Verletzungen peripherischer Nerven. Jenes Gebiet der Chirurgie,
welches Dieffenbach mit Genialitat nach alien Richtungen hin er-
weitert hat, die Wiederherstellung zerstorter Theile, bietet die beste
Gelegenheit zum physiologischen Beweise dar. In dem Behufs einer
Nasenbildung aus der Stirn abgelosten, mittelst einer Br’ucke noch
zusammenhangenden Hautlappen hat jeder Nerveneinlluss, (so schil-
dert es Dieffenbach in seinen Chirurg. Erfahr. etc. 2. Abth.
S. 176 u. 187) in so fern er sich als Wahrnehmung des Schmerzes
bei absichtlicher Reitzung, Zerrung oder neuer Verwundung zu er-
kennen giebt, ganzlich aufgehort. Erst an der Granze zwischen dem
Happen und Mutterboden zeigt sich Empfindung, die jedoch auf der
Briicke noch sehr gering ist. Mehrere Monate nach volliger Vernar-
bung der Wundflachen entwickelt sich ein dumpfes Gefiihl in dem
verpllanzten Hautlappen und zwar zuerst an den Rimdern. Das Ge-
fiihl des Schmerzes, z. B. bei geringen Verwundungen durch Stechen
mit einer Nadel, ist noch dunkel und unbestimmt, wahrend die von
der Granze entfernten Gegcnden des Happens noch gar nichts empfin-
den. Ueber die Oertlichkeit dieses Schmerzes urtheilt der Verwun-
HAUTANASTHESIE.
213
dete indessen ziemlich richtig, wenn auch niclit so bestimmt wie bei
Verletzungen andrer Theile. Gefallige Phantasie scheint es nur von
Lisfranc zu sein, wenn er bei dem Stechen einer aus der Stirn
gebildeten Nase den Kranken niclit in der Nase, sondern in der Stirn
den Schmerz empfiriden liisst. Sehr spat, bisweilen erst nach Jahr
und Tag, erlangt die Spitze der neuen Nase vollkommnes Empfin-
dungsvermogen, und nur nach diesem Zeitpunkte ist sie der iibrigen
Haut in ihren Functionen ahnlicher. Die Nase schwitzt, Wunden in
ihr geben dicklichen Filer, so dass bieraus die Nothwendigkeit eines
vollkommnen Nerveneinflusses zur Bildung des Eiters erklart wird.
Der anatomische Beweis fur den Naturheilungs-Process der trau-
matischen Anaesthesia cutanea ist in neuesterZeit vom Dr. Stein ruck
vollstandig gegeben worden. (Vgl. dessen ausgezeicbnete dissert, de
nervorum regenerations. Berol. 1838.) Mit Hiilfe des Microscops ist
niclit bloss die Regeneration der Primitivfasern auf’s gewisseste con-
- statirt worden, sondern auch der Uebergang einzelner Fasern aus den
i Fascikeln der Narbe in die Biindel des.Nerven selbst (Tab. II. Fig.
5. 6. 7.). Ueberall war, einen einzigen Versucb ausgenommen, mit
dem Wiederersatz der Nervenfasern die sensible Leitung zuriickge-
kelirt, dagegen Anasthesie zuriickgeblieben, wo die Narbe nur aus
< Zellgewebe bestand.
Extravasate, albuminose u. a. A. an der Basis des Gehirns und am
: Riickenmarke konnen resorbirt werden.
Der Termin der Wiederherstellung sensibler Leitung bei periphe-
rischer Verletzung ist unbestimmt, von 4 Wochen bis zu 3 oder 4
; Jabren und daruber. Audi kommt sie niclit immer vollkommen zu
' Stande.
Die Be hand lung der Anaesthesia cutanea war bisher eine ober-
flachliche, im wahren Sinne des Wortes. Salbungen und Bepflaste-
rungen wird der Erfolg oft da beigemessen, wo er mit grosserem
Rechte der Naturheilung zukommt. Fur die Folge liisst sicli von ge-
nauerer Renntniss der Krankheit, ihres Sitzes und ihrer Ursachen,
einiger Portschritt erwarten. Auch liier sci, wie bei den liyperasthe-
214
hautanAstiiesie.
sieen, die Aufmerksamkeit auf das Gefasssystem rege, um so mehr,
wenn cin entziindlicher Vorgang zu Grunde liegt. Oerlliclie Blut-
entleerungen, zumal mittelst Schropfkopfe, so nahe wie mdglich
dem Sitze angebracht, sind alsdann an ihrer Stelle. Fur die Be-
seitigung comprimirender Anlasse sind die Mittel verschieden: re-
solvirende fur angeschwollne Driiscn, ausleerende fur Anhaufungen
in den Gedarrnen u. s. f. 1st der atiologischen Indication Geniige
geschehen, so erwarte man nicht sofort Integritat des Hautgef uhls ;
dazu bedarf es der RLickkehr der Reitzbarkeit, welche durch bele-
bende und restaurirende Reitze ^efordert werden muss. Die Frictio-
nen stehen bier obenan, trockne oder feuchte, und zwar in centripe-
taler Richtung, die der Leitungsnorm entspricht. Zunachst ist die
Warme zu empfeblen: nahgehaltnes Feuer, Moxa, mit Vermeidung
nachfolgender Eiterung, Dampf des Wassers, spirituoser Fliissigkei-
ten etc., heisse Biider, Gastein, Thierbader. Concentration der thieri-
schen Warme durch Bedeckung mit schlechten Warmeleitern, Leder
etc., Pflastern. Die Application gahrender Stoffe ist zu versuchen (3Ialz,
Sauerkohl). Magnetismus, Electricitiit, Galvanismus (Galvanopunctur)
sind nicht zu vernachlassigen : auch durfte von regelmassigen Yibra-
tionen und Erschutterungen des afficirten Theils noch Erfolg zu er-
war ten sein.
--
215
Anaesthesia IV. ^isinli.
Ex peri men telle Ergebnisse. — Die Durchschneidung des
Quintus am lebenden Thiere hat Unempfindlichkeit der Gesicbtsflache,
des Auges, der Nasenhohle, des Ohres, der Mundhohle und Zunge
zur Folge, partielle oder allgemeine, je uachdem einzelne Zweige und
'Aeste oder der gauze Stamm durchschnitten Worden sind. Magen-
die war der erste, der diesen Versuch in der Schadelhohle vorge-
nommen hat.
Ausser der Unempfindlichkeit werden noch andre Erscheinungen
beobachtet, die den Einfluss des Verlustes der Sensibilitat auf Ernah-
rung, Bewegung, Sinnesthatigkeit darthun.
Die trophischen Veranderungen zeigen sich am Auge auf’s deut-
i lichste und sind von Magendie [de V influence de la cinquieme pair e
lie nerfs sur la nutrition et les fonctions de I’oeil im Journ. de phy-
dol. experim. et pathol. T. IV. p. 1 7 6) und besonders von Valenti n (de
unction, nervor. cerebral, etc. p. 157 Not. V) genau beschrieben. Es sind
>eim Kaninchen folgende : (1 6 Stunden nach der Durchschneidung oder
„ Quetschung des Quintus in der Schadelhohle) betrachtliche Injection
ler Gefasse auf der Aussenflache des seines Gefuhls verlustigen Auges.
24 Stunden.) Triibung der Hornhaut. (38 Stunden.) Exsudat in der
\Iitte der Cornea. (62 Stunden.) Milchvveisse Triibung des Centrums
ler Hornhaut: sehr starke Anfiillung der Gefasse der Iris und Cort-
unctiva. (80 Stunden.) Reichliche Ahsonderung einer zahen puru-
enten Fliissigkeit, wodurch die Augenlider zusammen kleben. (104
Stunden.) Zunahme des Eiterergusses und der Triibung in der Cornea,
’O dass die Iris ganz verdeckt ist. (128 Stunden.) Aufhorcn derBlen-
lorrhoe. Geschwiir von der Grosse dreier Linien im Mittelpunkt der
: lornhaut. Anliillung der vordern Augenkammer mit weissem Exsu-
lal. (152 Stunden.) Fortdauer der Gefassinjection, Vergrosserung
les Geschwiirs, welches mit einer trocknen gelblichen Kruste bedeckt
st. ( 1 7 6 Stunden.) Betrachtliche Rothe der Conjunctiva, Zunahme '
2 IG
ANASTIIESIE DES QUINTUS.
des Hypopion. Nach deni Tode findet man die Hornhaut staphyloma-
tos, die vordre Augenkammer angefiillt mit einem Exsudat, welches
exsudatorisclie und Eiterkorperchen bei der microscopischen Unlersu-
chung zeigt, und die Fasern der Cornea trube. DieLinse, Retina und
iibrigen Theile des Auges verhalten sicli normal. Bei Hunden hat
Mage n die noch iiberdies Ruptur der Hornhaut, Auslliessen der
Augenflussigkeiten mid Einschrumpfen des Bulbus beobachtet, die
Halfte der Zunge wird braun, rissig, trocken, das Zahnfleisch schwam-
mig und blutend. Die Zahne werden lose, fallen aus, so wie die Bart-
liaare. Bei Thieren, die ein zalies Leben haben, z. B. den Batrachiern,
Iosen sicli die Weichtheile des Gesichtes in brandigen Fetzen ab, wie
im spontanen Braude. Nach 3 — 4 Wochen bleibt nur die eine Halfte
des Gesichtes ubrig.
Die Be we gun gen des Gesichtes erleiden auf der Seite, wo der
Quintus durchschnitten worden, einen Stillstand. Hauptsacblich sind
es, wie bereits zuvor erwahnt worden, die Reflexactionen, die von
der Immobilitat getroffen werden. Die Pupille ist unbeweglich, bei
Kaninchen contrabirt, bei Hunden und Katzen erweitert. (Valentin
L c, p. 23.) Nach M a gen die (logons sur les fonctions et les maladies
da systems nerveux. Paris 1839. T. II. p. 31) hort auch das Blin-
zeln der Augenlider und die abwechselnde Erweiterung und Veren-
gerung des Nasenfliigels auf. Die Zunge liegt unverriickt zwischen
der obern und untern Zahnreihe. Noch deutlicher markirt sick die
gehemmte Bewegung nach Durchschneidmig beider Quinti. Das
Thier tragt seinen unempfmdlichen Kopf wackelnd, wie einen frem-
den Korper; der Gang ist schwankend.
Die Sinnesthatigkeit wird nach Magendie’s Versuchen, die
jedocli, weil sie Widersprucfc gefunden, einer grundlichen Wiederho-
lung bedurfcn, beeintracbtigt. Das Sehververmogen soil abnehmen
und erloschen; der Geruch, das Gehor, der Geschmack gelien ver-
loren.
Die chirurgischen und pathologisclienBeobachtungen stimmen zuni
grossen Tlieil mit diesen Resultaten iiberein.
ANASTHESIE DES QUINTUS.
217
I. Peripherische Anasthesie des Quintus.
Das physiologische Criterium ist: isolirte Leitungsunfahigkeit auf
gleichseitiger Balm.
Die diagnostischen Merkmale sind verschieden je nach dem Sitze
derKrankheit in den verschiednen Stationen des Quintus, in der Ge-
sichtsflache, oder auf seinem Laufe durch das Keilbein, oder im Gan-
glion Gasseri, oder an der Basis des Gehirns.
1) Je mehr die Anasthesie auf einzelne Filamente
des Quintus beschrankt ist, um so peripherischer ist
der Sitz ihres Anlasses.
Aeussere Verletzungen der Gesichtsllacbe geben die haufigsten
Beispiele. Ich habe eine 63jahrige Frau in der Bebandlung, welche
von einem vor vier Jahren in der Niihe des linken Ohrs entstandnen
betrachtlichen Abscesse eine grosse, tiefe, gerissne Narbe auf dem
Unterkiefergelenk, und eine andre in der Umgegend des Foramen
stvlomastoideum zur'uckbehalten hat. Es ist vollstandige Lahmung des
linken n. facialis vorhanden und Anasthesie des oberflachlichen Schla-
fenerven vom dritten Aste des Quintus. Die Gegend der Parotis, das
iiussre Ohr und die llaut der linkeu Schliife sind gegen tiefe Nadel-
stiche ganz unempfindlich, wahrend Stirn und Backe im ungestorten
Besitze ihres Gefiihls sind. — Yon Anasthesie des Ramus ophthal-
micus hat Bell mehrere Beispiele mitgetheilt, wo die Oberflache des
Auges ihres Gefiihls ganz verlustig war. (Physiol, und pathol. Unter-
suchungen des Nervensystems. S. 264, 298, 304.) — Solche par-
tielle Anasthesieen bleiben dem Kranken selbst oft verborgen, bis er
sie zufiillig entdeckt, z. B. beim Trinken den halben Rand des Glases
abgcbrochen glaubt. Fin Paar Fiille finden sich in Bell’s Werke
(S. 64 u. S. 4GS). In dem einen war nach dem Ausziehcn eines
untern Backenzahns das Gefiihl in der halben Unterlippe erloschen.
Der Kranke hatte keine Empfmdung davon, wenn nach dem Essen
Speisekrumen oder Tropfen Getriinks an dieser Seite hiingen blieben
und wunderte sich dariiber, als er ein Glas Wasser an den Mund
setzte, dass man ilnn ein zerbrochnes Glas gereicht hatte. Der n. man-
2 18
ANASTHESIE DES QUINTUS.
dibulo-labialxs, tier aus deni Kiefer hervordringt und sich in die Uri-
terlippe verbreitet, war unstreitig da, wo er im Kieferbein unler den
Zahnwurzeln verlauft, verletzt worden. — Ein Frauenzimmer suclite
wegen eines Carcinoma mammae Hiilfe. Von alien ihren Leiden er-
regte keins so sehr ihre Besorgniss als eine Unempfindlichkeit dcr
Unterlippe, worauf sie zuerst aufmerksam geworden, als sie nur
eine liable des Glases beim Trinken fiihlte. Bei Beruhrung der Un-
terlippe zeigte sich Verlust des Gefiihls in dem ganzen von dem n.
mandibulo-lcibialis versorgten Theile. Als Bell mit dem Finger tief
unter dem Kieferwinkel einging, entdeckte er eine harte Driisenge-
schwulst, die an dem aufsteigenden Aste des Kiefers befestigt war,
und ohne Zweifel den Zweig des Quintus comprimirte, welcher in das
innere Loch des Unterkiefers eindringt.
2) Wo der Verlust des Gefiihls ausser einem Bezirke
der Aussenflache auch die entsprechende Hohle des
Gesichtes trifft, sind die sensibeln Quintusfaser n, be-
vor sie aus einander weichen und peri Ph erisch sich ver-
theilen, in i hr em Aggregate, in einem Haup taste selbst
beeintrachtigt, vor oder hinter dessen ikustritte aus
dem Schadel.
1st der erste Ast des Quintus ieitungsunfahig, so nimmt die Ober-
flache des Auges an der Anasthesie Tlieil. Ich habe im Jahre 1S36
eine Kranke in meinen Vorlesungen vorgestellt, bei welcher man die
linke Stirnhalfte und den linken Bulbus driicken und stechen konnte,
ohne cine Empfindung zu erregen. Wo der zweite Ast beeintrach-
tigt ist, sind die Nervi nasales ihrer Energie verluslig, und es fehlt die
Empfindlichkeit nicht nur bei iiusserer Beriihrung der Nasenkohle,
l. B. beim Hineinfahren eines spitzen Rorpers, sondern auch beim
Vorhalten scharfer D'unste und beim Tabakschnupfen. Hat endlich der
dritte Ast seine Leitungsfahigkeit verloren, so ist auch die enlspre-
cliende Zungenhalfte unempfindlieh. (\rgl. die in der Schilderung der
gustatorischen Anasthesie mitgetheilten Falle.)
3) Wo das ganze sensible Quin,lusgebict ties Gefiihls
ANASTHESIE DES QUINTUS.
219
verlustig ist, und zugleick'Stdrungen dcr tropkiscken
Functionen in den von Anastkesie betroffnen Theilen
v orkan den sind, ist das Ganglion Gass eri oder der Quin-
tus in seiner Niihe Sitz der Krankheit.
Ausser der Unempfindliclikeit der aussern und innern Gesichts-
fliicke zeigen sich folgende Erscheinungen : am Auge Entzundung,
Eiterung, Exulceration, Atrophie: in der Nasen- und Mundhohle
Rotke, Ausfluss von Blut, Auflockerung des Zaknlleisckes.
Serres war der erste, der einen Fall dieser wicktigen Form der
Anastkesie kesckrieken kat. (Anatomic comp aree clu cerveciu T. II,
p.67 — 89J
Ein 26jakriger Epileptiscker litt an ckroniscker Entzundung des
reckten Auges. Im Dezemker 1823 kam eine acute Entzundung
kinzu mit Oedem der Augenlider und Trukung der Cornea. Nack
der Application eines Haarseils zertkeilte sick die Opktkalmie, allein
die Hornkaut kliek verdickt und in ikrem ganzen Umfange undurck-
sicktig. Im Januar und Fekruar kemerkte man eine Unempfindlick-
keit des reckten Auges. Im Juni wurde die Anastkesie der reckten
Nasenliukle und der reckten Zungenkalfte constatirt. Vom 15 — 20.
Juni entziindete sick das Zaknfleisck auf der reckten Seite, zuerst
am Okerkiefer, dann am Unterkiefer, und es entwickelte sick eine
scorkutiscke Affection, die im August auck auf das linke Zaknfleisck
sick ausdeknte, jedock in geringerem Grade. Bei genauer Unter-
suckung zeigten sick jetzt folgende Ersckeinungen : vom Frottiren
des reckten Auges mit einem Federkarte katte der Kranke gar keine
Empfmdung, klinzelte nickt einmal. Die innere Flacke der Angen-
lider war ekenfalls unempfmdlick. Das linke Auge dagegen iiusserte
kei diesem Versucke die gewolmlicke Reaction. Die reckte Nasen-
koklc war kcim Einkringen eines Federkartes unempfmdlick; Sal-
miakgeist mackte keim Einzieken des Dunstes nur einen sckwackcn
Eindruck, wakrend das Vorkalten des Flasckckens vor dem linken
Nasenlocke kaum verlragen wurde. Pulver von sckwefelsaurem Cki-
nin nakm der Kranke auf dcr reckten Zungenkalfte nickt wakr, auf
220
ANASTHESIE DES QUINTUS.
der linken schmeckte er die Bitterkeit. Das Zahnfleisch hatte sicli
an der rechten Seite von den Zahnwurzeln abgeloset. Die Zahne
selbst waren lose. — Bei der im Beisein von M age n die, Geor-
get u. A. vorgenomraenen Section fand sicli das Ganglion Gasseri
der rechten Seite in einem kranken Zustande, von graugelber Farbe,
angeschwollen, und an der Stelle, wo der Ramus ophthalmicus ab-
geht, gerothet und injicirt. An der Veranderung der Farbe und
Structur nahmen auch die drei abgehenden Hauptaste bis zu ihrem
Austritte aus dem Schadel Theil, der Maxill. infer, mehr als der su-
perior. Die kleinere motorische Portion des Quintus verhielt sich mit
alien ihren Zweigen normal.
Gama theilt in seinem Traite des plciies de tele et de l’ encephalile,
Paris 1830, p. 173 einen Fall mit, wovon folgendes ein Auszugist:
Ein von Paraplegie befallner Militair klagte seit ungefahr 3/4 Jahr
fiber allmahlige Abnahme des Geftihls in der rechten Gesichtshalfte
und der Sehkraft im rechten Auge. Er fiihlte, dass das Kauen nicht
mit gleicher Kraft auf beiden Seiten vor sich gehe, und hatte sich
gewohnt, die Speisen gar nicht mehr in das Bereich der rechten
Backe zu bringen. Oft forderte er ein sauerliches Gurgelwasser, um
das Zahnfleisch fester zu machen. Das amaurotische Auge hatte ei-
nen von dem gewolmlichen nicht sehr verschiednen Glanz und Urn-
fang ; wurde es aber mit dem andern gesunden Auge verglichen, so
erschien es auffallend truber und kleiner. Die Pupille war beim stark -
sten Lichte unbeweglich. Man konnte mit den Fingern auf der Horn-
haut und Conjunctiva hin und hergleiten, olme dass der Kranke es
fiihlte. Beim Kneifen der Backe, der Stirn oder uberhaupt der rech-
ten Gesichtshalfte ausserte er keinen Schmerz, jedoch war die Em-
pfindung nicht ganz erloschen. Diese Seite des Gesichts ist wie todt,
pflegte er zu sagen, allein ich unterscheide es, oh man die Haut kneift
oder nur beruhrt. Ein Federbart wurde mehreremal in die rechte
Nasenhdhle eingebracht und umgedreht, oline alle Empfindung da-
von. Der Geruch war ungestort, desgleichen der Geschmack: der
Kranke versicherte in Belreff beider Zungenhalften keinen Unter-
ANASTHESIE DES QUINTUS.
221
schied zu bemerken. Auch hatte die Sensibilitat der Zunge auf kei-
ner Seite gelitten, dagegen die Backenschleimhaut der rechteu Seite
ganz unempfindlich war. Die Kaumuskeln der rechteu Seite waren
gelahmt. Der Mund stand nach der linked Seite hin. Bei der
Section fand man das Insertionsende des Quintus gelb, weich, atro-
phisch, des Markes verlustig. Das Ganglion Gasseri hatte an Yolumen
betrachtlich zugenommen und war von Ansehen und Consistenz der
Speckgewebe. Die Nervenfasern, die gewohnlich vom Ganglion zu
unterscheiden sind, waren ganz mit ihm verschmolzen. Der erste
Ast des Quintus mit seinen Zweigen war von rothlicher Farbe, wie
injicirt, und adharirte fest an der sehnigen Scheide innerhalb der Au-
genhohle. Der ram. maxillaris inferior erscbien von normaler Be-
schaffenheit nach seinem Austritte aus dem Kieferkanal. Der ram.
maxill. super, war am starksten verandert, verdickt, ziilie, steatoma-
tos wie das Ganglion; mehrere seiner Fasern hatten an Volumen be-
trachtlich zugenommen. Der rechte Sehnerv war vor der Kreutzung
nur ein Yiertel so gross' wie der linke, erweicht, von blasser roth-
licher Farbe, schleimiger Consistenz, des Markes verlustig. Auch die
Retina war erweicht, verdiinnt, braunlich, marmorirt. Ilinter der
Kreutzung war kein sichtbarer Unterschied zwischen beiden Seh-
nerven.
Abercrombie erzahlt folgenden, von seinem Freunde Alison
beobachteten Fall. (Pathol, and practical researches etc. 3 edit, 1836,
p. 424.J Der Kranke hatte Anasthesie in der linken Seite des Ge-
sichts, in der entsprechenden Nasenhohle und im Auge, Blutungen
von Zeit zu Zeit aus dem linken Nasenloche, und Schmerzen, von
Fieberbewegungen begleitet, in den gefuhllosen Theilen. Es stellte
sich haufig Entzi'indung des linken Auges ein, mit Triibung der Ilorn-
haut. Nach einigen Wochen bildete sich ein Entzundungskreis urn
die Cornea, die zu exulceriren anfing, wodurch die Augenfeuchtig-
keiten ausllossen. Die Kiefermuskeln der linken Seite waren gelahmt
und fiihlten sich beim Kauen und Schliessen der Kiefer schlaff an.
Die Bewegung der iibrigen Gesichtsmuskeln war ungestort. Nach
ANlSTHESIE DES QUINTUS.
009
Zerstorung ties Auges dauerten die paralylisclicn Zufiille nocli uber
ein Jalir fort: dann Iraten heftige Kopfschmerzen, Sopor und Tod
ein. — Bei der Leichenoffnung wurde ausser ciner betrachtlichen
Erweichung der Centraltheile des Gehirns folgendes gefunden: der
Quintus der linken Seite war in der Niihe des Ganglion Gasseri von
iiusserst dichter Consistenz. Hinter dem Ganglion zeigte er sich in
lioliem Grade atrophisch, und an seiner Vereinigungsstelle mit dem
Pons Varolii war niclits als ein membranoses Gewebe sichtbar.
In einem andern Falle (l. c. p. 42 5J fand Verlust des Gefiihls in
der linken Gesichtshalfte statt. Dann trat Entzundung und Schwa-
rung des Augapfels ein, und hierauf horte die Aniisthesie, nach halb-
jahriger Dauer, auf. Der Kranke litt vor und nach diesen Zuf alien
an heftigen Kopfschmerzen und epileptischen Krampfen.
4) Wo mit der Aniisthesie des sensibeln Gebietes des
Quintus die Energieen andrer in seiner Niihe gelegner
Hirnnerven b eeintrachtigt sind, befindet sich an der
Basis cerebri der leitungshemmende ArUass.
Wir sind an der letzten Station der peripherischen Bahn des Quin-
tus angelangt und treffen auch hier Criterien, die ihre Erkrankung
kundthun. Meistens wird der motorische Theil des Quintus, die Por-
tio minor, mit afficirt, wovon eine masticatorische Lahinung in der
entsprechenden Gesichtshalfte die Folge ist. Die successive Theil-
nahme andrer Hirnnerven, einzelner oder mehrerer, des Oculomoto-
rius, Facialis, Acusticus u. s. f. ist von der riiumlichen Ausbreitung
des Anlasses der Aniisthesie abhiingig. Die haufigsten Ursachen sind
Geschwiilste, fungose, tuberculose etc. (Vgl. Bell /. c. S. 312 — 315)
und Extravasate, blutige oder albuminose. Ein solches scheint in fol-
gendem Falle,, der einen gliicklichen Ausgang nahm, vorhanden ge-
wesen zu sein.
Im Moriat October 1830 meldete sich eine OOjahrige Frau nie-
dern Standcs bei mir, welche acht Tage zuvor wahrend des Scheu-
erns einer Stube bei olfnem Fenster, von heftigem Brauscn im linken
Ohrc und bald darauf von einer Geschwulst in der Niihe des Olirs
ANASTHESIE DES QUINTUS.
223
befallen wurde, wclche nach 24 Stunden wieder verging. Die Kranke
hatte das Anselien einer Hemiplectischen. Bei Untersuchung der Ge-
sichtsflache fand ich folgende Veranderungen : Mund und Nasenspitze
nach der recliten Scite verzogen, Ptosis des linken Augenlids, scldaf-
fes Herunterhangen der linken Backe, Unfahigkeit mit der linken
Lippenfuge etwas zu fassen und zu lialten, Ausfliessen des Speichels
an dieser Seite, Ausdruckslosigkeit der linken Gesichtshalfte beim
lauten Sprechen, Lachen, Weinen, womit die ungestorte Regsamkeit
der rechten einen auffallenden Contrast bildete, Misslingen des Ver-
suchs die linken Gesicbtsmuskeln durch Willensimpuls in Action zu
setzcn, mit Ausnahme des Masseter und Temporalis, die sich beim
Schliessen der Kiefer und beim Kauen eben so tliatig zeigten wie an
der rechten Seite. Ganzlicher Mangel des Gefiihls in der linken Ge-
sichtshalfte, scbarf begranzt von der Medianlinie; Kneifen, Stechen
mit einer Nadelspitze wurde gar nicht gefuhlt, weder auf der aussern
nocli inner n Backenfiache. Die linke Nasenhohle war unempfmdlich
gegen Kitzeln und Reiben mit einem gekerbten Federbarte, gegen
Vorhalten von Salmiakgeist. Die linke Zungenhalfte war ohne Ge-
fiihl und ohne Geschmack. Das linke Auge amblyopisch, so dass alle
Gegenstiinde wie in dichtem Nebel erschienen, die Pupillc erweitert
und unbeweglich, die Oberllache des Auges empfindlich gegen Be-
riihrung. Das linke Ohr war im Besitze des Gehors, doch von hef-
tigen Schmerzen befallen, welche aufwiirts nach Stirn und Schlafe
sich verbreiteten. Die Bewegungen der Zunge und der Rumpfglieder
gingen ungestort von statten. — Blutenlleerungen hinter dem Ohre
und purgirende Salze mit kleinen Dosen Tartar, emet. wurden in
den ersten Tagen der Kur angewandt. Dann liess ich ein Vesicato-
rium zwischen Warzenfortsatz und Kiefcrwinkcl legen und seclis
Wochen hindurch unterhalten. Schon nach vierzehn Tagen zeigte
sich der Anfang der Besserung, zucrst im Sehvermogen des linken
Auges, dann in der Beweglichkeit des Mundwinkels, wodurch die
Kranke wieder in Stand gesetzt wurde, den Spcichel im Munde zu
halteri und mit einiger Kraft auszuwerfen, hierauf in der Fahigkcit
m
ANASTHESIE DES QUINTUS.
das obre Augenlid etwas in die Ilohe zu lieben, am spatesten in der
Wiederkehr des Gefuhls, sovvohl auf der Aussenflache, und zwar von
der Peripherie nach dem Centrum bin, als auf der innern der Nasen-
und Mundhohle. Zuletzt verschwand der Schmerz im Ohre, unter
Hinzutritt von Fieberbewegungen und kritischen Schweissen. In der
Mitte Dezembers stellte sich mir die Kranke als genesen vor. Die
Beweglichkeit der linken Gesichtshalfte und mit ihr die Ausdrucks-
fahigkeit waren wieder hergestellt, desgleichen das Hautgefuhl, mit
Ausnahme zweier kleiner Stellen an der Nasenspitze und am Kinne.
II. Central e Anasthesie des Quintus.
Das physiologische Criterium ist : Norm der Leitung in gekreutz-
ter Richtung.
Das diagnostische Criterium: Gleichzeitige Theilnahme andrer Ner-
ven, sowohl sensibler als motorischer, des Gesichtes und des Rumpfes,
an der Leitungsunfahigkeit.
Ich habe in Muller’s Archiv fur Anatomie, Pbysiologie und vvis-
senschaftliche Medicin (Jahrg. 1838, S. 313) auf diese Anasthesie
als Begleiterin frischer Iiamorrhagieen des Gehirnes aufmerksam ge-
macht. Sie befalll den dritten Ast des Quintus in der dem Sitze des
Extravasats entgegengesetzten Gesichtshalfte : die halbe Seite des Kin-
nes und der Unterlippe, auf ihrer aussern und innern Fkiche, der in-
nere Theil der Ohrmuschel, die Haut der Schlafe und die Halfte der
Zunge sind ihres Gefiihles verlustig. Iliermit fand ich in den bisher
beobachteten Fallen Lahmung der Portio minor des Quintus verbun-
den. Der Kranke leidet an masticatorischer Gesichtslahmung und
vermag nur mit den Muskeln der andern Seite des Gesichls zu kauen.
Gleichzeitig nehmen der n. facialis, gewohnlich nur theilvveise, in
seinen Fasern des Nasendi'igels und der Oberlippe, der Ilypoglossus
und die Nerven der Rumpfglieder Theil, so class die Krankheit sich
als Iiemiplegie, mehr oder minder vollstandig, darstellt.
Die Norm der Leitung in gekreutzter Richtung findet nicht statt,
wenn der Sitz der Ursache, z. B. einer Geschwulst in den Central-
gebilden, von der Art ist, dass die Insertionsstatte des Quintus bethei-
ANASTHESIE DES QUINTUS.
225
ligt wird, z. B, in folgendem von Abercrombie (l. c. p. 425j an-
gefiihrten Beispiele. Ein Kranker war von Ilemiplegie der linken
Seite befallen, ohne Verlust des Gefiihls im Arm und Bein, wahrend
in der linken Gesichtskalfte sowohl Empfindung als Bewegung auf-
gehoben waren. Audi die linke Halite der Zunge war des Gefiihls
beraubt, bei Integrilat der Bewegung. Die Schleimhaut des linken
Nasenloches hatte bestandig eine dunkelrothe Farbe, und oft fanden
Blutausfliisse aus demselben statt Die Conjunctiva des linken Auges
injicirte sicli stark : darauf entstand Trubung und Ulceration der Horn-
haut, und zuletzt ganzliche Desorganisation des Auges. Der Ivranke
litt oft an Erysipelas der gelahmten Gesichtshalfte. Das linke Ohr
war taub. Kopfschmerzen waren geraume Zeit vorangegangen. Der
Tod erfolgte zwei Monate nach Beginn der paralytischen Symptome.
Bei der Section fand sich eine Geschwulst in der linken Halfte der
Varolsbriicke vor, welche das abtretende fiinfte und siebente Nerven-
paar gegen den Sckiidel driickte. Die Geschwulst war von der Grosse
einer Wallnuss, von fester Consistenz und brauner Farbe, und er-
streckte sich in das linke Crus cerebelli. -
Auf ahnliche Weise wie am Quintus miissen die Erscheinungen
im Gebiete andrer Hautnerven fur das Studium der Anasthesie auf-
gefasst werden, mit steter Riicksicht auf ihren peripherischen und
centralen Ursprung. Auch bei den altern Autoren wird man instruc-
tive Beispiele finden; um nur eins anzufiihren, in Morgagni’s
W erke de sedib. et cans, morbor. epist. L. arlic. 1 1 , wo durch ein gro-
sses Aneurysma der Art. crural, der Nerv. ischiadic, dergestalt erodirt
war, dass bloss mittelst ein Paar Fasern das obre Stuck mit dem
untern zusammcnhing. Das ganze Bein war der Bewegung und Em-
pfindung verlustig, mit Ausnahme der Geschwulst und des innern
Knochels, wo die heftigsten Schmerzen tobten (wovon der Grund wobl
darin zu suchen ist, dass der n. cruralis, der dorthin cutane Fasern
verbreitet, gereitzt wurde.) -
KJ-O-M
Ronibersj’s Ncrvenkrankli. I.
15
£. Gattiing.
Anasthesie der Muskelnerven.
Den sensibeln Muskelnerven kommt, wie (S. 85 u. 88) nachgewie-
sen worden, sowohl die Leitung des gewohnlichen Gefuhls zu, als der
eigenthiimlichen Empfindung von dem Zustande der Muskeln, von
ihrer Bewegung oder Ruhe. Demgemass driickt sich der pathische
Zustand aus, wie in den Hyperiisthesieen so auch in den Aniisthesieen.
Die Sensibilitat des Muskels wird zuweilen aufgehoben. Yelloly
hat einen Fall von Anasthesie beschrieben, (Medico-cliirurg. transact,
vol. Ill, p.dOJ wo eine Staarnadel tief in den Ballen des Daumens
eingestochen werden kounte, so dass sie durch die Muskeln hindurch
bis auf den Knochen drang, ohne dass der Kranke die geringste Em-
pfindung davon hatte.
Yerlust des specifischen Muskelgefuhls, die Kehrseite
des Schwindels, als dessen Grundzug Empfindung von Scheinbewe-
gung aufgestellt worden, kommt entweder in Verbindung mit Anae-
sthesia cutanea oder isolirt fur sich vor. Yon ersterem erzaldt Bell ein
Paar Beispiele. (Physiol, u. pathol. Enters, des Nervens. S. 189.) Eine
Kranke hatte durch eine Geschwulst, welche die Nerven innerhalb
der Augenhohle comprimirte, das Gefiibl im Auge und in den Au-
genlidern verloren, dagegen die Bewegung der letzteren frei behal-
ten, weil die sie vermitlelnden Fasern des n. facialis vom Drucke
nicht gelitten batten. Die Kranke war nicht im Slande zu sagcn, oh
ihr Augenlid geofihet oder geschlossen sei, allein auf Ycrlangen das
V
MUSKELANASTHESIE. 227
Auge zu schliessen, das bereits geschlossen war, agirte sie mit dem
Orbicularmuskel und kniff die Augenlider zusammen. Bei einer an-
dern Ivranken zeigt sich nach der Entbindung eine Abnahme der
Sensibilitat an einer Seite des Korpers, ohne entsprechende Schwache
der Motilitiit, so dass sie ihr Kind auf dem Arm dieser Seite so lange
halten kann, als ihre Aufmerksamkeit darauf gerichtet ist, allein so-
bald diese von dem Zustande des Armes abgelenkt wird, erschlaffen
allmahlig die Beugemuskeln, und man muss befurchten, dass sie das
Kind fallen lasst. Die Brustwarze nimmt ebenfalls an der Anasthesie
Theii, obgleieh die Milchabsondrung nicht schwiicher ist als in der
andern. Das Anschwellen derselben ist ihr nicht schmerzhaft. Sie
sieht das Kind saugen und schlucken, allein durch das Gefiihl wird
sie sich dessen nicht bewusst, was ganz deutlich in der gesunden
Brust der Fall ist. Auf der andern Seite ist das Bewegungsvermogen
geschwacht, bei ungestorter Sensibilitat. Der Arm ist ausser Stande,
das Kind zu tragen, der Griff der Hand ist kraftlos, das Bein kann
nur mit Miihe in Bewegung gesetzt werden, und schleppt beim Ge-
hen nach. Die Sensibilitat dieser Seite ist nicht nur ungeschwacht,
sondern die Kranke klagt anhaltend liber ein Gefiihl von Hitze, fiber
ein schmerzhaftes Ziehen und fiber eine ungewohnliche Empfindlich-
keit derselben gegen iiussern Druck und leichte mechanische Ver-
letzungen. -
Fasst man nur dergleichen Falle in’s Auge, so diirfte man leicht
geneigt sein, der Hautaniisthesie den Verlust des Muskelgefiihls bei—
zumessen : allein schon bei gesunder Beschaffenheit zeigt sich nach
Weber’s Untersuchungen (de pulsu, resorplionc, audilu et tactu p.
S9) ein erheblicher Unterschied in der Empfindung des Gewichts
der Korper, je nachdem man dasselbe lediglich mittelst des Gefiihls
lx;urtheilt oder indem man zugleich die Gewichte und Glieder, wo-
rauf sie ruhen, bewegt und in die Hohe liebt. Schwerere Gewichte
werden im ersteren Falle nicht genau von leichteren unterschieden :
— Ohs ervationibus illis probatur, mensionem p onderum
solo taclu factam plus quam duplo subtiliorem reddi,
15*
228 MUSKELANASTHESK.
si ad earn p erficiendam simul cocnaesthe sis musculorum
adhibeatur. In krankhafteri Zustiinden tritt die Sonderung des
Hautgefiihls von dem Muskelgefiihle deutlicher hervor. So konnte in
einera von Ollivier (Traile des maladies de la moelle epin. 3. ed.
T. 1, p. oOOj angefiihrten Falle der Kranke, dessen ganze rechte
Seite nach einer Commotion das llautgefuhl eingebiisst hatte, mit
der rechlen Hand das Gewicht der Korper gehorig bestimmen, und
der von Marcet beobachtete Arzt mit Anaesthesia cutanea der
rechten Seite war im Stande vollkommen gut den Puls eines Patien-
ten mit den Fingern der rechten Hand zu fiihlen und seine Fre-
quenz und Starke zu beurtheiien, obgleich er zur Untersuchung der
Hautwarme die linke Hand zu Hiilfe nehmen musste.
Isolirt, ohne Yerlust des Hautgefiihls, zeigt sich die Anaesthesia
muscularis, nach meiner Beobachtung, als stete Begleiterin der Tabes
dorsualis. Ein einfaches diagnostisches Experiment giebt davon die
Ueberzeugung. Man lasst den Kranken in aufrechter Stellung die
Augen schliessen: sofort tritt ein Schwanken des Korpers ein, und
nimmt dergestalt zu, dass derselbe, wenn man ihn nicht halt, um-
sinkt. Auch bei gestiitztem Rumpfe, beim Sitzen und Anlehnen an
den Riicken eines Stuhls ist bei geschlossnen Augen des Kranken
diese Erscheinung in demselben Grade bemerkbar, bis zum Herab-
gleiten vom Stuble. Schon von Anfang an macht sich in der Tabes
dorsualis mit Abnahme der Production motorischer Kraft diese Ana-
stbesie geltend, wird im weiteren Yerlaufe der Krankheit am bemerk-
barsten, und lasst sich nur gegen Ende, wo die Muskelscliwache der
Lahmung nahe kommt, nicht mehr unlerscbeiden. Die Augen sind
bei diesen Kranken die Regulatoren, gleichsam die Fublfaden der
Bewegung, dalier im Finstern, und wenn spater, was nicht selten
geschieht, Amaurose hinzutritt, die Unbehulflichkeit auf’s Aeusserste
steigt. Dabei bleibt die Ilaut, mit Ausnahme des letzten Stadiums,
cmpfmdlich, so dass die Klagen der Kranken, als befiinde sich beim
Gehen oder Stehen zwischen der Sohle und dem Fussboden ein das
Gefuhl dampfender Korper, z. B. eine Schicht Wolle, ebenfalls auf
MUSKEL ANlSTHESIE.
229
die Abnahme des Muskelgefuhls bezogen werden miissen. Aehnliche
Ersckeinungen zeigen sich, wenn auch seltner, an den obern Extre-
mitaten, und Bell erzahlt von einem seiner Kranken, dass er es deut-
lich fuhlte, wenn man die Finger seiner rechten Hand beruhrte, al-
lein schloss man sie, wahrend man ihn die Augen abwenden liess, so
hatte er kein Bewusstsein von ihrer Stellung, so dass er bei der Ex-
tension aussagte, sie waren gebogen.
Wir lernen in der Muskelanasthesie einen Grund fur den Fall des
Korpers kennen, und es diirfte nicht ohne Interesse sein, auch die
andern Anlasse dieser Erscheinung in Nervenkrankheiten zu erwah-
nen. Ich unterscheide das paralytische Fallen, das convulsivische, und
das Fallen durch Yerlust des Gleichgewichts- und Muskelgefuhls.
Bei dem ersteren sinkt der Mensch nach der Seite um, wo der Wi-
derstand aufgehoben ist, z. B. in der Hemiplegie nach der gelahmten
Seite. Bei dem zweiten stiirzt er dorthin, wo der motorische Impuls
hintreibt, sei es nach vorn oder hinten, oder nach einer Seite, wie in
der Epilepsie: bei beiden ist zugleich die Richtung des Falles nach
einer Seite ein diagnostisches Criterium fur den Sitz der Krankheit
in der entgegengesetzten Hemisphere des Gehirns. Endlich, wo die
Empfmdung des Gleichgewichts und iiberhaupt des Muskelzustan-
des aufgehoben istr erfolgt das Hinfallen nur nach dem Gesetze der
Schwere.
i
3. Gattung.
Aniisthesieen des Nervus Vagus.
Je nachdem die respiratorische oder die gastrische Bahn des Vagus
Sitz der Anasthesie ist, giebt sich eine Verschiedenheit der Symptome
kund.
Die respiratorischeAnasthesie charakterisirt sich durch Un-
empfindlichkeit der Luftrohre und durch Mangel des Athemtriebes. Die
Folge und der Maassstab fur beide ist Abnahme der respiratorischen
Reflexbewegungen.
In der asphyctischen Form der asiatischen Cholera habe ich zuerst
die Unempfindlichkeit der Luftrohre beobachtet, als ich durch den
Mangel des Hustens bei fast alien diesen Kranken aufmerksam ge-
macht einen Versuch anstellte, den Husten durch scharfe Dampfe
hervorzubringen. Sie athmeten jedoch die Dampfe des Acidum ben -
zoicurn ohne alle Empfindung und ohne Hiisteln ein, wahrend es die
Umstehenden wegen unangenehmen Gefiihls und steten Reitzes zum
Husten nur wenige Augenblicke aushalten konnten. (Vgl. meine Be-
merkungen iiber die asialische Cholera, in Hufeland’s Journ. der
pract. Heilk. Februarheft 1832.) Auch in der letzten Epidemie (1 837)
habe ich den Versuch bei mehreren Kranken mit demselben Resul-
tate wiederholt. Ob die in den Lungen stockende Blutbewegung und
Oxydation hieran Antheil hat, lasse ich dahingestellt sein jedenfalls
bietet dicse Anasthesie eine interessante Parallele mit der Klanglosig-
ANASTHESIEEN des vagus.
231
keit der Stimme (vox cholerica) dar, und in vorkommenden Fallen
von Aphonie durl'te die Priifung auf Unempfmdlichkeit der Luftrohre
nicht vernachlassigt werden. — Die centrale Aniisthesie des Lun-
gen-Yagus wird in Krankheiten des Gehirns, apoplectischen u. a.,
dfters beobachtet, daher die Gefahr beim Aufhoren des Hustens in
bestehenden Lungenaffectionen.
Ausser der gewohnlichen Sensibilitat, die auch zum Schutze des
Eingangs der Luftwege dient, kommt dem Vagus auf der respiratori-
schen Fliiche noch eine specifische zu: die Empfindung des
Athembediirfnisses. (Vgl. S. 107.) Wird diese in ihrer Leitung
und Perception unterbrochen, so kann Luftmangel ohne Athemtrieb
stattfinden, wovon folgendes Beispiel zur Erlauterung dienen mag.
Am 10. Mai 1837 wurde ich zu Otto H., einem zweijahrigen
Kinde, gerufen, welches nachAussage seiner Eltern seit einigenWo-
chen an Husten und rasselndem Athem gelitten haben soli. In den
letzten acht Tagen wurde von Zeit zu Zeit ein eigner krahender Ton
horbar, und ein hinzugerufener Praktiker hatte in der Yoraussetzung
von Croup Blutegel und Calomel verordnet. Ich fand das Kind mit
bleichen Wangen und kiihler Temperatur im Bette liegend, von ras-
selndem Athem und Luftmangel befallen, ohne dass sich im Gesicht
der Ausdruck der Angst kundgab, in kurzen Ansatzen, mit feinem
krahendem Tone hustend, und fieberlos. Ein Druck auf Kehlkopf und
Luftrohre vermehrte zwar den Luftmangel, hatte aber keinen ver-
starkten Husten zur Folge. Percussion und Auscultation ergaben
nichts Abnormes. Die aufrechte Haltung des Kopfes und Halses
wurde ohne Beschwerde ertragen. Das Bewusstsein war frei, die
Schlingfahigkeit ungestort. Die Frage, ob mit dem Husten ein hiiu-
tiger oder eitriger Ausw-urf erfolge, wurde verneint. Auch hatte man
keine Neigung zum Hinteniiberhiegen des Kopfes bemerkt, so wie
ich selbst weder in den Nasenflugeln, noch in den Sternoclcidomastoi-
dei, noch im Zwerchfell irgend eine verstarkle Action wahrnahm.
Ich hatte den letzten Abschnitt einer wichtigen Krankheit vor mir,
dcren Deutung urn so sclnvieriger war, weil ich nicht Zeuge ihrer
232
anAsthesieen des vagus.
Entwicklung gewesen. Am meisten fiel rnir der Widerspruch auf
zwischen Lultmangel und fehlendem Gefuhle des Luitmangels, womit
die Abwesenheit aufgeregter Action in den inspiratorischen Muskeln
ubereinstimmte. Aehnliches hatte ich niemals zuvor bei Croup, Bron-
chitis oder Herzkrankheiten beobachlet, so lange des Kranken Fa-
higkeit zur Empfindung noch vorhanden war. Ja, im Croup erscheint
mir stets als wesentlicher Zug die aufgeregte Action sammtlicher in-
spiratorischer Muskeln, und aus den gewaltsamen Bewegungen der Na-
senflugel entnehme ich ein zuverlassigeres Criterium als aus den To-
nen desllustens. In diesemFalle fehlten die sturmischen Bewegungen
der Nasenflugel, der Sternocleidomastoidei, des Diapbragma, es fehlte,
bei freiem Bewusstsein, auch der Gesichtsausdruck empfundner Be-
klemmung, und dennoch waren die Merkmale eines gestorten Ein-
trittes der Luft unverkennbar. Von der Section erwartete ich Auf-
schluss, und sie gab ihn mir. Unter steigendem Lultmangel und lau-
terem Rasseln des Athmens erfolgte 24 Stunden, nachdem ich das
Kind gesehen, der Tod.
Kehlkopf und Luftrohre zeigten keine Spur von Injection oder
Exsudat: die Schleimhaut hatte ein blasses Ansehen. In den Bron-
chien, deren Stiimme und Aeste in die Lungen hinein verfolgt wur-
den, war serose schaumige Fliissigkeit in massiger Quantitat vorhan-
den. Die Lungen enthielten mehr davon und von rothlicher Farbe.
Auf beiden Seiten war der Vagus in seinem Laufe am liaise derge-
stalt von angeschwollnen, mit Tuberkelstoff und Eiter impriignirten
Saugaderdrusen (Gltmdulae concalenatae s. jugulares) umgurtet und
comprimirt, dass er an einigen Stellen sichtbarlich abgeplattet war.
Einzelne unter diesen Driisen batten den Umfang kleiner Kirschen.
Nur bei gehemmter Leitungsfahigkeit beider Vagi liort die Em-
pfindung des respiratorischen Bedurfnisses, der Athmungstrieb, auf:
denn die Unterbrechung auf einer Seite hat vielmehr Anfiille von
Beklcmmung und Asthma zur Folge, wovon das N a here in der Lehre
der Motilitiit-Neuroscn.
Diese pathologischen Beobachtungcn, deren Zalil bei gescharfter
anAsthesieen des vagus.
233
Aufmerksamkeit auf den Gegenstand zunehmen wird, bieten eine
Uebereinslimmung mit den Expcrimenten an lebenden Thieren dar,
welclie von Brae bet, Astley Cooper und in neuester Zeit mit
grosser Genauigkeit von Arnold angestellt worden sind. Brachet
fand nach Durchschneidung beider Vagi, nachdem die Tracheotomie
zuvor gemacht worden, die Luftrohre eines Hundes in einem solchen
Grade unempfindlich, dass die Beruhrung fremder Korper, selbst eini—
.ger Tropfen Salzsaure, ohne alle Beschwerde ertragen wurde. Yon
noch grosserem Interesse ist folgender Yersuch, wofern er sich bei
der Wiederholung bestatigt. Bringt man einen jungen Hund unter
eine mit atmospharischer Luft gefullte Pumpe, so athmet er anfangs
leicht, bald darauf schneller und sehwerer : er hebt den Kopf in die
Hohe, sperrt Nasenlocher und Maul weit auf, immer muhsamer wird
der Kampf, und der Tod erfolgt asphyctisch. Schneidet man dagegen
ibeide Vagi durch, macht die Tracheotomie, und setzt den Hund unter
(die Luftpumpe, so athmet er eben so frei, als ware er nicht gesperrt,
lund stirbt nach lJ2 — 3/4 Stunden ohne alien Kampf. Dasselbe findet
ibeim Einathmen des Azots statt, nur dass der Tod schneller, schon
ibinnen einigen Minuten, erfolgt. ( Brachet , recherches experimentales
>sur les fonctions du systeme nerveux ganglionaire. p. 157.) Nach
Astley Cooper ( Some experiments and observations on tying the
c carotid and vertebral arteries , and the pneumo gastric, phrenic et
s sympathetic nerves in Guys Hospital reports vol. I. p. 457) nimmt
( die Zahl der Athemziige nach Unterbindung beider Vagi betracht-
ilich ab, von 135 Ziigen auf 48. Arnold bat dies bestatigt und
i nimmt an, dass in Folge davon die Bildung des Blutes leidet, die Warme
des Korpers sich vermindert, das Blut in dem Herzen, den Lungen
#
und in den grossern Gefassen sich anhauft, die Herzcontractionen
'^rlahmen, und allmahlig der Tod der Suffocation eintritt. (Bemer-
kkungen uber den Bau des Ilirns und Riickenmarks etc. S. 1G7.)
Analoge Erscheinungen zeigen sich bei Aniisthesie des gastri-
ichen Vagus. Es wird sowohl die Sensibilitat des Magens als das
mit dem Nahrungstriebe verbundne Gefuhl beeintraebtigt; die
234
ANAS TI1ESIEEN DES VAGUS.
\
Empfindung von Anfiillung des Magens durch genossne Speisen, das
Gefuhl von Sattigung geht verloren. Nicht bloss Thiere sah man nach
Durchsclmeidung des Vagus ihren Magen dergestalt mit Nahrungs-
stoffen ausdehnen, dass fast die ganze Bauchhdhle davon angefiillt
wurde (Le Gallo is, experiences sur le principe de la vie. Paris
1812. p. 215), auch beim Menschen hatte man in einem Falle von
Atrophie und Desorganisation beider pneumogastrischen Nerven Ge-
legenheit nebst andern charakteristischen Merkmalen eine solche
scheinbare Gefrassigkeit zu beobachten. Der Kranke mochte noch so
viel Speise zu sich nehmen, er fiihlte niemals ein Vollsein des Ma-
gens, und bis zum letzten Augenblicke blieb der Magen in demselben
Zustande von Unbefriedigtsein und Empfindungslosigkeit. ( Swan
a treatise on diseases and injuries of the nerves, new edit. London
1834. p.\7 0.)
-c r
4. Gattuiig.
Anasthesieen der Sinnesnerven.
I.
Anaeatliesla optica.
Amaurosis, schwarzer Staar.
Experimentelles. Die Durchschneidung des Sehnerven ist am
llebenden Thiere schmerzlos und hat vollkommne Blindheit zurFoIge.
IDie Pupille, die wahrend des Durchschneidens sich zusammenzieht,
eerweitert sich hald darauf. Niemals stellt sich, wenn auch das Leben
langre Zeit erhalten wird, das Sehvermogen wieder her. ( Valentin ,
(de function, nerv. cerebr. etc. p. 12.)
Die Wegnahme einer Hemisphare des grossen Gehirns bewirkt
i Blindheit des Auges der entgegengesetzten Seite, die Wegnahme
ibeider Hemispharen Blindheit beider Augen. (Flour ens.) Nach
'Magen die’s Versuchen, die von einigen widersprochen, jedenfalls
iaoch der Bestatigung bediirfen, verliert auch, nach Durchschneidung
( les Quintus in der Schadelhohle, das Auge der Seite, auf welcher
•der Versuch angestellt worden, das Sehvermogen. Diese Blindheit
sioll sich von der des Sehnerven dadurch unterscheiden, dass beim
lEinfallen der Sonnenstrahlen in die Pupille die Augenlider sich schlie-
hsen, was nach Durchschneidung des Opticus niemals der Fall ist.
Mag endic, lemons sur les fonctions et les maladies du systeme ner-
)eux. T. II. p. 38, 254 u. a. St.)
236
ANASTHESIE des seiinekven.
Abnahme und Verlust des Sehvermogens durch Anasthesie des
Sehnervengebildes ist der BegrifF der Amaurose.
Der Mensch sieht bei hellem Lichte die Gegenstande undeutlich,
wie in Schatten oder Nebel gehiillt, und kann weder durch Anstren-
gung noch durch Hiilfe kiinstlicher Mittel zu einer grossern Deut-
lichkeit gelangen. Die Umrisse der Gegenstande erscheinen nicht
bloss undeutlich, auch unterbrochen und dadurch verunstaltet. Die
Flamme des Kerzenlichts ist wie zerrissen; es fehlen beim Lesen ein-
zelne Silben, Worte oder Zeilen, und der Kranke muss sie mit dem
Auge, durch Bewegungen und Stellungen des ganzen Korpers nach-
suchen. Zuweilen wird bloss die obre oder untre, die rechte oder
linke Halfte, die Peripherie oder Mitte des Gegenstandes gesehen ;
zuweilen ist der Verlust des Sehvermogens noch partieller, beschrankt
auf eine oder mehrere Stellen von geringem Umfange und verschie-
den gestalteten Conturen. Die Beispiele kommen auch vor, wo der
Gegenstand nur dann erblickt wird, wenn er sich in einer bestimmten
Richtung zu dem Auge befindet, und bei der geringsten Bewegung
des Auges oder Kopfes sofort verschwindet. Die Fahigkeit Farben zu
unterscheiden geht nicht selten verloren.
Auf dieser Stufe wird die Krankheit Amblyopia genannt. Er-
lischt die Sehempfindung ganz, so wird ihr der Name Amaurosis
zu Theil.
Dem Eintritte der Amaurose gehen haufig Phanomene der opti-
schen Hyperasthesie voraus, ( Photopsia , Chromopsia) welche auch in
vielen Fallen die schon entwickelte Krankheit begleiten. (Vgl. den
von Johnson beobachteten Fall S. 112.)
Mit diesen Merkmalen der Anasthesie des Sehnerven verbinden
sich Erscheinungen, die von der Theilnahme andrer in und am Auge
befmdlichen Nerven abhangig sind. Dahin gehort die gestorte Be-
weglichkeit und Configuration des freien Irisrandes. Die Pupille is!
slarr oder mehr oder minder beweglich, verengt oder erweiterl,
rund oder winklig, eekig, verzogen, in horizontaler oder senkrechter
Stellung. Der Stand des Augapfels weicht von der Sehaxe ab, last
anasthesie des sehnerven.
237
immer nach aussen. Die Gefasssphare und die Ernahrung des Auge9
uberhaupt wird nicht selten beeintrachtigt. Varicositiiten, veranderte
Form und Consistenz des Bulbus, grunlich-schillernde Tr'tibung im
Grunde des Auges machen sich bemerkbar.
Scholion. Yorn physiologischen Standpunkte aus lasst sich iiber
mehrere Phanomene der optischen Anasthesie Rechenschaft geben. So
vvie bei der Hautaniisthesie die Schmerzen nach dem Gesetze der
jxcentrischen Erscheinung, so sind in der optischen die Lichtempfin-
ilungen bei erloschner Energie des Sehnerven zu deuten. Man muss
;ich hiiten sie fiir wirkliche Sehempfindungen zu nehmen, vvorin sich
lie Kranken zu ihrem grossen Leidwesen oft tauschen.
Die Unbeweglichkeit der Pupille riihrt, wo sie in der Amaurose
orhanden ist, von dem unterbrochnen Cyclus der Reflexaction her,
lie uberhaupt die Beweglichkeit des freien Irisrandes bedingt. Das
:ine Glied in der Kette, die Leitungslahigkeit des Opticus, ist
' erbrochen, und so kann der Refleximpuls auf den n. oculomotorius
nicht mehr stattfinden. Nur muss der Umstand beobachtet werden,
i ass bei Amaurose eines Auges der Reflexeindruck von demNerven
i es gesunden Auges die Pupille des kranken zusammenzieht, daher
s die diagnostische Technik erfordert, bei Pr'ufung eines amauroti-
• chen Auges das gesunde schliessen zu lassen.
Die motorische Synergie des Sehnerven, worauf Stromeyer und
'ale n tin (/. c. p. 20 §.146) aufmerksam gemacht haben, und von
welcher der Stand des Augapfels abhiingt, ist in der Amaurose beein-
rachtigt: daher die Abweichung von der Sehaxe.
Das Verhaltniss zwischen Gefuhlsnerv und Sinnesnerv des Auges,
welches bereits bei der Neuralgia ciliaris angedeutet worden, (S. 59)
t in der optischen Anasthesie dreifacher Art : die Energie der sen-
i beln Ciliarnerven, welche sich sowohl durch Empfindung als
urch Reflexeinfluss *) auf die motorischen Ciliar- und andre Nerven
*) Es ist bekannt, dass auch das Einschlurfen kallcn Wassers in die Nase und
1 c Retupfung der Conjunctiva mit Hollcnstein die Pupille contrahirt. ( Larrey ,
inique chirurgicale T. I. p. 427.)
238
anasthesie des seiinerven.
oflenbart, ist entweder normal oder gesteigert odor erloschcn. Jm
ersteren Falle dauert die Reaction gegen das Licht, zumal dessen
Warmestrahlen, als Reitzpotenz fort. Valentin (/. c. p. lit Not. 1)
erwahnt eines von Guttentag beobacliteten Knaben, der nach
einem Nervenfieber aul beiden Aiigen amaurotisch geworden war.
Die Iris blieb unbeweglich beim Einfallen der Lichtstrahlen, selbst
der durch ein Brennglas aufgefangnen Strahlen der Mittagssonne, da-
gegen die Pupille sofort sich zusammenzog, wenn die Kerzenllamme
oder ein andrer heisser Korper dem Auge so nahe gebracht wurde,
dass die Thranen llossen und die Gefasse der Conjunctiva strotzten.
— Beispiele von Hyperasthesie der Ciliarnerven, von schmerzhafter
Liehtscheu, so dass die Pupille sich zusammenzieht und die Augen-
lider schliessen, sind zwar selten bei Amaurotischen, kommen jedoch
Yor. Am haufigsten zeigt sich Anasthesie der Ciliarnerven : die Er-
regbarkeit fur das Licht als Gefuhlsreitz ist ganz erloschen, so dass der
Erblindete die Sonnenstralden mit seinem Auge auffangen kann, ohhe
davon schmerzhaft affizirt zu werden, eine auch beim arthritischen
Glaucom haufige Erseheinung, welche man gewohnlich Lichthunger
nennt, weil man wahnt, der Blinde suche das Licht, um sehen zu
konnen. Bei den Thieren, deren Quintus in der Schadelhohle durch-
schnitten worden, kounte Magendie ein rolhgliihendes Eisen
dicht vor dem Auge halten, ohne dass Blinzeln erfolgte, wahrend
beim Einfallen des Sonnenstrahls die Augenlider augenblicklich sich
schlossen.
Diagnose. Die optische Anasthesie, der Verlust der Reitzbarkeit
und Leitungsfahigkeit des Sehnerven, muss unterschieden werden von
dessen Unthatigkeit. Unvollkommenheit und Scbwache der Sehkraft
ist die Folge von Nicht'ubung der optischen Energie: bei sehr vielen
Menschen ist ein Auge fortwahrend in diesem Zustande, und in noch
hoherem Grade, zur Amblyopie gesteigert ist es bei dem schielenden
Auge der Fall. Tritt die Nothwendigkeit zur Uebung ein, z. B. bei
Erkrankung des andcrn Auges, so hort die Schwachsichtigkeit auf,
oft ausserst schnell, wie man sich bei der von Dieffenbach mit dem
grbssten Erfolge eingefiihrten Operation des Schielens zu uberzeugen
anAsthesie des sehtnerven.
239
\
Gelegenheit hat. Schwieriger ist die Unterscheidung, ob der Verlust
des Sehvermogens von wirklicher Aniisthesie oder von einer bloss
verhinderten Aeusserung der noch vorhandnen Energie der Retina
durch Exsudate, durch Undurebsichtigkeit des Glaskorpers etc. her-
rubrt. Ein physiologisches Criterium scheint mir hier beachtungs-
werth zu sein. Der Sehnerv giebt die Empfindung seines ruhenden
Zustandes als Dunkel zu erkennen. Wo seine Leitungsfahigkeit ver-
nichtet ist, kann auch kein Gefiihl seiner Ruhe, des Dunkels, mehr
stattfinden, dagegen dieses bei bloss gehemmter Aeusserung seiner
Thatigkeit noch fortdauern wird. Daher der Unterschied in der Em-
ipfindung Erblindeter: einige verzweifeln iiber die sie umhiillende
Nackt, andre sind gliicklicher daran, die den Verlust der optischen
i Energie nur als Liicke des Sehfeldes gewahr werden. Auch sind
'Versuche mit Druckfiguren am amaurotischen Auge anzustellen, deren
Alisslingen ebenfalls einen Beweis von der optischen Unerregbarkeit
igeben wiirde.
Die von partiellen Aniisthesieen abhangigen Nebelflecke, schwarze
IPunkte, sollen sich nach Valentin (/. c. p. 16 §.32) von den durch
Uleine Exsudate, Varicositaten etc. bedingten dadurch unterscheiden,
lass sie in den subjectiven Lichtbildern unveriindert wie ein gelber
IFleck bestehen, wiihrend diese verschwinden. Man begreift diese
mrtiellen Anasthesieen gewohnlich mit unter dem Namen mouches
nolanles: allein die letzteren sind wohl nur Bilder von Gegenstanden,
lie im Innern des Auges selbst befindlich auf die Retina einen Schat-
en werfen, und sowohl absolut als relativ zum Auge beweglich sind
Vgl. Muller Iiandb. der Physiol. 2. B. S. 393), dagegen jene an
und fi'ir sich eine unverruckte Stellung im Sehfelde behaupten.
Die Amaurose hat einen peripherischen oder centralen Ursprung.
\ /eranderungen des Opticus von der Netzhaut bis zur Insertions-
i telle im Gehirne konnen Anlass der peripherischen Amau-
ose sein, mogen sie in der Nerveysubstanz sich entwickeln oder von
i en Umgebungen ausgehend die Leitungsfahigkeit vernichten.
Das reinste Bild der peripherischen Amaurose giebt die trauma-
ische, z. B. durch Commotion des Augapfels entstandne (Vgl.
240
ANASTIIESIE DES SEHN ERVEN.
Jiingken, die Lehre von den Augenkrankheiten. 2. Aufl. S. 780
u. 82 G). Das Sehvermogen ist nach der Verletzung plotzlich geschwun-
den, theilweise odor ganz. Feurige, blitzahnliche Erscheinungen zei-
gen sich. Der Blick des Auges ist stier: oft ist Strabismus vorhanden.
Die Iris ist unbeweglich, die Pupille erweitert und gewohnlich ver-
zogen, zuweilen ganz nach einer Seite hin, so dass ihr Rand dicht am
Hornhautrande liegt und es auf den ersten Blick ersclieinen mdchte,
als i'ehle die Iris dort ganz.
Die Verletzung, sei es Erschiitterung, Zerrung, Quetschung, hat
den Augapfel selbst oder seine Umgebung getroffen. Hierbei wird
ein besondres Gewicht auf die Supraorbital-Gegend gelegt, und eine
Sympathie zwischen n. supraorbitalis und opticus angenommen. Schon
aus Hipp ocrates Schriften und einem commentirenden Programme
Platner’s: cle vulneribus super ciliis illalis, cur coecitatem infer ant,
ad locum Hippocratis etc. citirte man die Gefahr der Erblindung bei
Verwundungen jener Region. Der beriihmte Ophlhalmolog Beer
schrieb gradezu der Affection des Stirnnerven diejenige Amaurose
zu, die sich spater nach der Verletzung bei schlechter Narbenbildung
einfindet, und will sogar dieselbe in zwei Fallen durch starke bis auf
den Knochen dringende Einschnitte in der Nahe des foram. supra-
orbit ., wodurch die gezerrten Filamente des Nerven durchschnitten
wurden, geheilt haben. Allein Beer war, wenn auch sehr strenge
gegen Andre, es nicht immer gegen sich selbst, und sein Naclifolger
Jiiger hat unsern Professor Muller bei seiner An wesenheit in W ien
versichert, dass Beer’s Phantasie hierjn wohl etwas zu gefallig war.
Urn hieruber in’s Klare zu kommen, habe ich vor mehreren Jahreu
an einer Ziege einen Versuch mit Unterbindung der aus mehreren
Oeffnungen im Stirnhein hervordringenden Zweige des Supraorbital-
nerven angestellt, allein es zeigte sich keine Spur von Amaurose, und
das Thier starb ein Paar Wochen darauf an einer Hiriierweichung.
Am G. Juni 1839 hatte Professor Hertwig die Gefiilligkeit den
Versuch an einem Pferde in der Thierarzneischule zu wiederholen.
Zuvor iiberzeugten wir uns von der Integritat der Sehkraft beider
anAsthesie des seiinerven.
241
Augen. An der rechten Stirnhalfte wurde der N. supraorbitcilis bloss-
gelegt. So oft er mit der Spitze der Lancette gereitzt wurde, trat
Iebhafte Scbmerzempfindung ein, kundgethan durch Auffahren des
Kopfes und Rucke des ganzen Korpers. Gleichzeitig erfolgte starkes
Blinzeln, Schliessen des Auges und vermehrter Thranenerguss. Auf
die Pupille hatte die Reitzung des Nerven keinen Einfluss: sie behielt
unverandert dieselbe Stellung und Grosse bei, und verbielt sich ganz
'So wie am linken Auge. Darauf wurde die Ligatur angelegt, unge-
fahr drei Linien oberlialb des Austritts des Nerven, und der Faden
fest zugeschniirt. Weder im Sehvermogen noch in der Pupille zeigte
'sich eine Veranderung. Der Thranenerguss dauerte fort. Es wurde
(zu einem andern Zwecke) das Centralstuck des Nerven mit bulyr.
anllm. betupft. — An den folgenden drei Tagen zeigte sich keine
Veranderung. Am 4. und 5. Tage war das rechte Auge halb ge-
'schloss'en: das untre Augenlid sehr angeschwollen, odematos: eine
.grosse Menge Thranen ergoss sich bestandig, lief aus dem innern
Augenwinkel und aus dem rechten Nasenloche fiber dieBacke herab.
IDie Pupille verhielt sich normal. Die lntegritat des Sehvermogens
:gab sich zu erkennen, sobald man dem Pferde von hinten mit dem
\Stocke oder vor dem Auge mit dem Finger drohte: doch waren alle
IBewegungen triige, und ein gewisser Stupor war unverkennbar, auch
i n der gesenkten Ilaltung des Kopfes. Am 7. Tage wurde das Pferd
i on heftigen Convulsionen befallen, und lag in Agone. Das Seliver-
i nogen war jetzt erloschen, und eine bedeulende Menge dicker zalier
1 rlussigkeit lloss aus dem Auge. — Ein Paar Stunden nacli dcmTode
1 vurde die Untersuchung von Professor Gurlt vorgenommen. Der
■ i. supraorbitalis war vollstiindig von der Ligatur gefasst; die mit
Gpiessglanzbutter betupfte Stelle war mortificirt, von grauer Farbe
ind weicher Consistenz. Jenseits derselbcn war der NerY in seinem
.aufe durch den Schiidel vollkommen normal, und weder an dem
ibrigen Theile des Quintus noch im Gebirne selbst Hess sich irgend
ine krankhafte Veranderung auffinden.
Audi Vicq d’Azyr bat, wie ich spater ersehen babe, ahnliche
Romberg’s Nervenkrankh. I. 10
N
242
anAstiiesie des seiinerven.
Experimcnto angcstellt, nachdem cr bei einem jnngen Manne in Folge
eines Rappirstosscs auf den Supraorbitalrand, wodurch der Stirnnerv
wie zerhackt und durchschnitten wurde, eine allmahlig eintretende
vollstandige Amaurose beobachtet hatte. Es wurde an melireren
Quadrupeden der Nerv gestossen, gestochen, zerrissen, gequetsclit,
durchschnitten — bei keinem einzigen war Blindheit die Folge; nur
zuweilen zeiglen sich Zuckungen des Auges und starkerer Thranen-
erguss. ( Histoire de la societe royale de medecine , Annee 1 7 7 G. Paris
1 779 p. 316.)
Endlicb fiihre ich den Ausspruch meines vielerfahrnen Freundes
Jiingken an, dass er niemals etwas Aehnliches wie Beer gesehen,
sondern in solchen Fallen die Amaurose lediglich als Folge von Com-
motio bulbi oder gleichzeitiger Yerletzung des Gehirns beobachtet
habe.
Die Entziindung der Retina, welche nur selten isolirt vor-
kommt, meistens in Yerbindung mit Entzundung andrer Gebilde des
Auges, bat die stiirksten Photopsieen zur Begleitung, die schnell zu-
nehmen, wiihrend das Sehvermogen mit jedem Augenblicke schwin-
det. Der Verlauf ist sehr rasch, von 24 — 48 Stunden.
An der Grundflache des Schadels und Gehirnes wird die Leitungs-
fahigkeit des Sehnerven hauptsachlich durch Geschwiilste und Extra-
vasate aufgehoben, in seltneren Fallen auch durch Yerletzungen, die
durch die Augenhohle eindringen, wovon Larrey ( Clinique chirur-
gicale T. I. p. 177) einen merkw'urdigen Fall mitgetheilt hat:
„Ein Fiiselir der alten Garde wurde beim Rappiren am rechten
Auge vcrwundet, indem das Rappir zerbrach, und die Spitze unter
der Augenbraue und an der innern Seite der Orbita, durch das
Augenlid hindurch tief in den Schadel, in einer schiefen Richtung
von recbts nach links und von vorn nacli hinten, eindrang. Die ersten
Zufalle waren heftige Scbmerzen in der linken Seite der Stirn, ein
Gefuhl von Erstarrung in der rechten KorperhalUte und leichte Zuk-
kungen der Gesichtsmuskeln, jedoch ohne'Yerlust des Bewusstseins.
Raid darauf trat Hemiplegic ein, besonders des Arms, mit Integritat
AINA STHE SIE DBS SEIIINERVEN.
243
des Gefulils. Der Puls liatte 45 Schliige, das Athmen und Schlingen
war erschwert; mit Miilie konnte der Kranke einige Worter articu-
liren. Hartnackige Verstopfung und Harnverhaltung. Schwindel bei
der geringsten Cewegung und Anwandlung von Ohnmacht. Am 1 9.
Tage Nachlass der Hirnsymptome, mit Ausnahme der Hemiplegie.
Mit dem rechten Auge sail der Verwundete, bei ruhiger Haltung
des Kopfes, nur die horizontale Halfte der in der Sehaxe befindlichen
Gegenstiinde; wandten sich dieselben von der Sehaxe einwarts, nach
der Nase hin, so enthiillten sie sich allmahlich, und der Kranke sail
sie vollstandig, dagegen wenn sie nach aussen, nach dem Schlafewin-
kel, ihre Richtung nahmen, so verschwanden sie auf dieselbe Weise.
Die Pupille dieses Auges hot weder in Gestalt noch in Beweglichkeit
eine Yeriinderung dar. Drei Monale nach der Verwundung erfolgte
der Tod. — An der innern Seite des Augenhohlentheils des Stirn-
beins, in der Niilie der Fossa ethmoid, land sich ein drei Linien gro-
sses Loch, an welchem eine diinne Schicht Cortikalsubstanz anklebte.
Der entsprechende Punkt des Gehirns zeigte an dieser Stelle einen
gleich grossen Ausschnitt, von wo aus ein Kanal semen Anfang nahm,
welcher sich oberllachlich nach dem innern Rande der Spitze der
i rechten Hemisphere hinwandte, indem er liber den Olfactorius der-
selben Seite wegging. Er drang zwei Linien tief in die linke Hemi-
sphare ein, nachdem er iiber den linken Sehnerven und iiber die
Wurzel des rechten seinen Weg genommen hatte. Diese Wurzel
war durch das Rappir an ihrem Ursprunge und unterhalb der arle-
ria cerebri anterior verletzt worden, welche letztere an dieser Stelle
sehr erweitert war. Die Spitze des Rappirs war an der untern Wand
des Seitenventrikels, sehr nahe an dem linken crus cerebri, stehen
.geblieben. Der schiefe Kanal von 2^ — 3 Zoll Liinge war mit einem
IBlutgerinnsel ausgekleidet. Eiterung war nirgends vorhanden.“ —
So wie in diesem Falle die Amaurosis dimidiata durch Verletzung
des aussern Theils der rechten Wurzel des Opticus entstanden war,
mid einen Beweis davon gieht, dass von den Fasern der Sehnerven-
wurzel itn Chiasma der aussere Thcil an derselhen Seite fortgeht, so
16*
244
ANASTIIESIE DES SEHNERVEN.
konnen aueli Exostoseri dcs Keilbeins ahnlichc Wirkungen liervor-
bringen. Eincn solclien Anlass vermuthe icJi auf bciden Seilen bei
cinem epileptischen zwolfjahrigen Miidchen, desscn iiussre Halite bol-
der Augen der Liclltempfindung verlustig ist. Beer fand bei einem
amaurotischen Knaben, der korze Zeit vor dem Tode in Manie ver-
fallen war, einen betracbtlich langen Stachel an der Seite der Sella
turcica, welcher die Sehnerven an der Kreutzungsstelle durchbohrt
hatte.
Am haufigsten sind unter den Anlassen der Amaurose an der
Grundfliiche des Gehirns seros-albuminose Exsudate, die das Chiasma
eomprimiren und meistens die Folge von Meningitis sind. Gewokn-
lich leidet der in der Niilie befindliche Oculomotorius mit, und Con-
vulsionen oder Lahmung der Augenmuskeln sind gleichzeitig vor-
handen.
Die centrale Amaurose entsteht durch jeglichen Anlass, der
die Leitungsfahigkeit der Sehnervenfasern im Gehirne aufliebt. Sym-
ptome, die das Gehirn als Centralorgan kundgiebt, sind Begleiter.
Kopfschmerz, Schwindel, Theilnahme andrer Sinnesorgane, psychische
Storungen, Convulsionen (z. B. in der Eclampsia parturientium), be-
sonders Paralysen der motorischen Nerven des Auges, Gesicktes, der
Zunge, der Rumpfglieder. Am Auge selbst ist ausser grosser Starr-
heit und Unbeweglichkeit der Iris kein besondres Criterium bemcrk-
bar. Die Pupille ist nicht selten contrahirt, bis zu einem Minimum.
Der Sitz der organischen Yeranderung fmdet sicb nicht bloss im gro-
ssen Gehirne, sondern aucb im kleinen (Vgl. Andral, Clinique me-
dicate T. V, p. G80 u. 737), in bciden an verschiednen Stellen, in
den Thai, optic., oft auch in dcr Substanz der Hemispharen selbst,
ohne allc Beeinlriichtigung der Sehnervenhiigel. Die Norm der ge-
kreutzten Leitung lasst sich zwar durchschnittlich nachweisen, doch
sind auch Falle vorgekommen, wo das Auge der cnlsprcchenden Seite
amaurotiscb gewesen sein soli, was den Ergebnisscn von Yersuchen
an lebenden Thieren widerspricht, und wobl davon herruhren mag,
dass man Yeranderungen an der Basis cerebri, wclchc den periphe-
ANASTHESIE DES SEHNERVEJN:
245
risclien Sehncrven belreflen, als centrale gedeulet hat. Comprimirende
Geschwiilsle, Erweichung, Blulerguss, Ansammlung serdser Fliissig-
keit in den Yentrikeln sind am haufigsten bei den Seclionen gefun-
den worden.
Ausser der Diagnose des Sitzes erfreuen wir uns bei der Amau-
rose, so wie iiberhaupt bei Augenkranklieiten, einer atiologi sc hen
Diagnose, welche man den Bemuhungen genauer Forscher, unter
denen Juengken obenan stelit, zu verdanken hat. Die objcctiven
Merkmale der dureh Congestion, durch Safteverlust und Tabescenz,
durch gastrische Affectionen, durch Arthritis, Syphilis etc. veranlassten
Amaurose sind in den ophthalmologischen Werkcn so vollstandig
angefiihrt, dass ich mich einer naheren Schildenmg iiberhoben glaube,
und iiberhaupt auf jene verweisen muss, da es mir nur darauf ankam,
einige weniger beacbtete Punkte anzudeuten.
Unter deu pradisponirenden Ursachen der optischen Auaslhesie
sind zu erwahnen Erblichkeit, mittleres Lebensalter, beim weiblichen
Geschlechte vorziiglich die Periode der Menostasie, Pigmentbildung :
graue und blaue amaurotische Augen sind selten im Vergleiche zu
denen mit dunkler Iris. Specifische Stoffe, die sovvohl die Energie
der optischen als der Ciliarnerven unterdriicken, sind Belladonna, in
schwiicherem Grade Hyoscyamus : auch wird es vom inuern Gebrauche
des Bleies und der bittern Mit tel, in zu grosser Dosis und lange fort-
gesetzt, behauptet.
Die Untersucbun^en amaurotischer Augen nacb dem Tode stim-
men in dem Befunde der Atrophie der Sehnerven iiberein. (Vgl.
Jos. et Car. Wenzel de penitiori structura cerebri hominis et bru-
torum. p. 1 1*2 — 127.) In der Retina lassen sich die eigenthumlichen
Gebilde, die man in neuercr Zeit durch das Mikroscop bat kennen
lernen, nicht mclir unterscheiden (Valentin l. c. p. 1 4, §. 30), und
die Optici sind mitunter auf blosse Hulsen des Neurilemms reducirt.
Erstreckt sich die Atrophie bis zum Thai, opt., so wird dieser nie-
driger, scbmaler, flaclier, grauer, der Marksubstanz verlustig; zu-
weilen ist auch der gegenuberstehende grosser und voluminoser als
246
anasthesie des seiinerven.
im normalen Zustande. (Meckel, Ilandb. der pathol. Anatomic,
2. B., 1. Abth., S. 319.) Bemerkungswerlh ist das Verhaltniss der
vor dem Chiasma verlaufenden oplischen Bahn zu der hinler dem-
selben befindlichen mid zutn Sehnervenhiigel. Das Besultat sammt-
licher Beobachtungen bekundet eine partielle Kreutzung im Chiasma.
Daraus erklart sich der scheinbare Widersprucb, dass in einigen Fal-
len das hinter dem Chiasma gelegne Stuck und der Thai, optic, der-
selben Seite betheiligt gewesen, in andern der der entgegengesetzten
Seite, wahrend in noch andern beide Optici hinter dem Chiasma und
beide Sehnervenhiigel an der Atrophie Theil nahmen. Die Entschei-
dung, ob das Schwinden des Nerven als Ursache oder Wirkung der
Anasthesie zu betrachlen sei, ist schwierig. Bei Thieren bringt schon
die blosse Unthatigkeit des Opticus, z. B. bei geflissentlicher Triibung
der Hornhaut, leicht und schnell cine Atrophie des entsprechenden
Sehnerven vor der Kreutzungsstelle hervor, was beim Menscheu nicht
der Fall ist
Der Verlauf der Amaurose ist selten acut, gewbhnlich chronisch,
auf eine Beihe yon Jahren, auf ein halbes Lebensalter und driiber
ausgedehnt. Als Folgewirkung habe ich bei mehreren alten Amau-
rotischen hartnackige Schlaflosigkeit beobachtet.
Der Typus ist mehrentheils anhaltend, selten intermittirend. Beer
hat einen Fall von Amaurose mit dreitagigem, einen andern mit
doppeltem dreitagigem Typus beobachtet. In dem ersten war dje
Amaurose mit dumpfem Kopfschmerz und Schlafsucht verbunden, im
zweiten mit einer deutlichen glaucomatosen Entmischung des Glas-
korpers und heftigem Kopf- und Augenschmerz. Bei diesen Kranken
kehrte das Sehvermogen, welches in den Anfallcn vollkommen in
beiden Augen aufgehoben war, in der Zwischenzeit zuriick, und bei
der einen Amaurotischen war am freien Tage selbst jede Spur von
Triibung im Glaskorper verschwunden. Auch als begleitendes Sym-
ptom der Wechsclfieberparoxysmen ist die Amaurose in Yerbindung
mit sehr heftigem Kopfschmerze beobachtet worden. Von besonde-
rem Interesse ist die von dem Stande der Sonne abhangige Anii-
anAstiiesie des sehnerven.
247
sthesic des Sehnerven, welcheman Coecitas diurn a und nocturna
genannt hat *). Das Sehvermogen nimmt ab und erlischt entweder
mit dem Aufgange der Sonne und kehrt gegen Abend zuriick (He-
meralopia) oder es schwindet mit dem Untergange und stellt sich
mit dem Aufgange der Sonne wieder ein. (Nyctalopia.) Der Zu-
stand findet sich fast immer auf beideii Augen zugleich und variirt
dem Grade nach. Zuweilen gehen reissende Schmerzen in den Glie-
dern voraus, welche mit dem Eintritte der Krankheit schwinden und
im Auge wieder erscheinen. Die Pupillen sind erweitert und trage
oder verengt und reitzbar. In Waisenhausern kommt die Krankheit
zuweilen epidemisch vor, und zeigt sich in bestimmten Jahreszeilen ;
auch epidemisch ist sie beobachtet worden. Juengken sah sie ot-
ters bei Knaben und Madchen in Folge von Onanie, und als Beglei-
terin der Hysterie.
Die Prognose ist im Aligemeinen sehr ungunstig. Beispiele von
Heilung gehoren zu den Seltenheiten. Eine Ilemmung der Krank-
heit, wodurch sie auf der Stufe der Amblyopie stehen bleibt, ist der
einzige Trost, den man verheissen kann, wenn die Ursachen zu be-
seitigen sind und die Hiilfe fruhzeitig in Anspruch genommen wird.
Und auch dazu ist grosse Geduld von Seiten des Arztes und des Kran-
ken nothwendig. Wie bei der optischen Hyperasthesie, so ist auch
in der Anasthesie, zumal bei deren Entwicklung, die Intention des
Kranken auf eine beunruhigende Weise geschaftig, und wahrend des
Erblindens schafft der Kranke dem Arzte die grosste Pein : ist er ein-
mal blind, so findet sich Resignation.
Die Causalindication mit gleichzeitiger Beachtung der Individuali-
tat des Kranken ist die Angel, um welche sich die Kur drehen muss.
_________ — ^
*) Die gricchischen Namcn Hemeralopia und Nyctalopia wcrdcn von den
Autoren unrichtig gebraucht. Nyctalopia bedeutet ctymologiscb nichts andercs
als Nachlblindheit, und so hat auch Bergen das Wort in seiner Dissertation dc
nyctalopia s. caccitatc nocturna genommen. Hemeralopia kommt bei den gric-
chischen Autoren gar nicht vor, kann aber nacb dcrselben Rcgcl nur den Bcgrifl
dor Tagblindheit ausdruckcn. Ygl. Co ray in seiner vortrcfllichcn Ausgabc von
Hippocrates Ilepl oc^piuv, bodzm, T. II, p. 40.
248
ANASTIIESIE des sehnerven.
Hieraus leuchtet die Verschiedenheit der anzuwendonden Mittel von
selbst ein, so wie die Nutzlosigkeit gepriesener Spccifica. Audi
fur die ortlidic Behandlung, worin so oft Missgriffe in der Voraus-
setzung einer Nervenschwache geschehen, giebt es eben so bestimmte
Indicationen wie fur die allgemeine. In Betreff beider verweise icli
auf die ausfuhrliche Exposition in Juengken’s Lehre von den Au-
genkrankheiten. (S. 851 u. ff.)
f
249
II.
Anaesthesia acustica.
Mangel oder Yerlust der Energie des Gehornerven, Stdsse fester
Korper und Schwingungen der Luft als Schall zu empfinden, durch
Abnahme. oder Yerlust der Reitzbarkeit und Leitungsfahigkeit des n.
acusticus , ist der Begriff dieser Anasthesie.
Der deutsche und andre Naraen, Taubheit, Cophosis, Surditas, um-
fassen auch diejenige Schwerhorigkeit, die von einem durch Krank-
heiten des acustischen Organs bedingten Hindernisse der physicali-
schen Leitung der Schallwellen abhangig ist.
Scbon im gesunden Zustande bietet die Schallempfindung Modali-
tiiten dar, die zur richtigen Wiirdigung der Taubheit nicht ausser
Acht gelassen werden diirfen. Manche Menschen boren zwar im All—
gemeinen gut, allein die Granze des Horens hoher Tone tritt bei ih-
nen bald ein. (Muller, Handb. der Physiol., 2. B. 2.Ahth. S. 481.)
Die Horweite ist bei den Individuen verschieden.
In der acustischen Anasthesie beginnt die Abnahme des Gehors
gewohnlich auf einem Ohre, selten auf beiden zugleich, allmahlig,
fast unmerklich. Anfangs sind es nur die entfernten Tone, welche
das Ohr nicht mehr deutlich vernimmt. Es zeigt sich Schwierigkeit
einer allgemeinen und lebhaften Unterbaltung zu folgen: die Tone
verwirren sich. Im weitern Yerlaufe wird auch das andre Ohr er-
grilFen und die Schwerhorigkeit nimmt zu. Friiher oder spater mel-
det sich Ohrensausen, anfangs dumpf, mit Zunahme der Krankheit
hell und klingend. Nicht selten verbreitet sich dieses Gerausch von
den Ohren in den Kopf. Gewisse Umstandc haben einen unverkenn-
baren Einlluss auf Verbesserung oder Zunahme dcr Schwerhorigkeit.
Psychische Anstrengungen, deprimirende Gemiitbsaffecte, feuchtes,
-stiirmisches, kaltes Wetter, Safteverlust verschlimmern, wahrend llei-
terkeit des Gemuths, frobe IIofTnung, trocknc milde Luft den Zu-
stand, wenn auch nur temporiir, verbessern. Dasselbc gilt von lautem
250
anAstiiesie des gehornerven.
Geriiusche in tier Niihe, z. B. beim Fahren in eincm rasselnden Wa-
gen, beim Liiuten einer Glocke, beim Schlagen einer Trommel etc.
— Die Anasthesie des Gehornerven bleibt entweder auf dieser Stufe
stehen oder es bildet sich vollkommne Taubheit aus, so dass die Ildr-
fiihigkeit durch keinen Reitz mehr angeregt vverden kann. In diesem
Falle hort auch das Ohrensausen mehrentheils auf. (Vgl. Itard die
Krankheiten des Ohrs und des Gehors, Weimar 1822, S. 412 etc.
* /
Kramer, die Erkenntniss und Heilung der Qhrenkrankheiten, 2.
Aufl., Berlin 1836, S. 334 u. If.)
Einige Erscheinungen am Obre selbst sind bemerkungswerth. Da-
hin gebdrt besonders das Aufhoren der Absondrung des Ohren-
scbmalzes. Der Gehorgang wird trocken und die ihn bekleidende
Epidermis hautet schuppen- oder kleienformig, nach 1 1 a r d das sicherste
Kennzeichen der Taubheit von Anasthesie des Hornerven. Das Trom-
melfell ist nach Kramer’s Beobachtung papierweiss und undurch-
sichtig. Das Hautgefuhl des Olires und seiner Umgegend wird stumpf
und erlischt zuweilen ganz. Der Gehorgang wird so unempfindlick
gegen jede Beruhrung, dass es dem Kranken vorkommt, als beriihre
der Ohrloffel ein Stuck Pergament. Auch auf die Schlafen und Pa-
rotidengegend dehnt sich die Stumpfheit des Gefiihls aus: der Kranke
selbst fiihlt diese Stellen wie erstarrt und abgestorben. Itard hat
diese Unempfindlichkeit bei zwei Individuen in einem so hohen Grade
beobachtet, dass sogar Einschnitte in die Hautdecken des Halses
scbmerzlos waren.
Die Diagnose der durch Anasthesie des Gehornerven bedingten
Taubheit beruhet nicht nur auf den eben geschilderten positiven Cri-
terien, sondern auch auf einigen negativen, welcbe die Localunter-
suchung und acustische Experimente an die Hand geben. Der Gehor-
gang, mittelst des Ohrspiegels genau explorirt, zeigt nichts Abnormes.
Die Trommelhoble und Eustachsche Trompete sind frei von materiel-
len Anhaufungen. Muller (a. a. 0. S. 455) schlagt vor, da das Ho-
ren von Stossen fester Korper, die durch feste Korper auf die Kopf-
knochen geleitct werden, bei unverschrlem Labyrinth nocb statlfinden
anAsthesie des gehOrnerven.
251
muss, sich dieses Mittels bei Tauben zu bedienen, welche Luftwellen
nicht hdren, um zu ermitteln, ob ihr Labyrinth und ihr Gehornerv
noch in Integritat sind. — Nur muss man hiebei unterscheiden, was
der Empfindung der Schwingungen als bebendes Gefuhl und was
dem Horen derselben als eines Schalles zukommt. Es sind iiberhaupt
die Hautgefuhlsnerven, welche die Schwingungen tonender Korper
als Bebung empfinden, wie das Auflegen der Hand auf die Brust ei-
nes sprechenden Menschen kundgiebt, insbesondre mogen aber die
auf dem Trommelfelle sich verbreitenden sensibeln Quintusfasern hie—
fur bestimmt sein. Taubstumme sehen sich um, wenn man hinter
ihnen mit dem Fusse auf die Erde stampft, was in forensischer Hin-
sicht bei simulirter Taubheit zu benutzen ist, und von Charlatans,
z. B. Mesmer und Andern, dazu gemissbraucht wurde, um glauben
zu machen, sie batten tauben Menschen das Gehor wieder gegeben.
(Rudolphi, Grundriss der Physiologie, 2. B., 1. Abth., S. 148.)
Der Einfluss der Taubheit auf die iibrigen Functionen ist noch zu
terwahnen. Wegen Mangels der Gen'usse in der Gesellschaft entfernt
ssich der Taube davon oder sucht sie nur wenig, was auf die Ausbil-
ciung seiner psychischen Fahigkeiten von grossem Einflusse ist. Die
^Stimme leidet mehr oder minder, behalt nur selten ihren Timbre.
IBei Kindern gelit fast immer die Sprache verloren, selbst wenn sie
deren schon vollkommen miichtig waren. Itard macht die Bemer-
Ikung, dass Taube schwerer purgiren, und im Allgemeinen minder
empfanglich fiir arzneiliche Reitzung sind.
Niemals wird der Verlust der Horfahigkeit durch die grossre Scharfe
ijnd Feinheit eines andern Sinnes ersetzt, wie man es irrthumlich
behauptet hat.
Die Ursachen unterscheiden sich in solche, welche die Leitungs-
I ahigkeit der peripherischen oder centralen Bahn des Hornerven auf-
I leben. Zn den ersteren gehdren plotzliche, starke Erschiitterungen
des Acusticus, sei es durch heftigen Schall bei Explosionen, Donner-
ichlagen u. s. f., oder durch Commotion der Schiidelknochen, (z. B.
lach eincr starken Ohrfeige), Verletzung und Zerreissung bei Frac-
252
anAstiiesie des gehOrnerven.
luren dcr Schadclknochen, Compression durch Geschwulste im Fel-
senbein und an der Grundfliiche des Geliirns. Unter den centralen
Anliisscn sind Desorganisationen des Gehirns am haufigslen, sowohl
primare als die in Folge und in der Niihe von Zerstdrungen des Fel-
senbeins durch Knochentuberkel etc. sicli ausbilden. In den bisher
beobachteten Fallen war das Cerebellum, wenn auch nicht ausschliess-
licli Sitz der Krankheit, doch meistens mit dem grossen Gehirne zu-
gleich afficirt.
Die Erkenntniss des Sitzes der acustischen Aniisthesie ist schwie-
rig. Die peripherische zeigt sich meistens nur halbseitig, und wo eine
Geschwulst an der Basis cerebri vorhanden ist, wird die Taubheit ge-
wohnlich von mimischer Gesichtsliihmung begleitet. Ich babe gegen-
wiirtig einen Kranken vor Augen, welcher in Folge eines starken
iiussern Druckes des Schiidels Paralyse beider Antlitznerven und
Schwerhorigkeit beider Ohren zuriickhehalten hat. Die centrale
Taubheit associirt sich fast immer mit Aniisthesieen andrer Sinnes-
nerven, zumal des optischen, mit Paralysen und Gedachtnissschwiiche.
' Pradisponirende Momente sind Erblichkeit und hoheres Altei^. Nach
Kramer lasst sich bei einem Dritthcil der Kranken ein ahnliches
Leiden der Eltern oder Geschwister nachweisen. Von sympathischen
Taubheiten, zumal gastrischen, hat man mehr gesprochen als hewie-
sen. Abnormitat des Zahnens, sei es die erste Dentition oder der
Durchbruch der Weisheitszahne, wird ofters von Taubheit begleitet
(nach den Beobachtungen von Nuck, Valsalva, Itard und
Hesse.). Bei Crisen nervoser Ficber lindet sie sich nicht selten ein.
Die wenigen griindlichen Leichenuntersuchungen des Gehornerven
in der Taubheit haben, wie beim Opticus in der Amaurose, Atrophie
nachgewiesen (Vgl. Lincke, Handb. dcr theoret. und pract. Ohren-
heilkunde. 1. B., Leipzig 1837, S. 501, 041.)
Die Prognose der acustischen Anasthesie ist im Allgemeinen
ungiinstig. Speciell entscheiden Grad, Dauer, Lebensalter. Es ist fast
keine Aussicht, nicht einmal zu einer Besscnmg, wenn die Krankheit
sich so weit ausgebildet hat, dass cine Taschcnuhr, dercn Gang von
anAstiiesie des geiiOrnerven.
253
eincm gesunden Olire noch in einer Entfernung von 30 Fuss ver-
nommen wil'd, kaum noch bei dem unmittelbaren Anlegen an das
kranke Ohr oder selbst da nicht mebr gehort wird. (Kramer a. a.
O. S. 347.) Je langer die Krankheit gedauert bat, zumal wenn an-
greifende Kuren gebraucht worden sind, um so weniger ist zu boffen.
Am giiDstigsten ist die Aussicht bei Individuen unter 20 Jahren. Die
Taubbeit des boberen Alters ist unheilbar.
Die B e h a n d 1 u n g war bisber verworren und diirftig. Aus Man-
gel zuverlassiger Anbaltspunkte verloren die Aerzte Lust und Geduld,
und Charlatans eigneten sich mit frecher Keckheit den Kranken an.
Mit Dank muss man daber die Bemuhungen in neuerer Zeit aner-
kennen, Indicationen und sicbrer wirkende Mittel aufzufmden. — Die
causale Indication ist bei dem so grossen Dunkel der Aetiologie kaum
zu stellen. Die antigastrische und ableitende Metbode, die Application
von Exutorien etc. haben sich in einem usurpirten Rufe erhalten.
Itard und besonders Herr Doctor Kramer haben der ortlichen
Application excitirender Mittel in Dunstform das Wort geredet. Letz-
lerer empfichlt die Evaporation des Essigathers in einem eignen Ap-
parate. Die Dampfe werden mittelst eiues Schlauchs durch die Eu-
stacbscbe Trorapete in die Trommelhohle geleitet, von wo sie in’s
Labyrinth zum Gehornerven dringen konnen. Der Charakter der
Aniisthesie soli dabei beriicksichtigt werden, ob er erethischer oder
torpider Art sei. Fiir den ersteren wird das Ohrentonen als Crite-
rion bezeichnet und grosse Empfindlichkeit gegen lautes gellendes
Gerausch: fur die torpide Art der Mangel des Ohrentonens. '
254
Anaesthesia olTaeioria*
Anosmia.
Die (lurch Anasthesie des Riechnerven bedingte Geruchlosigkeit
hietet sich nur selten der Beobachtung dar, und war in den wenigen
bisher bekannt gemachten Fallen von Desorganisationen und Ge-
schwiilsten an der Grundflache des Gehirnes abhiingig. So hat Loder
Anosmie in Folge einer scirrhosen Geschwulst des Hirnanhangs be-
obachtet ( Observatio tumoris scirrhosi in basi cranii reperli. Jen.
1790), und Oppcrt ( dissert . inaug. de viliis nervorum organicis. Be-
rolini 1815. p. 1G Not. 1) fand bei einer an Geruchlosigkeit und
Gesichtsschmerz leidenden Frau einen Abscess der Gland, pituit., wel-
cher die Riechnerven comprimirte. Schonlein zeigte mir vor Kur-
zem einen Kranken, der ausser andern Merkmalen einer organischen
Geliirnkrankheit eine vollkommene Geruchlosigkeit hatte, so dass das
Vorhalten des ol. Asae foetid, etc, unbemerkt blieb.
Yon physiologiscbem Interesse ist das Verhaltniss der Anosmie
zur Sensibilitat der Nasenhohle. Es ist bekannt, zu welchen Fehl-
schliissen die Yerwechslung desGefuhls in derNase mit demGeruche
M a gen die verleitet hat, der noch jetzt, trotz B ell’s und Andrer Zu-
rechtweisung auf seiner friiheren Meinung, dass der Quintus Geruchs-
nerv sei, beharret, und sogar in seiner neuesten Scbrift die n. olfactor.
zu denjenigen Theilen des Gehirnes rechnet, mit deren Functionen
man noch ganz unbekannt sei. ( Legons sur les fonctions et les mala-
dies du systeme nerveux. p.281.) Bei den Yersuchen, sowohl an
Menschen wie an Thieren, kann man nicht Yorsicht genug anwenden,
um die Wirkung des Gefuhls von der des Geruchs zu unterscheiden.
Bei Kaninchen fand Valentin das Verhalten gegen todte Iiorper
entscheidend : mit verbundnen Augcn spurt augenblicklich das ge-
sunde Thier und beschniiffelt das Cadaver, wahrend das andre, dessen
Gerucbsnerven in der Schiidelhohle durchscbnilten sind, dasselbe wie
ein Stuck IIolz beriibrt und keine Spur vom Wittern zeigt. [de fund,
nerv. cercbr. p. 11 §.21.) Im krankhaften Zuslande kommt der Ver-
ANASTIIESIE DES GERUCHSNERVEN.
255
lust des Geruchs fur sich vor, ohne gleichzeitige Anasthcsie der Na-
senhohle. So konnte ein von H. Cloquet erwahnter Kranker mit
Anosmie, dessen Vater ebenfalls an Geruchlosigkeit gelitten hatte,
das verscliiedne Korn und Volumen des Sehnupftabaks deutlich unter-
sclieiden, und reagirte durch Niesen. Der Gestank im anatomischen
Theater wurde von ihm nicht empfunden, eben so wenig wie der
Gestank der Abtritte, obgleich die Scharfe der aus den letzteren
entweichenden Gase die Sensibilitat der Nase reitzte. Bichat kannte
einen Menscben, der in Folge von Missbrauch der Mercurialien den
Geruch verloren hatte, allein gegen das Kitzeln der innern Nasen-
flache sehr empfindlich war. (Diet, des scienc. medic. T. 37j). 242.)
Auch der von mir gesehene Kranke mit Anosmie reagirte nor-
mal gegen Reitzung der Nasalfilamente des Quintus. Dagegen hat
zuweilen der Verlust des Gefuhls einigen Einfluss auf die Energie
des Geruchsnerven. In einem Falle von Anasthesie des Quintus
der linken Gesichtshalfte, welchen ich jetzt vor Augen babe, ist
der Geruch in der linken Nasenhdhle schwiicher als in der rechten. In
andern Fallen land dies nicht statt, z. B. in der von Bell mitgetheil-
ten Beobachtung, (Physiol, und pathol. Unters. des Nervensyst. S.
3 1 2) wo ausdrucklich erwahnt wird, dass, obgleich das Eindringen
einesFederbartes drei Zoll hoch in die linke Nasenhohle weder fiihl-
bar war noch Niesen veranlasste, dennoch der Geruch in beiden Na-
senhbhlen ungestort war. (Vgl. die folg. Beschreibung der Ageustie.)
Der Einfluss der Inspiration auf die Energie des Geruchsnerven ist
bekannt: so erklart sich die Schwache des Geruchs in der Paralysis
faciei, bei Lahmung jener motorischen Nerven, die den Muskelapparat
der Nasenfl'ugel versorgen.
Die Beziehung des Geruches zum Geschmacke ist im gesunden
Zustande keincm Zweifel unterworfen: liber dieses Wechselverhalt-
niss in der Anosmie fehlt es noch an hinreichenden Beobachtungen.
In Cloquet’s Falle war der Geschmack ungestort.
Anaesthesia gustatoria.
Ageustia.
Der (lurch Verlust der Leitungsfahigkeit des Geschmacksnerveu
bedingte Mangel des Geschmacks ist es, welcher unter diesem Namen
zu verstehen ist, und sicli dadurch von der Untliatigkeit der Ge-
schmacksenergie in Folge andrer Zustiinde unterscheidet, die des
schmeckbaren Stoffes Einwirkung auf die Nerven verhindern, z. B.
Trockenheit der Zunge etc.
Es bedarf noch derFeststellung, welcher von den Zungennerven als
Sinnesnerv des Geschmackes fungirt. Dass es der Hypoglossus nichtist,
darin stimmen alle iiberein — allein ob dem R. lingualis des Quintus
oder dem Glossopharyngeus diese Energie zukommt, hieruber wird
noch jetzt die Controverse gefiihrt, und von beiden Seiten fehlt es
nicht an anatomischen, experimentellen, pathologischen Argumenten.
Die letzteren sind es, die hier niiher in Betracht zu ziehen sind.
Fiir die gustatorische Energie des Quintus sprechen folgende Be-
obachtungen :
1) Eine von Bell mitgetheilte. (Physiol, und pathol. Unters. des
Nervensystems S. 312.) Bei Anasthesie des zweiten und dritten
Quintusastes der linken Seite war auch die entsprechende Zungen-
halfte des Gefuhls und Geschmackes verlustig. Eine Balggeschwulst
hatte den Quintus dergestalt comprimirt, dass er abgeflacht und atro-
phisch erschien. Auch der facialis und acusticus liatten vom Drucke
gelitten.
2) Ein von Bishop beschriebner Fall. (Muller’s Archiv etc.
1S34, S. 132.) Es war Anasthesie der linken Seite des Gesichtes
und Kopfes vorhanden. Der linke Augapfel war unempfmdlich gegen
jede Beriihrung, bei ungctriibtem Sehvermogen. Auf die linke Na-
senholde machten die starksten Reitzmittel, Ammonium, Tabak, kei-
nen Eindruck, wahrend die Geruchsfahigkoit fortdauerte. Die linke
Zungenhalftc war sowohl gegen Gcfulds- als Geschmacksreitze vollig
unempfindlich. Es land sicli cine scirrhosc Geschwulst auf der innern
ANiiSTHESIE des geschmacksnerven.
257
Fliiche des Keilbeins, welche sicli seitlich nach dem foram. audit,
intern, und riickwiirts bis an den Pons Yarolii erstreckte, der ober-
flachlich ulcerirt war. Die Geschwulst fiillte die Oeffnungen, durch
welche die drei Aeste des Quintus treten, ganzlich aus.
3) Folgende von mir in Muller’s Archiv etc. 1838 S. 305 be-
kannt gemachte Beobachtung:
Eine 42jahrige Wittwe hatte vor vier Jahren einen scbweren
Fall gethan, wobei sie mit einem belasteten Korbe ruckwarts von
einer Treppe auf den Hinterkopf gestiirzt war. Ein Jahr nachher
horten die Catamenien auf. Seit dieser Zeit litt sie an Anfallen von
'Nieskrampf, welche anFrequenz und Heftigkeit zunahmen, denSchlaf
raubten und durch den geriugfiigigsten Anlass erregt wurden. Die
lUntersucliung der Nasenhohlen ergab nichts Abnormes; dagegen liess
micb die vorangegangne Verletzung einen Anlass in der Schadelhohle
vermuthen, wodurch Nasalfilamente des Quintus gereitzt wurden.
llch priifte sofort die Bahnen des ersten und zweiten Astes auf den
'Stand ihrer Sensibilitat, fand jedoch keine Abweichung; als ich aber,
mm das gesammte Gebiet des Quintus in den Kreis der Beobachtung
/zu ziehen, auch den dritten Ast untersucbte, hot sich auf der linken
J'Seite die Erscheinung der Aniisthesie in seiner ganzen Balm dar.
llch fasse das Resultat der Versuche zusammen, die ich sowohl vor
meinen Zuhorern als im Beisein von Muller und befreundeten Col-
l egen oft wiederholt babe.
Die linke Hiilfte der Unterlippe, auf der aussern und innern Fliiche,
i md die linke Seite des Kinnes zeigten sich beim Einstechen einer
scbarfen Impfnadel unempfindlich. Desgleichen der innere Theil der
inken Ohrmuschel und der Gehorgang, welche des Gefiihls ganz
erlustig waren, und selbst beim Hineinhalten einer brennenden Kerze
Leine Empfindung verriethcn. In gleichem Grade war die Ilaut der
ir.nken Schlafe in der Niihe der Ilaare unempfindlich. Auch die linke
Hiilfte der Zunge nahm an der Aniistbesie Theil; weder an der Spitze,
iiocb an den Randern, noch in der Mitte verursachte das Stechen
ichmerz, und von Kiilte und Ilitze war kein Gefiihl vorhanden. Auf
Hom1>erg’8 Nervenkrankh. I.
17
258
anAsthesie des geschmackswerven.
der rechten Seite waren alle diese Theile im Besitze gehdriger Sen-
sibilitat, und selbst in der linken Gesichtshiilfte hatten die andern
Empfindungsnerven ihre Integritat beibehalten, so dass sich die Gran-
zen des dritten Asles recht genau abstecken liessen. Wurde die Haut
der Schlafcngegend etwas weiter nach der Stirn hin mit der Nadel
geritzt, so fuhr die Kranke augenblicklich zusammen: ich war in die
Bahn des Frontalis gerathen. Beim Stechen des horizontalen Astes
des Unterkiefers, in der Nahe des Kinnes, gab sich lebhafter Schmerz
kund, denn die obern Subcutanei des dritten Halsnerven hatten ihre
Leitungsfahigkeit. Dagegen war die linke Zungenhalfte des Ge-^
schmackes ganz beraubt. Die verschiedenartigsten Stoffe, feste und
flussige, wurden nicht geschmeckt, wiihrend dies auf der rechten
Halfte mit normaler Precision geschah. So blieb die Kranke ganz
ruhig, als ich mit dem Griffe der Impfnadel etwas ColoquintenpuJver
auf die linke Seite streute, verzog aber bei der Application auf die
rechte Zungenhalfte sogleich ihr Gesicht, mit den Worten: „wie bit-
ter !“, und suchte durch haufiges Ausspeien des Eindrucks wieder
los zu werden. Eben so verhielt es sich mit salzigen, sauern u. a.
Dingen.
Zeigte nun die Sensibilitat eine partielle Storung, so liess sich keine
in der motorischen Action der linken Gesichtsbalfte wahrnehmen.
Weder in den mimischen und respiratorischen, nocli in den Kaube-
wegungen konnte ich irgend einen Unterschied von der rechten Seite
auffinden : sie gingen normal von statten. Dasselbe gilt von der arti-
culirenden und masticatorischen Bewegung der Zunge. Auch die
trophischen Functionen der linken Halfte waren nicht becintrachtigt.
DieDimensionen waren auf beiden Seiten dieselben, desgleichen Tem-
peratur und Colorit. Aus den kleinen Stichwunden floss das Bint
eben so schnell und reichlich, wie auf der rechten Seite. Feucktigkeit
und Belag der Zunge waren in ihren beiden Ilalften gleicb.
Aus diesen Ziigen entnahm ich folgende Diagnose der Krankheit:
Die auf den dritten Ast der Portio major des Quintus beschrankte
Anasthesie lasst eine isolirte Aflection dieses Astes erkennen, und
ANiSTHESIE DES GESCHMACKSNERYEN.
259
zwar eine Compression desselben, in so fern bloss Anasthesie, ohne
begleitende schmerzhafte Empfindungen in den gefuldlosen Theilen,
so lange ich die Kranke beobachtete, vorhanden war. Der Anlass des
Druckes muss den schon gebildeten Nervenstamm, das Aggregat
sammtlicher Primitivfasern, beeintraehtigen, weil in der ganzen Babn,
so weit sie der Untersuchung vorlag, Verlust des Gefuhls Stattfand.
Dass im Gasserschen Ganglion, wo sicb die Elemente des dritten
Astes im Vereine mit denen der beiden andern sensibeln Aeste des
Quintus befinden, die Compression ihren Sitz nicht haben konne, geht
sowobl aus dem Yorhandensein des Gefuhls im Gebiete des ersten
und zweiten Astes als aus dem Mangel andrer charakteristischen
Symptome (Ygl. S. 219) deutlich hervor. Eben so wenig liess sich
der Sitz des Druckes nach dem Austritte des Nervenstainmes aus dem
eirunden Loche des Keilbeins annehmen, weil bier den sensibeln
Fasern die motorischen der Portio minor des Quintus dergestalt ag-
gregirt sind, dass der Druck auf beide zugleich hiitte labmend wirken
smussen, was durch die Integritat der Kaubewegungen in der linken
« Gesichtshalfte widerlegt wurde. So nahm ich eine Compression des
iRamus tertius Quinti auf seinem Laufe durch den Schadel vor dem
IForamen ovale an, wahrscheinlich bedingt durch eine Anschwellung
i der Dura mater oder des Knochens, deren Umfang nur gering sein
Ikonnte, weil die in der Nahe gelegne Portio minor von der Liih-
imung nicht mit betroffen war.
Nach dem am 19. Miii'z 1838 an der Wassersucht erfolgten Tode
der Kranken wurde der Leichnam auf das anatomische Theater ge-
Ibracht, wo ich vor dem Beginnen der Section, im Beisein der Ilerren
IProf. Muller, Pr. Ilenle, Pr. Schwann und Dr. Philipp die in
fueinen Yorlesungen gestellte Diagnose nocli einmal erorterte. Bei
Iler darauf von Ilerrn Prof. Ilenle mit ruhmlichst bekannter Genauig*
teit vorgenommenen Untersuchung der Schadelhohle ergab sicb l"ol-
^endes :
Die Oberfliiche des grossen Gehirns war mit gallertartigen, stel-
enweise weissen und undurcbsichtigen Exsudaten bedeckt. An
17*
2G0
ANASTIIESIE DEs GESCIIMACKSNERVEN.
der untern Flache dcs hintern Lappcns der linkcn Hemisphare,
dcm Boden des hintern Horns desSeitenventrikels entsprechend, war
cine fast kreisformige StcIIe von etwa l"Durchmesser erweicht, ohne
Spur von GefassinjeCtion in der Umgebung. Uebrigens war das Ge-
hirn und verlangerte Mark normal.
Der dritte Ast des Quintus der linken Seitc war an der Stelle, wo
er in das Foramen ovale tritt, an seiner aussern Flache umgeben von
einem rothlichen, gefassreichen Gewebe, welches tbeils aus Fasern,
theils aus sehr kleinen wasserhellen Blaschen bestand. Es zeigte sich
bei genauerer Betrachtung als ein Exsudat oder eine Wucherung des
Neuriiemms, ging gegen die Schadelhohle hin allmahlig in die Sub-
stanz der Dura mater, gegen das peripherische Ende des Nerven bin
in das normaleNeurilemm uber. Verdickt und gerothet war das Neu-
rilemm, so weit der Nerv in dem Keilbein verlief, aucb noch etwas
weiter nach abwarts bis zu der Stelle, wo an der hintern Flache des
Nerven das normale Ganglion oticum sass. So weit das Neurilemm
verandert war, erschien auch der Nerv angeschwollen, gelblich ge-
f arb t und vielleicht etwas harter als im ubrigen Yerlauf. An dieser
Veranderung nahm aber nur die aus dem Ganglion Gasseri entsprin-
gende Portion des dritten Astes Antheil. Die motoriscbe Wurzel ver-
lief unversehrt an der irmern Flache und verschmolz mit der grossern
Portion erst unterlialb der kranken Stelle. Die sammtlichen Nerven-
zweige zum M. pterygoideus, buccinatorius, zu den Scblafen, der
Zunge und dem Unterkiefer waren durcbaus normal beschaffen, eben
so der dritte Ast des Quintus der rechten Seite und der Nervus glos-
sopharyngeus auf beiden Seiten.
Andrerseits feblt es nicht an Beobachlungen, die gegen die vVn-
nahme, dass der Zungenast des Quintus Sinnesnerv des Gescbmackes
sei, zeugen. Dr. Stamm bat eine solche mit dem Leichenbefunde
in den Heidelberger Medicin. Annal. 1839. 5. B. 1. Ilcft S. 70 be-
scbrieben. Ein 50jahriger Mann klagte im October 1837 iiber einen
lcichten Schmerz boch oben im Halse an der rechten Seitenwand der
Fauces, der besonders beim Herabschlucken des Speicbels fiiblbar
anAsthesie des geschmacksnekven.
261
wurde. Allmahlig wurde die rechle Nasenhohle fur die Luftundurch-
ganglicli, es stellten sich intermiltirende Sclimerzen in der rechten
Schlafe und Wange ein, welche, so oft sie einen regel miissigen Ter-
tiantypus batten, durch Cliinin unterdriickt wurden. Die Schmerzen
verschwanden in der Schliifegegend, breiteten sicli aber in der rech-
ten Wange vom untern Augenlide, dieses mit eingescblossen, bis zur
recbten Hiilfte der Oberlippe und Nase aus, wobei die Paroxysmen
baufig den Tertiantypus hatten. Der levator palpebr. super, und der
iiussere Augenmuskel der rechten Seite wurden geliihmt. Die Schmer-
zen horten auf und macbten einer Anasthesie Platz. Man konnte so-
wohl die iiussere Ilaut wie die Conjunctiva des rechten untern Augen-
lides, die rechte Hiilfte der Nase und der Oberlippe, auf der innern
und aussern Flacbe, und den Theil der rechten Wange, welcber zwi-
scben der Nase und zwischen einer Linie liegt, die vom rechten
Mundwinkel bis zum aussern Augenwinkel gezogen wird, mit der
Nadel tief, bis zum Bluten, stechen, ohne dass es von dem Kranken
empfunden wurde. Audi in der linken Nasenhohle wurde jetzt der
Durcbgang der Luft gehemmt. Bei der Untersuchung fand man iibcr
und binter dem etwas berabgedriickten weichen Gaumen eine harte
hockerige Geschwulst, die schnell an Umfang zunahm, wodurcb das
Scldingen sehr beschwerlich wurde und der Kranke nur noch Fliis-
sigkeit und selbst diese mit Gefahr des Yerschluckens berunter brin-
gen konnte. Der barte Gaumen senkte sich tief in die Mundhohle
berab. In dieser Zeit entstanden neue Schmerzen in der rechten
Mundhiilfte, in der recbten Hiilfte des Unterkiefers und der Ziihne
und besonders in der recbten Zungenhiilfte. Nachdem sie ebenfalls
den Tertiantypus mitunter beobacbtet hatten und dem Gcbrauche des
Chinins gewichen waren, zeigte sich wenige Tage nacbber auf der
recbten Seite die innere Fliiche der Backe, das Zahnfleisch der obern
und untern Alveole, die Hiilfte des harlen und weichen Gaumens, der
Unterlippe und der Zunge vollig uncmpfindlich gegen das Stechen
mit einer Nadel. Dagegen war der Geschmack erbalten; bei dem
IBeriibren des recbten Bandes der aus dem Munde hervorgestreckten
262 ANASTHESIE DES GESCIIMACKSNERVEN.
Zunge schmeckte der Rranke dcutlich das intensive Bittere. Dieser
Yersueh vvurde einigemal mit demselben Erfolge wiederholt. Auf der
linken Zungenhalfte f'and die Geschmacks-Empfindung schneller statt.
— Die Mundschleimhaut der rechten Seite war seit dem Eintritte
der Anasthesie stets glanzend trocken, wahrend die der linken Seite
l'eucht war. Weder die Kau- noch Gesichtsmuskeln waren gelahmt.
Yon Zeit zu Zeit wurde dunkles, mitunter iibelriechendes Blut aus
MundundNase entleert. DerKranke war forlan frei von alien Schmer-
zen, verfiel aber in Schlafsucht, die liaeh Durchbruch des harten
Gaumens und Erguss einer jauchigen Fliissigkeit wieder aufhorte.
Schon fr'uher war die Beweglichkeit des levat. palpebr. super, wie-
dergekehrt. Der Kranke konnte die Luft besser durch die Nase zie-
hen und Flussigkeiten schlucken. Eine Woche darauf starb er. —
Leichenbefund. Die Basis des Schadels war dicht hinter der Sella
turcica im Umfange eines Sechsers durchlochert, der Iveilbeinkorper
grosstentheils verschwunden, die vordre Spitze der Pars petrosa des
\
rechten Schlafbeins ebenfalls zerstort, und die Knockensuhstanz,
welche zunachst die Oeffnung umgranzte, aschgrau, sehr poros und
miirbe. Auf dem rechten Fliigel des Keilbeins, grade auf dem Fora-
men rotundum und von da nach aussen hin in einer Lange von 3/4
Zoll sich erstreckend, erhob sich eine blassrothe, feste, hockerige
Masse in der Hoke von l1/, — 2 \/:2 Linien, mit welcher der Quintus
da, wo das Ganglion Gasseri sich in die drei Aeste spaltet, so ver-
schmolzen war, dass es unmoglich war den Nerven aus der umge-
benden Masse vollstandig heraus zu prapariren. Nur in der Gegend
des Abgangs des Bamus ophthalm. und nach aussen in der Gegend
des Abgangs des dritten Astes liess sich noch dcutlich Nervensubstanz
unterscheiden. Der N. oculomotorius und abduc. verhielten sich kurz
vor ihrem Eintritte in die obere Augenhohlenspalte normal. Der
rechte Proc. pterygoid, und das rechte Gaumenbein waren nur noch
in Kesten vorhanden: der harte Gaumen war in derMitte durchbohrt:
an der hintern Wand der Fauces sass diesclbe Masse, die alle Cha-
raktere des Scirrhus an sich trug, in einzelnen Ilockern auf, deren
ANASTHESIE DES GESCHMACKSNERVEN.
263
Oberflache aschgrau und geschwiirig war. Die rechte Tonsille war
in eine gelbe sulzige Masse verwandelt.
Ein nicht minder wichtiger Fait ist vom Dr. Bdrard in der Ga-
zette medicate de Paris. Nr. 31. 1. Aout 1840 p. 400 bekannt ge-
macht worden. Ein 64jahriger Mann wollte seinem Leben durch
einen Pistolenschuss in den aussern Gehbrgang der rechten Seite ein,
Ende macben, und brachte sich, als er darauf das Bewusstsein nicht
verlor, einen zweiten Schuss in die Stirn bei, wo aber die Kugel nur
die Weichtheile verletzte und in einiger Entfernung davon wieder
hervor drang. Die Untersuchung ergab eine Fractur des Felsenbeins.
Aus dem Ohre floss Blut, vermischt mit Stuckchen Hirnsubstanz.
Der Verwundete. war bei sich, klagte liber ausserst heftige Schmerzen
im Kopfe, iiber Kalte, Uebelkeit, Erbrechen. Die Haul war blass und
kalt, der Puls langsam, klein, die Physionomie durch eine vollstan-
dige Lahmung der rechten Gesichtshalfte entstellt. Auch der aussrc
Augenmuskel dieser Seite war gelahmt, daher Strabismus, je mehr
das link© Auge nach der Nase sich bcwegte, und Doppelsehen. An-
asthesie zeigte sich in der ganzen rechten Seite des Gesichtes und
seiner Hohlen, und des Kopfes bis zum Scheitel. Dem Kranken selbst
kam die Haut wie geschwollen vor, und beim Trinken brachte er mit
der Hand das Glas der rechten Halfte der Lippen recht nahe, indem
er glaubte, dass von einer Anschwellung derselben das Hinderniss
herriihre. Das Sehvermogen und der Geruch waren normal. Die Be-
weglichkeit der Zunge hatte nicht im Geringsten gelitten: ilire rechte
Halfte war des Gefiihls ganz verlustig, eben so die innere Backen-
flache, der harte und weiche Gaumen, und die Tonsille der rechten
Seite. Dagegen war der Geschmack ungestort: beim Auftropfeln von
Zuckerwasser, Essigetc. auf die rechte Zungenhalfte, in der Nahe ihres
Randes, gab der Kranke jedesmal genau die Geschmacks-Empfin-
dung an. — Yom achlen Tage an verschlimmerte sich der Zustand:
Unruhe, Delirien, Lahmung des linken Arms undBeins traten hinzu,
und am 1 0. Tage erfolgte der Tod. — Bei der Section wurde eine
Fractur der Pars petrosa des rechten Felsenbeins mit Knochensplitlern
264
ANASTHESIE DES geschmacksnerven.
gefunden. Der Quintus dieser Scite war injicirt und so erweicht, dass
er sich auf der obern Fliiche des Felscnbeins leicht zerreissen liess.
Die serose Flussigkeit, die ihn an dieser Stelle umspult, war nicht
yorhanden. Das Ganglion Gasseri nalim an der Injection und Er-
weichung Theil. Die Aeste des Quintus verhielten sich normal : nur
der zweite war etwas injicirt. Der N. abducens war ein wenig ge-
rothet, in der Gegend des Proc. clinoid. poster, weicher als auf der
andern Seite. Der Facialis war in dem Theile seiner Bahn durch den
Aquaed. Fallop. ganz zerstort. In dem untern Theile des mittleren
Lappens der rechten Ilemisphare des grossen Gehirns land sich da,
wo er auf dem Felsenbein aufliegt, ein Substanzverlust, und weiter
naeh innen eine Hohle von dem Umfange eines kleinen Eies, welche
Eiter, erweichteHirnstuckchen, und dieKugel enthielt. Im Umkreise
war die Hirnsubstanz roth, injicirt, erweicht, und mit Eiter infiltrirt.
Burrows, Noble (cf. Valentin l. c. p. 44), Vogt (Muller’s
Archiv etc. 1840 S. 72) haben ebenfalls Beispiele, wenn auch ohne
Bestatigung durch Sectionen, von Anasthesie des Quintus einer Seite
mitgetheilt, mit ganzlichem Verluste des Gefiihls in der entsprechen-
den Zungenhalfte, ohne Betheiligung des Geschmackes. Ein solcher
Fall ist auch mir vorKurzem vorgekommen. DieKranke, eine 5 7 jail—
rige Frau, ist von Anasthesie des Quintus der linken Seite befallen.
Die Aussenflache des Gesichtes und seine Hohlen sind unempfindlich
gegen iiussre Verletzung und gegen Veranderungen der Temperatur.
Der linke Augapfel vertragt das Einstechen einer Stecknadel; dieGe-
fasse der Conjunctiva injiciren sich zwar sofort, allein weder Blinzeln
noch Thranenerguss stellt sich ein. Beim Auflegen eines Stuckes Eis
auf das Auge ist die Kranke der Temperatur unbewusst. Beim Vor-
halten von Salmiakgeist vor dem linken Nasenloche, beim Kitzeln und
Einbohren eines gekerbten Federrandes, bei Application von scharfem
Schnupftabak zeigt sich weder Gefuhl, noch Niesen als Reflexaction.
Sehvermogen, Gehor und Geruch sind auf dieser Seite schwTacher als
' auf der andern. Die linke Zungenhalfte so wie die Schleimhaut.der
linken Mundhohle sind der Sensibilitat verlustig. Das Aufstreuen von
anAsthesie des geschmacksnerven.
265
Coloquintenpulver, von schwefelsaurem Chinin, auf den vordern und
mittlern Theil der Zunge wird, so lange diese aus dem Munde ge-
halten wird, nicht geschmeckt, jedoc.h augenblicklich nach dem Zu-
riickziehen der Zunge in die Mundhohle. Am andern Tage wieder-
holte ich den Versuch, indem ich die Kranke ihre Zunge ausstrecken
Hess, und nur die Wurzel der Zunge mit den bittern Stoffen beriihrte.
Der Geschmack ausserte -sich eben so lebhaft auf der
linken wie auf der recbten Seite.
Auf diese Weise war in dem zuvor erwahnten Falle die Untersu-
cbung von mir niclit vorgenommen worden, ich hatte mich mit der
Abwesenheit des Geschmackes in dem vordern und mittlern Theile
der Zungenhalfte begniigt, und erkenne desshalb jetzt die Beobach-
tung in BetrefF der Ageustie fur nicht entscheidend an. So diirften
aucb die Angaben andrer Autoren zu wiirdigen sein, welche der
genaueren Beschreibung des vollstiindig angestellten Yersuches er-
mangeln.
Ein andrer Umstand scheint mir ebenfalls noch der Ansicht vom
Zungenaste des Quintus als Vermittler des Gefuhls und Geschmackes
ungunstig zu sein: der Mangel Yon Gescbmacksphantasmen in der
Hyperasthesie des Lingualis. Der S. 40 angefiihrte Kranke mit Tic
douloureux mochte noch so oft von Schmerz in der Zunge gegeisselt
werden, der Geschmack blieb ungestort.
Halt man diese negativen Griinde an die positiven, welche Va-
lentin mit grosser Genauigkeit der Analomie und Pbysiologie ent-
nommen bat, und unter denen die von Horn und Picht gemachte
Beobachtung, dass die Application von Siiuren auf die Papillae vallatae
keinen sauern, sondern bittern Geschmack erregt, recht wichtig ist,
(/. c. p. 41, 45, 117) so hat die Annahme des Glossopharyngeus als
Sinnesnerven des Geschmackes die meiste Wahrscheinlichkeitfur sich,
obglcich die pathologischen Beweise zur Zeit noch fehlen. Damit
sleht jedoch der Einlluss des Gefuhls auf die Sinnesausscrung, wie er
sich bei unsrcr Kranken mit Anasthesie des B. maxill. infer. Quinti
so augenfiillig kund that, keinesweges in Widerspruch: dcnn der
266
ANASTHESIE DES GESCHMACKSNERVEN.
Geschmackssinn ist derjenige, wo sich die Synergie sensibler und
sensualer Nerven am machtigsten aussert, so dass es oft schwierig isl
in dem Gesammt-Eindrucke den Antheil des Gefiihls von dem Ge-
schmacke zu unterscheiden.
Eine eigenthiimliche Modification des Geschmackes ist hier noch
zu erw&hnen, der Ekel. Diese Empfindung hat vor andern Ge-
schmacks-Empfindungen das voraus, dass sie sich durch blosse mecha-
nische Reitzung derjenigen Theile erregen lasst, worin Fasern desN-
glossopharyngeus verbreitet sind. Man gleite mit dem Finger uber
Spitze, Rand oder Mitte der Zupge hin — nur das gewohnliche Ge-
fiihl giebt sich kund, sobald man aber der Zungenwurzel, den Papill.
vallat., dem Gaumensegel, nahe kommt, entsteht die Empfindung
desEkels, und eine bestimmte Reflexaction, das Wurgen. Auf diese
Weise ist der Glossopharyngeus Hiiter und Schutzer des Verdauungs^
apparats, wie es der Vagus fur die Athemorgane ist. Die Hyper-
asthesie Nausea zeigt sich nicht selten in Gefolge andrer Zustande,
zumal hysterischer und hypochondrischer, zuweilen auch bei organi-
schen Hirnkrankheiten, wahrend sich die Anasthesie durch eine ofters
vorkommende Erscheinung kund giebt, Mangel des Ekels, trotz
aller dazu gegebner Anlasse.
O -5S3-
B. Anasthesieen der sympathischen Nervenbahnen.
-O'©®'0"
Von vorn herein bekennen wir unsre Unbekanntschaft mit diesen
Zustanden, die bisher nicht einmal zur Sprache gekommen sind, und
deren Forschung mit grossen Schwierigkeiten verbunden ist. Denn
im sympathischen Gebiete ist, wie bereits (S. 122) bemerkt worden,
die Leitung sensibler Nerven im Allgemeinen keine cerebrale: nur bei
starkerer Reitzung und in den Hyperasthesieen wird die Empfindung
eine bewusste, so dass in solchen Fallen hochstens aus dem Auf-
horen des Schmerzes oder andrer Empfmdungen bei fortdauerndem
Anlasse, z. B. im Darmbrande, ein, wenn auch nicht sichrer, Schluss
auf den Verlust der Leitungsfahigkeit gezogen werden konnte. Da-
gegen ist die Leitung der sensibeln Elemente des Sympathicus vor-
zugsweise eine spin ale und vermittelt Reflexbewegungen, deren
Stillstand eine unmittelbare Folge der Anasthesie in diesem Apparate
sein miisste. Davon wiirde z. B. Immobilitat des Darmkanals oder
der Ausfuhrungsgiinge drusiger Organe etc. abhangig sein, und einen
Kontrast mit dem Excesse der Reflexaction bilden, welcher die Hy-
perasthesieen der sympathischen Bahnen begleitet. Bei Betrachtung
der Paralysen werden wir hierauf zuriick zu kommen Gelegenheit
haben.
Zweite Qrdnung.
Amistlicslccn tier Centralorgane.
Die Anasthesieen der Centralorgane offenbaren sich durch Ab-
nahme oder Yerlust der Empfindung in den peripherischen Bahnen
und durcb gleichzeilige Theilnahme der mit andern Energieen be-
gabten Nerven.
1. Gatlung.
Anasthesie des Riickenmarks.
Je nach dem Sitze und dem Modus der afficirten Leitung machen
sich Unterschiede in den Erscheinungen geltend.
Die Granze der Yerletzung ist die Griinze der Anasthesie: nur
diejenigen Fasern sind der Empfindung verlustig, welcbe unterhalb
und von der betheiligten Stelle des Rlickenmarkes abtrelen. Chirur-
gische Yorgiinge geben hieriiber am deutlichsten Auskunft (Ygl. den
ersten Band von Ollivier traite des maladies de la moclle epiniere),
und schliessen sich den Experimenlen an lebenden Thieren an. Bell
fiihrt ein Paar Beispiele an, wo die Kranken auf den Unlerschied des
Gefiihls in den aussern und innern Theilen aufmerksam machten.
«
Die Hautdecken des Bauches waren unempfindlich, wahrend die Zu-
sammendruckung des Magens schmerzhaft war, weil der Yagus ober-
halb der Wirbelfractur sich befand und unverletzt war.
Lahmung ist der gewohnliche Begleiter der spinalen Anasthesie,
doch sind Falle von isolirtem Verluste der Empfindung, und, was be-
SPINALE ANASTHESIE.
269
merkungswerth ist, von Beschrankung der Anasthesie auf einer Seite,
des Motilitat- Verlustes auf der andern, beobachtet worden. Boyer
erzahlt davon ein Beispiel. [Traitd des maladies chirurgicales T. VII,
p. 9.) Ein Soldat wurde durch den Wurf eines Sabels am obern und
bintern Theile der rechten Seite des Halses verwundet, und von Lah-
mung des rechten Arms, bei ungestdrter Sensibilitat, so wie auch
von Schwache des rechten Beins befallen. Die letztere verlor sich
nach einigen Tagen, die erstere dauerte fort, die Extremitaten der
linken Seite hatten ihre vollkommne Beweglichkeit, allein das Ilaut-
gefiihl war ganz eingebiisst. Auch die linke Seite der Brust, des Un-
terleibs, des Penis und Scrotum war unempfmdlich. Im Niveau der
vierten Rippe begann wieder die normale Sensibilitat. Ein Paar ahn-
liche Falle finden sich in Ollivier’s Werke. (T. I, 3. edit., p. 360
u. 509.) Ein andrer von Bell istzuvor (S. 226) mitgetheilt worden.
Daraus lasst sich sebon eine besondre Statte der Sensibilitat im Riik-
kenmarke vermuthen und die Versuche an lebenden Thieren, unter
welchen sich die von van Been angestellten durch grossre Genauig-
keit auszeichnen, [Tijdschrift voor natuurlyke Geschiedeniss en Phy-
siologic door van der Hoeven en de Vriese. VIlfde DeeL, 3 Stub,
p. 151 — 156) haben die hintern Strange als sensibeln Apparat des
Riickenmarkes nachgewiesen. Die Resultate der LeichenofFnungen
scheinen es auch zu bestatigen: so hat Montaulteine Beobachtung
von Compression der hintern Flache der Medulla durch eine Hyda-
tidengeschwulst bekannt gemacht, wodurch zuerst auf der linken,
dann auf der rechten Seite die Sensibilitat allein beeintrachtigt wurde.
(Ollivier l. c. p. 468.) Auch kdnnen dafur die negativen Be-
weise von ausschliesslichem Verluste der Motilitat bei Desorganisation
der vordern Strange angef'uhrt werden, woruber in dem Abschnitte
uber Paralyse das Niiliere.
Ausser der Motilitat wird noch die trophische Energie der Nerven
bei Anasthesie des Riickenmarkes betheiligt. Die Circulation wird
triiger, die Warmeentwicklung sinkt unter ihren normalen Stand,
die Hautausdiinstung ist vermindert, die Epidermis desquamirt reich-
270
SPINALE ANASTHESIE.
licher. Kecht deutlich zeigt sich der Einfluss auf den Blutumlauf in
jener merkwiirdigen Er&cheinung, welche man das Absterben ge-
nannt hat. Die Hande, besonders die Finger, gewohnlich beider
Hande, werden am haufigsten davon befallen, entweder an der in-
nern Flache, oder in den Spitzen, oder in ihrem ganzen Umfange.
Blasse oder livide Farbe, Kiilte, Unempfindlichkeit sind bis zu einer
meistens scharf abgesetzten Granzlinie vorhanden. Das Tastgefuhl ist
dumpf, doch niclit erloschen. Nach kurzrer oder liingrer Dauer keh-
ren Empfmdung und Warme zuriick. (Vgk Reil’s schone Bemer-
kungen iiber das Absterben einzelner Glieder, besonders der Finger,
in Reil’s und Autenrieth’s Archiv fur die Physiologie. 8. Band,
S. 59.) Ich habe es vorzugsweise beim weiblichen Geschlechte und
im Gefolge der Hysterie beobachtet.
Die Anasthesie des Riickenmarkes beschriinkt sich nicht nur auf
das Hautgefuhl, sie dehnt sich auch iiber die andern Gebiete der
Sensibilitat aus. So ist Unempfindlichkeit der Harnblase und des
Mastdarms ein gewohnlicher Begleiter von Riickenmarksverletzungen.
Verlust der Sensibilitat in den Genitalien zeigt sich nicht selteu, und
hat einen eignen Namen, Anaphrodisia, erhalten. Brachet er-
zahlt von einem Paraplectischen, der das Bediirfniss der Harn- und
Stuhlausleerung gar nicht empfand, sondern es nur an der Ausdek-
nung des Unterleibes wahrnahm, und alsdann mit dem Drucke seiner
Hande die Action der Bauchmuskeln unterstiitzte: eben so wenig
batte er ein Gefiihl von der stattgehabten Excretion. Bei dreimaligen
Gonorrhoeen war der Durchgang des Urins ganz schmerzlos, und die
Entleerung des Saamens ging ohne wolliistige Erschiitterung und
Empfmdung vor sich. Auch bei zwei paraplectischen Frauenzimmern
War der Akt des Coitus gefiihllos. ( Recherches experimenlales sur les
fonclions du systeme nerveux ganglionaire et sur leur application a
la pathologic. Paris 1 830, p. 238, p. 253.)
Das Gesetz der excentrischen Erscheinung macht sich auch in der
spinalen Anasthesie geltend. Formication und schmerzhafte Empfin-
dungen finden sehr oft in den des Hautgefuhls verlustigen Theilen statt.
SPINALE ANASTHESIE.
271
Yon besonderem physiologischem Interesse ist die durch diese
Anasthesi6 nachgewiesene zwiefache sensible Leitung des Riicken-
markes. Die cerebrale, be wnsstwerdende Leitung hort bei
Verletzungen und Krankheiten dieses Organs auf, sobald dessen Con-
tinuitat mit dem Gebirne, durch welchen Anlass und an welcher
Stelle es auch sei, unterbrochen wird, wahrend die spin ale Leitung
sensibler Nervenfasern, welche im Riickenmarke einen unbewussten
Eindruck und Reflexbewegungen vermittelt, unterhalb der verletzten
Stelle fortdauert, so lange die Kraft des Centralapparats nicht erschopft
ist, daher am deutlichsten zu Anfang der Krankheit. MarshallHall
✓
theilt ( Memoirs on the nervoiis system. London 1837, p. G3) den
Fall eines 1 Ojahrigen Menschen mit, der nach dem Sturze von einem
Baume eine Paraplegie zur'uckbehalten hatte. Die untre Halfte des
Rumpfes und die Beine waren der Sensibilitat und willkuhrlichen
Bewegung ganz beraubt. Dessenungeachtet zogen sie sich beim Knei-
fen der Haut und besonders beim Kitzeln der Fusssohle mit grosser
Vehemenz zuriick. Dasselbe geschah beim Anspritzen kalten Was-
sers, obgleich die Kalte selbst nicht empfunden wurde. Das eine Bein
befand sich stets in gebogner Stellung und nahm diese sofort nach
jeder Streckung wieder an. Beim Einbringen des Katheters kam der
Penis in Erection, und zur selben Zeit zogen sich die Beine in die
Hdhe, wobei ein Zucken ihrer Muskeln bemerkbar wurde. Bei der
LeichenofTnung fand man den Cervicaltheil des Riickenmarks in sei-
ner Continuitat beinah getrennt. Grainger erwahnt (observation#
on the structure and functions of the spinal cord. London 1837, p.
94) eines funfzehnjahrigen Madchens, dessen untre Extremitaten in
Folge einer Kyphosis ohne Gefiihl und Bewegung waren, allein beim
Kitzeln der Fusssohle sich augenblicklich zur'uckzogen, wiewohl die
Kranke das Kitzeln selbst nicht gewahr wurde. Valentin gedenkt
einer Frau, die an so betrachtlicher Aniisthesie der untern Extremi-
taten litt, dass sie sich in einem heissen Bade die Fusse verbrannte,
ohne es zu fiihlen, wo aber das Kitzeln der Soldo Reflexbewegungen
des ganzen Fusses, das' Kitzeln des Fussriickens nur Bewegungen der
272
SPI1NALE ANASTHESIE.
grossen Zehe veranlasste. ( De fund ion ib us nervorum cerebral turn eic .
p. 100, 33.) Ich babe iihnliche Erscheinungen, in cinem nocb
starkercn Grade, bei eineni von Paraplegic befullnen Kranken beobach-
tet. Das Reiben eirier kleinen Sidle in der Niihe des linken Trochan-
ter, welches von deni Kranken selbst nicht als Friction gef'uhlt wurde,
veranlasste sofort eine starke Extension des linken Untersckenkels
und Fusses. Begiessen des Ruckens mit kaltem Wasser erregte die
heftigsten Contractionen des Rumpfes und der untern Extremitiiten.
In Betreff der Ursachen und Behandlung verweise ich auf die Ex-
position der RuckenmarkSfLahmungen.
«~o-ss
3. Gattuiig.
Anasthesieen des Gehirns.
-o-^S'S^5'
Die Aniisthesieen sind von dem Gehirn entweder als Leitungsap-
parat der Sensibilitat oder als Organ der Perception abhangig.
Die ersteren kommen seltner vor als die spinalen, und befallen ge-
wohnlich die Sinnes- und Hautgefiihlsnerven und die motorischen
Nerven der entgegengesetzten Seite, wo die Krankheit ihren Sitz hat.
Insbesondre sind es Hamorrhagieen des Gehirnes, als deren Vorlau-
fer und Begleiter Anasthesie sich einfindet. Bei Erweichungen sind
zuweilen, nach der Norm der excentrischen Erscheinung, Schmerzen
in den gefuhllosen Theilen vorhanden. In den Fallen mit giinstigem
Ausgange kehrt das Gefuld fruher zuriick als die Motilitat.
Plaufiger ist die cerebrale Anasthesie von Hemmung oder Verlust
der Perception, bei bestekender Leitungsfahigkeit. Sie ist der ge-
wohnliche Begleiter der Bewusstlosigkeit. Am deutlichsten und voll-
standigsten giebt sie sich in den epileptischen Anfiillen kund, fiir
welche sie ein pathognomoniscbes Criterium bildet. In ecstatischen und
soporosen Afiectionen, bei Narcotisation, wird sie mehrentheils be-
obachtet, so wie auch als bestandiger Zug dcr Ilirnagonie. Ueber-
wiiltigende GemuthsatTecte kbnnen sie ebenfalls berbeifubren, wovon
unser verewigter Heim ein Paar interessante Fiille mitgetheilt hat.
(S. dessen vermischte medicin. Scbriften, S. 90.) Endlicb ist die,
wenn auch unvollkommne Anasthesie bei Taubstummen und Blbd-
sinnigen zu erwahnen, die oft die grausamsten Sclbstverstuminelun-
gen crtragcn, ohne ein Zcichcn des Scbmerzes zu verrathen.
Romberg's Nervenkrankh. I. 18
274
CEREBRALE ANA8THESIE.
Es giebt aucli eine psycliische Aniisthesie, bei iibrigens gesun-
der Beschaffenheit des Gehirns, welche durch Abwendung der Inten-
tion entsteht, und in so fern als Kehrseite der psychischen Hyper-
asthesie, der Hypocbondrie, betracbtet werden kann. Die haufigsten
Beispiele geben die Geschmacks-, besonders die Ekel-Empfmdungen,
von denen durch ethnische oder andre Verhaltnisse die Aufmerksam-
keit friihzeitig abgelenkt werden kann. Auch tragt ofters mangelhafte
geistige Ausbildung die Schuld. Die Sinne namentlich bediirfen einer
Cultur, und wo diese versaumt wird, kann die Scharfe der Em-
pfmdung sicli nicht entwickeln, und Stumpfheit macbt sich in ver-
schiednen Abstufungen geltend. Und so mag am Schlusse dieses Ab-
schnittes die Wichtigkeit des geistigen Antheils an Sensationen noch
\
einmal hervorgehoben werden. Darauf beruhet auch die sogenannte
Perversitat der Empfindungen, welche einige Autoren als eigne Ab-
theilung der Sensibilitat-Neurosen, als qualitative Veranderungen,
haben aufstellen wollen. Wir behalten uns deren Erdrterung fur die
Exposition der Logoneurosen vor, wo sie mit grosserem Rechte ihre
Stelle finden.
\
Verzeichniss der Druckfehler.
Statl Hyperaesthaesia, Anaesthaesia, Hyperasthasie, Anasthasie lies bis Seite
121 Hyperaesthesia, Anaesthesia, Hyperasthesie, An-
iisthesie.
Seite
3
Zeile
15 von
oben statt hygianen lies hygienen.
-
0
-
12
-
unten st. Jnsertionsende 1. Insertionsstelle.
-
10
-
15
-
oben st. seiner I. seine.
-
10
-
10
-
- ist hinter Impetigo, Trichoma ausgelasscn.
—
38
i
,11
—
unten st. Prosopalgiae Fothergilli specimen l.Neuralgiae
Nervi Quinti specimen.
-
41
-
18
-
oben st. innrer 1. immer.
-
45
-
17
-
- st. Krankheiten 1. Theilen.
-
87
-
0
-
- st. radialis und ulnaris 1. radialis.
-
92
-
9
-
unten st. ande 1. ante.
-
108
-
5
-
- st. hervorvorruft 1. hervorruft.
-
173
y*
9
-
oben st. auspicke 1. aushacke.
-
201
10
-
- st. erklarende 1. erliiuternde.
-
237
17
-
- st. beobachtet 1. beachtet,
■ •' ■' '
-
"
Druck von Eduard HacneJ
. Berlin.
Lehrbuch
der
Nervenkranklieiten des Mensclien
Von
Moritz Heinrich Romberg,
Doctor der Medicin, Ritter des rotlien Adlerordens dritter Klasse mit der Schleife
Professor und Director des Konigliclien Poliklinischen Instituts der Friedricli-
Wilhelms-Universitat zn Berlin.
Cn ten 2/hcaideA jwehe <£Uh?iei(uuc).
Berlin,
Yerlag von Alexander Duncker.
Konigl. Hofbuchhandler.
1843,
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Die Lelire
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lIotilUnt-Nenroseii.
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der
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Motilitat-Neurosen.
Motilitat-Neurose ist der Lebensvorgang, in welcliem die Action
des motorischen Nerven durch Veranderung seiner Erregbarkeit
von der Norm abweicbt.
Die Action des motorischen Nerven oflenbart sich durch Zu-
sammenziebung der von ihm versorgten Muskelfasern, und dieser
ihr Ausdruck ist es, welch er abnorm erscheint, gesteigert,
Hypercinesis, oder vermin dert und erloschen, Acinesis.
Es sind demnach zwei organische Apparate, motorischer Nerv
und contractile Faser, deren Wechselwirkung erforderlicb ist, und
auf welche aucli besonders Riicksicbt genommen werden muss.
Die Integrilat der Muskelfaser — denn das contractile Binde-
gewebe und das Gcwebe der Gefassbaute, obgleich aucli von
Nervcnerregung abbiingig, (S. Ifenle allgemcine Anatomic, Leipzig
1841. S. 377 und 519) spielt in dcr Lehre der Motilitatneurosen
noch eine untergeordnete Bolle — ist nothwendige Bedingung
der Contraction und Bewegung: dem Nerven gebricht aller Ein-
(luss, sobald die Muskelsubstanz Veranderungen , wenn aucli nur
feinere microscopische , eingegangen ist (Valentin de funclionibus
nervorum ccrebralium ct nervi sympatbici p. 120).
19*
278
MOTILITAT - NEUROSEN.
Die immanente Kraft dcr Muskelfaser, Contraclilitiit, wird (lurch
den Nervenreiz und den Rciz des arteriellen Blutes arigercgt.
Der Nervenreiz ist der machtigere, und macht sich selbst dann
nocli geltend, wenn der Blutreiz aufgehort hat: nicht nur Frosche
hevvegen sich, hiipfen, springen eine halbe Stunde und langer
nach Herausnahme des Herzens, auch die von der asphyctischen
Cholera befallenen Menschen fuhren Bewegungen aus. Ich sah
Kranke nach m'einem Hospitale zu Fuss kommen, dort stehen,
gehen, ira Bette sich aufrichten, die Arme bewegen, bei vollkom-
mener Fulslosigkeit, so dass selbst in den wahrend des Lebens
geoffneten Arterienstammen der Extrcmitaten statt der Blutwelle
nur ein diinnes faseriges Concrement angetroffen wurde.
Die physiologischen Gesetze der die Contractilitat anregenden
Nerven mussen der Lehre der Motilitatneurosen zur Basis die—
nen. Es sei daran erinnert, dass die Anregung, aus wel-
ch er Quelle sie auch komme, nur auf motorischerBahn
zum Muskei gelangt. Die sensible Nervenfaser regt die Con-
tractilitat nicht an, mag sie mechanisch, chemisch, electrisch, in
nocli so starkem Grade, wofern nur isolirt, gereizt werden, wie
es Versuche am N. infraorbitalis , lingualis etc. bew^isen. Dem-
nachst ist die fiir peripherische Bahnen mo tori seller
Nerven giiltige Norm der isolirten und centrifugalen
Leitung von der grossten Wichtigkeit. So wie vermoge dcr
erstern nur in der von dem reizenden oder hemmenden Anlasse
%
getroffnen Nervenfaser die motorische Energie gesteigert oder
aufgehoben wird, ohne Betheiligung dcr nocli so nahe angran-
zenden Fasern, so erstreckt sich wegen der centrifugalen Tendenz
des motorischen Agens die Wirkung nicht riickwarts auf die
oberhalb der bethciligten Stelle abtretenden Nervcnfasern. Den
Centralorganen dagegen kommt die Mittheilbarkeit, die mo-
torischc Irradiation, als Attribut zu, so wold von sensibeln
Fasern auf motorische ( B.cflexbewegungcn) als von motorischen
Fasern auf motorische (Mitbewcgungcn).
M OTILITAT - NEUROSEN.
279
Ausser dem Leitungsvcrmbgcn sind es die Verhaltnisse der
motorischen Erregbarkeit und Erregung, welche fur die Patho-
logic der Motilitatneurosen aufgefasst werden m'ussen. Die Cen-
tralorganc sind die Quelle der Erregbarkeit fur die periphcrisclicn
Bahnen: ein ausser Zusammenhang mit denselben gesetzter mo-
torischcr Nerv verliert seine Incitabilitat, so wie er auch Veriin-
derungen seiner Structur eingeht ( Henle 1. c. S. 771). Das Riik-
kenmark scheint hauptsachlich diese Quelle herzugeben, wie aus
den Beobachtungen von Anhaufung der motorischen Erregbarkeit
bei Hemmung der Cerebrallcitung hervorgeht (Marshall Hall , on
the diseases and derangements of the nervous system. London
1841. p. 207 — 223). Die Mittheilung dcr Erregbarkeit durch ein
eigenthumliches Agens, die motorische Kraft, mittelst Undulation
oder Oscillation, oder auf welche Weise man es sich vorstellen
mag, schliesst das Vorhandensein einer Ruhe im motorischen
Nerven aus: seine Thatigkeit perennirt im gesunden Zustande,
wie die des sensibeln Nerven (S. 184), wird durch Reize nicht
erst hervorgerufen, sondern nur verstarkt oder modificirt. Hier-
durch werden die Muskeln im Wachen und im Schlafc stets in
eincm Mittelzustande der Contraction, Spannung, Tonus genannt,
erhalten, welcher bei Yerfall und Zerstorung der Centralorgane
aulhbrt, daher die Erschlaffung der Sphinctercn und das Her-
unterfallen der aufgehobencn Glieder wie am Leichname eine so
schlimme Vorbedeutung haben. Von den Centralorgancn gehen
auch die machtigsten Reize zur Erregung motorischer Nerven
aus, der cerebrale und spinalc Antricb. Die psychischen Actionen,
Wille, Vorstellungen, AfTecte geben den ersten, die unbewusste
.Anregung motorischer Thatigkeit durch sensible Rcizung, welche
iin neuerer Zeit den Namen Reflexaction bekommen hat, den zweiten.
K
Die gegenseitigen Beziehungen dieser Erregungen sind ein
CGcgenstand von grosser Wichtigkeit, dcssen Untersuchung durch
iExperimente an Thicrcn zwar vorbercitet, allein nur durch ge-
nauc Beobachtung am Menschcn gefordert werden kann. Es wird
v
280
MOTIL1TAT NEUROSEN.
aus den folgenden Schilderungen hervorgehen , wie dutch das
Aufhoren dcr im gesunden thierischen Haushalte obvvaltenden Sta-
lik dieser Erregungen pathische Zustande ihren Ursprung nehmen.
Endlich ist es die Form der Erregung motorischcr Nerven,
welche durch eigenthumliche, wenn auch zum grossen Theile noch
unbekannte Einrichtungen in den Centralapparaten prastabilirt ist.
Der Antagonismus, die Statik, die Coordination der Bewegungen
sind hiervon abhiingig. An den unsymmetrischen, aber harmonischen
Bewegungen sehender Augen haben wir einen Beweis, wie trotz
des Vorhandenseins symmetrischer Nerven und Muskeln die Be-
wegung von einer durch sensuelle Erregung bedingten Statik
geleitet wird.
I
U 10 i ;
i
Erste Abtheilung.
Hypercineses.
Krampfe.
*
»3SC<a
Der allgemeine Karakter ist Exaltation der Erregbarkeit rao-
torischer Nerven mit dem Symbole gesteigerter Muskelcontraction.
Missverhaltnisse in den Erregungen der rnotorischen Nerven,
so wie in den raumlichen und zeitlichen Momenten der Muskel-
contraction bezeichnen die krampthaften Bewegungen.
Die den Krampferregungs-Zustand des rnotorischen Nerven
objectivirende' Muskelcontraction erscheint zwar wie die normale
in lliichtig wechsclnden oder beharrlichen Ziigen, als Bewegung
oder Stellung (clonischer oder tonischer Krampf), jedoch mit ab-
normem Modus und Rhythmus. Die unter sympathischem Ner-
veneinflusse stehendcn Muskeln zeigen es am deutlichsten. Der
Umlauf ilirer Bewegung wird ein anderer: so ziehen sich im
Herzkrampf die Vcntrikel mehrercmal zusammen, ehe eine Con-
traction der Vorhofe erfolgt, und die Contractionen selbst finden
mit ungleichen Intervallen statt. Der Cyclus der Krampfwehen
ist vcrschiedcn von dem normalen: die Wche steigt jahlings auf
iliren Gipfel, hat ein lariges Stadium dcr Ilohc, ein schr kurzes der
Abnahme: die Contraction des Uterus ist partiell , ungleichmassig,
seine Lagc und Form siud veriindert. In den Darmkrampfen wcrden
✓
282
IIYPERCINESES.
die Wcllen der Bewegung schr oft r'uckgangig, antiperistaltiscli.
Die mit eincm Sphincter versehenen Organe sind nicht selten von
einem Krampfe befallen, in welcliem der Antagonismus ihrer Be-
wegungen aufgehoben ist, so in dem Vereine von Ilarndrang und
Harnzwang, von Stuhldrang und Stuhlzwang. In den von cere-
brospinalen Nerven versorgtcn Muskeln des animalischen Leibes
hat man die raschen, momentan auf einander folgendcn Zusam-
menziebungen, die zuckcnde Bewegung, als Criterium des Kram-
pfes festgesetzt, allein wegen Unkenntniss mancher Krampfformen
ist dem zeitlichen Verhiiltnisse der Contraction ein zu grosser
Werth beigelegt worden: in den coordinirten und statischen Krlim-
pfen findet keine zuckende Bewegung statt, obgleich die cerebro-
spinalen Nerven ausschliesslich Sitz derselben sind. Ueberhaupt
ist man nur zu sehr geneigt bei Auffassung der Krampfe die
Contraction der Muskeln einseitig zu beachten, ohne der gleich-
zeitigen Erschlaffung anderer Muskelgruppen ilir Recht wider-
fahren zu lassen, obgleich schon Bell hierauf aufmerksam gemacht
hat (Physiol, u. pathol. Untersuch. des Nervensystems. S. 169.).
Diese Erschlaffung, die von Immobilitat und Paralyse verschieden
ist, kann auch primar sein, und den Grund der krampfhaften Con-
traction des Antagonisten abgeben: beim Strabismus divergens
hat das Cauterisiren des M. rectus intern., so wie des externus
beim Strab. convergens oftmals einen gliicklichen Erfolg. Eine
Erscheinung, die hier noch erwahnt werden muss, ist das Mus-
kelgerausch, das von Wollaston und Erman entdeckt, auf des
Letztern Wunsch von Laennec auscultatorisch untersucht worden
ist. In den tonischen Krampfen fehlt es meistens, und wo es
vorhanden, ist es schwach. Bei mehreren von Trismus befallenen
Kranken hat es Laennec in den Kau- und Schlafmuskeln nicht
wahrnehmcn konnen (Traitd de F auscultation medicale. 4. edit.
Paris 1837. T. III. p. 87). Zu unterscheiden ist von der krampf-
haften Contraction des Muskels die als Residuum des krampfhaf-
ten Prozesses zuriickbleibcnde Vcrkurzung des Muskels. Aus der
HYPERCJNESES.
283
genauern Beobachtung der Klumpfusse, des Schielens und analoger
Zustiinde stellt sicli heraus, dass sich die MuskelafTcction vollstiindig
von der Ursache, die sie erzeugt hat, isoliren kann, ein Umstand,
auf den Stromeyer die Aufmerksamkeit gelenkt hat (Beitriige zur
operativen Orthopadik. Hannover 1838. S. 12.), und welcher 1’ur
Deutung nnd Behandlung der Motilitatneurosen von YVichtigkeit ist.
Die Statik der Erregungen wird gestort 1) zwischen leitendcn
Bahnen und Centralorganen, indem jene durch Einiluss von Rci-
zen den Heerd einer Erregung abgeben, welche dem ccrebralen
oder spinalen Antriebe entgegenwirkt, 2) zwischen den fur die
motorischen Nerven adaquaten Erregungen des Riickenmarks und
Gehirns, entweder durch Vorherrschen der einen und Uebenviil-
tigung der andern, wovon die Reflexkrampfe ein Beispiel gebcn,
oder durch Hervortreten und Freiwerden der einen bei Stillstand
und Yerfall der andern, wie die epileptischen Zustande bekunden.
Auf dieser Statik der Erregungen, als physiologischer Basis,
griinde ich die Eintheilung der Kriimpfe, und unterscheide :
I. Ordnung'.
Kriimpfe von Erregung der motorischen Nerven als
Conductor en.
1. Galtung, der cerebrospinalen Bahnen, in ihrem peripherischen
oder centralen Laufe.
2. Galtung , der sympathischen Bahnen, in Betreff deren es jedoch
noch unentschieden ist, ob nicht ihren Ganglien die
centrale Kraft dcr Irradiation einwohnt.
II* Ordnung.
Kriimpfe von Erregung der Centralapparate.
1. Galtung , des Riickenmarks.
a) Kriimpfe abhiingig von demselben als combinirendem
Apparate.
b) Kriimpfe von gesteigerter Rellexaction.
c) Kriimpfe von abnormer Production des motorischen
A gens.
284
HYPERCINESES.
2. Galliing, des Gehirns.
a) Statische Krampfe.
b) Coordinirte Krampfe.
c) Psychische Krampfe.
Unter den Beziehungen der motorischen Energie zu den an-
dern Nervenenergiecn in den Krampfen richtet zuerst das Ver-
haltniss zur Scnsibilitat unsern Blick auf sicli. Die Empfindung
der Muskelaction , welche bewusstwerdend uns das Gefuhl der
Bewegung, der Rulie, der Ermiidung giebt (S. 84 u. 88.), fin-
det auch in Betreff der Krampfe statt. Nach einem epilepti-
sehen Anfalle klagt der Kranke iiber Ermattung und Zerschlagen-
lieit seiner Muskeln. Wie aber der gesunde Mensch einer psy-
cliischen Intention bedarf, um im Gewiihle der Muskelbewegungen
die Empfindung einzelner, z. B. der respiratorischen , zu percipi-
ren, so ist dies auch in krampfhaften Zustanden der Fall, und
was man hierbei der Gewohnheit zur Last legt, ist vielmehr dem
Mangel an gescharfter Aufmerksamkeit zuzuschreiben. Es zeigt
sich dies besonders deutlich in den cerebralen Krampfen, in den
coordinirten, in den psychischen, wo Muskelbewegungen und An-
strengungen in einem Grade und mit einer Dauer ausgehalten
werden, wie es der kraftigste Gesunde nicht vermag: dock macht
sich auch hier endlich das Gefuhl der Erschopfung und das Bc-
diirfniss der Rulie geltend. Anders aber verkalt es sich, wo die
Contraction Contractin’ geworden, wo die Verkiirzung der Mus-
kelfasern als Produkt friiheren ICrampfes zur'uckgeblieben ist:
da wird keine Ermiidung, auch bei regcr Intention, empfunden,
mag der Zustand das gauze Leben hindurch andauern. Aus-
scr dem Muskelgefuhl ist in Krampfen die sensible Synergic
zu bcachten, der mit der Contraction gleichzeitige Schmerz und
andcre Modificationen der Empfindung im Muskel sclbst oder
in benachbarten Gebildcn. So begleitet heftiger Schmerz den
Krampf des Sphincter ani, die tetanischen Kriimpfe, und fast im-
HYPERCINESES.
285
mcr den Krarnpf der von sympathischcn Ncrvcn versorgten Mus-
kcln, deren Contraction im gesunden Zustande vnicht gefuhlt wird,
des Ear ms, der Urinblase; Angst ist Bcgleitcr des Herzkram-
pfes u. s. f. Diese Synergic ist nur selten die Folge einer durch
die Contraction veranlassten mechanischen Reizung der dem Mus-
kel angehorigen oder durch sein Gevvebe verlaufenden sensibeln
Nerven; gewohnlich ist sie von simultaner Erregung sensibler
und motorischer Fasern in peripherischer oder centraler Balm
abhangig. So entstehen die sclimerzhaftcn Wadenkriimpfe durch
Zerrung und Druck des Uterus oder der Gedarme auf den Ple-
xus ischiadicus, so die starken Schmerzen in den Krampfen bei
der Meningitis spinalis. Eine intercssantc Erscheinung ist der aul
einen von dem Sitze der krampfhaften Contraction entfernten
Hautnerven rellectirte Schmerz, der nach Durchschneidung des
Muskcls aufhort, z. B. der Knieschmerz bei Contractur der Fle-
xoren des Oberschenkels, der Schmerz beim Krarnpf des Sterno-
cleidomastoideus im Hinterhaupt und Nacken, worauf Stromeyer
aufmerksam gemacht, und ein neuro-physiologisches Gesetz zu
basiren sich bemiiht hat, dass die Erregung motorischer Nerven
stets mit einer gleichzeitigen Erregung sensitiver Nerven combi-
nirt sei (a. a. 0. S. 113). Von den Centralorganen , dem Ge-
hirne oder Riickenmarke, entspringt auch meistens diejenige Em-
pfindung, welch,e nach der Norm der excentrischen Erscheinung
sich ofTenbarend, Krampfen, epileptischen , hysterischen, der Hy-
drophobic , den Anfallen des Keucbhustens vorangeht, und unter
dem Namen der Aura bekannt ist. AHcin nicht bloss durch Stei—
gcrung und in synergischem , sondern auch in antagonistischem
Verhaltnisse, durch Abnahme der Empfmdung, durch Erstarrung,
Aniisthesie, giebt sich dcr Anlheil der sensibeln Nerven kund, z. B.
in der Kriebelkrankheit, wo Gefuhllosigkeit und Formication mit
den Krampfen verbunden ist. Clcirus erwahnt einer epileptischen
Kranken, deren Anfallc jcdcsmal mit cinem Erblassen, Erstarren
und Erkallen der linken Hand anfingen, so dass diese das Ause-
28C
HYPERCINESES.
lien cincr Todtenhand lmtte (dor Krampf in patholog. u. thera-
peut. Hinsicht systematisch crliiutert. Leipzig 1822. S. 47). Nur
selten eatsteht bei Krampfen die Amisthesic auf mechanische
Weise in Folge von Compression sensibler Nervcn durcli die
Muskelzusammenziehung, wie ich in einem Falle den Krampf des
Sternocleidomastoideus und der Scaleni von Aniisthesie des Arms
begleitet gesehen habe.
2) Die Bezieliung der motorischen Nerven zu den trophischen
(S. 8.) giebt sich in den Krampfen durch Erscheinungen in den
Capillargefassen und in den Secretionen der Driisen kund. Von
den ersteren sind das veranderte Colorit und die Blutungen ab-
hangig. So wird im Hautkrampfe die Farbe blass; in der Eclam-
psia puerorum, im Trismus der Neugebornen spielt die Blasse im
Umkreise der Lippen und Augen in’s Blauliche, an den Nasen-
fliigeln in’s Gelbliche., Clarus sail bei einem jungen Madchen,
das wahrend der Pubertiit-Entwickelung an krampfhaften Zufallen
lift, jedesmal bei Annaherung des Anfalls in der Gegend der Stirn,
Augen und Nase eine scharf umschriebene Blasse der Haut, so
wie man unter andern Umstanden eine circumscripte Rothe be-
merkt (a. a. O. S. 4G). Mit der Blasse ist meistens Abnahme
der Warme verbunden, wie es in den hysterischen Krampfen und
im Tetanus der Fall ist. Die Blutungen erfolgen gewohnlich aus
den subcutanen Gefiissen: so zeigen sich in den epileptischen
Paroxysmen haufig Ecchymosen im Gesichte, von dem Anse-
ben der Purpura, auch bei gelinden JZuckungcn der Gesiclits-
muskeln, wie ich ofters beobachtet babe, so dass ein Zerreissen
kleiner Gefasse durch die Heftigkeit der Convulsionen nicht an-
zunehmen ist. Seltner sind Blutergiessungen aus den Gefiissen
der Schleimhaute. Unter den secernirenden Organen werden
besonders die Nicren und die Haut betheiligt. Der in grossercr
Quantitiit gelassene farblose, wasserhelle, durch die sehr gcringc
Menge fester Bestandtheile ausgezeichnetc Harn, wie er in den
hysterischen Anlallen beobachtet wird, hat den Beinamen des
/
HYPERCINESES.
287
krampfhaften erhalten. Die Schweissdriisen der Haut sondern
starker ab, am reichlichsten im Tetanus bei gesunkener Tempe-
ratur. Die Gaserzeugung im Darmkanal ist haufig vermelirt, zu-
mal in der Hysterie und Epilepsie. In manchen Krampfaffectio-
nen sind es bestimmte Driisen, deren Absonderung reichlicher
von statten geht, in den hysterischen Antallen die Thriinen-, in
der Hydrophobie die Speicheldriisen. Zur Deutung des Yerhalt-
nisses dieser trophischen Phanomene, ob es ein synergisches oder
antagonistiscbes ist, fehlt der physiologische Halt.
3) Die Beziehung der Krampfe zur psychischen Energie ist
verschieden, je nachdem dieselben von Erregung der motorischen
Nerven als Conductoren oder von Erregung der Centralapparate
abhiingig sind. Dort zeigt sich keine psychische Riickwirkung,
bei noch so langer Dauer des Krampfes, hier fehlt sie selten,
wie sich aus der Schilderung, der Hysterie, der tetanischen Af-
fection, der psychischen Krampfe ergeben wird.
Das Verhalten der motorischen Erregbarkeit in den Krampfen
ist in pathologischer und therapeutischer Beziehung von Wichtig-
keit. Sie wird wie die sensible Erregbarkeit durch die Reizung
' erschopft, daher das Aussetzen der Krampfe trotz der Permanenz
des Reizes. Diese Erschopfung ist entwcder andauernd, und
Lahmung und Tod sind die Folge, wie es in den Krampfen von
abnormer Erregung der Centralapparate offers der Fall ist, wo
selbst der Rigor mortis wegen der crloschcnen Reizbarkeit der
Muskeln fruher eintritt als unter andern Umstanden, so class Briicke
(lib. d. Ursache d. Todtenstarre in Muller s Archiv 1842 S. 185)
die mit Strychnin vergifteten warm- und kaltbliitigen Thiere acht-
mal fruher starr werden sail, als Thiere von derselben Art, welche
durch Yerblutung oder durch Zcrstorung des Gehirns getodtet
waren, oder die Erschopfung ist voruhergehcnd, mit Ersatz der
Kraft von den Centralorganen aus. Doch muss auch hier die
Muskelcontraction als Symbol der Ncrvenerregung von der Mus-
kelvcrkiirzung als Krampfresiduum und als Phanomen der Con-
2 88
HYPERCINESES.
tractilitiit untcrschieden wcrden. Jc ergicbiger die Quelle der
Erregbarkeit, dcsto schncller folgt die Reaction auf die Reizung
(erclhische Kriimpfe), jc diirftiger, desto trager (torpide Kriimpfe).
Welchen Antheil die Muskelerregbarkeit selbst hieran hat, vvissen
wir nicbt: es fehlen die Kcnnzeichen der grossern oder geringeru
Empfanglichkeit der Contractilitlit fur den Nervenrciz. Von pe-
riodischer Zu- und Abnahme der motoriscben Erregbarkeit, welche
vom Cyclus der Planeten, der Lebcnsalter, gewisser Bildungsvor-
gange und pathischer Processe abhangig sind, zeugen die typiscben
Kriimpfe. Die anhaltende Steigerung der Erregbarkeit giebt sich
in den Kriimpfen dadurch zu erkennen, dass motorische Entla-
dungen sowold von selbst, als auf jeglichen Reiz erfolgen.
Nachst der Erregbarkeit sind die Modificationen der Erregung
im Krampfe, je nach Verschiedenheit des einwirkenden Reizes,
zu beachten. Zuvordcrst kommt sein topisches Verhiilniss in Be-
tracht. Hat der Reiz in dem peripherischen Laufe motorischer
Nerven seinen Sitz, so erfolgt eine auf ein Aggregat von Muskcl-
fasern isolirte Bewegung, die in den von cerebrospinalen Nerven
versorgten Muskeln rascli verlauft, und den Anschein ciner simul-
tanen Contraction (der Zuckung) bat, jedoch nach Bowman eben-
falls aus abwechselnden Acten von Zusammenziehung und Er-
schlaffung der einzelnen Partieen, wie die peristaltische Bewegung,
besteht (Philosoph. transact. 1841. Pars I, p. 72). In der Menin-
gitis der Hirngrundllachc bietet sich nicht selten Gelegenheit dar,
solche Convulsionen durch Reizung peripherischer Nerven zu be-
obachten, wovon in der Beschreibung des Strabismus ein Paar
Beispiele angefiihrt sind. Hat der Reiz in den Centralapparatcn
seinen Sitz, so kann zwar auch die motorische Fascr isolirt er-
regt werden, \yie es schon der Einfluss des Widens und der Re-
llcxreiz nezeugcn, allein wegen der centralen Mittheilbarkeit is!
moistens die Summa der Erregungen grosser, und was besonders
karakteristisch ist, von eigenthiiinlichen centralen Anordmmgcn
motorischer Primilivfascrn ist die Form der Erregung abhangig,
HYPERCINESES.
289
welche sich (lurch bestimmte Combinationen und Reihenfolgen
von Bewegungen kundgiebt, die niemals bci Reizung peripheri-
scher Bahnen zum Vorschein kommen. So ist die antagonistische
Bewegung im Riickenmarke prastabilirt , und von dort geht die
Errcgung zu antagonistischen Contractionen (Strecken — • Beugcn,
Oeffnen — Schliessen, Adduction — Abduction etc.) in den clo-
nischen Kriimpfen, z. B. in der Eclampsie, aus. So ist die Com-
bination verschiedener Muskelgruppen zur Gleichzeitigkcit oder
scbnellen Succession ihrer Bewegungen im Riickenmarke vorge-
bildct, und die Erregung zu associirten Contractionen, wie sie
die Chorea, die Athemkriimpfe darbieten, hat dort ihren Ursprung.
Die Experimentalphysiologie hat im Gehirne einzelne Gebilde
kennen gelehrt, von welchen die Statik der Bewegungen abhan-
gig ist, und mit deren einseitiger Erregung das Gleicbgewicht
aufgehoben, und der Korper nach gewissen Richtungen bewegt
wird. Die Form der Schwindelkrampfe wird hierdurch bedingt.
Auf diesc Weise haben die physiologischen Fortschritte wesent- ,
lich dazu beigetragen die Ivenntniss der Krampfe, in welcher man
friiherhin nicht iiber den Unterschied in clonische und tonische
*
hinausgekommen war, zu erweitern.
Ausser dem Sitze hat die Art des Reizes auf die motorische
Erregung in Kriimpfen Einfluss. Schon im gesunden Zustandc
hat man einen Unterschied in den Erregungen des Reflex- und
Willensrcizcs aufzufinden sich bemiiht, jedoch mit Unrecht ihn
in den Mangel oder das Vorhandensein von Zweckraassigkeit der
Bewegungen gesetzt. Das Karakteristische der Reflexbewegung
ist ihre Abhangigkeit von dem Reize, sowolil im Allgemcinen,
als auch in den einzelnen Momenten, in der Intensitat, in der
Dauer, in dem Sitze. Eine von mir bcobachtctc einfache Er-
schcinung diene zur Erlauterung. Wenn man bci Kindern, deren
Scrotum schlaff ist, an der innern Fliiche des Obcrschenkels mit
dem Finger andriickt, so ziclit sich der Testikel dcrsclbcn Seitc
in die Hohe, in Folge einer Reflexaction von den Ilaufcnerven-
290
HYPERCINESES.
fasern dcs Cruralis auf die motorischen Ngrvenfasern des Cremaster.
Driiokt man den Finger etwas stiirkcr an, so tritt die Bewegung
raseher und heftiger ein, und die Contraction des Cremaster halt
gleiche Zcit mit dem Druckc. Stellt man den Versuch abweeh-
selnd auf beiden Seiten an, so erfolgt die Bewegung liinger, als
wenn man durch haufige Wiederholung auf einer Seite die Er-
regbarkeit erschopft. Die Dependenz der Kriimpfe yon aussern
Reizen ist bei der krankbaften Steigerung der Rellexerregbarkeit,
in der Hysterie, im Tetanus, in dcr Hydrophobic am grbssten,
und in der letztern sind es die integrirenden Lebensreize, Luft
und Wasser, welche die Kriimpfe hervorrufen. Auch die Bezie-
liung der centripetalen Reizung zu bestimmten motorischen Bah-
nen ist beachtungswerth , und in diagnostischer Hinsicht wichtig:
unter alien Nerven geben Quintus und Vagus den ergiebigsten
Roden, und bekunden dadurch die Machtigkeit ihrer Centralfase-
rung. Selbst der verschiedene Sitz einer und derselben sensibeln
Reizung, z. B. der cutanen oder intestinalen , hat Einfluss: man
sieht es schon an der Wirkung des Kitzelns verschiedener Haut-
stellen, und so zeigt sich im krankhaften Zustande der Einfluss
der cutanen Erregung der Fusssohlen auf den krampfhaften Klump-
fuss, auf den Blasenkrampf u. s. f. Ein andres Criterium ist die
Leitung der Reflexcrregung, welche bald in aufsteigender , bald
in absteigender Richtung erfolgt, bald fluchtig, bald stiitig ist,
und dadurch eine Wandelbarkeit und Unbestiindigkeit der Kriimpfe
erzeugt, wovon die Hysterie ein Beispiel giebt.
Die Wirkungen der Kriimpfe zeigen sich sowobl im Muskel-
gewebe, als in der Function jener Organe, in welchen die Mus-
keln sich befinden. Die erste genaue Untcrsuchung der Muskel-
substanz im Tetanus verdankt man Herrn Bowman. Einigc
Muskeln erschienen in jeder Hinsicht gesund, dagegen batten an-
dre an manchcn Stcllen ein aufFallendes blassgraues Ansehen, wie
Fischlleisch , olme Zweifel, wcil durch die Contraction das Blut
aus den Gefiissen ausgepresst war. An andern Stcllen batten sic
HYPERCINESES.
291
ihr feines fasriges Gefiige grosstentheils verloren, und boten eine
weiche gefleckte Masse dar, die Ieicht zerriss, oder von dem Fin-
ger einen Eindruck zuriickbehielt. Audi ausgebreitete Ecchymo-
scn fanden sich ofters vor, weiche mit angranzender Blasse con-
trastirten. Unter dem Microscop zeigten die Primitivbundel an
einzelncn Stellen die karakteristischen Merkmale eines hohen Gra-
des von Contraction, indem sic spindelformig geschwollen , und
ihre Querstreifen nalier an einander geruckt waren als gewdhn-
lich. An andern Stellen war der Durchmesser der Primitivbundel
verkleinert, und die Querstreifen standen entweder weit von ein-
ander ab, oder waren ganz verschwunden. An vielen Stellen
waren sie zugleich mit ihrcr Hiille geborsten (Philosoph. transact.
1841. Part I. p. 69). Hypertrophic der Muskelsubstanz, wie sie
'deli im gesunden Zustande in den einer langen Uebung und An-
sstrengung ausgesetzten Muskeln zeigt, kommt auch nach Kriim-
pfen vor, z. B. beim Schiclcn im Muse. rect. intern., bei dem
Mvrampfe des N. accessorius in dem M. sternocleidomasjpideus,
» len Bell einmal von der Dicke des biceps antraf. Es ist nicht
Iianwahrseheinlich, dass selbst die Hypertrophie des Herzens ofters
Polge von langdaucrndcn Palpitationen ist, so wie auch nach
Hasenkriimpfen die Muskelbiindel der Harnblase in hohem Grade
i erdickt gefunden werden. Die mittelbaren Wirkungen der krampf-
naften Muskelcontractionen sind nach den Gebilden, in welchen
ich die Muskeln inseriren, verschicden. Sind es Theile, deren
lau und Lage lreie Beweglichkeit gestatten, so ist Ortsver-
nderung die Folge, wie es bei der Zungc, dem Auge, den mit
lielenkflachen versehenen Knochen der Fall ist. In membranosen,
i olden, in ihrer Lage mehr befestigten Organen bewirkt der
urampf Austreibung des Inhalts der Holden, so im Scldunde,
))arme, Harnblase, oder versperrt durch Einschnurung der Kaniile
en Eintritt der Stoff'e oder Austritt des Inhalts, z. B. im Kclil-
'opfe, in den Bronchen, im Uterus etc.
Abgesehcn von den bisher geschilderten physiologischen At-
Uombcrg’s Jfcrvenkrankb. T. 2. 20
292
HYPERCINESES.
tributen habcn die Krampfe als pathisclie Lebcnsprocesse, mbgen
sie selbststandig, odcr von andern Yorgangen abhiingig sein, ilire
besondcren Karaktere. Dahin gehort die Periodicitat der Muskel-
contractionen. Paroxysmen wechseln mit Intervallen ab, jedoch
selten in so regelmiissiger Zeitfolge wie die Neuralgieen. Die
Anfalle selbst sind jahe, stiirmiscb, brechen oft eben so plotzlich
ab, wie sie befallen. In den Intervallen geben sich, zumal bei
den Krampfen von Erregung der Centralapparate, Erscheinungen
kund, die das durch die Krankheit veriinderte Sein des Organis-
mus bezeugen, und unter welchen bier an die Toleranz der
Heilmittel zu erinnern geniige (s. die Beschreibung der Hy-
sterie, der Epilepsie u. s. w.). Die Vertraglichkeit des Krampf-
processes mit andern pathischen Processen ist grosser als bei den
Neuralgieen, die sich im Allgemeinen mehr exclusiv verhalten
(S. 13). So sehen wir in der Tussis convulsiva den 'Krampfpro-
cess mit dem catarrhalischen , mit dem tubereulosen friedlich be-
stehen, dagegen durch den phlogistischen (Pneumonia, Bronchitis)
ausgeschlossen. Die Hysteric kann mit Aftergebilden auf der
Entwickelungsstufe, Tuberkel, Carcinom, bestehen, zieht sich hin-
gegen zuriick, wenn diese in Colliquatiom ubergehen. Habitua-
litat ist vorzugsweise ein Attribut der Krampfe, weil die Leitungs-
fahigkeit der motorischen Nervenfasern sich mit der Haufigkeit
ihrer Erregung ausbildet, wie man im gesunden Zustande an den
zur Gewohnheit gew^ordenen und zur Fertigkeit gebrachten Be-
wegungen wahrnimmt. <
Die anatomischen Karaktere der Nervenapparate in den Ivram-
pfen sind noch wenig gekannt. Dieses Wenige verdankt man
den Untersuchungen neuerer Zeit: dahin gehoren die Befunde in
den centripetalen Bahnen bei der tetanischen AfTection, und im
Gehirne bei den statischcn Krampfen.
Auch in den atiologisehen Vcrhaltnissen der Krampfe herrscht
noch viel Dunkcl, wie es die in so vielen Fallen trotz genauer
Forschung unauszufullende Lucke erweiset. Es pradisponiren
I
HYPERCINESES. 293
kindliches Alter, im Gcgensatze zu den Neuralgieen, jugendlicheS
und mittlcres: das weibliche Geschlecht im Allgemeinen, docli
fmdet fur das mannliche eine Vorliebe bei einzelnen Formen
statt, z „ B. beim Stottern, Ruminiren. Erbliche Anlage ist niclit
selten, wovon Epilepsie, Strabismus, Stottern den Beweis geben.
Audi eine angeborne Anlage lasst sich in der Eclampsia puerorum
nachweisen. Climatische und endemische Einlliisse begunstigen
die Entstehung der tetanischen Affection, des Spasmus glottidis etc.
lUnlaugbar giebt es aucli eine Predisposition fur Iirampfe in den
'Nervenbahnen selbst: die im gesunden Zustande vom psychischen
odcr Rdlexreize nicht angcregten werden nur selir selten von
KKriimpfen befallen, z. B. die Ohraste des Antlitznerven, wiilirend
bei Kiinstlern und Handwerkern die isolirt zur Virtuositat ein-
.geiibten Nerven den Heerd der krampfbaften Erregung nicht sel-
tten abgeben. Unter den Nervenbahnen liaben iiberdiess einige
imehr Anlage fur Krampf, andere fur Paralyse, so die pars mo-
ttoria des Quintus fur ersteren, der Facialis und Hypoglossus fur
letztere, der oculomotorius fur Krampf, der abducens fur Lahmung,
lie Fasern des oculomotorius, welche den Muse. rect. intern, ver-
mrgen, fur ersteren, die des rect. super, und des attoll. palpebr.
i ur letztere, die Beugemuskclnerven fur Krampf, die der Exten-
>;oren fur Paralyse. Yon grosser Bedeutung sind die ursachlichen
leziehungen der Kriimpfe zu dem integrirenden Reize der mo-
I orischen Nerven, zum Blute. Der Plethora und den Congestio-
len nach den Centralorganen wurde eine Zeitlang die Prerogative
'ugestanden: es ist ein Fortschritt der neuern Zeit die'Anamie,
lie entweder eine urspr’unglichc ist, wie sie haufig bei dem weib-
iicben Geschlechtc sich zeigt, oder eine consecutive nach starkem
lilut- und Safteverlust, in ihre atiologischen Rechte eineesetzt zu
Laben. Auch fremdartige, dem Blute beigemisebte Stoffe kom-
men in Betracht, einige mit spezifischem Einflusse, z. B. Strych-
in, Mutterkorn, verfliichtigtes Quecksilber auf das Riickenmark,
-Vutbgift auf Medulla oblongata, Blei, Narcotica, Alcohol auf Ge-
20°
:
294
IIYPERCINESES.
him und Riickenmark. Durch die dyscrasischen Zustiinde des
Blutcs und die darin wurzelnden Krankheiten wird oft die Ent-
stehung der Krampfe bedingt, durch Impetigines, Trichoma, Ar-
thritis: auch gehort die Hemmung der Abscheidungen aus dcr
Blutmasse vermittclst dcr Driisen, hesonders Nieren und Leber,
zu diesem Bereich. Eine der ergiebigsten Quellen sind die Ent-
wicklungsvorgange, Dentition und Pubertiit. Demniichst psychischc
Einffiisse und mechanische Reizung der peripherischen und cen-
tralen Apparate, hesonders durch die abnorme Beschaffenheit der
membranosen und knochernen Hiillen. Zur Reizung andrer Or-
gane stehen die Krampfe meistens in einem consensuellen, seltner
antagonistischen oder vicariircnden Yerhaltnisse : am haufigsten
sind es intestinale und uterine Reizungen.
Die Prognose der Krampfe richtet sich nach dem Sitze der
Erregung. Wo diese nur einzelne peripherische Bahnen in An-
spruch nimmt, ist die Gefahr geringer, als wo die Centralapparate
selbst in ibrer Energie ergriffen sind. Zum Beispiele diene der
einfache Trismus im Gegensatze zum Trismus als Begleiter teta-
nischer Affection, der Schlundkrampf im Gegensatze zur hydro-
phobischen Dysphagia. Wird die peripherische Affection zur cen-
tralen, so clroht Gefahr, so beim Spasmus glottidis, wenn er in
Convulsionen, bei den Krampfwehen, wenn sie in Eclampsie iiber-
gehen. Die Wirkungen der Krampfe sind als prognostisches Mo-
ment in Betracbt zu ziehen, z. B. die gehemmte Ingestion der
Luft im Asthma laryngeum, die Zuruckhaltung des Harns in der
Ischurie. Schwierigkeit der Heilung und Neigung zu Recidiven
kommen im Allgemeinen den Krampfen zu, letztere jedocb we-
niger als den Neuralgiecn.
Die Naturbeilung dcr Krampfe erfolgt durch Uebertragung
auf trophische Nerven, oder durch Losung des zu Grunde liegen-
den pathischen Processes, unter critischen Erschcinungen , Blut-
fliissen, llautausschlagen, Geschwiircn, oder durch Lysis. Die
evolvirendcn und revolvirenden Vorgiinge des Organismus, der
HYPERCINESES.
295
Process der Zahnung, dcr Pubertat, der Decrepiditat nehmen hier-
bei oft einen wesentlichcn Antheil. Zu unterscheiden yon den
Hcilungen sind die Pausen, die zuweilen auf langere Zeit beim
Hervorbrechen anderer Krankheiten, oder wahrend der Schwan-
gerschaft und Lactation, oder beim Beginne neuer Curen sicli
einfinden.
Der technischen Beliandlung liegt zuerst die Erfullung der
Causalindication ob: ihr verdankt man die glanzendsten Erfolge,
vvie die Heilung der toxischen Krampfe, und selbst die Abnalime
in der Frequenz einzelner Affectionen, z. B. des Wundstarr-
krampfes, bezeugen. Doch ist diese therapeutische Wirksamkeit
wegen mangelhafter Kenntniss der Ursachen nur beschrankt, und
scbon seit alten Zeiten suchte man in dem antagonistischen Heil—
verfahren Ersatz, durch Uebertragung auf Darmkanal, Haut etc.
Eine dritte Indication bietet die motorische Erregbarkeit dar,
welchc man mit Berucksichtigung der erethischen oder torpiden
Individualist auf einen den Angriff der Reizung abwehrenden
Stand zu bringen sich bemiiht. Hierbei hat man sich vor der
trugerischen Beruhigung der Narcotica zu huten, und strebe viel-
mehr durch diatetische Reformcn den Zweck zu erreichen. Dem-
naclist giebt die Statik der motorisclicn Erregungen und ihr Ver-
haltniss zu den sensibeln eine Andeutung zur Behandlung der
%
Krampfe, von deren mit Geschick und Geist zu treffenden Aus-
fiihrung Erfolg zu erwarten ist. Schon die Entziehung sensuel-
ler Reize wirkt gunstig. Andral fuhrt einen Fall von Risus con-
vulsivus an, dessen Paroxysmen durch das Verbinden der Augen
fofort gehoben wurden (Vorlesungen liber die Krankheiten der
Nervenheerde S. 446.), und Laennec hat eine ahnliche Bcobach-
tung nicht bloss bei Athemkrampfen, sondern selbst bei ncural-
gischen Affectionen des Darmkanals gcmacht (traite de Tauscult.
med. T. II. p. 368). Yon der heilkraftigen Opposition des psv-
chischen Impulses gegen die Rcflexaction wcrden die folgenden
Blatter Zeugniss geben.
296
IlYPERCINESES.
Wo diese rationelle Behandlung kcine Iiiilfe gewiihrt, isl dor
Gebrauch empirischcr Mittcl gerechtfertigt, deren Wirksamkeit
durch eine reife Erfahrung verbiirgt ist. Unter diesen haben ei-
nige Metalle, Eisen, Zink, Silber, Kupfer, Arsenik sich eines
grossern Vertrauens wurdig erwiesen. Endlich hat noch bei ge~
wissen Formen der Krampfe die neuere Chirurgie ein Yerfahren
eingefiihrt, die Myo- nnd Tenotomie, welches nicht nur das Re-
siduum des Krampfes, die Muskelverkurzung, hebt, sondern auch
bei noch bestehendem Krampfe im Stande ist auf die Nervener-
regung eine gunstige Riickwirkung auszuiiben (vgl. S. 307).
-&i4=€<a-
l
Erste Ordnung.
Hrampfe yon Krregung der motorlsclien
Herven als Conductoren.
i
1. Crattung.
Kriimpfe im Muskelgebiete der cerebrospinalen Bahnen.
Krampf
im Bereiche des N. facialis.
Mimischer Gesichtskrampf.
Tic convulsif.
Experimen telle Ergebnisse. Bei lebenden Thieren^er-
regt jeder an den N. facialis angebrachte Reiz, mechanischer,
chemischer oder galvanischer, Zuckungen in den von den gereiz-
ten Fasern versorgten Gesichtsmuskeln. Durch Isoliren der Rei-
zung auf einzelne Zweige und Abtheilungen des Nerven lasst
sich die Zuckung auf einen Musket, selbst auf einzelne Schichten
eines Muskels beschranken. Die Reizung selbst ist, wie Backer,
Eschricht, Muller u. A. beobachtet haben, schmerzhaft; jedoch
ist diese Sensibilitat nur cine associirte (vgl. S. 33), durch Verbin-
dung eines Zweiges des N. vagus mit dem Stamme des Facialis
298
MIMISCHER GESICHTSKRAMPF.
im Fallopischcn Kanal, unci vorziiglich (lurch Anlagerung von Fa-
sern ties Quintus an den Gesichtsramilicationcn , um deren ge-
nauere Darstellung und Nachweis ihrer Verschiedenheit bei !den
Thieren Magendie sich verdient gemacht hat (Lerons sur les fon-
ctions et les maladies du systeme nerveux. T. II. p. 170, 182, 191).
Ich kann kein bezeichnenderes Bild dcs mimischen Ge-
sichtskrampfes aufstellen, als indem ich sage, es sind Grimas-
sen, wechselnde odcr andauernde, ciner, selten beidcr Gesichts-
halften. Im erstern Falle sind Auf- und Abziehen des Hinter-
haupt- und Stirnmuskels, Runzeln der Augenbraue, Blinzeln und
Schliessen der Augenlider, Zucken und SchnufFeln des Nasen-
fliigels, Vcrzerrung des Mundvvinkels nach oben oder unten die
gewohnlichen Ziige, die plotzlich sich einstellen, schnell verschwin-
den, und nach kurzen Intervallen zuriickkehren. Die perma-
nente Zusammenziehung der Gesichtsmuskeln ist riel seltner, und
erst in neuerer Zeit durch einige Beobachtungen von Marshall
Hall (on the diseases and derangements of the nervous system.
London 1841 p. 342) zur genauern Kenntniss gekommen., Durch
die anhaltende Contraction der mimischen Muskeln sind die Fur-
chen und Gruben in der betheiligten Gesichtshiilfte tiefer; die
Nasenspitze, die Lippenfuge, das Kinn sind nach der afficirten
Seite hin gezerrt; die Muskeln fiihlen sich gespannt und hart an,
und erschweren dadurch die Bewegung, so dass da's Auge nicht
so vollstandig geschlossen werden kann, wie das andere.
Bei mimischer Action, beim Sprechen und Lachen tritt die
Entstellung der Ziige deutlich liervor. Der Wille hat gewohnlich
vvenig Einfluss auf Verhinderung odcr Beschrankung der Anfalle,
und selbst die Isolirungv des Willcnsimpulses auf einzelne Fascr-
gruppcn des Facialis ist beeintrachtigt, daher das Erscheinen der
Mitbcwegungen. So oft Marshall Hall’s Kranker die Augenlider
schliessen sollte, zog sich der Mundwinkel zu gleicher Zeit ab-
warts, und Kinn und Nase wurden nach derselben Seite hin ge-
zerrt. In dem andern Falle konnte die lvranke den rechten
MIMISCHER GESICIITSKRAMPF.
299
/
Mundwinkel niclit bewegen, oline zugleich das obere Augenlid
herab zu zielien.
Das Verhaltniss zur Sensibilitat des Gesichts ist verschieden.
Im Anfange ist der Krampf ofters mit Schmerzhaftigkeit verbun-
den (vgl. Bellingeri de neuralgia faciali in seiner Dissert, inaug.
August. Taurin. 1818, p. 212 u. 224). Spaterhin hurt diese aid',
und der Kranke hat selbst von der tonischen Contraction der
Muskeln, mag sie noch so Iange bestehen, nicht die geringste
Empfindung. Zuweilen ist die Sensibilitat stumpier als im nor-
malen Zustande.
Der Krampf ist entweder auf einzelne Abtheilungen des Ant-
litznerven beschrankt, oder nimmt dessen gesammtes Muskelgebiet
ein. Formen der ersten Art sind der Blepharo spasmus und der
Risus caninus.
Der Augenlidkrampf, bedingt durch eine Affection der rami
palpebrales des Facialis, erscheint entweder als Zittern des Orbi-
cularmuskels-, selbst nur einzelner Fasern, besonders derer, die
den Tarsus des untern Augenlids bedecken, oder als ein schnell
auf einander folgendes Oeffnen und Schliessen des Auges (Blin-
zeln, nictitatio), oder als starres, gewaltsames Zusammenkneifen
der Augenlider, die, wenn man den Versuch sie zu offnen durch-
setzen will, leicht Ectropien bilden.
Der Spasmus cynicus ist vom Sitze der Krankheit in den
Backen- und Lippenzweigen des Gesichtsnerven abhiingig , und
bietet cine wie beim Lachen stattfindende Bewegung oder Stel-
lung der Lippen dar, einer oder beider Seiten, Risus caninus,
ykhwq cra^uovixoq.
Am seltcnsten geht der Krampf von den Obrmuskelzweigen
des Facialis aus. Nur ein Fall diescr Art ist mir bisher vorge-
kommen, welchen ich noch vor Augen habc, bei einer 42jahrigen
Frau, die vor zwanzig Jahren von cinem apopleetiscben Anfalle
mit Lahmung des rechtcn Arms betroffen wurdc. Die Wieder-
herstcllung crfolgte langsam und nicht vollstandig; Schwiiche des
300
MIMTSCHER GESICF1TSKRAMPF.
Arms und Kopfschmerzen bekunden die Fortdauer des Hirnlei-
dens; dabci stellen sicli tiiglich zu wiederholten Malen, besonders
nach Gem'uthsaffecten , Zuckungen beider Ohren ein, wodurch
diese 5 — 10 Minuten lang mit grosser Schneliigkeit auf- und nie-
dergezogcn werdcn. Starkes Ohrenklingen ist steter Begleiter.
Alle andre Theile des Korpers sind frei von convulsivischen Be-
wegungen. Mit cler grossen Seltenheit des Spasmus auricularis
vbei dem Menschen stimmt die Nichteroffnung dieser Bahnen des
Antlitznerven durch Willensimpuls iiberein. Anders verhalt es
sich bei den Saugethieren , wo die Ohrmuskelnerven auch zahl-
reicher sind, indem sie sieben Muskeln mehr als bei dem Men-
schen zu versorgen haben. Daher das Karakteristische des aus-
sern Ohrs fur die Thierphysiognomie, und die grossere Wichtig-
keit der von Bewegung und Stellung der Ohren entnommenen
Merkmale in den Krankheiten der Thiere, wo selbst die Hemi-
plegie sich durch ein schlaffes Herunterhangen des aussern Ohrs
der gelahmten Seite kundgiebt.
Der mimische Gesichtskrampf erscheint einfach, oder in Ver-
bindung mit convulsivischer Affection anderer Nerven, der pars
minor des Quintus, des Hypoglossus, des Accessorius, der Cer-
vical- und Spinalnerven.
Yon der paralytischen Entstellung des Gesichts unterschei-
det sich die krampfhafte dadurch, dass die nicht entstellte Seite
ihre vollkommene Beweglichkeit hat, wovon das Gegentheil in
der mimischen Gesichtslahmung stattfindet. Zuweilen, obgleich
selten, bildet sich aus der Ietzteren der Gesichtskrampf heraus,
wovon Marshall Hall (I. c. p. 347) einen Fall mitgetheilt hat.
Der Sitz der Krankheit ist entweder in der peripherischen
oder centralen Bahn des Antlitznerven. Von ihren ursachlichen'
Momenten sind nur einzelne bekannt. So ist der rheumatische
Anlass (Wind- und Luftzug u. s. w.) zuweilen nachzuweisen,
welcher den Nerven auf scinem Laufc im Gesichte trifft, beson-
ders die Kami palpebrales. Ein Fall ist zu meincr Kenntniss ge-
MIMISCHER GESICHTSKRAMPF.
301
kommcn, wo die Reizung einer entzundeten Druse in der Niihe
des For. stylomastoideum den Krampf hervorgebracht hatte. Ur-
saclien, die den Facialis in seinem knochernen Gehause oder an
der Grundflache des Schiidels zum Krampfe anregen, sind bisher
noch nicht aufgefunden worden. Unter den haufigeren Anliissen
ist der Reflexreiz hervorzuheben. Schon die alten griechischen
Aerzte nahmen eine Beziehung zwischen Ilnndskrampf und Zwerch-
fellswunden an. Im trauraatischen Tetanus kommt er nicht sel-
ten vor (risus tetanicus). So kann er auch allein fur sich durch
irgend eine centripetale Reizung hervorgebracht werden, und das
Gebiet des Quintus muss in dieser Ilinsicht die Aufmerksamkeit
auf sich ziehen, da bei Yersuchen an lebenden Thieren die An-
asthesie des Quintus Stillstand der durch den Gesichtsnerven ver-
mittelten Bewegungen mit sich fuhrt (S. 216). Die centripetale
Erregung gelangt hierbei entweder zugleich nach dem Gehirne,
und wird zur bewussten Empfindung, oder beschrankt sich auf
das Ruckenmark, und bleibt unbewusst. Auf die erstere Weise
sehen wir den Blepharospasmus durch ein in das Auge gerathe-
nes Sandkorn, und durch mechanische Verletzungen des Auges
entstehen, wo er so oft die Entfernung des fremden Korpers
verhindert. Menschen, deren Augen wegen diinner Brauen und
blassgefarbter oder ausgegangener Wimpern starkem Lichtreize
ausgesetzt sind, leiden sehr haufig an Nictitatio, und Lichtscheu
ist gewohnlich mit Blepharospasmus verbunden. So zeigt sich
ofters der mimische Gesichtskrampf als Begleiter des Tic doulou-
reux (vgl. S. 8). Allein wenn auch die sensible Reizung nicht
zum Bewusstsein kommt, so lasst sich bei genauer Forschung ihr
Heerd zuweilen nachweisen, z. B. in folgendem von Mitchell be-
obaehteten Fade (Med. chirurg. transactions Yol. IV. p. 25).
Ein 50jahriges Frauenzimmer wurde plotzlich von Zuckungen
der Gesichtsmuskeln und Zunge befallen, wclche nach Vcrlauf
von vierzehn Tagen auf den Hals sich ausdelmten. Ein soldier
Anfall bcgann mit einem Gefiibl von Schwache und Druck in den
302
MIMISCHER GESICIITSKRAMPF.
Priicordien, und mit heftigen durchfahrenden Schmorzen vom
Brustbein nach dem lluckgrate, welche aufwlirts stiegen, und die
Zunge erreichtcn, die alsdann steif wie ein Stuck Holz wurde,
und mit ilircr Spitze sich aufwiirts nach dem linkcn Gaumcnge-
wolbe drclite. Ein Geluhl von Erstarrung befieJ die Jinke Seite
der Nase und des Kinnes. Der Iinke Mundwinkel bffnete sich,
und wurde verzerrt, die Zahnc waren fest an einander gepresst,
alle Gesichtsmuskeln geriethen in eine starre Contraction, die
Nase wurde nach der linken Seite gezogen, durch den Krampf
des occipitofrontalis und corrugator supercilii runzelten sich Stirn
und Augenhrauen. Die Halsmuskeln drehten den Kopf nach der .
linken Schulter hin, der linke Arm wurde extendirt, und ein Ge-
fuhl von Erstarrung lief vom Halse in gerader Linie bis zum
Daumen und Zeigefinger. Bewusstsein, Ilerz und Lungenaction
waren ungestort. Nach drei Minuten erfolgte ein Nachlass, wo-
bei zuerst alle afficirten Muskeln in eine zitternde Bewegung ge-
riethen. Tag und Nacht wiederholten sich diese Anlalle, mit
kurzen Intervallen von zehn Minuten. Wegen erfolgloser Be-
liandlung wurde ein andrer Arzt zu Rathe gezogen, welcher ei-
nen almlichen Fall von Gesichts- und Zurigenkrampf durch Aus-
ziehen eines cariosen Zahns geheilt sail. Es wurden die Ziihne
naher untersucht, und obgleich die Kranke idler keine Schmerzen
klagte, land sich die obere linke Reihe in einem krankhaften Zu-
stande, und beim Sondiren empfindlich. Das Zahnfleisch war ent-
ziindet, und eine stinkende Materie floss aus. Schon nachdem
ein Backenzalm ausgezogen, urid das Zahnfleisch scarificirt wor-
den, liesseri die Anlalle an Heftigkeit nach, kehrten seltner zu-
riick, und horten nach dem Ausziehen sammtlichcr carioscr Ziihnc
ganz auf.
So wie in diesem Ealle die centripetale Action vom Quintus
ausging, so hat sie in andern Fallen ihren Ileerd im Darme, and
Helminthiasis liegt zuweilcn dem Blepharospasmus im kindlichen
Alter zu Grundc. Audi von dcr Gebarmuttcr verbrcitet sich zu-
MIMISCHER GESICHTSKRAMPF.
303
wcilen der Reiz, und in den heftigen hysterischen Anfallen auf tri-
chomatoser Basis sail ich bei mchreren Kranken den Risus caninus
selir stark hervortreten. — Central-Anliisse des Gesichtskrampfes
sind selten. Eine Intoxication, wie sie die Alten durch den Gcnuss
eines Ranunculus annahmen, der von Dioscorides Herba Sardonia,
von Linne Ranunculus sceleratus genannt worden, und wegen
seines Einflusses auf eine liichelnde Yerzerrung des Mundes den
Beinamen Apium risus erhalten hatte, ist in neuerer Zeit nicht
bestiitigt worden. Psychische EinHiisse machen sich zuweilen als
Yeranlassung geltend, nicht bloss Gcmiithsaffecte (so ist mir ein
Fall bekannt, wo die Krankheit bei einer Frau in Folge eines
Schreckens durch den plotzlichen Tod ihres Mannes entstand),
sondern auch der Reiz der Vorstellung und Nachahmung, wie-
wohl dies bfter angenommen, als erwiesen wird. Von Krank-
lieiten des Gehirns ist der Gesichtskrampf, wenn man den in epi—
leptischen Anfallen vorkommenden ausnimmt, unabhangig. Hiiufig
begleitet er die Chorea. In der Mehrzahl der Fiille ist es jedoch
trotz der grossten Sorgfalt unmoglich einen iitiologischen Zusam-
menhang zu ermitteln, so wie sich auch keine Beziehung zu Le-
bensalter und Geschlecht auffinden liisst. Pujol’s Behauptung,
dass Manner dieser Krankheit mehr unterworfen sind, als Frauen-
zimmer (Abhandlung liber diejenige Krankheit des Gesichts, wclchc
der schmerzhafte Trismus genannt wird, nebst einigen Betrach-
tungen uber den Hundskrampf des Coelius Aurelianus, iibersetzt
von Schreyer, Niirnberg 1788, S. 03.) babe ich bisher nicht be-
statigt gefunden. — Als gclegentlichc Anlasse der Anfalle und
ihrer gesteigerten Intensitat wirken am haufigsten Affecte, und
besonders Yerlegenheit des Kranken, sobald er sich von Andern
bcobachtet glaubt. Im Schlafe trat in einem von Dieffenbach
behandelten Falle cine Pause ein.
Die Behandlung des mimischen Gesichtskrampfes ist gc-
meinhin erfolglos, woran sowohl die haufige Unbekanntschaft des
ursachlichen Moments, als auch die Vcrnachlassigung des Anfangs
304
MIMISCHER GESICHTSKRAMPF.
der Krankhcit, wclcher zumal bei Kindcrn als unartige Angewbh-
Tiung gemisdcutct wird, Scliuld ist. Am meisten gclingt nodi die
Cur des durch rheumatischen Anlass entstandenen, und auf ein-
zelne Bczirke des Facialis beschrankten Krampfes. So sind beim
rheumatischen Blepharospasmus nebst den geeigneten innern Mit-
teln, besonders Emetica, Senfteige und Yesicatoria an der Aus-
trittsstelle des Facialis, zwischen Kiefer winkel und Warzenfort-
satz niitzlich, in Yerbindung mit dem endermatischen Gebrauch
des Morphium, wo Schmerzhaftigkcit der Gesichtsflache stattfin—
det. Bei Reflexreizung kommt es darauf an, die centripetale
Quelle zu ermitteln. Wo sie zu Tage liegt, z. B. bei trauma-
tischen AnIassen im Auge, bei Ciliarneuralgie , bei Ophlhalmieen
ist das Verfahren nicht schwierig. Weit ofter aber ist sie ver-
borgen, und die physiologische Kenntniss der auf den Facialis
besonders reflectirenden Nerven, nicht selten aucli der Zufall,
fiihrt zu ihrer Eutdeckung. Das ganze Gebiet des Quintus, vor-
zuglich in seinen ram. dental., muss genau untersucht werden:
mit welchem therapeutischen Erfolg, zeigt der zuvor mitgetheilte
Fall. So werde auch der Dannkanal, der Uterus auf sensible
Reizung gepruft , so werde die etwa zu Grunde liegende Bys-
crasie, z. B. die scrofulose u. s. w\ erforscht, um der causalen
Indication nach alien Richtungen bin zu geniigen. Wird das Ziel
auf diese Weise nicht erreicht, wie es haufig der Fall ist, oder
kann iiberhaupt keine Ursache aufgefunden werden, so steht noch
ein zwiefacher Weg offen, Einwirkung entweder auf die centri-
petale oder auf die centrifugale Nervenaction. Von der Wirk-
samkeit der ortlichen Application beruhigender und anderer Mit-
tel iiberzeugt man sich beim Blepharospasmus, wo in’sbesondre
Fomentationen mit Boraxsolution (l — 2 Draclunen auf 4 Unzen
destill. Wassers) von Nutzen sind. Sclbst die Durchsehneidung
einzclner sensibler Aeste und Zweige des Quintus ist in friiherer
Zeit
fiihrt
/ iwu i
gegen den Gesichtskrampf vorgenommcn worden.
in seinem interessanten Memoire sur 1’affection particuli6re
MIMISCHER GESICHTSKRAMFF.
303
de la face, h laquclle on a donn6 le nom de Tic douloureux
(Histoire de la societe royale, annees 1782 et 1783, p. 318) an,
dass Guerin die Durchschneidung dcs R. maxill sup. u. infer, ein
Paarmal gegen den fie convulsif, und Moreau am Frontalis in
einem Falle von Convulsionen der Augenlider mit Erfolg gemacht
hat. Es wiirde sich dieses Ergebniss den Versuchen an lebenden
Tbieren anreiben, wo die Durchschneidung des Quintus einen
Stillstand der durch den Facialis vermittelten Bewegungen zur
Folge bat. Auf die centrifugale Action, auf den Antlitznerven
selbst, lasst sich, wo Rellexreiz dem Krampfe zu Grunde liegt,
zunachst durch psychischen Einfluss wirken. Die Intention, der
Wille kampfe dagegen an: darauf berulit das sogenannte Ab-
gewohnen solcher Zustande. Doch kaum, vielleicbt nur im
Beginne wird eine dauernde Besserung dadurch erzielt werden.
Der Electromagnetismus und ein anhaltender Druck mittelst einer
kleinen Pelotte, je nacb der Extensitat des mimischen Gesichts-
krampfes auf den Stamm beim Austritte aus dem For. stylomast.
oder auf einzelne Zweige, sind in veralteten Fallen des Yersuches
wertb. Die Durchschneidung des Nerven wiirde zwar sicher den
Krampf heben, allein Lahmung zuriicklassen. Um diesen Uebel-
stand zu vermeiden, und dennoch den Zweck zu erreichen, nahm
Dieffenbach die Durchschneidung sammtlicher vom Krampfe be-
fallner Gesichtsmuskeln bei einem 43 jahrigen Manne vor, der sich
neun Jahre zuvor im Winter ernes Tages aus seinem durch rus-
sische Ileizung stark erwarmten Zimmer in eine kalte Zugluft
begeben hatte. Plotzlicb wurde er bier von Zuckungen im Or-
bicularmuskel der reebten Seite befallen, welche eine geraume
Zeit fortdauerten, allein um so weniger beaebtet wurden, da sie
bisweilen langere Pausen maebten, und ganze Tage lang bei war-
merer Witterung und wehendem Siidwinde ausblieben. Allmali- ,
lich verbreiteten sie sich uber die ganze reebte Gesichtshalftc.
Wiibrend die linke in ruhigem, dem Karaktcr dcs Mamies ange-
messnem Zustande sich befand, wurden die Gcsichtsziige der reeb-
300
MIMISCHER GESICHTSKRAMPF.
ten Seitc (lurch das lebhaft wechselnde Spiel der einzelnen Mus-
kelparthieen in allerlei neuc Grimassen verzogen, die Stirn ge-
runzelt, die Augenlider in zitternder Bewegung auf- und zuge-
kniffen, der rechte Mundwinkel (lurch die alsdann wie straffe
Sehnen (lurch die Haut fuhlbaren Zygomatici und den Levator
anguli oris ungewohnlich in die Hohe gezogen, so dass cs in
solchem Momente unmoglich war die Unterredung fortzusetzen,
und die Sprache, namentlich in den Lippenhuchstaben versagte.
Der dadurch oft sehr unangenehm afficirte Kranke konnte sich
clann nur damit helfen, dass er rasch mit der rechten Hand nach
der Backe fuhr, und (lurch starkes Driicken und Fixircn der be-
wegten Muskeln einen Nachlass des Krampfes herbeifuhrtc. Im
Gegentheil vermochte auch derselbe die Zuckungen willkurlich
hervorzurufen , wenn er (lurch Contraction des Orbicularis das
Auge zu schliessen versuchte. Daher war auch das Einschlafen
gewolmlich nicht ohne Schwierigkeit, und das Auge musste sehr
vorsichtig und allmahlich geschlossen werden. Im Schlafe selbst
trat erst vollkommne Buhe der Gesichtsmuskeln ein. Druck auf
die Ausgangsstellen des Nerv. facialis und infraorbitalis vermchrte
weder, noch verminderte die Krankheit. Alle bisher gebrauchten
Mittel waren fruchtlos, daher der Kranke um so freudiger den
Vorschlag auffasste, das Uebel (lurch ein operatives Verfahren
moglicherweise geheilt zu sehen. Ein langes spitzes Fistelmesser
wurde vom rechten Winkcl eingestochen, und unter der Schleim-
haut der Wange fortgleitend, in die Ildhe bis an den beginnen-
den Rand des untern Augenlides hinauf fortgeschoben. Dann
wendetc Dieffenbaclr die Scluirfe gegen die Muskeln, und durch-
schnitt diesc mit einem Zuge beim Zuruckziehen des Messers,
ohne jedoch die aussere Haut irgendwo mit zu trennen. Hier-
durch wurden der Orbicularis in seincm untern Thcil und die
Zygomatici mit dem Levat. ang. oris in ihrer Mitte getrennt.
Einen zweiten Einstichspunkt gab der aussere Augenwinkel; das
Messer, von der Schlcimhaut aus unter der ausseren Haut fort
MIMISCHER GESICHTSKRAMPF.
307
nach ausscn gefuhrt, trenntc beim Zuriickziehen noch einmal den
orbicularis. Die abnorme Muskelbewegung hatte nach jedem
Schnitte mehr verloren, und so wurde von der Schleimhaut der
Oberlippe aus das Messer zum drittenmale unter der Nase hin-
aufgeschoben, um die sammtlichcn Muskeln derselben, namentlich
den Depressor alae nasi, zii durchschneiden. ( Dieffenbach liber
die Durchschneidung der Sehnen und Muskeln. Berlin 1841. S.
314.) Der gute Erfolg, der sicli bald nach def Operation zeigte,
hat sich grosstentheils erhalten. Anderthalb Jahre nach derselben
fand ich bei genauer Untersuchung des Kranken, dass die Gewalt
der Convulsionen ganz aufgehort hatte, und nur ein Zittern und
Bebcn, zumal in dem Orbicularis palpebrarum, noch stattfand,
welches mit der frliheren Qual des Krampfes nicht zu verglei-
chen war.
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Krampf
im Muskelgebiete der Pars minor Quinti.
Masticatorischer Gcsichtskrampf.
Trismus.
Experimentelles. Bell war der erste, der durch Versuche
das motorische Attribut der kleineren Quintuswurzel nachwies,
und durch Reizung derselben an einem frisch getodteten Thiere
die Kiefermuskeln in Thatigkeit setzte, so dass sich die Kinnladen
mit einem schnappenden Geriiusche schlossen (Physiologische und
pathologische Untersuchungen des Nervensy stems. Aus d. Engl,
ubers. von Romberg. S. 28 u. 83). Valentin hat diese Versuche
an noch reizbaren Kadavern von Pferden, Katzen und Kaninchen
wiederholt, und durch Irritation sowohl der Wurzel. als der ein-
zelnen Stamme und Zweige des dritten Astes, welche in die Kau-
muskeln dringen, Contractionen der letzteren veranlasst. (De fun-
ction. nervor. cerebr. et nervi sympathici, p. 23 u. 27). Volk-
mann (iih. d. motorischen Wirkungen der Kopf- und Halsnerven
in Muller s Archiv fur Anatomie etc. Jahrg. 1840, S. 485.) hat
diese Resultate bestiitigt, und iiberdies gefunden, dass sich nie-
mals bei Reizung des fiinften Paars der Buccinator oder Mund-
winkel bewegt, wie dies nach Bell’s Angahe der Fall sein soil.
DasBild des masticatorischen Gesichtskrampfes ist verschicden,
je nach der Affection der hesondern fur die verschiedenen Bewc-
I
MASTICATORISCHER GESICHTSKRAMPF.
309
gungen des Unterkiefers bestimmten N erven, unci je nach dcr
clonischen oder tonischen Form des Ivrampfes. Am haufigsten
sind die Nerven der Heber des Unterkiefers, die N. masseter.
und temporales der Sitz, selten die der Seitwartszieher, N. pte-
rygoid., am seltensten die Nerven der Abwartszieher, (N. mylo-
hyoid. und digastr.) entweder auf einer, oder, was ofter der Fall
ist, auf beiden Seiten.
Im Krampfe der Ivau- und Schlafmuskeln wircl der Unter-
kiefer dem Oberkiefer genahert, und verharrt, bei der tonischen
Form, unbewcglich in dieser Stellung, so dass im stlirksten Grade
die Zahne fest an einander gepresst sind, und durch keine Ge-
walt von einander gebracht werden konnen (Mundklemm e).
Die Muskeln selbst fuhlen sicli starr wie ein Brett an. In der
clonischen Form schlagen die Kiefer, wie im Fieberfroste, an ein-
ander, und die Muskeln heben und senken sich gewaltsam. Von
dieser ungewohnlichen Art des Krampfes erzahlt Bell (I. c. S. 85)
ein Beispiel: er wurde bei einer Dame consultirt, die nach dem
vorlaufigen Berichte von einer auffallenden Krankheit, von pul-
sirenden Geschwiilsten am Kopfe und Gesichte, befallen sein sollte.
Bei der Untersuchung ergab sich, dass es heftige Krampfe des
Schlaf- und Kaumuskels waren, wodurch diesc anschwollen und
sich hoben, und die Kiefer mit solcher Gewalt an einander press-
ten, dass die Zahne dislocirt wurden. -Dabei ging die mimische
Bewegung der Gesichtsziige ungestort und frei von statten. —
Der clonische Krampf der seitwartszichenden Kiefermuskeln stellt
sich als Zahncknirschen und als Kaubewegung dar: ob er auch
tonisch vorkommt, ist mir unbekannt. Dagegen die wenigen,
bisher crwiilinten Beobachtungen vom Krampfe der abwartszie-
henden Muskeln (Mundsperre) ihn tonisch schildern. In einer
Dissertation von Kirschner (de maxillae inferioris divaricatione te-
tanoide. Berol. 1825.) wird ein Fall von einer mit Mundklerfime
bei einer Epileptischen abwechselnden Mundsperre mitgetheilt.
Zuwcilen empfindet der Kranke schmerzhafte Spannung in
2i *
310
MASTICATORISCHER GESICHTSKRAMPF.
den contrahirten Kaumuskeln, allein in der Mehrzahl dcr Fiille
wird dcr Krampf nicht gefuhlt. Wie der mimische, so Iritt auch
der masticatorischc Gesichtskrampf isolirt oder in Verbindung mit
andern spastischen Affectionen auf.
Diagnostische Verwechslungen konncn mit Krankheiten des
Kiefergelenkes und dcr nahgelegenen Theile stattfinden, welche
eine Unbeweglichkeit der Kinnlade mit sich fuhren. So ist ein
Fall von Anchylose beider Maxillargelcnke und Ulceration der
Gelenke des ersten und zweiten Cervicalwirbels, mit andauernden
Trismus- und Tetanusahnlichen Erscheinungen, von Bright in Re-
ports of medical cases, Vol. II, P. I. p. 418 bekannt gemacht
worden. Die Schmerzhaftigkeit bei der ortlichen Untersuchung
des Gelenkes, die Abwesenheit der Muskelspannung und die lan-
gere Dauer der Krankheit geben hinreichende Unterschiede.
Die Ursachen treffeii die peripherische oder centrale Bahn
des motorischen Quintus. Sclion der Eindruck der Kalte auf
die Gesichtsflache kann Trismus hervorhringen. Ich habe einen
43jahrigen Kranken in Bebandlung, welcber seit vier Jahren die
Erscheinungen des Absterbens, wie sie S. 270 geschildert sind,
in hohem Grade an beiden obern und untern Extremitiiten , be-
sonders Handen und Fussen, mit Erstarrung der Muskeln, dar-
bietet, sobald er sich einer kalten Temperatur aussetzt. Gleich-
zeitig werden die Masseteren und Zunge starr, und grosse Schwie-
rigkeit den Mund zu offnen und zu schluckcn stellt sich ein. —
Durch jahe Abwechslung von Hitze und Kalte wird der Trismus
vcranlasst, den man bisher mit dem Beinamcn des rheumatischen
bezeichnet, und mit Unrecbt als primares Muskelleiden gedeutet
hat. Im Allgemeinen wird aber die peripherische Bahn des mo-
torischen Quintus im Gcsichte seltner als dcr Facialis durch der-
gleichen Anliisse bctheiligt, dagcgen haufiger als dieser an der
Grundllache des Gehirns.
Den 28. September 1830 ward ich zu einer 74jahrigen Frau
gerufen, die seit sieben Monaten an Hemiplegic der linkcn Seite,
mAsticatorischer gesichtskrampf*
311
vorzugsweise des Armes, mit Aniislhesie gelitten liatte. Den Tag
zuvor war sie plotzlich in einen apoplectischen Zustand verfallen,
wobei, nach Aussage der Umgebung, von Anfang an die Zahne
fest an einander geschlossen waren, so dass es unmoglich war,
irgend etwas in den Mund zu fldssen. Ich fand sie zwar von
Betiiubung frei, allein bewusstlos, durch kein Zeichen das Ver-
stlindniss meiner an sie gerichteten Fragen verrathend. Kopf und
Hals waren starr nach der linkcn Seite gedreht, beide Augen
unverriickt auf einen Punkt geheftet. Trismus fand in einem sol-
clien Grade statt, dass keine Gewalt im Stande war Zahne und
Kiefer auseinander zu bringen. Zugleich war die ganze linke
Seite des Gesichts und ein grosser Theil der rechten unempfind-
lich gcgen alle Reizung. Die mimischen Bewegungen dcs Ge-
sichts gingen ungestort von statten. Dieser Zustand dauerte sicben
Tage fort: am achten trat Sopor ein, am neunten der Tod. Ei-
nige Stunden zuvor horte der Trismus auf, und die Krankc schluckte
noch einen Essloffel voll Flussigkcit. Bei der am andern Mor-
gen vorgenommcnen Section fand ich betrachtliche Hypertrophie
und elfenbeinartiges Gefuge der Schadelknochen. In dem vor-
dcrn Theile der Falx sass ein Knochcnconcrement von der Ge-
stalt des Vomer. Starke albuminose Exsudate bedeckten die
Aracbnoidea kings der Sichel, zumal in der Wirbelgegend, wo
auch Ver>vachsung der drei Hirnhaute mit einander stattfand.
Viele Pacchionische Driisen waren von kalkartiger Ablagerung
rauh und eckig anzufuhlen. Die Arachnoidea war trlibe, ver-
■ dickt , an vielen Stellen von einem zwischen ihr und der Pia
imater befindlichen sulzigen Extravasat blasenformig aufgetricben.
I Das Arteriennetz an der Basis des Gebirns war grosstcntheils
H'crkriochert. Im bintern Lappcn der rechten Hemisphare des
igrossen Gehirns fand sich cine Erweichung der Marksubstanz,
)von dem Umfangc ,einer Pflaume, welche sich bis auf das Dach
uler Seitenhohle erstreckte. Ilier liess sich die Marksubstanz,
cdie im ubrigen Gehirn von fester Consistcnz war, wie ein Brei
312
MASTICATORISCHER GESICHTSKRAMPF.
wegwischen. Ihre Farbe war schmutzig grau, mil einzelnen ro-
then Punkten mid Streifen durchwebt. Hire Granzen gingen un-
merklieh in die gesunden Iiirnschichten uber. Fine zweite Er-
weichung, von der Grdsse einer Kirsche undrothlich gelber Farbe,
hatte im rechten Sehnervenhugel ihren Sitz. Bcide Kleinhirn-
schenkel znr Briicke und die Wurzelstrange des Quintus auf bei-
den Seiten waren erweicht, die letzteren in einem solchen Grade,
das§ sie bei der Beruhrung wie Brei zerflossen. Die Ganglia
Gasseri nahmen an der Erweichung keinen Theil. Die iibrigen
Hirnnerven an der Basis cerebri hatten ikr normales Aussehen
und Consistenz. Die Lateralventrikel und die drittte Iiirnhdhle
enthielten eine grosse Menge gelblicher seroser Flussigkeit. Eine
sehr grosse Quantitat von Flussigkeit stromte beim Senken des
Kopfes aus dem Wirbelkanal.
Auf ahnliche Weise zeigen sich Trismus und Zahneknirschen
als Begleiter von Meningitis der Basis, und Kaubewcgungen in
apoplectisclien und typhosen AlFectionen.
Enter den Ursachen des masticatorischen Gcsichtskrampfes ist
die Reflexerregung vorzugsweise zu nennen. Es ist gar nicht
seiten, dass Reizung sensibler Nerven, mag sie zum Bewusstsein
kommen oder nicht, sich ausschliesslich auf die motorische Ouin-
tuswurzel im verliingerten Marke reflectirt. Die centripctale Er-
regung hat hierbei in der Nahe der masticatorischen Nerven, oder,
was haufiger der Fall ist, entfernt, am Rumpfe, in den Extremi-
taten etc. ihren Sitz. Ein Paar Beispiele sind von Travers (A fur-
ther inquiry concerning constitutional irritation and the pathology
of the nervous system. London 1835. p. 311) mitgetheilt worden.
Ein junges, zu hystcrischen Zufallen geneigtes Frauenzimmcr
wurde nach dem Ausziehen eines untern Backenzahnes der rech-
ten Seite mit Absplitterung des Proc. alveol. am folgenden Tage
von Trismus befallen, dcr, als Travers die Ivranke sah, bereits
drei Monate angedauert hatte. Dcr Kau- und Schlafmuskcl dcr
MASTIC ATORISCHER GESICHTSKRAMPF.
313
rechten Seite waren slarr contrahirt. Mittelst ciner elastischen,
durch eine Zahnliicke eingebrachten Rohre bekam die Kranke
Nahrungsmittel; iibrigens bcfand sie sich wohl. Spaterhin stellten
sich Symptome von Chorea in den obern Extremitaten ein. Bei
einem andern Iiranken liatte sich nach dem Hufschlag eines Pfer-
des in die rechte Inguinalgegend eine gespannte umschriebene
Geschwulst im Hypogastrium, der Scheide des rechten Muse. rect.
abdom. entlang, gebildet. Plotzlich wurde er von Trismus be-
fallen. Durch einen Einstich in die Geschwulst entlcerte sich
ein halber Tassenkopf voll Eiter. Sofort liess der Trismus nach,
und horte nach ein Paar Tagen auf. Clarns (der Krampf in pa-
thologischer und therapeutischer Hinsicht systematisch erliiutert.
1. Theil. Leipzig 1822, S. 216.) erzahlt den Fall einer jungen
reizbaren Frau, die im siebenten Monate der Schwangerschaft
sich mit einem etwas stumpfen Messer in den linken Daumen
schnitt, so dass der Schnitt quer uber die iiussere Seite des zwei-
ten Geleukes, in der Lange eines Achtelzolles, bis auf die Sehnen
gedrungen war. Die Wunde schmerzte heftig, blutete wenig,
undheilte schnell, allein es fand sich nach einigen Tagen ein Zie-
hen und Spannen in der linken Hand ein, welches sich bis nach
dem Halse verbreitete, und zu dem sich ein ahnliches Gcfiihl in
den Kaumuskeln gesellte, wobei die untere Kinnlade nur einen
halben Zoll weit von der obern entfernt werden konnte, und das
Kauen beschwerlich war. Dieser Zustand dauerte in abwechselnd
starkerem und schwacherem Grade vier bis fiinf Wochen lang,
und verlor sich endlich bei dem Gebrauche von Biidcrn und dem
Genusse von Landluft allmahlich, doch blieb noch langc eine be-
sondere Empfindlichkeit der verletzten Stelle und ein spannendes
Gcfiihl im JIandgclenk zuriick. — Unliingst liatte ich selbst Gc-
legenheit, bei einem an Fractur des rechten Schien- und Wa-
denbeins leidenden Manne am lOten Tage Spannung der Kau-
muskeln mit Schmerzhaftigkeit und crschwcrter Bcwegung des
31 i
MASTICATORISCIIER GESICHTSKBAMPF.
.Unterkiefers der rechtcn Scitc zu bcobachten, welchc nach eini-
gen Tagen von sclbst verschwand. — Auch durch Wurmreiz ent-
stelit zuweilen Trismus, oder Zahneknirschen, so wie das letztcre
sich ebenfalls als Reflexwirkung der Reizung sensibler Fasern
des Quintus in der Dentitionsperiode einfindet. Und nicht bloss
bei dem normalen Stande, noch haufiger tritt bei der pathischen
Steigerung der Reflexaction Trismus auf: mit ihm beginnt ge-
wohnlich der Tetanus, und zur Hysterie gesellt sicli otters Zahne-
klappen, die clonische Form des masticatoristhen Gesichtskram-
pfes. — Ausser der Reflexaction giebt es in den Centralapparaten
sehr wenige Anliisse, die den Trismus hervorbringen. Zu diesen
gehort die Epilepsie, in deren Anfallen und Intervallen der Kinn-
backenkrampf nicht selten zum Vorschein kommt. Zuweilen zeigt
er sich auch als Regleiter der Intermittens.
Die Prognose richtet sich hauptsachlich nach~dem Stande der
Reflexthatigkeit. 1st diese zur tetanischen Affection gesteigcrt,
so gehort der Trismus zu den lebensgefahrlichsten Krankheiten,
und nimmt einen mehr acuten Verlauf, wie in der Beschreibung
des Marrkrampfes ausfuhrlicher dargethan ist. Wo aber die Re-
flexaction an und fur sich nicht durch Erkrankung des Central-
apparats exaltirt ist, hat der durch sensible Reizung veranlasste
Trismus wenig zu bedeuten, und entspricht in seiner Dauer
dem zeitlichen Yerhaltnisse der centripetalen Erregung, so aass
sein Verlauf ofters chronisch wird, Dieser prognostische Unter-
schied verdicnt voile Beachtung, denn gewohnlich gilt Trismus
fur gleichbedeutend mit Iloffnungslosigkeit. Yon den andern Ar-
ten des Trismus ist der cpileptische der unerheblichstc: dagegen
drohi der zu entz'undlichen Zustanden dcs Gehirns hinzutretende
Gcfahr, weil er den Sitz der Reizung an der Grundflachc des
Gehirns, in der Nahe dcs vcrliingertcn Markes, andcutct-.
In der Behandlung dcs Reflex -Trismus ist die Bcseitigung
der sensibeln Reizung das llauptmomcnt, sci cs nun Zahnreiz,
MASTIC ATORISCHER GESICIJTSKRAMPF.
315
oder Wundreiz, odcr gastrischer Reiz u. s. w. So wirkt die
Scarification des Zahnlleisches bei Kindern in der Dentitionspe-
riode lieilsam. v. Wallher citirt in seiner Abhandlung fiber die
Amaurose nacli Superciliarverletzungen (in Graefes und Wal-
ther’s Journal ffir Chirurgie und Augenheilkunde. 1840. 29r.
Ed. S. 525) einen von Carr on du Villard beobachteten Fall, wo
der Trismus nach Exstirpation einer Balggeschwulst entstanden
war, und nach Durchschneidung des Frontalnerven wieder auf-
horte. Earle sah in eincm Fade nach Austreibung eines Band-
wurms sofort Genesung erfolgen ( Travers 1. c. p. 298). Wo
diese zogert, eignet sich der ortliche Gebrauch narcotischer Mit-
t tel, in Salben- und Pflasterforrh. Bei tetanischer Complication
ibedarf es der Anwendung des gegen den Starrkrampf indicirten
'Verfahrens. 1st der Trismus Begleiter der Epilepsie, so zeigt
>sich Opium wirksam in Clystir oder in endermatischer Applica-
ttion, wovon ich in einem Falle schnelle TIfilfe sah. Fine 37jah-
rrige Wittwe, die sich im 14ten Jahre verheirathet hatte, wurde
dm 15 ten nach einer schweren kfinstlichen Entbindung von der
I Epilepsie befallen, deren Anfalle seitdem otters mit unregel-
massigen Intervallen zuruckgekehrt waren. Nur wahrend der
1 Lactation dreicr Kinder blieb sie davon verschont, allein die
>Sauglinge starben unter heftigen Zuckungen. Vor melireren
Jfaliren wurde sie in einem Krankenhause behandclt, wo sich
nach einem epilcptischen Paroxysmus Kinnbackenkrampf ein-
ntellte , der 17 Tage anhielt, und erst nach dem Ausziehen
nchrerer Zahnc durch Einllossen von Opiumtinctur gehoben
ovurde. Am 26. October 1832 fiel die Kranke nach heftigem
Acrger auf dem Markte urn, bekam starke Convulsionen , und
nach Aufhoren derselben Aphonic und Trismus. Am folgenden
I Cage land ich die Kiefer lest ap einander gepresst, und jedem
ersuehe sie zu ofinen Widerstand Ieistend. Die Masseteren
uhlten sich wic zwei clicke Wfilste an, dagegen waren Nacken-
3 I G MAST1CAT0RISCHER GESICHTSKRAMPF.
mid Bauchmiiskcln frei von Contraction. Ich verordnete das
Einstreuen eines Drittcl Grans Morphium acetic., alle drei Stun-
den, auf ein auf die Brust gelegtes Vesicatorium. Schon nach
dem dritten Pulver kehrte die Stimmc zuriick, nach dem funften
war die Kranke im Stande den Mund ohne alle Schwierigkeit
zu ofFnen. Bei entziindlichen Zustanden an der Hirnbasis ist
die fur die Meningitis passende Behandlung indicirt.
■ — ^@3©^ "
I
Krampf
im Muskelgebiete der Augennerven, des Oculomotorius, Tro-
chlearis, Abducens.
Strabismus. Nystagmus. Schielen.
Experi men telle s. Die in neuerer Zcit an den Augen-
muskeln oder ihren Nerven angestellten Versuche haben theils
ubereinstimmende, theils widersprechende Resultatc gegeben. Ueber
die Functionen der graden Augenmuskeln und des Augenlidhe-
bers herrscbt keine Verschiedenheit der Meinungnn: eine um so
grossere dagegen liber die Bestimmung der schiefen Muskeln.
Wahrend Bell , Miillcr u. A. der Ansicht sind, dass der Obliq.
super, das Auge nach unten und aussen, der Obliq. infer, nach
oben und innen ziebt, schreiben ihnen Hueck und Volkmann (Letz-
tercr in seinem Aufsatze: liber die motorisclien Wirkungen der
Kopf- und Halsnerven in Muller s Archiv f. Physiol, etc. S. 481)
die Verrichtung zu das Auge um seine Axe zu drehen, wodurch
auch bei seitlich geneigtem Hauptc die Lichtstrahlen eines Ob-
jects auf identische Stellen der Netzhaut fallen konnen: der un-
tere schiefe Augenmuskel fiilire die Pupille in einem Krcisbogen
nach oben und aussen, der obere Obliquus nach aussen und un-
ten. Auch Bransby Cooper ist dieser Ansicht, und weisct den
schiefen Augenmuskeln noch liberdiess die Fahigkcit zu, den Bulbus
318
AUGENMUSKELKRAMPF.
vorwarts, den graden Muskeln dagegcn ihn riickwarts in die Orbita
zu ziehen (Physiological observations on the muscles of the eye,
in Guy’s Hospital reports Vol. Ill, p. 4G1 — 470). Dagegcn
Dieffenbach aus den vielen von ihm gegen das Schielen nach in-
nen und oben vorgenommenen Durchschncidungen des Musculus
obliq. superior den Schluss zieht, dass die Action' dieses Muskels
darin besteht, der Pupille die Richtung nach innen und oben zu
geben (s. dessen Werk: iiber das Schielen und die Jieilung des-
selben durch die Operation. Berlin 1842. S. 18 u. 178).
Physiologisches. Hie Statik der Augenbewegungen ist
im gesunden Zustande durch die Thatigkeit des optischen Nerven
bedingt: denn ungeachtet des Vorhandenseins symmetrischer Mus-
keln fur beide Augen erfolgen die Bewegungen beim Sehen un-
symmetrisch, allein in harmonischer 'Zusammenwirkung, so dass
die Augen eine solche Stellung gegen das Ieuchtende Object ein-
nehmen, dass gleiche Bilder desselben auf identische Theile bei-
der Netzhaute fallen, wodurch das Einfachsehen mit zwei Augen
bedingt wird. Symmetrisch finden die Bewegungen der Augapfel
beim Sehen nur statt, wenn sie zugleich harmonisch sind, z. B.
die Action beider graden obern oder untern Muskeln beim Auf-
wiirts- oder Abwartssehen. Sobald aber die Activitat der Netz-
liaut ermattet oder pausirt, wie es wahrend des Schlafes der Fall
ist, horen die Bewegungen auf harmonisch zu sein, und werden
symmetrisch, wovon das Auf- und Einwartsstellen der Augen ein
Zeugniss giebt, und das Boppeltsehen beim Einschlafen die Folgc
ist, da das Bild des Gegenstandes alsdann in beiden Augen auf
differ cnte Stellen fallt.
Audi fur die krampfhaften B e w e g u n g e n der Augen
ist die symmetrische Stellung karakteristisch, die entweder in ei-
ncm oder in beiden Augen, wechselnd oder beharrlich statlfindet.
Wechselt der Krampf zwischen den antagonistischen Muskeln, so
hat ein regelmassigcs . oder unglciches Ilin- und Ilcrschwingen
statt, welches man mit dem Namen Nystagmus bezeichuct. Gc-
AUGENMDSKELKRAMPF.
319
Wohnlich ist die Richtuiig horizontal, zwischen Rcet. intern, und
extern., hoclist seltcn, wenn iiberhaupt, vertical, zuweilen rotirend,
in einem Halbkreise, wenn in den schiefcn Augenmuskeln der
Krampf seinen Sitz nimmt, wie in einem von Bell (Physiol, und
pathol. Unters. d. Ncrvens. S. 237) erzahlten Falle. Der Kranke
batte das rcchte Auge eingebiisst: auf dem linken war das Cen-
trum der Hornbaut seit zwanzig Jahren verdunkelt. Dieses Auge
machte ununterbrochen eine unwillkuhrliche halbdrehende Bewe-
Die Rotation betrug ein Viertheil des Umfangs des Aug-
gung.
apfels. Die Cornea stand der Nase naher als gewohnlich, daher
der Anblick etwas schielendes hatte. Eines ahnlichcn Falles
erwahnt Demours (Dictionn. des sciences medic. T. XXXV, p.
582) von zwei Briidern, von 30 — 35 Jahren, welche seit ihrer
Geburt an einer Rotation der Augapfel litten.
Das Haften des Krampfes an einem Muskel in beidcn Augen,
oder nur in einem, oder abwechselnd bald im rechten, bald im
linken Auge, wodurch das Zusammentreffen der Sehaxen in einer
Richtung verhindert wird, ist dcrjenige Zustand, den man unter
dem Namen Strabismus mit einbegreift. Am haufigsten wird der
den Rectus interims versorgende Ast des N. oculomotorius befallen
(Strabismus convergens), auf dem linken Auge ofter als auf dem
rechten, weit seltner der Abducens (Strabismus divergens), am
seltensten die Zweige des Oculomot., die in den Rect. infer, und ,
superior sich verbreiten, so dass man diese Formen zu den Aus-
nahmen*z;ihlen kann, wahrend dieselben Nerven und dcr den Au-
genlidheber versorgende Zweig, dessenjcrampfhafte Affection man
nicht kennt, hfiufiger der Paralyse ausgesetzt sind. Unbekannt
ist man nocli mit dem Schielen der schiefen Augenmuskeln, dock
dlisst sich vermuthen, dass beim Schielen nach aussen und unten
'der N. trochlearis betheiligt ist. Endlich gieht es nocli krampf-
Ihafte Zustande der Augenmuskeln, wodurch der Bulbus riickwarts
oder vorwiirts gezogen wird. — Die Verhaltnisse dcr Schielhe-
wegungen zur willk’uhrlichen und automatischen Bewegung des
320
AUGENMUSKELKRAMPF.
Auges, so wie zur optischcn Energie sind nocli nicht gehorig
aufgekliirt. Beim Nystagmus ist der Willens-Einfluss ungeschwacht;
das Auge kann willkiihrlich nach alien Bichtungen bin bewegt
werden, allein die pendelartigen Schwingungen dauern gewdhn-
lich dabei fort. Dagegen in einem von Bell (I. c. S. 238) mit-
getheilten Falle bei dem unwillkuhrlichen Aufwartsrollen des Bul-
bus, als die Augenlider von einandergehalten wurden, und die
Kranke die Anstrengung machen musste sie mit einiger Gewalt
zu schliessen, die in die Hohe gestiegene Hornhaut wahrend die-
ser Stellung starr und unbeweglich blieb. Sobald die Augenlider
leise an einander scblossen, fuhr die Bevvcgung der Augapfel
fort, und theilte den Augenlidern ein deutliches Beben mit.
Wahrend des Schlafes fand weder in den Augenlidern, nocli im
Auge selbst irgend cine Bewegurig statt. Zuweilen kann der
willkuhrliche Impuls den convulsivischen iiberwaltigen. Bell hat
ein vierjahriges Kind mit Iiurzsichtigkeit und Nystagmus beob-
achtct, dessen Augcn ruhig wurden, so oft ein Gegcnstand so
nahe gebracht wurde, dass er seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Im Strabismus vermag der Kranke das schielende Auge durcb
den Impuls des Widens aus seiner Stellung fortzur'ucken, allein
nur auf kurze Dauer: vollstandiger gelingt es beim Schliessen
des andern Auges, wobei indess weniger die spontane Kraft in
Betracht kommt, als der Einfluss der aus ihrer Unthatigkeit zur
Activitat erwachenden Netzhaut auf die Statik der Bewegungen
und den dadurch bedingten Stand des Bulbus: denn mehrentheils
stellt sich mit dem Schliessen des gcsunden Auges der Bul-
bus in eine andrc Richlung, und giebt diese sofort beim Oeflhcn
des geschlossenen Auges wieder auf. Dieffenbach beobachtete,
dass sclion mit der allmahlichen Verengerung der Augenlidspalte
des gesunden Auges das schielende, eine bessere Stellung -annimnit.
Ob und wie der schielende Augapfel im Schlafe seine Stellung
verilndert, ist noch uubekannt.
Die Bezichungcn des Strabismus zur Sehkraft sind mannich-
AUGENMUSKELKRAMPF.
321
faltig und wichtig. Fast immer ist das schielcnde Augc unthatig,
und wenn beide schielen, eins derselben: daher aucli die Pupille,
selbst beim starksten Einwartsschielen umierandert, ja erweitert
ist, und sich nur verengt, sobald der Kranke absichtlich die Seh-
kraft des Auges durch Veranderung seiner Stellung anregt. Selbst
die beim Schielen, besonders nach oben, zuweilen vorhandene
Ptosis mag liiemit in Zusammenhang stehen, da mit Yerbesserung
der Sehkraft und der Stellung des Auges durch die Operation,
nach Dieffenbcichs Zeugniss, die Lahmung des obern Augenlids
ebenfalls verschwindet. Die Unthatigkeit des optischen Nerven
ist auch der Grand, dass der Schielende gewohnlich einfach sieht,
dagegen doppelt, sobald er das kranke Auge zum Sehen anstrengt,
und mit demselben einen Gegenstand fixiren will, weil alsdann
wegen Mangels oder Unvollstandigkeit harmonischer Bewegungen
beider Augen der Gegenstand nicht mehr im Horopter liegt, und
^sein Bild auf differente Stellen fallt. Bei langerer Dauer des
'Schielens geht die Unthatigkeit des Sehnerven aus Mangel an
lUebung in Unerregbarkeit, in Amblyopie liber. Im Nystagmus
erscheinen dem Auge , obgleich es in bestiindiger Bewegung ist,’
die Gegenstiinde in vollkommner Ruhe, weil jene Bewegungen
i nicht durch psychische Intention, nicht durch die Kraft des Wil-
ilens vermittelt werden, sondern unwillkuhrlich stattfmden, wobei
i das Auge dem Objecte nicht folgt, so dass auch keine bewusste
lEmpfindung von der Action der Augenmuskeln zu Sfande kommt,
i und der Begrilf des Wechselns der Stellung nicht erwacht. Bell
ibehandelte eine solche Kranke, die trotz des Hin- und Iler-
'schwankens der Augen im Stande war eine Nadel einzufadeln.
Nystagmus und Strabismus bestehen liir sich, oder sind mit
eeinander verbunden, oder mit andern Convulsionen , z. B. der
Augenlider (Nictitatio), des Rumples, mit Chorea, mit Epilepsic
complicirt.
Der Unterschied dcs krampfhaftcn Strabismus vom paralyti—
sehen besteht darin, dass bei jenem die willkuhrlichc Bewegung
AUGENMUSKF/LKRAMPF.
322
des Augapfels nach andcrn Richtungen hin, obschon minder leicht*
doch nicht aufgehoben ist, wahrend bei dcm letzteren die Bewe-
gung durch den gelahmten Antagonisten gar nicht mehr zu Stande
kommen kann. Nach Dieffenbach’ s Beobachtung (I. c. p. 110) ist
es nicht selten, dass das Auge beim krampfhaften Schielen, wenn
es auch nur massig von der Sehaxe abweicht, zu andern Zeiten
bei Gemiithsbewegungen etc., durch spastische Zusammenziehun-
gen der Muskeln in die verschiedensten Stellungen gebracht wird.
Diese Contractionen werden selbst unter der Operation deutlich
sichtbar.
Die Aetiologie des Schielens ist noch in grosses Dunkel ge-
hiillt, und auch durch die neueren Bemuhungeri um diese Krank-
heit nicht aufgeklart worden. Peripherische Anlasse sind seltner:
die bisher beobachteten hatten an der Hirngrundflache ihren Sitz.
So begleitet Nystagmus oft die Meningitis der Basis, besonders
im kindlichen Alter.
Im Februar 1833 wurde ich zu einem dreizehn Monate alten
Kinde gerufen, das nach Aussage seiner Mutter gleich nach der
Geburt an heftigen Zuckungen der Extremitaten gelitten hatte,
welche sich seitdem in schwacherem Grade von Zeit zu Zeit
wiederholten. Die Fontanelle blieb often, die Augapfel waren
nach unten gedriickt, so dass das Untre Lid einen Thcil der Pu-
pille bedeckte, die psychische Thatigkeit hatte sich nicht entwik-
kelt: es konnte fiber das Yorhandensein eines Hydrocephalus kein
Zweifcl sein. Drei Wochen vor dem Tode trat eine neue Er-
scheinung ein, convulsivische' Oscillation beider Bulbi, die wie
Weberschiffe horizontal hin- und herglitten, um so schneller, so-
bald der Kopf aufrecht gehalten wurde. Ficber, Sopor, augen-
blickliches Erbrechen beim Hochheben des Kopfes, Erliischen des
Sehvcrmogens auf beiden Augen gesellten sich hinzu. Unter hef-
tigen Convulsionen, besonders der Augenmuskeln , erfolgte dcr
Tod. — Die von dem damaligen Prosector Herrn Dr. Hmle vor-
genommenc Leichcnofinung ergab ein sehr entwickcltes, fast by-
AIJGENMUSKELKRAMPF.
323
pertrophisch zu nennendes Gehirn, von selir derber elastischer
Consistenz. Sammtliche Ventrikel waren liber das Doppelte ih-
res gewohnlichen Lumen erweitert, und mit einer rothlichen se-
rbsen Fliissigkeit strolzend angefullt. Auf dor Basis des Gehirns
fand sich ein betrachtliches albuminoses Exsudat, welches das
Chiasma dcr Sehnerven bedeckte. Die Nervi oculomotorii waren
in einer Sulze von Lymphe eingesenkt, die ihnen so fest anklebte,
dass man sie beim Prapariren nicht ganz davon befreien konnte.
Strabismus kommt unter ahnlichen Yerhaltnissen vor, und ge-
sellt sich zu convulsivischen Affectionen anderer Nerven, die an
der Hirngrundflache durch den Entziindungs -Process der Mem-
branen gereizt werden. Folgender Fall, woran sich mir die Er-
innerung einer unter sehr misslichen Umstiinden gelungenen Hei-
lung kiiiipft, zeigt die Reihenfolge der Erscheinungen nach Maass-
gabe der in den Kreis der Irritation gezogenen Nerven.
Ein dreijahriger vollsaftiger Knabe mit selir starkem Kopfe
und kurzem Halse, erkrankte im Monat August 1833 am Croup,
der durch fruhzeitige Anwendung der geeigneten Mittel gliicklich
beseitigt wurde. Sechs Wochen darauf zeigte sich Abnahme der
-gewohnlichen Munterkeit, Widerwille gegen Stehen und Gehen,
i und ofteres Klagen uber Schmerzen in den Fiissen. Unruhiger
.'•Schlaf und leichte Fieberbewegungen gesellten sich hinzu. Am
.30. Septemb. brachen plotzlich heftige Convulsionen mit Bewusst-
llosigkeit aus, gegen wrelche ein von der Strasse hinzugerufener
Arzt Moschus und ein warmes Bad verordnete. Als ich eine
>Stunde darauf kam, fand ich das Kind in einem apoplectischen
/Zustande, mit hochrothem Gesichte, Sopor, Schnarchen, dampfen-
der Haut, vollem frequenten Pulse. Blutegel, Kalte auf den Kopf
i md starke Ableitung auf den Darmkanal wurden vorordnet. Der
Sopor machte einer lebhaften Aufregung Platz; lautes wirres
Sprechen begann: die Erscheinung des Schwindels sprach sich in
lem anhaltenden Rufe: „ich falle vom Stulde, halte mich“ deut-
ich aus. Bei dem beharrlichen Gebrauche des Calomel, wieder-
R oinberg’s Xervcnkraukh. I. 2.
22
324
AUGENMUSKELKRAMPF.
hotter Blutentlcerungen , kalter Begicssungcn des Kopfes, und
eines Vesicatorium in den Nacken liess der phrenitische Zustand
nach; allein ein bewusstloser schlummersuchtiger nahm seine Stelle
ein, und bildetc 28 Tage lang den Hintergrund convulsivischer
Scenen, die durch das successive Befallen der an der Basis cere-
bri verlaufenden Nerven merkwiirdig waren. Zuerst Affection
des Vagus mit kurzem trocknern Husten und suffocatorischen An-
fallen — dann Theilnahme des Facialis, kundgethan durch ge-
waltsames Erweitern und Zusammenzielien der Nasenllugel und
durch Verzernmgen der Mundwinkel
zuniichst Befallensein
der fur die masticatorischen Muskeln bestimmten Quintusfasern
mit anhaltender Kaubewegung der Kiefer — dann Amaurose:
beim Vorhalten einer brennenden Iverze, beim Schwingen des
Fingers keine blinzelnde oder sonstige Bewegung des Auges, ob-
schon die Pupillen sich ziemlich rege zusammenzogen — zuletzt
Affection des Oculomotorius mit starkem Einwarts- und Auf-
wartsschielen der Augen. Und hierbei dauerten die andern Merk-
male der Meningitis unverandert fort — Sopor — Unfahigkeit
den Kopf aufrecht zu halten — Hin- und Herwerfen und Ein-
bohren des Kopfes in die Kissen — circumscripte Rothe einer
Backe, kommend und schwindend — grunzendes Ausathmen —
Herausstrecken des einen Beins, Aufwartsstellen und Schaukeln
desselben, mochte man es noch so oft unter die Bettdecke zu-
riickbringen — ausserordentliche Abmagerung, besonders des Hal-
ses und Nackens — Einfallen des Bauches, so dass die Rippen-
riinder weit hervorstanden — trockne diirre Haut — ungleicher
Athem — Puls von J00 — 112 Schlagen — sehr triige Reaction
dcr Gediirme. — Es war in diesem Fallc, wo ich von der An-
wendung
der feuchtcn Warme miltelst anhaltend fortgesetzter
Fomentationen des Kopfes ausgezeichnete Wirkung sab, die sich
mir seitdem zu wicderholten Malen bestatigt hat (vergl. mcine
diagnostische und therapeutische Bemerkungen fiber
AUGENMUSKELKRAMPF.
325
Hirnentziindung im kindlichen Alter in Caspers Wochen-
schrift fur die gesammte Heilkunde, Jahrg. 1834. S. 499).
Die Central-Anlasse des krampfhaften Schielens sind 1) sta-
tischer Art. Die von der Energie des Sehnerven abhangige Sta-
tik der Augenbewegungen giebt sich durch die abnormen Bewe-
gungen und Stellungen des Bulbus bei gestorter Action in der
Retina kund. So bringt sehr oft ein undurchsichtiger Punkt in
der Hornhaut, Linsenkapsel oder Linse eii) Schielen hervor, in-
dem die das Licht gleichsam aufsuchende Retina auf den Oculo-
motorius zuriickwirkt. Es ist hierbei der Umstand nicht zu
iibersehen, dass eine Verschiedenheit der Bewegungen durch die
bloss gehemmte Thatigkeit der Netzhaut, zumal wenn diese von
der Geburt an stattfindet, und durch deren Unerregbarkeit be-
dingt wird. So sicht man den Nystagmus als Begleiter des an-
gebornen Centralstaars, so wie grosser Leucome und Staphylome
in Folge der Ophthalm. neonat. , der Ophthalm. variolosa etc. —
wahrend Strabismus divergens die beginnende , und ausgebildete
Amaurose begleitet (S. 237). In der Aetiologie des Schielens
nehme man daher stets Riicksicht auf Momente, welche die Ener-
gie der Sehnerven betheiligen. Vor Kurzem erzahlte mir eine
30jahrige Kranke mit Strabismus convergens des linken Auges,
dass das Schielen sich in ihrem funften Jahre bei ihr und ihrem
Bruder plotzlich eingestellt habe, als sie am Christabend aus ei-
nem finstern Zimmer in ein hell erleuchtetes gebracht wurden.
2) Der Reflexeinfluss auf Entstebung des Augenkrampfes macht
sich bei Reizung naher oder entfernter sensibler Nerven geltend.
Auf jene Weise bietet er sich zuweilen bei mechanischen Ver-
letzungen des Auges dar, und Juengken (die Lehre von den Au-
genkrankheiten. 2. Aufl. S. 890.) schildert eine krampfhafte Af-
fection bei Verwundungen mit Zerrung und Quetschung des Aug-
apfels, wodurch dieser in die Ilohle der Orbita zuriickgezogen
wird, zuweilen in einem solchen Grade, dass die Conjunctiva sich
uber dcm Bulbus faltet, und die Hornhaut dem Blicke ganz ent-
22 *
326
AUGENMUSKELKRAMPF.
schwindet. Das Schielen in der Dentitionspcriode giebt einen
Beweis von der Reflexwirkung des Quintus auf die motorischen
Augennerven. Darmreizungen, besonders in der Helminthiasis,
liaben Schielen zur Folge. Auch in der Hysterie ist es cine
niclit sehr seltne Erscheinung, und ein geistreicher Arzt hat auf
das krampfhafte Hervorsteben der Augapfel in Fallen dieser Krank-
heit aufmerksam gemacht, wodurch sie das Ansehen von Glotz-
augen bekommen ( Briick in Casper’ s Wochenschrift fur die ges.
Heilkunde 1840. S. 441). —
3) Mit den Anliissen des krampfhaften Schielens, welche un-
mittelbar vom Gehirne ausgehen, ist man am wenigsten bekannt.
Psychische Eindriicke bringen es zuweilen hervor, und konnen
es steigern. In den epileptischen Anfallen fehlt es selten. Ob
auf ahnliche Weise wie Verletzungen an lebenden Thieren auch
krankhafte Zustande gewisser Theile des Gehirns Schielen zur
Folge haben, steht noch nicht fest. In den Experimenten von
Krauss, Hertwig, Magendie, Budge u. A. am Cerebellum, am
Kleinhirnschenkel, an der Varolsbr'ucke und am Proc. restiformis
des verlangerten Markes zeigte sich Schielen des Auges der ver-
letzten Seite nach unten und vorn, des andern Auges nach hinten
und oben, eine Erscheinung, die mit der durch solche Verletzun-
gen uberhaupt veranderten Statik der Bewegungen in Zusammen-
hang steht.
Disposition ist durch das kindliche Alter gesetzt: zuweilen ex-
istirt auch erbliche Anlage. Diejfenbach sah das Schielen durch
drei Generationen sich fortsetzen, und traf ofters schielende Mut-
ter oder Vater mit einer zahlreichen Nachkommenschaft schie-
lender Kinder an.
In der Behandlung leite die Indication der Ursache und
der Wirkung des Schielens. In erstercr Beziehung miissen der
Stand der Sehkraft und der Sitz des Reflexreizes beriicksichtigt
werden. So hebt die gclungene Operation der angebornen Ca-
taracta den Nystagmus und die Ileilung der Amblyopic den be-
AUGENMUSKELKRAMPF.
327
gleitenden Strabismus. Mit Entfernung gastrischer und Dentitions-
reize schwindet ofters das davon abhiingige Schielen. Allein in
den meisten Fallen ist die Erfiillung der Causalindication erfolg-
los, oder bei der Unzuliinglichkeit atiologischen Wissens iiber-
haupt unmoglich. Hier zeigt sich nun ein Yerfahren von der
grossten Bedeutung, welches die Folge des Krampfes, die Ver-
kiirzung des Muskels aufhebt. Es ist die Durchschneidung des
schielenden Augenmuskels , welche von Stromeyer angeregt, und
von Dieffenbach an mehr als 1200 Individuen vorgenommen wor-
den ist. Mit Unrecht wurde diese Operation bisher als eine bloss
cosmetische betrachtet: die Riickwirkung auf die Sehkraft, und
vielleicht selbst auf die Beschaffenheitder Augenflussigkeiten giebt
ihr einen hoheren und wichtigeren Standpunkt. Auch ist zu er-
warten, dass physiologischer Gewinn daraus hervorgehen werde.
Krarapf
im Muskelgebiele des Hypoglossus.
Experimentelles. Mechanische und galvanische Reizung
des N. hypoglossus bringt am lebenden und am frischgetodteten
Thiere zuckende Bewegungen der Zungenmuskeln hervor, welche
durch isolirte Reizung einzelner Nervenfasern ebenfalls beschrankt
werden konnen. Volkmann sah in mebreren Versuchen bei vor-
sichtiger galvanischer Reizung des mit dem Ganglion versebenen
Wurzelfadchens auf der Mitte des Zungenriickens an einer sehr
beschrankten Stelle eine Bewegung entstehen, die mit jeder Rei-
zung gleicbzeitig wiederkehrte, und ihren Rarakter durchaus nicht
anderte ( Mullers Archiv d840. S. 503). Auf die vom Ramus
descendens versorgten Halsmuskeln (omohyoideus, sternothyroi-
deus etc.) blieb die Irritation der Wurzeln des Hypoglossus fast
ganz ohne Wirkung. Hieraus lasst sich schon scbliessen, dass
der Hypoglossus dem absteigenden Aste sehr wenige Fasern ab-
giebt; auch hat die microscopische Untersuchung gelehrt, dass
der Ram. descendens zum grossten Theil aus Fasern yon spinalen
Halsnerven besteht, die aufwarts steigen, sich dem Hypoglossus
anschliessen, und in die Zunge verbrciten ( Volkmann Beobach-
tungen und Reflexionen iiber Nervenanastomosen in Muller s Ar-
chiv 1840. S. 512).
Die Bewegungen der Zunge sind zwiefacher Art, masticato-
torische und articulirende. Die mastica tori sell c Beyvcgung
ZUNGENKRAMPF.
329
hat die Bildung des Bissens zum Zwecke, und ist der Anfang
der Schlingaction, wodurch die zu einem Bissen gesammelten Stoffe
zwischen der Oberflache der Zunge und dem Gaumengewolbe
bis hinter die vordern Bogen des Gauraenseegels gefordert werden.
Die articulirende B ewe gun g wirkt zur Bildung der Laute
mit, durch deren Verbindung die Tonsprache entsteht. Die Laute
werden entweder einzeln oder in einer bestimmten Folge, ent-
weder stumm, als blosse Gerausche, oder tdnend, unter Mit-
wirkung der Stimme, hervorgebracht.
Zungenkrampf mit verhinderter masticatoriscber Action ge-
hort zu den seltensten Erscheinungen , wahrend paralytische Zu-
stiinde, die denselben Sitz haben, oft genug vorkommen. Ich
babe nur ein Paarmal Gelegenheit gehabt convulsivische Bewe-
gungen der Zunge zu beobachten. Bei einer Kranken sab ich
sie als Begleiter hysterischer Anfalle; die Zunge walzte und drehte
sick, und liess ein schnalzendes Gerausch ertonen. In dem an-
dern Falle gesellten sich die Zuckungen der Zunge zur Menin-
gitis der Hirnbasis bei einem vierjahrigen Kinde. Bei dem von
Prosopalgie befallenen Kranken, dessen Geschichte S. 38 — 47
mitgetheilt ist, stellten sich, so oft der Schmerz im Lingualis sei-
nen Sitz hatte, Conyulsionen der Zunge ein. In zwei andern
Beispielen war der Zungenkrampf mit mimiscbem Gesichtskrampfe
verbunden (s. den von Mitchell beobachteten Fall S. 302 und Jos.
Frank Praxeos medicae universae praecepta. T. III. Vol. I. Sect.
I. Lips. 1830. p. 540).
Auch die articulirende Bewegung der Zunge wird hochst sel-
ten durch Krampf beeintrachtigt: die verhinderte Articulation ein-
zelner Laute, das St am mein (Dyslalia), welche nicht bloss beim
tonendcn, sondern auch beim stimmloscn Angeben dieser Laute
als blosser Gerausche (vox clandestina) stattfindet, ist gewohnlicb
von paralytischcr Affection abbangig.
Krampf
im Muskelbereiche des N. accessorius Wiliisii.
Experimentelles. Reizung des Beinerven am Eintritte in
das Foramen lacerum Lei frisch getodteten Thieren setzt den M.
sternocleidomastoideus und Trapezius in Contraction ( Volkrnann
1. c. S. 498).
Auf die genannten Muskeln, entweder auf beide, oder nur
auf einen, haufiger auf den Sternocleidomastoideus, beschrankt sich
eine krampfhafte Affection, wovon schon bei iilteren Autoren
(Wepfer, Sauvciges) einzelne Schilderungen vorkommen, welche
jedoch erst durch Bell’s Untersuchungen zur naheren Kenntniss
gekommen ist (Physiolog. und patholog. Unters. des Nervensyst.
S. 340—357).
Anfallsweise dreht sich der Kopf nach einer Seite schief ab-
warts, entweder schnell auf einmal oder in einzelnen aufeinander-
folgenden kurzeri Ziigen, in solchem Grade, dass das Obr der
Schulter nahe, und das Kinn nach der entgegengesetzten Rich-
tung in die Hohe steht. Der Sternocleidomastoideus der Seite,
nach welcher der Kopf herabgezogen wird, ist hervorgewolbt und
hart. Zuweilen wird der Kopf mehr nach hinten gebogen, und
die Schulter steigt aufwarts, wodurch sich die Affection des Tra-
pezius kundgiebt, der wie ein barter Strang anzufuhlcn ist. In
den meisten Fallen ist Schmerz im Laufc oder in den Ansatz-
punkten des Muskels oder im Nacken und Hfaterhaupte der lei-
H ALSMUSK E LKR A M PF.
331
denden Seite Begleiter dcs Krampfes. Nach kurzer Dauer, ge-
vvohnlich von wenigen Secunden, nimmt der Kopf seine normale
sStelIung wieder ein, um sie bald darauf von Neuem zu verlasscn.
lDurch eine feste, deni Kopfe und Halse gegebne Stellung ist der
iKranke meistens im Stande den Krarnpf zu verhiiten, und selbst,
vvenn er schon ausgebrochen ist, aufzuhalten. Zuweilen vermag
er es auch willkuhrlich. Bell erzahlt (1. c. S. 354), dass ein
iKranker, sobald der Paroxysmus die grosste Hohe erreicht hatte,
:und der Warzenfortsatz bis zum Brustbein heruntergezogen war,
freiwillig, doch nur auf kurze Zeit, den Muskcl erschlaffen, und
den Kopf im Gleichgewicht erhalten konnte. Wahrend des Schla-
fes setzen die Anfalle mehrentheils aus.
Der Krampf befallt gewohnlich eine Seite, die rechte haufiger
als die linke, und nur in sehr seltnen Fallen nimmt er beide zum
"Sitze. Einen solchen Fall theilt Bell (S. 345) von einem neun-
zzehnjahrigen Madchen mit, dessen Kopf bestandig Tag und Nacht
rrollte, und sich 22mal in einer Minute umdrehte. Die Action,
vvvelche diese rollendc Bewegung hervorbrachte , hatte ihren Sitz
rim M. sternocleidomastoideus , trapezius und splenius zuerst der
■ ffnen, dann der andern Seite, wodurch der Kopf auf dem Zahn-
irortsatz des zweiten Wirbels eben so regelmiissig bewegt wurde,
i ds wurde er durch ein Pcndel ringsum geschwungen. Folgen
des anhaltenden Krampfes sind Hypcrtrophie der Muskeln, Ent-
'.tellung des Gesichts, Herabsteigen der einen Gesichtshalfte, wiili-
r*end die entgegengesetzte sich melir in die Plohe begiebt, selbst
Werriickung der Gesichtsknochen (Die/fenbach liber die Durch-
>chneidung der Sehnen und Muskeln. Berlin 1841. S. 24). Wo
die M. scaleni Theil nehmen, habe ich zuweilen in Folge der
Compression des Plexus brachialis Erstarrung und Aniisthesie des
Arms beobachtet, so wie auch durch Compression der Vencn in
olehen Fallen zuweilen Oedem entsteht.
Die convulsivische Affection des Accessorius kommt entweder
solirt vor, odor in Verbindung mit andern Kriimpfen, am hau-
332
HALSMUSKELKRAMPF.
figsten der mimischen Gesichlsmuskeln, zuweilen auch des Schlun-
des und der Luftrohre.
Die Ursachen sind nocli dunkel. Nur Dei einigen Kranken
liess sich der Ursprung auf eine vorhergegangene korperliche An-
strengung, Aufheben starker Last mit cinem krachenden Gefuhle
im Nacken, auf sell were Entbindung u. s. f. zuriickfuhren : andre
beschuldigten heftige Gemuthsbewegungen, schwachende Einfliisse,
Zugwind, der die eine Seite des Halses getroffen liatte ( Bright
reports of medical cases Vol, II. Part II. p. 500), und rheuma-
tischen Anlass iiberhaupt; die meisten waren jedoch ausser Stande
ein atiologisclies Moment mit Sicherheit anzugeben, und schilder-
ten eine allmahliche Entstehung des Krampfes. In einern von
Stromeyer mitgetheilten Falle (Beitrage zur operativen Orthopii-
dik S. 14G) litten bei einer 73jahrigen Dame auch die Waden-
muskeln an einem hohen Grade von Spannung, wodurch die
Fusse die Gestalt des Pes cquinus hatten, und zugleich war seit
einer Reihe von Jahren ein gelinder Grad spastischer Contractin'
des Sphincter ani vorhanden. Brodie hat eine Frau beobachtet,
bei welcher der Krampf ein Jalir angehalten, und plotzlich auf-
gehort hatte, worauf Wahnsinn ausbrach, der ebenfalls ein Jalir
dauerte. Mit Ileilung des letzteren kehrte der Krampf zuriick
(Lectures illustrative of certain local nervous affections, p. 8).
Die bisherige Behandlung dieses Krampfes war fast durch-
gangig ohne Erfolg; es wiirde daher nutzlos sein die mannich-
faltigen Mittel namhaft zu machen, zu denen man ohne sichere
Indication seine Zuflucht nalim. In einem Falle sah Bright (1. c.)
von grossen Dosen des Ferr. carbon., zu Drachmen, und von
der Application einer Moxa in den Nacken dauernden Erfolg.
In einem andern eingewurzclten Falle zeigte sich die Electricitiit
(Funkenziehcn aus dem Nacken) von guter Wirkung (Guy's ho -
spit. rep. Vol. VI. p. 04). Selbst die Durchschneidung der Aeste
des Accessorius, welche von Dr. Bujalsky in Petersburg an ei-
nem Kranken versucht worden ist, hatte, wie Stromeyer bcricli-
HALSMUSKELKRAMPF.
333
let, keincn dauernden Erfolg (1. c. S. 140), und durfte um so
weniger Nachahmung verdienen, da abgesehen von der sehr gros-
scn Schwierigkeit der Operation am lebenden Korper, ausser
dem Accessorius aucli Zweige der Cervicalnerven in den Sterno-
cleidomastoideus sich verbreiten, deren Antheil leicht das Ueber-
gewicht bekommen konnte. Ein gliicklicheres Resultat ist von
der Durchschneidung des afficirten Muskels zu erwarten, welche
von Amussat und Stromeyer in zwei Fallen mit bleibendem Er-
folge vorgenommen ist, obgleich auch hier zuweilen Hindernisse
der Wiederherstellung entgegentreten. So habe ich unlangst
einen Kranken gesehen, der an einem hohen Grade dieses Kram-
pfes leidet, und wo die von Dieffenbacli wiederholte Durchschnei-
dung des Kopfnickers ohne alle Wirkung geblieben ist.
Die von einer Affection des Beinerven abhangige permanente
Zusammenziehung des Sternocleidomastoideus und Trapezius (Ca-
put obstipum spasticum) begleitet hauptsachlich entziindliche Zu-
stande der Halswirbel, und nimmt weit haufiger auf der rechten
Seite als auf der linken ihren Sitz. Die Empfindlichkeit der
Cervical wirbel gegen iiussern Druck, und der heftige Schmerz
bei Yersuchen den Kopf grade zu richten, sind pathognomonisch.
Bei fortschreitender Desorganisation h5rt der tonische Krampf
auf, geht in Paralyse liber, und die Muskeln der andern Seite
des Halses bekommen das Ueberg^wicht. Wird das entzundliche
Wirbelleiden fr'uhzeitig beriicksichtigt, und mittelst ortlicher Blut-
entziehungen , Exutorien, innerer umstimmender Mittel zweck-
massig behandelt, so schwindet auch der Torticollis (vergl. Stro-
meyer 1. c. p. 147 — 150).
Des mit neuralgischer Affection verbundenen Krampfes der
Halsmuskeln ist bei den Hyperasthesieen der Muskelgefiiblsnerven
(S. 86) Erwahnung geschehen.
Krampf
im Bereiche der motorischen Nerven der obern Extremitaten.
&3£3<3
Die yon Reizung des Armnervengeflechts abhiingigen krampf-
haften Bewegungen oder Stellungen der obern Rumpfglieder kom-
men selten fur sich vor: gewohnlich sind sie Begleiter von Af-
fectionen der Centralorgane. Eine eigenthiimliche Form istjedoch
in neuester Zeit bekannt geworden,
der Schrellbekrampf.
Jeder Yersuch zu sehreiben ruft augenblicklich krampfhafte Be-
wegungen im Daumen, in dem Zeige- und Mittelfmger hervor,
so dass die Feder nach oben oder unten auf dem Papiere aus-
fahrt, und statt deutlicher Schriftziige ein Gekritzel zum Vorscbein
kommt. Canstatt unterscheidet einen Schreibekrampf der Flexoren
und Extensoren (die spec. Pathol, u. Therapie III. Bd. 2. Lief.
S. 313). Je mehr der Kranke auf Fortsetzung des Versuchs be-
steht, um so starker wird seine Unfahigkeit die Feder zu hand-
haben, und zu den sicht- und fuhlbaren Contractionen der Dau-
menmuskeln gesellen sich ofters noch Zusammenziehungen der
Muskeln des Yorder- und selbst des Oberarms, wie ich vor Kur-
zem in einem Fade gesehen habe. Abnorme Empfmdungen sind
zuweilen vorhanden, namentlich ein Gefuhl von Druck, von Zu-
sammenschnurung der Hand, oder von Schmerz, der vom Oberarme
nach dem Riicken binzieht. Pathognomonisch ist das augenblickliche
SCHREIBEKRAMPF.
335
1 Verschwinden allcr dieser Zufalle, sobald der Versuch zu schrei-
ben aufgegeben wird, so wie auch der Umstand, dass die Hand
zu jeder andern Combination von Bewegungen und zu Anstren-
gungen tauglich ist. Auch bei Ianger Andauer findet sich keine
andre Storung der Nervenverrichtungen am Arme ein. Bisher
ist der Schreibekrampf fast ausschliesslich beim miinnlichen Ge-
'Scblechte beobaclitet worden: mir ist nur ein Fall davon bei ei-
nem Frauenzimmer zur Kunde gekommen. Das kindliche Alter
'Scheint verschont zu sein. Beschaftigungen, wobei anhaltend ge-
'Schrieben wird, disponiren. Die iibrigen iitiologischen Momente
■ sind unermittelt.
Ueherhaupt fehlt es noch zur Geschichte dieser Krankheit,
auf welche zuerst deutsche Aerzte aufmerksam gemacht haben,
iBriick (Kritisches Repert. 4831. Bd. 30. II. 1.), Gierl (Medicin.
cchirurg. Zeitung 1832. N. 29 S. 46), Heyfelder (Medicin. Zeitung
i aerausgegeben von dem Yereine fur Heilk. in Preussen. 1835.
1.), Albers (ebend. Nr. 9.), an einer gehorigen Zald genauer
1 Beobachtungen, und andre Zustiinde werden ofters damit verwech-
-ielt. Der Act des Schreibens ist Produkt der Intelligenz und
ler Motilitat, und wrird durch beider Storungen auf verschiedne
VVYeise beeintrachtigt. In der Dementia, dem erworbnen Blod-
■ inne, vermag der Kranke nicht einmal seinen eignen Namen
iiiuszuschreiben : nur die ersten Buchstaben sind noch leserlich,
liann folgen Striche in Kreuz und Quer: die Zusammenhanglo-
igkeit der Schriftzuge entspricht den Gedanken, die auch nicht
n einander gereihet werden konnen. Andrerseits ist die Moti-
itat Schuld, durch Abnahme oder Steigerung. Paralyse der obern
Cxlremitat, vom Gehirne oder Ruckenmarke abhangig, beginnt
) icht selten mit geschwachter Leitungsfahigkcit der motorischen
'ingernerven, und dadurch verhinderter Tauglichkeit zum Schrei-
en: ich babe gegenwiirtig einen Mann in Behandlung, dessen
hwrankheit im kleinen Gehirne ihren Sitz zu haben scheint, und
ait einem Ilindernisse beim Schreiben debutirte. Diese paraly-
336
SCHREIBEKRAMPF.
tische Unfahigkeit beschrankt sicli aber nicht bloss auf das Schrei-
ben, sondern dehnt sich auf jcde andre Handhabung aus, so. wie
dies ebenfalls beim Tremor manus der Fall ist; auch fehlt die
fuhlbare Contraction einzelner Fingermuskeln , und der Hinzutritt
andrer Symptome erleichtert die Diagnose. Bei dem convulsivi-
schen Schreibebinderniss ist die Integritiit der Fingerbewegung
liir jede andre Beschaftigung karakteristisch , obschon nicht zu
iibersehen ist, dass in einem von Stromeyer Reschriebenen Falle
auch beim Clavierspielen der Daumen sich sogleich unter die
Handflache zog, und die zweite Phalanx vollstiindig flectirt
wurde ( Stromeyer , iiber den Schreibekrampf ( spasmus habitualis
musculi flexoris pollicis longi) und dessen Heilung durch die
Tenotomie im Medicinischen Correspondenz - Blatte Bayerischer
Aerzte 1840. Nr. 8. S. 117). Es ist also kein Motiv zur An-
nahme einer primaren, sei es peripherischen oder centralen Af-
fection der betroffnen motorischen Nerven vorhanden, sondern
der Ausgang von einem Reflexreize diirfte wohl der wahrschein-
liche sein. Man weiss, dass Beizung der Volarflache, so wie
auch der Plantarflache , die Entstehung von Reflexbewegungen
auffallend begiinstigt ( Valentin de functionibus nervorum cerebra-
lium p. 100. Nr. 33), und Kurschner fand bei seinen Yersuchen,
dass idie Haut der Gelenke zu den reizbarsten Stellen gehort,
um Reflexbewegungen hervorzurufen ( Marshall Hall’s Abhand-
lungen iiber das Nervensystcm. Aus dem Englischen, Mit Er-
lauterungen und Zusatzen von Dr. Kurschner. Marburg 1840.
S. 135). So scheint nun die Beriihrung der Haut der Fin-
ger und der Hand mit dem Papiere, oder selbst mit der Fe-
der als Reflexreiz zu wirken, wofiir auch der Umstand spricht,
dass durch starke Compression, durch festes Anpressen der Hand
die Entstehung der Reflexbewegung erschwert, und selbst ver-
hindert wird. — Bei einer so dunkeln Affection sei auch noch
an jcne Erschcinung erinnert, wo der Mensch beim Schreiben
kleinc, wie electrische Stosse in den Fingern empfindet. Muller
SCHREIBEKRAMPF.
337
erwahnt, dass cr selbst, als er vor Jahren von einer nervosen
Reizbarkeit befallen war, dieses Symptom selir oft hatte, sobald
er die Hand und die Finger zu sehr anstrcngte (Handbuch der
Physiol, des Menschen. 1. Bd. 3. Aufl. S. 648).
Die bisherige Behandlung, sowohl allgemeine als ortliche,
zeigte sich fast durchweg erfolglos, so dass die Kranken gewohn-
lich alle Heilversuche aufgaben, und sich mit mechanischcn Yor-
richtungen begniigten, die mehr oder weniger darin ubereinkamen,
einen Druck auf die Haut und unterliegenden Muskeln auszu-
iiben. Stromeyer wandte das Princip der Muskeldurchschneidung
auch auf die Cur des Schreibekrampfes an, und in einem Falle
rechtfertigte ein glanzender Erfolg die antispasmodische Kraft der
Tenotomie. Schon am 14. Tage, nachdem die Sehne des Flexor
pollicis longus subcutan durchschnitten worden, ging das Clavier-
Spielen und das Schreiben mit der grdssten Leichtigkeit von
statten (1. c. S. 118). Dagegen war bei mehreren Kranken die
von Dieffenbach vorgenommene Operation, wobei ich zugegen
war, von gar keinem Nutzen.
Zuckungen befallen zuweilen nach Fractur oder Amputation
das verletzte died (Arm oder Bein), und entstehen entweder
durch directe Reizung motorischer Nerven oder durch Reflexac-
tion. So erzahlt Babington (Guys Hospit. rep. Yol. VI. p. 423.)
den Fall einer 20jahrigen Frau, deren rechter Arm wegen scro-
fuloser Desorganisation des Elbogengelenkes amputirt werden
musste. Nach drei Monaten ldagte sie liber ein zuckendes Auf-
fahren des Stumpfes im Schlafe, und bald fing derselbe an sich
bestandig hin- und herzubewegen, in abwechselnder Adduction
und Abduction. Nur wahrend des Schlafes beschriinkte sich diese
Bewegung auf ein blosses Zittern. Die Behandlung blieb un-
wirksam.
Krampf
im Bereiche der motorischen Nerven der untern Extremitalen.
Sitz und Ursache bedingen Formverscliiedenheiten dieses
Krampfes.
Unter den Muskelnerven des Oberschenkels geben am hau-
Diagnose durch Stromeyers Untersuchungen gewonnen ist (1. c.
S. Ill u. figd.). Die Extremitat ist im Hliftgelenk gebogen, und
kann nicht gestreckt werden. Versuche zur Extension erregen
und die Muskeln selbst ragen wie straffe Leisten hervor : ilire
Beruhrung vermehrt den Knieschmerz. Die Hiifte ist durch die
Action des Quadratus lumborum und der Bauchmuskeln in die
Hohe gezogen, wovon eine scheinbare Yerkiirzung des Beins die
Folge ist, so dass beim Auftreten nur die Spitze des kranken
Fusses den Boden beriihrt.
Selten befallt der Krampf die den Unterschcnkel bewegenden
Muskeln, mit Beugung oder Streckung des Kniees. Dagegen
nimmt er seinen Sitz oft in den Fasern des Ischiadicus, welche
den dreikopfigen Wadenmuskel versorgen, zuweilen auch in de-
nen des M. tibialis, mit oder oline Veriinderung der Fussform.
Im ersteren Falle findet Pes equinus oder varus statt , dcssen
figsten die lur die Flexoren, den Psoas und Iliacus, bestimmten
v l
Zweige des ersten und zweiten Lumbarnerven den Sitz ab, und
veranlassen die spastische Contractur der Hiifte, deren
heftige Schmerzen im Knie. Die Sehnen des Psoas und Iliacus
KLUMPFUSS.
339
krampfhafter Ivarakter sich dort am deullichsten zu erkennen
giebt, wo der Klumpfuss periodisch, unter gewissen Bedingungen
sich einsiellt. Einige Beobachtungen dieser Art finden sicli in
Stromeyer’s und Dieffenbach’ s Werken, und sind von zu grosser
pathologischer Wichtigkeit, um hier nicht angefuhrt zu werden.
„Ein 30jahriger Marin hatte einen Klumpfuss der rechten Seite
bald nach dem ersten Auftreten ohne bemerkbare Veranlassung
bekommen. Beim Gehen trat er nur mit dem iiussern Fussrande
auf, beim Sitzen liess sich jedoch der Fuss fast ganz in seine
normale Lage bringen, selbst bei gestrecktem Kniegelenke, noch
leichter indess bei gebogenem. Bei gradem Auftreten aber drehte
sich die Fusssohle nach innen, und es entstanden lebhafte Schmer-
zen. — Bei einem Kinde von FV Jahren nahm der rechte Fuss
beim Gehen die Gestalt des Pes equinus an, wahrend beim Sit-
zen und Liegen durchaus keine Deformitat zu entdecken war.
Das Auftreten mit der Spitze des Fusses fand sogleich bei den
ersten Yersuchen zu gehen statt ( Stromeyer 1. c. S. 83 u. 95). —
Ein kraftiger 15jahriger Jiingling stieg eines Tages auf einen
Tisch, um die Stubenuhr zu stellen. AIs er dann riickwarts vom
Tische auf den Boden sprang, wobei die Spitzen der Fiisse zu-
ierst den Boden beriihrten, fuhlte er liber der linken Ferse au-
genblicklich einen heftigen Schmerz, so class er nicht mehr auf-
ttreten konnte. Oelige Einreibungen hoben die Sckmerzen binnen
ieinigen Tagen; als er aber wieder zu gehen anfing, beriihrte nur
die Spitze des Fusses den Boden; die Ferse war dagegen um
zwei Zoll in die Hohe gezogen, selbst die Belastung des Fusses
durch das ganze Korpergewicht konnte die Ferse nicht bis auf
Jden Boden herabdrucken. In sitzender Stellung konnte der junge
■Ylensch seinem Fusse jede beliebige Stellung geben, und dies,
K vvie es zuerst schien, wohl nur deshalb, weil bei dem Beugen ♦
des Kniegelenks die YVhde erschlafTt und verkingert wurde. Al-
■ ein bei genauer Beobachtung verhielt sich die Sache anders.
Lag der Kranke auf dem Riicken, so class das Kniegelenk und
Romberg’s Nerrenkrnnkb. I. 2. 23
340
KLUMPFUSS.
die Wadenmuskeln erschlafl’t waren, so konnte er mit dem Me-
latarsalgelenke alio Bewegungen machen, den Fuss extendiren,
adduciren und abduciren. Physiologisch iriteressant ist es daher,
dass bei Unthatigkeit dcr Gastrocnemii, diese durch die Flexoren
ausgedehnt werden konnten, und bei aufrecbter Stellung die Ga-
strocnemii sich ungeachtet der Beschwerung des Fusses durch
die Last des Korpers urn zwei Zoll verkiirztcn ( DiefJenbach riber
die Durchschneidung der Sehnen und Muskeln S. 225). Herr
v. J., 22 Jahr alt, Student der Philosophic, von grossem krafti-
gem Korperbau und blubender Gcsundheit, wurde in friihester
Kindheit von einer Schwache dcr untern Extremitaten befallen,
welche das Gehen erschwerte. Starkende Bader und spirituose
Waschungen waren die damals vorzugsweise angewendeten Mit-
tel. Die Untersuchung der Extremitaten zeigte durchaus nichts
Abweichendes, weder in Riicksicht auf Entwicklung, nocli auf
Form. In sitzender Stellung waren die Fiisse vollkommen wolil-
gebildet, und der junge Mann konnte jede Bewegung mit Leicli-
tigkeit machen. Stand er aber auf und ging, so war der Gang
so unsicher, schwankend und watschelnd, als wenn ein Ungeiib-
ter mit glatten Sohlen auf dem blanken Eise geht. Nock schwan-
kender war der Gang, wenn er die Stiefel und Striimpfe auszog,
und auf blossen Fiissen durch das Zimmer ging, dann musste er
sich oftmals halten, uni nicht umzufallen. Setzte er die Fiisse
auf den Boden, so blieb ihre Gestalt normal; so wie er sich aber
vom Stuhle erhob, und die Fiisse die Last des Korpers trugen,
so nahmen dieselben augenblicklich die Gestalt von Plattfiissen
an, die Wolbiing der Solile verschwand, und die Zehen zo gen
sich kurz zusammen, und richteten sich nebst dem ganzen vor-
dern Tbeile der Fiisse in die Holie, so dass der Fussriicken ein
concaves Ansehen bekam.“ ( Dieffcnbach a. a. 0. S. 240.)
Ohne Veriindcrung der Fussform kommen Krampfe der Wa-
denmuskeln haufiger vor, von Reizung des Hiiftnerven abhiingig,
und mit heftigem Schmerze verbunden, die sogenannten Crampi,
KLUMPFUSS.
341
auf deren bei cler Neuralgia muscularis gegebene Schildcrung
(S. 86) verwiesen wird.
Als Ursachen wirken sowold peripherische als auch Rellex-
reize. Unter den ersteren sind krampfhafte Prozesse dcr Wir-
belknochen, besonders der Lumbarwirbel , nicht selten, wodurch
auf ahnliche Weise wie das Caput obstipum, die ConXractur des
Huftgelenks erzeugt wird. Auch Organe der Beckenhdble kon-
uen unmittelbar das Lumbar- und Sacralgeflecht betheiligen, und
die Muskeln des Schenkels und Fusses zu Contractionen anrcgen,
wovon der Uterus im schwangern Zustande ein Beispiel giebt.
Noch luiufiger mag es wohl durch Relleximpuls der Fall sein.
So gesellt sich der Wadenkrampf zur Brechruhr, und das gleich-
zeitige Vorkommen des Krampfes in den Fingerstreckern giebt
um so melir Beweis fur die Entstehung durch Rellexaction. Darm-
reize andrer Art mijgen analog wirken. Irritation der Gebar-
mutter darf nicht iibersehen werden, und die hysterischen Gelenk-
leiden, wie sie Brodie geschildert hat (vgl. S. 66 und 75), sind
mehrentheils auf diesen Ursprung zuriickzufuhren. So erwahnt
Andral (Yorlesungen uber die Krankheiten der Nervenheerde
S. 443) eines Madchens von 19 Jahren, welches in Folge einer
(lurch Schreck entstandenen Menostasie jeden Mon at; und fast
genau zu derselben Zeit, wo sonst die Menstruation zu kommen
pllegte, von einer krampfhaften Contraction der untern Extremi-
tiiten befallen wurde. Die Flexion des Beins war so stark, class
die Fersen das Gesass beriihrten. In den Intervallen der An-
falle war die Gesundheit ungestort. Nach Wiedereinstellung
der Catamenien horten die Convulsioncn auf. Auf die Haut,
■ die iiberhaupt, und in’sbesondre an der Fusssohle, als wich-
tige Quelle von Reflexactionen betrachtet werden muss, Ienken
'die mitgetheilten Fiille von periodischem Klumpfussc den Blick,
da nur bei der Beruhrung der Sohle mit dem Fussboden, zumal
wcnn sie nackt war, der Krampf zum Ausbruch kam, so wie bei
Beruhrung der Hand mit dem Papiere etc. der Schreibekrampf
23*
342
KLUMPFUSS.
enlslcht. Audi Brodie sah in jencn Gclenkairectionen ofters bei
leiser Beriihrung der Hautdecken convulsivische Bewegungen des
Beines entstehen, welche zuvveilen stiirmisch waren und den Schen-
kel in die Hohe warfen, zuvveilen mit dcnen der Chorea Aehn-
lichkeit hatten (Lectures illustrative of certain local nervous affec-
tions p. 43). Endlich werden Zuckungen und Contractionen der
Muskeln der untern Extremitiiten als Begleiter von Centralkrank-
heiten des Riickenmarks, vvenn auch seltner als Lahmungen, be-
obacbtet.
In der Behandlung hat die Erfullung der Causalindication oft
einen glanzenden Erfolg. Davon iiberzeugt man sich bei der
spastischen Contractur des Iluftgelenkes, welche von einem Kno-
chenleiden der Lumbarwirbel abhangig ist, und so haufig mit
Coxarthrocace verwechselt wird. Die genaue Untersuchung des
Riickgraths wird diesen Irrthum verhiiten, und den Ableitungs-
mitteln (Exutorien, Einreibungen mit Ung. tart. emet. etc.) die
gehorige Stelle anweisen. Beseitigung der Intestinal- und Ute-
rinreizung hebt andauernd die davon abhangigen Wadenkriimpfe.
Bei dem krampfhaften Klumpfusse batte die gewobnlicbe Behand-
lung bisher nicht gefruchtet. Der subcutanen Sehnen- und Mus-
keldurchschneidung war es vorbehalten aucb hier einen Triumph
zu feiern. In alien oben angeluhrten Fallen erfolgte dadurch
vollstandige Heilung.
Krampf
im Gebiete der die Athem- und Stimmbewegungen vermit-
telnden Nerven.
Experimentelles. — Die von Arnold, Bischo/f, Valentin
u. A. aufgestellte Deutung des Vagus als sensibeln Nerven, dem
durch die Aufnahme von Fasern des Accessorius motorische Ele-
mente (fur die Schlund- und Kehlkopfsnerven) beigesellt werden,
ist durch die neuesten Beobachtunge'n von Volknuinn erschiittert
worden. Versuche, ausschliesslich an den Wurzeln des Vagus
bei frisch getodteten Thieren angestellt, hatten Bewegungen des
Schlundes, des weichen Gaumens und der Kehlkopfmuskeln zur
Folge. Es zeigte sich dabei seltner Veranderung in den Dimen-
sionen der Stimmritze als ein Zucken in den vorspringenden Par-
tieen der Giesskannenknorpel. Die Krauselung der Muskeln wurde
im Muse, cricoarytaenoid. postic. und lateral, deutlich bemerkt.
Nach Durchschneidung des Vagus unterhalb des N. laryng. super,
gab sich bei Reizung des letzteren nicht der geringste Einfluss
auf Bewegung der Stimmritze kund, dagegen erweiterte sich beim
IGalvanisiren des peripherischen Endes des durchschnittncn Nerven
die Stimmritze, und die Stimmbapder wurden zuweilen angespannt.
Volkmann legte bei zwei jungen Hunden, nach Wegnahme des
grossen und kleinen Gehirns, die Stimmritze Irei, die sich mit
jedem Athcmzuge offnete und wieder schloss. Dann wurden bei
dem cincn die N. laryng. super, durchschnitten, wodurch die Be-
GLOTTIS K II A M PF.
3 44
wegungen dor Glottis gar nicht verandert wurden. Bei dem an-
dern durchschnitt Volhnann den Vagus auf beiden Seiten am
liaise, vernichtete somit die Wirkung dcs Ram. recurrens, so-
gleicli schloss sich die Stimmritze, urn sich nicht wieder zu off—
nen ( Mailer’s Archiv 1840. S. 494). Stillings Experimente sind
nicht minder entscheidend und ergeben, dass der Nerv. laryngeus
superior ein rein sensitiver Nerv ist, und dass die Stimmritze
ausschliesslich durch die N. recurrcntes bewegt wird (Liber die
Bewegung des Kehlkopfes, der Stimmritze und des Schlundes in
Hdser’s Archiv fur die gesammte Medicin 3. Bd. 3. H. S. 326).
Durch diese Versuche wird Magendies Annahmc, dass die Schliess—
muskcln der Stimmritze (die M. arytaenoid. transv. u. obliq.) von
den obern Keldkopfsnerven versorgt werden, widerlegt, so wie
dies bcreits friiher in anatomischer Beziehung von Rudolphi und
Schlemm geschehen ist. Ausser dem Einflusse auf die Glottis
kommt, nacli dem iibereinstimmendcn Zeugnisse aller Experimen-
tatoren, den zurucklaufenden Nerven die Vermittlung derjenigen
Muskelactioncn zu, durch welche die zum Tonangeben nothige
Spannung der Stimmbander hervorgebracht wird.
Die krampfhaften Athembewegungen treten entweder in iso-
lirtcn Ziigen oder zu Gruppen associirt auf. Von den ersteren
sind der Spasmus glottidis und der Spasmus bronchialis die Re-
prasentanten.
Spasmus glottidis.
(Asthma laryngeuin.)
Durch Contraction der die Stimmritze sehliessenden iVIuskelii
wird das Einathmen crschwert oder gehcmmt.
Es giebt keine Krankheit noth Verletzung des Kelilkopls, in
deren Bcgleitung sich diescr Krampf nicht einfinden konnte. Ln-
GLOTTISKRAMPF.
345
abhangig davon, als selbststandige Affection, die vorzugsweise das
zarte Kindesalter befallt, ist cr, obgleich alteren Autoren liicht
unbekannt, in neuerer Zeit unter verschiedenen Namen beschrie-
ben worden, Asthma acutuin Millari, Asthma thymicum, spasmo-
discher Croup, Laryngismus stridulus etc., von, denen der obigc
wegen seiner Einfachheit den Vorzug zu verdienen scheint *).
Der Spasmus glottidis stellt sich in Anfallen von verhinderterp
Luftholen, von Ausbleiben des Athems ein, wobei unter grosserer
oder geringerer Anstrengung ein greller Sclirei ertont, der mit
der eigenthumlich schallendcn Inspiration beim Croup oder Keicli-
husten Aehnlichkeit hat. Die ersten Anfalle kommen in der
Naclit, nach ruhigem Schlafe, sind von kurzer Dauer und gelinde,
so dass sie die Aufmerksamkeit der Umgebung kaum erregen,
zumal nach denselben das Befinden vom normalen nicht abweicht.
Anfangs sind die Intervalle Iang; mehrere Tage vergehen, ehe ein
neuer Anfall eintritt: spaterhin kehren sie, auch im Wachen hau—
tiger zuriick, und nchmen an Intensitiit und Dauer zu. Drei bis
funf Minuten lang, zuweilen noch langer, ist das Athmen unter-
brochen, die Augen sind stier, die Farbe des Gesichts ist livide
oder leichenblass, die Nascnflugel und Halsmuskeln sind in star-
ker Action, die Arme sind starr ausgedehnt, die Suffocation wird
fur unvermeidlich gehalten, bis endlich die Luff wieder in kur-
zen Ziigen mit pfeifendem Tone eindringt, dcr nachher in Wei-
nen und Schluchzen ubergelit, womit der Anfall endigt. Nicht
selten finden wahpjend desselben kramplhaffe Zusammenziehungen
e) Unter den Deutschcn haben sich am meisten um Aufhellimg dieser
Krankheit verdient gemacht: Kopp DenkwUrdigkeiten Bd. 1. Caspari und
Pagenstcchcr in den Hcidelberger klinischen Annalen B. S. H. 2. Hirsch in
IJuf eland's Journal der prakt- Heilk. 1S35. Haclimann in der Zeitschrift fur
die ges. Medicin etc. herausgeg. von l)iejfenbach , Fricke und Oppenhcim.
B. V. Heft 3. In der ausl'andischen Literatur ist das Work von Hugh Ley
das Ausgezeichnetste: an essay on the laryngismus stridulus or crouplike
inspiration of infants. London 1830.
3 4 (>
GLOTTISKRAM PF.
der Finger, der Hande und Fiisse, besonders Einwartsschlagen
der Daumen statt.
Der Ausgang dieser Krankheit ist dreifach 1) unmittelbar in
Tod durch Asphyxie. Die stiirksten Anstrengungen zum Einath-
men sind yergebens, der Kopf ist hintenuber gebogen, der Rumpf
tetanisch starr, plotzlicli sinkt das Kind urn, und ist nicht mehr.
2) In einen Consecutivzustand allgemeiner Convulsionen, welcher
von Einigen als zweites Stadium angenommen wird, wozu jedoch
ihre oftere Abwesenheit nicht berechtigt. 3) In Genesung, sel-
ten jahe, meistens allmahlich und langsam.
Die Dauer der Krankheit erstreckt sich auf mehrere Wochen
und selbst Monate, mit langeren oder kurzeren Pausen. Nur in
sehr seltnen Fallen erfolgt der gliickliche oder lethale Ausgang
schon in den ersten Tagen.
Die Leichenbefunde stimmen in der Integritat des Kehlkopfs
und der Luftrohre uberein, so wie auch in den durch Asphyxie
bedingten Veranderungen, Blutstasis in den Lungen, in der reek-
ten Herzkannner und im Gehirne. Dagegen weichen die Schil-
derungen der zugleich vorgefundenen Abnormitiiten von einander
ab. liopp hat zuerst der Hypertrophie der Thymus erwahnt, Ley,
nach Merrimans Vorgang, der Anschwellung der Cervical- und
Bronchialdriisen, Monro (the morbid anatomy of the brain. Edin-
burgh 1827 Vol. I. p. 70), Burns u. A. der Injection und Ent-
zundung an der Basis des Gehirns, in der Nahe der Insertions-
stelle des Vagus, und seroser Extravasate in den Hirnhohlen.
Disponirende Ursachen sind das kindliche Alter, zumal das
jiingere in der ersten Dentitionsperiode (nach Pagenstechers und
Hachmanns Beobachtung werden Knaben weit haufiger als Mad-
chen ergriffen), Scrofeln, Bhachitis. Climatische und endemisehe
Verhaltnisse scheinen von Einfluss zu sein. In London und Du-
blin kommt die Krankheit nach zuverlassigen Berichten haufig
vor, in Hamburg oft, dagegen sie in Paris und Berlin nur seltcn
bcobachtet wird. Als excitirende Ursachen machen sicli ausscr
GLOTTISKRAMPF.
347
iZahnreiz cutane und Intestinalreizung geltend. Gelegentliche An-
liisse der Anfalle sind Anstrengungen , Schreien, Schreck, plotz-
liclies Erwachen aus dem Schlafe, Pressen beim Stuhlgange.
Scholion. Diirch Nichtbeachtung der Rcllexaction in der
IPathogenie des Glottiskrampfes hat man in dessen Deutung Miss-
g?riffe gethan, deren Riickwirkung auf ,die Behandlung nicht aus-
Lgeblieben ist. Dahin gehort die Annahme einer organischen Ver-
landerung des Vagus, sei es in seiner centralen oder peripherischen
iBahn. So halt Hugh Leg die Compression des Vagus und be-
'Sondcrs des Recurrens durch angeschwollne Cervical- und Bron-
chialdrusen fur die Bedingung der Erscheinungen, und glaubt,
dass wahrend die Muskeln, welche die Stimmritze offnen und
i erweitern, des motorischen Impulses ermangeln, die Antagonisten,
die Schliessmuskeln, die vom N. laryngeus superior versorgt wer-
dien sollen, das Uebergewicht bekommen. Ein Anfall von As-
(ohyxie sei davon die Folge, welcher nicht eher aufhdre, als bis
die Glottis sich etwas offnet, was bei starken Exspirationen ge-
sschieht, und wobei die nun mit Gewalt durchfahrende Luft den
i cigenthumlichen schrillenden Ton hervorbringt. Allein abgesehen
i lavon, dass sowohl der hier vorausgesetzte Antagonismus zwischen
oberem und unterem Kehlkopfnerven weder anatomisch noch ex-
oerimentell gerechtfertigt wird, als auch dass von Andern der
i mgefuhrte Nervendruck gar nicht bestatigt worden ist, so wider-
treitet sclion die Periodicitat einer paralytischen Affection mit
gesunden Intervallen, bei fortdauerndem und so machtigem An-
asse, dass selbst eine Atrophie des Nerven stattfinden soil, den
)isher beobachteten Thatsachcn. Auch sind zwei physiologische
legengriinde von Gewicht. Eine Compression des Recurrens
'viirde Stimmlosigkeit und Unempfindlichkeit der Luftrdhre, und
il ls Folge der letzteren Abnahme der respiratorischen Reflexbewe-
;ungen hedingen (vgl. S. 230 — 233). Von beiden findet sich
‘:eine Spur: die Stimme 'erhalt sich, und die Empfindung des
uuftmangels erzeugt Athemnoth, die sich durch die aufgeregte
348
GLOTTIS ERA M PF.
Action der inspiratorischen Muskeln und durch den Ausdruek
marternder Angst in den Gesichtszugen kundgiebt. Audi Korns
Annahme einer durch Hypertrophic dcr Thymusdriisc veranlassten
Compression und Stoning des Blutumlaufs findet in den angc-
fuhrten Griinden ihre Widerlegung, zu denen noch ein wich tiger
hinzukommt, dass man otters die hygiene Beschaffenheit der nach
dcr Geburt noch wachsenden, und im ersten Lebensjahre gross-
bleibenden Thymus als einen krankhaften Zustand gemissdeutet
hat. Eben so wenig ist die andere Ansicht von einer dem Glot-
tiskrampfe zu Grunde liegenden Centralaffcction des Gehirns durch
die Beobachtung gerechtfertigt worden. Sie fand wegen der of-
teren Begleitung oder Succession von Krampfen der Glieder und
des Rumpfes Eingang, allein die psychische Integritat in und
ausser den Anfallen, und der ganzliche Mangel von Hirnsympto-
men im Verlaufe dcr nicht complicirten Krankheit hatten nicht
ubersehen werden durfen. Wie die normalen, so sind auch die
krampfhaften Athembewegungen von der Reflexaction entweder
einzelner Nerven oder ganzer Gruppen motorischer Bahnen ab-
hangig, wobei der anregende Reiz in der Nahe oder Feme von
diesen motorischen Nerven seinen Sitz haben kann. Fur die phy-
siologische Deutung ist es zwar gleichgiiltig, ob ein in die Glot-
tis eindringender Wassertropfen oder die Irritation eines Dental-
zweiges des Quintus die Contraction der Muse, arvtaenoid. transv.
und obliej. veranlasst, denn in bciden Fallen ist es centripetale
Erregung, die eine centrifugale hervorruft, allein fur den Patho-
logen ist die Kenntniss des Sitzes der centripetalen Reizung von
Wichtigkeit, da, abgesehen vom therapeutischen Interesse cr hier-
durch in Stand gesetzt wird, auch diejenigen Krankheiten richti-
ger zu wiirdigen, in welche der Glottiskrampf als Element cingeht.
Diagnostisches. Yor Verwechslung mit Croup und ent-
zuncllichen Affectionen der Luftrohre stcllt die Paroxysmenbildung
und der ruhige Gang dcr Respiration in den Intervallen sichcr.
Es fchlt das begleitencle Fieber und die Vcrandcrung der Stimmc.
GLOTTISKRAMPF.
349
lMusfen, dort steter Begleiter, wird wiihrend des Anfalls nicht be-
obachtet, und ist in den Zwischenzeiten unwesentlich. Im Croup
•steigt mit den Stunden Intensitat und Gefahr: im Glottiskrampfe
• entwickeln Wochen die Hohe der Krankheit. Zu einem andern
Irrthume konnte der Ilinzutritt allgemeiner Convulsionen verlei-
ten, namlich die Krankheit fur eine primiire Meningitis oder Hy-
drocephalus acutus zu halten. Eine sorgfaltige Anamnese, die
IFortdauer des Glottiskrampfes, wenn aucli in seltneren Anfallen,
der Mangel des soporbsen Hintergrundes geben unterscheidende
'Criterion an die Hand.
Hie Prognose ist um so bedenklicher , jc junger der Kranke
ist, wobei die verhaltnissmassigc Kleinheit und Schmalheit der
Stimmritze in Anrechnung zu bringen ist. Richer and hatte zu-
erst festgestellt, dass Kehlkopf und Glottis im kindlichen Alter
ssehr klein, um die Zeit der Pubertiit an Grosse plotzlich zuneli-
men, vorzuglich berm mannlichen Geschlecht, im Verliiiltniss von
•'5:1(3, bci dem weiblichen von 5:7. Schlemm hat diese Be-
iobachtung bestatigt, und noch einige interessante Details bin-
/zugefugt: so war die Stimmritze eines zwblljahrigen Kindes 1^
! bis 2 Linien langer als bei einem dreijabrigen , und bei einem
i dreijahrigen | Linien grosser, als bei einem Kinde von Jahren »
(. Rudolphi , Grundr. der Physiol. 2. Bd. 2. Abth. S. 344). Diese
'Verhaltnissc erklaren die erheblichere Gefahr des Spasmus glot—
ttidis und der Laryngitis im zarten kindlichen Alter, so wie auch
die um so grossere Lethalitat der Durchschneidung des Becur-
rens, je junger die Thicre sind, an welchen der Yersuch ange-
-stellt wird. — Entwohnung, Scrofcln, Rhachitis, Atrophic sind
uungiinstige Momente, obglcich andrerseits vollsaftige Kinder einem
■ucuteren Verlaufc der Krankheit und eincr grosseren Intensitat
• ler Anfalle ausgesetzt sind. Der Eintritt allgemeiner Convulsio-
nen ist sehr misslich. So.langc die Dentition dauert, ist Besorg-
niss vor Recidiven vorhanden.
Bei der grossen Vcrschiedenheit der empfohlnen und ge-
350
GLOTTISKRAMPF.
priesenen Heilmittel ist das Vertrauen auf Naturheilung um so
grosser, und die Warming Kopps und Hcickmann’s vor stark
eingreifendcm und stiirmischem Yerfahren gerechtfertigt. Pal-
liativ sind Erwarmung der Qberllache, (warme Servietten auf
Brust und Bauch) Clystire aus Chamilleninfus. mit Asa foetida,
aus hb. Nicotian. (Gr. jjj — v auf 3 — 4 Unzen), warmes Bad
mit Zusatz von Flor. Chamom., Einschlagen der Fiisse in Fla-
nell, der mit schwachem Senfaufguss getriinkt ist, wirksam.
Geht der Anfall in einen apoplectischen oder asphyctischen Zu-
stand fiber, so sind ortliche Blutentleerungen am Kopfe oder in
der Niihe der Jugulares nothwendig, jedoch cauta manu, da leicht
Erschopfung und Tod eintritt. In den Intervallen der Anfalle
ist die causale Indication zu erfiillen. Einstimmig wird der Ge-
nuss der Landluft im Sommer geriihmt, welch er bei der haufigeri
Complication mit Scrofeln und Rhachiti’s um so wohlthatiger wirkt.
Auf den Darmkanal muss stets Riicksicht genommen werden: je
nach der Verschiedenheit der Storung eignen sich Brechmittel,
von Zeit zu Zeit wiederholt, auch refracta dosi (Infus. rad. ipe-
cacuanh. etc.) oder der Gebrauch des Calomel, oder bei Diar-
rhoeen Tonica, (besonders Limat. ferr. carb. mit kleinen Dosen
Rheum), bei abnormer Dentition, zumal mit entziindlicher An-
schwellung des Zahnfleisches, wird' von englischen Aerzten tiefes
Scarificiren des Zahnfleisches mit grosser Emphase empfohlen.
Kehren dessenungeachtet die Anfalle haufig zuriick, so verbinde
man hiemit die Anwendung der Antispasmodica, besonders des
Kupfers (Liq. Koechlin. etc.) des Zinc, hydrocyan, etc., und beim
Eintritte allgemeiner Convulsionen, des Moschus.
BRONCHIENKRAMPF.
351
Spasmus broncliialis.
(Asthma bronchiole .)
Trotz Reisseisens Beobachtung vom Vorhandensein von Mus-
kelfasern in den kleinen Bronchien, wo selbst das Knorpelgewebe
nicht mehr wahrgenommen werden kann, liatte die Annahme ei-
ner Fahigkeit der Luftrohrenzweige sich auf Reize zusammen-
zuziehen Gegner gefunden (. Muller Handbuch der Physiol, lr. B.
3te Aufl. S. 339). Williams neueste Versuche haben sie jedoch
ansser allem Zweifel gestellt. Auf mechanische, chemische, elec-
trische Reizung erfolgt Contraction, die nicht plotzlich, wie in
einem willkiihrlichen Muskel, sondern wie im Darme allmahlich
stattfindet, durch anhaltendes Reizen erschopft, durch Ruhe auch
in der aus dem Rorper herausgenommenen Lunge noch auf
Stunden hergestellt wird. Strammonium, Belladonna, Conium,
Strychnin, Morphium schwachen und vernichten sie. Yon gerin-
gem Einflusse zeigte sich die Reizung des Vagus: die Leitung des
electrischen Stroms durch die Lungennerven brachte weit schwii-
chere Contractionen hervor, als die Leitung durch die Trachea
(Williams the pathology and diagnosis of diseases of the chest.
4 edit. London 1840 p. 320 — 331).
In der Pathologic war durch die Fortschritte in der Erkennt-
niss der Lungen- und ITerzkrankheiten das Asthma convulsivum
der alteren Nosologen verdrangt worden: statt dessen supponirte
man organische Veranderungen in der Bronchialschleimhaut oder
im Herzen. Der Unterschied hlosser Athemnoth (Dyspnoea), die
nichts anders als der Gefuhls-Ausdruck fur die abnormen Ver-
hiiltnisse zwischen Blut und Luft in den Lungen ist, von astli-
matischen Anfallen wurde nicht immer heachtet, und die Verwir-
rung dadurch gesteigert. Schon Laennec , dem man so viel Treff-
liches verdankt, benulzte seine grosse Entdeckung, die Auscultation,
l
352
BROIN CH lEN KR A M PF.
um die Contraction und Erweiterung dor kleinen Bronchialzweige
in dem Verschwinden und Zuriickkehren des gewdhnlichen und
puerilen Athmungsgerausches bei Zustanden, wo jeder Verdacht
auf mechanische Hindernisse wcgfiel, zu constatiren (Traite dc
l’auscultation mediate. 4me edit. Paris 1837. T. II. p. 378 etc.),
und die Auscultation ist es auch, welche der Diagnose des Spas-
mus bronchialis eine festerc Stiitze giebt.
Die Anfalle, durch freie InterValle von einander getrennt, kom-
men am haufigsten in der Naclit, plotzlich oder angemeldet durch
Druck in der Herzgrube, Constriction der Pracordialgegend. Der
Kranke hat das Bediirfniss tief Athem zu holen, fuhlt aber selbst,
dass die Luft fiber eine gewisse Stelle in der Brust nicht vor-
warts dringt. Hier sind zischende, pfeifende, schnurrende Ge-
rausche, sowohl bei der Inspiration, als bei der Exspiration hor-
bar, oft schon in einiger Entfernung, und dem Kranken selbst
vernehmlich. Die Beklemmung steigt: die respiratorischen Mus-
keln, auch die auxiliaren, agiren: die Nasenfliigel spielen, die
Conture der Sternocleidomastoidei treten scharf hervor, der Kopf
wird riickwarts gezogen, die Arme werden angestemmt, um die
Brusthohle zu erweitern, — yergebens. Das vesiculare Gerausch
hort auf, wird an einzelnen Stellen durch Zischcn ersctzt, wel-
ches jiihlings kommt und verschwindet, wahrend nach meiner Be-
obachtung das inspiratorische Athmungsgerausch des Kehlkopfes
und der Luftrohre nicht bloss ungestort, sondern auch in einem
lauteren starkcren Grade forttont. Angst spicgelt sich in den
Ziigen ab, die Augen sind wreit geoffnet, kalter Schweiss deckt
die Stirn, the Gesichtsfarbe ist biass, die ITerzschliige sind heftig,
ungleich, unregelmassig, der Radialpuls ist schwach, klein, die
Temperatur der Hande, Wangen gesunken. Nachdem cin soldier
Anfall eine Yiertclstunde, selbst mehrere Stun den gedauert hat,
hort er entweder plotzlich auf, die Luft stromt gewaltsam in die
abgesperrten Bronchen und Luftzellcn, und erzeugt pueriles Ge-
rausch, oder es crfolgt der Nachlass allmahlich, unter Eructation,
BRONCHIENKRAMPF.
353
Gahnen, scltner Husten mit vermehrter Secretion der Bronchial-
schleimhaut und feuchtem Rasseln, das noch einige Zeit anlmlt.
Mittleres Lebensalter, Haemorrhois, Arthritis disponiren, beim
weiblichen Geschlechte hysterische Anlage. Unter den gelegent-
Iichen Ursachen sind Anfullungen des Magens und Darmkanals,
zumal Pneumatosen haufig, Gemiithsaffectc, psychische Anliisse
iiberhaupt: Lacnnec erzahlt von einem 82jahrigen kraftigen Manne,
der seit seiner Jugend an asthmatischen Anfallen litt, die nur sel-
ten kamen, allein jedesmal sicli einstellten, sobald die Thiir sei-
ner Schlafstube zufallig zugemacht mirde, oder die Nachtlampe
auslosch (I. c. p. 392). Atmospharische Einllusse wirken oft:
electrische Spannung, verdiinnte, bei andern verdichtete Luft.
Die Prognose ist von der Isolirung oder Complication des
Bronchialkrampfs mit andern Zustanden abhangig. Unter den
letzteren sind die haufigsten: chronische Bronchitis, Emphysema
vesiculare, Hypertrophie des Herzens mit Klappenverengerung
(vgl. Hopes meisterhafte Schilderung des Asthma cardiacum in
seinem treatise on the diseases of the heart and great vessels.
3. edit. London 1839. p. 401), seltner mechanische Hindernisse
in der Luftrohre: Marshall Hall erwahnt hesonders des Ipeca-
cacuanha-Stauhcs (on the diseases and derangements of the ner-
vous system p. 338). Gefahr des todtlichen Ausgangs durch As-
phyxie droht beim' einfachen Spasmus hronchialis seltner als beim
Glottiskrampf. Wo er haufig zuriickkehrt ist die Entmischung
des Blutes prognostisch zu bcrucksichtigen.
In der palliativen Behandlung bewiilirte sich mir die Anre-
gung des gastrischen Vagus als erfolgreich: die Ipecacuanha in
kleiner oder voller Dosis, und der Eindruck der Kalte: Eispillen
oder Gefrornes lindert oft augenhlicklich. Atich Clysmata von
kaltem Wasser sail ich wirksam. Marshall Hall riihmt vor Al-
lem die Blausaure, zum innern Gehrauche oder als Inhalation.
Von, Pcrcival und Laennec wird der Kafi’ee cmpfohlcn. Auch
geniesst der Moschus eines alten Rufes. Die radicale Cur ha-
\
3 54
SINGULTUS.
sirt auf Erfiillung dcr atiologischcn Indication. Die Digestion,
die Uterinfunctionen, der anamische Zustand des Blutes m'ussen
vorzugsweise die Aufmerksamkcit auf sich ziehen. Dauert des-
senungeachtet der Bronchialkrampf fort, so ist die Anwendung
der Kiilte als Waschung, Bad (Plongirbad, Seebad etc.) nicbt sel-
ten erfolgrcich. Mit Blutentleerungen, auch als palliativem Hiilfs-
mittel, sei man vorsichtig und zuriickhaltend.
Haufiger als auf einzelne Nervenbahnen beschrankt, kommen
die krampfhaften Athembewegungen zu Gruppen associirt vor,
entweder selbststandig , oder was ofter der Fall ist, abhangig,
und in Begleitung von andern Affectionen. Sie sind sammtlich
mehr oder minder schallend, und bilden Paroxysmen mit freien
Inten alien.
%
Inspiratorische Convulsionen.
Singultus. Osceclo.
Die Convulsio singulluosa besteht aus Anfallen von jahem,
stossweise mit einem eigenthiimlichen Schalle vollzognem Einatli-
men, worauf eine kurze Exspiration folgt. Die Priicordialgegend
schwillt dabei an durch Hervortreten der Baucheingeweide. Schlin-
gen und Sprechen werden unterbrochen.
Intensitat und Dauer sind verschieden. Die erstere steigt zu-
weilen bis zur Erscliutterung des Rumpfes und zu einem in der
Feme vernehmbaren Schalle. Die Dauer ist gewohnlich kurz,
auf Tage und Wocben beschrankt: doch finden sich Beispiele
von halbjahriger und langerer Dauer (Joseph Frank ratio insti-
- tuti clinici Ticinensis. Cap. X.).
Disposition wallet im kindlichen und Greisenalter vor. Re-
SINGULTUS.
355
ilexrcizc sind die hiiufigeren. Mit Unrecht liaben iiltere und
neuere Autoren das Zwerchfell und den N. phrenicus als Ilaupt-
statte derselben angenommen. In der Pleuritis diaphragmatica
ist Singultus ein seltnes Symptom, und fehlt selbst bei unmittel-
barer Reizung des Pbrenicus (vgl. eine in der Schilderung des
Tetanus mitgetheilte Beobacbtung von Bright, medic, chirurg.
transact. Yol. XXII. London 1839. p. 8., und eine andere von
demselben Verfasser p. 16, wo Reizung des rechten Pbrenicus
durcb umlagernde fungose Geschwiilste asthmatische Anfalle und
heftige Convulsionen des Zwerchfells, allein keinen Singultus im
ganzen Verlaufe der Krankheit zur Folge hatte). Reizung der
innern Flacbe des Schlundes, Magens , Darmkanals , und Reizung
der Leber sind dagcgen haufige Anbisse. So begleitet der Sin-
gultus critische Gallenergiessung, z. B. in der asiatiscben Cholera,
wo ich ibn oft in Verbindung mit lauchgriinem Erbrechen von
gunstiger Yorbedeutung fand. Auch Druck des Magens kann ihn
hervorbringen : eine von mir behandelte Kranke bekam einen hef-
tigen Anlall von Singultus, so oft ich die epigastrische Gegend
comprimirte. Unzeitige Stopfung von Diarrhoe und Dysenterie
hat ihn nicht selten zur Folge. Niichst dem Darmkanal ist der
Uterus offers Sitz des Reflexreizes, und Anfalle von Singultus sind
Vorlaufer der Catamenien, und stellen sicb bei deren Suppression
ein. Nicht selten haben die Ursachen in den Centralapparaten
des Nervensystems ibren Sitz. Dahin gehoren Verletzungen des
Gehirns und Riickenmarks , Spinalneuralgie; psychischer Einfluss,
Reiz der Yorstellung beim Anblicken oder Horen dcr Anfalle;
jedoch seltner als beim Gahnen und Lachen ( Sauvages , nosol.
meth. ed. Daniel T. III. p. 183 erzahlt einen solchen Fall); Er-
schopfung der Krafte der Centralorgane durcb Blut- und Safte-
verlust, durch Brandbildung, nach lange dauernden Entbindun-
gen; epilcptische Basis, wo der Singultus als Vorlaufer und Nach-
folger der Anfalle crscheint. In eincm von OlUvier mitgetheilten
Falle begann bei einem seit 12 Jabren an Epilepsie leidenden
Romberg’s Nervcnkraukb. I, 2. 24
356
SINGULTUS.
Manne jeder Anfall mit dem Gefiihle dcs Aufsteigens einer Ku-
gel nach dem Schlundc, und mit einem heftigen Singultus, der
1 — 2 Minuten dauerte. Darauf I'olgte Yerlust des Bewusstseins,
Anasthesie, und nach 2 — 3 Minuten das Ende des Anfalls. Bei
der Section fanden sich in der Medulla oblongata zwei eingekap-
selte Tuberkel von der Grosse einer Nuss (Traite des maladies
de la moelle epinifere. 3me ddit. Paris 1837. p. 778).
Die von Krimer zur Erlauterung des Singultus angestellten
Yersuche an Thieren sind bisher durch Wiederkolung noch nicht
bestatigt worden. Reizung des linken Magenmundes durch eine
Spitze brachte Singultus hervor. Dabei erweiterte sich die Speise-
rohre so wohl am Halse, als auch sichtbar bis zur Cardia; es trat
durch den Schlund Luft in den Magenmund, nun zog sich das
Diaphragma schnell, aber nicht sehr stark zusammen, wobei die
Stimmritze verschlossen wurde, und nur wenig Luft in die Lun-
gen dringen liess, so dass dadurch ein eigner Ton entstand.
Kaum war dieses geschehen, so liess die Spannung des Zwerchfells
nach, die Glottis offnete sich, auch die Speiserohre fiel zusammen,
und leerte die in ihr enthaltene Luft aus. Zog man an dem
linken Magenmunde, so entstand zuerst Singultus, und dann Er-
brechen ( Krimer Untersuchungen uber die niichste Ursache des
Hustens. Leipzig 1819. S. 35 u. 84). Was in der Theorie des
Singultus unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist die abnorme
Combination in dem inspiratorischen Acte: mit der Contraction
des Zwerchfells trilft die Verengerung der Stimmritze zusammen,
wahrtend beim gewohnlichen Einathmen, zumal etwas verstarktem,
die Erweiterung der Glottis stattfindet.
In der Behandlung ist zunachst die Causalindication zu er-
fidlen. Ich erinnere mich eines von meinem verewigten Lehrer
Berends behandelten Falles von Singultus, der durch Suppres-
sion der Menses entstanden, mchrere Tage verschicdnen Mit—
teln Widerstand geleistet hatte, und sofort aufhorte, nachdem am
Fusse 3 Unzen Blut entzogen waren. Bei erschopfenden Aus-
SINGULTUS.
357
leerungen, zumal alterer Individuen, ist, wie schon Sydenham be-
merkt (Op. omn. edit. Genev. T. I. p. 42), allem anderen eine
starke Dosis Opium vorzuziehen. Ist die llrsache unbekannt, so
wirke man auf den Centralheerd ein, oder der Reflexaction ent-
gegen. Das erstere wird durch Ableitungen in der Nahe der
obersten Halswirbel bezweckt; Shorn empfiehlt insbesondre die
Application eines Vesicatorium, rings um den Nacken, oberhalb
des Ursprungs der phrenischen Nerven (Remarks on Hiccup, its
causes and cure, in Edinburgh medic, journ. April 1833. p. 305).
Die Reflexaction wird durch psychische Einfliisse iiberwaltigt:
Spannung der Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand und
Schreck stehen schon beim Yolke iin Rufe der Wirksamkeit.
Audi Ableiten auf andere motorische Nervenbahnen ist von Er-
folg, z. B. exspiratorische Action: schon Hippocrates sagt in den
Aphorismen (Op. omn. ed. Kuhn T. III. p. 751): Singultu cle-
tento, si sternutamenta accedant, singultum tollunt. tyuveilhier
theilt zwei Falle von heftigem Singultus mit, der bei dem einen
Kranken elf, bei dem andern funfzehn Tage angedauert, und sie
im hochsten Grade erschopft hatte. Er liess sie auf einem Stuhle
festhalten, den Ropf nach hinten biegen, und goss nun in ilrren
Mund einen Wasserstrahl, bis zum Betrage eines vollen Maasses :
von Zeit zu Zeit liess er, um die Energie der Schlundcontraction
zu steigern, das Wasser in die Nasenhohlen fallen, wodurch Hu-
sten, Erstickungszufaile, Erschutterung aller Athemmuskeln erfolg-
ten. Bei dem einen horte der Singultus sogleich auf, bei dem
andern kehrte er am folgenden Tage wieder, wich aber bei Wie-
derholung des Verfahrens fur immer (Revue medicale 1824. T. II.
p. 83). Audi auf die Gegend des Zwerchfelles hat man einzu-
wirken empfohlen, indem man diesem Muskel die Hauptrolle
beim Singultus zuschrieb. Trockne Schropfkqpfe, Einreibungen
beruhigender Mittel, endermatische Application des Morphium,
Binden der Brust- und Priicordialwandungen, Anwurfe von kaltem
Wasser haben sich in einzelnen hartnackigen Fallen hulfreich er-
24“
358
GAHNKRAMPF.
wiesen. Laennec hciltc einen Singultus von dreijahriger Dauer
durch Tragen zweicr Magnetplatten auf clem Epigastrium und
aut der entsprechenden Stelle der Wirbelsaule. Nacli sechs Mo-
naten hatte die Kranke eines Tages das Anlegen der Flatten
vergessen, und der Singultus kehrte zuriick, horte aber bei er-
neuerter Application auf (Traite de 1’auscultation mediate et des
maladies des poumons et du coeur. 4me edit. Paris 1837. * T. III.
pag. 498).
©scedo, Chiiginus,
ist eine paroxysmenweise , bald schneller, bald langsamer sicli
wiederholende Succession einzelner Gahnacte mit den bekannten
Erscheinungen des Mundaufsperrens, des Zullicssens von Speichel,
des Thranenergusses, und der Schwerhorigkeit mit dumpfem Oh-
rentonen.
So wie der Singultus gehort auch diese Affection zu den in-
spiratorischen Convulsionen. Das gewohnliche Gahnen ist Ein-
athmungsact, die exspiratorischen Muskeln nehmen wenig Theil
daran, wie die Beobacktungen von Fractur der untern Halswirbel
darthun. Bell erwahnt ausdriicklich von einem Eranken mit Bruch
des sechsten und siebenten Cervicalvvirbels, class er gehorig giiknte,
allein niclit im Stande war eine kraftige exspiratorische Bewegung
auszufiihren (Physiol, u. pathol. Untersuch. d. Nervensyst. S. 325).
Ausser der combinirten inspiratorischen Bewegung kommt beim
Giihnen und beim Gahnkrampf auch die Action des N. facialis
in Betracht, dessen R. digastricus die Contraction des den Kiefer
herabziehenden, ui]d den Muncl dffnenden zweibauchigen Muskels
vermittelt. Der Facialis ist aber auch Nerv des Gesichtsausdrucks,
und als solcher unter alien Ncrven am empfanglichsten fur den
Reiz der Vorstellungen: hieraus erklart sich ungezwungen die
GAHNKRAMPF.
359
mimisclie Contagion, die leichte Uebertragung des Giihnens und
Gahnkrampfes auf Andre.
Unter den Reflexreizen sind die vom hypogastrischen Geflecht
und von der gastrischen Bahn des Vagus ausgehenden die hau—
figsten. Der Uterus stcht zu dieser Convulsion in einer naheren
Beziehung, daher uberhaupt die ungleich stiirkere Frequenz beim
weiblichen als beim mannlichen Geschlechte, und die grosste In-
tensity in der Hysterie. Audi der Magen bekundet schon bei
blosser Ueberfiillung mit unverdauten Stoffen die Abhiingigkeit
des Giihnens von Reizung des Vagus, welche sidi ebenfalls in
der Gastrodynia neuralgica (S. 103) geltend macht. Der Cen-
tralursprung des Gahnkrampfes zeigt sidi in Krankheiten des Ge-
hirns, besonders bei apoplectischen Zustanden. Zuweilen wird der
Ausbruch allgemeiner Convulsionen dadurch angekundigt, z. B.
bei Entbindungen ( Roeclerer de oscitatione in enixu, Goetting.
1759) und starken Blutverlusten. '
In der Therapie sind die fur den Singultus gultigen Maximen
zu befolgen.
Exspiratorlscbe Convulsionen.
Sterrmtatio. Tussis convulsiva. Risus conmlsimis.
Hiiufige und starke Anfalle von Niesen, mit freien Intervallen,
bilden den Nieskrampf (Ptarmus, Sterrmtatio convulsiva ), der
zu den seltnen Convulsionen gehort, und von den Nerven des
exspiratorischen Muskelapparats abhiingig ist, denn die iiltere An-
sicht von der vorwaltenden Action des Zwerchfells beim Niesen
ist nicht gegriindet. Das Zwerchfell ist Einathmungsmuskel, und
kommt nur bei der dem Niesen vorangehenden kurzen Inspira-
300
NIESKRAMPF.
tion in Betracht, dahcr Menschen mit Wirbelbriichen , auch un-
terhalb des Phrenicus, ausser Stande sind zu niesen, und die Nase
zu schnautzen, da fur bcides das Durchtreiben der ausgeathmeten
Luft dutch die Choanen erforderlich ist.
Das gewohnliche Niesen ist Rellexact, angeregt durch Rei-
zung der Nasalfilamente des Quintus: bei Anasthesie des zweiten
Astes kommt weder durch Kitzeln der Nascnhohle noch durch
Yorhalten scharfer Dunste Niesen zu Stande. Auch andre Fa-
sern des Quintus aussern einen solchen Einlluss. Am Niesen
durch Einfallen eines grellen Lichts in’s Auge durften wold die
Ciliarfasern des N. nasociliaris mehr Antheil haben, als der Op-
ticus, bei dessen Zerrung und anderweitiger Reizung am leben-
den Thiere kein Niesen erfolgt. Nach De Lens (Dictionn. des
scienc. medic. T. LII. p. 578) soil die Application einer spiritu—
osen Flussigkeit auf den vordern Theil des Gaumens Niesen er-
regen. Ich habe einen Fall von heftigem vierjahrigem Nies-
krampfe beobachtet, wo nach dem Tode eine krankhafte Veran-
derung des Neurilemms im dritten Aste des Quintus, vor seinem
Austritte aus dem Schadel, gefunden wurde (vgl. S. 257 — 260).
Brodie erzahlt den Fall einer sieben und dreissigjahrigen Frau,
die wochentlich einmal von starkem Nieskrampfe befallen wurde,
so dass sie wenigstens hundertmal hintereinander niesen musste,
und dabei eine sehr betrachtliche Menge wassriger Flussigkeit
aus der Nase entleerte. Zugleich klagte sie liber ein kistiges
Gefuhl von Formication im Gesichte und im Gaumen. Nach ein
Paar Jahren liess der Nieskrampf an Frequenz nach, und kehrte
nur einmal im Monat zuruck, allein ein heftiger pulsirender
Schmerz hatte sich im Gaumengewolbe, in den Zahnen und in
der Zunge eingefunden, ohne dass ausserlich Spuren von Ent-
ziindung oder andrer Krankheit sich darboten (Lectures illus-
trative of certain local nervous affections p. 61). Ausser dem
Quintus giebt es noch andre Statten des Reflexreizes, unter
NIESKRAMPF.
361
denen die Uterin- und Intestinalnerven zu neiinen sind. Eine
Frau, deren Arzt ich seit langerer Zeit bin, bekommt jedes-
mal nach erfolgter Conception heftiges Niesen, besonders in den
Morgenstunden , welches paroxysmenweise in den ersten Mo-
naten der Schwangerschaft zuruckkehrt. Brodie wurde von einer
achtzehnjahrigen Kranken consultirt, welche an Anfallen von un-
aufhorlichem Niesen mit starkem Ausflusse wassriger Fliissigkeit
aus der Nase litt. Diese wechselten mit krampfhaftem Husten,
zu andern Zeiten mit Globus und mit hysterischen Paroxysmen
ab. Die Menstruation war unregelmassig und durftig (1. c.). Un-
ter den Darmkrankheiten kommt besonders bei Helminthiasis hau-
figes Niesen als Begleiter vor, und bietet eine in physiologischer
Hinsicbt interessante Paralelle mit dem Pruritus nasalis bei Wurm-
krankheiten dar. Zuweilen verbindet sicli der Nieskrampf mit
den Anfallen des Keichhustens: Pet. Frank behandelte eine Kranke,
die in jedem Anfalle liber hundertmal niesete, und ein abnliches
Beispiel wird von Joseph Frank erwahnt (Praxeos medicae uni-
versae praecepta. P. II. Yol. II. Sect. I. p. 831). Ich habe ei-
nen Fall bei einem dreizehnjahrigen Knaben beobachtet, wo der
Keichhusten durcli Nieskrampf ersetzt wurde, dessen Anfalle in
derselben Ordnung und Frequenz wie die Paroxysmen des Hu-
stens eintraten.
Bei grosser Intensitiit und langer Dauer des Nieskrampfes sind
Hamorrhagieen, Convulsionen zu befurchten, und selbst todtlicher
Ausgang wird von liltern Autoren angefuhrt ( Albrecht in Eplie-
mer. curios, nat. Decas II. an. 1687, obs. XII). Haller sab nach
einem beftigen hysterischen Nieskrampfe einen Strabismus sursum
vergens entsteben (Elementa physiologiae corporis lmmani T. III.
p. 304), und Hildanus (centur. I. obs. 24) Blindhcit, die durch
Anwendung eines Haarseils in den Nacken geheilt wurde. Es
ist daher von Wicbtigkeit den Anfall selbst unter solcben Um-
standen abzubrechen, wozu Brcchmittel am moisten geeignet sind.
302
KEICHHUSTEN.
Auch crwahnt Haller (1. c.): Cohibendae sternutationis modus,
quando angulus oculi ad narem comprimitur aut fricatur, et ner-
vus, lit videtur, eo loco positus et a quinto pare in nares recur-
rens comprimitur.
Tussis convulsiva.
Die exspiratorischen Bewegungen sind, wie es schon der Au-
genschein lehrt, beim liusten die vorwaltenden , daher die Un-
vollstandigkeit oder Unmoglichkeit des Hustens bei Yerletzungen
des Riickenmarks. So berichtet Bell von einem Paraplectischen
in Folge einer Fractur des sechsten und siebenten Halswirbels:
„solI er liusten, so hebt er die Rippen in die Hohe, delint da-
durch die Brust aus, und liisst sie wieder fallen; er hustet, aber
nicht stark. Es ist offenbar, dass er nur durch seine Kraft die
Brust zu lieben, durch die Elasticity der Rippen und durch das
Gewicht der fallenden Theile im Stande ist die Luft auszustossen.
Es ist ihm unmoglich die Exspiration in zwei Hustenstosse zu
theilen, oder mit einem Zuge zwei Impulse der Luft zu geben,
sondern so oft er hustet, muss das Aufheben der Brust voran-
gehen“ (Physiol, u. patliol. Untersuch. des Nervensystems S. 325
und 331). Mechanische Reizung des Vagus auf seiner Bahn am
Halse bringt bei Thieren liusten hervor. Krimer (Untersuchun-
gen fiber die naohste Ursache des Hustens S. 37) und Cruveil-
hier (Dictionn. de medic, et de chirurg. pratiques T. XII. p. 44)
haben dieses in ihren Versuchen beobachtet, und ich selhst babe
in der hiesigen Thierarzneischule bei einem Pferde, aus dessen
rechtem Vagus ein Stiick herausgeschnitten worden, jedesmal star-
ken Husten erfolgen gehort, so oft das obere Ende des Nerven
zwischen den Niigeln geknilTcn wurde, wobei ich die Berubrung
KEICIIHUSTEN.
363
des Kehlkopfes sorgfaltig vermied. Bei Astley Cooper’s zweiter
Operation der Carotis-Unterbindung entstand nach Anlegung des
Yerbandes, als die Kranke vom Stulde aufstand, plotzlich ein so
beftiger Anfall von Husten, dass man einen todtlichen Ausgang
befurchtete, hochst wahrscheinlich dadureh, dass die Ligaturen
und die knotige Oberllache der Arterie den nahgelegenen Vagus
reizten. Yom sechsten bis zweiundzwanzigsten Tage, an welchem
die Kranke starb, kehrten oft heftige Paroxysmen yon Husten
mit daranf folgendem Keichcn zuriick. Bei der Section fand sich
Entzundung an der Aussenflache des aneurysmatischen Sackes
kings dem Laufe des Vagus bis zur Schadelbasis {Hugh Ley an
essay on the laryngismus stridulus p. 438). Einen hierhergeho-
rigen Fall erzahlt auch Gendrin (in seiner Uebersetzung von
Abercrombie s Werke: Des maladies de I’encephale et de la mo-
elle epiniere. 2. edit. p. 627) von einem jungen Manne, bei wel-
chem nach einer Parotitis ein grosser Abscess an der rechten
Seite des Halses bis zum Schlusselbeine entstanden war, welcher
von Dupuytren mit einem anderthalb Zoll langen Schnitte geoff-
net, eine Menge Eiter entleerte, wobei die Carotis blossgelegt
wurde. Yon dem Augenblicke an bekam der Kranke heftige
Anfalle eines trocknen, mit Keichen verbundenen Hastens. Die
Entblossung der Carotis war hierbei unzertrennlich von der des
Vagus, und der Reizung dieses Nerven war der Husten zuzu-
schreiben, der auch aufhorte, als bei fortschreitender Vernarbung
'der Vagus dem Contact der Luft entzogen wurde.
Der Ton des Hustens ist von dem Zustande der Glottis ab-
lihangig. Nach Knmer (I. c. S. 43), dessen Beobachtungen jedoch
der Bestiitigung noch bedurfen, ist der Ton rochelnd, wenn die
dtimmritze in zitternder Bewegung ist, hochklingend, pfeifend bei
dpannung der Giesskannenknorpel und Verengerung der Glottis,
I i.ief, basstonartig, wenn die Stimmritze weit, und diese Knorpel
'-chlalF sind.
Schon beim gewohnliehcn Husten findet eine Zusammenzie-
364
REICH HUSTEN.
hung der Stimmritze mit krampfhaften Exspirationsbewegungen
tier Brust- und Bauchmuskeln statt, wobei in jeder Exspirations-
Bewegung die vorher gcschlossne Stimmritze sich etwas offnet,
und ein tauter Ton entsteht ( Muller Handb. der Physiologie des
Menschen 1. Bd. 3. Aufl. S. 344). lm convulsivischen Husten
geht der Spasmus glottidis als Element ein, und hat zu dem Na-
men der Krankheit, Stick husten, die Veranlassung gegeben.
Nach vorangegangenem Gefuble von Kitzel im Laufe der Luft-
robre oder in der Ilerzgrube, von Zusammenschnurung und Be-
engung der Brust, von Angst, wobei der Kranke sich an einem
festen Gegenstande anzuklammern pflegt (Aura des Vagus), tre-
ten Anfalle von Husten ein, mit stoss weise, bald schneller, bald
langsamer auf einander folgenden Ausathmungen , die von einer
jahen Inspiration mit gezognem Schalle eingeleitet oder unter-
brochen werden. Die Athemmuskeln sind in sturmischer Action,
die Bauchmuskeln straff einwarts gezogen, der Rumpf nach vorne
ubergebogen, die Sternocleidomastoidei gewolbt, hart. Zuweilen
zeigen sich auch convulsivische Bewegungen der Extremitaten
und Auffahren des ganzen Korpers. Suffocationszufalle sind um
so starker und drohender, je seltner exspirirt wird. Der verliin-
derte Durchgang der Luff durch die Lunge giebt sich sowohl
in dem Mangel des vesicularen Athemgerausches kund ( Laennec
traite de rauscultation mediate. 4me edit. Paris 1837. T. I. p.
224), als auch durch die Erscheinungen des gestorten Blutum-
laufs: livide Rothe des gedunsenen Gesichtes, injicirle Augen, Ek-
chymosen zwischen Conjunctiva und Sclerotica, Blutungen aus
der Nase, aus der Mundhohle, aus den Bronchien. Der Husten
ist trocken, oder w'urgt wenig ziihen Schleim heraus. Nach ei-
ner Dauer von 3, 5 — 10 Minuten endet der Anfall meistens mit
Erbrechen von Bronchialschleim und Speiseresten , oder unter
ohnmiichtiger Erschopfung. Daraut folgt das lntervall mit her-
gestelltcm Wohlsein.
Als Totalitat bietct die Rranklieit cine Periode der Entwick-
KEICHHUSTEN.
305
lung, der Hohe und Abnahme dar. Anfangs sind die Paroxys-
men des Hustens nicht vollstandig, es fehlt noch die spastische
Zusammenziehung der Glottis und das gellende Einathmen. Im
weitercn Verlaufe nehmen die Anfalle an Intensitat zu, und wie-
derholen sich oft. Die Abnahme markirt sich durch geringere
Frequenz der Anfalle, und besonders durch vermehrte Secretion
der Bronchien, wobei der eigenthiimliche Ton und Karakter des
Hustens bis zu Ende der Krankheit andauern.
Durch Yerbindung mit andern pathischen Processen werden
die Erscheinungen des Keichhustens modificirt. Unter ihnen steht
der Frequenz nach der catarrhalische oben an, zunachst der phlo-
gistische. Schon im einfachen Keichhusten nimmt die Bronchial-
schleimhaut mehr oder minder Antheil. Ein hoherer Grad und
eine weitere Ausbreitung fiber die ganze respiratorische Schleim-
haut findet bei der catarrhalischen Complication statt. Rothung
der Conjunctiva, Thranen der Augen, Schnupfen mit driickendem
Schmerze in der Gegend der Stirnhohlen, haufiges Niesen und
Ausfluss einer diinnen, scharfen, serosen Feuchtigkeit aus der
Nase, Fieberbewegungen, sparsame Urinausleerung mit ofterem
Drange, Hitze abwechselnd mit Horripilationen zeigen sich von
Anfang an, und bilden die Introduction. Der Husten hat zwar
noch nicht das suffocatorische Geprage , weicht aber darin von
einem bloss catarrhalischen ab, dass er sich in betrachtlichen Zwi-
schenraumen einstellt, und lange anhalt. Nach 7 — 14 Tagen bil-
den sich die Anfalle vollkommen aus. Die Schleimabsonderung
wird starker: der Auswurf dicker, purulent, von gelblicher Farbe.
In den Intervallen liisst die Auscultation an verschiedenen Stellen
des Thorax deutlich Schleimrasseln vernehmen. Die ubrigen Sym-
ptome des Catarrhs horen auf. Nach einiger Zeit sind die Sputa
nur noch schleimig, wahrend die Paroxysmen des Keichhustens
;mit gleicher Intensitat fortdauern.
Bei entziindlicher Combination, sei es mit Bronchitis, sei es
mit Pneumonie, schwinden die freien Intervalle, und neue Er-
300 KEICHHUSTEN.'
scheinungen treten an ihrc Stelle, andauernde Beschleunigung des
Athems, Dyspnoe, karakteristische Phiinomene der Auscultation
und Percussion, livide Farbc der Lippen und Backen, Fieber,
Unfahigkeit zu Bewegungen und Anstrengungen, Verfall der Kriifte
und der Reproduction. Auch ist eine Yeranderung des Husten-
anfalles auf der Hohe der Entzundung bemerkbar: nur sehr sel-
ten frndet der Spasmus glottidis noeh statt, obgleich die exspira-
torischen Stosse heftig und schnell auf einander folgen. Mit
Nachlass der Entzundung kehrt der schallende Husten zuriick.
Von dem phlogistischen Processe unterscheidet sich in dieser
Hinsicht der tuberculose: selbst die Bildung grosser Excavationen
hat nach meiner Beobachtung keinen hemmenden Einfluss auf das
Fortbestehen des convulsivischen Karakters des Hustens bis zum
Tode, nach vierteljahriger und noch hingerer Dauer. Auch der
exanthematische Process schliesst den Keichhusten nicht aus, doch
hat wahrend der Pocken S torch (Abh. v. d. Kinderkrankheiten
2. Bd. S. 362), und wahrend der Masern und des Scharlachs
Watt einen Stillstand beobachtet (Treatise on the history, nature
and treatment of chincough. Glasgow 1813. p. 73).
Die Kenntniss der Leichenbefunde in dieser Krankheit
ist wegen der seltnen Gelegenheit zu Sectionen bei dem einfachen
Keichhusten ungeniigend. Autenrielh’s Beobachtung von Entzun-
dung der innerhalb der Brusthohlen verlaufenden Balm des Va-
gus (Tubing cr Blatter fur Natur und Arzneikunde 1. Bd. 1. St.)
ist von Aridern nicht bestatigt worden (vergl. Krukenberg s Jahr-
bucher der ambulator. Klinik zu Halle 1820). Auf Reizung des
Vagus in der Tussis convulsiva durch entziindlichen Vorgang in
den anliegcnden Bronchialdriisen habe ich seit liingerer Zeit
meine Aufmerksamkeit gerichtet, und in mehreren Fallen eine
Bestiitigung durch die Leichenoffnung gefundcn. Es bietet sich
zwar selten die Gelegenheit dar im Anfange der Krankheit die
Untcrsuchung anstellen zu konnen, allein auch im spateren Ver-
laufc habe ich unter den hypertrophischen und tuberculosen
KEICHHUSTEN. *
307
Bronchialdi'iisen andcre angctroffen, die von dcr Grdssc einer
Erbse und kleinen Bohne ein dunkeirothes injicirtes Ansehen hat-
ten, und auf der Durchschnittsflache Blutstropfen ergossen. So
wie nun durch Compression die Energieen des Vagus geschwacht
werden, so konnen sie durch Irritation der Nachbargebiide ge-
steigert werden, und namentlich wird der in jener Gegend ab-
tretende Recurrens seinen Antheil an der Reizung durch spasti—
sehe Glottisaffection bekunden. Als consecutive Veranderungen
sind das vesiculare Lungenemphysem, eine schnell sich ausbildende
Erweiterung der Bronchien ( Stokes , a treatise on the diagnosis
and treatment of diseases of the chest. Part. I. Dublin 1837. p.
155), und nach meiner Erfahrung Hypertrophie und Tuberculosis
der Bronchialdriisen zu betrachten.
Dem kindlichen Alter, bis zur Pubertiit, vorziiglich vom er-
sten bis zum siebenten Jahre, kommt eine entschiedene Anlage
fur den Keichhusten zu. Enter Erwachsnen wird das weibliche
Geschlecht ofter befallen als das mannliche. Epidemische Ver-
breitung wird hiking beobachtet, doch ist das sporadische Vor-
kommen keinesweges so selten wie man behauptet hat. Herbst
und Friihjahr, schnelle Abwechslungen der Temperatur und der
hygrometrischen Verhaltnisse der Lull sind diesen Epidemieen
giinstig, denen eine catarrhalische Basis gemeinschaftlich ist, je-
doch der statiorlare Genius ein verschiedenes Geprage giebt.
Nicht selten gehen sie Maserepidemieen voran oder folgen ihnen.
Endemische Beziehungen sollen in einigen Landern obwalten, in
Schotlland, Schweden, Danemark. Contagiose Uebertragung wird
von den meisten angenommen, und hauptsachlich durch die Be-
'ohachtungen gestutzt, dass der Keichhusten von den Kindern auf
ideren Pllegerinnen, Ammen, Mutter etc. iibergehc, und von ein-
/zelnen Individuen nach Gegenden verpflanzt werde, die bis dahin
Ifrei waren, dass in den Familien die Erkrankungen succcssiv er-
folgen, und das cinmalige Befallen die Empfanglichkeit vcrnichte.
• Die ausgeathmete Luft soil Gifttriiger scin, daher die Warming
3G8
KEICHHUSTEN.
vor Nahe und Beriihrung, besonders Kiissen der kranken Kinder.
Allein auch hier wird vieles supponirt, und wissenschaftlich giil-
tige Beweise fehlen noch zur Zeit. Gelegentliche Anlasse der
Anfalle sind Schlucken (lussiger und fester Dinge, Lachen, Wei-
nen, Aerger, Schreck, korperliche Anstrengungcn , und, wovon
ich mich durch dftere Beobachtung iiberfuhrt habe, mimische
Uebertragung. Fangt eins unter mehreren am Keiehhusten lei-
denden Kindern, welche in einem Zimmer befindlich sind, zu hu-
sten an, so folgen auch bald die andern. Meltzer behauptet (Ab-
handl. vom Keiehhusten S. 6), dass dieses selbst dann geschehe,
wenn die Kinder in getrennten Raumen sich befinden, und der
Husten nur gehort werden kann.
Der Verlauf der einfachen Krankheit ist trage: die Dauer auf
3, 4, 6 Monate ausgedehnt. Regelmassige Periodicitiit im Ver-
laufe, Tertiantypus wird von mehreren (Rosenstein, Armstrong )
erwahnt. Selbst die einzelnen Anfalle treten zuweilen rhythmisch
ein. ( Joseph Frank prax. med. univ. praes. P. II. Yol. II. Sect.
I. p. 831.)
Die Gefahr erwachst aus dem Hinzutritte anderer krankhafter
Zustande. Bronchitis' und Pneumonie gesellen sich am haufigsten
zum Keiehhusten, was sowohl vom Karakter der Epidemie als
von der Einwirkung schadlicher Einfliisse abhangig ist. Sie friih-
zeitig zu erkennen , ist man jetzt durch Percussion und Auscul-
tation im Stande, und lauft nicht mehr Gefahr dieselben anzu-
nehmen, wo sie nicht vorhanden sind, wie es Watt und Marcus
(der Keiehhusten, fiber seine Erkenntniss, Natur und Behandlung
Bamberg 181G) gethan haben, welche die Identitat des Keich-
hustens und der Bronchitis zu beweisen sich anstrengten. Tuber-
culosis entwickelt sich ofters, und iurchlauft schnell ihre Stadien.
Nachst den Lungen ist das Gehirn am meisten bedroht. Eclamp-
sie und hydrocephalische Affection steigern die Gefahr auf s hochste :
beim Eintritte der jetzteren zieht sich der Keiehhusten zuriick.
Seltner gesellt sich Gastritis und Enteritis hinzu. Auch das Ilerz
KEICHHUSTEN.
369
nimmt nur in seltnen Fallen Theil: Hypertrophieen und Erwei-
terungen bilden sich zuweilen als consecutive Zustande aus. Als
ein solcher ist auch die Paralyse der Brustmuskeln , und deren
Folge, die Scoliosis, zu betrachten. Befallt diese Lahmung beide
Seiten der Brust, so nimmt der Thorax jene Form an, welche
man die Hiihner- oder Vogelbrust nennt, was zu der irrigen Be-
hauptung verleitet haben mag, dass der Keichhusten Anlass zur
Rhacbitis giebt. Die Coincident mit der Dentition, mit der Ent-
wohnung, mit dem Convalescenzstadium andrer Erankheiten, be-
sonders exanthematischer, und mit chronischer Diarrhoe macht die
Prognose bedenklich. Recidive, nachdem die Krankheit bereits
seit mehreren Wochen aufgehort hatte, sind von mir in einigen
Fallen beobacbtet worden.
In der Behan dlung des Keichhustens hat die neuere Zeit
eines Fortschrittes sich zu erfreuen: die therapeutischen Anspriiche
der Complicationen gewiirdigt zu haben. Es ist hicr nicht der
iOrt das bekannte Verfahren gegen Bronchitis, Pneumonie etc.
zu exponiren: nur daran werde erinnert, dass die Handhabung
der antiphlogistischen Mittel, zumal der Blutentleerungen , durch
das Vorhandensein des Keichhustens kerne Beeintrachtigung er-
lleiden darf: je friiher und reichlicher sie unter diesen Umstiinden
angewandt werdeu, desto rascher und reiner tritt der krampfhafte
iKarakter der Anfalle und die Integritat der Intervalle hervor,
\wodurch allein schon die Identificirung der Krankheit mit Ent-
/mndung der Bronchien widerlegt werden kann. Und nicht bloss
' len Complicationen, auch dem eigenthiimlichen Karakter der herr-
ichenden Epidemic ist rnehr Aufmerksamkeit zugewandt worden,
wo von nicht bloss die Gegen\yart Nutzen hat, sondern auch die cri-
ischeDeutung der Yergangenheit. Sydenham’s und Huxham’s Lob
Her Aderliisse, Stoll’s Anpreisung der ausleerenden Mittel erschei-
! oen nur dadurch in ihrem gehorigen Lichte. Dagegen ist die
I jUr des einfachen Keichhustens nicht vorgeschritten, und Unreife
j ler Erfahrung hat die Zahl der empfohlenen Mittel urn ein Be-
370
KEICHHUSTEN.
deutendes vcrmehrt. Eine Mcthode, die im Standc sei die Krank-
hcit in ilirem Verlaufe aufzuhalten, ihre Dauer al)zukiirzen, kennt
man bis auf den heutigen Tag noch nicht. Vergebens hat man
auf die yerschiedenen organischen Apparate einzuwirken gesucht:
nicht einmal einc Vcrschlimmerung hat sich so beslimmt heraus-
gestellt, dass man dadurch zu bessrer Einsicht liatte gelangen
konnen. Wenn Marcus von der strengen Befolgung der anti-
phlogistischen Methode, Lombard (Biblioth. univers. de Geneve.
1838. p. 119) von dem dreisten Gebrauche des Ferrum carboni-
cum, zu 18 — 36 Gran in 24 Stunden, Erfolg verheisst, wird wohl
Keiner an der so oft der arztlichen Technik spottenden Gleich-
gultigkeit des Qrganismus zweifeln, und uns nicht verargen, hier
die Aufzahlung der einzelnen Mittel zu unterlassen, welche die
Compcndien und Encyclopadieen dem Suchenden in grosser Fulle
an die Hand geben.
Auf andre Heilcinflusse war man schon in altern Zeiten be-
dacbt. So erzahlt Thomas Willis, der zuerst den Namen Tussis
convulsiva puerorum fur diese Kranklieit eingefuhrt hat , dass zu
seiner Zeit der Schreck fur die Cur benutzt wurde — Hinc
cum medicamenta minus afficiunt, apud vulgus in praxi familiari
est ut pro terriculamento, dum molendinum ingens cum stridore
et rotarum aspectu horribili circumagitur, affectus grani sive fru-
menti receptaculo imponatur, indeque morbi hujus subila curatio
nonnunquam contingit (De medicamentorum operationibus in cor-
pore humano. Op. omn. ed. Genev. Yol. II. p. 63). Die Ycr-
anderung der Luft und des . Bodens wird vorgescldagen , ohnc
dass jedoch der Erfolg cntspricht, wie ich mich mehreremal iiber-
zeugt babe. Noch sind die kalten Uebergiessungen des Kopfes
und Riickens nicht zur Anwendung gekommen. Schon Huxham
hatte das kalte Bad bei Abwesenheit von Ficber und Blutspeien
empfolilen: die neueren Versuche mit diesem Verfahren im Croup,
wo cs hauptsaehlich den kramplhaften Antheil zu beseitigen scheint,
erwecken einige HofFnung seiner Wirksamkeit im Keichhusten.
LACHKRAMPF.
371
Risus convulsivus.
Der Lachkrampf hat in den die exspiratorischen Bewegun-
gen vermittelnden Spinalnerven seinen Sitz, so wie auch das ge-
vvohnliche Lachen mit dem Ausathmen verbunden ist. Das Zwerch-
fell, dem selbst Haller noch eine wichtige Rolle lieim Lachen
zuschreibt (Elem. physiol, corp. hum. T. III. p. 305), hat keinen
Antheil daran, da es Einathmungsmuskel ist.
Der Scliall des Lachens, schon im gesunden Zustande nach
Alter und Gcschlecht verschieden (nach Hamberger lachen die
Manner in a und o, die Frauen zimmer in i und e, vgl. Haller
1. c.), ist ini Lachkrampfe sehr laut, wahrend der vom Antlitz-
nerven abhiingige mimische Ausdruck meistens kalt erscheint. Ihm
entspricht die psychische Stimmung, die der Contrast von jenem
beim gewohnlichen Lachen ist, ernst und deprimirt.
Entstehung durch Rellexreiz ist die haufigste. Das Kitzeln
gewisser Hautstellen, der Fusssohle, der Achselhohle u. s. f. ruft
den Lachkrampf leicht lienor. Seine uberwiegcnde Frequenz beim
weiblichen Geschlecht und auf hysterischer Basis bekundet den
Zusammenhang mit Reizung im Uterinsystem. Ein merkwiirdiger
Fall, wo er sich als Vorlaufer einer Miliaria zeigte, und mit de-
ren Eruption aufhorte, ist von Zwinger in den Act. helvet. 1750
mitgetheilt worden. In den Anfallen der Manie stellt er sich
zuweilen ein.
Abwechslung mit andern Athemkriimpfen, zumal Wein- und
Schreikrampfen, und Uebergang in allgemeine Convulsionen fin-
det statt. Tbdtlicher Ausgang ist bei grosser Intensitiit und Lin-
gerer Dauer beobachtet worden. Haller citirt einige Beispiele,
und ein neueres wild von Reydellet (Diet, des scienc. medic. Vol.
49. p. 38) erwalint.
Romberg’s Ncrrenkrankb. I. 2.
25
372
STOTTERN.
Stiininkriimpfc.
Die krampfhaften Zustiinde der Stimmbewegungen haben ei-
nen zwiefachen Ausdruck: Unterbrechung der Stimme und ab-
normes Tonen.
Die Unterbrechung der Stimme ist entweder absolut (Apho-
nia), oder zeigt sich in einer bestimmten Bezielmng zur Articu-
lation der Sprache, Ischnophonia (Mogilalia). Im Allgemeinen
ist convulsivischer Ursprung der Aphonie seltner als paralytischer,
und giebt sich sowohl durch die Verbindung mit andern convul-
sivischen Bewegungen, zumal der Respiration und Deglutition, als
auch durch haufige Wechsel und schnelle Uebergange in den
normalen Zustand kund. So kommt Stimmlosigkeit im Gefolge
hysterischer Anfalle und 'vicariirend fur epileptische vor. Darm-
reizung, z. B. in der Helminthiasis, giebt Anlass.
Die beim Aussprechen einzelner Laute oder Silben eintretende
Unterbrechung der Stimme ist es, welche man unter dem Namen
Stottern zu yerstehen hat. Gewohnlich trifft sie die Verbin-
dung eines Consonanten mit einem darauf folgenden Vocale zu
Anfang oder in der Mitte eines Wortes, zuweilen aber auch den
isolirten Vocal oder Consonannten. Wiederholung des vorher-
gehenden Lautes oder der Silbe, bis das Hinderniss voriiber ist,
findet slatt bei explosiven Lauten (b, d, g, k etc.), fehlt bei Stre-
pitus continuus (f, s, r etc.). Zuweilen wird auch die Luftsaule
aus der Slimmritze jahe lierausgepresst, ohne cinen Ton zu er-
zeugen. Mit dem temporaren Versagen der Stimme verbinden
sich andre krampl’hafte Erscheinungen im Gebiete dcr respirato-
rischen, mimischen und articulirenden Bewegungen. Das Aus-
athmen wird mehr oder minder verhindert, die inspiratorischen
STOTTERN.
373
Hals- und Brust.muskeln sind in grosser Anstrengung, die Ge-
sichtsmuskeln verziehen sich, die Augenlider schliessen und ofFnen
sich gewaltsam, die Nasenfliigel spielen, die Lippen schnellen auf
und nieder, die Zunge bewegt sich krampfhaft, drangt sich gegen
die ohere oder untere Zahnreihe. Zuweilen geht der Zuckkrampf
in Starrkrampf uber : die Stimme verstummt, der Mund ist fest-
geschlossen, die Zunge steif, das Gesicht dunkelroth, die Venen
angesclnvollen — ein fast sufFocatorischer Zustand, bis der Krampf
sich losct, und die Laute wieder intoniren. Nur bei der tonen-
den Ausspracbe stellt sich das convulsivische Hinderniss ein; die
Bildung der Laute als tonloses Gerausch, beim Flustern (vox
clandestina), geht gehorig vor sich.
Hierdurch unterscheidet sich das Stottern wesentlich vom
Stamm ein, von der Ungewandtheit und Hemmung der articu-
lirenden Bewegungen, womit es noch jetzt ofters verwech-
selt \vird, obgleich Arnott, (Elements of physic or natural philo-
sophy) und nach ihm Schulthess (das Stammeln und Stottern. Zue-
rich 1830) und Muller (Handb. der Physiol. 2. Bd. S. 242) eine
momentane Schliessung der Glottis als Bedingung des Stotterns
physiologisch motivirt haben. J§doch kommt das Stottern nicht
immer als einfacher Zustand vor, sondern auch complicirt mit
AfFectionen krampfhafter und andrer Art, mit Stammeln, mit
Schielen, mit Chorea.
Erblichkeit, mannliches Geschlecht, kindliches und jugendliches
Alter setzen die Anlage. GemiithsafFecte, Darmreizung, Molimina
haemorrhagica , Safteverlust , zumal spermatischer durch Onanie,
Pubertat-Entwickelung sind als Anliisse beobachtet worden. Ge-
legentlich wird das Stottern verschlimmert durch die Tageszeit:
des Morgens pllegt es starker zu sein als am Abend: durch nass-
kalte Wittcrung, durch den Eintritt der Catamcnien, besonders
aber durch Verlegenheit und Angst. Wahrend des Verlaufs an-
drer Krankheiten pausirt es zuweilen. Eine psychische Riickwir-
25*
374
STOTTERN.
kung ist unverkennbar: die Stottcrnden sind empfmdlich, leichl
reizbar.
In der Behandlung ist die Beachtung der causalen Indication
in neuestcr Zcit zu sehr durch die Gymnastik der Zunge ver-
drangt worden, und es stellt sich auch hier -die Erfolglosigkeit
oder selbst der Nacbtheil des curirenden Dilettantismus heraus.
Je nach Erforderniss sind Blutentleerungen, allgemeine oder ort-
liche, anzuwenden, oder integrirende Reize, der Gebrauch der
Kalte, der Seebiider etc., besonders ist es die Einwirkung auf
den Darmkanal durch ausleerende Mittel, welche sich am hiilf—
reichsten gezeigt hat, selbst in hartnackigen Fallen, wovon Bo-
stock ein merkwurdiges Beispiel mitgetheilt hat: so oft auch das
Stottern recidivirte, stets wurde es durch den Gebrauch von Pur-
girmitteln in Yerbindung mit einer strengen entziehenden Diat
beseitigt (History of a case of Stammering successfully treated
by the long continued use of cathartics in Med. chirurg. transact.
Vol. XVI. P. I. p. 72). Yon einer psychischen Cur, sei es durch
Ableitung der Aufmerksamkeit auf andre Gegenstiinde, oder durch
Scharfung des Widens bei der Articulation, oder durch Andro-
hung von Strafe u. s. f., hatte man sich mehr versprochen , als
erlangt. Arnott gab, gestiitzt auf seine Ansicht vom Sitze des
Stotterns, den Rath das temporare Schliessen der Glottis durch
Intonation der Stimme zwischen den einzelnen Wortern, z. B.
durch eingeschobenes e, zu verhuten, wozu ihn auch die Beob-
achtung gefiihrt haben mag, dass beim Singen das Stottern auf-
hort. Miiller (I. c. S. 243) gla.ubt die Idee der Cur: die Stimm-
ritze obne Unterbrechung olFen zu erhalten : durch eine bestiindig
mit Intonation verbundene Articulation sicberer zu erreicben. Die
zu Leseiibungen bestimmtcn Scripturen sollen koine stumme Buch-
staben, b, d, g, p, t, k enthalten, sondern nur Siitze, die ausser
den Vocalen bloss aus Buchstaben bestehen, welche der beglci-
tenden Intonation fahig sind, f, x, sell, s, r, 1, m, n: dieselben
STOTTERN.
375
miissen intonirt ausgesprochen, und sehr lang ausgezogen werden.
Wo das Stoitern mit Stammeln verbunden ist, findet die Zun-
gengymnastik ihre Stelle, deren griindliche Wirksamkeit beim
cinfachen Stottern sehr Libertrieben, und iiberhaupt noch in Zwei-
fel zu ziehen ist. Nur fur solche, alien andern Heilversuchen
widerstehende Fade von sehr starker, den Lebensberut storen-
der Intensitat dlirfte sich auch das von Dieffenbach eingefuhrte
chirurgische Verfahren, die horizontale transverselle Durchschnei-
dung der Zungenwurzel, mit oder ohne Excision eines Queerkeils
aus derselben, eignen, zu deren Anwendung Dieffenbach durch
das mit dem Stottern gleichzeitige krampfhafte Schielen bestimmt
worden ist (die Heilung des Stotterns durch eine neue chirur-
gische Operation. Berlin 1841). Eine offne Darlegung der Hei-
lungen und missgluckten Ergebnisse dlirfte uber die Zulassigkeit
dieser Operation, gegen welche gewichtige Einwurfe erhoben
worden sind, am besten entscheiden.
Nicht bloss durch Unterbrechung der Stimme, auch durch ab-
normes Tonen giebt sich die krampfhafte Affection der Stimm-
nerven zu erkennen.
Auf die Veranderungen der Stimme in Nervenkrankheiten,
besonders convulsivischen , hat man bisher noch zu wenig geach-
tet. Starke, Umfang, Reinheit, Timbre weichen von der Norm
ab, temporar oder andauernd. In der Hysterie und Epilepsie
hat man am haufigsten Gelegenheit sich hiervon zu iiberzeugen,
beim gewohnlichcn Sprechen, und noch auffallender beim Ge-
sange. Ueberdiess giebt es krampfhafte Affectionen der die Span-
nung der untern Stimmbander vermittelnden Muskeln, wodurch
eigenthiimliche Tone hervorgebracht werden, die an Hohe ohne
lntervalle wachsen und fallen, z. B. Heulen, Schreien, oder mit
376
STIMMKRAMPF.
Bewegungen dor Lippen, und selbst dor Zunge vcrbunden siud,
und dadurch einen zisohenden odor schnalzenden Boilaut erhalton.
Dicse Stimmkrampfe kommen hauptsachlich beim weiblichen
Geschlechte vor, in der Entwickelungsperiodc, bei gestorten Ca-
tamenien, auf hysterischer oder epileptischer Basis, bei Spinalneu-
ralgie, und befallen fast immer nur wahrend des Wachseins, mit
kurzen Pausen. Sie haben grosse Neigung zu Recidiven und
zur Combination mit andern Athemkrampfen , Spasmus glottidis,
Schluchzen, Niesen, Husten, auch Eructatio, womit sie zuweilen
abwechseln (S. Gairdner appendix to a former paper on anoma-
lous affections of the respiratory organs, in Edinburgh medic, and
surg. Journal. July 1840. p. 77).
So habe ich vor achtzehn Jahren mit unserm verewigten
Heim einen Fall bei eincm neunzehnjahrigen Madchen beobach-
tet, das im wachen Zustande fast alle zehn Minuten, mit betracht—
licher Anstrengung der Athemmuskeln , Tone ausstiess, die dem
Gerausche einer Sagemuhle sehr ahnlich, und so laut waren, dass
man sie schon auf der Treppe horen konnte. Ihre Stimme beim
Sprechen war normal. — Bell wurde bei einem funfzelinjahrigen
Madchen zu Rathe gezogen, welches ein convulsivisches bellendes
Gerausch horen liess, wobei der Kehlkopf allein afficirt war, und
die ubereinstimmende Action im Schlunde, im Gaumenseegel und
in den Lippen fehlte. Zuweilen hustete sie natiirlich in den In-
tervallen ibrer Anfalle, allein dieser Husten verhinderte nicht die
Riickkehr des unaugenehmen grellen Gerausches, welches sie
zehn Mai in einer Minute horen liess: wahrend des Schlafes
horte es auf, allein im Augenblick des Erwachens stellte cs sich
wieder ein. So hielt es vier Wochen an, und kclirte nocli drei
Winter hintereinander zuruck (Physiol, u. pathol. Untersuch. des
Nervensyst. S. 322).
Die Prognose ist bei den Stimmkrampfen giinstig. Hat man
sich vor Mystification und Uebertreihung von Scitcn der Ivran-
I
STIMMKRAMPF. 377
ken sicher gestellt — denn auch mit Kriimpfen coquettirt das
Weib gern — so erwarte man am meisten von den ableitenden
Mitteln, so wohl auf den Darmkanal als auf die Haut. Gairdner
empfiehlt vorzugsweise ein Vesicatorium in den Nacken. Der
Erfolg kalter Uebergiessungen , der Douche, der Moxa, deren
blosses Androhen schon eine giinstige Umstimmung in einzelnen
Fallen hervorbrachte, ist von Mehreren beobachtet worden.
¥
2. Gattung.
\
Krampfe im Muskelgebiete der sjmpatliisclien lialincu.
Krampf
im Gebiete der Herznerven.
Experimentelles. Die Versuche uber Abhangigkeit der
Herzbewegung von den Nerven sind nur dann entscbeidend, wenn
sie an frischgetodteten noch reizbaren Thieren angestellt werden,
da wahrend des Lebens die Einwirkung des Schmerzes, der Angst
und der Bewegung anderer Muskeln das Resultat triiben. War
bei galvanischen Yersuchen der Ram. cardiaci, wie sie Alexander
v. Humboldt zuerst versuchte, noch der Einwurf zu machen, dass
diese hierbei als feuchte Leiter wirken konnen, so batte das Expe-
riment von Hurdach , der mittelst Betupfen des Halsstiickes des
Sympathicus mit Kali oder Ammon, caust. den Herzschlag be-
schleunigte, mehr Beweiskraft, und durch die neuesten Versuche
von Valentin und Volkmann sind noch andere Nervenbahnen er-
mittelt worden, deren Reizung einen motorischcn Einfluss auf
das Herz ausubt. Es sind ausser dem Plexus cardiacus , dcm un-
tersten Hals - und dem obersten Brustganglion des Sympathicus,
noch die Wurzeln des N. accessorius (nach Valentin und lolk-
mann ), der obern Cervicalnerven und dcs Stammes des Vagus
zwischen Kehlkojtf und Brusthohle. Unter den Centralorganen
HERZKRAMPF.
379
sollen es besonders die vordre JFlache des verliingerten Markes
nach Budges Experimenten (in seinen Untersuchungen fiber das
Nervensystem. 2. Heft. 1842. S. 1 — 26.), und das Corpus callo-
sum nach Valentin (Versuche iiber die Thatigkeit des Balkens
im Repertorium fur Anatomie und Physiol. 6. Band. S. 359 — 379)
sein , deren Reizung die Herzaction bei • frischgetodteten Thieren
anfacht und beschleunigt. Die Contraction des Herzens erfolgt nicht
unmittelbar auf den angebrachtenJReiz, sondern einige Zeit nachher,
und ist nicht momentan und abgebrochen, sondern kehrt in einer
kiirzeren oder langeren Reihe periodischer Schlage , init gestdrtem
Rhythmus, zuriick. Wenn das Herz eines Thieres lange Zeit alle
4 — 5 Secunden geschlagen hat, so schlagt es nach Anwendung
eines voriibergehenden Reizes lange Zeit nach einer andern Pe-
riode, z. B. alle Secunden oder alle zwei Secunden, und wenn
es ganz zu schlagen aufgehort hat, so bewirkt ein voriibergehen-
der Reiz, dass es nicht ein Mai, sondern viele Male in einer Pe-
riode sich zusammenzieht ( Muller , Handb. d. Phys. 1. Th. S. 740).
Auch ist die Aufeinanderfolge der einzelnen Acte der Herzbewe-
gung abnorm: die Pause zwischen Contraction der Ventrikel und
der Vorhofe fallt weg, und die Kammern ziehen sich zuweilen
mehrere Male zusammen, ehe eine Contraction der Vorhofe er-
folgt. Beim lebenden Thiere hat die Reizung des Herzens ge-
waltsame Bewegungen zur Folge.
Aehnliche Erscheinungen zeigen sich in krampfhaften Zustiin-
den des Herzens, welche man bisher unter dem Namen Palpita-
tio cordis zusammengefasst hat.
Verstarkte, beschleunigte und unrhythmische Herzbewegungen
stellen sich anfallsweise ein, und werden vom Kranken empfun-
den. Der Herzstoss ist jahe, abgebrochen, doch nur selten so kraft-
voll, dass er die aufgelegte Hand und das aufgelegte Ohr in die
Hohe liebt. Blasebalggerausch schliesst sich zuweilen den Herz-
tonen an, oder maskirt sie. Der Arterienpuls ist meistens klein
und unterdriickt. Dyspnoe begleitet haufig. Plotzlich oder all-
380
HERZKRAMPF.
mahlig liort cimsolcher Anfall auf und das freie Intervall beginnt,
in welchem die Herzaction von der Norm nicht abweicht.
Zuweilen wird nur der Rhythmus der Rewegung durch den
Ivi *ampf gestort. Der Kranke empfindet eine rollende oder gleich-
sam aufstosscnde. Bewegung im Herzen und glcich darauf einen
Stillstand, der sich durch die Intermission des Herz- und Arte-
rienpulses kund giebt, worauf mehrcre ungleiche und unregel-
miissige Schliige folgen. Ein Gefuhl von Angst ist davon unzer-
trennlich. In andern Fallen lolgen die Contractionen des Her-
zens in ungehoriger Frequenz auf einander, ohne dass die Suc-
cession der einzelnen Momente der Herzbewegung beeintrachtigt
ist. Dabei ist die Kraft der Muskelzusammenziehung vermehrt
oder geschwacht. Im letzteren Falle ist es eine fortlaufende Reihe
schneller, haufiger, schwacher, flatternder Herzschlage , denen eine
bebende und zitternde Empfindung in der Ilerzregion entspricht.
Endlich giebt es Anfalle, wo Kraft und Frequenz und Rhythmus
zugleich gestort sind, das Gefuhl von Angst und erloschendem
Leben iiberwaltigt, und die Beklemmung zur Orthopnoe steigt.
Die Dauer des Paroxysmus ist verschieden, von einigen Se-
cunden bis zu einer halben oder ganzen Stunde und dariiber.
Sie kehren oft wieder, in regelmassiger oder unregelmassiger
Zeitfolge, oder machen langere Pausen von Wochen undMonaten.
Unter den Lebensalfern disponiren jugendliches und mittleres:
unter den pathischen Prozessen, Arthritis, besonders uncntwik-
kelte, seltener Haemorrhois. Das Blut, der specifische Reiz fur
die peripherischen Enden der sensiblen Herznerven, setzt durch
Mangel und abnorme BeschafFenheit ofter als durch Ueberfluss
eine Anlage. Hopes Untersuchungen haben nicht bloss die Be-
ziehung der Aniimie zum Herzkrampfe, sondern auch die Dia-
gnose dieser Form festgestellt. Der Herzstoss ist abgebrochen,
hupfcnd. Ein, bfters allgemeincs Klopfen der Artcricn findct
statt, daher fur den Kranken diesc Palpitation fuhlbarer ist als
jede andere. Bei der Auscultation vernimmt man ein sanftcs,
HERZKRAMPF.
/
381
weiches Blasebalggerausch in der Aortenmundung , welches den
ersteri Ilerzton begleitet. Ein ahnliches oder summendes Ge-
rausch liisst sich in den grosseren Artcrienstammen liorcn. Der
Puls ist frequent und schnellend, wie er sich auch nach gros-
seren Blutverlusten zeigt. (Hope a treatise on the diseases ol
the heart and great vessels. 3. edit. London 1839. p. 509).
Reflexeinfliisse wirken oft als Ursache ein; ihre Statte ist am
haufigsten in den Digestionsorganen und im Uterus. So geben
Leber- und Magenaffectionen, besonders biliose Ansammlung
und Verhaltung, Dyspepsie Anlass. Stdrungen der Catamenien,
sowohl in ihrer Entwickelung als in ihrem regelmiissigen Gange
haben oft Herzkrampf zur Folge, zumal wenn sie mit Anamie
verbunden sind, wie es bei Chlorosis der Fall ist. Auch beim
mannlichen Geschlecht hat Reizung der Genitalien einen atiolo-
gischen Conn ex, um so mehr, wenn Safteverlust hinzutritt: bei
Onanisten sind Palpitationen gewohnlich. Centralanliisse sind nicht
selten. Es ist bekannt, wie oft Gcmiithsaffecte , besonders unge-
stillte Sehnsucht, sei es der Liebe, sei es der Heimath (Nostal-
gia), den Herzkrampf zur Folge hat, und in der Schil derung der
psychischen Hyperasthesie (S. 185) habe ich den Einfluss der In-
tention hervorgehoben. Die Hypochondrie der Studirenden ruft
sehr oft Palpitationen hervor, und um selbst ein Beispiel aus
spiiterem Lebensalter anzufiihren, so verfiel Peler Frank, wah-
rend er in Pavia die Lehre der llerzkrankheiten fur seine Vor-
lesungen ausarbeitete, in so heftige Palpitationen mit intermitti-
rendem Pulse, dass er an einem Aneurysma zu leiden iiberzeugt
war, und nur durch Beendigung der Arbeit und durch Zer-
streuung auf einer Reise wieder hergestellt wurde. (Jos. Frank ,
prax. med. univ. praec. P. II. Vol. II. Sect. II. p. 373.). Krank-
heiten des Ruckenmarks , besonders entzundliche des Cervical - nnd
Dorsaltheils, haben zuweilen anhaltendc und heftige Palpitatio-
nen in ihrer Begleitung, die den Verdacht einer Hypertrophic
des Herzens rege haltcn. (S. Serres anat. comp, du cerveau.
382
HERZKRAMPF.
T. II. p. 234). Der specifische Einfluss der Digitalis, die nach
meincr Beobachtung weit haufiger cine Unregelmassigkeit des
Rhythmus als cine Vermindcrung der Frcqucnz der Ilerzbewe-
gungen hervorbringt, liisst sicli durch Vcrmittelung der Central-
apparate deuten.
Die Unterscheidung des Herzkrampfes von andern Zustiinden
dieses Organs, welche abnorme Bewegungen in ihrem Gefolge
haben, ist jelzt durch Beihulfe der Percussion und Auscultation zu
einer grossern Zuverlassigkeit als friiher gediehen. Die bisher
benutzten Criterien sind: das freie Intervall; das Verhaltniss der
Anfalle zur Bewegung und Rulie des Korpers: wahrend Palpita-
tionen bei organischen Herzkrankheiten durch Bewegungen zu-
nehmen, lassen sie beim Herzkrampfe nach und entstehen mehr
in der Ruhe, besonders nach dem Essen und beim Einschlafen;
die Combination mit Storung^n andrer Nervenenergieen; Erleich-
terung durch Verbesserung der Digestion. Aliein diese Merkmale
sind mit Ausnahme der Integritat in den Intervallen unsicher,
dagegen der bei der Percussion sich ergebende normale Umfang
des Herzens, das Aufhoren des Blasebalggerausches bei ruhiger
Circulation, die Yerbmdung dieses Gerausches mit einem ahnli-
chen in den grossern Arterien, die Beschrankung desselben auf
die Aortenmundung , die Abwesenheit rauher, starktonendcr Af-
tergerausche an dieser und an andern Stellen des Herzens, be-
ruhigen kdnnen. Doch darf in prognostischer Beziehung der Ue-
bergang des Herzkrampfes bei langerer Dauer in Hypertrophie
der Muskelsubstanz , wie er auch in andern Muskeln bei Kram-
pfen stattfin.den kann, nicht ausser Aclit gelassen werden.
Die Naturheilung kommt am haufigsten durch Ausbruch
der Arthritis zu Stande; die technische durch sorgfaltigc Be-
riicksichtigung der Ursachen. So wirkt das Eisen specifisch,
wo Aniimie zu Grunde liegt, und mit der Wiederkehr der Wan-
genrothe fallt das Schwinden der Ilerz- und Arteriengerausche
zusammen. Die Cur wird durch kraftige Diat , durch Laud-
HERZKRAMPF.
383
aufenthalt, durch Bewegung olme Anstrengung gefordert. Bei
Plethora ist das entgegengesetzte Verfahren an seiner Stelle,
Blutentzieliung durch Aderliisse, der Gebrauch vegetabilischer
Siiuren, des Creinor tart. u. s. f. : die Diat stimme damit iiber-
ein, und es werde besonders bei denen daranf geachtet, die, an
reizende, nahrende Kost bei reicblicher Bewegung gewohnt,
dieselbe auch bei veranderter, sitzender Lebensweise fortsetzen.
Die artbritische, hamorrhoidalische und dyspeptische Basis er-
fordern ihre eigenthumliche Behandlung. In Bezug auf die letz-
tere sei man auch des atonischen Ursprungs eingedenk, wo re-
solvirende Mittel verschlimmern und der Gebrauch von Eisenpra-
paraten und Aloetic. (in Form der Pilul. aper. Stahl.) bessert.
Forderung des Stuhlgangs muss bei alien diesen Kranken be-
zweckt werden. Das psychische Regimen unterstutze das soma-
tische. Palliativ sind Digitalis und Mineralsauren wirksam.
Man hat auch von Arterien-Palpitationem gesprochen,
welche mit dem Pulse des Herzens heterochronisch sein sollen.
So fiihrt Albers (uber Pulsationen im Unterleibe. Bremen 1803.
S. 44 u. 47) ein Paar Falle von Melaena an, wo heftige Pulsa-
tionen der Bauchaorta mit dem Radial- undHerzpulse nicht gleich-
zeitig waren, und Morgagni theilt (de sed. et caus. morbor.
cpist. XXXIX. art. 18.) die Beobachtung einer stiirmischen Pul-
sation in der ^pigastrischen Gegend mit, die mit ungleicher
Starke und in ungleichen Intervallen, zuweilen doppeltschlagig,
stattfand, wahrend der Radialpuls sich normal verhielt. Allein
zugleich war eine grosse harte Geschwulst zu fuhlen, welche
sich hob und senkte, und am folgenden Tage mit der Palpita-
tion, nach einem angestelltcn Aderlasse wieder verschwunden
war. So mag dieselbe Ursache, welche so oft starkc isochroni-
sche Pulsationen im Unterleibe hcrvorruft, namlich Gasansammlung
imMagen, duoden., colon transvers., durch stiirkern Druck tem-
porar comprimiren und die Disharmonie in den Pulsen veranlas-
sen. Denn zu lest steht der physiologische Satz, dass mit Aus-
384
HERZKRAMPF.
nahme des Herzens und dcs Anlangs der Hold- und Lungeri-
venen kein Theil des blulluhrenden Gefasssystems cigerith'umlidier
Bewegungen durch Muskelcontraction fahig ist, als dass durch
einige isolirte pathologische Wahrnehmungen , die noth iiberdies
der Critik nicht geniigen, ein Krampf der Arterien angenomrnen
werden durfte.
<3
O
)Qg@gg@00@^S9gg^OT
g8^^S2@S8E58g;5g
^@2S®S2®§2®§2®S@§S®8S®22®82@SS9K
Krampf
im Bereiche der Nerven des Darmkanals.
<*
S>@3©<3
Experimentcllcs. Wie fur das Hcrz, so haben auch fur
den Darmkanal die neueren Versuche an frischgetodteten, nocli reiz-
baren Thieren zuverlassigere Resultate ergeben, als die friiher an
lebenden Geschopfen angestellten. Man hat sich iiberzeugt, dass
Anfang und Ende des beweglichen Schlauches von spinaler, die
Mitte von sympathiseher Herrschaft abhangig ist, und dass fur
alle Theile das Ruckcnmark als Centralorgan eine Quelle motori-
sclien Einflusses hergieht. Um die fur die Bewegung einzelner
Muskelpartieen bestimmten Nerven zu ermitteln, sind Versuche
ai' den centralen Inscrtionsstiitten erforderlich , da im weiteren
Verlaufe die Nervenbahn aus heterogenen Elementen zusammen-
gesetzt ist. So hahen Volkmanris Experimente gelehrt, dass der ,
Vagus die Contraction des obern Tlreils des Schlundes vermittelt:
bei Durchschneidung jeder einzelnen Wurzel wurde eine Bewe-
gung sichtbar, entweder im weichen Gaumen, der sich zuweilen
hob, zuweilen nach vorn zog, oder im Schlunde, dessen ober-
ster Theil bald gehobcn, bald zusammengeschnurt wurde. Vom
'Glossopharyngeus hatten bereits Mayo und Muller eine Einwir-
ikung auf die Schlundmuskeln beobachtet: nach Volkmann ist es
*
i nur die Reizung der diinneren , friiher ubersehenen Wurzel, wel-
che knillige Bewcgungen des Constrictor faucium mcdius und des
\Stilopharyngeus hervorbringt, wahrend die dickere Wurzel keincn
386
DARMKRAMPF.
solchen Einfluss hat. Die Bewegung der Speiserdhre isl vom
Vagus abhangig: werden dessen Wurzeln gereizt, so erfol-
gen gewaltsame Contractionen im Lange- und Breitedurchmesser
his zur Cardia bin. Auf den Magen bat der Vagus, mechanisch
oder galvaniscb gereizt, keinen motorischen Einfluss. ( Muller ,
Handbuch der Physiol., 1. Theil. S. 505 und Volkmann in Mul-
ler’s Archiv etc. 1840. S. 493). Der Widerspruch in Valentins
Versuchen, wonach Reizung der Brust- und Bauchbahn des Va-
gus starke Zusammcnziehungen des Magens bervorbringt, (De
function, nervor. cerebr. p. 63. §. 148) lasst sich dadurch losen,
dass sympathische Fasern dort anlagern, denn Reizung der Brust-
ganglien des Sympathicus veranlasst Bewegungen des Magens. So
steht auch die peristaltische Action der Gedarme unter dem Einflusse
des Sympathicus, wie Muller zuerst durch den auf das Ganglion coe-
liacum und auf denN. splanchnicus angewandtengalvanischenund che-
mischen Reiz im Allgemeinen bewiesen, und Valentin im Speciel-
len die Beziehung der einzelnen Geflechte und Bahnen des Sym-
pathicus zur Bewegung bestimmter Partieen das Darmkanals dar-
gethan hat. Ueber die Centralfaserung der Darmnerven im Riik-
kenmarke und Gehirne haben in neuester Zeit Valentins und
Budges Versuche einiges Licht verbreitet. Ausser den vordern
Strangen des Riickenmarkes sind es besonders das Cerebellum,
durcli dessen R.eizung die Bewegungen des Darmkanals, auch
des Rectum am lebhaftestcn angefaclit werden, und im grossen
Gehirne die Vierhiigel, Seh- und Streifenhugel. (Budge, Unter-
suchungen etc. S. 145 — 158 und Valentin , Repertorium etc. 6.
Bd. S. 326.)
Mit Ausnahme des Em- und Ausgangs tragt die Bewegung
des Darmschlauches den peristaltischen Karakter an sich, das
langsame Fortschreiten der Contractionen in einer gewissen Folge
vorwiirtslaufender Wellen. Die Veriinderungen dieses Modus und
. ihre Bcdingungen sind es, welche in pathologischcr Hinsicht von
Wichtigkeit sind. Verstiirkung und Bcschleunigung der wurm-
SCHLUNDKUAMPF.
387
formigen Bcwegung auf Nervenreiz wird (lurch Muller $ instrnc-
tiven Versuch erwiesen. ,, 1st der blossgelegle Darm eines Kanin-
chens, dessen Bewegungen sicli an der Luft anfangs sehr ver-
stiirken, wieder ruhig geworden, und wird dann das Ganglion
coeliacum mit Kali causticum betupft, so verstarkt sich sehr
sehnell darauf die Bewegung wieder. Die Bewegung des Darms
erreicht erst nach einiger Zeit ihr Maximum und dauert sehr lange
fort. “ (Handb. d. Physiol. 2. Bd. 1. Abth. S. 65.). Abnormer
Tvpus, veriinderte Reihenfolge der Contraction mit riickwarts
laufenden Wellen entsteht zwar bei gesteigerter Reizung oder
bei gehemmtem Nerveneinflusse unter Ilirnzufallen , allein die
physiologische Bedingung ist noch unermittelt.
Krampf des Schlundes und der Speiseiohre*
Dysphagia spastica.
Plotzlich befallt Schwierigkeit oder Unmoglichkeit des Schlin-
gens, mit dem Gefuhle eines im Schlunde eingekeilten fremden
Korpers, welche ebensojahe, meistens unter Ausstossen der ein-
gesperrten Luft, wieder aufhort. Gewohnliche Begleiter sind
Beklemmung des Athems, Angst, Erstickungszufalle. Zuweilen
sind die Halsmuskeln, Sternocleidomastoideus, Trapezius, starr
contrahirt. Am haufigsten wahlt der Krampf den unteren Theil
des Pharynx oder der Speiserohre zu seinem Sitze. In dem letz-
teren Palle bleibt das ohne Hinderniss Geschluckte in der Niihe
der Cardia stecken, es entsteht zusammenschnurender Schmerz
zwischen den Schultern, reichlicher Ausfluss von Schleim und
Speichel aus dem Munde, Wiirgen und Regurgitiren v bis der
Anfall voriiber ist, und der Kranke selbst das Hinabgleiten des
Bissens in den Magen fiihlt.
Romberg’s Nervcnkrankh. I, 2.
jSCIILUNDKRAMPF.
388
Der Schlundkrampf veranlasst eine transitorische Contraction
der Muskelfasern , oder hinterliisst eine Strictur als selbststiindige
chronische Affection der Muskelsubstanz , welche mit dcm Namen
Strictura spastica oesophagi bezeichnet wird, jedoch bisher nocli
nicht naher durch Messer und Mikroskop untersucht worden ist.
Mittleres Alter und weibliches Geschlecht sind am haufigsten
clem Schlundkrampfe ausgesetzt. Arthritischer und impetiginbser
Prozess disponiren. Reflexeinfliisse kommen von nahen und ent-
fernten Tbeilen. Zu grosse Bissen, jalie verschluckt, wirken oft
gelegentlich. Ulcerationen des Kehlkopfes rufen zuweilen Schlund-
krampf hervor ( Mayo , outlines of human pathology. London 1836.
p. 280). Am haufigsten wird er durch Uterinreiz erregt und zeigt sich
als Begleiter der Hysterie, Globus hystericus, unter welchem
Namen aber auch eine neuralgische Affection nicht selten ver-
standen wird. (Vgl. S. 102.). Centralanlasse haben sowohl im
Riickenmark als Gehirn ihren Sitz. Im Gefolge des Tetanus zeigt
sich der Schlundkrampf sehr oft, und Krankheiten des Cervical-
theils des Ruckenmarkes und seines Knochenkanals verrathen sich
am haufigsten durch krampfhafte Schlingbeschwerden , die mit
dem Fortschritte der Desorganisation in paralytische ubergehen.
Bei der Ilydrophohie ist der Schlundkrampf steter Begleiter und
wird selhst durch den Reiz der Vorstellung rege. Friedrich Hoff-
mann, dem man die erste genauere Darstellung der convulsivi-
schen Schlundaffectionen verdankt, (Op. omn. ed. Genev. T. III.
p. 130.) erwahnt eines Falles, wo psychische Intention die An-
falle weekte. Der Einfluss von GemiUhsaffecten ist bekannt.
Epilepsie ist der Entstehung von Schlundkrampfen gdnstig.
Zur Lnterscheidung der krampfhaften Dysphagie von andern,
besonders von Yerengerung und Anschwellung des Oesophagus
abhangigen, ist die Untersuchung mit der Schlundsonde, die
mit einem dicken Knopfe versehen sein muss, am zuverl.is-
sigsten. Schon wiilirend des AnfaHs liisst sic sich nach einigem
SCHLUNDKRAMPF.
389
Ilindernisse durchbringen , und in den Intervallen hat das Einfuh-
ren koine Schwierigkeit. Weniger kann man sich auf periodi-
selie Zu- und Abnalime der Erscheinungen, als ein diagnostisches
Criterium, veranlassen, da aucli zu organischer Entartung, zumal
in der Entwickelung, krampfhafte Contraction von Zeit zu Zeit
hinzutritt.
In der Behandlung ist die Erfullung der Causalindication
offers erfolgreicli. Joseph Frank erzahlt, dass zu seinem Vater
in Pavia ein Kranker gekommen sei, welcher nach Unterdruk-
kung eines habituellen Nasenblutens seit neun Tagen an krampf-
h after Dysphagie lilt. Nach Application einiger Blutegel an die
Nase kehrte das Schlingvermogen bald wieder zuriick. (Prax. med.
univ. praec. P. III. Vol. I. Sec. II. p. 144.). Brodie stellte eine
Frau, die seit drei Jahren an Dysphagie litt, Festes gar nicht,
Fliissiges nur mit grosser Miihe schluc'ken konnte, durch die Be-
seitigung innerer Hamorrhoidalknoten wieder her, welclie von
Zeit zu Zeit betrachtliche Hamorrhagieen veranlasst hatten. ( Mayo
1 c. p. 281.). Wo die Ermittelung oder Entfernung der Ursache
unmoglich ist, wirke man auf die periphcrischen sensibeln Ner-
ven oder auf den Centralapparat ein. In ersterer Beziehung
diirfte das oftere Einfiihren von geknopften Schlundsonden zu em-
pfehlen sein. Abercrombie wurde bei einer vierzigjahrigen Kran-
ken consultirt, die seit langer als einem Jahre an einer Strictur
der Speiserohre behandelt worden war. Statt der gewohnlichen
Bougie rietli er eine an einem Drathe befestigte eiformige Kugel
von Silber einzufnhren; kaum war dieses vier bis funf Mai gesche-
hen , so war das Hinderniss verschwunden. Ein nach einem Jahre
eingctretenes Recidiv wurde auf dieselbe Weise beseitigt. (Patho-
log. and practic. researches on diseases of the stomach, the in-
test. canal, the liver and other viscera of the abdomen. Edin-
burgh 1828. p. 96.). Der Ccrvicalthcil dcs Biickgraths werde
fur ableitende und blutcnziehcnde Mittcl, besonders Schropfko-
jipfe, benutzt. Enter den innern Mitteln, die auf die Centralor-
26 #
390
SCHLUNDKRAMPF.
organe wirken , verdient die Belladonna (das Extract in Kirschlor-
beerwasser aufgelost) den Vorzug. Tode und Wichmann (Idcen
zur Diagnostic. Bd. 3. S. 189.) riihmen den Gebrauch der Quas-
sia. Kranke dieser Art sind stets zu Obstructionen geneigt, doch
miissen, wie bereits Hoffmann rath , Drastica vermieden werden.
AntSperistaltiseher Krampf der Speiserohre,
Es sind die Bewegungen der Speiserohre im gesunden Zu-
stande erst in neuerer Zeit bekannt geworden. Nach Magendies
und Muller’s Beobachtung finden ausser dem Schlingen rhythmische
Contractionen des untersten Theils der Speiserohre statt, welche
ungefahr dreissig Secunden und um so langer dauern, jevollerder
Magen ist. Die Zusammenziehung geht allmahlich in ErschlafFung
iiber, worauf wieder die Contraction folgt, so dass die Cardia
nicht zu jeder Zeit gleich stark geschlossen ist ( Muller , Hand-
buch d. Physiol. 1. Th. S. 499). Auch hat man den wiehtigen
Antheil der Speiserohre am Erbrechen kennen gelernt. Die Ver-
suche von Magendie , Legallois , Beclard und die neueren von
J. W. Arnold (Das Erbrechen, die Wirkung und Anwendung
der Brechmittel. Stuttgart 4840. S. 84.) haben gezeigt, dass die
Speiserohre beim Erbrechen antiperistaltischc Bewegungen macht,
welche selbst, nachdem sie vom Magen getrennt worden, bei
dem auf Einspritzungen von Tart. emet. in die Venen folgenden
Erbrechen sichtbar sind.
Der antiperistaltische Krampf der Speiserohre, welcher ohne
Theilnahme der Bauchmuskeln und des Zwerchfells statlfindet, zeigt
sich entweder als Whrgen, als Vomiturition, die fur sich be-
stehen kann, ohne alle Entleerung, mit dem eigenthiimlichen Ge-
RUMINATIO.
391
fiilile der Uebelkeit (Nausea), gleichsam S chi un dwell en, oder
als Regurgitation, sei es des Schlundinhalts, bei Dysphagieen,
oder des Mageninhalts , wie es in der Eructation und in der
Rumination der Fall ist.
Ruininatio, IHerycismus.
Kiirzere oder langere Zeit nach dem Essen, eine viertel bis
fiinf und sechs Stunden kehrt ein Theil des Genossenen, das
i
Flussige schneller als das Consistente, vegetabilische Stoffe leich-
ter als animalische, in den Schlund zuriick, ohne Ekel und Wiir-
gen, ohne widrigen Geschmack, und wird nach einigem Yerwei-
len in der Mundhohle wieder heruntergeschluckt , worauf von
Neuem ein Theil aufsteigt. Dieses wiederholt sich mehr oder min-
der oft in einem Zeitraum von verschiedener Dauer, von 1 — 6
Stunden. Wiederkauen, wie bei Thieren mit gespaltenem Hufe,
fand in den von mir verglichenen Beobachtungen aus der neuern
Zeit nicht statt: der aufgestiegene Bissen unterliegt nicht von
Neuem der Einwirkung der Zahne. Gewohnlich sind Digestions-
beschwerden, Pneumatose, Stuhlverstopfung, Heisshunger und
Gefrassigkeit, abwechselnd mit Anorexie, vorhanden. Obgleich in
der Mehrzahl der Falle unwillkuhrlich, war in einzelnen, z. B. in
dem von Peter Frank (de curand. homin. morb. epitome. Lib. V. P.
II. p. 352.), und in einem andern von Blvmenbach, (Handb. d.
vergl. Anat. Gottingen 1805. S. 137) beobachteten Falle die Ein-
leitung, in dem letzteren auch die Ilemmung der Rumination
'vom Widen abhangig. Bei einigen geben Druck der Magenge-
gend, oder Erschiitterungen des Korpers Anlass. Eschke erzahlt
(Huf eland's Journal der prakt. Heilk. 1810. Octbr. S. 27) von
einem Taubstummen im Berliner Institut, welcher jede Speise
392
RUM1NAT10.
bissenweise verschluckte , und nacli Yerlauf einer halben Stunde
durch starken Druck mil beiden geballten Handen auf die Stelle
des Magens wieder heraufholte. Dr. Heiling (Ueber das W ie-
derkauen bei Menschen. Niirnbcrg 1823. S. 13) fuhrt einen Pro-
fessor Westendorf in Giistrow an, welcher jedesmal wiederkauen
konntc, wenn er wolltc, doch auch durch Yu starke Bewegungen,
besonders durch Fahren nach der Mahlzeit, dazu genothigt wurde.
Wahren4-^fitercurrenter Krankheiten soli die Rumination pausi-
ren. Percy erwahnt (Diction, des sc. medic. T. XXXII. p.535),
dass ein Kranker, den er selbst beobachtet hat, wahrend eines
heftigen Gichtanfalls nicht ein einzigesmal ruminirte, obgleich er
sich keiner strengen Diiit befleissigte.
Frank, Vater und Sohn , haben sie jeder nur einmal wahrend
ihrer langjahrigen Laufbahn beobachtet. Mir ist ein Fall bei ei-
nem Studenten yorgekommen. Doch mag das Ruminiren ofters
yerheimlicht werden. Alle bisher beschriebenen Fiille betrafen,
einen ausgenommen, das mannliche Geschlecht, und nahmen im
jugendlichen Alter ihren Anfang. Die Ursachen sind unbekannt;
begleitende Krankheiten der Digestionsorgane hat man mit Un-
recht als Anliisse betrachtet. Dass der Willenseinfluss einen atio—
logischen Antheil hat, ist mir nicht unwahrscheinlich. Peter Frank
vermuthet, dass bei Menschen, die yiel an Ructus leiden und
gefrassig sind, die Rumination durch schlechte Angewohnung ein-
geleitet werde, indem der nicht unangenehmc Geschmack der ru-
minirten StofFe die oftere Wiederholung des Versuchs begun-
stigt. (I. c. p. 358).
Arnold hat bei drei ruminirenden Menschen (ebenfalls miinn-
lichcn Gcschlechts), deren Geschichte jedoch nicht miller mitge-
theilt ist, an der Einmundungsstelle des Oesophagus in den Ma-
gen eine betrachtliche Erweitcrung gefunden, und oberhalb der-
selben eine Einschniirung, ein wahres Antrum cardiacurn. Die
Muskelschichten des Magens und der Speiserohre waren stark
ausgebildet, und in zwei Fallen waren Magen und Speiserohre
ERBRECHE1N.
393
grosser und weiter als gewohnlich. In dem ersten Falle war
der innere Ast des Accessor. Willis, viel starker als gewohnlich,
so dass cr an Dicke fast dem aussern Aste gleichkam, ein tihn-
lichcs Verhaltniss wiebei wiederkauenden Thiercn ( Friedr . Arnold ,
Bemerkungen liber den Bau des Hirns und Riickenmarks. S. 211).
Die maiinichfaltigen Vorschliige zur Behandlung sind erfolglos ge-
blieben.
firampf des Hagens.
Unter alien Theilen des Darmkanals hat der Magen im ge-
sunden Zustande die schwachste Bewegung, selbst nach Oeffnung
der Bauchhohle beim lebenden Thiere, wo auf den Reiz der at-
mospharischen Luft die Gedarme in so lebhafte Bewegung gera-
then. Ndr wahretid der Yerdauung finden Contractionen des
Pfortners und der Portio pylorica des Magens statt, wie sie Ma-
gendie von Thieren, und Beaumont vom Menschen beschrieben
hat. ( Midler , Handb. der Physiol. 1. Bd. S. 500). Ob der Ma-
gen fur sich allein eine convulsivische Action eingehen kann, ist
noch nicht festgestellt. Von dem Erbrechen , dessen Mechanis-
mus durch Budges Untersuchungen (Die Lehre- vom Erbrechen.
Bonn 1840) naher aufgeklart worden ist, Weiss man, dass der
angranzende Darm, die Speiseriihre, und besonders die Bauch-
muskcln einen wesentlichen Antheil haben. Sclion hieraus geht
die Bcdingung combinirter Nervenwirkungen fur das Erbrechen
hervor, und es reihet sich dasselbe, da es nur beim Ausathmen
stattfindet, den exspiratorischen Convulsionen an.
Hier kommt dasjenige Erbrechen in Betracht, welches durch
Reizung peripherischcr Nervenbahnen, durch Reflexreiz, und durch
Affectionen der centralen Nervenapparate entsteht. Es giebt einige
Beobachtungen, wrelche organische E^ntartungcn der Nerven als Ur-
sache chronischen Erbrechcns wahrscheinlich machen. Jos. Frank
394
ERBRECHEN.
(Prax. medic, univ. praec. P. II. Vol. II. Sect. II. p. 292)
theilt den Fall eines Professors in Wilna mit, der seit ein Paar
Jaliren an Angst, Uebelkeit und Erbrechen in den Morgenstun-
den litt, und eines Tages nacli einem sehr hefligen Brechen un-
ter Iiinzulritt von Ohnmacht starb. Bei der Section land sich
Bluterguss im Pericardium, ein Riss im linken Yentrikel und Er-
weichung des Herzens. Her Vagus war auf beiden Seiten, von
seinem Eintritte in die Brusthohle An, von steatomatosen Ge-
schwiilsten umg'urtet. Eine ahnliche Geschwulst von der Grosse
eines Hiihnereies nahm die rechte Seite des Halses ein. Lobstein
fand bei einer schwangern Frau, die an einem durch kein Mittel
zu besanftigenden Erbrechen litt, welches sich taglich dreissig-
mal wiederholte und drei Monate anhielt, die Ganglia semiluna-
ria in einem stark entziindeten Zustande, den er durch eine Ab-
bildung erlautert hat. Der Magen hatte eine gesunde Beschaf-
fenheit. (De nervi sympathetic humani fabrica, usu et morbis.
Paris 1823. p. 148.). Unter den Reflexreizen nehmen die von
den sensibeln Fasern des Vagus ausgehenden die erste Stelle ein.
Von Interesse erscheint hier der Ramus auricularis des Vagus,
dessen Reizung nicht bloss Ilusten, sondern mich Erbrechen zur
Folge hat. Pechlin (Observ. phys. med. L. II. Obs. 45.) hat ei-
nen Mann beobachtet, bei welchem die Beriihrung des aussern
Gehorganges heftiges Brechen erregte, und Arnold erwahnt ei-
nes Falles von einem Madchen, welches langere Zeit an starkem
Ilusten und Auswurf litt, sich ofters erbrach und abmagerte.
Bei niiherer Pr'ufung ergab sich, dass in jedem Ohre eine Bohne
steckte, die vor geraumer Zeit bei dem Spielen in den aus-
sern Gehorgang gerathen war. Das Ausziehen war von hefti-
gem Husten, starkem Erhrechen und von ofterem Niesen be-
gleitet. Die Zufiille horten sofort auf, und das Kind genas
vollig (Bemerkungen uber den Bau des Dims etc. S. 169.). Die
Beispiele von Erbrechen in Folge einer Reizung der respiratori-
schen Bahn des Vagus sind zu haufig , als dass hier einzelne an-
ERBRECHEN.
395
jrefuhrt zu werden brauchen. Nachstdem sind es besonders die
hepatischen, die renalen und die Uterinnerven, letztere zumal in
den ersten Monaten der Graviditat, welche Reflexeindrucke fur
das Erbrechen vermitteln; unter den Sinnesne'rven der Geruchs-,
der Geschmacks- und der Sehnerv. Mechanische Reizung derje-
nigen Theile, wo sensible Fasern des Glossopharyngeus sich ver-
breiten, Ivitzeln der Zungenwurzel, des Gaumenseegels erregt an-
tiperistaltische Bewregungen , Wiirgen und Erbrechen, wahrend
-die Beriilirung des Pharynx peristaltische Bewegungen des Schlun-
des, Deglutition hervorruft: Marshall Hall (Lectures on the ner-
vous system and its diseases p. 23.) fuhrt Beispiele, an, dass bei
Kranken, die sich zum Brechen reizen wollten, und dem Schlunde
zu nahe mit dem Federbarte kamen, derselbe eine Schlingbewe-
gung veranlasste und hinab in den Oesophagus gezogen wurde.
So bringt in selbst nahe aneinander granzenden Gebieten sensible
Reizung verschiedene Reflexwirkung hervor. Unter den Central-
apparaten steht das Riickenmark nur selten in einem atiologischen
Verhaltnisse zum Erbrechen. Seine Verletzungen und Krankhei-
ten haben so oft Lahmung der exspiratorischen Muskeln in ih-
rem Gefolge, dass schon daraus die Seltenheit des Erbrechens
erklart werden kann. In der grossen Zahl von Beobachtungen
welche Ollivier gesammelt hat, finden sich nur sehr wenige Falle,
und diese beziehen sich mehr auf die ersten Stadien der Myeli-
tis, als auf andere Affectionen des Riickenmarkes. Dagegen sind
die cerebralen Beziehungen zum Erbrechen sehr haufig. Schon
der Reiz der Yorstellung kann es erregen, und wenn auch die
Beispiele von willkuhrlichem Brechen selten sind ( Bichat hat diese
Fahigkeit gehabt, und noch ein Fall wird von Richer and ange-
fiihrt. S. Jos. Frank 1. c. p. 471.), so giebt die Anschauung und Erin-
nerung eines ekelhaften Gegenstandes oft genug Anlass. Erschi'it-
terung und Verletzungen sind haufige Ursachen. Von einer Er-
schiitterung des Gehirns leiten auch Einige das nautische Erbre-
chen her, so wie uberhaupt den Verein von Erscheinungen, den
396
ERBRECHEN.
man unter dein Nafnen Seckrank licit begreift. Doch ist man
bier wolil zu exclusiv verfahren, und hat den Eirdluss der schwan-
kenden Bewegungen ties Schiffes auf die peripherischen Ner-
ven iibersehen. Schon das Gehen auf der bcwcglichen, sich ver-
schiebenden Flache des Schiffes ist, wie v. Walther in seinen
geistreichen Reisebemerkungcn (Journal dcr Chirurgie und Au-
genheilkunde von v. Grdfe und v. Wallher. 1831. 15. Bd. S. 183)
erinnert, fur den Ungeiibten ein Anlass des Taumels und Erbre-
chens, wenn er die ersten misslingenden Versuche zu lange fort-
setzt. Und so hat man iiberhaupt bei dem Erbrechen, welches
durch schwingende und drehende Bewegungen des Korpers, Fah-
ren, Schaukeln etc. entsteht, nicht das Gehirn allein zu beschul-
digen. Die Concussion des Gehirns ist gewohnlich von Erbre-
chen begleitet und jede jahe Veranderung des Gefuges in diesem
Organs hat es leicht zur Folge. So sah Brodie das Erbrechen
beim Heben deprimirter Schadelknochen sofort sich einstellen
(Pathological and surgical observations relating the injuries of
the brain in Med. chir. transact. Vol. XIY. P. II. p. 355.). Auch
die der Concussio cerebri analoge Ohnmacht (vgl. die 4. Abthei-
lung dieses Lehrbuches) beginnt sehr oft mit Erbrechen. Unter
den pathischen Zustanden des Gehirns sind Meningitis und He-
micranie die am haufigsten von Erbrechen begleiteten:- doch giebt
es iiberhaupt keine Krankheit des Gehirns, in deren Gefolge es
nicht vorkommen konnte, und Abercrombie hat das Verdienst,
darauf aufmerksam gemacht zu haben, class es organische Ilirn-
krankheiten giebt, die sich zuerst und hingere Zeit hindurch hin-
ter Symptomen verbergen, welche den Magen als Sitz der Krank-
heit andeuten (Pathol, and pract. researches on diseases of the
brain and the spinal cord. 3. edit. p. 321.). -
Um so wichtiger sind diagnostische Criterion, welche das
vom Gehirn eingcleitete Erbrechen zu erkennen geben. Es sind
nach meiner Beobachtung folgende: 1) dcr Einfluss der Stellun-
gen des lvopfcs; bei niedriger horizonlaler Lage liisst das Erbre-
ERBRECHEN.
397
chen nach, bei aufrechter Haltung tritt es eiii und wiederholt
sicli biters. Audi Bewegungen des Kopfes, Schwingen, Sch'ut-
teln, Biickeii, sdinelles Aufriehten bringen es leicht hervor.
2) Mangel vorhergehender Uebelkeit in den meisten Fallen. 3) Ei-
genthiimlichkeit des Brediactes: ohne Anstrengung, ohne Wiir-
gen stiirzt der Mageninhalt aus der Mundhohlc lieraus, auf ahn-
liclie Weise wie die Mildi bei Sauglingen. 4) die Yerbindung
mit andern Erscheinungen , unter denen Schmerz im Kopfe, Stulil—
verstopfung und Ungleichheit des Ilerz- und Arterienpulses , die
sicli wahrend und nach dem Erbrechen steigert, die haufigcren
sind. — Die Dauer des Erbrechens ist bei den entzundlichen
Ilirnaffcctioneii, Meningitis, Cephalitis, Hydroc. acut., auf die er-
sten Stadien der Kranklieit beschrankt, und im Allgemeinen lasst
sicli behaupten, dass mit Zunahme der paralytischen und so-
porosen Zufalle das Erbrechen nachliisst und aufhort.
In therapeutischer Beziehung ist die bei Hirnalfectionen oft
erleichternde Wirkung des Brecliens wichtig. Chirurgische No-
tabilitaten [Bessaull , Richter) liaben, darauf gestutzt, den Ge-
brauch des Brechweinsteins bei Erschutterungen und Verletzun-
gen des Gehirns empfohlen, und unser unvergesslicher Heim hat
mieh einst versichert, dass er in seiner langen Laufbahn von kei—
nem andern Mittel eine so erfolgreiche Wirksamkeit in apoplec-
tischen Zustiinden beobachtet babe, wie vom Brechmittel. Jc-
denfalls wird die Furcht davor iibertrieben.
Uannkriimpfe.
Es lassen sicli zwei Formen von Kriimpfen des Darmkanals
unterscheiden : 1) der wcllenartig in peristaltischer oder antiperi-
staltischer Richlung fortschreitende , und 2) der in ringformiger
Contraction eines Darmstiickes beharrende Krampf. Beide kom-
men isolirt oder in Verbindung mit cinandcr vor, und werden
von Empfindungen schmerzhafter oder andcrer Art bcgleitet.
-398
DARMWEHEN.
Peristaltisclicr Krampf, Darmwelien,
Von welcher Stelle des Darmkanals der Krampf auch aus-
gehen mag, nur die letzten schnell ablaufenden Wellen der Darm-
bewegung geben sicli durch ein haufiges Driingen zur Entleerung
des Stuhlgangs kund, durch ein peinliches Gefiihl von Pressen
auf den Mastdarm, welches nach erfolgter Enlleerung nachlasst,
eine nur kurze Ruhe gestattet, und dann von neuem beginnt. Je
weniger entleert wird, urn so starker und schmerzhafter ist der
Drang, den man mit einem eignen Namen, Tenesmus, bezeichnet
hat. Von der Intensitat, womit der peristaltische Darmkrampf
statt finden kann, giebt der zuweilen dadurch entstehende Vor-
fall sammtlicher Haute des Mastdarms Zeugniss, so wie auch der
analoge Zustand der Intussusception der Gedarme, welche sicli
von jenem nur darin unterscheidet, dass der invertirte Darm von
einem nicht invertirten Stiicke umgeben wird, statt dass er dort
frei liegt [Meckel, Handb. der patholog. Anat. 2. Bd. 1. Abth.
S. 325). So lassen sich durch einen auf den Darm applicirten
Reiz Intussusceptionen kunstlich erzeugen. (Ita didici in ranis
hunc morbum producere. Tangitur aliqua sedes intestini veneno:
ea constringitur , neque longe abest, quin sensim proxima sedes
intestini adscendat, et earn, quae constricta fuit, mediam compre-
hendat. Haller opusc. pathol. Lausann 1768. p. 66.)
Unter den atiologischen Verhaltnissen der Darmwehen ziehen
hier diejenigen unsre Aufmerksamkeit auf sich, welche auf einer
abnormen Energie motorischer Nerven beruhen : denn die durch
Reizung der Darmhiiute in Folge veranderter Beschaffenheit der
Contenta, der Absonderungen, der Structur hervorgebrachten Be-
wegungen sind nur ein Glied in der Kette anderer pathischer
Vorgiinge, deren Schilderung nicht hierher gehort, z. B. der Dy-
senteric, der Diarrhoe, des Carcinom des Colon und Mastdarms etc.
Betrachten wir den Reflexreiz zuerst, so bietet er sich ofters als
Anlass dar, und erregt, wenn er ira Bereichc der Sacral- und
DARMWEHEN.
399
untern Lumbarnerven seinen Heerd hat, nicht nur Darm-, son-
dern auch Blasen- und Uterin-Wehen. So wirken Blasenstein,
Reizung des Blasenhalses, Reizung der Gebarmutter. Interessant
ist die von Valentin an Thieren gemachte Beobachtung, dass selbst
Reizung des N. Quintus an der Schiidelbasis stets peristaltische
Bewegungen des Dunndarms, besonders des Duodenum und obern
Theils des Jejunum, hervorruft (de funct. nervor. cerebr. p. 63).
In BetrefF der von AfFectionen des Ruckenmarks und Gehirnes
abhangigen Darmkrampfe besitzen wir noch zu wenige genugende
pathologische Thatsachen. Nach Budge soil nicht bloss Reizung
des Ruckenmarks, besonders seiner vordern Strange, sondern auch
der Vierhugel und gestreiften Korper die Darmbewegung bei
frisch getodteten Thieren anregen und beschleunigen (Beitrag zur
Lehre von den Sympathieen in Mullers Archiv fiir Anat., Phys.
und wissenschaftl. Medic. Jahrg. 1839 S. 392). Der Einfluss der
GemuthsafFecte, zumal des Schreckens auf vermehrte Darmbewe-,
gung ist bekannt, obgleich auch die veriinderte Secretion dabei
eine Rolle spielt. Die spezifische Wirkung einiger Arzneistoffe,
z. B. der Nux vomica auf die Contractionen des Dickdarms, zu-
mal des Rectum, kommt nur durch den spinalen Centralapparat
zu Stande.
Spastische Darmstrlctur.
Schon aus alteren Versuchen, besonders den von Haller ange-
stellten, war es bekannt, dass auf Reizung der inneren Darmflache
ringformige Contractionen entstehen, als wiirde der Darm mit
einem Faden zusammengeschniirt (. Haller opera minora T. I. p.
395. Exper. CCCLXXVII. CCCLXXVIII. etc.). Henle fand in
neuester Zeit ein der Starke des angebrachten Reizes entspre-
chendes Resultat. Bei gelindem Reize, z. B. leisem Beruhren
und Ritzen der iiussern und innern Darmflache, Betupien mit
Salzsiiure, folgt eine schwache ringformige Contraction, die eine
langere oder klirzere Slrecke weit peristallisch fortschreitet. War
400
KRAMPFHAFTE DARMSTRICTUR.
die Reizung starker, so bleibt oft an der getroffhen Stelle, auch
wenn in der Umgegend pcristaltische Bevvcgung eintritt, eine
Stricter zuriick. Wenn man aber den Darm heftig kneift, zerrt,
sticht , so tritt alsbald cine lieftige, entweder einseitige, oder
auch ringformige Contraction ein, die den Darm ganz unwegsam
machen kann, nicht weiter schreitet, und selbst, wenn sonst die
Reizbarkeit liingst crloschen ist, nocli fortbesteht (. Henle patholo-
gische Untersuchungen S. 93). Solclie Zusammenschnurungen fin-
den sich sehr haufig bei Leichenoffnungen an vcrschiedenen Stel-
len des Darmkanals, und mogen oft nach dem Tode entstehen,
vielleicht selbst Wirkungen des Rigor mortis sein. Allein es
giebt unstreitig auch krampfhafte Darmstricturen wiihrend des
Lebens, die lange Zeit bestehen konnen, entweder als Begleiter
andrer Krankheiten, oder selbststandig, wovon Mayo eine erwah-
nungswerthe Beobachtung mitgetheilt hat (Outlines of human pa-
thology. London 1836. p. 351). Der Kranke, selbst Arzt, erin-
nerte sich nur zweimal seit zwanzig Jahren auf kurze Zeit von den
Beschwerden frei gewesen zu sein, einmal wiihrend des Gebrauchs
von Injectionen warmen Wassers, und das andrcmal wiihrend des
Gebrauchs von weissem Senfe. Jahrelang gingen nur Excremente
von der Grosse einer Pferdebohne, wenn sie hart waren, und
von der Lange des kleinen Fingers, bei weicher Consistcnz ab.
Zuweilen konnte nur eine Harnrohrenbougie durch den Mastdarm
dringen, zu andern Zeiten hatte die Contraction so hocli im Darme
ihren Sitz, dass eine Bougie von drei Fuss Lange sie kaum er-
reichen konnte. Die Leiden stiegen aufs iiusserste — da cnt-
schloss sich der Kranke alle Arzneimittel, Bougies etc. aufzugeben,
luhrte beharrlich eine strenge Diiit mit Yermeidung aller reizcn-
den Nahrungsstoffe, und hberliess die Diirme ihrer eignen Action.
Anfangs kam er dann und wann, wegen lastigen Gefuhls von
Vollsein in den Barmen und im Ivopfe, mit Wasserklystiren zu
Iliilfe. Auf diese Weisc wurde cr nach zwci Jahren vollkommen
von seinen Leiden befreit. — Nach Tanquerel Des Planches sind
ILEUS.
401
in den heftigen Anlallen der Bleicolik Mastdarm und Sphincter
ani in eineni Zustande starrer Contraction (Traite des maladies
de plomb. Paris 1839. T. I. p. 209).
Antiperistaltischer Dannkranipf.
Ileus.
Niemals ist bei Thieren mit geoffnetem Bauclie die Darm-
bewegung eine bloss peristaltische; an einzelnen Stellen ist stets
antiperistaltische Windung sichtbar, wie bereits Haller beobach-
tet hat (ejus directionis aliqua etiam cum perfectissimo motu pe-
ristal tico miscela est, neque unquam longc aut aer procedit, aut
cibus, quin aliquo usque retrorsum redeant: Elem. physiol, corp.
hum. T. VII. ed. II. p. 90). Bei starkerem Reizc als dem der
atmospharischen Luft werden auch die riickgangigen Wellen der
Bewegung starker, anhaltend, und erlangen das Uebergewicht.
Magen und Oesophagus nehmen Theil, und der Darminhalt wird
in einer der normalen entgegengesetzten Bichtung ausgeleert.
Gleichzeitig linden starke Contractionen der Bauchmuskeln statt,
und Erscheinungen in der sensibeln Sphare von der Art, wie sie
dem Sympathicus eigenthumlich sind (S. 122), denn nicht bloss
Schmerz in verschiedenem Grade und Ausdehnung wird rege,
auch Gefuhl der Ohnmacht, der drohenden Lebensvernichtung,
welche sich nicht minder in den gesunknen Kraften, in den ver-
fallenen Gesichtsziigen, in dcr kuhlen Temperatur, in dem kleinen
schnellen, ungleichen Pulse ausdriickt.
Der antiperistaltische Krampf gesellt sich Icicht zu jedcm Hin-
dernisse der Permeabilitat des Darmkanals, sei es Folge einer
spastischen Action (Strictur, Intussusception), oder einer entziind-
fichen, oder mcchanischen , welche dem Bilde der Krankheit ei-
genthiimliche Ziige beimischen, deren genaue und ausfuhrliche
1 Exposition in Naumanns Handbuch der medicinischen Klinik 4.
402
ILEUS.
Bd. 1. Abth. S. 755—820) zu vergleichen ist. Ob (lurch Rei-
zung und Krankheiten der Cenlralorgane des Nervensyslems der
Ileus urspriinglich entstehen kann, ist vveder durch Versuche,
noch durch pathologische Beobachtungen bisher ermittelt.
Es giebt nur wenige krampfhaftc Affcctionen, wo das der
Idee von der Natur der Krankheit entsprechende Heilverfahren
eines so gunstigen Erfolges in den von Complication freien Fal-
len gewiss ist, wie der Ileus. Narcotisation des Darmkanals
durch Opium, in grossern Dosen, entweder fur sich, oder ab-
wechselnd mit Purgantien gereicht, und durch Tabakklystire (15
bis 20 Gran hb. Nicot. infundirt mit 4 — 6 Unzen Wassers) wird
von den Erfahrensten empfohlen (vgl. z. B. Abercrombie in sei-
nen Patholog. and pract. researches on diseases of the stomach,
the intestinal canal, the liver, and other viscera of the abdomen.
Edinburgh 1828 p. 144). Befordert wird der jahe Nachlass der
spastischen Contraction durch die Anwendung des warmen Bades
und des Aderlasses, d'er auch, nach Erforderniss wiederholt, und
in Verbindung mit ortlichen Blutentleerungen den Hinzutritt der
Entz'undung verhiitet. Zu demselben Zwecke, und um die tym-
panitische Ausdehnung der oberhalb der Zusammenschnurung be-
findlichen Darmpartie zu beschranken, ist der ortliche Gebrauch
der Kalte geeignet. Auch die endermatische Application der Pur-
girmittel ist zu erwahnen. Mir ist ein Fall bekannt, wo ein seit
achtzehn Tagen andauernder Ileus durch das Aufstreuen von 6
Gran Aloeextract auf ein in der Magengrube gelegtes Vesicatc-
rium gehoben wurde.
Wie der Eingang des Darmkanals, der Schlurid, so ist auch
der Ausgang, der After, mit Muskeln versehen, die lediglich un-
ter der Herrschaft des Spinalnervensystems stehen, und deren
Contraction nicht nach dem peristaltischen Typus, sondcrn schnell,
augenblicklich auf den angebrachten Rciz erfolgt.
AFTERKRAMPF.
403
Krampf der Afterimiskeln-
Bisher war in den Schriften nur von einem Krample des
Sphincter ani die Rede, obgleich auch der Afterheber und selbst
die queeren Dammmuskeln in den Kreis der convulsivischen Af-
fection gezogen werden konnen. Bei dem Afterkrampfe befallt
ein auf das Orificium ani beschrankter Schmerz, von gewaltiger
Intensitat wie beim Wadenkrampfe, mit starrer Zusammenziehung
des Scbliessnmskels, welche vom Kranken deutlich gefiihlt wird,
und dem untersuchenden Finger das Eindringen erschwert oder
versperrt. Solche Anfalle treten meistens plotzlich ein, und ho-
ren eben so jjahe auf, nach kurzer Dauer , oder lassen allmahlich
nach, nachdem sie mehrere Tage liistige Beschwerden verur-
sacht haben.
Ausser dieser transitorischen Affection giebt es noch eine
Contractur des Schliessmuskels, welche zuerst von Boyer genau
beschrieben worden ist (Remarques et observations sur quelques
maladies de l’anus, im Journ. complem. du dictionn. des sciences
medicales. Paris 1818. T. II. p. 24). Die pathognomonischen
Symptome sind: Contraction des Sphincter, Verschliessung der
Aftermiindung , so dass das Einbringen des Fingers oder einer
Bougie sehr schwierig ist, intensiver Schmerz am Afterrande, wel-
cher wahrend und nach dem Stuhlgange aufs ausserste steigt,
Verstopfung, Mangel eines Ausflusses aus dem Mastdarme, bei
langerer Dauer gestortes Allgemeinbefinden , grosse Reizbarkeit,
Yerstimmung des Gemuths.
Reflexeinflusse von dem Rectum und den angriinzenden Or-
:ganen veranlassen zuweilen den Afterkrampf. So hat Boyer die
• Contractur ofters in Verbindung mit einer Fissur am After be-
obachtet, welche bei der Untersuchung sichtbar wird, und durch
IBeriihrung und Druck iiusserst heftige Schmerzen erregt. Bei
mehreren Kranken waren Hamorrhoidalknoten vorhcrgegangen,
welche man bei einigen exstirpirt hatte. Das kindliche und ju-
K oinberg’g JXervcnkrankh. T. 2.
27
404
AFTERKRAMPF.
\
gendliche Alter sind verschont. Das weibliche Geschlecht scheint
melir unterworfen zu sein als das mannliche.
Gewohnlich wird die Krankheit verkannt, und ortliche und
allgemeine Curen in Voraussetzung von Stricturen des Mastdarms,
von Hamorrhois etc. vers$hlimmern das Uebel. Purgirmittel und
Clystire lindern anfangs, allein nach einer gewissen Zeit werden
sie ganz unwirksam, und bringen nicht einmal momentane Er-
leichterung. Narcotische Sitzbader und Salben, besonders von
Belladonna (nach J 'foyer: Axung. pore., Succ. semperv. tect., Succ.
Belladonn., 01. araygd. dulc. ^ §jj) haben sich in einzelnen Fal-
len wirksam gezeigt. In der Regel ist aber nur Yon der Myo-
tomie des Sphincter ani, am besten auf beiden Seiten, Ileil zu
erwarten, sowohl bei -der Contractur, als auch, nach der Analogie
zu urtheilen, bei dem transitorischen Ivrampfe.
I
Krampf
ira Bereiche cler den Muskelapparat cler Harnausleerang ver-
sorgenden Nerven.
g>@8§xs
/
Die Kenntniss der Bewegungen dieses Muskelapparats im ge-
sunden Zustande ist noch wenig vorgeruckt, und bedarf neuer
Untersuchungen. Hatte Haller (Op. min. T. I. p. 383) den Ure-
teren die Fahiekeit auf mechanische Reize sich zu contrahiren
o
abgesprochen , so ist dagegen in neuerer Zeit von Valentin (de
function, nerv. cerebr. p. 64.) sehr starke peristaltische Bewegung
in diesen Schlauchen beobachtet worden, so oft die Bauchgan-
glien und die Wurzeln der N. spinales abdomin. bei frisch ge-
todteten Thieren gereizt wurden, und zwar jedesmal an dem
Ureter der Seite, wo der Versuch vorgenommen wurde. Auch
im krankhaften Zustande, z. B. bei Forderung von Nierensteinen
findet diese peristaltische Action unleugbar statt, und offenbart
sich als Wehen. Der Bewegung der Harnblase kommt zwar
nach Haller (1. c.) kein peristaltischer Typus zu: exemplo est
contractionis perpetuae, quae nullis alternis relaxationibus inter-
polatur (nach Budge erfolgt eine fast auf das §fanze Organ sich
erstreckende Contraction mit Runzeln und Fallen: die Blase sieht
wie eine gefaltete Ilemdeskrause aus): allein zuckende Bewegun-
gen, wie bei den animalischen willkubrlicben Muskeln sind noch
niemals wahrgenommen worden. Valentin fand, dass bei Rei-
zung, sowohl des Lumbar- und Sacraltheils des Sympathicus als
27 *
406
BLASENKRAMPF.
dcr N. spinal, lumbar, ct sacral., die Contractionen der Blase vom
fundus bis zum cervix, und von beiden Seiten aus stattfinden,
am starksten bei Reizung des siebenten Gangl. lumb. und des
ersten Gangl. sacr. Die Bewegung fangt auf jener Seite an, wo
der Nerv gereizt ward, und theilt sich hierauf der andern Seite
mit. Untcr den Centralapparaten sind es vorzugsweise Cerebellum,
Medulla oblongata und Rfickcnmark, deren Reizung Blasenbewe-
gung hervorruft. Was die II ar nr 6 lire betrifft, so sind bisher
noch keine selbststandige Bewegungen an ihr beobachtet worden,
und es stimmt dieses mit ihrem von den Meisten angenommenen
Mangel an Muskelfasern iiberein (vgl. Schaw on the membranous
part of the urethra in Med. chirurg. transact. Yol. X. P. II. p.
339). Eben so wenig wie fiber die Bewegungen des harnaus-
leerenden Muskelapparats im Allgemeinen, herrscht auch fiber
Antagonisinus des Schlauches und des Sphincter Uebereinstim-
mung. Noch immer wird die am untersten Theile der Urinblase
befindliche Schicht von Muskelfasern, deren erste genauere Be-
schreibung man Carl Bell in seinem durch physiologische Eror-
terungen ausgezeichneten Werke verdankt: a treatise on the
diseases of the urethra, vesica urinaria, prostata and rectum. Lon-
don 1820. p. 10., ausschliesslich als Sphincter gedeutet, wahrend
bereits einige Aeltere (Winslow, Santorini), und unter den Neu-
eren Carl Bell (1. c. p. 86) und Guthrie (on the anatomy and
diseases of the neck of the bladder and of the urethra. London
1834. p 16.) den an dem hintern Theile der Harnrohre hefind-
lichen Muskeln, unter denen der von Wilson entdeckte, von Gu-
thrie und Muller (fiber die organischen Nerven der erectilen
mannlichen Gescldechtsorgane des Menschen und der Saugethiere.
Berlin 1836. S. 14) genau beschriebene Constrictor isthmi ure-
thralis selir wichtig ist, einen wesentlichen Antheil an der Sphin-
cteren-Verrichtung vindiciren. Auch spricht sich, wie am After,
der Antagonismus schon im Ban der Muskeln aus: denn die urn
die Pars membranacea der Harnrohre gehenden rolhen Muskel-
BLASEPsKRAMPF.
407
biindel enthalten Querstreifen, dagegen die Fasern der Urinblase
ohne Querstreifen der primitiven Biindel mit denen des Darms
und Uterus iibereinstimmen. Und nicht bloss in der Muskelstruc-
tur, auch in den Nerven macht sich der Gegensatz geltend: sym-
pathise!^ versehen die Fasern der Blase, cercbrospinale diese
Muskeln.
In pathisclien Zustiinden besteht entweder der Antagonismus
noch: Krampf befallt z. B. nur die Blasenmuskeln (detrusor uri-
nae), oder er ist aufgehoben: auch die Scldiessmuskeln sind zu-
gleich davon ergrifFen, und ein Verein von Harndrang und Harn-
zwang ist die Folge.
K lasenwehen,
Dysuria spastica.
Wie bei den Darmwehen, so Findet auch hier ein haufiger
und heftiger Drang zur Entleerung des Inhalts der Ilohle statt,
mit pressender, schmerzhafter Empfindung in der Gegend des
Blasenmundes. Drang und Schmerz nehmen in demselben Ver-
haltnisse zu, je weniger Ilarn ausgeleert wird, und verbreiten
sich oft auf die benachbarten After- und Dammmuskeln, wahrend
die Bauchmuskeln keinen Antheil nehmen. Der Durchgang der
Sonde durch die Urethra ist in den nicht complicirten Fallen un-
gehindert. Schmerzhafte EmpFindungcn im Kreuze und in den
Oberschenkeln sind haufig. Freie Intervalle von kiirzerer oder
langerer Dauer sind karakteristisch.
Krampf der Schliessinuskelo.
Ischuria spastica.
Harnverhaltung mit heftigem zusammenschnurendem Schmerze
in der untern Blasengegend tritt gewohnlich jiihe ein. Die Ac-
tion der Bauchmuskeln wird verstarkt, urn das llindcrniss zu
I
40S BLASENKRAMPF.
iiberwinden. ])er Krampf nimmt nicht selteu die Aftermuskeln
in Anspruch. Eine eingebrachte Sonde wird in der Pars mem-
branacea der Harnrohre am weiteren Fortgange gehemmt. Iiierzu
treten die Symptom e derlschurie: Ausdehnung der Blase, Angsl-
gefiihl, Unruhe, kalter Schweiss, Meteorismus, Singultus. Plotz-
lich offnet sich die Schleuse, der Urin lliesst, ein Gefuhl von
ausserordentlicher Euphorie stellt sich ein. Wo zu gleicher Zeit
die austreibenden Muskelfasern der Blase vom Krampfe befallen
sind, ist wehenartiger Harndrang zugegen, und die Qual des
Anfalls aufs iiusserste gesteigert.
Als Ursachen der Blasenkriimpfe sind Reflexeinlfusse haufig,
spinale und cerebrale selten. Jene werden sehr oft durch die
sensibeln Nerven der Blase und Harnrohre eingeleitet. Bell (a.
a. 0. S. 11) hat nachgewiesen, dass die empfindlichste Stelle der
Blase sich in der Nahe' der Miindungen der Ureteren befindet,
wo auch die innere Membran gefassreicher ist als an andern
Stellen. Von hier aus wird die Action der Blasenmuskeln, welche
im gesunden Zustande eine antagonistische ist, Contraction der
Blase und Erschlaffung ihrer Sphincteren, so wie umgekehrt
Zusammenziehung der Schliessmuskeln und Erschlaffung des De-
trusor urinae, eben so sicher angeregt, wie das Spiel der Athem-
muskeln durch Reizung der Glottis. So unangenehm und.schmerz-
haft auch das Catheterisiren sein mag, der Kranke empfindet erst
dann den Drang zum Harnlassen, wenn das Instrument jene Stelle
beriihrt, selbst bei ganzlicher Leere der Blase. Daher kommt
es auch, dass der Blasenstcin, obgleich er an jeder Stelle Schmer-
zen verursachen kann, doch nur, bei Beruhrung des Blasenhalses
den qualenden Harndrang hervorruft, welcher beim Fortriicken
des Steines mittelst einer Sonde, oder bei veriinderter Stellung
des Korpers, z. B. mit den Fiissen in die Hohe und dem Kopfe
abwarts, augenblicklich gelindert werden kann. Auf ahnliche
Weise wirkt nun jcdc andre Reizung der Blase, werde sie durch
arthri tischc, durch rheumatische, dftrc-h cntzundliche etc. Affection
BLASENKRAMPF.
409
oder durch veriindcrte scharfe BeschafFenheit des Urins veranlasst.
Andrerseits bewirkt Reizung der Harnrohre, besonders ihres mitt-
leren und hinteren Theils, Contraction der Schliessmuskeln. Das
Einfiihren einer diinnen Sonde bis zu einer gewissen Tiefe ist
nicht selten Anlass, und der Krampf der um die Pars membra-
nacea gelegenen Muskeln, welcher sich zu Stricturen der Harn-
rohre von Zeit zu Zeit gesellt, ist auf diese Weise zu deuten,
denn die Verengerung selbst ist nicht krampfhafter Art, wie man
aus dem ublichen Namen Strictura spastica im Gegensatze zur per-
manenten Strictur zu scbliessen verleitet sein konnte (vgl. Bell,
p. 88, Guthrie p. 86 und Brodie lectures on the diseases of the
urinary organs. London 1832. p. 6). Auch von andern Orga-
nen kann der Reflexreiz zu Blasenkrampfen ausgehen. So hat
Brodie in seinem gehaltvollen Werke (p. 303) auf die Nieren
aufmerksam gemacht, in deren Krankheiten (Lithiasis, Entzundung,
Eiterung) die Symptome offers nur die Blase hetheiligen, und
heftige Blasenwehen hervorrufen. Der Darmkanal, besonders das
Rectum (varices, zumal unterbundene), und die Gebarmutter sind
noch offer Heerde des Reflexreizes: Harndrang und Harnzwang
zeigen sich als haufige Begleiter der Hysteric. Selbst die Denti-
tion ist nicht selten Anlass. Auch scheint die Haut an gewissen
Stellen der Oberllache einen solchen Einlluss zu uben : Kalt- und
Nasswerden der Fiisse, zumal der Sohlen, erregt oft augenblick-
lich Blasenkrampf. Unter den Centralorganen giebt das Riicken-
mark, im Beginne seiner entziindlichen Krankheiten, zuweilen
Anlass zum krampfhaften Harndrange, der sich auch bei Gehirn-
affectionen einFindet, als Prodrom apoplectischer, als Folge epi—
leptischcr Anfalle und iiberwaltigender Gemiithsaffecte, des Schrek-
kes und grosser Angst, zumal der Todesangst. Ein Criminalrichter
erziihlte mir, dass ein hier vor einigen Jahren hingerichteter
Raubmorder, ehe er das Schalfot bestieg, ihn noch um die Er-
laubniss bat, dem qualvollen Drange zum Ilarnlasscn geniigen zu
diirfen. Selbst durch gewisse Vorstellungen kann ein grosseres
410
BLASENKRAMPF.
Bediirfniss zu wiederholten Contractionen der Blasenmuskeln , so
wie dcr Mastdarmmuskeln in andern Fallen, eintreten. Man stdsst
aui' Hypochondristen, deren gauze Intention auf den Stuhlgang
concentrirt ist: ich liabe lange Zeit einen solchen behandelt, der
stets beim Spatzierengehen in der Nahe seiner Wohnung blieb,
um dem Bedurfnisse sofort geniigen zu kbnnen. Ein Anderer
hatte davon gehort, dass durch haufige Entleerung des Urins der
Steinbildung vorgebeugt werdcn konne: spiiter, nachdem die Vor-
stellung langst verschwunden war, mahnte ein Iiistiger Harndrang
ihn noch oft daran.
Prognostische Momente werden den Ursachen, den begleiten-
den AfFectionen, und den Folgewirkungen der Blasenkriirapfe ent-
nommen. Die letzteren zeigen sich entweder unmittelbar, z. B.
die Gefahr der Harn-Metastasen, oder bilden sich langsam aus,
wie es mit der Ilypertrophie und Contractur der Muskelsubstanz
der Fall ist. Und nicht bloss die Muskelfasern der Harnblase
sind ihr unterworfen, es lasst sich auch vermuthen, dass der um
den hiiutigen Theil der Harnrohre gelegene Muskelapparat bei
andauernder Reizung der Urethra in eine permanente Zusammen-
ziehung, in eine Contractur gerathen kann, die eine grossere
Schuld an den peinlichen Zufallen tragt, als die Strictur selbst.
In der Behandlung ist die Beseitigung des Reflexreizes die
wichtigste Indication. Hat derselbe in der Harnblase seinen Sitz,
so muss ausser der durch seine Eigenthiimlichkeit bedingten Cur
(Antiphlogistica bei entzundlichem Process, Camphor, Bader bei
rheumatischem etc.) Rucksicht auf den bei der gesteigerten Reiz-
barkeit als Irritament einwirkenden Harn genommen werden, und
die von Bell (1. c. p. 22) als niitzlich empfohlene Injection von
lauwarmem Wasser in die Blase findet bier ihre Anwendung, da
die innern diluirenden Mittel Fur diesen Zweck nicht ausreicken.
Auch aus Beachtung dcr zuvor crwahnten empfindlichsten Stelle
der Harnblase liisst sich einiger Nutzen Fur die Therapie ziehen.
So erfolgt Beschwichtigung der Blascnwehcn durch chirurgische I)is-
BLASENKRAMPF.
411
location des Steins, oder durch Lage-Veranderung, welche bei Bla-
senkrampfen aus andern Ursachen ebenlalls zu versuchen ist. Die
sogenannte Enuresis nocturna habitualis, die so oft im kindlichen
Alter stattfindet, ist spastischer Natur, und von Reizung der Harn-
blase (wie schon Peter Frank de cur. homin. morb. epitome L.
V. de profluviis P. I. p. 72 annimmt), und des Darmkanals ab-
liiingig. In der irrigen Yoraussetzung von Schwache und Lah-
mung werden Roborantia verscbwendet — ohne alien Erfolg — ,
dagegen schon die einfache Vcranderung der Riickenlage in die
Bauch- oder Seitenlage oft hulfreich ist, indem sie den angesam-
melten Harn gleichmassiger in der Blase verbreitet, und den Ein-
druck auf die empfindlichste Stelle vermindert. Hat der Reflex-
reiz in der Urethra seinen Sitz, wodurch die Schliessmuskeln
vorzugsweise zum Krampfe angeregt werden, so ist vom chirur-
gischen Verfahren am meisten zu erwarten, hauptsachlich von
der gehorigen Behandlung der Stricturen. Hier kommt auch die
Wirksamkeit dicker Bougieen oder Catheter bei transitorischer
Harnverhaltung in Betracht. Wahrend das Einbringen einer di'in-
nen Sonde den Krampf steigert, beschwichtigt ihn eine dicke
Sonde durch Compression der gereizten sensibeln Nerven, von
denen die Reflexaction ausgeht, auf ahnliche Weise wie die
Schlundsonde mit dickem Knopfe spastische Dysphagie hebt. Aus-
ser dem Harnapparate sind in therapeutischer Beziehung Darm-
kanal und Uterus als Heerde des Reflexreizes wichtig, und es
fehlt nicht an Beispielen, wo nach jahrelangem nutzlosem und
nachtheiligem Gebrauche von Sonden, Cauterisiren etc. die aus-
Ieerende Methode griindliche Heilung noch herbeigefiihrt hat.
Von palliativer Wirksamkeit sind warme Halbbader, ortliche
Blutentleerungen, Fomentationen des Dammes, Clysmata anodyna,
auch aus Infus. hb. Nicotianae, und der innere Gebrauch des
Opium und Camphor.
/
Kraiiijif
im Bereiche der den Bewegungsapparat der Genitalien ver-
sorgenden Nerven.
Ausser dem durch das Geschlecht bedingten Unterschiede giebt
es auch eine Verschiedenheit dieser Krampfformen in einem und
demselben Geschlechte, dem weiblichen, je nachdem der Organis-
mns innerhalb der Griinzen des einzelnen Individuums, fur Erhaltung
der Art, oder iiber diese Granzen hinaus, zur Erhaltung der Gat-
tun g, wirkt.
Bei Thieren lasscn sich im ungeschwangerten und geschwan-
gerten Zustande peristaltische Bewegungen der Tuben und des
Uterus durch Reizung sowohl der untern Lumbar- und obern
Sacralganglien des Sympathicus, als auch der N. spinal, lumb. und
sacral, hervorbringen, schwacher in der Mitte der Schwangerschaft,
als kurz vor der Entbindung. ( Valentin de funct. nerv. cereb.
p. 65 u. 153.). Interessant ist die von Budge ( Untersuchungen
iiber das Nervensystem. 2. Heft S. 82.) entdeckte und von Valen-
tin (Repertorium. 6. Bd. S. 327.) bestatigte Einwirkung der Rei-
zung des kleinen Gehirns auf Bewegung der Uterinhorner und
Tuben, so wie die von ersterem (1. c. Heft 1. S. 163.) gemachte
Beobachtung, dass nach Reizung der Clitoris Bewegung der Cor-
nua uteri entsteht, auf ahnliche Weise wie nach Reizung der
Urethramlindung Bewegungen des Blasengrundes erfolgen. Auch
die unmittelbare Reizung der Tuben und der Gebarmutter hat
Bewegungen zur Folge. Reil beobachtete bei trachtigen frisch-
UTERINWEHEN.
413
getodteten Kaninchen nach Application des Galvanismus auf die
Gebarmutter, und zwar des negativen Poles auf das Orificium,
des positiven auf eins der- Horner, so lebhafte wurmformige Be-
wegungen zwischen beiden Polen in der Gebarmutter, wie sie
niemals in den Gedarmen vorkommen: die Frucht war in weni-
ger als einer halben Minute geboren. (Ueber das polarische
Auseinanderweichen der urspriinglichen Naturkrafte in der Ge-
barmutter zur Zeit der Schwangerschaft und deren Umtauschung
zur Zeit der Geburt, als Beitrag zur Physiologie der Schwan-
gerschaft und Geburt in Rett's und Autenrietlis Archiv fur die
Physiologie. VII. Bd. S. 434.)
Hie Geschichte der normalen Wehen muss fur die Beurthei-
lung der krampfhaften zu Grunde gelegt werden. Obschon kein
anderer organischer Muskel ( denn die Muskelsubstanz des schwan-
gern Uterus ist durch das Microscop unwiderlegbar dargethan,
und zeigt dieselben Entwicklungsreihen neuer Muskelfasern wie
der Embryo) so zuganglich der unmittelbaren und mittelbaren
Exploration ist, obgleich seit Rett’s anregenden Untersuchungen,
die ein unvergangliches Denkmal geistvoller Auffassung und Dar-
stellung bleiben werden , die Kenntniss der Uterinbewegungen
im Entbindungsacte besonders durch Wigand vorgeschritten ist,
so sind dennoch Lucken fuhlbar. Selbst gegen die friihere Annahme
vom Anfange der Contractionen im Grunde der Gebarmutter hat
Wigand Zweifel erhoben, nach dessen Beobachtung (Die Geburt
des Menschen in physiol., diatet. und pathol. therapeut. Bezieh.
2. Aufl. Berlin 1839. 2. Th. S. 140.) jede Wehe mit einer Zu-
sammenziehung im Muttermunde anfangt, welche alsdann auf den
Fundus ubergchl. Auch wird zu einseitig die antagonistische
Thiitigkeit auf den obern und untern Theil der Gebarmutter al-
lein bezogen. Bauch- und Dammuskeln stehen bei den Wehen
ebenfalls in dem Verhiiltnisse des Antagonismus, und selbst die
Sphincteren des Afters und der Blase nehmen Theil.
414
KRAMPF WEHEN.
Krampfwclien.
Wie die Blasenwehen, haben auch die convulsivischen Ute-
rinwehen eine zwiefache Form, entweder Steigerung der expul-
siven Thatigkeit ohne Widerstand der Sphincteren oder Simulta-
neity der ContracLionen sowohl im Grunde und Halse als in den
Bauch- und Dammuskeln, Geburtsdrang und Geburtszwang im
Vereine. Gemeinschaftlicher Karakter beider Formen ist Veran-
derung der zeitlichen und raumlichen Yerhaltnisse der normalen
Wehen.
In der ersten Form treten die Wehen von Anfang an mit
der grossten Heftigkeit auf, folgen in sehr kurzen Zwischenrau-
men oder machen gar keine Pausen , dehnen schnell und gewalt- *.
sam die Geburtswege aus und treiben das Kind rasch, sturzweise
hervor. Die Schmerzen sind heftig, und der Gebarmuttergrund
ist, so weit er ausserlich zu ffihlen ist, in einer fast fortdauern-
den Spannung. Vom Kinde sind keine Bewegungen zu fuhlen.
Die andere Form (fiber welche Kiliaris Abhandlung: Die Ivrampf-
wehen, ein Beitrag zur Lehre von den dynamischen Geburtssto-
rungen im Organon fur die gesammte Heilkunde. \ . Bd. 2. Heft.
S. 167 — 199 naher zu vergleichen ist) hat eine Verhinderung
des Geburtsverlaufes mit Wehendrang zur Folge. Der Wehen-
-cyclus ist abnorm: die Wehe steigt jahlings auf ihren Gipfel,
hat ein sehr langes Stadium der Hohe und ein sehr kurzes der
Abnahme. Die Contraction ist partiell, ungleichmassig, oder es
fehlt, wo sie allgemein ist, das nothige Uebergewicht des Mut-
tergrundes fiber den Muttermund, so dass dieser, unuberwaltigt,
sich eben so stark verkleinert wie jener, und bei der inneren Ex-
ploration sich schwer erreichen lasst, hoch steht, verzogen oder
elliptisch ist. Die Lage und Form des Uterus ist verandert: er
ist mehr oder weniger nach einer Seite gezogen, stellt sich bald
wie eine gerade aufgerichtete, bald wie eine querliegende grosse
Sanduhr dar. ( Wigand 1. c. S. 158.). Der Grad der Spannung
und die Richtung der Fruchtblase sind ebenfalls verandert. Und
KRAMPFWEHEN.
415
nicht bloss auf den Uterus, auch auf die benachbarten Sphincte-
ren und selbst auf andere Muskeln , z. B. auf die Schenkelmus-
keln fixiren sich die Contractionen (die abspringenden Wehen).
Die Empfindlichkeit der Gebarmutter ist gesteigert, und ver-
rath sich schon bei der Untersuchung durch die Bauchdecken,
besonders aber bei Beruhrung des Muttermundes. Der Wehen-
schmerz ist oft von ausserordentlicher Intensitat und nimmt einen
ungewohnlichen Lauf, iiussert sich auch ausserhalb der Becken-
hohle, in der Bahn des Ischiadicus etc. Den hochsten Grad er-
reicht er in den Fallen, wo durch den Krarapf eine Strictur
des Uterus entstanden ist. Schon Wigand erwiihnt derselben
als einer tetanischen Affection (1. c. S. 159.), und Kilian schil—
dert ihren Sitz im untern Gebarmutterabschnitte , im innern Mutter-
munde, wo eine eigene Muskelschicht von Kreisfasern vorhanden
sein soil, Nach der Beobachtung meines vielerfahrenen Freun-
des, des Herrn Sanitatsrathes Dr. C- Mayer , ist es jecloch der
iiussere Muttermund, der sich am haufigsten contrahirt. Die Ein-
schniirung bildet sich sehr schnell, und wird von einem jahe auf
die grosste Hohe steigenden Wehenschmerz begleitet, der tief
im Kreutze oder in der Harnblase bohrt und w'uhlt, und das Ge-
fuhl eines gewaltsamen Herabdrangens, als sollte das Kind augen-
blicklieh heraussturzen , verursacht. Als karakteristisch betrach-
tet Kilian auch schnell wachsende Geschwulst des vorliegenden
Kindestheiles, bei vollkommener Unbeweglichkeit desselben, selbst
wahrend des heftigsten Wehendranges. Yon der Nervensphiire
des Uterus und der angriinzenden Theile breitet sich bei den
Krampfwehen die Affection leicht und oft auf andere Nervenge-
biete aus. Erbrechen und Pracordialschmerz , Buctus, Singultus,
Athemkriimpfe gesellen sich hinzu. Auch die Centralapparate
nehmen nicht selten Theil. Veriinderte Gemuthsstimmung , Deli—
rien, Ohnmacht, Collapsus, Schwindel, Kopfschmerz, Bewusstlo-
sigkeit, Sopor, allgemeine Convulsioncn treten ein, zuweilen mit
Nachlass und Aufhoren des Gebarmutterkrampfes.
4 1 G
KRAMPFWEHEN.
Die Ursachen der grosstentheils nach vollendeter, selten bei un-
terbrochener Schwangerschaft, bei Friihgeburten, hiiufiger bei Erst-
gebarenden, oder bei solchen, die schon sehr oft geboren haben, cin-
tretenden Krampfwehen sind meistens Reflexeinfliisse , vom Ute-
rus selbst , oder von seinem Inhalt ausgehend. Erhohte Empfind-
lichkeit der Gebarmutter durch rheumatischen, entziindlichen, ga-
strischen etc. Reiz erzeugt, und durch unnutze, rohe Manipulalio-
nen .gesteigert, liegt offers zu Grunde: nicht selten auch abnorme
Kindeslagc, zu fruher Abfluss des Fruchtwassers , Zerrung zu
kurzer Nabelschnur , auch zuruckbleibende Blutklumpen, wodurcli
die Nachweben ein convulsivisches Geprage bekomraen. Ob durch
Reflexreize, die in den benachbarten Organen, im Mastdarm, in
der Urinblase ihren Sitz haben, Krampfwehen hervorgerufen wer-
den kbnnen, steht noch nicht durch genaue Beobachtungen fest.
Unter den centralen Anlassen sind Gemiithsaffecte die haufigsten.
Die Prognose betrifFt zwei Individuen, Mutter und Kind. Im
Allgemeinen sind fiir beide die Krampfwehen bedenklich, in hoch-
stem Grade die mit Strictur verbundenen, welche fur das Kind
durch Einschniirung des Halses bei vorangehendem, tiefstehen-
dem Kopfe, oder bei Steisslage durch Compression der Leberge-
gend (in einem von Kilian beobachteten Falle, mit Ruptur der
Leber 1. c. S. 177) todtliche Wirkung herbeifiihren , und der
Mutter durch Erschbpfung der Krafte, durch leicht folgende Rup-
tur und Entzimdung des Uterus grosse Gefahr drohen. Nachst
der Strictur ist es die Affection der Centralorgane , welche die
Gefahr des Zustandes steiger t. In der zuerst beschriebenen Form,
der von Wigand genanntcn Uebersturzung der Gebarmutter, sind
verderbliche Hiimorrhagieen am meisten zu befurchten.
Die richtige Erkenntniss der Krampfwehen ist fur die Behand-
1 un g derKreissenden von der (iussersten Wichtigkeit, undverhiitet am
sichersten den in der iiblichen Voraussetzung mcchanischcr Hinder-
nisse so oft begangenen Unfug mit der operativen Hiilfe, welcher,
KRAMPFWEHEN.
417
fur Mutter uiid Kind gefahrlich, um so verderblicher ist, weil
dureh Manipulationen des Uterus der Krampf an Intensitat zu-
nimmt. Es leite die Causalindication und die R'ucksicht auf die
individuellen Verhaltnisse der Constitution. Nicht selten geht ga-
strische Reizung voran, und ein zu Anfang gereichtes Brechmit-
tel stimmt die convulsivischen Wehen zu normalen um. Bei voll-
saftigen, gutgenahrten Frauen mit rigider Faser, welche in der
Schwangerschaft bei starkem Appetit an Fleisch zugenommen ha-
ben , welche haufig an Anschwellungen der Hiinde und Fiisse, an
Congestionen nach dem Gehirn und den Rrustorganen gelitten
haben, deren ganzer Habitus wahrend der Wehen die Plethora
bekundet, glanzende Augen, rothes, livides Gesicht, erhohte Tem-
peratur, beschleunigter, voller oder harter Puls — muss sofort
die antiphlogistische Behandlung in ihrem vollen Umlange ange-
wandt werden , wogegen hysterische , an schmerzhafter Menstrua-
tion oder friiher an Chlorosis leidende, zu Krampfen geneigte
Frauen, mit bleichem Gesicht, kiihler, trockner Ilaut, ktemem,
sclmellem, fadenformigem Pulse, grosser Angst und Jactation,
krampfstillender und beruhigender Mittel bedurfen (kleiner Gaben
Opium, Ipecacuanha, Kalibad, oblige Einrcibungen , warme Fo-
mentationen des Unterleibes und der Genitalien, Clysmata). Zu-
niichst wird die Cur durch Intensitat und Form des Krampfes
modificirt. Wo die Contraction zur Strictur sich steigert, ist
ein schneller CoIIapsus nothwendig, und sicherer wird dieser nicht
herbeigefuhrt, als durch einen reichlichen Aderlass in sitzender Stel-
lung, dem eine voile Dosis Opium folgen muss. Yon den ge-
riihmten Einreibungen des Muttermundes mit Belladonnasalbe ha-
ben die hiesigen erfahrenen Geburtshelfer keinen Nutzen wahr-
genommen. Mein geehrter Freund, Herr Dr. C. Mayer, sah ill
den Fallen , wo der Uterus nach vollstandig abgellossenem Frucht-
wasser das ganze Kind test umschliesst, grossen Erfolg von vor-
sichtiger und langsamer Injection von lauwarmem Haferschleim
oder lauem Wasser mit Oelil in die Gebarmutterhohle. Gegen
. 418
KRAMPFWEHEN.
die pracipitirten Wehen, die besonders durch die folgende Hij-
morrhagie gefahrlich werden, empfiehlt Wigand (1. c. S. 50) aus-
ser horizontaler, ruhiger Lage im Bette den Gebrauchdes Opium,
| gr. p. dos. mit 5 — 8 gr. Nitrum, und wo zugleich ungewohn-
liche Rigiditat des Muttermundes oder dcr iibrigen Geburtswege
vorhanden ist, eine starke Venasection, seJbst bis zur Ohnmaclit.
Ueber krampfhafte Bewegungen des ungeschwiingerten Ute-
rus fehlt es an Thatsachen. Werden jene auch durch den Man-
gel an Muskelfasern im jungfraulichen Zustande ausgeschlossen,
so ist bisher weder anatomisch noch microscopisch bestimmt, ob
bei solchen, die geboren haben, die Muskelsubstanz wieder ganz
schwindet, sowohl im Parenchym der Gebarmutter, als auch in
den runden Mutterbandern , deren Muskelbau und Verrichtung
durch die trefflichen Untersuchungen des zweiten Meckel festge-
stellt sind (in Rosenberger dissert, de viribus partum efficien-
tibus generatim et de utero speciatim , ratione substantiae muscu-
losae et vasorum arteriosorum. Halae 1791.). Reil erwahnt:
„beim weiblichen Geschlecht steigt die Gebarmutter zuweilen
krampfhaft in die Scheide herab, mit dem unausstehlichen Ge-
fiihle, als wenn ein heisser Korper mit Gewalt aus der Geburt
gepresst werden sollte, und steigt wieder aufwarts, wenn der
Krampf nachlasst“ (Archiv fur die Physiologie. Bd. VII. S. 437.).
Es liisst sich kaum anders denken, als dass durch eine ortliche
Untersuchung diese Behauptung gerechtfertigt war, denn das Ge-
fuhl der Kranken kann leicht tauschen, wie es z. B. in der Neu-
ralgia hypogastrica der Fall ist, wo trotz der Empfindungen von
Druck und Pressen auf Gebarmutter und Scheide keine Veran-
derung in der Lage und Richtung dieser Thcile stattfindet (Vgl.
S. 140).
Ausser dcr Muskulatur des Uterus gicbt es noch einen Mus-
kel im Bereiche der weiblichen Pudenda, welcher von Krampf,
KRAMPFWEHEN.
419
^venn auch selten , befallen wircl. Es ist tier Constrictor cunni,
dessen Contraction nnter cerebro-spinalem Einllusse stcht nnd
willkiihrlich stattfinden kann. Die dadurch bewirkte Verenge-
rung des Scheideneingangs kann zur wirklichen Einschnurung
sich steigern, wie es in einzelnen Fallen beim Coitus sich ereignet.
lirainpf im Muslidapparat der mannllcben
Ciesclileclitstlieile.
Durch Valentins Versuche ist der Einfluss des Nervenreizes
auf die Contraction des Vas deferens und der Samenblasen
nachgewiesen. Werden die unteren Lumbar- und oberen Sacral-
ganglien des Sympathicus gereizt, so erfolgen starke peristalti-
sche Bewegungen der Samenblasen mit Expulsion ihrcs Inhalts
(de function, nervor. cerebr. p. G4.). Auch im mannlichen Gc-
schleclite ist die Einwirkung des Cerebellum auf die Bewegung
der Iloden und Samenleiter durch Budge nachgewiesen und
durch Valentin vollkommcn bestatigt worden. Der Versuch ist;
interessant genug, um ihn bier mit den Worten des Verb mit-
zutheilen. „ Durch einen gliicklichen Zufall machte ich die schone
Beobachtung, dass sich bei einem alten Kater, dessen Hoden in
der Bauchhohle lagen, gleich nach dem Tode des Thieres diesc
Tlieile jedesmal bewegten, wenn ich mit dem Messer oder Kali
causticum das kleine Gehirn reizte. Die Wirkung war der Art,
dass auf Reizung des rechten Lappens des kleinen Gehirns und
der rechten Hiilfte des sogenannten Wurms jedesmal Bewegung
des linken Hodens folgte und umgekehrt. Die Reizung brauchte
nur ganz oberflachlich zu geschehen. Die Bewegung dcr Hoden
war bald bei diesem Thiere so unzweideutig, dass kcin Gedanke
sein konnte, daran zu zweifeln. Die Hoden lagen, nachdem ich
Korn berg’s Ncrvenkrankb. I. 2.
28
4 20 KRAMPF DER MAENNL, GESCHLECHTSTHEILE.
rasch den ganzen Schlidel und die Bauchhohle gcoffnet hallo,
ganz ruhig da, zeigtcn nicht die geringste Bewegung. Als ich
nun die eine Seite des kleinen Gehirns reizte, schwoll der cnt-
gegengesetzte Iloden aul', verliess seine Stelle, und richtete sicli
so in die Hohe, dass er mit dem Samenstrange einen recliten
Winkel bildete, dessen eine Linie nach vorn stand. Horte ich
auf zu reizen, so legte sich der Hoden wieder hin; reizte ich
von neuem, so sah ich dieselbe Bewegung — der Versuch wurde
eine halbe Stunde mit gleichem Erfolge fortgesetzt. Nach der
ersten Reizung dauerte es noch nicht drei Secunden, ehe Bewe-
gung folgte, spater ward der Zeitraum immer langer, nach wel-
chem sich Bewegung einstellte. Auch dauerte die Bewegung
nur kiirzere Zeit, und nahm immer mehr ah. Abwechselnd mit
dem kleinen Hoden reizte ich das grosse Gehirn, die Vierhiigel,
die Sehhiigel, die gestreiften Korper — aher ich habe nie gese-
hen, dass die geringste Bewegung erfolgte, wenn ich diese Theile
reizte. Am Ductus deferens sah ich auf- und absteigende Be-
wegungen, ein Aufschwellen und Zusammensinken eines ganzen
Stiickes, am Hoden gewohnlich ein Aufblahen des ganzen Or-
gans, zuweilen jedoch sah ich auch Vertiefungen hier und dort
entstehen.“ (Budge, Untersuchungen etc. 1. Heft. S. 160.) Zum
Gelingen des Versuches mussen nach Valentin (Repertorium etc.
6. Bd. S. 327.) altere Tliiere gewahlt werden, hesonders solche,
die sich der Geschlechtsreife naher oder in der Brunst hefmden,
was auch von den Yersuchen an weiblichen Thieren gilt. Bei
jungen Thieren experimentirt man vergeblich. Volkmann hat
in funf Versuchen niemals dergleichen Erscheinungen heobachtet,
nur in einem Falle sah er heftig zuckende Bewegungen des Pe-
nis (Handworterbuch der Physiologie mit Rucksicht auf physiolo-
gische Pathologie. Herausgegeben von Bud. Wagner. 4. Liefer.
S. .592.). Ob in pathischen Zustanden eine convulsivische Stei—
gerung dieser Action stattfinden kann, lasst sich nur vermuthen:
die bei Reizunsen in benachbarten Orsanen, Mastdarm, Harn-
KRAMPF DER MAENNL. GESCHLECHTSTHEILE. 421
blase etc. so oft erscheinenden Pollutionen konnen auf diese
Weise, nach der Reflexnorm, die schon im gesunden Zustande
die Ejaculation des Samens nach Reizung der Gians erfolgen
lasst, gedeutet werden. Nicht minder unvollstiindig ist unsere
Kenntniss von den krampfhaften Contractionen derjenigen Mus-
keln mannlicher Zeugungstheile, welche zu den willkuhrlichen
oder animalischen gehorig, ihren Impuls von cerebrospinalen Ner-
ven erhalten. Manche Zufalle, die bisher unter andere Catego-
rieen gebracht worden sind (Satyriasis, Chorda), diirften mit
mehr Recht hier ihre Stelle finden, so wie auch die spastische
Verhaltung der Samenejaculationen , wovon Sauvages ein paar Bei-
spiele mitgetheilt hat ( Dyspermatismus hypertonicus und epilepti-
cus. Nos. meth. ed. Daniel. T. IV. p. 667.).
Nicht bloss die begattenden, auch die bildenden Theile der
mannlichen Geschlechtswerkzeuge konnen vom Ivrampfe heimge-
sucht werden. Die Testikel werden unter einem eigenthumlichen
Schmerzgefuhl , selten auf beiden Seiten, gewohnlich auf einer,
in die Hohe gezogen, und nehmen, nachdem der Anfall voriiber
ist, ihre normale Lage wieder ein. Diese convulsivische Action
des Cremaster, in dessen Gewebe ebenfalls Fasern von den
Bauchmuskeln, wie in die runden Mutterbiinder, eingehen, gesellt
sich vorzugsweise zu Krankheiten der Nieren, zuweilen auch zu
Haemorrhoi's, zu Colica saturnina. Dass sie sich durch Rellexac-
tion auf Reizung sensibler Fasern der Bahn des N. cruralis ein*
findet, habe ich bereits S. 289 bemerkt.
Zweite Ordnung.
Krampfe von Erregnng der Central-
apparate.
s>@S©<s
1. Gattung.
Krampfe von Erregung ties Rii eke inn arks.
Der physiologische Standpunkt, von welchem aus das Ruk-
kenmark eines Theils als cerebraler Leitungsapparat, anderntheils
als Centralorgan des Nervensystems, begabt mit eigenthiimlichen
Kraften, betrachtet wird, ist derjenige, welcher fur die Auffas-
sung und Deutung seiner krankhaften Zustande festgehalten wer-
den muss. Nur dem Mangel des physiologiscben Princips ist es
zuzuschreiben , dass die Kenntniss der Motilitatneurosen des Riik-
kenmarkes, obgleich Muller’s und Marshall Hall’s Untersuchun-
gen die Bahn gebrochen haben, nocb zuriickgeblieben ist.
I. Kriiinpfe vom ItUckeninarke, als Iieitungsappnratc,
ablianglg.
Experimen telle s. Aus alien bisher an Thieren vorgenom-
mcnen Yersuchen stcllt sich das Ergebniss heraus, dass die vor-
deren Strange des Ruckcnmarks Leiter der Motilitat sind. Nicht
SPINALE KRAEMPFE.
423
ausser allem Zweifel ward der Mangel motorischer Leitung fur
die hinteren Strange angenommen, und sowohl die Schwierigkeit,
in denselben die Reizung zu isoliren, als auch die sich einmi-
schende Reflexlahigkeit erschwerten die Erzielung genauer Resul-
tate. In neuester Zeit ist jedoch durch van Deeris , Kiirschners,
und Stillings Experimente ein sichrerer Halt gewonnen worden.
Schon in den Bewegungen selbst macht sich eine Verschiedenheit
beraerkbar, je nachdem die vorderen oder hinteren Strange gereizt
werden. Die ersteren verhalten sich hierbei wie peripherische
Babnen; es entstehen auf derselben Seite Zuckungen derjenigen
Muskeln, deren Nerven unterhalb der gereizten Stelle vom Riik-
kenmarke abgehen , wahrentj bei der Reizung der hinteren Strange
der Erfolg weder auf die gereizte Seite, noch auf die gereizte
Stelle beschriinkt ist: man kann diese Theile fast nicht beruhren,
oline Bewegungen in alien Extremitiiten zu erhalten. Andere
Versuche, wobei die Reflexerscheinungen vermieden wurden,
sind noch entscheidender. An entbaupteten Thieren wurde in
den Riickenmarkskanal die Spitze eines sehr scharfen Staarmes-
sers eingeluhrt, und nachdem die Membranen eine Strecke weit
von den hintern Strangen abgelbst waren , wurden in der Mittel-
Jinie und zur Seite Einschnitte in die hinteren Strange gemacht,
ohne die anderen Strange zu zerren oder zu beruhren: es ent-
stand keine Bewegung oder Zuckung, die sogleich erfolgte, als die
Spitze des Messers sich senkte und die vorderen Strange streifte.
{Marshall Hall’s Abhandl. iib. d. Nervensyst. Aus dem Engl, mit Er-
lauterungen und Zusatzen von Kurschner. Marburg 1840. S. 195
— 202.). Das physiologische Criterium der vom Riickcn-
marke als Conductor abhangigen Convulsionen ist die dem Sitze
der Krankheit auf derselben Seite entsprechende Topik der krampf-
halten Erscheinungen. Das gereizte Riickenmark reagirt mit ei-
ner Summe motorischer Fasern, welche der Raumlichkeit des
reizenden Anlasses entspricht, und ruft Convulsionen derje-
nigen Muskeln liervor, die von dieser Stelle ihren Impuls
424
SPINALE KRAEMPFE.
erhalten. Hierauf basirt die Diagnose des Sitzes der Krank-
heit in den verschiedenen Bezirken des Riickenmarkes.
Chirurgische Beobachtungen wurden unstreitig das reinste
Bild von diesen Spinalkrampfen geben, allein die Verletzungen
des Ruckenmarks haben fast immer nur Verlust der Bewegung
zur Folge, wie ich es bereits in Bezug auf Empfindung erwahnt
habe (S. 149.). OUivier’s und Anderer Werke, die ich zu die-
sem Zwecke verglichen habe, enthalten kein geniigendes Beispiel.
In krankhaften Zustanden, die das Riickenmark als Leitungs-
apparat betheiligen und Convulsionen mit sich fiihren, ist ausser
der motorischen Sphare die sensible gewohnlich auch betroffen,
welche ihre Theilnahme durch Steigerung oder Abnahme der
Empfindung kundgiebt.
Die im Blute wurzelnden Vorgange nehmen nicht selten das
Riickenmark als Conductor in Anspruch. Bietet auch die Lehre
der Congestionen noch immer der Kritik Blossen und Liicken
dar, so sind doch die Falle nicht zu leugnen, welche das Ent-
stehen von Convulsionen, allgemeinen oder ortlichen, bei einer
durch unterdriickte Blutflusse, zurnal Haemorhois und Menstrua,
bedingten Plethora des Ruckenmarks darthun. Noch gewichtiger
sind die Beobachtungen von Krampfen durch Congestion und Blut-
erguss zwischen den Membranen des Ruckenmarks , deren Sitz von
dem Sitze des Extravasats abhangig ist. ( Ollivier, traite des
maladies de la moelle epini^re. Si^me edit. T. II. p. 119.) Allein
nicht bios gegen Blutfiille, auch gegen Anamie reagirt das Riik-
kenmark durch Convulsionen, die als Folge von Verblutung oder
jaher Entziehung von Blut schon von Hippocrates gewurdigt wor-
den sind. Dass das Gehirn hierbei nicht, wie man gewohnlich
annimmt, die Krampfe bedingt, geht aus einem Versuche von
Marshall Hall hervor, welcher bei Thieren, die beim Schlachten
verblutend unter Convulsionen sterben, zuvor das Ruckenmark
an einer Stelle durchschneiden und dann das Blut aus den Ge-
fassen ausfliessen liess. Dcr Tod erfolgte unter heftigen Zuckun-
SPIN ALE KRAEMPFE.
425
gen (on the diseases 'and derangements of the nervous sy-
stem. p. 96.).
Ausser den quantitativen Verhaltnissen sind die qualitativen
Veranderungen der Blutmasse als Anlasse der Spinalconvulsionen
in Envagung zu ziehen. Hieruber haben in neuerer Zeit die toxi-
cologischen Experimente Aufschluss gegeben. Die allgemeinen
Zuckungen in Folge einer per os bewirkten Vergiftung mit Strych-
nin kommen nur durch Einwirkung des vergifteten Blutes auf,
das Riickenmark zu Stande, denn wird, wie Stannius nachge-
wiesen hat, bei einem Frosche die hintere Halfte der'Wirbel-
saule und des Riickenmarkes mit sammtlichen ihm angehorigen
Nerven ausser alien Zusammenhang mit den Gefassen gesetzt, so
erfolgen nach der Application des Strychnins keine Convulsionen
in den Hinterbeinen, wahrend in der vorderen Korperhalfte die
Erscheinungen der Vergiftung in voller Kraft auftreten ( Stannius
uber die Einwirkung des Strychnins auf das Nervensystem , in
Mullers Archiv. 1837. S. 229.). Eben so instructiv und noch
entscheidender sind Stilling’s Versuche fiber die Mittheilung des
Giftes durch den Blutumlauf im Riickenmarke, so lange dasselbe an
einer Stelle noch ein Continuum bildet, vermoge des innerhalb
seiner Substanz zusammenhangenden Netzes von Capillargefiissen.
( Stilling , Untersuchungen fiber die Functionen des Rfickenmarks
und der Nerven. Leipzig 1842. S. 50 u. ffg.) Backer hatte be-
reits frfiher nachgewiesen , dass auch nach Durchschneidung des
Ruckenmarks bei Hunden starkere Dosen der verschluckten Nux
vomica Convulsionen in den unterhalb des Schnittes gelahmten
Theilen hervorbringen, was nur aus dem Zuflusse des vergifteten
Blutes erklart werden kann, und dass bei Hunden die Zufalle um
so rascher eintraten, wenn man sie vorher hatte fasten lassen,
so wie auch schneller nach dem in fliissiger, als in fester Form
gereichten Pulver ( Backer , commentatio ad quaestionem physio-
logicam a facultate medica academ, Rheno-Traject. anno 1828
propositam etc. p. 139 — 154.). Auf ahnliche Weise wirken nun
I
426
SPINALE KRAEMPFE.
aucli andere Gil'te, und so diirfte der jctzt niilier zu betrachtenden
Kribbelkrankheit, als ciner durch vergiftetes Blut erzeugten Spi-
nalconvulsion, dcr passende Standpunkt angewiesen sein.
Convulsio cerealls,
morbus epidemicus convulsivus , Raphania.
Man war schon der Meinung, class diese Krankheit der Ge-
schiclite angehore, als in den letzten Dccennien ihr Erscheinen
in einzelnen Bezirken Deutschlands, wenn auch nicht in der epi—
demischen Extensitiit, wie im aclitzehnten Jahrhunderte und frii-
her, von Neuem die Aufmerksamkeit spannte.
Nach den Beobacbtungen von Wichmann (Kleine medicinische
Schriften S. 12), Taube (Die Geschichte der Kriebelkrankheit.
Gottingen 1782.), und des Schlesischen Kreisphysikus Dr. Wagner
( Huf eland’ s und Osanris Journ. der prakt. Heilkunde 1831. 1832.
1839.) sind die karakteristischen Ziige der Krankheit folgende:
Oft zeigen sich Vorboten, lastiger Druck in der Magengrube,
Eingenommenheit des Kopfes, Schwindel, Beklemmung, Mattig-
keit und Schwache der Beine. Bei andern beginnt die Krankheit
sofort mit Formication und Haut-Anasthesie in den Fingerspit-
zen, dann in den Armen, Beinen, zuweilen auch im Gesichte
unci in der Zunge. Hande unci Fusse werden von Beugekram-
pfen befallen. An beiden Hiinden sind die Finger hakenformig
einwarts geschlagen, der Daumen ist schrage unter dem Zeige-
und Mittelfinger geschoben, das Hanclwurzelgelenk stark nach in-
nen gekriimmt, sp dass die Hand dadurch die Form eines Adler-
schnabels bekommt. Auch die Zehen sind einwarts in die Fuss-
sohle gebogen. Der Krampf verbreitet sich iiber Vorder- und
Oberarm, welche in eincm spitzen Winkcl an einander gebogen wcr-
den, iiber Unter- und Oberschenkel , zuweilen auch fiber Nacken-
und Kaumuskcln: Trismus und Opisthotonus stellen sich ein. Die
Krampfe, die gewohnlich vom Morgen bis Mittag am starksten sind,
KRIBBELKRANKHEIT.
427
dann abnehmen oder ganz aussetzen, sind von helligem Schmerz-
gefuhle begleitet, welches bei der Extension nachlasst, daher die
Kranken dringend bitten, ihre gekrummten Glieder auszustrek-
kcn. Bewnsstsein und Sinnesthdtigkeit sind meisten^ ungestort.
Die Pupille ist fast imraer erweitert. Bulimic fehlt selten. Harn-
und Darmausleerungen gehen gehorig vor sich. Die Haut ist
erdfald, trocken, und wahrend der Convulsionen mit Schweiss
Sbedeckt. Pulsschlage und Athemzuge sind von normaler Fre-
quenz. Die Krankkeit bleibt auf dieser Stufe stehen oder nimmt
an Intensitat zu: die Convulsionen werden heftiger, nehmen den
tepileptischen Karakter an, Delirien linden sich ein, ofters auch
tein blodsinniger Zustand. Die unteren Extremitaten werden ge-
llalimt, die Arme zittern. Die Anasthesie ist so betrachtlich, diass
( die Kranken in die Lichtflamme greifen , gliihende Kohlen halten
ikonnen, ohne eine Spur von Empfindung zu verrathen. Nicht
immer bildet sich jedoch die Krankheit allmahlich zu einer sol-
cchen Hohe aus, zuweilen befallt sie auch jahlings mit heftigen
(Convulsionen, Tetanus, Orthopnoe, Ischurie, Erbrechen, Sopor.
Bei Complication mit andern Krankheiten, Pocken, Brech-
mhr, Entzundungen , wie sie von Wichmann, Wagner und An-
llern beobachtet worden sind, bleibt der Verlauf der Kribbel-
kirankheit ungestdrt.
Die Dauer der gelinden Form der Krankheit belauft sich
uuf drei Wochen und druber, die Dauer des heftigeren Anfalls
uuf ein Paar Tage. Genesung erfolgt unter Ausbruch von Fu-
•unkeln und Ecthymata, oder mit Ausleerung vieler Wiirmer,
Ascaris lumbricoid. oder Oxyuris vermicul., auf deren schnelle
ind reichliche Erzeugung im Laufe der Kribbelkrankheit Taube
merst aufmerksam gemacht hat (S. 431.). Derselbe erwahnt
iuch einer merkwurdigen Veranderung der Nagel bei mehreren
Aranken. „Die Glatte der Nagel machte rauhe und dunkelbraune
,erhabene Absiitze, eine halbe Linie breit, dann waren sie glatt
,und verwechselten zu viermalen. Ich konnte nachher, wenn ich
428
SP1NALE KRAEMPFE.
„dergleichen Geschiebe zahlte , den Kranken daraus beschreiben,
„ wie oft sie heftige Krampfe gehabt batten , und es traf jedes-
„mal richtig zu. Nach erfolgter Besserung schob der Wuchs
„der Nagel das Rauhc fort, und sie wurden wieder glatt, wie
„vor der Krankheit.“ ( S. 110.). Riickfalle und Nachkrankheiten
sind haufig. Die ersteren werden durch Erkiiltung, durch nass-
kalte Temperatur, und durch Gemuthsaffecte , selbst nach Mona-
ten, veranlasst. Unter den Nachkrankheiten sind Blodsinn, Epi-
lepsie, Paraplegie die haufigsten ; zuniichst Affectionen des Darm-
kanals, chronische Diarrhoe, Leiden der Reproduction, Tabes,
hydropische Zustande. Der Tod tritt in den heftigen Anfallen
zuweilen schnell ein, oder in den Recidiven, apoplectisch, suffo-
catorisch.
Leichenoffnungen, die auch nur massigen Anspriichen
geniigen konnen, fehlen. In der Bemerkung schnellen Ein-
tritts der Putrescenz nach dem Tode stimmen die Beobachter
iiberein.
Durch genaue Untersuchungen ist unzweifelhaft erwiesen, dass
der Genuss eines durch Mutterkorn (Secale cornutum) verdor-
benen Roggens die erzeugende Ursache der Kribbelkrankheit ist.
Schon unter den iilteren Beobachtern stimmte die Mehrzahl darin
uberein, und in der neueren Zeit hat man diese Krankheit nur
da zum Vorschein kommen sehen, wo eine solche Intoxication
stattgefunden hatte. (Ygl. Lorinser , Versuche und Beobachtun-
gen uber die Wirkung des Mutterkorns auf den menschlichen
und thierischen Korper. Berlin 1824. S. 47 — 60 und Wagner
I. c.). Um noch grdssere Gewissheit zu erhalten, wmrde der
experimentelle Weg, sowohl bei Menschen als bei Tliieren, ein-
geschlagen, und wenn auch bei jenen die Versuche nicht lange
genug fortgesetzt werden konnen, bei diesen die Erscheinungen
nicht ganz mit denen der Kribbelkrankheit ubereinstimmen , so
iiberzeugt man sich doch zur Geniige, dass die durch Entwicke-
lung von Entophyten, von kleinen pilzahnlichen Gewachsen (Spha-
KRIBBELKRAlNKHEIT.
429
celia Nees.), herbeigefuhrte Degeneration des Samenkorns, wel-
die den Namen Mutterkorn, Kornzapfen erhalten hat, und
nnter unsern Getreidearten fast nur dem Roggen zukommt (Vgl.
\Meyen , einige Mittheilungen iiber das Mutterkorn in Mullers
Archiv etc. 1838. S. 356.) einen verderblichen , auf das Gehirn
and besonders auf das Riickenmark specifischen Einfluss aussert.
Doch kommt es hierbei sehr darauf an, in welcher Dosis und
Form der Stoff in den Organismus gelangt. So ergiebt sich aus
len mit musterhafter Genauigkeit von Wright an Thieren veran-
:talteten Yersuchen (an experimental incpiiry into the physiologi-
cal action of ergot of rye in Edinburgh med. and surg. journal
ol. LII. p. 293 — 334. vol. LIII. p. 1 — 35. vol. LIY. p. 51 — 62),
11) dass bei unmittelbarer Aufnahme in das Blut dnrch Injection in
lie Venen oder Arterien Hirn und Riickenmark direct betheiligt
'verden, wahrend beim innern Gebrauche die Symptome ortli-
her Reizung des Magens oder des Rectum vorangehen, 2) dass
ilie spinalen Symptome, Zuckungen und Paraplegie, den cerebra-
en, Sopor etc. entweder vorangehen oder folgen, 3) dass con-
entrirte Dosis die Thatigkeit des Nervensystems augenblicklich
>aralysirt, wahrend geringere zuerst Aufregung, dann Abnahme
Iter Energieen hervorbringt , und eine sehr verdiinnte Auflosung
llmahliche sedative Action hat und die Lebenskrafte erschopft.
) dass die Verschiedenheit der Thiere eine Verschiedenheit der
Ueaction bedingt, pflanzenfressende weniger afficirt werden als
iarnivoren. So zeigt sich auch beim Menschen ein Unterschied
i der Wirkung des Mutterkorns, - je nach Quantitat und Form,
a je reichlicherer Menge und je frischer das Mutterkorn, beson-
ers zu Brod oder Kuchen gebacken, genossen wird, um so sich-
-sr ist Kribbelkrankheit die Folge, wahrend ein wassriger Auf-
iuss des Secale cornutum keine solche Wirkung hat, dagegen
■ Bine specifische Action auf die motorischen Nerven des Uterus
eltend macht, welche bei dem Genusse des Mutterkorns als
1 lahrungsstoffes nicht beobachtet wird. Taube (I. c. S. 112.) er-
430
SPINALE KRAEMPFE.
wahnt ausdriicklich , class die Graviditiit ungehindert ihren Fort-
gang nimmt. Der Nachweis des Secale cornutum im Blute der
vergifteten Thiere ist yon Wright gegeben worden, welcher bei
der Behandlung des Blutcs mit Schwefelather das von ihm ent-
deckte atherische Oel des Mutterkorns aull'and (Edinb. med. and
surg. Journ. 1840. Yol. LIII. p. 5), welches als eins der wirk-
samsten Mittel sowohl zur Beforderung der Wehen und zur llem-
mung starker Metrorrhagieen, als auch in andern Zustiinden, na-
mentlich Gastrodynie, in der Dosis von 20 — 50 Tropfen, empfoh-
len wird (T. LIV. p. 60).
Die deletere Einwirkung des Mutterkorns auf den mensch-
lichen Korper wird durch gewisse Einllusse begunstigt. Dahin
gehort das Alter: Wagner land das kindliche und jugendliche Al-
ter am meisten der Kribbelkrankheit unterworfen ; vom funfzig-
sten Jahre an wurde keiner befallen. Nocli fruchtbarer ist die
Lebensweise, wovon Wichmann ein Bilcl bei den Bewohnern der I
Liineburger Ilaide gegeben hat: „Ausser Buchwaitzen, Honig
und sehr wenig oder gar keiner Milch besteht ibre einzige Nah-
rung in Roggen. Bei dem grossten Theil war der alte Roggen
des vorigen Jahres so genau verzehrt, dass sie nicht Zeit hatten
oder sich nahmen zu clreschen, sondern sich desselben Tages, da
der frische Roggen in die Scheune gebracht war, des ausgefalle-
nen oder sogenannten Krumelkorns bedienten. Aus diesem wurde
nicht nur sogleich Brocl, sondern nach einer abscbeulichen Ge-
wohnheit eine Art unverdaulicher Kuchen gebacken, auch Klosse,
Mehlsuppen etc. bereitet, so dass den ganzen Tag uber Roggen-
melil die einzige Speise war. Das Getriink war Wasser allein,
oder mit Honig vermischt, zuweilen ein Glaschen Brandtwein.
Butter ersetzte der IIonig.“ — Dass iiberdiess endcmische und
epidemische Verhaltnisse einwirken, liisst sich aus der weiteren Ver-
breitung der Kribbelkrankheit im 1G. und 17. Jahrhundert ver-
muthen. Endlich ist der Einlluss der Gemuthsan'ecte und der
KRIBBELKRANKHEIT.
431
lErkaltung auf schnelleren Ausbruch und oftere Riickkehr der
IKrankheit unleugbar.
Das M or tali tat - Verb alt niss betragt nach den Berichten
der Aerzte des vorigen Jahrhunderts G — 9 Procent. Von GOO
Kranken, welche Taube behandelte, starben 97, von 429, welche
Dr. Evers in seiner Behandlung hatte, 45 [Taube 1. c. S. 827).
iDie grossle Sterblichkeit fiel in beiden Geschlechtern zwischen
dem zweiten und zehnten Jahre, die geringste zwischen dem
zwanzigsten und dreissigsten. Die grosste Gefahr droht in den
Iheftigen Anfallen der Krankheit. Nach Wagner sind mangelnde
(Reaction des Darmkanals, Trismus, und weitverbreitete Anaesthe-
^ie von sehr schlimmer Vorbedeutung.
Ohne Hi’ilfe der Sanitatpolizei misslingt die Behandlung im All—
igemeinen. Den armen auf ihr frisches Korn angewiesenen Fa-
imilien gebe die Behorde reifes altes Korn, und confiscire die
'Vorrathe des frischen ungesunden Getraides. Es schreite selbst
! die Gewalt ein, denn Grunde sind beim Bauern in einer von
iHeisshunger begleiteten Krankheit unzureichend. In der Cur lei-
« sten Ausleerungen des Darmkanals, sowohl durch Brech- als Pur-
:girmittel, am meisten; doch ist auf die vorhandne Torpiditat Ruck-
^sicht zu nehmen: nach Taube s Beobachtung mussten oft zwanzig
'Gran Brechweinstein gereicht werden, ehe die beabsichtigte Wir-
ikung erfolgte. Zum Purgiren eignete sich Calomel am besten,
in Dosen von 10 — 30 Gran, und war um so wirksamer, wenn
Wurmer in grossen Massen abgingen. Nach den Ausleerungen
empfiehlt Wagner das Opium, welches um so hulfreicher bei ein-
tretender Transpiration ist. Bleibt diese aus, soli man durch
'Camphor zu Hiilfe kommcn. Zu gleichem Zwecke wurden von
Taube warme Bader empfohlen. Die Schmerzen der Krampfe
werden durch Frottiren mit erwarmter Hand, und besonders
durch starkes Extendircn und Zusammendriicken der Glieder ge-
lindert. Bei ComplicatioA mit congestiven und entz’undlichen Af-
fectionen lasse man sich nicht von Blutentleerungen abhalten.
432
SPINALE KRAEMPFE.
Taube giebt den brtlichen den Vorzug, und macht die Bemer-
kung (S. 214), dass Blutegel, die einmal an einerri solchen Kran-
ken gesogen hatteri, sammtlich starben.
Unter den pathischen Processen ist die Entzundung derje-
nige, der am haufigsten das Riickenmark als Leitungsapparat in
Anspruch nimmt, und sich durch entsprechende Symptome kund
giebt. Convulsivischer Ausdruck kommt der Entzundung der Mem-
branen zu, auf deren ausfuhrlichere Schilderung icb in der Beschrei-
bung der Krankheiten der Bildungssphare der Nervenapparate zu-
riickkommen werde.
Die Riicken- und Nackenmuskeln werden in der Meningitis
spinalis hauptsachlich vom Krampfe befallen, in verschiedenem
Grade, von der blossen Muskelsteife bis zur starrsten Contraction,
wodurch Rumpf und Kopf riickwarts gebogen werden. Der Krampf
ist selten anhaltend, gewohnlich remittirend, stellt sich nach kur-
zem Nachlasse von selbst ein, oder sobald man den Kranken eine
Bewegung mit dem Rumpfe vornehmen lasst. Steter Begleiter
ist heftiger Schmerz, der auch in den Intervallen der Krampfe,
auf einer Stelle fixirt, oder den Riicken entlang bei Bewegun-
gen des Kranken den hochsten Grad erreicht. Bei kleinen Kin-
dern habe ich die Meningitis mehreremal auf den Cervicaltheil,
auf das verlangerte Mark und auf das Cerebellum verbreitet, und
den Muskelkrampf auf eine anhaltende Riickwartsbiegung des
Kopfes beschrankt gesehen, eine Form der Meningitis, welche
noch nicht genau heschrieben mit beginnender Spondylarthrocace
cervicalis verwechselt werden kann.
Am 17. Juli 1832 wurde ich zu einem halbjahrigen Knaben
gerufen, der von einer kraftigen Mutter gesiiugt, seit vierzehn
Tagen erkrankt war, was einem Falle vom Arme der Kinderfrau
zugeschrieben wurde. Das Kind lag in der Wiege sehlummernd,
mit riickwarts gebogenem Kopfe, so dass es ausser Stande war,
SPINALE KRAEMPFE.
433
0
diese Haltung des Kopfes willkiihrlich zu verandern. Machte ich
mit einiger Gewalt den Versuch, so wurde es dunkelroth im Ge-
sicht, und erhob ein heftiges Geschrei. Die Cervicalmuskeln wa-
ren steif und gespannt. Die Hirnfunctionen ungestort; das Auge
lebhaft, mit contractiler Pupille. Die Ernahrung ging gut von
statten. Yon Zeit zu Zeit fanden sich leichte Zuckungen der
Extremitaten ein, zuletzt tiefer Sopor. Enter heftigen anhalten-
den Convulsionen erfolgte der Tod nach vierwochentlicher Dauer
der Krankheit. Bei Untersuchung der Schadelhohle fand ich be-
deutende Bhitiiberfullung auf der Aussenflache , und im Innern
des Gehirns albuminose Exsudate langs der Sichel, enorme Er-
weiterung und Wasseransammlung in den Ventrikeln, so dass
beim zufalligen Einschneiden eine zwei Tassenkopfe voll betra-
gende Quantitiit heller seroser FUissigkeit wie aus einer Fontaine
hervorspritzte. Die vierte Stirnhohle hatte einen sehr betracht-
lichen Umfang. Das Septum und die Wande der Seitenhohle
waren erweicht. Die Pia mater und Arachnoidea der untern
Flache des kleinen Gehirns waren fest mit einander verwachsen,
und in ein dichtes korniges Gewebe verwandelt, welches sich
rauh anfiihlen liess: eine grosse Menge hirsekorngrosser Tuberkel
waren hier abgelagert, und bildeten die wulstige Masse. Diese
Beschaffenheit der Pia mater und Arachnoidea erstreckte sich so
weit in die Wirbelhohle hinab, als ich mit dem Finger reichen
konnte. Aus dem Riickgrathskanal floss beim Senken des Kop-
fes eine Menge heller seroser Flussigkeit.
Ich hatte vor der Section mehreren Collegen den Sitz der
Krankheit vorherbestimmt, gestutzt auf die Analogie eines kurz
zuvor beobachteten Fades. Im Monat Marz 1832 wurde mein
Rath fur ein halbjahriges Kind weiblichen Geschlechts begehrt,
welches seit neun Wochen an einer starren Ruckwartsbiegung
des Kopfes litt. Es war unmoglich denselben vorwarts oder nach
der Seite zu wenden. Die Cervicalmuskeln waren sehr steif und
hart. Dabei fast immer soporoser Zustand, erweiterte Pupillen,
434
SPIN ALE KRAEMPFE.
jedoch dauerte die Fiihigkeit zu saugen fort. Die oberen nud
unteren Extremitiiten waren gelahmt, abgemagert und weik. ]jei
der Leichenoffnung fand ich eine sehr betrachtliche Ansammlung
seroser Fliissigkeit in den Hirnhohlen, die um das Dreifache ih-
res gewohnlichen Lumen erweitert waren. Das Monrosche Loch
hatte den Umfang des crsten Daumengliedes. Die Adergeflechte
waren hydatidds. Beim Aufheben des kleinen Gchirns kam auf
der Basis eine Wasserblase von dem Umfange eines kleinen Ap-
fels zum Vorschein, welche beim Herausnehmen einriss, und
eine Menge heller seroser Flussigkeit entleerte. Bei der mit
meinem verehrten Freunde Ilerrn Prof. Schlemm angestellten
Untersuchung ergab sich, dass die Arachnoidea an der Stelle, wo
sie sich vom kleinen Gehirn uber die obere (hintere) Flache des
verlangerten Markes zuriickschlagt, zu einem blinden Sacke er-
weitert war, welcher mit einer stumpfen Spitze endete. Die
Arachnoidea selbst war sehr verdickt, und von fester Consistenz.
(Das Priiparat befindet sich auf dem anatomischen Musaum der
hiesigen Universitiit.)
Diese beiden Falle sind noch unter einem andern Gesichts-
punkte beachtungswerth. In dem ersteren war trotz der zugleich
vorhandenen Hirnhohlenwassersucht weder Sopor,' noch sonst eine
erhebliche Stoning der Hirn- und Sinnesverrichtungen bis kurze
Zeit vor dem Tocle bemerkbar; in dem zweiten Falle zeigte sich
nebst der fast bestiindigen Betaubung Liilimung dcr Rumpfglieder.
Es ist mir diese Verschiedenheit der Symptome erklarbar aus
der bei dem einen Ivinde freien, und durch die Riickwartsbie-
gung des Kopfes begiinstigten Communication des Hirnwassers
mit der Wirbelhohle, wahrend diese bei dem andern durch die
zu einem geschlossenen Sacke erweitcrte Arachnoidea gehemrat
war, wovon ein starker Druck auf das Gehirn und den oberen
Theil des Riickenmarks die Folge sein musste.
435
SPINALE KRAEMPFE.
Das Riickenmark untcrschcidct sicli als Leitungsapparat von
den peripherischcn Bahnen dadurch, dass cs niclit nur die Summe
der einzelnen Primitivfasern der Nerven enthalt, sondcrn auch
mit Anordnungen der Fasern zu Gruppen versclicn ist, wodurch
die Errcgung zu bestimmten Arten der Bewegung moglich ge-
maclit wird. Als solche sind die antagonistischen und combinirten
zu betrachten, die der cerebralen Mitwirkung niclit bcdiirfen, wie
es dieVersuclie an enthaupteten Thieren beweisen. Nach Wegnahme
des Gehirns kommen nicht nur Flexion und Extension, Abduction
und Adduction, Pronation und Supination der Glieder zu Stande,
sondern auch ganze Reihen von Bewegungen, die den normalen
durch die Vorstellung fur einen gewissen Zweck angeregten ahnlich
sind: so sielit man decapitirte Giinse mit den Fliigeln schlagen,
gekopfte Frosche ihre gestreckte liegende Stellung gegen cine
sitzende vertauschen, ihre Pfoten, wenn man sie reizt, unter den
Bauch verstecken u. s. f. ( Volkmann iiber Reflexbewegungen in
Mullers Archiv etc. 1838. S. 22). Diese combinirte Bewegun-
gen entstehen sowohl auf Reizung peripherischer sensibler Ner-
ven, als auf Reizung der Durchschnittsllachen des Ruckenmarkes,
und selbst der Sitz der Reizung scheint zu den Combinationen
der motorischen Nerven und den dadurch angeregten Formen der
Bewegung in naherer Beziehung zu stehen. Nach Valentin (de
funct. nerv. cerebr. p. 134) bringt Reizung der oberen Flache des
Riickenmarks Streckbewegungen der entsprechenden Extremitiit,
Reizung der unteren Flache Flexionsbewegungen hervor. Nach
Budges Yersuchen (Untersuchungen ub. das Nervensystem. 1841,
4. Heft. S. 45) sind die Nerven, welche die Streckung erzeugen,
in den vorderen (unteren), die Nerven fur die Beugung dagegen in
den ohersten (hintersten) Schichten vorherrschend. Aus cinigen an-
dern Experimenten ergiebt sich, dass man an gekopften Froschen
absichtlich Bewegungen der Abduction und Extension erregen
kann, wenn man die Riickenhaut der ganzen Lange nach reizt,
und wiederum Bewegungen der Adduction und Flexion, wenn
Romberg’s Tiervenkrankh. I. 2., gg
43G
SPIN ALE KRAEMPFE.
man die Haut dcs Bnuclics znm Sitze dcr Reizung nimmt ( Va-
lentin I. c. p. 10.1). Aehnliche Erscheinungen zeigten sidi in ei-
nem von Marshall Hall (on the diseases and derangements of
the nervous system. London 1841. p. 237) angefuhrten Falle von
Paraplegic und Anasthesie in Folge einer Kyphosis. Durch Fric-
tion der des Gcfuhls verlustigen Haut des Bauches und des Os
ilium auf der rechten Seite entstand sofort starke Extension
des rechten Beins (dasselbe war auch in der weiter unten mit-
getheilten Beobachtung von Budd der Fall. Ygl. auch S. 272),
dagegen das Reiben der Sacralgegend augenblicklich Flexion
des Kniees und Oberschenkels hervorbrachte.
Die Wurdigung dieser die Bewegungen gruppirenden Mecha-
nik und Thatigkeit des Riickenmarks wirft auf einen Krankheits-
zustand Licht, fiber welchen bisher Yerwirrung geherrscht hat.
Es ist, dm mich des allgemein gebrauchlichen Ausdrucks zu be-
dienen, die
Chorea St. Viti.
Combinirte Bewegungen einzelner oder mehrerer Muskelgrup-
pen, unabhiingig von cerebralem Einllusse, durch die vom Willen
intendirten Bewregungen an Heftigkeit zunehmend und deren
Vollziehung mehr oder minder storend, sind die Grundzuge die-
ser Affection. Ihre verschiedenen Formen sind zur Zeit noch nicht
genugend erforscht. Am bekanntesten ist man mit der im kind-
lichen Lebensalter vorkommenden, deren Bild zum Prototyp die-
nen mag.
Die Krankheit beginnt meistens allmahlich, mit gelinden Sym-
ptomen, die gewohnlich unbeachtet bleiben oder gemissdeutet wer-
den, mit Unsicherheit der willkuhrlichen Bewegungen, deren Aus-
fuhrung ungeschickt und hastig geschieht, mit unstater Haltung,
so dass die Kranken nicht lange stille sitzen konnen, ohne aul
dem Stuhle hin und her zu riicken, ohne Arme und Beine zu
bewegen. Schon jetzt zeigt sich dann und warm schnell abweeh-
CHOREA.
437
selnd Supination und Pronation, Adduction und Abduction der
Hand, wobei das, was sie halt, entgleitct. Im wciteren Verlaufe
nehmen diese Bewegungen an Extensitiit und Intensitat zu. Der
Arm wird ruckweise in die Hohe, nach vorn oder hinten oder
seitwarts gescldeudert, das Bein dreht sich nach innen und eben
so schnell nach aussen. Hals- und Gesichtsmuskeln nehmen Theil.
Der Kopf wendet sich blitzesschnell nach einer oder anderen
Seite, der Mund, das Auge offnet und schliesst sich, die Lippen-
fuge verzerrt und stellt sich wieder grade, der Bulbus rollt, schielt,
die Zunge wird hervorgeschnellt. Spiiterhin nehmen die Rumpf-
muskeln, mit Ausnahme der respiratorischen, Theil, und alle Be-
wegungen, obgleich noch immer in combinirten Ziigen, arten in
gewaltsames Werfen und Schleudern aus. Selbst der Rumpf
schnellt in die Hohe, der Kranke kann kaum mehr auf dem La-
ger gehalten werden. Mehrentheils sind beide Seiten afficirt,
seltner nur eine, und zwar die linke starker und ofter als die
rechte, nach Rufz und Andrer Beobachtung. Niemals sind die
unteren Extremitaten allein befallen, die oberen zuweilen. Ka-
rakteristisch ist das Verhaltniss zu den willkuhrlichen Bewegun-
gen: die Ietzteren gehen fast immer in die ebengeschilderten
uber, um so mehr, wenn sie eines hoheren Grades von Associa-
tion bediirfen. So ist schon das Stehen und Gehen erschwert:
noch mehr wird das Handhaben gewisser Gegenstande verhindert,
und selbst unmoglich. Bereits Sydenham , der mit Meisterschaft
auch von dieser Krankheit die Umrisse entworfen, hat die Be-
merkung gemacht: si vas aliquod potu repletum in manus porri-
gatur, antequam illud ad os possit adducere, mille gesticulationes,
circulatorum instar exhibebit; cum enim poculum recta linea ori
admovere nequeat, deducta a spasmo manu, hue illuc aliquamdiu
versat, donee tandem forte fortuna illud labris propius apponens,
liquorem derepente in os injicit atque avide haurit, tanquam mi-
sellus id tantum ageret ut dedita opera spectantibus risum mo-
veret (Schedula monitoria de novae febris ingressu in Op.
29 *
omn.
438
SPINALE KRAEMPFE.
ed. Genev. T. f. p. 301). Soil der Krankc die Zunge heraus-
strecken und halten, so geschieht es mit grosser Schwierigkeil:
gcwohnlich wird sie jiilie zuriickgezogen. Endlich ist es die
combinirte Action des Sprechens, des Sclduckens, welche sehr
erscliwert und unterbroclicn wird: undeutliche Aussprache, Stam-
meln, Sto.ttern sind sehr haufige Begleiter. Andrerseits ist der
Einfluss des Widens auf die krampfhaften Bewegungen in der
Mehrzahl der Fade sehr beschriinkt. Trotz hiiufigcr und ernster
AulForderungen von meiner Seite ihren Arm in einer bestimmten
Stellung zu erhalten, vermochten die moisten Kranken es nur auf
kurze Zeit, so wie auch das Stiitzen und Festhalten der Glieder
nicht ausreicht. Dagegen fiihrt der ruhige Schlaf Nachlass und
Pause der Bewegungen mit sich, wahrend in dem von Traumen
begleiteten, nach Marshall Hall's Beobachtung, die Bewegungen
fortdauern. Das Verhaltniss der Empfindung zur Bewegung ist
nicht minder beachtungswerth : wie heftig und oft diese sich auch
wiederholen mag, ein Gefiihl von Ermudung oder iiberhaupt von
Beschwerde wird nicht rege. Die Production motorischer Kraft
ist fast immer verringert, daher die Schlaffheit der Gliechnassen
und die Unfahigkeit zur Ausdauer und zu Anstrengungen. Psy-
chische Storungen machen sich, ausgenommen bei Complicationen,
nicht bemerkbar. Die unter sympathischen Nerveneinlliissen ste-
henden Bewegungen sind in der Regel ungestort: niemals hat
sich mir, obgleich ich meine Aufmerksamkeit in’sbesondre darauf
richtete, die Gelegenheit dargeboten, in den Bewegungen des
Herzens eine Abweichung von der Norm wahrzunehmen. Addison
und Babington haben in einer grossen Zahl von Fallen den ersten
Ilerzton von einem sanften Blasebalggerausche begleitet gefunden
(. Babinglon on chorea in Guys hospital reports. 1841. Vol. VI.
p. 415). Nach demselben Beobachter soil Abmagerung liiiulig
sich einstellen. Schnelles Wachsthum in und nach der Krank-
heit findet nicht selten statt.
Mit jenen, meistens ohne Intermissionen, und gewohnlich mit
CHOREA.
439
nur kleinen Nachlassen in der Zeit des Wachens obwaltenden
Symptomen pflegt der Veitstanz die Dauer von einem oder meh-
reren Monaten zu haben. Selten nimmt er einen langwierigen
Verlauf, und dehnt sich auf eine Reihe von Jahren aus, list als-
dann minder intensiv, und auf einzelne Muskelgruppen beschrankt.
Complication mit andern Krankheiten findet statt, ohne dass
dadurch der Gang der Chorea unterbrochen oder modificirt wird.
Gehirnleiden gesellen sich ofters hinzu: Aufgeregtheit , Delirien
oder Stumpfsinn, zuweilen auch entziindliche Zustande. Nach
Bright’s Erfahrung (Reports of medical cases etc. Yol. II. P. II.
p. 493. und Med. chirurg. transact. Vol. XXII. p. 10) gehoren
rheumatische Affectionen, sowohl Gelenkrheumatismus als Pericar-
ditis rheumatica, zu den haufigeren Complicationen und Anlassen,
womit meine Beobachtungen nicht ubereinstimmen. Die Com-
plication mit acuten Exanthemen, mit Entziindung der Lungen,
des Darmkanals, mit Keichhusten bring! keine Veranderung in
den Symptomen der Chorea hervor, dagegen nach Guersant die
hinzugetretene Krankheit leicht einen asthenischen Karakter an—
nimmt (vgl. Rufz Untersuchungen uber den Veitstanz, aus dem
Franz, der Archives gener. de medec.. Fevr. 1834 ubers. in den
Analekten uber Ivinderkrankheiten. 8. Heft. S. 99).
Unter den disponirenden Ursachen steht ein bestimmtes Le-
bensalter oben an, von der zweiten Dentition bis zur Entwicke-
, lung der Pubertiit, besonders vom zehnten bis zum funfzehnten
Jahre. Demnacbst das weibliche Geschlecht, auf welches die
mehr als doppelte Zahl der Kranken fallt, wie sich aus folgender
Uebersicht von Rufz ergiebt. In das Pariser Kinclerhospital sind
im Laufe von 10 Jahren (1824—1833) 32976 Kranke aufgenom-
men wordcn, darunter warcn 17213 Knaben und 15763 Madchen.
Von dicsen litten 189 an Chorea:
/
440
SPINALE KRAEMPFE.
J a h r e :
K n a b e n :
M ii d c hen:
S u m m a :
1—4
3
2
5
4—6
2
3
5
6 — 10
16
45
61
10—15
30
88
118
51
138
180
In den nordlichen Breiten scheint die Krankheit weit haufiger
vorzukommen, als in den siidlichen. In den Tropen ist sie von
Aerzten, die lange Zeit dort gelebt haben ( Rochoux u. A.) gar
nicht beobachtet worden. Erbliche Anlage ist selten. Eines Fal-
les von angeborner Chorea und Blodsinn erwahnt Maxjo (outlines
of human pathology, p. 170). Unter den gelegentlichen Anlassen
sind Gemiithsaffecte, vorzuglich Schreck und Furcht am wirksam-
sten, so wie auch durch den Einfluss der Emotion, durch blosse
Yerlegenheit schon beim Beobachtetwerden von Andern die krampf-
haften Bewegungen an Intensitat zunehmen. Mimische Ueber-
tragung lasst sich kaum nachweisen Reflexreize haben am hau-
figsten im Digestions- und Geschlechtsapparat ihren Sitz. Doch
hat man Helminthen hierbei eine wichtigere Rolle zugeschrieben,
als ihnen bei genauer Prufung zukommt. Der Uterus giebt sich
als Heerd der Reizung durch die oftere Erscheinung der Chorea
vor dem ersten Eintritte der Catamenien, oder bei Amenorrhoe,
oder selbst wahrend der Graviditat (nach Beobachtungen engli-
scher Aerzte) kund. Bei Knaben hat sowohl die Entwickelung
der Pubertat als die onanistiscbe Ueberreizung eine unverkenn-
bare Einwirkung. Unmittelbare Reizung des Riickenmarkes und
seiner Hiillen ist von Einigen als Ursache ang'enommen worden.
So betrachtet Stiebel eine Anschwellung, und beim Drucke mit
dem Finger oder beim Hinuberfahren mit dem heissen Schwamme
schmerzhafte Empfmdlichkeit des siebenten Ilalswirbels als Grund
der Chorea (Kleine Beitrage zur Heilwissenschaft. Frkfrt. a. M.
4823. S. 50), und hat dieselbe niemals vcrmisst. In dem gross*-
ten Theil der von mir in einer nicht geringen Zahl untersuchten
CHOREA.
441
Fiille babe ich cine solche Veranderung nicht entdccken kbnnen,
so wie iiberhaupt cine Verglcichung mit gesundcn Individuen
mich gelehrt hat auf diese Hervorragung des siebenten Halswir-
bels kein erhebliches Gewicht zu legen. Froriep hat zuerst aid'
die Anschwellung des Proc. odontoideus aufmerksam gemacht.
Nur ein Mai hahe ich die Chorea aus einer entzundlichen Affec-
tion des Riickenraarks sich hervorbilden gesehen, bei einem drei-
zehnjahrigen scrofulosen Knaben, der in seinem fiinften Jahre eine
starke Kopfverletzung erjitten hatte, wovon noch eine Narbe am
Hinterhaupte fdhlbar war. Heftiges Fieber, Schmerzhaftigkeit der
ganzen Oberflache, welche besonders in der Nacken- und Dor-
salgegend am starksten war, und dnrch jede Bewegung gesteigert
wurde, unveranderte Riickenlage, Unffihigkeit zu stehen, haufiger
Harnclrang, Stuhlverstopfung, Delirien, abwechselnd mit Somno-
lenz — diese Zufalle erheischten ein kraftiges antiphlggistisches
Verfahren, welehes auch, zumal die Wiederholung der ortlichen
Blutentleerungen am Kopf und langs der Wirbelsaule, binnen acht
Tagen den erwiinschten Erfolg hatte. Eine Woche darauf stell-
ten sich convulsivische Bewegungen des Mundes, der oberen und
unteren Extremitaten ein, Unsicherheit beim Stehen und Gehen,
Aufregung der psychischen Thatigkeit, welche sich auch zur Nacht-
zeit durch lautes irres Sprechen und unruhige Traume ausserte.
Nach ein Paar Tagen beschriinkten sich die krampfhaften Bewe-
gungen auf den Mundwinkel, Arm und Fuss der rechten Seite,
und die in der Chorea sich geltendmachende Beeintrachtigung
der willkiilirlichen Bewegung gab jenen Anstrich von Verkehrt-
heit, wclcher von Laien so oft als Possirlichkeit oder Angewoh-
nung der Kinder gedeutet wird.
Der Tod erfolgt in der Chorea, wenn nicht in Folge von
Complication mit andern Krankheiten, sehr selten, und auch dann
nur uriter Hinzutritt typhoser odor entzundlicher Affection des
Gehirns. Die anatomischen Untersuchungen haben bisher nega-
tive Resultate gegeben, Mangel organischer Verandcrungcn des
442
SPINALE KRAEMPFE.
Riickenmarks , die in eincr bestimmtcn Beziehung zur Krankheit
stehen ( Rufz 1. c. S. 100). Eine gcnaue Beobachtung ist von
Bright mitgetheilt. Bci einem 17 jiihrigen Miidchen iialte die
Chorea zum zweitenmale rccidivirt, und einen hohen Grad von
Intensitat erreicht. Der Tod trat unter typhosen Erscheinungen
ein. Bei der Section fanden sich ausser betrachtlicher Ueberful-
lung des grossen Gehirns mit Blut 5 — 6 kleine Knochenlamellen
an der Pia mater der unteren Ilalfte des Riickenmarks, welches
iibrigens vollkommen normal war. Das rcchte Ovarium enthielt
eine mit rothcr zither Suhstanz gefiillte Cyste von der Grosse einer
Haselnuss, und an den Fimbrien der rechten Tuba Fallop. hatten
knocherne, balbdurchsichtige Concremente sich abgelagert, von
dem Ansehen grosser Sandkorner, und unregelmiissiger Form.
Aehnliche Concremente hatten auf der iiusseren Flache des Ligam.
lat. ihren Sitz (Reports of medical cases p. 489). Froriep ver-
dankt man folgenden interessanten Fall: August S., 10 Jahr alt,
hatte bcreits seit einem Jahre fortwiihrend an Zuckungen der
willkuhrlichen Muskeln gelitten, welche zwar ofters freie Zwi-
schenraume eintreten licssen, allein alien iirztlichen Bemuhungen
trotzten. Am 8ten Juli 1834 wurde der Knabe in das Charite-
Krankenhaus aufgenommen. Die Zuckungen zeigten das vollstiin-
digste Bild des Veitstanzes, und hetrafen sammtliche willkuhrliche
Muskeln, mit hesonderer Heftigkeit aber die der oberen Extremi-
tiiten und des Gesichts. Es mussten befestigcnde Zwangmittel
angewendet werden, um den Kranken vor Beschiidigung zu be-
wahren. Er bewegte den Kopf bestiindig von einer Seite zur
andern, hatte fortwiihrende Zuckungen und Verzerrungen im Ge-
sichte. Dieses war dunkelroth, und iiberhaupt konnten die Zei-
chen hcftiger Congestionen nach dem Kopfe nicht verkannt wer-
den. Das Bewusstsein war indess frei. Das Zucken horte kaum
in der Nacbt auf kurze Zeit auf; sclbst wiihrend des Sclilafes
bewegte sich der Kranke fast fortwiihrend, und nach kurzem un-
ruhigem Schlummer wurde er durcb auf’s Neuc ausbrechende
CHOREA.
443
heftigere Krampfanfalle bald wieder geweckt. Auch das Schluk-
ken war sehr erschwert: die Stuhlverstopfung hartnackig. Am
13ten Juli trat, nachdem in der Nacht die Convulsionen in im-
mer grdsserer Heftigkeit ununterbrochen angehalten hattcn, der
Tod apoplectisch ein. — Bei der Section zeigten sich sowohl
die grosseren Yenen auf der Oberflache des Gehirns, als auch die
Gelasse der Gehirnsubstanz sehr stark mit Blut angeiullt. Das
grosse und kleine Gehirn, so wie die Varolsbriicke waren normal
beschaffen. An der unteren vordercn Flache der Medulla oblon-
gata war ein platter grubenartiger Eindruck bemerkbar, wie wenn
mit dem kleinen Finger dagegen gedriickt worden wiire. Die
Haute dieses Theils waren undurchsichtig , und gegen die Seiten
hin verdickt. Diesem Eindrucke entsprechend zeigte sich das
Foramen magnum an der Basis cranii auffallend veriindert, indem
dasselbe nicht mehr die normale quer- ovale OefFnung bildete,
sondern eine bohnenformige Gestalt hatte, mit nach vorn gerich-
tetem hilus. Bei weiterer Untersuchung ergab sich, dass diese
Formyeranderung einzig und allein von Anschwellung des Proc.
odontoideus epistrophei abhing. Dieser Knochenfortsatz hatte voll-
• kommen die Grosse und Dicke wie bei einem erwachsnen Manne,
zeigte aber ubrigens nur ungewohnlichen Reichthum der spon-
igiosen, etvvas derben Substanz, ohne irgend eine andre krankhafte
'Veriinderung. Die Knochen des Hinterhauptbeins , des Atlas, so
wvie des Korpers und Bogens des Epistropheus waren, so weit
sich dieses erkennen liess, durchaus normal beschaffen (Neue No-
l tizen aus dem Gebiete der Natur- und Heilkunde No. 224. S. 57).
'Mir selbst bat sich bisher in drei Fallen von Chorea die Gele-
-^enlieit dargebotcn die Untersuchung nach dem Tode vorzuneh-
uen, doch konnte nur in einem die Wirbelhohle geoffnet werden.
Ein 76jahriges unverheirathetes Frauenzimmer litt seit ihrcm
;echsten Jahre an Chorea. Ihre intellectuellen Fahigkeiten blie-
oen bis zum letzten Jahre vor ihrem Tode, zu welcher Zeit eine
Dementia senilis sich cntwickclte, ungestort. Die Sprache war
444
SPINALE KRAEMPFE.
das gauze Leben hindurch undeutlich und erschwert. Die combinir-
ten Zi'ige krampfhafter Bewegungen der Extremitiiten, besonders
der oberen, waren bei dieser Kranken noch nach 70jahriger Dauer
so karakteristisch , wie beim frischen Yeitstanz. Auch nahmen
die Kumpfmuskeln Theil, so dass der Korpcr oft nadi einer oder
andern Seite gesdileudert wurde. Beide Halften des Gesidits
waren vom mimischen Krampfe befallen. Die Muskelkraft der
Beine hatte in den letzten Jahren sehr abgenommen, wahrend
die Sensibilitat sicb ungestort erhielt. Chronisdier Catarrh und
Lungenemphysem waren seit langerer Zeit vorhanden. Der Tod
erfolgte am 15ten Februar 1841 asphyctisdi. Das grosse Gehirn
war atrophisch. Die Windungen waren sehr dlinn und standen
weit von einander ab. In diesen Zwischenraumen und zwisfchen
den Membrenen auf der Aussenflache stagnirte eine betrachtliche
Quantitiit seroser Fliissigkeit. Beide Grossbirnschenkel waren
dergestalt erweicht, dass beim Herausnehmen aus dem Schadel
das Gehirn an diesen Stellen durchriss. Ihre Farbe war durch-
gangig braunlich, daher der Contrast der weissen und scbwarzen
Substanz nicht bemerkbar. Das Riickenmark wurde, so tief man
es vermochte, durchschnitten und herausgenommen, allein in sei-
ner Consistenz und Beschaffenheit unverandert befunden. Auch
floss beim Senken des Kopfes nur wenig Fliissigkeit aus der
Wirbelhohle.
Der andre Fall betraf einen zehnjahrigen Knaben, der von
einer so intensiven Chorea befallen war, wie ich sie bis daliin
noch nicht beobachtet hatte. Beide Seiten waren der Sitz: die
/
Muskeln des Gesichts, der Extremitiiten, des Rumpfes agirten
bei Tage mit nur geringen Remissioncn, die letzteren mit solcher
Gewalt, dass der Korper vom Sopha erhoben und auf die Erde
geworfen wurde. Die Ausfiihrung jeder willkiihrlichen oder an-
befohlenen Bewegung ward vereitelt. Der Schlaf war sehr kurz,
unruhig, so dass auch zur Nachtzeit eine nur gcringe Untcrbre-
diung stattfand. Die Sprache war sehr erschwert, zuletzt ganz
CHOREA.
445
verhindert. Ausser hartnackiger Obstruction bot sich keine Sto-
ning dar. An diesem Kranken stellte ich zu wiederholten Malen
Versuche an, um zu ermitteln, ob die Reizung der Haut an ver-
schiedenen Stellen Einfluss auf den Modus der Bewegung babe,
fand aber durchaus keine solche Beziehung: selbst bei der kit—
zelnden Beriihrung der Volar- und Palmarflache traten weder
verstarkte noch veranderte Bewegungen ein. Eben so wenig
zeigten sich andre Einwirkungen von Einfluss auf den Gang und
die Aeusserung der Krankheit. Nur Begiessen des Kopfes und
Riickens mit kaltem Wasser hatte eine Steigerung der Krampfe
zur Folge. Nach vierwochentlicher Dauer begann eine entziind-
liche Hirnaffection. Mit Eintritt der Bewusstlosigkeit liess die
Heftigkeit der Bewegungen nach. Auffallend war eine rasche
excessive Abmagerung, besonders des Gesichts, dessen Ziige das
iGeprage der-.Decrepiditiit, wie in der Tabes mesenterica, annah-
men. In den letzten zwolfStunden hatten die Zufalle der Chorea
.ganz aufgehort. — Bei der am 16ten Mai 1841 angestellten Sec-
tion fand ich ein im Verhiiltniss zur Schadelhohle sehr volumi-
noses Gehirn, welches wie zusammengepresst nach Abnahme der
■ Schadelknochen in die Hohe stieg. Die Gefassinjection der Ober-
iflache war betrachtlich. Die Arachnoidea war triibe und mit
i einer Menge exsudirter albuminoser Stofie langs dem innern Rande
der Hemisphare bedeckt. Durch eine zufallige Verletzung beim
Durchsagen war eine Menge heller seroser Fliissigkeit aus dem
Ventrikel ausgeflossen. Die Centraltheile des Gehirns, Fornix,
Septum, und die Wandungen der Seitenhohle waren zu einer
breiartigen Consistenz erweicht. Auch die Vierhugel waren so
weich, dass sie bei der Beruhrung zerflossen. Die normalc Fe-
stigkeit der iibrigen Theile des grossen und kleinen Gehirns con-
itrastirte mit dieser Beschaflenheit. Medulla oblongata und spi-
nalis, so weit sie untersucht werden konnte, boten keine Ab-
wechslung dar.
Der dritte Fall betrifft ein neunjahriges Madchen, welches seit
44 G
SPINALE KRAEMPFE.
ein Paar Monatcn von einem hohen Grade der Chorea befallen
war, mit Bewegungen der Gesichtsmuskeln , des Kopfes, Rum-
ples, der Extremitaten , besonders der oberen. Scit drei Wochen
liatte sich eine schleimige Diarrhoe hinzugesellt. Der Bauch war
aufgetrieben , bei der Percussion tympanitisch, und beim tiefen
Drucke in der Cocalgegend schmerzhaft. In diesem Zustande
wurde das Kind am 19. November 1841 in die Kinderclinik des
Charite-Krankenhauses aufgenommen. Die Intcnsitat der Chorea-
Erscheinungen nahm trotz des taglich mehreremal sich wieder-
holenden Durchfalls nicht ab. Das Bewusstsein war frei, die
Sprache erschwert, unverstandlich. Die Abmagerung erheblich.
Die Haut rauh, die Zunge rein und feucht. Bei dieser Compli-
cation nahm ich auf die entz'undliche Affection der Darmschleim-
haut zuerst Rucksicht. (Blutegel, Cataplasmata , Mucilaginosa.)
Der Durchfall verminderte sich in den nachsten Tagen. Am
22. trat, nachdem ein breiiger Stuhlgang erfolgt war, zu der noch
fortdauernden Auftreibung des Unterleibes eine so grosse Schmerz-
haftigkeit, dass auch nicht der leiseste Druck vertragen wurde.
In der Bauchhohle liess sich deutlich Fluctuation fiihlen , und die
Fiisse schwollen odematos an. Diese, so wie auch die Hande
und Nasenspitze waren kalt. Der Puls war klein, schwach, von
120 Schlagen. Der Durst sehr stark, (8 Blutegel, Fomentation
des Bauches mit Chamillenabsud, Calomel mit Digit., aa i gr.
alle 2 St.) Die Peritonitis stieg an Intensitat, wahrend die Cho-
reabewegungen sich sehr verminderten. Entstellung des Gesich-
tes, unbewusster Stuhl- und Harnabgang, unverruckte R'ucken-
lage, odematose Anschwellung der Lumbargegend (01. tereb. aeth.
zu 5 Tropfen zweistiindlich in Emulsion, und zur Einreibung in
den Bauch). Am 25. war der Leib etwas eingesunken, die
Quantitat des Urins vermehrt, ’allein die Schmerzhaftigkeit in
glcichem Grade vorhanden. Bei jeder Beriihrung ein schwacher
Schrei, dcr schnell in Wimmern iiberging. (Fortsetzung des 01.
terebint., dessen iiusserer Gebrauch ein leichtcs Erv them hervor-
CHOREA.
447
gebracht hatte.) Am folgenden Tage Zunahme der Auftreibung
und Fluctuation, Oedem der Unter- und Oberschenkel, unbe- -
wusster Abgang von Urin und fliissigen, gelblichen Excremen-
ten, kurzer, beengter Atliem, trocknes Iliistehi. Am 27. Agonie
und Tod gegen Abend. Bei der am folgenden Tage vorgenom-
menen Leichenoffnung wurde das Gehirn gesund gefunden, das
iR’uckenmark im Cervical- und Dorsaltheile etwas erweicbt, wall-
rrend die Lumbargegend eine feste Consistenz darbot. In der
IPeritonaalhohle war eine selir betrachtliche Mengc triiber, braun-
:gelbcr Flussigkeit enthalten. Der Beckentlieil des Baucbfells
war der Sitz einer intensiven Entzundung, und in demselben fand
>sich zwischen Blase, Uterus und Mastdarm eine ziemlich grosse
(Quantitat dicken, gelblicli grunen Eiters. Die Bauch wand und
i das Peritonaum boten keine Abnormitat dar. Im Diinndarm, un-
wveit des Coecum fanden sich partielle Injectionen und Narben
ifriiherer Geschwiire. Der Blinddarm und ein Theil des aufstei-
^genden Colon waren im hohen Grade entz'iindet, die Schleimliaut
war aufgewmlstet und an mehreren Stellen erodirt. — Ich muss
i bedauern, aus Unbekanntschalt mit Frorieps Beobachtung, auf
i lie Anschwellung des Process, odontoid, in diesen drei Fallen
nicht aufmerksam gewresen zu sein.
Im Allgemeinen ist die Prognose der Chorea gunstig, nur
eine Neigung zu Recidiven, einmaligen oder wiedcrholten, nach
lingerer oder kiirzerer Frist, waltet ob. Ein achtjiihriger Knabe
i'var von mir an der Chorea behandelt worden und meldete sich
in dem Alter von funfzehn Jahren von neuem mit dieser Krank-
aeit. Wo die Intensitlit betrachtlich war, bleiben zuwreilen ein-
elne convulsivische Grimassen und Gesticulationen das ganze Le-
»en hindurch. Blodsinn als Folge wird von Einigen angefiihrt,
it mir jedoch bisher nicht vorgekonnnen.
Die Heilung der Chorea kommt zuweilen spontan durch Aus-
•ruch der Catamenien und impetiginoser Aflectionen zu Stande.
tuch bei thcrapeutischem Eingreifen gebiihrt der Naturheilung
448
SPINALE KRAEMPFE.
in der Mehrzahl dear Falle ein grosserer und wichtigerer Antheil,
als man anzuerkennen bereit ist. Davon giebt die meistens
gleichmassige , auf vicr Wochen und druber sich hinziehende
Dauer bei den verschiedensten Methoden Zeugniss. Nur selten
gelingt ein Abbrechen der Krankheit. Die von mir beobachte-
ten Falle dieser Art betrafen Kranke weiblichen Geschlechts in
der Pubertat-Entwickelung, mit Aufregung, kdrperlicher und
psychischer. Ableitung auf den Darmkanal durch taglichen Ge-
brauch der Purgirmittel hatte hier, ohne dass pathische Stoffe ent-
leert wurden, die grbsste Wirksamkeit. Stiebel (I. c. S. 54.) ver-
spricht viel, indem er sagt: „Die Curmethode ist sehr einfach
und sicber. Blutegel an den siebenten Halswirbel; Calomel in-
nerlich, graue Quecksilbersalbe in’s Riickgrath eingerieben, be-
seitigen diesen Zustand sehr rasch: Fontanellen an beiden Sei-
ten der Wirbelsaule heben die Anschwellungen der Knochen und
somit auch die daherruhrenden Zuckungen wunderbar schnell.“
Meine Erfahrung hat diesen Ausspruch nicht bestatigt.
Causale Indication lasst sich selten geniigend stellen, oder
wenn auch motivirt, nicht immer ausfuhren, z. B. bei vorangegan-
genen GemuthsafFecten. Storungen in den Uterinfunctionen miis-
sen vorsichtig ausgeglichen werden, da ein gewaltsames Verfah-
ren den Evolutionsprocess beeintrachtigt.
Eine Aufzahlung der empfohlenen Heilmittel ist unfruchtbar:
die meisten sind des Yertrauens gar nicht wiirdig. Nennen wir
wenige, aber zuverlassigere. Fiir den Gebrauch des Eisens, in
seinen verschiedenen Praparaten erheben sich die meisten bewahr-
ten Stimmen. Das kohlensaure Eisen wird von England her ge-
priesen : nur ist die Dosis zu 4 Unze und druber, nach Elliotson
u. A. iibermassig. In Deutschland hat das Ferrum hvdrocyani-
cum in neuerer Zeit Eingang gefunden, und auch mir in meh-
reren Fallen seinen Nutzen bewahrt, zu 3 — 8 Gran pr. do s. nach
Massgabe des Alters. Die Eisentincturen zeigten sich auf chlo-
rotischem Boden wirksam. Nothig ist es, mit dem Eisen stuhl-
CHOREA,
449
befbrdernde Mittel zu verbinden, Rheum, Aloe. Ausser demEisen
sind noch Zink, salpetersaures Silber, besonders Arsenik (die Tinct.
Fowler, verdiinnt und in kleiner Dosis zu 1 — 2 Troplen, zwei-
mal taglich ) geriihmt worden. Vom Zinkoxyd, auch von dem von -
Bright und Babington empfohlenen Zinkvitriol in steigender Gabe
bis zu einem halben Scrupel und druber habe ich bei keinem ein-
zigen meiner Kranken eine erhebliche Wirkung gesehen. Blut-
entlerungen, sowohl allgemeine als ortliche, mussen, wenn nicht
durch dringende Umstande indicirt, vermieden werden. Dage-
.gen spricht die Erfahrung fur den fortgesetzten Gebrauch der
Purgirmittel, zumal bei vollsaftigen Individuen. Unter den Bii-
idern wird den mit Kali sulphuratum bereiteten (4 Unzen auf 16
Trachten Wasser) der Vorzug von Baudelocque zuerkannt, und
der Erfolg hat sich im Pariser Kinderhospitale bewahrt. Die mitt-
lere Dauer der Cur war 24 Tage, wahrend sie sonst 31 betragt.
( Bufz 1. c. S. 106.). Auch die gewohnliche Electricitat und der
iEIectromagnetismus ist zu empfehlen (Vgl. Guy’s Hospital re-
ports. 1841. vol. VI. p. 87.). Bei Anwendung der ersteren ist es
am zweckmassigsten , F unken aus dem Riickgrate zu ziehen. Un-
iter 36 auf diese Weise behandelten Fallen kam bei 35 entwe-
der vollkommene Heilung oder bedeutende Besserung in kurzer
/ Zeit zu Stande (I. c. p. 97.). Die Diat sei nicht zu dunn und
tentziehend, selbst der massige Genuss des Weins zeigt sich
Iheilsam. Anstrengungen, besonders geistige, schaden. Zur Nach-
cur eignen sich Seebader.
Ausser den an die Entwickelungsepochen der zweiten Den-
tition und der Pubertiit gebundenen Chorea giebt es einen
IKrankheitszustand, unter dessen iibrigen Erscheinungen auch
die karakteristischen Bewegungen des Veitstanzes ofters beobach-
tet werden. Es ist der Tremor mer curialis , »von dem weiter
unten die Bede sein wird. Jedoch auch ohne alles Zittern
SPINALE KRAEMPFE.
4 50
zelgt sicli zuweilcn bei tier Mercurial -Vcrgiftung das eigen-
thiimliche Verhaltniss der Chorea -Bewegung zu dcr durch den
Willen beabsichtigten. So erziihlt, uni ein Ceispiel anzufiihren,
Travers den Fall eines Spiegelarbeiters , der niclit an den ge-
wohnlichen Sympiomen des Tremor, sondern an jalien, krampf-
haften Bewegungen dcr Glieder litt, so oft er cine willkuhrliche
Bewegung derselben intendirte. Der Kranke konnle ruhig auf
dem Stulde sitzen, allein sobald er aufstand und in einer bestimm-
ten Richlung zu gehen versuchtc, geriethen die Bcine, gegen
seinen Widen, in so schnelle und unregelmassige Agitation,
dass er fast umgeworfen wurde. Auf ahnliche Weise verhielt es
sich mit den oberen Extremitiiten , wodurch er ausser Stande war,
ein Glas an den Mund zu bringen. Auch die Sprache war un-
deutlich. Durcli psychische Aufregung, durch Verlegenheit nalim
die krampfhafte Bewegung selir zu, so dass selbst bei Untersu-
chung des Pulses, wenn die Aufmcrksamkcit des Kranken darauf
gerichtet war, heftiges Sehnenliupfen entstand. (Travers a fur-
ther inquiry concerning constitutional irritation and the pathology
of the nervous system. London 1835. p. 399.).
i
REFLEXKRAEMPFE.
451
II. Krlimpfc vorn Sitckcnmarke als Ccntralapparate
abhanglg.
Es sind die dem Riickenmarke als Centralorgane des Ncr-
vensystems immanenten Krafte der Reflexaction und der Erzeu-
gung motorischer Potenz, welche in normwidriger Stcigerung und
Impulse die Quelle von Kriimpfen abgeben, deren Deutung noch
unlangst aus Mangel eines pliysiologischen Standpunktes unvoll-
kommen war.
Krainpfe bedingt durcli gc§teigerte Keftexerregbarkeit.
Die Versuehe an Thieren lehren\ dass die Reflexbewegungen
niclit bloss von der Art, dem Sitze und der Intensitat des ange-
brachten Reizcs, sondern auch von dem Stande der Reflexreiz-
barkeit abhangig sind. Im Anfange des Versuches erregt sclbst
die leiseste Beruhrung Bewegungen, allein bei langerer Dauer
werden immer starkere Reize erforderlich. Gonnt man einige
Rube, so lassen sich nachher mit schwachen Reizen die Erschei-
nungen wieder hervorrufen ( Kiirschner I. c. S. 134.). Je gerin-
ger die Reizbarkeit ist, um so beschriinkter werden die Bewe-
gungen bei iibrigens gleichbleibender Intensitat der Reize. So ge-
lingt es geraume Zeit nach dem Kopfen des Thieres nicht mehr
durch Reizung eines Gliedes Bewegungen auch in andern Thei-
len, als in dem gereizten hervorzubringen ( Volhnann iiber Re-
lllexbewegungen in Muller s Archiv etc. 1838. S. 23.). Je jiin-
iger das Thier, um so grosser ist seine Reflex erregbarkeit, die
auch im Fruhjahr und Herbst betrachtlicher ist, als im Som-
imer und Winter. Von grossem Einflusse auf die Stcigerung der-
^selben scheint der Verlust der cerebralen Leitungstahigkeit zu
sein. Nach der Decapitation bedingt jeder Reiz Reflexbewegun-
Homberg's Xervenbrankb, I. 2.
30
452
SPIN ALE KRAEMPFE.
gen, welcher vor tier Wegnahme des Gehirns sie nicht hervor-
brachte ( Volkmcmn S. 32). Endlich giebt es gewisse Stoffe, wel-
che die Reflexerregbarkeit erhohen: als solche haben sicli Strych-
nin und Opium erwiesen. Audi steigert die Verwundung des
Riickenmarkcs bei der Decapitation die Errcgbarkeit fur Re-
flexreize.
Bei dem Mcnschen finden ahnliche Bcdingungen fur die Stei—
gerung der Reflexerregbarkeit wie bei Thieren statt. Es treten
bei Unterbrechung des Cerebral -Impulses, bei gehemmter Wil-
lensleitung die Reflex -Erscheinungen nicht nur deutlicher, son-
dern auch mit grosserer Macht hervor. Die von Marshall Hall
(on the diseases and derangements of the nervous system. Lon-
don 1841. p. 230 — 239.) und von Budcl (contributions to the
pathology of the spinal cord in Med. chir. transact, vol. XXII.
p. 153.) gesammelten Beobachtungen sind hieriiber zu vergleichen.
Enter den letzteren ist besonders folgende instructiv.
Nach Verletzung der untersten Halswirbel war bei einem 27jah-
rigen Mcnschen Paraplegie entstanden. Die Sensibilitat der ge-
lahmten Theile zeigte sich sehr vermindert, besonders in den Fiis-
scn. Die Motilitat der Hande stellte sich am 30., der Fiisse am
69. Tage wieder ein. In der ersten Woche erfolgten auf das
Kitzeln der Plantarflache nur schwache Bewegungen des Fusses,
und auch diese nicht jedesmal. Am neunten Tage waren die
Bewegungen schon starker, und bis zum 26. nahmen sie an Ex-
tensitat und Intensitat zu. Zuerst riel das Kitzeln einer Sohle
bloss die Bewegung des entsprechenden Fusses, nachher die Be-
wegung beider Fiisse, und am 26. Tage nicht nur der unteren
Extremitaten , sondern auch des Rmnpfes und der Arme hervor.
Kitzeln der linken Fusssohle, wo die Epidermis durch eine Blase
abgelost war, bewirkte stiirkere und verbreitetere Zuckungen,
als an der rechten Sohle. Vom 26. bis 29. Tage wurden die
Rellexbewegungen durch folgende Anliisse erregt: in den unteren
Extremitiiten bei dem Durchgange von Flatus durch die Gedarme
\
REFLEXKRAEMPFE. , 453
oder bei Beriihrung des Penis mit dem kalten Uringlase. Con-
vulsionen der oberen Extremitaten und des Rumpfes entstanden
durch Ausraufen eines Haares aus dem Schaamberge. Am 41.
Tage wurde eine heisse Metallplatte auf die Fusssohle applicirt,
und erregte stark ere Bewegungen, ais alle fruheren Reize; sie
dauerten so lange, als die Platte an den Fuss gehalten wurde,
yon deren Hitze der Kranke keine Empfindung hatte, obgleich
dieselbe Blasen bildete. Eine Platte von gewohnlicher Tempe-
ratur erregte nach dem ersten Contakt keine Bewegungen mehr.
Auch Eis auf die Fussohlen applicirt hatte keine starkere Be-
wegungen zur Folge, alstein Korper von gewohnlicher Tempe-
ratur. Stechen der Beine oder Ausreissen der Haare an denselben
hatte gleiche Wirkung mit dem Kitzeln. Das Einbringen des Ca-
theters verursachte Convulsionen im Rumpfe und in den Glie—
dern. Diese traten auch vor und wahrend des Stuhlgangs ein.
(Bei den andern Kranken waren die Reflexbewegungen und Zuk-
kungen ebenfalls wahrend der Stuhl- und Harnentleerung am
starksten.) Oft brachen ohne aussere Erregung Convulsionen in
den Muskeln der Beine , der Arme und des Rumpfes aus. — Bei
der ersten Riickkehr der cerebralen Leitung vermochte der Kranke
schon einigermassen die Reflexbewegungen zu beschranken, al-
lein dieses erforderte grosse Anstrengung der Willenskraft. Die
ersten Versuche des Kranken zu gehen batten wegen der noch
fortdauernden Tendenz zu unwillkuhrlichen Bewegungen etwas
Auffallendes, und auch beim Stehen bogen sich anfangs die Kniee
gewaltsam. Am 95. Tage zeigte- sich diese Erscheinung, sobald
ein Paar Schritte gegangen waren. Dann fmgen die Beine an,
sich in die Hohe zu biegen, was jedoch der Kranke durch Rei-
ben der Bauchdecke verhindern konnte, wodurch die Fiisse sich
ruckweise extendirten. Am 141. Tage konnte er, indem er sich
auf der Lehne eines Stuhles stiitzte und diesen vorwarts schob,
gehen, doch war der Gang unsicher und Choreaahnlich.
Allein auch bei unverletzter Hirnleitung wird die Reflexer-
30*
4 54
SPINALE KRAEMPFE.
regbarkeit des Mcnschen (lurch Anliisse gesteigert, die entweder
mittelst des Blutcs oder (lurch Reizung des Riickenmarkes oder
periphcrischer scnsihler Ncrven dicsen Einfluss liahen. Zu den
ersteren gehoren zwei Gifte, ein vegctabilisches, das Slrychnos-
Alcaloid, und ein animalisches, das hydrophobische. Unter den
letzteren isL die traumatische Reizung, die Genitalienreizung, die
rheumatische Reizung u. a. zu beachten. Auch organische Krank-
heiten des Riickenmarkes konnen von Exaltation der Rellexerreg-
barkeit begleitet werden, wie folgender merkwiirdige Fall von
Hutin erweiset. ( Untersuchungen und Beobachtungen zur Patho-
logic des Riickenmarkes in Nasses Sammlung zur Kenntniss der
Gehirn- und Ruckenmarkskrankheiten. Stuttgart 1837. 2. Heft.
S. 21.). „J. V., 31 Jahr alt, wurde 1819 in das Hospital Bi-
cetre in folgendem Zustande aufgenommen: solche lebhafte Stei—
gerung des Allgemeingefuhls , dass, wenn man die Fingerspitze
auf irgend einen Theil seines Korpers applicirte, man daselbst
ein eigenthiimliches, schmerzhaftes Erzittern und ahnliche Mus-
kelc.ontractionen bemerkte, wie man sie durch das Medium einer
electrischen Entladung hervorbringt. Wenn man, um die ge-
wohnlichen Lcbensbediirfnisse zu befriedigen, seinen Korper im
Allgemeinen ber’uhrte oder bewegte, wie z. B. beim Wechsel der
Wasche, so wurde der Kranke von allgemeinen, epileptischen
Convulsioneu befallen, seine Glieder erstarrten und zogen sich
zusammen, er kriimmte sich gewissermassen ' in sich selbst, die
Augen wurden in ihren Holden umhergewalzt und sein Gesicht
war der Sitz der scheusslichsten Verzerrungen; der Puls war
klein, frequent und hart, die Respiration langsam und tief, der
Appetit ziemlich lebhaft, die organischen Functionen regelmassig.
Der Gang des jungen Mannes war selir sonderhar : er sprang be-
standig und auf die bizarrste Weise; er fiirchtete sich die Fiisse
auf die Erde zu setzen, wegen des schmerzhaften Eindruckes,
der ihn alsbald ausser sich brachle. Die Bewegungen geschahen
iiusserst unruhig, der Muskelapparat vermochte jedoch koine Kraft zu
REFLEXRRAEMPFE.
455
entfalten. In den letzten vierzelin Lebenstagen kam oine sehr starke
Diarrhoe und fast bestandiges Erbrechen hinzu. Die partiellen und
allgemeinen Convulsionen entwickelten sich unter dem Einflusse der
leichtesten Ursache: die Sensibilitiit war in einem Zustande so &us-
serordentlieher Stcigerung, dass die Bcriihrung yon Bettdeckcn oder
Kleidungsstucken schmerzhaft war, die Aufregung liess keinen Au-
genblick Ruhe. Endlich starb der Kranke geschwacht und er-
schopft in den scbrecklichsten Convulsionen. Leichenbefund.
Das kleine Gehirn erschien merklich atrophisch; sein Medullar-
centrum war, verglichen mit dem einer anderen Leiche, um ein
Drittel weniger voluminos in beiden Hemispharen. /Die weisse
Substanz, die im normalen Zustande den Mittelpunkt des Corpus
rhomboidale einnimmt, war niclit mehr vorhanden, so dass die ge-
franzten Riinder dieses Theiles, dem Mittelpunkte genahert, nur
noch einen kleinen erbsenformigen, sehr harten, graubraunlichen
Korper bildeten. Das Ruckenmark zeigte vom Hinterhauptsloche
bis zur Dorsalgegend eine solche Iiypertrophie, dass es vollstan-
dig die Hoble der Dura mater ausfullte; in seiner ubrigeii Aus-
dehnung war sein Volumen gleicher Weise, aber weniger merk-
lich vermehrt. Sein Gewebe hatte eine ansehnliche Dichtheit
und glich genau hollandischem Kase; in seinem unteren Theile
war es weit weniger hart, jedoch viel mehr als im normalen Zu-
stande, denn seine Consistenz kam wenigstens der des Pons Ya-
rolii gleich. Die innere Flache der Arachnoidea war mit dem-
selben fast in ihrer ganzen Ausdelmung yerwachsen; unterhalb
zeigte sie breite, knorplige Platten. Die Riickenmarksneryen bat-
ten eine geringe Dichtheit erlangt. Im Magen und untern Ende
des D’unndarms fanden sich deutliche Spuren von Entzundung der
Schleimhaut.“
Wclcher Einlluss es aber auch sei, der die Rcflexer-
rcgbarkeit erhoht , wie mannichfach die dadurch bedingten
Kriimpfe auch sein mogcn, der gemcinschaftliche Zug ist Ue-
bcrwaltigung des ccrebralcn Einllusses auf Bewegungen, wo-
456
SPINALE KRAEMPFE.
durch eigenthumliche psychische Verhaltnisse sich gestalten, und
die Abhangigkeit der krampfhalten Erscheinungen von ausseren
Reizen um so unbeschrarikter hervortritt. Hierzu kommt das
Attribut der Centralkrankheit: Theilnahme sammtlicher Neryen-
energieen des Riickenmarkes , nicht bloss der motorischen, son-
dern auch der sensibeln und trophischen , in verschiedenem Grade.
Betrachten wir zuerst die von Genitalienreizung ausge-
hende Reflexneurose , welche man unter dem umfassenden Namen
Hysteria
zu begreifen pflegt, ein Namen, der zugleich das Geschlecht andeu-
tet, welches vorzugsweise von dieser Krankheit heimgesucht wird.
Karakteristische Ziige sind im Allgemeinen: krampfhafte Be-
wegungen in den sowohl von cerebrospinalen als sympathischen
Fasern versorgten Muskeln: Ilyperasthesieen , beide in leicht er-
regbaren , zeitlich und raumlich sehr veranderlichen Anfallen : Ue-
berwaltigung der geistigen Intention durch die physische Reflex-
herrschaft: reizbare Schwache, korperliche und psychische in den
Intervallen: Abhangigkeit der Krankheit von dem Walten der
Sexualorgane.
Den Anfallen gehen nicht selten Vorboten voran: am hau-
figsten Hinfalligkeit, veranderte Gemuthsstimmung, peinliches
Gefiihl von Unruhe in den Beinen (S. S. 85.), wiederhol-
tes Drangen zum Harnlassen , Gefiihl von Druck und Zusammen-
schnurung in der Magengrube und in der Kehle. Oft aber bricht
der Paroxysmus plotzlich aus mit Symptomen, die entweder auf
einzelne Nervenheerde concentrirt oder allgemeiner verbreitet
sind. Jene Gruppen bilden sich am haufigsten im Gebiete des
Vagus und der Athemnerven iiberhaupt, welche in alien hyste-
rischen AfFectionen mehr odcr minder ihre Theilnahme kundge-
ben. Krampf der Glottis, der Bronchien, des Schlundes, mit Be-
klemmung, mit drohender Suffocation ( strangulatio hysterica), mit
dem Gcfuhle, als rolle cine Kugel von der Brust aufwarts in den
HYSTERIE.
457
Hals (Globus hystericus), kurzer , rastlos schallender Ilusten mit
metallischem Klang, Schrei-, Lach-, Weinkrampfe, Paroxysmen
von Giilinen , von Singultus. Zunachst sind die Herznerven der
Heerd: jahe Anfalle von Palpitation mit gestortem, unregelmassi-
gem Rkythmus und Angstgefiild. Auch im hypogastrischen Ge-
llechte, besonders in den Blasennerven, nimrnt der Krampf oft
seinen Sitz: es befallt Harndrang oder Ischurie. In weiteren
Kreisen dehnt sich die Reflexaction auf die Muskeln aus, die
von cerebrospinalen Nerven ihren Impuls erhalten. Zuck- und
Starrkrampfe der Glieder, einer oder gewohnlich beider Seiten,
der Riicken-, Brust- und Bauclimuskeln treten in verschiedenen
Formen und Stufen auf, vom Zittern und Beben bis zu den er-
schiitterndsten Bewegungen und Verdrehurigen. Die masticato-
rischen und mimischen Gesichtsnuiskeln nehmen Tlieil: Trismus,
Zahneklappern wie im Fieberfroste, sardonisches Lachen, Auf-
wartsrollen der Augapfel. Gleichzeitig mit den Convulsionen sind
Hyperasthesieen, in denselben oder aucli in anderen Statten, moi-
stens neuralgischer Art, in der Hautdecke des Kopfes, Gesichtes,
des Riickens (besonders der Cervical- und Dorsalwirbel), der
Brust, des Unterleibes , der Extremitiiten , zuweilen auf einen klei-
nen Raum beschrankt, bei oberfliichlicher Beruhrung jahe gestei-
gert, bei starkerem Drucke nachlassend: der hysterische Bo den
ist fur Spinalneuralgie am fruchtbarsten. (S. 15B). Storungen
in den Absondcrungen finden statt, am haufigsten Gaserzeugung
im Darmkanal, und Secretion Jarblosen, wasserhellen Urins, der
des Harnstoffes und dcr organischen Bestandtheile verlustig, nur
die gewohnlichen Salze enthalt.
Plotzlich sind die Uebergange der Paroxysmen ilirem Sitze und
Grade nacli, und was nicht minder karakteristisch ist, jahe dasUm-
schlagen in den Contrast, der Sprung von Excess der Beweglichkeit
und Empfindlichkeit in Immobilitiit und Abstumpfung, von profuscr
Absonderung in unterdriicktc. So reihen sich Absterben dcr Hande
und Fiisse (S. 270.) Ohnmachten, Aphonic, und nach dcr Angabe al-
458
►SPINALE KRAEMPFE.
terer Bcobachter sclbst Asphyxic den hysterischen Zugeri an. Nadi
einer kiirzeren oder langeren Dauer von einer viertel bis mehreren
Stunden endet der Anfall oft plotzlich mit Thranenerguss oder
reichlichem Harnabgang, nicht selten aber auch allmahlich.
In den Intervallen der Anfalle stellt sich der hvsterische Zu-
J
stand unzweideutig heraus, und diese Merkmale sind es, welche der
physiologischen Ansicht von dieser Krankheit zur Stiitze dienen. Zu-
vorderst kommt die Steigcrung der Rellexerregbarkeit in Be-
tracht, welche sich bei Einwirkung der Reize geltend macht.
Den hochsten Grad sail ich bei Uysterie auf trichomatdser Basis:
bei einer achtundzwanzigjahrigen Polin, die fruhzeitig in Hyste-
ric verfallen durch zweimaliges Abschneiden des critisch sich erit-
wickclnden Weichselzopfes die Intensitat und Extensitat der
Krampfe bedeutend vermehrt hatte, war eine leichte oberflachli-
che Beruhrung der Haut hinreichend, die convulsivischen Paro-
xysmen mit Blitzesschnelle hervorzurufen , auf ahnliche Weise wie
die Zuckungen bei einem narcotisirten Frosche. Kaum hatte ich
den Finger aufgelegt um den Puls zu untersuchen, so fingen
die Augenlider an zu blinzeln , die Brust hob sich sturmisch, Sin-
gultus trat ein, und die Zunge walzte und drehte sich und scknalzte.
Brodie theilt ein Paar Fade mit, wo die convulsivischen Paroxys-
men durch einen Fingerdruck auf das Brustbein sofort ausbra-
chen ( Lectures illustrative of certain local nervous affections. Lon-
don 1837. p. 62.). Es bedarf hierzu durchaus keines schmerz-
haften Eindrucks, wohl aber scheint die jlihe Rcizung starker zu
wirken. Und nicht hloss der fur Erregung der Reflexbewegungen
gunstige Hautreiz , auch andere Reize hringen dergleichen Wirkun-
gen hervor, z. B. gastrischc. Ich beobachtete auch ofters, dass
sclbst der Act der Entleerung der Excremente, zumal dcs Stuld-
gangs, die hysterischen Zufalle erregt und steigert, was mit der
obenangefuhrten Beobachtung von Budd ubercinstimmt. Von bc-
sonderem Intercsse sind die Reflexerscheinungen in der organi-
schen Sphare. Ein nicht seltenes Beispiel zeigt sich in dem Ein-
HYSTERIE.
459
flusse der Beruhrung und Reibung der Haut auf Gas-Erzeugung
und Entleerung. Peter Frank erwahnt in seiner meisterhaften
Abhandlong iiber Pneumatosis (de curand. homin. morb. epitome
Lib. VI. De retention, p. 50.) unter mehreren Fallen auch eines
hvsterischen Madchcns, welches, so oft sie selbst oder ein Anide-
rer irgend eine Stelle ibrer Ilaut rieb, deutlich fiihlte, dass Lult
in ilirem Magen sich ansammelte, die sofort mit lautem Sehalle
durch den Oesophagus entleert wurde, und Rudolphi erzalilt „von
einem altlichen Frauenzimmer , das immer von Zeit zu Zeit Bla-
hungen aufstiess, allein wenn sie mit einem Finger, gleichviel
.gegen welchen Theil des Leibes druckte, so gingen sie in unun-
terbrochener Folge auf das schnellste ab.“ (Grundriss der Phy-
•siologie. 2. Bd. 2. Abth. S. 239.).
Nachst der gesteigerten Reflex -Erregbarkeit ist das psychische
Verhalten bemerkungswerth. Willenssckwache bis zur giinzlichen
'Willenslosigkeit ist der vorwaltende Zug: dalier ein Mangel an geisti-
.gem Widerstande, ein Hingeben und Ueberwaltigtwerden von kor-
j perlichen und psychischen Eindriicken, wie in keiner andern Krank-
heit, daher auch niemals ein geflissentliches Verbergen oder Un-
iterdrucken der Anfalle. Der hysterische Wahlspruch: „Ich kann
inicht dagegen an,“ driickt es treffend aus. Nach jeder andern
iRichtung ist das geistige Walten in der von Complication freien
IKrankheit ungestort, und nie fmdet, selbst in den keftigsten Pa-
iroxysmen, Verlust des Bewusstseins und der Perception statt.
Ausser diescm psychichen Karakter, den die Krankheit aufdriickt,
imischt sich der Karakter des Geschlechts ein, mit Eitelkeit, Co-
■ juetterie, Launenhaftigkeit, Lust zur Uebertreibung und Tiiu-
'schung, redseliger schwazhafter Mittheilung.
In den Verrichtungen der anderen organischen Systemc bie—
(ten sich ebenfalls Veriinderungen dar. Abnorme Absonderungen
Jes Uterinapparates und Storungen der normalen sind haufig:
vSchleimlluss, unregelmassiger Eintritt und Verlauf der Catamenicn,
ler Lochien etc. Verminderung der Warmecrzcugung, unglciche
460
SPIN ALE KRAEMPFE.
Vertheilung tier Temperatur fehlt selten: Kiilte der Fiisse, dcr
Iliinde, Algor circumscriptus , iibergiessende Hitze des Gesichts.
Welke, schlaffe Beschaffenheit der Ilaut und der Muskeln ist oft
bemerkbar. Brodie (1. c. p. 71.) macht auf eine besondere Er-
schlaffung der Gelenke bei Hysterischen aufmerksam, wodurch
leicht Subluxation entsteht. Eine Neigung zu Blutflussen , Hae-
moptysis, Vomitus cruentus, ist ofters vorhanden. Die Harnab-
sonderung ist vermehrt, zuweilen gering, mit haufigem Grange
zur Entleerung. Trotz wenigen Essens, besonders bei Abneigung
gegen Fleischkost, nimmt die Corpulenz haufig zu. Die Schild-
driise schwillt nicht selten temporar an.
Pathognomonisch ist die reizbare Schwache, somatische und
psychische, in den Intervallen. Milde Arzneistoffe rufen leicht
starke und ungewohnliche Reaction hervor. Ein grosser Theil
der sogenannten Idiosyncrasieen wurzelt auf hysterischem Boden.
Der Einfluss von Sinneseindrucken und Emotionen zeigt sich fast
nirgends so jahe und pragnant wie hier. Schreckhaftigkeit und
Geneigtkeit zu schneller Riihrung werden nur selten vermisst.
Schwiichende Potenzen sind die feindseligsten, und die Anfalle
brechen sofort hervor, wenn die Krafte unter ihren Stand sinken.
Daher die Neigung der Hysterie, in andere Krankheiten sich
einzudrangen , und geht aucli Baglivi in seiner Behauptung zu
weit: quando morbus aliquis remediis debite praescriptis cedere
nolit, insolitisque quibusdam modis atque a sui natura valde remo-
tis progreditur, suspicandum erit de occultis animi passionibus,
(interdum suspicabitur de lue gallica) vel si mulieres sint de fo-
mite hysterico (Op. omn. edit. Norimberg. p. 154.), so hat
man doch oft genug Gelegenheit, sich zu uberzeugen, dass diese
Geselligkeit der Hysterie Verwirrung in den Gang anderer Krank-
heiten, zumal acuter, bringt, und den Unerfahrencn unter der
Maske wichtiger, Iebensgefahrlicher Zustiinde tausclit. So man-
che schnell coupirte Nervosa, odor Pericarditis, odor Peritonitis
ist niclits, als cine zu cinem catarrhalischen odcr rheumatischeu
HYSTERIE.
461
Fieber, oder zum Puerperium hinzugetretene hysterische Sympto-
mengruppe. — Endlich sei noch eine Eigenthumlichkqit erwlihnt,
der Einfluss des Sonnenlaufes auf Hysterische: der Morgen stei-
gert, der Abend beruhigt ihre Leiden.
Wenn es von Wichtigkeit ist, die complicirende Hysterie zu
kennen, so muss man auch mit der complicirten bekannt sein,
urn die cfer Hysterie fremden Ziige richtig wiirdigen zu konnen:
denn nur zu geneigt ist man alle accessorische Erscheinungen in
das Bild der Hysterie selbst aufzunehmen. Am haufigsten bilden
psychische Zustande Complicationen , besonders Monomanie und
Ecstasis, deren Anfalle sich mit den hysterischen Convulsionen
and Hyperasthesieen verbinden oder abwechseln. Seltner sind
3S die Zustande aufgehobenen oder pausirenden Bewusstseins,
Eclipsis, morbus attonitus (vgl. die Abtheilung der Logoneurosen),
Epilepsie, die alsdann eine hysterische Schattirung annimmt. Pa-
■alytische Affectionen gesellen sich zuweilen hinzu, besonders Pa-
raplegic. Auch Krankheiten anderer Organe konnen mit der
Hysterie Verbindungen eingehen, und, was nicht zu ubersehen
■•st, durch die Symptome der letzteren langere Zeit maskirt wer-
Iden. Dieses ist am haufigsten mit der Lungen-, seltner mit der
Darmphthisis, ofters mit Herzkrankheiten der Fall.
Ursachen. Bedingung fur die Entstehung der Hysterie ist
die Geschlechtsreife des Weibes, sei es im Erscheinen, oder im
I3estehen, oder beim Scheiden, zumal dem fruhzeitigen. Die
/^ahl der Jahre triigt hierzu nichts bei, denn in den Tropen und
n gewissen Liindern Europa’s, z. B. Polen, wo im Allgemeinen
he Pubertat friih eintritt, kann schon ein zwolfjaliriges Madchen
tuysterisch sein. Erbliche, und durch iippige, schlaffe Lebensweise
i! 'Jrworbene Anlag'e ist unleugbar. Am fruchtbarsten sind schwa-
rhende Einflusse, durch ^Ueberreizung, oder durch Siifteverlust,
ocsonders der Geschlechtsorgane, onanistischc Excesse, aufrei-
ender, nicht befriedigender Coitus, wiederholte Fehlgeburten,
■chnell auf einander folgende Schwangerschaften und Lactationen,
4G2
SPINALE KRAEMPFE.
Leucorrhoen, Metrorrhagiecn , gehoren dahin. Audi enthaltener
Geschlechtsgenuss, besonders nach friiherer Befriedigung, diirftige
oder unterdriickte Catamenien sind nicht seltene Ursachen. En-
ter den schwachenden Anlassen sind auch ungehorige oder iiber-
triebene Blutentleerungen zu nennen. Die Beschaffenheit des
Blutes, vor Allcm die Anamie, iibt einen wichtigen Einiluss: die
der Chlorosis sich beigesellende llysterie zeugt davon, so wie
der Erfolg der die Blutcrasis verbessernden Eisenmittel. Audi
anderweitige pathische Processe, vorzuglich der trichomatose, be-
schleunigen die Entstehung und Steigerung der llysterie. Unter
den psychischen Ursachen steht verfehlte Erziehung oben an: so-
wohl die schlaffe und frivole, die jedem Eindrucke eine zugellose
Herrschaft einraumt, als die despotische, die des Widens Ent-
ausserung ganz unterdriickt. Audi das Beispiel einer hysterischen
Mutter bildet die Tochter zu dieser Krankheit heran. Sehnsuch-
tige Liebe, Eifersucht, Krankung zumal der Eitelkeit, begiinsti-
gen unter den Gemiithsaffecten am meisten. Als gelegentlidie
Anliisse zeichnen sich diejenigen aus, welche korperliche und gei-
stige Langeweile schaffen: anhaltende, gestreckte Lage einzelner
Glieder oder des ganzen Rumpfes bei Fracturen, Luxationen, oder
in orthopadischen Anstalten; langweilige Handarbeiten, Stricken,
Nahen etc., Isolirung, Mangel an gewohnten Zerstreuungen. Emo-
tion, atmospharische Einfliisse, besonders grosse Hitze, electrische
Spannung, stiirmisches Wetter rufen leicht Anfalle hervor; Sto-
rungen der Digestion nicht minder.
Nosologisches und Diagnostisches. Es lasst sich in
den seit Jahrhunderten producirtcn Theorieen eine zwiefache An-
sicht von der Hysterie nachweisen: nach der einen ist sie Affec-
tion des Uterinapparats, nach der andern cin Leiden des Gehirns.
Beide entnehmen die naheren Bestimmungen aus dem zur Zeit
giiltigen Systeme: so bietet sich eine Reihenfolge von Vermu-
thungen und Hypothesen dar, von dem Aufsteigen und \Y andern
der Gebarmutter oder ihrer Diinste bis zur Voraussclzung einer
IIYSTERIE.
463
VIetritis, von den Wirrcn tier animalischen Geister bis zum Kampfe
Her Leidenschaften. In diesen warnenden Spiegel der Geschichte
)licke die Gegenwart, und hute sich vor Anmassung eincr Un-
erganglichkeit ihrer Ansichten. Auch die Reflextheorie, die jezt
ibter Gebhhr sich ausbreitet, wird in ihre naturlichen Schranken
erwiesen werden: um so gewissenhafter prufe man in unseren
Tagen. Die Entstehung der Hysteric in dem Lebensalter der
leschlecbtsreife zeugt fur die Abhangigkeit dieser Krankheit von
einem bestimmten Zustande des Sexualsystems — nur werde das
etztere nicht nach einem einzelnen Organe, dem Uterus, beur-
Iheilt, sondern in seiner Gesammtheit aufgefasst, da die Ovarien
owohl nach den haufigen Yersuchen der Excision an Thieren,
Is nach einigen wenigen Beobachtungen beim Menschen, einen
ntschiedneren Einfluss auf Organisation und Triebe haben als
or Fruchthalter (vgl. Laycock a treatise on the nervous diseases
t'f women. London 1840. pag. 11). Schon in der Breite der
iesundheit ist dieses System eine Quelle von Reizen fur die
servenapparate, deren Eindruck sich auf verschiedene Weise
uundgiebt, wie die psychischen Veranderungen, die Reflexphano-
aene, die Storungen in der Circulation und Absonderung bei
en Catamenien, in der Schwangerschaft, bei der Entbindung, im
'Yochenbette zur Geniige beweisen. Auch bietet sich ein Um-
Itand bei diesen hygianen Uterinreizungen dar, welcher fur die
leoretische Wiirdigung der Hysterie benutzt werden kann: es
■^t der oft vorhandene Mangel ortlicher Empfindungen trotz star-
■er und mannichfaltiger Riickwirkungen. Man hat hieraus einen
linwurf gegen den Sexualursprung dieser Krankheit entnehmen
. /ollen , allein abgesehen von den nicht seltenen Sensationen in der
' ypogastrischen Region bei Hysterischen hat man nicht bedacht,
ass es gar keiner be wusstwerdenden Empfindungen bcdarf,
:m Reflexactionen zum Yorschein zu bringen, ja class sclbst der
'chmcrz den letzteren hinderlich zu s'ein schcint, so wie bei nar-
otisirten Thieren leise Beriihrung der Haut leichter und in star-
464
SPINALE KRAEMPFE.
kerom Grade Bewegungen hervorruft als Reissen und Zerren.
Welcher Art auch die der Ilysterie den Ursprung und Un-
terhalt gebende Reizung der Sexualorgane sei, woriiber Tiefer-
blickende entscheidcn mogen — eine auf Desorganisation be-
ruhende ist es keinesfalls, was sowohl die Lebensdauer der
Ilysterischcn bezeugt, als auch der Umstand, dass mit sicht-
und fuhlbarer Ausbildung von Afterorganisation en in den Ova-
rien und der Gebarmutter, mit dem Eintritte von heftigen
Schmerzen, Zehrfieber u. s. f. die friiher vorhandene Hysterie
in den Hintergrund tritt und verschwindet. Diese Reizung
des Uterinsystems , wrelche sich oft genug durch abnorme ve-
getative Vorgange kundgiebt, durch Blutfliisse, Schleimabson-
derungen, durch verzogerte oder bescldeunigte Catamenien,
durch Menostasie, wirkt analog andrer Reizung, z. B. der trau-
matischen, mittelst der sensibeln oder, wenn man den Ausdruck
vorzieht, centripetalen Nerven auf das Riickenmark, und bedingt
eine periodisch zu- und abnehmende Steigerung seiner Reflex-
Erregbarkeit, die sich nicht bloss wahrend der Paroxysmen, son-
dern auch in den Intervallen durch unverkennbare Merkmale of-
fenbart. Dieses ist das Element der Hysterie, wodurch sie sich
von jenen Krampfzustanden unterscheidet, welche, wenn auch durch
Reflexaction, doch bei gewohnlichem Stande der Reflexerregbarkeit
zum Yorscheine kommen, und wo sich nach beendigtem Krampfe
das normale Verhaltniss in den Nervenactionen wieder herstellt,
wovon bei den Affectionen der motorischen Nervenbalmen als
Conductoren zahlreiche Beispiele gegeben worden sind, wahrend
hier durch die Steigerung der Reflexerregbarkeit ein verandertes
Sein des Menschen begriindet und unterhalten wird, zu dessen
Karakteristik die zuvor mitgetheilten Ziige, obgleich sie der Voll-
standigkeit noch ermangeln, beitragen mogen. Fortan behalt die
Reflexpotenz im Organismus das Uebergewicht, und bedingt da-
durch die grossere Abhangigkeit der Kranken von iiussern Rei-
zen. Ihre Iierrschaft unterwirft sich die geistige Kraft der In-
HYSTERIE.
465
tention, daher die Widerstandlosigkeit, die Willensohnmacht. Man
I hat dieses psycliische Yerhaltniss gemissdeutet , und ist selbst so
weit gegangen, die Lacli- und Weinkrampfe als Symbole prado-
minirender Affecte gelten zu lassen, uneingedenk, dass wie in der
iparalytischen Affection liinter dem regungslosen Antlitze Freude
oder Trauer erstehen, andrerseits durch Reflexeinfluss mimischer
Ausdruck der Gemiithsbewegung und Leidenschaft sich gestalten
Ikann, ohne dass das psycliische Motiv zu Grunde liegt, wie schon
die gewohnliche Erscheinung der Lachbewegung beim Kitzeln lehrt.
Yon diesem Standpunkte aus erhalt die Hysterie nicht nur
inosologische, sondern auch diagnostische Bestimmung, wodurch
>sie sich von andern Krankheiten, namentlich Hypochondrie, Irre-
■sein und Epilepsie unterscheidet. In Betreff der ersteren ver-
weisen wir auf die S. 189 festgestellten Criterien, und erin-
tnern nur daran, dass bei den Hypochondristen die geistige In-
tention den physischen Zustand erregt und unterhalt, wiihrend
•sie bei den Hysterischen durch denselben unterdriickt wird. Von
dem Irresein ist diese Krankheit dadurch verschieden, dass die
‘Subjectivitat der herrschende Genius in alien Acten
der Intelligenz bleibt, dass niemals das Selbstbewusstsein
■sich an den Empfindungen , Vorstellungen und Begierden ent-
Ifremdet, wie es in der Erotomanie und Nymphomanie oder in
der Complication des Irreseins mit Hysterie der Fall ist. In der
ISpilepsie endlich sind Bewusstlosigkeit und Aniisthesie stets Be-
:gleiter der convulsivischen Paroxysmen, wiihrend in der Hysterie
auch wiihrend der hcftigsten Anfiille die Perception nicht erlischt,
und starke Reizung der Gefuhls- und Sinnesnerven Eindruck
imacht, und die Intensitiit der Kriimpfe vermehrt: eine Ilysterische
fahrt auch im Anfalle bei Getose zusammen, und schliesst vor
esinem blendenden Lichtstrahle die Augen. Eben so deutlich mar-
Airt sich der Unterschied in den Intervallen: hier die Merkmale
-gesteigcrter Reflexerregbarkeit, dort der Ausdruck psychischen
Verfalls, Abstumpfung, Schwiiche des Gediichtnisses, und bei Vie-
4 06 SPINALE KRAEMPFE.
len im weiteren Vcrlaufe Blodsinn, worin die von Complication
freie Hysteric niemals iibergeht.
Verlauf und Ausgang. — Die Krankheit als Totalitiit
nimmt gewohnlich einen chronischen Verlauf mit allmiihlicher
Entwickelung, mit Stcigerungen und Nachhissen, die niclit selten
im Anfange der Krankheit an den Calamenialcyclus sicli halten.
Bisweilen ist jedoch, zumal bei der die Pubertiit- Entwickelung
begleitenden Hysteric, der Ausbruch jahe und dcr Verlauf rascli.
Todtlich wird die Hysterie an und fur sich nicht: lethaler Olm-
machten und Asphyxicen in ihrem Verlaufe geschieht nur in den
alteren Werken und Sammlungen Erwlihnung. Wo der Tod
durch Hinzutritt einer anderen Krankheit erfolgt, hat man ouch
bei der sorgfaltigsten Untersuchung keine augenfalligen Verande-
rungen in den Nervenapparaten yorgefunden (vgl. einige Beob-
achtungen yon Brodie 1. c. p. 07 — 09). Selbst die Gefahr an-
derer Zutalle ist auf hysterischem Boden geringer, und es gilt
dieses nicht bloss von Nervenzufallen, yon Erscheinungen des Col-
lapsus und Immobilitiit, von Aphonie, von Ischurie, von den ge-
storten Absonderungen und Retentionen, Tympanites u. s. f., son-
dern selbst an drohende Ivrankheiten darf bei Hysterischen nicht
derselbe Massstab gelegt werden, wie bei andern Individuen.
Uebergang der Hysterie in andere Neurosen, in Irresein, in Epi-
lepsie, in Ecstasis kommt zuweilen vor, dagegen in chronisclie
Entzundung und Desorganisation der Theile, die Sitz der hy-
sterischen Erscheinungen sind, z. B. des Kehlkopfes, des Schlun-
des beim Globus, der Bronchien und des Lungenparenchvms beim
Asthma etc. von den Autoren zwar angefuhrt wird, allein ohne
Gewahrleistung treuer Beobachtung, und insbesondere ohne Bc-
statigung durch die physicalischen Untersuchungs-Methoden , die
in vielen Fallen schon friih aul die Spur der durch Hysterie ver-
deckten organischen Verandcrungen leiten konnen. Genesung er-
folgt selten vollstandig, mehrentheils in der Zeit der Dccrepidit.it,
und allmahlich, in Form der Lysis, ohne deutliche Crisen, ausscr
HYSTERIE.
4G7
wo andere pathische Processe, Trichoma, Impetigo etc. im Spiel
sind, und durcli die ihnen eigenthumlichen Ausscheidungen ge-
hoben werden. Eine Pause der Hysterie tritt ofters wahrend
der Schwangerschaft ein.
Behandlung. Der Arzt, der in der Behandlung Hysterischer
Erfolg liaben will, bewahre Geduld, Theilnahme, Festigkeit. Bei
solcher Unterdriickung geistiger Intention, wie in dieser Krank-
beit, imponirt schon die Willenskraft eines Andern: nur iibe man
sie scbonend, gewandt, sei nachgiebig bei Unerheblichem , um
desto strenger und beharrlicher die Idee der Cur auszufuhren.
Andererseits stelle man sich vor Simulation sicher. Mulieri, et
ne mortuae quidem credendum est, passt besonders auf Hyste-
rische. Wenn es auch nicht yon forensischer Wichtigkeit ist, wie
bei Epileptischen, die Tauschung herauszustellen , so darf doch
die Kranke nicht ungeahndet den Arzt mystificiren wollen. Cri-
Terien sind: Abwesenheit der gesteigerten Keflex -Erregbarkeit,
Mangel der Kiilte der Hande und Fiisse in den Paroxysmen, des
1 krampfhaften, kleinen Pulses, des wasserhellen Urins, der Veriin-
derlichkeit und des schnellen Uebergangs der Erscheinungen.
Das Princip der Behandlung ist: die Bedingung der Krank-
heit, die Steigerung der Reflex -Erregbarkeit, aufzuheben. Drei
Wege bieten sich hierzu dar: 1) Beseitigung des Reflexreizes,
idessen Heerd das Uterinsystem ist, 2) Einwirkung auf die Re-
iflexpotenz selbst, 3) Anregung und Bethatigung der Willenskraft.
Die erste Indication zu erfullen ist die schwierigste Aufgabe,
weil man von der Uterinaflection selbst, die als Reflexreiz wirkt,
'keine nahere Kenntniss hat. Wo Vorgange in der organischen
'Sphare zugegen sind, welche eine abnorme Thatigkeit der Se-
xualorgane bekunden, ist das Verfahren minder unsicher. Ilier
geben die Unregelmassigkeiten der Catamenien, die vorhandene
'Medorrhoe Heilregulative, die mit steter Riicksicht auf die Ur-
sachen und auf die individuelle Constitution befolgt werden miis-
sen. Allein wo jene Erscheinungen nicht vorhanden sind, oder
HomLerg’s N«rveiikrankb. I. 2. q|
4GS
SPINALE KRAEMPFE.
wenigstens nicht in cinem Grade, um darauf die Behandlun^
D
griinden zu kdnncn, wie liisst sich da aid' das Sexualsystem, als
Stiitte des Reflexrcizes , einwirken? Man hat es auf zwielache
Weise versucht, durch allgemeine und ortliche Behandlung. Es
giebt gewisse Stoffe, die mit specifischer Tendenz auf den Ule-
rinapparat cine krampfstillende Wirkung verbinden, die Gummi-
harze, untcr denen Asa foetida und Galbanum als die wirksamsten
sich bewahren. Das andere Yerfahren, das ortliche, bildete bei
den alien Aerzten den Haupttheil in der Cur der Hysterie, und
wenn auch ilire Technik nicht durchgangig Nachahmung verdient,
(es sagt schon der alte Sennert naiv von dem Ritzeln des Ge-
barmutterhalses: frictio ista a christiano medico suadenda non vi-
detur) so liisst sich doch die ganzliche Vernachlassigung in neu-
erer Zeit nicht rechtfertigen. Die unmittelbare Einwirkung auf
die Sexualorgane kann bei Verheiratheten und denen, die schon
geboren haben, durch Vaginal-Injection von Auflosungen der Fe-
rulacea, der excitirenden und narcotischen Mittel (Chamomilk,
Ruta, Belladonna, oder durch Suppositorien (fp Gi Asae foetid.,
oder Galban. oder Castor. 3jjj, Extr. Chamom. 3j F. 1. a. mass.,
ex qua form, supposit. tria, Ung. rosac. oblinenda. D. in ch. cer.)
bewerkstelligt werden. Bei Virginitat geben Clystire und Sitz-
biider einen schvvachen Ersatz. Auch die ortliche Anwendung
der Ivalte ist auf diese Weise zu versuchen. Yon besonderer
Wichtigkeit ist die Kiicksicht auf den geschlechtlichen Umgang,
und verbietende, in andern Fallen gebietende Rathschliige leisten
oft mehr als die gepriesensteq Droguen.
Die zweite Indication, welche die Herabstimmung der Rellcx-
erregbarkeit zum Zwecke hat, vvird ausgefuhrt, mittelbar durch
Berucksichtigung und Ausgleichung der Missverhaltnisse anderer
Systeme zum Nervensystem, unmittelbar durch Einwirkung auf
das Riickenmark selbst. In ersterer Beziehung verdient das Ge-
feisssystem die ernsteste Aufmerksamkeit, sowohl an und fiir sich,
als auch bei den wichtigen Sexualvorgangcn der Evolution und
HYSTERIE.
469
Decrepiditat. Auf seinen plethorischen Zustand war und ist man
im Allgemeinen mehr bedacht als auf die Aniimie, obgleich die
letztere bei Hysterischen mehr vorwaltet, und diesen Einfluss auch
in der Chlorose durch Erscheinungen hysterischen Gepriiges dar-
thut. Ist vielleicht die Zeit nicht mehr fern, wo zum vollgultigen
Beweise die Analyse des Blutes selbst gefordert wird, so gcnugt
fiir jetzt noch dem Praktiker das Argument ex juvantibus, und
dieses ist die durch die zuverhissigsten Beobachter anerkannte
Wirksamkeit des Eisens in der Hysterie. Durch anhaltenden
Gebrauch, bei kunstgemasser Verabreichung in den verschiedenen
Priiparaten, schafft Eisen das Blut zu einem integrirenden Reize
fur den Nerven um. Die natiirlichen und kiinstlichen Eisenwasser,
zum inneren Gebrauche, und als Bader eignen sich vorzugsweise.
Zu vermeiden ist die Ueberladung mit grossen Dosen, zumal der
Limatura martis, und die obstruirende Nebenwirkung, der man
durch die Pilul. aperient. Stahl. (1 — 3 Pillen Abends zu nehmen)
entgegnen kann. Ich habe von der Forteetzung des Spaaer-, des
Pyrmonterwassers, auch wahrend des Winters zu 1 — 2 Weingla-
sern Morgens niichtern getrunken, in mehreren Fallen inveterirter
Hysterie dauernde Besserung gesehen. Wo Plethora zu Grunde
liegt, bemiihe man sich mehr durch diatetische und pharmaceu-
; tische Massregeln als durch Blutentleerungen das normale Ver-
haltniss herzustellen. Starke Aderlasse werden, wie iiberhaupt
schwachende Potenzen, von Hysterischen nicht vertragen, und
wenn auch zuweilen unmittelbar, so zeigt sich noch ofter spater—
hin der Nachtheil: am meisten sind noch in der Decrepiditiit-Pe-
riode massige Blutentleerungen, von Zeit zu Zeit wiederholt, bei
Plethorischen nutzlich. Milch- und Molkencuren (Ser. lact. tama-
rindin. etc.) Weintraubencur, Siiuren, (Acid, sulph., phosphor., elix.
acid. Hall., elix. vitr. Myns.) erfullen jenen Zweck sichrer. Aus-
ser dem Gefasssystem ist der Digestionsapparat in der Hysterie <
zu beriicksichtigen: denn gastrische und hepatische S/5rungen sind
nicht seltene Begleiter, deren Beseitigung von dem Gebrauche
3t *
470
SPINALE KRAEMPFE.
f
Maricnbacls, Kissingcns, dor Emscrthermcn, der Alcalien in Vcr-
bindung mit den Gummiliarzcn und der Visceralclystire zu er-
warten ist. Haufiger bietet sicli eine atonische Dyspcpsie zum
Gcgenstande dcr Behandlung mittclst Amara, Eel taur. rec„ Quas-
sia, lib. Trifol. u. s. f. dar. — Es giebt noch einen organischen
Apparat, der ausser seinen wichtigen Yerrichtungen der Secretion
in der Behandlung der Hysteric deshalb voile Beachtung verdient,
weil er vermoge des Reichthums sensibler Nerven in der niich-
♦
sten Beziehung zur Rellexpotenz steht — die Haut. Bader neh-
men sie am umfassendsten in Anspruch, und eine nach dem Stande
der Reizbarkcit getroffene Wahl des Modus, der Temperatur, und
zugesetzter Stoffe wird den Heilzweck in der Iiysterie unter-
stutzen. So eignen sich bei Erethismus die Bader von Ems,
Schlangenbad, Milchbader, bei Torpiditiit das Sprudelbad zu Fran-
zensbrunn, das Plongirbad zu Spaa, Seebiider, Soolbiider. Die
Wirksamkeit der Kalte ist besonders in neuerer Zeit anerkannt
worden, wenn auch Uebertreibungen an der Tagesordnung sind.
Inunctionen und Frictionen sind schwacher in ihrer Wirkung.
Magnetische und electromagnetische Versuche bedurfen der Wie-
derholung.
Von Mittcln, denen die Kraft einwohnt die Reflexerregbar-
keit zu deprimiren, als Gegensatz anderer, z. B. der Nux vomica,
welche die Wirksamkeit besitzen sie zu erhohen, haben wir noch
keine geniigende Kenntniss. Marshall Hall hielt nach einigen
Experimenten an Thieren die Blausaure fur ein solches, und viele
Aerzte ruhmen die Wirkungen der Aqua laurocerasi in der
Iiysterie.
Die dritte Indication, die psychische, ist von solcher Wichtig-
keit, dass oline sie die ubrigen misslingen. Nur stelle man sich,
um zum Ziele zu gelangen, auf den richtigen Standpunkt. Wer
bei einer Hysterischen mit der Tliur in's Iiaus fallt , sehon von
fern ihr zuruft, wie man so oft hurt, „sie miisse sich herausreis-
sen, sich und Andere niclit quiilen,“ hat gewohnlich das Vertrauen
HYSTERIE.
471
verscherzt, und nicht mit Unrecht. Denn wie soil wolil die Kranke
eine Einsicht haben ihren Willensimpuls dem Refleximpulse ent-
gegenzusetzen? Der Arzt zeige ilir die Wege zur spontanen
Excitation motorischer Nerven. Man erzahlt von Tronchin, dem
Schuler Boerhaave s , welcher in Paris die Clientel der hoheren
Stiinde hatte, dass er die hysterischen Damen mit grossem Er-
folge den Fussboden ihrer Stuben bohnen liess. Damit w’urde
man zwar heutigen Tages nicht glucken, allein es stehen noch
andere Hiilfsmittel zu Gebote. Unter diesen ist nach meiner Er-
fahrung auf das laute Lesen grosses Gewicht zu legen. Schon
die Alten hielten dasselbe fur einen Theil der Gymnastik ( Celsus
de medic. L. I. ed. Targa T. I. p. 21 : Commode vero exercent
clara lectio, arma, pila, cursus, ambulatio etc.), und kannten sei-
nen Einfluss auf die Verdauung (1. c. p. 25.: Si quis vero sto-
macho laborat, legere clare debet. Si laxius intestinum dolere
consuevit, quod colum nominant, indagandum est ut concoquat
aliquis, ut lectione aliisque generibus exerceatur etc. Prodest
etiam adversus tardam concoctionem clare legere.). Dazu kommt
die psycbische Reaction. Selbst in palliativer Hinsicht leistet es
treffiiche Dienste, und ich kenne kein Mittel, welches so schnell
die Gahn- und andere Athemkrampfe der Hysterischen verscheucbt.
Ferner sind Turnen, Schwimmen, Reiten, Bergsteigen, schnelles
Laufen nach einem bestimmten Ziele (auch bei Annaberung des
Anfalls), wirksam. Nur sei man des: Yariatio delectat bei hyste-
rischen Frauenzimmern eingedenk. Selbst starke Emotionen sind
oft sehr hulfreicb, an und fur sich und durch ibre Folgen, ver-
anderte Lebensweise etc.
Fur die Verkiirzung der Paroxysmen und Beseitigung einzel-
ner liistiger Symptome ist die Palliativcur bestimmt. Auch diese
nehme stets auf die gclegcntlichcn Ursachen Rucksicht: ein Emc-
ticum wird sich oft wirksamer zcigen als die geruhmtesten An-
tihysterica. Zu den letztcren gcborcn die durch einen widrigen
Geruch ausgezeichneten krampfstillcnden Mittel: Asa foetida, Ca-
472
SPINALE KRAEMPFE.
storeum, Ambra, Valeriana, cihige Ammon iumpraparatc (z. B.
$ aq. antihyst. Prag., aq. But., Syr. Croci ™ %j. MDS Zur Zeit ei-
nen Essloffel voll zu nehmen), zum inneren Gebrauche und in
Clystiren. Als schnell lindernd, zumal bei iiberwaltigendcm Ge-
fuhle von Schwache und in den Athemkrampl'en haben sich mir
Inhalationen von Essigather bewiihrt (S. 120). Das Opium, zu-
mal das Morphium, ist bei den mannichfaltigen Schmerzempfm-
dungen Hysterischer unentbehrlich. Auch der sensible Contact,
das unter dem Namen des animalischen Magnetismus von Betrii-
gern und Betrogenen gemissbrauchte Verfahren, bewiihrt sich nicht
selten als Reflexlinderung. Zu versuchen ist noch bei heftigen
Krampfen die Entziehung des Lichtreizes durch Verbinden der
Augen. Eine allgemeine Regel, sowohl in der Radical- als Pal-
liativcur der Hysterie ist Vermeidung schwachender Potenzen,
besonders jaher Safte-Entleerungen, weil dadurch die Reflexaction
gesteigert wird, und beunruhigende Erscheinungen die Folge sind.
Was man aber auch zum inneren Gebrauche fur rathsam findet,
mafi verordne es in gefalliger Form und in geringen Quantitaten.
Acht Unzen haltige, dunkle Mixturen, angepfropfte Pillenschach-
teln, deren Anblick dem Hypochondristen wohlgefallig ist, machen
die Hysterische stutzig, bang, schaffen Langeweile.
Ist auch das mannliche Geschlecht der Hysterie ausgesetzt?
Diese Frage wird von Einigen bejaht, von Anderen verneint, und
noch Andere glauben sie dadurch zu entscheiden, dass sie der
Hypochondrie bei dem mannlichen Geschlechte die Bedeutung
der Hysterie bei dem weiblichen zuschreiben, eine Meinung, die
bereits (S. 191) ihre Widerlegung gefunden hat. Nach dem fest-
gestellten BegrilFe der Hysterie als einer von Genitalienreizung
abhangigen Reflexneurose liisstj sich im Voraus vermuthen, dass
wenn eine solche Reizung bei dem mannlichen Geschlechte ob-
waltet, ahnlichc Erscheinungen hervortreten wcrdcn, und die Fr-
HYSTERIE.
473
fall rung bestiitigt cs. In dem Zustande von Aniimie, der zuwei-
lcn die Pubertiit- Entwickelung der Knaben begleitet, und wie
die Cldorosc der Madchen sicb in das jugendliche Alter hinein-
ziehen kann, w/rd man selten Symptome hysterischen Geprages
vermissen. Noch hiiufiger ist dieses bei onanistischer Aufreizung
und bei Sexualausschweifungen der Fall. Nur geht bier wegcn
des Safteverlustes die reizbare Schwache mehr oder minder sclinell
in eine torpide liber, und Verfall dcr dem Ruckenmarke imrna-
nenten Krafte macht sich geltend. Darin zeigt sich der erlieb-
lichste Unterscbied der Hysterie in den beiden Gesclilechtern : bei
dem miinnlichen ist sie eine transitorische Affection, die kaum so
festen Fuss fasst, um das wichtige psycliische Verhiiltniss zu be-
griinden, abgesehen von den ubrigen durch das Uterinsystem be-
dingten Modificationen. Bei dem weiblichen Geschlechte dagegen
ist die Quelle der Krankheit eine perennirende.
/
474
SPINALE KRAEMPFE.
Nachst der von Genitalienreizung entstehenden Reflexneurose
kommt diejenige in Betracht, welche entweder von Verletzung
und krankhafter Veranderung peripherischer sensibler Nerven oder
von unmittelbarer Betheiligung des Riickenmarkes abhangig ist,
und unter dem Namen
Tetanus
begriffen wird.
Im Allgemeinen sindfolgeude Merkmale karakteristisch: Kram-
pfe in den von cerebrospinalen Nerven versorgten Muskeln; an-
haltende Steigerung der Reflexerregbarkeit , wodurch jedem an-
gebrachten Reize ein unumschrankter Einfluss auf Erregung von
Convulsionen eingeraumt wird; andauernde Contraction der vom
Krampfe befallenen Muskeln, einzelner oder mehrerer; rascher
Verlauf; drohende Lebensgefahr.
Unter den verschiedenen Formen tetanischer Affection ist der
Wundstarrkrampf, Tetanus traumaticus
diejenige, deren Geschichte am vollstandigsten vorliegt.
Zwischen Verletzung und Ausbruch der Krankheit verlauft ein
Intervall von verschiedener Dauer, in welcbem oft Vorboten sich
melden, deren Kenntniss um so wichtiger ist, weil ihre Gering-
fugigkeit sie leicht ubersehen lasst. Es sind: Eintritt von schmerz-
hafter Empfindung in dem verwundeten Theile, selbst nach des-
sen Heilung und Vernarbung. Morgan , einer der treuesten Be-
obachter des Tetanus, erwahnt eines Falles von Verletzung der
Hand, wo zwei Monate, nachdem bereits die Wunde vollstandig
geheilt und weder der Gebrauch der Hand, noch ausserer Druck
empfindlich war, ein neuralgischer Sclimerz in den Daumenmus-
keln dem Eintritte des Slarrkrampfes voranging. Bei der Section
fanden sich zwei Ilolzsplitter in dem M. abduct, pollic., welche
auf einen Zweig des N. radialis driickten. (A lecture on tetanus.
London 1833. p. 7.). Ilautschauer , die gewohnlich als Fieber-
TETANUS.
475
frosteln gedeutet werden, stellen sich dfters ein, und kdnnen bis
zum Schiittelfroste steigen, wie es bei einem meiner Kranken
der Fall war. Halsschmerzen und Schlingbeschwerden bestarken
in der Annahme einer leichten Erkaltung. Daraul erfolgt der
Ausbruch des Krampfes in dem Sitze der Verletzung oder ent-
fernt davon. In dem ersten Falle ziehen sich die Muskeln des
verwundeten Theils starr zusammen, oder zucken gewaltsam von
Zeit zu Zeit, und dieser ortliche Krampf geht wie eine Aura
dem allgemeinen voran. (Ygl. Dupuytren traite theor. et pract.
des blessures par armes de guerre, p 51. p. 54., und Key in
Guy’s hospital reports vol. I. p. 119.). Bei weitem haufiger aber
nimmt der Krampf in den Kau- und Schlundmuskeln seinen An-
fang und breitet sich auf die Muskelschichten des Nackens, des
Riickens, der vorderen Rumpfflache , seltner der Extremitiiten aus,
wodurch Schwierigkeit und Unfahigkeit zu schlingen, die Kiefer '
von einander zu entfernen, erschwerter Athem, Ruckwartsbiegen
des Kopfes und Rumpfes, Streckung der Glieder bedingt wer-
den. Yon Anfang an ist die Retlexspannung excessiv: theils er-
folgen von selbst motorische Entladungen in die Muskeln, und
convulsivische Erschiitterungen des Rumpfes und Athemkrampfe
wechseln mit Nachlassen ab, theils werden dieselben durch jeg-
lichen Reiz angeregt, durch Druck auf die verwundete Stelle,
Beruhrung der Haut, Erschiitterung des Bettes, des Fussbodens,
der umgebenden Luft, Getose, Schlingversuche , ja selbst durch
den Reiz der Vorstellung: schon bei der Intention zu trin-
ken, oder irgend eine Bewegung vorzunehmen, bebt und fahrt
der Kranke zusammen, und wird an der Ausfuhrung verhindert.
Ausser dem Wechsel zwischen Contraction und Erschlaffung, zwi-
schen Krampfanfallen und ruhigen Intervallen beharrt die moto-
irische Spannung in einzelnen Muskeln auf einem ausserordentli-
'chen Grade, sogar bis zur Zerreissung der Muskelfasern. Schon
'die Gesichtsziige bekunden eine Spannung: die Scharfe der Con-
ture giebt den eigenthiimlichen tetanischen Ausdruck und ein al-
476 '
SPINALE KRAEMPFE.
terndes Ausselien. In den Masseteren und Temporalmuskeln,
in den Nacken- und Bauchmuskeln ist die Contraction am stii-
tigsten und stiirksten. Peinigender Muskelschmerz, vvie im Waden-
krample, begleitet gewohnlich die Paroxysmen und den Versuch
die contrahirten Muskeln auszudehnen, den Mund zu offnen, den
Kopf zu bewegen. Auch hort man viele iiber heftigen Schmerz
klagen, der sich von der Magengrube unter dem Process, ensi-
formis nach dem Riicken zieht, und den Kriimpfen , besonders
der Bauch- und Athemmuskeln vorangeht. Angstgefuhl und Be-
klemmung begleiten haufig. Bewusstsein und Sinnestbiitigkeit
sind ungestort, Schlaf ist selten, zuweilen mit Nachlass der Mus-
kelspannung, die beim Erwachen zuruckkehrt. [Curling, a trea-
tise on Tetanus. London 1836. p. 20.). Die Stimme ist oft ver-
iindert, rauh, schwach. Die Herzaction mehrentheils beschleu-
nigt, am betrachlichsten wahrend der Paroxysmen, wo die ZabI
der Herz- und Pulsschlage auf 120 — 140 Schlage und dariiber
steigt. In denselben ist auch die Haut mit starkem Schweisse
bedeckt, -bei meist gesunkener Temperatur. Harn ist sparsam,
von blasser, heller Farbe, die Ausleerung ofters verhindert. Der
Stuhlgang hartniickig verstopft, zuweilen durch einen Krampf
des Schliessmuskels gehemmt.
Unter diesen Erscheinungen nimmt die foankheit einen jaben
oder minder acuten Verlauf, am haufigsten von zwei bis vier Ta-
gen , selbst nur von einigen Stunden : doch fehlt es nicht an Bei-
spielen, wo der Tetanus seine Dauer auf zwei bis vier, selbst
funf Wochen ausgedehnt hat. Der Tod erfolgt entweder sufFo-
catorisch unter heftigen , convulsivischen Stossen , oder was selte-
ner der Fall ist, in Folge hochster Erschopfung, in der Remis-
sion, nach trugcrischem Scheme von-Ruhe und Erschlaffung. Sein
Eintritt fallt meistens auf die ersten vier Tagc, unter 128 Todes-
fallen 83 mal. (S. Dr. Friedrich’ s lobenswerlhe Dissertation: de
tetano traumatico. Berolini 1837. p. 17.). Die Gcncsung kommt
langsam, mehrentheils von der zweiten his vierten Wochc, unter
TETANUS.
477
aUmatdichem Nachlasse der tetanischen Spannung in den einzel-
nen Muskelgruppen, ohne augenf allige Crisen, zu Stande.
Nach dem Tode hort gewohnlich die Contraction der Muskeln
auf, und der Korper bleibt einige Stunden schlafF, ehe der Rigor mor-
tis eintritt: einmal sab jedoch Sommer den tetanischen Krampf an
den Kicfern, wo auch die Leichenstarre zu beginnen pllegt, un-
mittelbar in dieselbe sicli fortsetzen ( Muller Handbuch d. Physio-
.gie. 2. Bd. S. 44.). Ruptur der Muskelfasern mit Blutextravasat
ist in mehreren Fallen angetroffen worden: von Larrey (Clinique
chirurgic. T. I. p. 122) und Carling (I. c. p. 75.) im Muse. rect.
abdom., von Dupuytren (1. c. p. 55.) in den Nackenmuskeln , von
lEarle (Med. cbirurg. transact, vol. YI. p. 93) in dem Psoas ma-
1 jor und rectus. xAndere Befunde in dem Muskelgewebe sind be-
ireits S. 290 erwahnt worden. Vcranderungen in den peripheri-
>5chen Nerven wurden bei genauer Untersuchung oft aufgefunden
rand sind von Wichtigkeit. In dem Sitze der Verletzung hafte-
ten fremde Korper in dem Nerven selbst, so in einem Falle von
I Dupuytren (1. c. p. 57.) der Ivnoten eines Peitschenstrickes im
VN. ulnaris, in einem anderen von Beclard der Knoten einer Li-
-gatur im N. ischiadicus ( Descol dissert, sur les affect, locales des
aerfs. p. 98.). Auf dem hiesigen anatomischen Museum wird die
Ifland eines Tetanischen bewahrt, in deren Volarlliiche das ab-
.gebrochene Stuck eines kleinen Baumzweiges gefunden wurde.
IPartielle Durchschneidung eines Nerven ( Swan a treatise on di-
seases and injuries of the nerves, new edit. p. 343.), Entziin-
dung, Verdi ckung und Verhartung ( Curling 1. c. p. G7.) fan-
den sich in der Niihe der Wunde, und nicht bloss hier, auch
mtfernt davon in dem Laufe der Nervenbahn bis zum Riicken-
narke hin sind Vcranderungen beobachtet worden. Lepdlelier
lat im Jahre 1826 der Pariser Academie mehrere Falle mitge-
theilt, wo sich Entziindung vom verletzten Theile das Ncurilemm
entlang bis zu den Mcmbranen des Riickenmarkes ausgebreitet
datte. (Rdvue m(5dic. 1827. T. IV. p. 183.). Bei einem funfzehn-
478
SPINALE KRAEMPFE.
jahrigen Knaben stellte sich drei Tage nach der Amputation des
Unterschenkels, als die Wunde schon verlieilt war, grosse Em-
pfmdlichkeit des Stumpfes mit Zuckungen der Muskeln ein, am
sechsten Tage der Trismus und Athemkrampfe , am achten der
Tod. Ein ldeiner Abscess liatte sich im Stumpfe gebildet mit
Entziindung der umgebenden Theile. Der N. ischiad. war ari
dieser Stelle erweicht, von violetter Farbe, mit Blut stark inji-
cirt, und hatte dieses Ansehen 8 — 10 Zoll aufwarts bis zur Hiifte.
Die Pia mater des Riickenmarkes war in der Nahe des Ursprungs
dieses Nerven sehr injicirt, ein rothliches Extravasat land sich
zwischen den Membranen, und das Riickenmark selbst war in
der Mitte der Dorsalregion erweicht. Curling fiihrt zwei Fiille
an, wo die Entziindung in dem Nerven kleine Inseln mit zwi-
schenliegender gesunder Substanz gebildet hatte. (1. c. p. 73.).
Froriep hat in neuerer Zeit musterhafte Untersuchungen bekannt
gemacht (Ueber die Ursache des Wundstarrkrampfes und die Be-
handlung desselben in „Neue Notizen aus dem Gebiete der Na-
tur- und Heilkunde 1837. 1. Bd. No. 1.), aus welchen hervor-
geht, dass der Tetanus nach directer Verletzung der Nerven ein-
trat, sowohl durch Druck mittelhar durch die umgebenden Weich-
theile hindurch, so wie unmittelbar auf den Nervenast allein, als
auch durch Stich, Zermalmung und Zerreissung, und dass in al-
ien diesen Fallen, sieben an der Zahl, die gereizten Nerven auf
gleiche Weise eine eigenthiimliche entziindliche Verand'erung,
knotige Anschwellung und Rothung an einzelnen, durch unver-
anderte Strecken von einander getrennten Stellen , von der Wunde
bis zum Riickenmarke zeigten, welche sich in andern Fallen, und
namentlich wo kein Tetanus vorhandcn ist, nicht findet. — In-
jection und Entziindung der Semilunarganglien hatte bereits Lob-
stein im traumatischen Tetanus beobachtet (de nervi sympathetici
humani fabrica, usu et morbis p. 152.), und Siccui hat von neuem
die Aufmerksamkeit darauf geleitet (1. c. p. 333.). Ueber die
Befunde im Ruckenmarke und Gehirne liisst sich im Allgemeinen
TETANUS.
479
festsetzen, class sie durchaus unbestiindig sind. Dahin gehoren
Blutstasis, Injection, Entzundung, Exsudate, Erweichung, Ver-
Ihartung. Die beschrankte Erfalirung des Einzelnen hat oft zu
voreiligen Folgerungen und Missdeutungen verleitet. Dasselbe
:gilt von den Veranderungen anderer Organe, der Lungen, des
Darmkanals, welche entweder von der asphyctischen Todesart oder
von Complicationen oder von Einwirkung der in Gebrauch ge-
zogenen Mittel abhiingig sind.
In der Aetiologie ist zuvorderst das traumatische Moment
zu wiirdigen. Es giebt zwar keine Verletzung, noch so verschie-
den der Art und dein Sitze nach, welche nicht den Ausbruch
des Tetanus zur Folge gehabt hiitte, allein vorzugsweise sind es
'Stich- und gerissene Wunden, durch Holzsplitter, Nagel etc. (un-
ter den in der oben angefuhrten Dissertation zusammengestellten
176 Fallen 71), Contusionen, Fracturen mit vielen Knochen-
splittern (61), Schusswunden (33), Amputationen (11), seltener an-
dere chirurgische Operationen, Brandwunden, Frost etc. Bei
dem haufigeren Sitze aller Yerletzungen in den Extremitaten, be-
■ sonders in den Handen und Fussen , ist die grossere Frequenz
des Starrkrampfes nach Yerwundungen dieser Theile nicht auf-
fallend: so kommen unter 128 von Curling verglichenen Fallen
110 auf die Gliedmassen, und unter diesen 69 auf die Hande
und Fiisse. Meistentheils , zumal bei Stichwunden, ist die Ver-
inarbung bereits eingeleitet oder zu Stande gekommen, so dass
der Kranke sich offers der Verletzung, wenn sie unbedeutend
war, nicht mehr erinnert, und eine genaue Untersuchung zu ih~
rer Entdeckung erfordert wird. In einem Falle von Tetanus,
welchen ich im Jahre 1824 beobachtet habe, liiugnete der Kranke,
ein Tagelohner, jegliche Verwundung, die erst nach vorgenom-
menem Abwaschen der Extremitaten auf dem Riicken des rech-
ten Fusses aufgefunden wurde: es war eine harte Narbe einer
zehn Tage zuvor durch das Auffallen einer Mistgabel erhaltenen
Stichwunde. Nicht selten entsteht aber auch wahrend der Eite-
480
SPINALE KRAEMPFE.
rung tier Tetanus, in dessen Yerlauf nach Travers Arigabe so-
gar der Ileilungsprocess. der Wunde seinen Fortgang nehmen
kann (a further inquiry concerning constitutional irritation etc.
p. 301.). Der Zeitpunkt des Eintritts der Krankheit nach der
Vrerletzung ist vcrschieden, ausnahmsweise unmittelbar oder in
den ersten Stunden, gewohnlich im Laufe von vierzehn, seltner
von ein und zwanzig Tagen, am seltensten nach dieser Frist: die
grosstc Zahl der Erkrankungen fallt auf den Zeitraum zwischen
dem dritten und zehnten Tage, unter 208 Fallen bei 112.
Von den Ursachen, welche die Entstehung des Tetanus nach
einer Verwundung begiinstigen, hat man noch keine genugende
Kenntniss. Im Alter und Geschlecht trifTt man zwar auf einige
Vcrschiedenheiten — so waren 1G6 Erkrankte im Alter von 5
bis 40 Jahren, wahrend nur 32 in dem Alter vom lten bis 5ten
und vom 40ten bis 70sten Jahre sich befanden — so waren un-
ter 252 Kranken 210 mannlichen, 42 weiblichen Geschlechts —
allein hier ist die Dilferenz auch auf die mehr oder minder hau-
fige Gelegenheit zu Verletzungen zu beziehen, so wie dieses in
Betreff* der verschiedenen Stande und Gewerbe auch der Fall ist.
Weniger zweifelhaft sind gewisse atmospharisc'he, climatische und
psychische Verhaltnisse. Es stimmen alle Chirurgen, besonders
die auf Schlachtfeldern und in Lazarethen ihre Beobachtungen
im Grossen gesammelt haben, in der Anerkennung einer auf heisse
und trockne Temperatur schnell folgenden Kalte und Feuchtigkeit
als des giinstigsten Moments iiberein ( Schmucker chirurg. Wahr-
nehmungen. Bd. 2. Beob. 6. Larrcij clinique chirurgic. T. I.
p. 90.). Der jahe Eindruck eines kalten Luftstromes oder Luft-
zuges lasst sich oft als Anlass nachweisen ( Hennen principles
of military surgery. 3. edit. vol. I. p. 244.). Dupuytren (1. c.
p. 51.) sah in Hospitalern den Wundstarrkrampf am leichtestcn
bei schlechtem Luftungssystem ausbrechen, wenn kalte Luftziige
auf die Krankenbctten stiessen. Das tropische Clima ist dem Te-
tanus gunstig, und der farbige Menschenstamm, besonders in der
TETANUS.
481
•Sclaverei, weit hiiufiger ausgesetzt als die Europiier. Die Wirk-
samkeit endemischer Einfliisse kann aus dem verschiedenen Ver-
haltnisse der Krankheit in den verschiedenen Gegenden vermu-
thet werden. So gehort in Berlin der Tetanus, aucli in deti Ho-
spitalern, zu den seltensten Krankhciten. Gemuthsaffecte sind von
wichtigcm Einllusse, zumal Schreck durch plotzliches Gerausch,
Kanonenschusse , Sturmgelaute in der Nacht, wodurch Dupuytren
in der Julirevolution bei vielen Verwundeten im Hotel -Dieu den
Tetanus mit grosser Intensitat entstehen sah. Gastrischen Rei-
zen, Entzundung, abnormer Secretion des Darmkanals, ITelmintben
ist von Einigen ( Abeniethy , Swan ) ein wichtigerer Antheil zuge-
'Schrieben worden, als sich aus den vorliegenden Thatsachen ent-
inelnnen liisst. Am seltensten ist der Tetanus in Folge schwerer
;Entbindungen beobachtet worden ( Curling \ c. p. 116.). Von
;grossem Belang erscheint in atiologischer Beziehung die Abnahme
der Frequenz des Wundstarrkrampfes in neueren Zeiten durch
verbesserte und r'ucksichtsvollere Behandlung der Verwundeten.
'Wenn Lind noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts anfiihrt,
dass nacb Amputationen fiinf Falle unter sechs todtlich enden
(an essay on the most effectual means of preserving the health
oof seamen in the Royal Navy 1757.), wenn Gilbert Blane in
j-seinen Diseases of Seamen p. 3. erwahnt, dass unter 810 im
April 1782 in Westindien Verwundeten 30 vom Tetanus befal-
i ten wurden, wovon 17 starben, so weiset Dickson (on tetanus
bn Medic, chirurg. transact. 1816. vol. VII. p. 461) die auffallende
Abnahme in den neueren Seekriegen aus seinen und Anderer Be-
irichten nach, so dass unter der Zahl von 23 Amputationen nur
ein Fall von Wundstarrkrampf sich ereignete.
Diagnostisches und Nosologischcs. — Die auf den
hochsten Grad gesteigertc Reflexerregbarkeit ist das Criterium,
welches den Tetanus von andern krampfliaften Affectioncn, deren
IHeerd das Riickenmark ist, unterscheidet. Aehnliche motorische
lEntladungen, ahnliche spastische Attit'uden kommen aucli bei Me-
482
SP1NALE KRAEMPFE.
ningitis spinalis vor, allein es felilt dcr Despotismus (wenn icli
niicli so ausdriicken darf) der Rellexpotenz, welcher den Muskel-
apparat eines Athleten in die Abhiingigkeit von einer schwacli
gereizten Hautstelle setzt. Dieses ist auch der Unterschied von
den Krampfen einzelner Muskelgruppen, z. B. der masticatorischen,
selbst, wenn sie durch analoge Einfliisse, wie die tetanische Af-
fection erregt werden, worauf bereits bei der Schilderung des Ge-
sichtskrampfes (S. 314) aufmerksam gemacht worden ist. In den
bisherigen Eintheilungen des Tetanus ist dieses Element ausser Acht
gelassen worden, und so konnte es nicht fehlen, dass sie weder
wissenscliaftlich noch technisch ergiebig waren, und selbst die
Verwirrung steigerten. Am unbedeutendsten ist die Eintheilung
nach der Yerschiedenheit der vom Krampfc befallenen Muskel-
schichten in Trismus, Orthotonus, Opisthotonus, Emprosthotonus,
Pleurosthotonus: die beiden letzteren Formen gehoren zu den
grossten Seltenheiten, der Trismus kann fehlen ( Dupuytren 1. c.
p. 54), und uberhaupt ist es nicht die Contraction, noch die durch
dieselbe hervorgerufene Stellung, welcke den Tetanus karakteri-
siren. Eben so wenig wie die raumliche bietet die zeitliche Dif-
ferenz (Tetan. acutus und chronicus) einen Halt dar: es liegt die-
selbe Bedingung zu Grunde, mogen die Erscheinungen der Krank-
heit in eben so viel Stunden oder Tagen ihren Verlauf nehmen:
zudem ist der Ausdruck chronisch fur einen Cyclus von einigen
Wochen nicht gerechtfertigt. Unstatthaft ist der nosologische
Gegensatz des Wundstarrkrampfes als eines symptomatischen Te-
tanus zum idiopathischen: denn die centripetale Erregung durch
traumatische Nervenreizung ist nichts als ein atiologisches Moment
fur die Bedingung der Krankheit, fur die Steigerung der Rellex-
spannung. Ganz irrig ist endlich die Eintheilung in entzundlichen
und krampfhaften Tetanus, oder wie Curling (I. c. p. 203) vor-
schlagt, in einen acuten, in einen acuten entzundlichen, und in
einen chronischen Tetanus. Wir haben hier wieder, wie an so
vielen anderen Beispielen den Beweis, dass der Mangel pathologi-
TETANUS.
483
scher Wahrheit (lurch scholastisches Schematisiren nicht ergiinzt
werden kann. Fruclitbarer, wenn auch noch nicht erschopfend,
ist die physiologische Untersuchung der tetanischen Affection. Es
ist bereits zuvor erinnert worden, dass es keiner bewussten
Empflndung bedarf, um Reflexactioncn zum Yorschein zu brin-
gen, und so sieht man in dem Tetanus oft die Reflexerregbar-
keit zum Excesse steigen, ohne dass die Verletzung von erheb-
licher Schmerzempfindung begleitet ware, ja die Falle sind nicht
selten, wo die Wunde bereits ganz und gar vergessen war. Ein
Intervall zwischen Verletzung und Ausbruch der Krankheit ist
nothwendig, damit das Ruckenmark in denjenigen Grad von Re-
flexspannung versetzt werde, den wir bei decapitirten Thieren
durch Yerwundung des Riickenmarks oder in anderen Fallen durch
Vergiftung sofort hervorbringen kdnnen. Man hat zwar Beispiele
angefuhrt , wo die Entstehung des Starrkrampfes mit der Wunde
coincidirt haben soil, allein entweder sind blosse Reflexzuckun-
gen mit tetanischer Affection verwechselt worden, oder die letz-
tere war schon vorbereitet, wie z. B. in folgendem von Swan
(1. c. p. 341) mitgetheilten Falle. Blizard nahm an einer Frau
die Operation des Aneur. poplit. nach der alteren Methode vor,
durch Oeffnen des Sackes und Anlegen einer Ligatur ober- und
unterhalb der Geschwulst. Alles ging erwiinsekt, bis eines Ta-
ges das Glied aus der flectirten Stellung gebracht und extendirt
wurde, da schrie die Kranke plotzlich fiber furchterlichen Schmerz
auf, verfiel bald darauf in Tetanus, und starb. Bei der Section
fand man, dass der Hautnerv, der die kleinere Ven. saphen. be-
gleitet, bei der Operation durchschnitten zu sein schien, und dass
das obere angeheftete Stuck in dem Streckversuche jahlings ge-
zerrt worden war. — Die peripherische nach dem Ruckenmarke
sich ausbreitende Reizung, wofiir ein materieller Ausdruck in
der inselformigen Propagation der Entziindung des Neurilemms
gegeben ist,' bleibt auch nach Ausbruch der Krankheit in ihrem
bestimmten Verhaltnisse zur Centralpotenz, ein Umstand, der fur
Romberg’s Nerrenkrankb. I. 2,
1 •
484
SPINALE KRAEMPFE.
die Therapie von Wichtigkeit ist. Travers erziihlt, dass ein
Mann nacli Amputation des Schenkcls von heftigen tetanischen
Krampfen befallen wurde. Bei Untersuclmng des Stumpfes fand
man den Cruraln erven in einer Ligatur eingeschlossen , nach deren
Losung die Krampfe allmahlich aufhortcn (1. c. p. 321.). Die
Plianomcnc der gesteigerten Rcflexerregbarkeit selbst bieten Ei-
genthumlichkciten dar, nicht bloss in der motorischen, sondern
auch in der sensibeln Sphare. Schon aus den von Stannius sinn,-
reich angestellten Yersuchen (Ueber die Einwirkung des Strych-
nins auf das Nervensystem in Mullers Archiv. 1837. S. 231.)
liatte sich ergeben, dass bei dem Tetanus der Frosche in Folge
von Strychnin -Vergiftung die sensibeln Nerven vom Riickenmarke
aus eine ungewohnliche Steigerung ihrer Erregbarkeit erfahren
oder gleichzeitig selbst gereizt werden, und dass sie nun , so ver-
iindert, auf das Riickenmark zuriickwirkend erst mittelst dieses
zu den eigentbiimlichen Krampfen Anlass geben. Diese erhohte
Reizbarkeit der peripherisclien sensibeln Nerven lasst sich bei je-
dem Tetanuskranken beobachten, mag auch die cerebrale Sensi-
bilitat wie bei den Individuen bbotischen Schlages auf dem Null-
punkt stehen.. Jener Mensch, der bei der schmerzhaftesten Yer-
letzung oder Operation stumpf bleibt, fcihrt, vom Tetanus befal-
len, zusammen, wird convulsivisch erschiittert, sobald man seine
Haut beriihrt. Allein nicht auf alle motorischen Bahnen er-
folgt der Refleximpuls gleichmassig: die cerebrospinalen wer-
den bei weitem haufiger^ und starker betheiligt, als die sympa-
thischcn, ob aussschliesslich, wie einige annehmen, ist unent-
schieden: denn um iiber die Action des Herzens in dieser Krank-
heit ein Urtheil zu fallen, reicht der Puls als Masstab nicht aus, es
bedarf noch einer sorglaltigen auscultatorischen Untersuchung. Die
blosse Zunahme der Pulsfrequenz wahrend der convulsivischen
Paroxysmen kann keinesfalls bei dem grossen Einflusse der Mus-
kelcontractionen auf die Bewegunger. des Herzens als Beweis fur
eine krampfhafte Action desselben gelten. Eine Beobachtung
TETANUS.
485
von How ship, so interessant sie auch ist, steht noch zu isolirt
da: bei einem Tetanischen, der iiber heftige Scbmerzen in der
Herzgegend geklagt hatte, mid dessen Section, elf Stunden nach
dem Tode, bei noch warraem Korper vorgenommen wurde, war
das ITerz, besonders im Langedurchmesser so sehr verkurzt, dass
es nur den vierten Theil des Raumes in der Hohle des Pericar-
dium einnahm. Der Widerstand beim Drucke war iiberaus fest,
wie von einem hornartigen Korper. Vorhofe und Kammern wa-
ren betrachtlich contraliirt: die Wandungen des linken Ventrikels
lagen dicht auf einander, so dass auf einem Durchschnitte die
Iiolile kaum sichtbar war. Ungefahr eine lialbe Unze Blut war
im rechten Ventrikel, eine Unze im reclrten Vorhof, weit weni-
ger im linken. AIs das herausgenommene ITerz ein Paar Stun-
den darauf untersucht wurde, zeigte es sich in einem vollkommen
erschlafften Zustande, war grosser und weicher ( Curling 1. c.
p. 11). Und nicht bloss die sympathischen Bahnen werden vom
Refleximpulse verschont, auch unter den cerebrospinalen giebt es
einzelne, die vorzugsweise getroffen werden, die masticatorischen,
die respiratorischen , wahrend die Nerven der Bumpfglieder oft
frei bleiben. Selbst halbseitig, und zwar auf der Seite der Wunde,
sollen in einigen Fallen die tetanischen Erscheinungen sich ge-
zeigt haben.
Prognose und Behan dlung. Obschon der Wundstarr-
krampf zu den am haufigsten todtlichen Krankheiten gezahlt wird,
so scheinen doch bisher zur Begrimdung des prognostischen Ur-
theils die begleitenden Umstande (Clima, Pflege, Anstrengungen,
Gemiithsalfecte etc.) noch zu wenig beriicksichtigt worden zu
sein. Man iiberzeugt sich hiervon, wenn man die Beobachtungen
der Aerzte in der heissen Zone, wenn man die Erfahrung der
Militiirchirurgen mit den Ergebnissen der von Curling und Dr.
Friederich gegebenen Tabellen vergleicht. ITier fast die Halfte
der Kranken gerettet, dort, z. B. in Macgrigors Bericht von dem
englisch-spanischeri Feldzuge (on diseases of the army in Med.
32 #
486
SPJNALE KRAEMPFE.
chirurg. transact. Vol. VI. p. 449) nntcr einigen Hundert Er-
krankungcn nur iiusserst wenige Beispicle von Ileilung. An si-
cheren prognostischen Criterien fur die einzelnen Falle fehlt es
annoch. Der zuverlassigstc Masstab scheint der Vcrlauf und
die Dauer der Intervalle zwischen den convulsivischen Paroxys-
mcn zu sein. Folgen diese jahe auf einander, ist die Reflexspan-
ming ununterbrochen, bietet der Tetanus das Bild eines morbus
acutissimus dar, so schwindet fast jede Hoffnung: „es ist, wie
Cams treffend sagt, gleichsam „ein Ausstromen der Innervation,
„wodurch dieser wesentlichste Lebensquell eben so erschopft wird
„als das Bildungsleben durch Ausstromen des Blutes aus einer
„grosseren Schlagader und durch ungemessene Absonderungen wie
„in der Cholera“ (System der Physiologie 3. Tbl. S. 394). Wo
Heilung stattgefunden , war der Verlauf grdsstentheils trage , auf
Wochen ausgedehnt, und die Zwischenraume der Paroxysmen
liinger. Unter den einzelnen Svmptomen hat Parry (Cases of
tetanus and rabies contagiosa 1814 p. 18) auf die Pulsfrequenz
das grdsste Gewicht gelegt, und die Behauptung aufgestellt, dass
wenn beim Erwacllsnen am 4ten oder 5ten Tage der Puls nicht die
Zahl von 100 oder 110 Schliigen hat, die Genesung meistens zu er-
warten steht, dagegen bei einer schon am ersten Tage auf 120 und
druber steigenden Frequenz fast immer der Ausgang todtlich ist.
Andere Beobachtiuigen haben diesen Ausspruch nicht gerechtfer-
tigt ( Curling p. 15.). Wichtiger fur die Prognose ist die respi-
ratorische Action: friiher Eintritt und Wiederholung suffocatori-
scher Zufalle bekunden die grosste Gefahr.
Beobachtungen von Naturheilung, selbst unter sehr mis-
liclien Umstanden, sind mitgetheilt. Macgrigor (1. c.) erzahlt von
einem Soldaten, der auf dem Marsche nach einer leichten Ver-
wundung am Finger von hcftigem Tetanus befallen wurde. Man
mochte ihn nicht in einem elcnden spanischen Gebirgsdorfe zu-
r'ucklassen, und liess ihn auf einem mit Ochsen bespannten Kar-
ren hinter dem Regimente nachfahren. Von 6 Uhr Morgens bis
TETANUS.
487
10 Uhr Abends blieb er dem Regen, dem Sclinee und einem
Wechsel der Temperatur von 52 bis 30° F. ausgcsetzt, kam cr-
starrt an, allein frei von tetanischcn Symplomen. — Audi Mor-
gan, Aslley Cooper u. A. sahen in einzclnen Fallen oline alle
Kunsthiilfe Genesung crfolgen, dodi betrafen diese die trager
verlaufende Form der Krankheit. Hiermit stimmen auch die Er-
folge des tedinischen Verfahrens iiberein, weldie man in dem
trostlosen Resultate zusammenfassen kann, dass, wo der Tetanus
als morbus acutissimus auftritt, keine Heilmethode fruchtet, da-
gegen in der milder und langsamer verlaufenden Form die Ilei-
Iung nach dem Gebraudie der vcrsdiiedenartigsten Mittel ofters
zu Staude kommt.
Als Aufgabe der Behandlung stellt sidi Beseitigung des Re-
flexreizes und Herabstimmung der Reflexerregbarkeit. Fjir den
ersten Zweck werden besonders chirurgisdie Hulfsleistungen em-
pfolilen, unter denen Amputation und Durchschneidung des Ner-
ven zu wiederholtenmalen ausgefiihrt worden sind. Jedodi stim-
men im Widerrathen der Amputation nach Ausbruch cles Teta-
nus, welche an und fur sich und durch ihre Folgezustande Ent-
ziindung, Eiterung, die Reflexerregbarkeit nodi mehr steigert,
die beriihmtesten Wundiirzte unserer Zeit iiberein, und Dupuy-
trcn (1. c. p. 51) sah selbst in jenen Fallen keinen Erfolg davon,
wo die Krampfe vom verletzten Theile ausgingen. Zur Durch-
schneidung der durch die Verletzung gereizten Nervenfasern for-
dern einige Beispiele gelungenen Erfolges auf, z. B. der von
Murray beobachtete Fall eines funfzehnjahrigen Schiffsjungen, der
sich im Monat August 1832 auf einer Reise nach Madras, 9 Uhr
Abends einen rostigen Nagel in die linke Fusssolde getreten hatte.
Die Nacht hindurch, welche kalt und sturmisch war, blieb er auf
der Wache, und hatte starke Schmerzen im Fusse. Am folgen-
dcn Morgen, 8 Uhr, klagte er liber Steiflieit in den Kiefer- und
Halsmuskeln, welche schnell an lntensitat zunahm. Das Gcsicht
driickte Angst aus, die Lippen waren geschwollen und livide.
488
SPINALE KRAEMPFE.
Die Kinnladen standen nalie an einander, so dass sich ein Stuck—
clien Holz mit Schwierigkeit zwischen die Zahne schieben liess.
Zvvei Stunden darauf breitete sich dcr Krampf auf die Rucken-
muskeln aus, das verletzte Glied fuhlte sich kalt an, und war
schmerzhaft in der Nahe der Wunde. Der Puls war von 120
Schliigen, und der gauze Zustand deutete die hochste Gefahr an.
Bei der Unwirksamkeit der in Gebrauch gezogenen Mtttel ent-
schloss sich Dr. Murray zur Durchschneidung des N. tibialis po-
sterior. Der zum Doppelten seines gewohnlichen Umfangs an-
geschwollene Nerv wurde mit einer Aneurysmanadel in die Hohe
gehoben, und schnell durchschnitten, was von heftigem Schmerze
begleitet war, nllein gleich darauf offnete der Kranke den Mund,
schrie laut vor Freude auf, und sagte, dass sein Bein wieder
auflebe. Nach drei Tagen waren alle tetanischen Zufalle ver-
schwunden, es zeigten sich keine Beschwerden beim Gehen, nur
blieben die Ferse und kleine Zehe gefuhllos ( Grainger ob-
servations on the structure and functions of the spinal cord. p.
97). In einigen anderen unvollstandig mitgetheilten Fallen bleibt
es zwar zweifelhaft, ob der Trismus Symbol der tetanischen Af-
fection war (vgl. S. 314), allein, wie dem auch sei — die Durch-
schneidung des Nerven von geubter Hand, mit gleichzeitiger An-
wendung ortlicher Blutentleerungen ist jedenfalls, sowohl im An-
fange als im Yerlaufe der Krankheit, obgleich auch sie offers
erfolglos geblieben ist, zu versuchen.
Den Excess der Reflexerregbarkeit zu mindern sei schon das
diatetische Regimen bestimmt. Der Tetanische liege in einern
dunkeln Zimmer, entfernt von Gerausch und von storenden Be-
suchen, verschont mit jeder unniitzen Berubrung und Bewegung,
besonders mit gewaltsamen Schlingversuchen, worauf fast unaus-
bleiblich convulsivische Ausbriichc folgen. Rathschlage wie etwa
Larrcys zum Einbringen einer diinnen biegsamen Rohre durch
die Choanen in den Schlund, odcr zum Auszichcn einiger Zahne
um die Mdicamcntc bcizubringcn, sind verwerllich. Die Tern-
TETANUS.
489
peratur sei erhoht, die Warme nach Dupuijtren’s Vorschlag feucht,
erschlaffend vermittelst Wasserdampi'e. Ambroise Pare hat einen
Kranken, der vierzehn Tage nach der Amputation des Yorderarms
von Tetanus befallen worden war, durch Einhullen in Mist ge~
heilt. „Or je ne puis obmettre h raconter que quinze jours apres
suruint au pauure soldat un spasme, lequel j’auois prognostique
a cause du froid, et qu’il estoit mal couchd en vn grenier, la ou
non-seulement auoit peu de couuerture mais aussi estoit expose
h tous les vents, sans feu et autres choses ndcessaires h la vie
humaine; en le voyant en tel spasme et retraction des membres,
les dents serrees^ les l&vres et toute la fasse tortiie et rdtiree,
comme s’il eust voulu rire du ris sardonic, qui sont signes ma-
nifestos de conuulsion, emeu de pitie, et desirant faire le deu de
mon art, ne pouuant autre chose luy faire pour lors, le fis mettre
en une estable en laquelle estoit un grand nombre de bestail et
grande quantite de fumier, puis trouuay inoyen d’avoir du feu
en deux rechauds pr£s lesquels luy frottay la nucque, bras et
jambes, euitant les parties pectorales, avec liniments, ci-devant
escrits pour les retractions et spasmes. Aprhs enueloppay ledit
patient en vn drap chaud, le situant audit fumier, l’ayant pre-
mikrement garny et couuert de paille blanche ; puis fut dudit fu-
mier trks-bien couuert, ou il demeura trois jours et trois nuicts
sans se leuer dedans, lequel lui suruint un petit flux de ventre
et une grosse sueur etc. Par ces moyens fut guary dudit spasme“
(Oeuvres d’ Ambroise Pare L. XII. C. XXVII). — Bei der gros-
sen Erschopfung der Nervenkraft, welche im Tetanus von Beginn
an oder in seinem Verlaufe eintritt, ist eine antiphlogistische, ent-
ziehende Diat ungehorig, und die neuere Erfahrung, besondcrs
brittischer Aerzte stimmt fur den reichlichen Gebrauch des Weins,
kraftiger Br'uhen etc., um dem Collapsus entgegen zu wirken.
Fiir die Anwendung einzclner Mittel bestimmtc Indicationen
aufzustellen geben die bisherigen Bcobachtungcn kein Reclit, mag
auch Mancher auf pedantische Weisc sich darin ergehen. Es
%
490
SP1NALE KRAEMPFE.
giebt kcine andere Krankheit, wo dcr Mangel einer reinen Er-
fahrung so driickend ist. Die drohende Lebensgefahr liisst selten
Beruhigung in einem Mittel finden, und sclbst therapeutische
Contraste werden oline Scheu an einandcr gereihet. Dennoch
erhiilt sich seit liingerer Zeit die Anhiinglichkeit an ein Mittel,
das Opium, welches man in den Verordnungen fur Tetanische
hochst selten vermisst, daher auch bei den glucklichen Fallen er-
wahnt findet. Schon das mit seiner Dosis getriebene Spiel er-
weckt Misstrauen, urn so mehr, wenn man an den Gebrauch
der monstrosen Gaben yon 3£ Unze in 24 Stunden, 11 Tage
hindurch, oder von mehr als 4 Pfund Tt. Opii, und 6 Unzen,
4f Drachmen Opium in Substanz binnen 10 Tagen die Beob-
achtung von Abernethy halt , der im Magen eines Tetanischen
dreissig Drachmen unaufgeloseten Opiums antraf ( Curling 1. c.
p. 152). Ueberhaupt scheint die Toleranz des Magens, die Em-
pfanglichkeit fur medicamentose Eindriicke und Resorbtion im
Tetanus verringert zu sein: Travers erwahnt eines Kranken mit
stark contrahirten Pupillen, die durch das bis zu einem Scrupel
gereichte Extract. Belladonn. nicht erweitert wurden (I. c. p. 318).
Um so nothiger ist es die Heilmittel auf anderen Wegen beizu-
bringen: Dupuytren hatte bereits gegen Tetanus die Anwendung
des Opium in Clystiren vorgeschlagen (memoire sur la fracture
de l’extremite inferieure du perone im Annuaire des hopitaux),
und endermatische, so wie auch nach Percy’s und Laurent’s Vor-
gang Infusions -Versuche sind zu wiederholen ( Curling p. 201).
Zuverlassiger noch scheint die Wirkung des Tabaks zu sein:
3j oder 3/3 hb. Nicotian, auf 4—6 Unzen infundirt zum Clystire,
und nach Massgabe der Kriifte und der Intensitat der Spasmen
wiederholt. Durchaus nothwendig ist die darauf einzuleitende
Starkung und Belebung durch kraftige Briihe, Wein, fliichtige
Stoffe, Ammonium, Alcohol, Rum etc., denn die Prostration durch
das Mittel ist gewaltig, und momentan erschlafft die motorische
Spannung in den Kau- und Bauchmuskeln. — Von andern Mit-
TETANUS.
491
teln ist der Erfolg zu ungewiss, urn hier erwiihnt zu werden.
Selbst den warmen Badern, den kalten Begiessungen lasst sich
das Wort nicht reden, da jede uberfliissige Handhabung des Kran-
ken den Ausbruch der Krampfe befordert, und Beispiele vorhan-
den sind, wo im kalten Bade plotzlich der Tod eingetreten ist.
Wichtiger ist die Sorge fur Oeffnung des Stuhlgangs durch Cly-
stire und Drastica. Blutentleerungen , zumal allgemeine und co-
piose sind^im Wundstarrkrampfe nicht angemessen, indem sie die
Exaltation der Reflexpotenz steigern, und den Collapsus vermeil--
ren. — In den Fallen giinstigen Ausgangs ist der Kranke noch
langere Zeit vor Erkaltung und Gemiithsaffecten zu schiitzen.
lEin von Key mit Erfolg behandelter Kranke starb auf der Stelle
durch einen Gemuthsaffect ( Travers 1. c. p. 302).
In der Behandlung der Hysterie ist die Wichtigkeit der psy-
ichischen Indication hervorgehoben worden. Lasst sich auch im
Tetanus die Opposition des cerebralen Impulses gegen den Re-
fleximpuls therapeutisch benutzen? Folgender Fall von Cruveil-
/uer, einem zu gewissenhaften Beobachter, urn Zweifel an seiner
Wahrheit zu hegen, diirfte dazu auffordern. In Folge einer
1 Quetschung des Daumens wurde ein zwanzigjahriger Mensch von
Tetanus, mit kramplhaften Erschiitterungen der Athemmuskeln,
ibesonders des Zwerchfells befallen. Alle Mittel blieben unwirk-
'sam, die Gefahr stieg am zehnten Tage aufs hochste — da (ver-
suchte Cruveilhier der unwillkiihrlichen Muskelcontraction eine
willkuhrliche entgegen zu setzen. In der Voraussetzung, dass
der Muskel nicht zugleich zweien Reizen willfahren konne, und
dass der starkere den Sieg iiber den schwiicheren davon tragen
wurde, rieth er dem Kranken tiefe Inspirationen zu machen, in
raschen rhythmischen Ziigen, und um ihm diese Bewegungen zu
• erleichtern, gab er selbst durch abwechselndes Aulheben und
kSenken der Arme den Takt an. Der Erfolg iibertraf die Er-
wartung: die convulsivischen Stosse der Rumpf- und Athemmus-
keln, welche zuvor jede Minute sich eingestellt hatten, kamen
492
SPINALE KRAEMPFE.
erst nach Verlauf einer halben Stunde wieder, als der Krarike
iiusserst ermattet mit dem taktmassigen Einathmen inne gehallen
hatte. Wiederholung des Versuchs mit demselben Resullate.
Endlich schlummerte der Kranke ein, und schlief zwei Stunden
lang. Am folgenden Tage zeigte sich merkliche Besserung: die
Zuckungen kehrten nur nach langen Intervallen wieder, und ver-
schwanden , sobald der Kranke zu dem taktmassigen Athmen seine
Zuflucht nahm. Dieses geschah auch an den folgenden Tagen, und
am 26. war die Genesung vollstandig. (Observation sur le traite-
ment du tetanos traumatique in der R6vue m£dic. franc, et etrang.
1834. T. II. p. 83.).
Tetanus (Trismus) neonatorum,
Es gehen gewohnlich Vorboten voran: Aufschreien im Schlafe,
Zusammenfahren , Verziehen des Mundes, bleigrauer Ring um
die Lippen (J. P. Frank interpret, clinic: de trismo infantum Ter-
gesti endemico p. 372), grelles, eigenthumlich tonendes Geschrei,
wobei das Kind heftig mit Armen und Fiissen zappelt, den Kopf
nach hinten bohrt, die Brustwarze mit grosser Gier fasst, eben
so schnell wieder loslasst und von neuem schreiet. ( Finckh uber
den sporadischen Krampf der Neugebornen, mit einer Vorrede
von Elsasser. Stuttgart 1835. S. 6.). Der Eintritt der Ivrankheit
wird durch gesteigerte Reflexerregbarkeit, durch convulsivische
Paroxysmen. durch beharrende Sparmung einzelner Muskelgrup-
pen bezeichnet. Unter diesen ist es die masticatorische, die zu-
erst befallen wird, den Unterkiefer in einer unbeweglichen Stel-
lung, ein Paar Linien vom Oberkiefer entfernt, etwas nach vorn
geschoben, halt, und das Saugen verhindert. Die mimischen Ge-
sichtsmuskeln nehmen haufiger als im Starrkrampfe der Erwaeh-
senen Theil: die Stirnhaut bildet einzelne grosse Querfalten, wel-
che sich bis zu den Schlafen erstrecken, die Augenlider sind
krampfhaft geschlossen, der Mund spitzt sich, umgeben von strah-
lenformigen Hautfalten (Finckh). Auch auf die Nacken- und
TETANUS.
493
Ri'ickenmuskeln breitet sich der Krampf aus, und der Kopf wird
gewohnlich ruckwarts gezogen. Die Reflexspannung ist so gross,
dass jeder Reiz Zuckungen hervorruft. Schon Hillary sah die
Krampfe plotzlich entstehen, wenn der Puls der Kinder gefuhlt
oder ihre Kleider beruhrt wurden. Ich sah in einem jiingst be-
obachteten Falle die heftigsten Krampfe ausbrechen, sobald ich
den Nabel beruhrte. Helles Licht, starkes Geriiusch, Schlingver-
suche nach dem Einflossen von Milch etc. haben dieselbe Wir-
kung. Doch auch ohne alle aussere Einfliisse brechen convulsi-
vische Erschiitterungen aus: es droht Suffocation, die Gesichts-
farbe wird blaulich, die Extremitaten werden steif. Diese An-
falle wechseln mit ruhigen Intervallen ab, in welchen das Kind
ruhig daliegt, gewohnlich auf der Seite, mit gelblich gefarbtem
Gesichte, ruhigerem Pulse, von 108 — 115 Schlagen in der Mi-
nute. Stuhlgang und Urin sind sparsam, zuweilen ganzlich ge-
hemmt. Im weiteren Verlaufe der Krankheit tritt der Collapsus
mehr und mehr hervor, das Gesicht schrumpft ein, der ganze
Korper magert schnell ab , Sudamina am Halse und auf der Erust
kommen zum Yorschein, die Temperatur sinkt, Herz- und Puls-
schlag werden unregelmassig, die Zuckungen haufiger, der Tod
erfolgt in einem Krampfanfall oder in der hochsten Erschopfung
ruhig, unbemerkt, selbst nach Nachlass des Trismus.
Der Verlauf ist acut, die Dauer zuweilen auf acht bis vier
und zwanzig Stunden beschrankt, gewohnlich auf zwei bis vier
Tage, selten langer, funf bis neun Tage sich hinziehend. Ein Fall
von ein und dreissigtagiger Dauer mit todtlichem Ausgange , welchen
Elsasser an einem neun Tage alten Knaben beobachtet hat, ge-
hort zu den Ausnahmen. Bei sehr kurzer Dauer bleibt der Starr-
krampf offers nur auf die Kiefermuskeln beschrankt, und dehnt
sich nicht weiter aus.
Selten finden Complicationen mit andern Krankheiten statt:
was man friiher vom Icterus neonat. behauptet hat, bezieht sich
mehrentheils auf die normale Veranderung der Hautfarbe in den
494
SPINALE KRAEMPFE.
ersten Lebenstagen. Unter fiinf und zwanzig Fallen sail Els'dsser
den Trismus nur zweimal mil Aphthen und zweimal mil Blepha-
rophthalmie complicirt, welche letztere nach dem Ausbruche des
Trismus plotzlich verscbwand. Dr. Scholler beobachtete mehrere-
mal eine Complication mit Icterus, mit Blepharophthalmia , und
einmal mit Stomatitis exsudativa.
Nach dem Tode fanden Elsasser und Finlih die Spannung der
Gesichtsziige noch fortdauernd, und eine holzartige Steifheit der
in ibren Umrissen scharf markirten Muskulatur, die Arme und
Fiisse waren gegen den Rumpf angezogen, die Finger und Ze-
hen im hochsten Grade flectirt. Die Centralapparate, Gehirn und
Riickenmark wurden von denselben Beobachtern zuerst in dieser
Krankheit untersucht. In sechszehn Fallen unter zwanzig zeigte
sich in der Wirbelhohle ein Erguss von theils fl'ussigem , theils ge-
ronnenem, dunkelrothem Blute in dem zelligen Raume zwischen
der ligamentosen Auskleidung des Wirbelkanals und der Dura ma-
ter, am starksten auf der hintern Flache, obgleich die Leichen
auf dem Bauche liegend aufbewahrt worden waren. Die Mem-
branen verhielten sich, Gefassinjection in mehreren Fallen ausge-
nommen, normal. Das Riickenmark selbst war in Betreff seiner
Farbe, Textur, Consistenz gesund. In der Schadelhohlfe wurde
Blutiiberfiillung in den Membranen, Sinus und Adergeflechten ge-
funden, und in acht Fallen Blutextravasate sowohl auf der Ober-
flache des grossen und kleinen Gehirns, als in den Ventrikeln. —
Ohne irgend einen Zweifel in diese Befunde zu setzen, ist es
doch nothwendig, zu ihrer Beurtheilung an die in den ersten Le-
benstagen betrachtliche Blutiiberfullung sowohl in den knocher-
nen als membranosen Hiillen des Gehirns und Riickenmarks zu
erinnern, welche durch die convulsivischen und besonders suffo-
catorischen Anfalle noch vermehrt wird. Vor Kurzem habe ich
bei einem sechstagigen , an Tetanus verstorbenen Iiinde eine so
starke Injection, zumal der Venen und Sinus angetroffen, dass
bei geringer Verletzung und durch die Wegnahme der Knochen
TETANUS.
495
Extravasate des zum Theil geronnenen, zum Theil fliissigen Blu-
tes sich bildelen. Auch hat Dr. Schuller unter achtzehn Fallen
nur bei einem kleine Blutextravasate im Ruckenmarke angetrof-
fen. Wichtiger und bestiindiger sind die Befunde, auf welche
Dr. Scholler in neuester Zeit die Aufmerksamkeit geleitet hat
(Neue Zeitschrift fur Geburtskunde, herausgegeben von Busch,
d’ Outrepont und Ritgen. Bd. V. S. 477.), die Entziindung der
Nabelarteri en. Ich entnehme seiner mir gefalligst mitgetheil-
ten, nodi ungedruckten Abhandlung folgende Bemerkungen: Un-
ter achtzehn an Trismus gestorbenen und nach dem Tode unter-
suchten Kindern zeigte sich diese Entziindung bei funfzehn. Die
Nabelarterien waren in der Gegend, wo sie an die Urinblase tre-
ten, angeschwollen. Die olivenformige Geschwulst war in einem
Falle von Lange und 4" Dicke, wahrend im Normalzustande
die Art. umbilic. kaum eine Linie dick sind. Die Aussenflache
der Arterien erschien injicirt, gerothet. Nachdem sie geoffnet
worden , fand sich in einer kleineren oder grosseren Strecke deut-
licher Eiter: die innere Membran war erodirt oder mit albumino-
sem Exsudat bedeckt. Nicht immer waren beide Arterien gleich-
miissig entziindet: in drei Fallen war es nur die eine. Es war
mir interessant, diesen Befund, der auch bei den Untersuchungen
i von Dr. Levi in Copenhagen sich herausstellte (vgl. der angefuhr-
ten Zeitschrift Bd. VII.), in einem Fade, dessen ich zuvor er-
« wahnt habe, bestatigt zu sehen. Derselbe betraf einen von ei-
ner gesunden Mutter leicht gebornen Rnaben, der neun und zwan-
zig Stunden darauf an einer Blepharophthalmia erkrankte. Am
4. Tage fiel der Rest der Nabelschnur ab: gegen Abend wurde
das Kind unruhig und nahm nicht mehr die Brust. In der Nacht
brach der Trismus aus. Am 5. Tage fand ich ade Ziige dieser
| Krankheit. Die convulsivischen Paroxysmen folgten gegen Abend
und wahrend der Nacht schnell auf einander, und am nachsten
Morgen starb das Kind. Acht und zwanzig Stunden darauf, am
27. October 1841 , wurde die Section von der Meisterhand un-
49G
SPINALE KRAEMPFE.
scrs Professors Schlemm , im Beisein von Dr. Schuller und meh-
reren anderen Aerzten vorgcnommen. Der Nabel war unverletzt.
Die Nabelarterien waren dunkelgerothet, und in dcr Niihe des
Nabels angeschwollen: die rechte enthielt mehr Eiter als die linker
die innere Membran war mit einem rothlichcn Exsudat bedcckt.
Am Gehirn und Riickenmarke fand sich eine betrachtliche Ueber-
fiillung mit Blut. — In ein Paar Fallen wurde auch Entziindung
der Vena umbilicalis und Phlebitis hepatica, in einigen anderen
Entziindung der vorderen Flache des Bauchfells beobachtet. Bei
alien an anderen Krankheiten gestorbenen Neugeborenen fand
Dr. Scholler bei der genauesten Untersuchung niemals eine Ent-
ziindung der Nabelarterien , einigemal indessen in dem subperito-
nealen Zellgewebe gelbes exsudirtes Serum neben den Gefassen.
Bereits friiher hatte Colles (Dublin hospital reports vol. I. p.285)
bei zahlreichen Leichenoffn ungen Entziindung des Bauchfelles in
der Nahe der Umbilicalvene und Arterien , so wie coagulable Lvm-
phe im Innern dieser Arterien und Yerdickung ihrer Wande ge-
funden, was, als eine dem Trismus neonat. eigenth'umliche Er-
scheinung, spiiterhin von Labatt (Edinb. med. and surg. journal,
vol. XV. p. 216) und Thomson (vol. XVIII. p. 41) bestritten
wurde.
Ursachen. Scholler sah Knaben haufiger als Madchen vom
Trismus befallen werden : unter neunzehn Fallen waren funfzehn
Knaben und vier Madchen. Andere haben diesen Untersckied
nicht beobachtet. Die Gesundheit der Mutter war im Allgemei-
nen gut und die Entbindung leicht. Fast immer sind es reife,
ausgetragene Kinder. Zuweilen werden in derselben Familie meh-
rere Kinder befallen. Der Ausbruch der Krankheit erfolgt vom
funften bis neunten Tage. Riecke in Stuttgart hat unter zwei-
hundert ihm in zwei und vierzig Jahren vorgekommenen Fallen
den Eintritt niemals vor dem fiinften, selten nach dem neunten,
und niemals nach dem elften Tage beobachtet. ( Finckh 1. c. S. 7.).
Der Zeitpunkt des Abfalls des Nabelschnurrestes ist derjenige, in
TETANUS.
497
welchen gewbhnlich der Ausbruch ties Trismus fallt. Naeh Finckh’s
Beobachtung war unter funf unci zwanzig Fallen bei zehn der
Nabel im Beginne der Krankheit trocken oder vernarbt, bei den
iibrigen tlieils noch niissend, theils geschwollen, mit blaurothem,
entzundetcm Rande an der Griinze der abgefallenen Nabelschnur,
und die kleine ovale Vertiefung in der Mitte war mit schmutzi-
gem, zahem Eiter bedeckt. In alien Fallen, wo der Nabel nicht
schon vollig geheilt war, bekain derselbe mit dem Ausbruche oder
imVerlaufe der Krankheit ein auffallend missfarbiges Ansehen (1. c.
,'S. 13.). Colies land eben falls oberflachliche Exulceration und Ab-
>satz einer weichen gelben Substanz in der Mitte des Nabels.
Allein auch hinsichtlich dieser Befunde ist wie bei der Blutiiber-
fiillung des Gehirns und Riickenmarks critische Umsicht nothig,
da nach Billard’s Untersuchungen (traits des maladies des enfans
nouveaux-nes et k la mamelle. Paris 1828. p. 25.) mehr als das
'Drittheil der Neugeborenen im gesunden Zustande Entzundung und
iEiterung des Nabels vor dessen Abfalle darbietet, dagegen Dr. Schol-
ler fast bei alien Trismus-Kindern den Nabel selbst unverletzt
fand, und bei einem Kinde, welches ein Nabelgeschwiir von 8"
Durchmesser hatte, weder Trismus noch iiberhaupt Convulsionen
sah. So haben einige Autoren die grossere Frequenz des Tris-
lmus neonatorum bei den Negerkindern in Westindien der Mis-
ihandlung der Nabelschnur zugeschrieben (vgl. Curling a treatise
<on tetanus p. 215.), ohne den climatischen Einlluss in Anschlag
,zu bringen. Auch andere Verletzungen der Neugeborenen sind als
iursachliche Momente angefuhrt worden: Aufreissen des Zungen-
biindchens mit den Nageln (P. Frank 1. c. p. 375), Beschneidung
der Judenkinder. (Ackermann Abhandl. iiber die Kenntniss und Hei-
lung des Trismus. Nurnberg 1778. S. 64.), Stechen der Ohrld-
cher u. s. f., allein ohne Gewlihrsleistung treuer Beobachtung und
i mit Nichtbeachtung des Umstancles, dass auch bei Neugeborenen
ein masticatorischer Gesichtskrampf ohne tetanische Basis stattfm-
408
SPINALE KRAEMPFE.
den kann. Zuverliissiger ermittelt sind die climatischen und en-
demischen Beziehungen. Im Westindischen Archipelugus stirbt
nach Maxwell ein Viertheil, in den Colonieen Essequebo und
Demerara nach Hancock (Observations on Tetanus infantum, or
Lock-jaw of infants in Edinb. med. and surg. Journ. vol. XXV.
p. 343.) die Halfte der Neugeborenen an Trismus. Und nicht
bloss in den Tropen, auch in den arctischen Breiten richtet diese
Krankheit grosse Verheerungen an. Nach Dr. Holland’s Bericht
sterben in Heimaey, einer der Isliindischen Inseln, auf der Sud-
kiiste, mit Lavaboden, fast alle Kinder am Trismus, so dass die
Bevolkerung durch Einwanderung von Island erganzt werden muss
(Travels in the Island of Iceland, by Sir G. S. Mackenzie, Edin-
burgh 1811.). In St. Ivilda, einer der Westinseln Schottlands,
herrscht er ebenfalls endemisch, so wie dieses auch von Triest,
Minorka etc. behauptet wird. Im siidlichen Deutschland scheint
er haufiger vorzukommen, als im nordlichen. Nach Dopp’s An-
gabe ist diese Krankheit in Petersburg so selten, dass er sie jahr-
lich unter 4500 Findelkindern nur ungefahr bei zwanzig beobach-
tet. Doch mogen wohl, wie es bei uns der Fall ist, viele Falle
gar nicht zur Kenntniss des Arztes gelangen, sondern in den nie-
cleren Stiinden den Hebammen anvertraut bleiben. Lufteinfliisse
sind unter den Ursachen des Trismus von Bedeutung: dahin ge-
hort der jiihe Zug einer kalten Luft. Heim erzahlt (vermischte
medicinische Schrifteu. Leipzig 1836. S. 193.), dass einem Ber-
liner Burger zwei Kinder nach einander am Trismus den sieben-
ten Tag nach der Geburt starben. Als das zweite Kind er-
krankte, bemerkte Heim , dass die Wiege desselben der Zug-
luft ausgesetzt war. Nachdem die Mutter zum drittenmal ent-
bunden worden, setzte man die Wiege an eine andere Stelle,
und das Kind blieb Yerschont von der Krankheit. Noch merk-
wurdiger ist Bajons Mittheilung: an einem Orte auf der Insel
Cayenne, welcher von Bergen und dichten Waldern umgeben,
zwei Meilen von der Seekustc entfernt ist, zeigte sich der Tris-
TETANUS.
499
mus so seltcn, (lass von zwolf bis funfzehn Kindern kaum cins
befallen wurde. Nachdem abcr ein grosser Theil dcs Wal-
des gelallt worden, und den kalten Seewinden der Zutritt
erofFnet war, fielen fast allc Neugeborene dem Tetanus als Opfer.
(Abhandl. von den Krankheiten auf der Insel Cayenne. Aus
dem Franzosisch. Stendal 1781.). In katholischen Landern, wo
die Taufe in den ersten Lebenstagen stattfindet, ist es nickt un-
wahrscheinlicb , dass das Hintragen der Neugeborenen nach ent-
fernten Kirchen, zumal bei rauher, widriger Witterung, den Aus-
bruch der Krankheit begiinstigt. So berichten Wurtembergische
Kreisarzte, dass der Trismus eine iiberwiegende Krankheit in je-
nen Gemeinden sei, die als Filialicn in grosser Entfernung von
der Mutterkirche wohnen, wohin die Neugeborenen bei Hitze und
Kalte getragen wiirden. ( Finckh 1. c. S. 29.). Auch unreine
verdorbene Luft in Wochenstuben und besonders in Gebiiranstal-
ten kann Anlass geben. Clarke berichtet, dass im Dubliner Ent-
bindungshause am Scblusse des Jahrcs 1782 von 17650 Kin-
dern 2944 in den ersten vierzehn Tagen am Trismus gestorben
waren. Nachdem er eine bessere Ventilation eingefuhrt, erlagen
von 8033 Kindern nur 419 an dieser Krankheit. ( Curling 1. c.
j). 212.). — Ob Gemiithsaffecte der saugenden Mutter ocler Amme
die Entstehung des Trismus begiinstigen, wie Einige annehmen,
ist nocli zweifelhaft. Werlhof (problema de tenellorum convul-
sione maxillae inferioris in Commerc. noric. 1734. hebcl. VI. p. 42.)
sah drci Kinder ein er Mutter, die selbst nahrte, am neunten Tage
nach der Geburt am Trismus sterben. Das vierte Kind wurde
mehrere Wochen eincr Amme, dann der Mutter iibergeben und
blieb gesund. *
Werfen wir auf die obengenannten Ursachen einen Riickblick,
so konnen wir nicht umhin, den Tetanus neonatorum als einen
traumatischen zu betrachten. Er entsteht, wenige Ausnahmen
abgerechnet, nach Ahfall des Nabelschnurrestes , am haufigsten am
funften oder sechsten Tage, zu einer Zcit, in welcher noch ein
Romberg’s Nervenkrankli. T. 2.
33
500
SPINALE KRAEMPFE.
anderer Vorgang, die Exfoliation dor Epidermis, nach Hillard’s
Untersuchungen (1. c. p. 3G.) aid' seiner Ilohe ist. Diese beiden Mo-
mente setzen bei jedcm Neugeborenen die Disposition zum Teta-
nus, dor durch die in ncuercr Zeit aufgefundene Entz'undung der
Nabelarterien , und die dadurch gesteigerte peripherische Keizung
der Umbilical -Nerven (vgl. dercn Darstellung in dem Werke:
die Controverse iiber die Nerven des Nabelstranges und seiner
Gefiisse, einer sorgfaltigen Priifung unterworfen von Schott.
Frankfurt 1836. S. 39 u. fg.) um so sicherer zum Ausbruch
kommt. So wie im Wundstarrkrampfe alle Ursachen vielleicht
unschadlich bleiben, wenn nicht die Propagation der cntzimdlichen
Keizung bis zum Riickenmarke bin stattfmdet, so mag auch bei
den Neugeborenen jeder Einfluss unwirksam sein, wenn nicht die
Entziindung der Nabelgefiisse zu Stande kommt, woraus sich die
Seltenheit der Krankheit trotz der Frequenz der Ursachen deu-
ten liisst.
Der Trismus dcr Neugeborenen ist die am unbedingtesten todt-
liclie Kinderkrankheit. Falle von gelungener Ileilung sind, wo-
fern nicht authentische Krankengeschichten die Richtigkeit der
Diagnose vcrbiirgen, verdachtig. Das prophylactische Yerfahren
in Bezug auf die Behandlung des Nabcls und auf die Vermei-
dung schiidlicher Einflusse ist das Sicherste. Hancock erwahnt,
dass die Indianischen Hebammen zur Verhutung des Trismus das
Ende des Nabelstranges zwischen den Fingern ein Paar Minulen
comprimiren und alsdann ein gliihendes Eisen oder eine bren-
nende Kolde appliciren. Auch von wiederholten Immersionen des
Neugeborenen in kaltes Wasser vernahm er gunstige Wirkung.
Ob drtliche Blutcntleerungen in der Nabelgegend den Ausbruch
des Trismus verhuten, oder, wenn er erfolgt ist, noch hiilfreich
sein konncn, miissen kiinftige Beobaclitungen entscheiden. In
letzterem Falle haben bisher alle Mcthoden fast immcr fchlgc-
schlagen. Oerlliche Blutcntziehungcn am Kopfe schicnen nach
den Resultatcn in dcr Stuttgartcr Gcbaranstalt das Fortschreitcn
TETANUS.
501
der Krankheit zu bcschleunigen , Moschus dagegen ihren Verlauf
auffallend in die Lange zu zielien bis zum siebenten, selbst bis
zum neunten Tage; lauwarme Bader beschwichtigten auf kurzc
Zeit die Ivrarap fan falle und erleichterten den Kindern das Schlucken
der eingeflossten Muttermilch. Dr. Rieke rettete einen vom Te-
tanus befallenen Neugeborenen durch stiindliches Darreichen eines
Tropfens Opiumtinctur. Das Kind bekam auf diese Weise unge-
fahr eine halbe Drachme, worauf ihm noch eihen Tag hindurch
alle zwei bis drei Stunden ein Tropfen gegeben wurde, bis allc
Zufalle yerschwunden waren ( Finckh I. c. S. 52). Ein ahnlicher
Fall mit glucklichem Erfolge der innern und iiussern Anwendung
des Laudanum ist vom Dr. Furlonge im Edinb. med. and surg.
journ. 1830. p. 57 mitgetheilt.
Die tetanisehe Affection durch Reizung peripherischer in den
innern Organen und in den Hoblen verlaufender Nerven ist bis—
her noch nicht Gegenstand sorgfaltiger Untersuchungen gewesen.
Auf die traumatische Irritation der Ilautnerven hatte man haupt-
sachlich das Augenmerk gerichtct, ohne zu bedenken, dass jede
gereizte sensible Faser im Stande ist, durch centripetale Action die
Reflcxpotenz des Riickenmarkes zu steigern. Curling (I. c. p. 66.)
citirt aus Ploucquel’s Literatura medica digesta ein Paar Fade,
wo in dem einen die Entsteliung des Tetanus von einer Ossifi-
cation der Pleura hergeleitet wurde, die den N. splanchnicus
reizte, in dem andern von der scharfen Spitzc einer verknocher-
ten Druse in der Niihe der Trachea, welche denselben Einfluss
auf den Vagus gehabt haben soli. Vollstiindiger ist folgcnde Be-
obachtung von Bright (Cases of spasmodic disease accompany-
ing affections of the pericardium in Medic, chirurg. transact. Lon-
don 1839. vol. XXII. p. 5.). Der Kranke war nach einer Er-
kiiltung von Schmerzen in dcr rechten Brusthalfte und von rheu-
matischer Geschwulst mchrerer Gelenke befallen worden Am
502
SPINALE KRAEMPFE.
funffcen Tage wurde arzlliche ITuife nachgesucht. Der plcuritische
Schmerz undi die Dyspnoe nalimcn trotz der wiederholten Ader-
lasse zu, der Puls wurde selir bcschleunigt, unrcgelmiissig und
gegen Abend stellten sicli Schlingbeschwerden ein. Rem Kran-
ken ficl es selir schwcr, den Mund zu offhen. Ausser einer vor
einem balben Jahre erlittenen Yerwundung oberhalb der liuken
Augenbraue, welclie zur Zeit gebdrig geheilt war, liess sicli
kcine iiussere Verletzung crmitteln. Das Sclducken war nur mit
grosser Anstrcngung moglich, unter Hinzutritt von Convulsionen.
Das Herz agirte selir schncll und krampfhaft, ohne Reibungs-
oder sonst ein krankhaftes Geriiuscli. In der Naclit nabm dcr
Trismus zu: gegen Morgen waren die Ziihne fest an einander ge-
sclilossen. Der Kranke konnte seinen Speichel nicht herunter-
schlucken. Das Gesicht dr'uckte die grdsste Angst aus. Die Nak-
ken- und Riickcnmuskeln wurden vom Krampfc befallen. Ein
pleuritiscber Erguss mit Frictions- und Crepitations -Gerausch
gab sicli im untersten Theil der linken Lunge zu erkennen. lm
Verlaufe des Tages stellten sicli zu wiederholten Malen allgemeine
Zuckungen ein, und der Tod erfolgte zwanzfg Stunden nacli dem
Ausbruche des Trismus. — Die Lungen waren mit Bint uberfullt
und permeabel , ein kleines Stuck dcr rechten Lunge in der Niilie
des Zwerchfells, und eine nocli kleinere Portion des unteren
Lappens der linken Lunge ausgenommen. Die untere Halite der
rechten Pleura, wo sie sicli von den Rippen iiber das Diaphragma
hinzieht, war in hohem Grade cntz’midet, und mit einer diinnen
Schicht Fibrine bedeckt. Noch starker war die Entziindung, wo
sie aufwarts nach der rechten Seite des Hcrzbeutels steigt. Dcr
Nerv. phrenicus nahm seinen Lauf durch diesen Heerd der Ent-
zi'mdung und war auf dem Zwerchfell mit frischen exsudirten
Flocken bedeckt. Die linke Pleura war cbcnfalls entz'undet und
ein Abscess land sicli am unteren Theil, in dcr Niilie des Dia-
phragma vor. Kopf- und Wirbelhohle wurden leider nicht'Un-
tersucbt. — Hierah reihen sicli die Untersucliungen von Swan
TETANUS.
503
der die Ganglia semilunaria und thoracica dcs Sympathies in ei-
nem sehr gefassreichen und entziindeten Zustande bei Tetanischen
antral’ (a treatise on diseases and injuries ol the nerves, a new
edit. London 1834. p. 334 et seq.). Aelmliclie Beobachtungcn
sind von Aronssolin und bei Pferden von Dupuy gemacht \vor~
den. (Curling 1. c. p. 65.)
Audi ohne Rcizung peripherischer Bahnen kann der Tetanus
durch primare Affection des spinalen Gentralapparates entstehen,
und wird gewohnlich unter dem Namen des idiopathischen Starr-
krampfes begriffen. Es giebt zweiFormen, die rheumatische und
toxische.
1) Der Tetanus rheumaticus kommt in den Tropen haufiger
vor als in unsern Breiten, bei dem farbigen Menschenstamme
offer als bei dem weissen, und zeigt sich in Folge schnel-
len Wechsels von Hitze und Kalte , besonders der Tages-
warme und Nachtkiihle , seffener nach Gemuthsaffecten. Die Sym-
ptome unterscheiden sich nicht von denen des Wundstarrkram-
pfes, nur ist nach Thomsons Erfahrung der Yerlauf minder acut
(Remarks on tropical diseases in Edinb. med. and surg. journ.
vol. XVIII. p. 40.). Die Gefahr ist eben so gross, die Bchand-
lung grosstentheils unwirksam, wenn auch einzelne Falle gelun-
gener Heilung durch Diaphoretica, Camphor, Ammonium, Dampf-
bader angefuhrt werden. Verwechslung mit entzundlichen Zu-
stiinden des Ri'ickenmarkes findet offers statt, daher die geriihm-
len Erlblge der antiphlogistischen Cur. Die Mcrkmale der ge-
steigerten Rellexpotenz sind diagnostische Criterien: ihr Mangel
in folgendem Falle lasst micli denselben trotz mehrerer tctanischer
Symptome als Myelitis deuten:
Ein 66jahriger gesundcr Mann wurde in der Naclit vom 10.
zum 20. April 1827 von schmerzhaffcr Spannung im Unterkiefer
und Beschwerden beim Oeffiien dcs Mundes befallen. Am 20.
504
SPINALE KRAEMPFE.
nahmen diesc zu, der Bauch wurdc hart, gespannt, die Nacken-
muskeln steif , unbewegliche Lage auf dem Riicken. Am 21.
ward ich hinzugerufcn : die Masseteren und Temporalmuskeln
waren gespannt, hart, die Kiefer an einander gepresst, docli
konnten durch kraftige Willensanstrengung die Zahnreihen etwas
von einander entfernt werden, Die Nackenmuskeln waren stair
contrahirt, und der Kopf etwas nach hinten ubergebogen. Der
Kranke war ausser Stande, sich in die Hohe zu richten oder
umzudrehen, und als dieses mit Hiilfe der Umstehenden vgeschah,
schrie er taut iiber Schmerz auf. Die oberen und unteren Extre-
mitiiten waren nach alien Richtungen leiefit beweglich, ilire Mus-
keln schlaff, besonders die Gastrocnemii, dagegen die Bauchmus-
keln sich wie ein Brett anfuhlen liessen. Die Temperatur war
erhoht, der Puls voll, stark, von 112 Schlagen, der Athem er-
schwert, der Stuhlgang yerstopft, die Ilarnausleerung normal.
Die genaueste Untersuchung ergab weder eine Yerletzung, noch
den bestimmten Nachweis einer Erkaltung (Reichlicher Aderlass,
Calomel und Opium pur. .]- gr. zweistundlich). Locomotive oder
Schlingbewegungen batten keine Convulsionen zur Folge, so wie
iiberhaupt die Reflex - Erregbarkeit keine Steigerung verrieth. Un-
ter Zunahme der Dyspnoe, bei ungestortem Bewusstsein, erfolgte
am 22., 3 Uhr Morgens, der Tod. — • Am 23. Mittags, bei ei-
nem Thermometerstande von + 13,3 R. wurde die Section vor-
genommen. In den Hirnhohlen fand sich sehr wenig Fliissigkeit,
auf der Basis cranii eine grossere Quantitat von rdthlicher Farbe.
Die Harte des verliingertcn Markes erschien in starkem Contraste
zur betriichtlichen Erweichung des Cervicaltheils , der bei gelin-
dem Drucke aus den Ilullen hervordrang. Die Dorsalpartie war
fest, der Lumbartheil beinahe lliissig.
II. Der Tetanus toxicus entsteht durch Vergiftung mit den
Pllanzenalcaloidcn Strychnin und Brucin, welche in mehreren Ve-
getabilicn in Ycrschiedenen Verhaltnissen enthalten sind: das
Strychnin vorzugsweise mit nur geringer Quantitat Brucin in der
TETANUS.
505
Strychnos Nux- vomica, S. St. Ignatii (die am meisten Strychnin
enthiilt), S. Colubrina, S. Ticute, ( Pelletier und Cavmtou in den
Ann. de Chim. ct de Pliys. XXVI. 56.), das Brucin in der fal-
schen Angusturarinde ( Christison a treatise on poisons. 3. edit.
Edinburgh 1836. p. 806.). Das Strychnin iiussert seinen tetani-
schen Einfluss auf alle Thierclassen , selhst auf die Infusorien,
nach einer mundlichen Mittheilung unscres heruhmten Ehrenberg ,
welcher die dnrch eine wassrige Strychninsolution starr gestreck-
ten Infusorien fur besonders geeignet zur Demonstration halt.
In physiologischer Beziehung sind die neueren Yersuche von Slit-
ling sehr interessant, wonach auch ohne Blutcirculation das Strych-
nin unmittelbar auf das Ruckenmark angewandt die Function die-
ses Organs so veriindert, dass die von ihm entspringenden Ner-
ven die entsprechenden Muskeln zu tetanischen Bewegungen ver-
anlassen. Stilling nahm einer grossen Zahl von Frdschen sammt-
liche Eingeweide, Ilerz, Lungen, Magen, Gedarme etc. heraus
(wonach das Nervensy stem noch eine kurze Zeit, etwa eine halbe
his eine Stunde seine Thatigkeit ausiibt), legte Gehirn und Riik-
kenmark vom Riicken her bios, indem er die Wirbelbogen und
Schadeldecken wegnahm, und brachte auf irgend einen Tlieil des
Riickenmarks einen einzigen Tropfen einer Solution von essigsau-
rem Strychnin. Etwa funf Minuten darauf entstand bei alien so
behandelten Froschen ohne Ausnahme ein Anfall von allgemei-
nem Tetanus, so heftig, wie man ihn nur bei unverlctzten Frd-
schen sehen kann. Leise Beruhrung einer Hinterzehe brachte
nach dem Aufhoren der ersten Kriimpfe einen eben so allgemei-
nen Tetanus -Anfall von neuem hervor, wie leise Bcruhrung ei-
ner Vorderzehe denselben erzeugt, ganz so wie bei unverlctzten
Frdschen, die man durch Strychnin vergiftet hat. Das Strych-
nin, an irgend eine Stelle des Riickenmarks gebracht, wirkt,
auch ohne durch die Blutcirculation in demselbcn verbreiteb zu
sein, auf das gesammte Ruckenmark und Gehirn, sofern sic mil
der urspriinglich mit dem Giltc, befeuchteten Stelle noch in Ver-
506 SPIN ALE KRAEMPFE.
bindung siiid. Es darf niclil bczweifelt wcrden, dass die cinlache
Imbibition hicrvon die Ursaehe is(.“ ( Stilling , Untersuchungen
liber die Functionen des Riickcnmarks und der Nerven. Leipzig
1842. S. 40.). Schon bei kleincren Galien Strychnins zu thera-
peulischem Zvvecke liisst sicli die Stcigerung der Reflexpotenz be-
obachten. Dr. Kohler bemerkt (Jahresbericht liber das Charile-
krankenhaus zu Berlin vom Jalirc 1833 in Rust’s Magazin fur die
gesammte Ileilkunde. Bd. 4(5. S. 48), dass bei einigen Individuen,
die Strychnin einnahmen, die Empfanglichkeit fur liussere Ein-
driicke so erholit war, dass sic, wenn man sie auch nur mit ei-
nem Finger beriihrtc, sofort in ein unbezwingbares , schallendes
Gclachter ausbrachen. Die durch grossere Dosen hervorgebrachte
Vergiftung hat nach kurzem Intervall von 5 — 10 — 30Minuten den Te-
tanus in seiner starksten Intensitat und acutestem Verlaufe zur Folge.
So schildert der um die physiologische Toxicologie sehr verdiente
Professor Emmcrt einen todtlichen Fall von Tetanus nach dem
Gebrauche cines Decocts der falschen Angustura. (Uebcr die gif-
tige Wirkung der uniicliten Angustura in Hufeland’s Journal der
praktischen Ileilkunde. XLL Bd. 2. St. S. 73.). Nach dem drit—
ten Essloffel beschwertc sich der funfjiihrige Knabe liber Zittern
und fragte die Mutter, warum cr denn immer zittern miisste.
Dieses Zittern ging bald in heftige Ixrampfe liber. Als Emmcrt
scinen Arm ber’uhrte, um den Puls zu fiihlen, trat plotzlich ein
heftiger Starrkrampf ein, wobci sich die Augenlidspalte weit oil—
nete, die Augen starr und unbeweglich hervortraten , der Unter-
kiefer sich fest an den oberen andriickte, beide Lippei> sich weit
von einander entfernten, so dass die vorderen Zahne ganz ent-
blosst wurden, die einzelnen Gesichtsmuskeln sich anspannten, die
Extrcmitaten sich auf das stiirkstc ausstreckten und steif wurden,
und die Wirbelsaule gcwaltsam mit dem Ivopfc riickwarts gezo-
gen wurde. Der Rumpf, besonders scin untercr Theil, wurdc
von Zeit zu Zeit durch ein heftiges Zucken liings der Wirbcl-
saule, wie durch electrische Schlage, ersekiittert und elwas in
TETANUS.
507
die Hohe gchoben, die Respiration sctztc ganz aus, auch farbten
sich Wangen und Lippen blau. Nach clem Anfalle, der etwa
cine halbe Minute dauerte, athmete der Kranke mit vielcr An-
strengung, schnaufend, was sich zwar nach einiger Zeit vermin-
derte, aber eben so wenig, wie die blauliche Farbc der sonst
rothen Theile des Gcsichts , vollig verlor. Die Frage, ob er ir-
gendwo Schmerzen leide? verneinte er wiederholt mit aller Be-
stimmtheit. Jeder Versuch zu Irinken rief den Starrkrampf her-
vor. So mochten funf Anfalle eingetreten sein, theils oline Ver-
anlassung, theils auf Gerausch, theils auf Beruhrung irgend einer
Stcllc des Rorpers; man durfte ihn deswegen ausser den Anfal—
len nicht anriihren: auch bat er hierum flehentlich, indem er bei
blosser Annaherung bestiindig rief: nur nicht anriihren! Nach ei-
nem neuen Versuche zu trinken trat der letzte heftige Paroxys-
mus ein, der iiber eine Minute anhielt und damit endigte, dass
der ganze Korper welk und schlalf wurde, und nur in grossen
Pausen schwache convulsivische Athembewregungen eintraten.
Fiinf und sechzig Mihuten nach Eintritt der Zufiille war die Spur
des Lebens verschwunden. Aehnliche Falle durch Vergiftung mit
Strychnin sincl von Christison (1. c. p. 800.) mitgetheilt worden.
Stark erwahnt der Strychninvergiftung eines Mannes, wo ausser
den heftigsten spontanen Starrkriimpfen , vorziiglich einem von
Zeit zu Zeit eintretenden Opisthotonus und Brustkrampf, die auch
leiseste Beruhrung jeglicher Stelle der Korperllache, selbst durch
die Kleiclungsstucke hinclurch, so wie jeder durch Oeffnung der
Tliiir oder durch Gehen im Zimmer erregte, den Umstehcnclen
kaum bemerkbare Luftzug eim krampfhaftes , wie durch den Sclilag
einer Leidncr Flasche bewirktes, stossweises Zusammenfahren
des ganzen Rorpers hervorbrachtc. (Allgemcine Pathologic oder
allgemcinc Naturlehrc der Krankheit. 2. Abth. S. 121G.). Der
Tod erfolgt, wie bcim traumatischcn Tetanus, in einem convul-
isivischen Anfalle durch Aspliyxie oder in hochster Erschopfung;
nach Segalas ist selbst die Rcizbarkeit des Herzens ganz ersehopft,
508
SPI1NALE KRAEMPFE.
so (lass bei Thieren keinc Contractioncn mehr auf Reize erfol-
gen, und das Leben dureh kunstliches Athmen niclit erhalten war-
den kann ( Magendie Journ. de phys. T. II. p. 361.). Je schnel-
Ier der Tod cintritt , um so geringfugiger sind die Ergcbnissc der
Section. In dem Falle von Emmert und in einem anderen von
Ollier fand sicli nichts Bemerkenswerthes . vor. Zuweilen batman
Entziindung des Magens und des Darmkanals angetroffen. Orpla
und Ollivier fanden einmal serosen Erguss auf der Oberflache
des kleinen Gehirns und Erweichung der ganzen Corticalsubstanz
des Gehirns, besonders des Cerebellum. (Arch, g^ner. de med,
T. VIII. p. 18.). Die Behandlung ist noch sehr unsicher. Auf
frischer That ist von Entleerung des cleleteren StotFes aus dem
Magen (lurch Brechmittel und durcli die Magenpumpe am meisten
zu erwartcn. Auch will Donne in dem Jodin, Bromin und Cldo-
rin sichere Antidota der Stryclmosalcaloide gefunden haben, doch
nur wenn sie in den ersten zehn Minuten naeli der Vergiftung
genommen werden. Ein Gran Strychnin war Thieren unschiid-
lich, wenn gleich darauf Jodtinctur gegebeti wurde; 2£ gr. der
Strychninjodiire hatten keine nachthcilige Wirkung ( Christison
I. c. p. 804.). Yon grossem Interesse sind die sinnreichen Yer-
suche, welche Morgan mit dem amerikanischen Pfeilgifte (Ticu-
nas, Woorara, das die entgegengesetzte Wirkung des Strychnins,
eine jahlings paralysirende, hat, und hinsichtlich dessen Emmerts
Abhandlung uber das amerikanische Pfeilgift in Meckel’s Deutsch.
Archiv f. d. Physiol. Bd. IV. S. 165 zu vergleichen ist) als Anti-
dotum des ostindischen Giftes (des Javanesischen Chetik, Upas
Tieutd, welches nach Pelletier und Caventou Strychnin enthiilt,
Ann. de Chim. et de phys. XXVI. p. 44) angestellt hat. (A lec-
ture on tetanus. London 1833. p. 32.). Hunden wurde cine todt-
liche Dosis des Javanesischen Giftes beigebracht, und so wie sich
die ersten tetanischen Symptome ausserten, das Woorara inocu-
lirt, mit solchcm Erfolge, dass das Thier vollkommcn hergestellt
wurde, doch musstc von Zcit zu Zeit eine Ligalur oherhalb der
TETANUS.
509
Wunde, in welcher das Woorara applicirt worden, angelegt wer-
den, da dieses als das raiichtigere Gift in mehreren Fallen binnen
zwei Minuten todtete Fine analoge Wirkung zeigte das Woo-
rara in den Versuchen, welclie mit demselben in der Londoner
Yeterinarschule an Pferden, die vom idiopathiscben Starrkrampfe
befallen waren, angestellt wurden. So ward an einem tetanischen
Pferde, dessen Kiefer so fest geschlossen waren, dass weder Nah-
rungsstoffe noch Arzeneien beigebracht werden konnten, das Woo-
rara mit der Spitze eines vergifteten Pfeils in dem fleischigen
Theile der Schulter inoculirt. Nach zelin Minuten fiel es wie
todt hin: die kiinstliche Respiration wurde augenblicklich insti—
tuirt, und vier Stunden hindurch fortgesetzt. Das Thier stand
auf, dem Ansehen nach ganz hergestellt, und frass mit Gier sein
Futter, welches man ihm die Nacht hindurch leider zu reichlich
gab, Die Folge davon war eine Ueberfullung und Ausdehnung
des Magens, woran es am folgenden Tage starb, jedoch ohne
dass irgend eine Spur des Tetanus sich wieder eingefunden hatte
(1. c. p. 40). „Meine Absicht kann es nicht sein, so schliesst
Morgan , tetanische Menschen mit Ticunas inoculiren zu wollen,
allein ob nicht in der Folge einer oder der andere jener Stoffe,
die Ingredienzen dieses Giftes sind, erfolgreich gegen den Starr-
krampf zu benutzen sein diirfte, liegt nicht ausser den Granzcn
der Moglichkeit.“
510
SPINALE KRAEMPFE.
Habcn wir in den bisher geschilderten tetanischen Affectionen
die Rellexpotenz des Riickenmarks in ihrer Steigerung kennen
gelernt, und wissen wir, dass ahnliche Erscheinungen auch an
decapitirten Thieren hervorgerufen werden konnen, so wenden
wir uns jetzt zur Betrachtung eines Krankheitszustandes derselben
Categoric, dcssen Symbole vorzugsweise in dem Bereiche der
Medulla oblongata, in dem Nervengebiete der Respiration und
Deglutition liervortreten. Es ist die unter dem Namcn
Hydrophobia
( Wasserscheu)
l
bekannte Krankheit, welche im Menschcngeschleehte als Toxoneu-
rose, nach der Mittheilung des Wuthgiftes vorkommt.
Ihrem Ausbruche gcht sehr haufig zwei bis sechs Tage schmerz-
liafte Empfmdung in der bereits vernarbten Biss-Wunde voran,
welche einen centripetalen Lauf nimmt, selten ein Gefuhl von
Erstarrung, noch seltcner Rothung und Geschwulst der Narbe.
Horripilationen, Schreckhaftigkeit, Yerstimmung, unrulnger Schlaf,
Kopfsehmerz, Fieberbewcgungen melden sicli als Yorboten. Doch
auch ohne sie befallt plotzlich, wenn der Mensch trinken will,
cine Schlingbeschwerde eigenthumlicher Art, wrelche weniger in
Unlahigkeit zu schlucken, als in Verhinderung dieser Action durch
Athembeschwerde bestcht: die Krankcn kommen in der Schilde-
rung uberein, dass sie beim Schlucken ein Gefuhl von Erwiirgung
und Suffocation mit grosser Angst cmptinden, welches sicli bei
jeder Wiederholung des Versuches steigert. Scufzende Inspira-
tionen gehen vorher, die Schultern lieben sicli, die epigastrische
Gegend wird hervorgetrieben , wie in cinem asthmatischen An-
falle. Von Aniang an offenbart sich ein Excess der Rcllcx-
spannung, und convulsivische Erschutterungen folgen auf die ge-
ringfugigsten Rcize. Insbesondere sind cs die unentbehrlichen
Lebensreizc, Luft und Wasscr, gcgen welche die iiusserstc Em-
pfindlichkeit obwaltct, und welche fortan I’eindselig einwirken.
HYDROPHOBIA.
5! S
Nicht nur das Anwelien des Windes, das Fachcrn, das Liiften
dor Bettdecke , das Oeflhen einer Th'ur, eincs Fensters, sondem
aucli geringere Oscillationen dor Luftscliiclit durch Bewegungen
anderer Personeh und Thiere, wclche dem gesunden Menschen
unmerkbar sind, erregen Athemkrampfe und allgcmeinc Zuckun-
gen. Ja, die Atbembewcgungen selbst feonnen Rcflexreize wer-
den. Youatt (on canine madness London 1830. p. 10) bemerkt,
dass starke Inspirationen, ohne Anblick oder Bcr’uhrung des Was-
sers, Krampfe liervorrufen, und Bright (report of medical cases
vol. II. Part. II. p. 583) fiilirt ausdriicklich von einem seiner
Kranken an, dass cr cs sorgfaltig vermied mit vollem Zuge die
Luft einzuathmen. Andrerseits ist es dcr Contact der Lippen-
und Mundholile mit Fliissigkeit, vorzugsweise mit Wasser, wel-
ch er sofort Athem- und Schlingkrampf erweckt, mit Auffahren
des ganzen Korpers, mit Zuckungen des Antlitzes, des Armcs
und der Hand, die das Gcfiiss dem Munde nahe bringt, und wie
die respiratoriscben , so agircn auch die Scldingbewegungen als
Reize, daher die Versuche den Speicbel oder feste StolFe zu
schlucken oft dieselben Folgcn baben. Wasser und Luft von
kalter Temperatur bcwirken es um so starker. Jedocli auch olinc
alle iiussere Reizung stcllen sich von Zeit zu Zeit Anfalle von
Beklemmung, von Zuschniirung des Schlundcs und Kehlkopfes
ein. Gleichzcitig ist die Reflex -Errcgbarkeit der ganzen Ober-
flache gesteigert, so dass unvermutlietes Anfassen, Beriihrung der
Schenkel mit dem Rande des Nachtgeschirres , Auftriiufeln von
etwas Urin, Bespritzen der Haul mit einigen Tropfen Wassers
ein Zusammcnscliaudcrn und Yersagen des Athems hervorbringen,
wie man es bei einem Menschen sieht, der zum erstenmal in ein
kaltes Bad springt, oder mit einem Eimcr Wasser begosscn wird.
Karakteristisch ist das psychische Yerhaltniss zur Redexaction.
Her bei den crsten misgliickten Schlingversuchen durch den lie-
glcitenden Athemkrampf crrcgte Eindruck ist so rhachtig, dass
der Kranke, selbst trotz einer verzebrenden Begierde seincn Hurst
512
SPINALE KRAEMPFE.
zu loschcn, die Wiederholung gar nicht oder nur mit dem ge-
waltigsten Widerstreben unternimmt, und hei jeglichem die Yor-
stelluiig daran erweekenden Anlasse, sinnlichem und geistigem, von
dem Athcm- und Schlingkrampfe erschiittcrt wird. In demselben
Grade gilt dieses von dem Anwehen der Luft. Eigenthiimlich
ist die Hast und Aufregung, womit willkiihrliclie Bewegungen
vollzogen werden. Es scheinen die Muskeln, wie Parry treffend
sich ausdriickt, die Intention zur Bewegung zu uberlliigeln (Cases
of tetanus and rabies contagiosa. London 1814. p. 77). Jiihes
Aufrichten, rascher Sprung aus dem Bette, uberstiirzende Eilc
beim Gehen, ungestiimes Ergreifen eines Gefiisses, wilde Gesti-
culationen, heftige Jactation geben davon Zeugniss. Auch ist
cine psychische Aufgeregtheit unverkennbar, welche sich durch
lautes heftiges Sprechen offenbart. Das Gemiith wird durch Arg-
wohn drohender Gefahren beunruhigt. Schlaf fehlt ganz, oder
wird von schreckhaften Traumen oder krampfhaften Bewegungen
wie bei den Trinkversuchen unterbrochen. Eine unsagliche Angst
spiegelt sich in den Augen und auf dem Gesichte ab, so wie die
innere, kaum rastende Unruhe in den Gcberden und Bewegun-
gen. Der Krankc klagt liber brennenden Schmerz in der Brust-
liohle und Ilerzgrube, die Puls- und Athemfrequenz nimmt aus-
serordcntlich zu, bei sinkender Temperatur und Turgor der Ilaut,
die Absonderungen der Nieren und des Darmkanals sind sparsam,
wahrend die Speichelsecretion vermehrt ist, und dicker, zaher
schaumiger Speichel sich in der Mundhohle und an den Lippen-
fugen ansammelt, und mit grosser Anstrengung und Vehemenz
ausgespieen wird. Erbrechcn stellt sich oft ein, seltener Priapis-
mus und Satyriasis. Die Unruhe crreicht den hochsten Grad, zu
den Schling- und Athemkrampfcn gesellt sich zuweilen Trismus,
Opisthotonus, die Aufregung steigt zur Tobsucht, Delirien spie-
geln dcm Kranken Gefahren vor, wogegen er mit alien Kraften
ankiimpft, doth wird seine Aufmerksamkeit durch Fragen der
Umgebungen lcicht rege, cr kommt zu sich, und zeigt ein un-
HYDROPHOBIA.
513
gestdrtes Selbstbcwusstsein. Von Stunde zu Stunde nimmt die
Gewalt der Krankheit zu. Der Tod erfolgt apoplectisch , oder
asphyctisch in eincm heftigen Anfalle von Zuckungen, oder in der
hochsten Erschopfung, ruliig, selbst unter dem triigerischen Scheine
eingetretener Besserung, nachdem die Fahigkeit zu trinken wic-
dcr zuri'ickgekehrt war.
Diese Ziige der Hydrophobic werden durch Alter, Geschlecht,
Individualitat, Behandlung der Kranken raodificirt. Im kindlichen
Alter gestattet die Unbekanntscliaft mit den Folgen der Verlet-
zung und mit der Lebensgefabr eine Sorglosigkeit, die mit der
verzweifelnden Stimmung Erwacbsener contrastirt, und um so
irciner den durch die Krankheit bedingten Zustand hervortreten
liisst. Tobsucht ist bier ein seltener Begleiter. Beim weiblichen
Geschlccbte iiussert sicli die psychische Reaction minder heftig als
beim mannlichen. Beispielc von Hydrophobischen , die bis zum
letzten Augenblicke besonnen bleiben, mit dem todtlichen Aus-
gange der Krankheit bekannt sind, und ihre Umgebungen vor
sich sclbst warncn, kommen vor. Endlich hat die Behandlung
cinen unverkennbaren Einlluss. Durch gewaltsamen Zwang steigt
die Wuth aufs ausserste, so wic andererseits durch unmassige
Blutcntleerungen ein jaher Verfall der Ivrafte herbeigefiihrt wird,
wie er der Krankheit selbst nicht eigenthumlich ist.
Die Dauer der ausgebrochnen Ilydrophobie ist sehr kurz, von
36 — 96 Stunden, selten von 5 und 6, am hiiufigsten von 3 Tagcn.
Nach dem Tode tritt schnell Putrescenz ein, die sich beson-
ders durch Gasentwickelung im Blute und im Zellgewebe verrath.
Trolliet (nouveau traite de la rage. Lyon 1820. p. 121) land be-
trachtliche Luftansammlung in der Brustaorta, in der rechtcn und
linken Herzkammer, so dass beim Einstechcn Lufthlasen mit dem
Blute hcrausdrangen. Froriep traf viele und grosse Lufthlasen
in dem Blute der Jlerzhohlcn, der Aorta und Lungengefasse an
(Medicin. Zeitung d. Vereins f. Heilk. 1836. S. 236). Morgagni
hatte bercits ahnliche Bcohachtungen gemacht (de scd. et cans. morh.
514
SPINALE KRAEMPFE.
Epist. VIII. Art. 23. 27.), und Parry sail (1. c. p. 65) hoi einem
fiinljahrigen Knabcn funf Stunden nach dem Tode das Zcllgewebe
der Caucbdcckcn dcrgcstalt cmphysematos, dass beim Drucke die
Epidermis zwci Zoll und dariiber von den Muskeln abzustelien schien.
Das Blut ist yon dunkler Farbe, dunnfliissig, rieselt leicht und er-
giebig aus den angeschnittenen Gefassen, und wird schnell von den
Geweben imbibirt, daher die dunkelrothe Farbung der Muskelfa-
sern, auch des Herzens, selbst nachdem viel Blut wahrcnd des Lc-
bens entzogen worden, daher die dunkelrothe Farbe dcr inneren
serosen Herzmembran, der Klappen, der inneren Wand der' gros-
seren Arterien, besonders der Aorta. — Aus den Untersuchungen
der Nervenapparate ist bisher nur ein negativer Befund hervorge-
gangen, Mangel erheblicher oder dcr Hydrophobie eigenthumlicher
Veranderungen. In den peripherischenBahnen ist bisweilen unter der
ausseren Haut-Wunde Entzundung der Nerve® beobachtet worden
(s. eine Untersuchung von Rosenthal in Horns Arclhv f. med. Erfahr.
Jahrg. 1815. S. 539), allein es fand keine Fortpflanzung dersel-
ben auf die iibrige Balm statt, und es bleibt uberhaupt zweifel-
liaft, ob die Scarification und anderes reizendes Verfabren nicht
mehr die Schuld getragen als die urspriingliche Bisswunde. Die
Spuren von Entzundung im Vagus und anderen Nerven, worauf
i iulenrielh zuerst aufmerksam gemacht, sind von andern genauen
Beobachtern nicht angetrofiTcn worden, und Krukenberg bat in
einem schon besebriebenen Falle [Horns Archiv 1817. S. 365.)
nachgewiesen, dass es durchaus keine Neuritis, sondern Imbibition
war, welche dem gerotheteten Ansehen der Nerven, des Vagus,
Pbrenicus, Sympathicus zu Grunde lag. Jedocb bat in neuerer
Zeit Froriep (vgl. den Leicbenbefund zu ciner treffiicbcn Kran-
kengeschicbte von Wolff in dcr Med. Zeitung etc. 1836. S. 236)
bci Integritat des Vagus, Glosso-pharvngeus, der Cervicalnerven
und der beiden oberen Halsganglicn des Sympathicus das dritte
Ganglion ccrvicale auf beiden Seitcn des Halses von dunkelrotber
Farbe, grosscrer Festigkeit und mit starker Gefassentwickelung
HYDROPHOBIA.
515
gefunden. Nach ilircr Durchschncidung zoigten diese Ganglien
obcnfalls eincn grdssercn Blutreichthum und cin korniges Anse-
hen der Schnittflachen. Ihr Umfang war betrachtlich vcrgrossert,
ubertraf den des Ganglion supremum, und belief sich auf die
Grosse eines Pflaumenkernes. Hierauf beschrankten sich die
krankbaften Veranderungen im Sympathicus : denn schon sein
oberster Brustknoten war eben so wie sein unterer Theil normal
beschaffen. In den Centralapparaten, im Gehirne und Riicken-
marke, ist ausser Gefass-Anfiillung in den Membranen und Ader-
geflechten, Austretung seros-albuminoser Stoffe, Injection der
Rinden- und Marksubstanz , nichts bemerkenswerthes gefunden
worden, und die meisten Beobachter stimmen in der ausdriick-
lichen Erwahnung normaler Beschaffenheit iiberein. Einer be-
sonders starken UeberfuIIung des Plex. choroid, der vierten Hirn-
hohle und seiner Fortsatze in der Nahe der Insertionsstatte des
Vagus gedenkt Trolliet (1. c. p. 135). — Die Athmungsorgane
boten nach dem Zeugnisse der Mehrzahl folgende Veranderungen
dar: Injection, partielle und allgemeine Rothung der Schleimmcm-
bran, von der Glottis bis in die feinsten Bronchien, Ansammlung
mucoser, schaumiger Stoffe, UeberfuIIung der Lungen mit dun-
kelem, fliissigem, viele Luftblasen cnthaltendem Blute, lobuliires "
Emphysem. In dem Herzen und den grossen Gefassen wurde
ausser der zuvor angefuhrten Imbibition der inneren Membran
und der Muskelsubstanz nichts Auffallendes gefunden. Die Mund-
hohle enthielt gewohnlich vielen zahen wcissgelblichen Schleim.
Die Papillen der Zunge und die Schleimdrusen der Mund- und
Rachenhohle zeigten sich oft sehr entwickelt und hervorstehend.
Rothung und Injection der Gefasse waren an einzelnen Stellen
des Schlund- und des Darmkanals, besonders des Magens, mit
Auflockerung der Schleimhaut sichtbar.
Trotz der nicht durftigen Casuistik der Ilydrophobie besitzen
vwir nur wenige kritische Bcobachtungcn dieser IHankheit. Zu
den ausgezcichnetsten gehoren die von Parry (1. c.) Marcet (med.
Romberg’s Nerrcnkrankb. I. 2. g4
5 1 G
SPINALE KEAEMPFE.
chirurg. transact. Vol. I. p. 132), Marshal (Untcrsuch. des Ge-
hirns im Wahnsinn und in der Wasserscheu. Uebers. und mil
Anmerkungcn begleitct von Romberg. Berlin 1820. S. 19),
Bright (1. c. p. 582 — 604), Clarus (der Krampf in palholog.
und therapeut. Hinsicht systematisch erlautert. S. 303 — 325), dc-
nen cinige von Horn (dessen Archiv Fur medic. Erfalirung. Jahrg.
1814. S. 461. Jahrg. 1815. S. 529), und die zuvor erwabnteu
sicli anreihen. In meinem Wirkungskreise ist mir nur cin Fall
bishcr vorgekommen, den ich mit Horn im Jahrc 1820 beobach-
tet babe.
Friedrich L., sechs Jalir alt, von gesundem Korperbau, bekam
im Monat Juni 1820 ein Nervenfieber, welches sieben Wochen
anliielt. Bei seinem ersten Ausgange wurdc er in dcm Hause
eines Verwandten von cinem Hunde gebissen. Das Kind sass
ruhig auf einem Stuhle, spielte mit Schreibfedern, und als er
eine, die auf der Erde gefallen war, wieder aufnehmen wollte,
sprang der Hund des Gartners herbei, biss mitten in den Nagel
des Mittelfmgers der linken Hand, blieb einige Secunden mit den
Zahnen in demselben haften, und liess erst auf Herzueilen seines
Herrn los. Dieser beschloss, den Hund, Weil er schon mchrere an-
dere Kinder gebissen, fortzujagen, nahm ihm das mit der Wohnung
und dem Namen des Eigenthumers versehene Halsband ab, offnete
die Gartenthur, und so entkam das Thier, ohne dass man etwas
Naheres von ihm erfuhr. Zuvor hatte man ihm einige Haare
abgeschnitten, um sie auf die Wunde zu legen, die in acht Ta-
gen zuheilte. Der Knabc blieb in der Zwischenzeit vollkommen
gesund, ausser dass sich auf der Nasenspitze eine Pustel zeigte,
welche ein Paar Tage stand, und wieder ablrocknete. Seine
Munterkeit und Lebhaftigkeit waren nicht im geringsten gestort,
als er am 30sten August (26 Tage nacli der Ycrwundung) zuerst
fiber Sclimerzen in dem gebissenen Finger klagte, welche am
nachsten Tage auch die Hand einnahmen. Zugleich merkte der
Yater, dass, als der Knabe ruhig in das Zimmer trat, der Athem
HYDROPHOBIA.
517
desselbcn beklommcn war. Die Nacht vom 31sten August zum
lten September verbrachte er unruhig, unter bestandigem Um-
herwerfen, so class seincm Brudcr, der mit ihm in einem Bette
schlief, ein anderes Lager bereitet werden musste. Darauf
schlief cr bis scchs Uhr. Statt des gewdhnlichen Fruhstiick-Kaf-
fees forderte er von der Mutter Wasser zum Trinken, allein schon
bei dem blossen Anblicke sol! er geschaudert, und es gewaltsam
von sich gestossen haben. Er war nicht im Stande irgend eine
andere Flussigkeit oder festc Speisc hcrunterzubringen, deren An-
blick ilirn zuwider war, weshalb er auch die Eltern und Ge-
schwister bat, sie mochteu in einem ancleren Zimmer zu Mittag
essen. Ein ihm verordnetes, und' mit grosser Anstrcngung ge-
nommenes Brechmittcl war nur von geringer Wirkung. In der
Nacht verrieth er die grosste Unruhe, und klagte bestandig uber
starken Durst, und uber die Unmoglichkeit das Getriink herun-
terzubringen. Am zweiten September stellten sich Schmerzen in
dem ganzen linken Arme und Ohre ein. Anwchen der Lult,
z. B. durch Aufhebcn der Bettdecke, Benetzen der Haut mit ei-
nigen Tropfen Urins brachten dieselben Zufalle wie die Trink-
versuche hervor. Das Bewusstsein war ungestort: er antwortete
besonnen auf die an ihn gerichteten Fragen, und ausserte ofters,
dass er gern sterben mdehte, wenn er sich nur noch einmal satt
trinken konne. Nachmittags 5 Uhr sah ich den Knaben: er lag
auf dem Riickcn, mit glanzenden hin- und hcrrollenden Augen
und rothem Gesichtc, dcssen Ziigc angstigende Unruhe ausdruck-
ten. Die Zungc war weiss Ivclegt, die Haut trocken, im Gesicht
und an den ExtrcmiUitcn kl’ild, auf der Brust am warmsten, der
Puls voll, schncll, sehr frequent, von 160 Schlagen in der Mi-
nute, der Ilcrzstoss stark, der Athcm beschleunigt im Yerhaltniss
zum Pulse, der Urin von blassgelber Farbe, die Bewegungen ge-
schahen mit Encrgie und Hast. Ich hiclt ihm eine Untertasse
mit Bier vor, und forderte zum Trinken auf: allein der blosse
Anblick machte das Kind schon stutzig: so wie ich die Tasse
34 0
518
SPINALE KRAEMPFE.
seinem Munde nahc brachtc, entstand schhichzcnder Athern, Zu-
sammenfahren des ganzen Korpers, Wcgwcnden des Gcsiclitcs
nacli dcr cntgegengcsctzten Scite, wildes Uollcn der Augen —
dieselbcn Ersclicinungen bci drcimaligcr Wiedcrholung des Vcr-
suches. Beim Anblicke eines Glases mit Wasscr war die Un-
ruhe wcit grosser, der Schauder nocli heftiger. Jetzt gab ich
die Tassc dem Knaben selbst in die Hand, und forderte ihn drin-
gcnd auf zu trinken, indem ich ihm vorstellte, dass cr sterben
rniisse, wenn er nicht folgsam sei. Mit zitternder Hand ergriff
er die Tasse, und fiilirte sie an den Mund: als er jetzt zusam-
menschauderte , und mir die Tasse zuriickgeben w^ollte, rief ich
ihm mit drohendcr Stimme zu: Trinke! da fasste er Muth, und
obgleich Singultus eintrat, schluckte er mit Gicr, jedoch mit aus-
serster Anstrengung ungefahr einen halben Theeloffel voll herun-
ter. Darauf tauchte ich den Griff eines Loffels in das Wasser, und
traufelte davon mehrere Minuten lang auf die Zunge. Diesc gc-
ringe Quantitat schlang er ohne sonderliche Mulie und Schaudern.
Ich liess ein mit Wasser gefulltes Waschbecken auf das Bett
setzen, und befahl dem Kranken sich die Hande zu waschen.
Bei dem Anblicke dieses Wassers verhielt er sich ruhig, und
wusch die Hande , ohne dass in den Gesichtszugen und in der
Haltung eine Veriinderung sichtbar wurde. Dasselbe war der
Fall bei dem Anblicke glanzerider, vorgehaltener Gegenstiinde,
eines Spiegels, der hell polirten Riickseite einer Uhr, welclie er
sogar mit Yergniigen ansah. Dagegen war ihm das Anwehen
einer kuhlen Luft, zumal wenn es mit einiger Gewalt geschah,
durch schnelles L’uften der Bcttdecke etc. sehr empfindlich, und
hatte ahnliche Wirkungen wie die Trinkyersuche. Das Rauschen
des Regens bei offenem Fenster war ihm gleichgidtig, allein grosse
Angst verricth er, sobald sich Fliegen auf sein Gesicht und seine
Hande odcr auf das Bett setzten, dann rief er mit grosser Un-
rulier Vatcr, Vater, jage die Fliegen fort. Die Sinnesthatigkeit
und intellectuellen Kraft e waren ungestort. Auf die Frage, oh
HYDROPHOBIA.
519
or irgendwo Schmerzen empfinde, gal) er zu wicderliolten Malcn
cine verneinende Antwort, aucli verzog er keine Miene beim
Druck auf die Brust oder auf den IJnterleib. — Die bier enl-
worfenen Ziige der Krankheit blieben unveriindert dieselben wah-
rend der anderthalb Stunden, die ich vor dem Bette des Kindcs
zubrachte. Behandlung: Adcrlass von einem Pfunde Blut, Sca-
rification der Narbe und Auflegen von Cantharidcnsalbe, Einrei-
bung stiindlick von einem Quentchen Ung. Merc, ciner. in die in™
ncre Flache des linken Arms, und Calomel zu 2 Gran stundlich.)
Nach dem Aderlasse, wahrend dessen der Knabe still auf dem
Scboossc seines Yaters gesessen liatte, trat cine grosscre Rube
ein; die Hast in alien Bewegungen minderte sich; das Zusam-
menschaudern bei dem Vorhalten cines Glases Wasser war nicht
mehr so stark wie zuvor, doch geschah das Schlucken des Calo-
mclpulvers nur mit der grossten Anstrengung, und auf dringen-
des Aufiordern sowohl der Eltern als meinerseits. Um 7 Uhr
Abends besuchte Herr Geheime Rath Horn den Knaben, und
schildertc seinen Zustand folgendermassen: Die Gesichtsziigc
druckten die hochste Angst aus, die Augen beurkundeten
ein unnennbares Leiden. Er warf sich stets im Bette kin und
her, und konnte nirgends Ruhe finden. Die Augen rollten; in
alien Bewegungen zeigte sich eine gewisse Heftigkcit und Kraft.
Er klagtc liber nichts, doch fuhr er gleich zusammen, wenn man
sich ihm naherte, schnell auf ihn zuging, oder ilirn zu trinken
rcicken wollte. Als man ihm Arznei geben, und Mercurialsalbe
einreiben wollte, strliubte er sich, und bat llehcnd ihn nicht zu
beriihren, und ilirn nicht wieder Ader zu Iassen: er wiinschtc
sehnlichst ruliig liegen bleiben zu diirfcn. Seine Hautwarmc war
etwas vermindert, namentlich am Kopje , an den Handen und an
den Beinen. Dicse Untersuchung schien ihm, wie jede Beriih-
rung und Annahcriing, unangenchme Empfindungen zu erregen.
Ein haufiges Auswcrfen des Spcichcls fand nicht statt. Der Puls
war hart, schnell und ausserordentlieh haufig. Mit der Secundcn-
520
SPIN ALE KRAEMPFE.
uhr genau, unci zu wiedcrliolten Malen uutersuclit, zeigte sich
eine Frcquenz von 180 — 100, unci zuletzt 200 Schliigen in einer
Minute, wobei in clerselben Zeit 45 — 50 Inspirationen erfolgtcn.
Glanzende Gegenstande, Uhr, Spiegel, konnte er auch jetzt sehen
unci beruliren, ohne dass dadurch unangenehme Empfindungen
hervorgebracht wurden. Aber es war ihm unmbglich Wasser,
Thee odcr Bier zu trinken. Bei der Annaherung des Trinkge-
iasses wcndete er das Gesicht scbnell weg, und stiess mit der
Hand dasselbe fort. Ein Stuck weichen Pllaumcnkuchens ver-
suchte er zum Munde zu bringen, doch spie er dasselbe sogleich
wieder weg, als er kaum angefangen hatte dasselbe auszusaugen.
Andere Erquickungen, die ihm gereicht wurden, liess er auf die
Seite stellen, mit der Aeusserung, class er sie bis Morgen auf-
heben wolle. — Der Knabe zeigte noch Kraft genug in seinen
Bewegungen, seiner Haltung und Sprache. Es ward deshalb der
Aderlass wieclerholt, und die Gabe des Calomel verdoppelt. Kaum
waren zwei Obertassen voll Blut abgeflossen, so wurden das Ge-
sicht und clie Hande merklich kuhler, der Puls kleiner, die Stimmc
schwacher; allein der Blick blieb munter, das Auge glanzend und
beweglich, und eine Ohnmacht, die ich erwartete, trat nicht ein —
doch bestimmten mich jene Veranclerungen mit dem Blutlassen
inne zu halten. Die Erscheinung der Wasserscheu dauerte in
gleicher Starke fort, wahrend der Puls, obwohl viel schwacher,
dieselbe ausserordentliche Frequenz wie zuvor behauptete. Nach-
dem ich beinah eine Stunde das ungluckliche Kind beobachtet
hatte, entfernte ich mich. Eine halbe Stunde darauf verschied es.
Die Section wurde am 4 ten September, fiinf und zwanzig
Stunden nach dem Todc, im Beiscin unseres vcrewigten Heim
und mehrerer Aerzte von dem damaligcn Stadtphysicus Dr. Mertz-
dorf vorgenommcn. — Die Farbe der Leiche war von einem sa-
turirten Gelb, auf den Wangen mit livicler Rothe untermischt.
Obcrc und untere Extremitaten waren schlaff und biegsam. Die
Augen waren nicht so welk und glanzlos wie gcwdhnlich. Friih-
HYDROPHOBIA.
521
zeitig hallo sieli trotz <Jer ziomlich kalten Temperatur tier Geruch
der Fiiulniss entwickelt. Die Muskeln hatten ein dunkelrothes
Ansehen. Die Lungen warcn stark mil Blut uberfullt. Beim Oell-
nen ties Kehlkopfcs, der Lull- und Speiserohrc zeigte sich nichts
Abnormes: das Gewebe dieser Thcile war von blasser Farbe.
Auffallend erschien dagegen die Rothe des Herzens, auf des-
sen Aussenflache sammtliche Gcfasse, Arterien und Venen, wie
injicirt waren. Die Mitral- und Aortenklappen waren von
scbarlaclirother Farbe, die trotz des bfteren Abwischens mit ei-
nera Sehwamme, unverandert blieb ; die Flcischbalken und Seh-
nen waren dunkeler gefarbt als gewohnlich. Die innere Flaehe
der Aorta war bis zuin Bogen von hcllrother Farbe. Das in den
Geliissen enthaltene Blut hatte eine dunkele und fliissige Beschaf-
fenheit. Die innere Flaehe des Magens war von eben so blasser
Farbe wie die des Schlundes. In den iibrigen Organen des Un-
terleibes fand sich keine krankhafte Veranderung. — Den Bitten
tier Eltern, die Schadelhohle nicht zu offnen, wurde nachgegeben.
Aetiologie. — Die bedingende Ur s ache der geschilderten
Kranklieit ist Intoxication mit clem Wu-thgifte, welches in dem
Hunde und in den verschiedenen Arten des Hundegeschlechts
(VYolf, Fuchs, Schakal) erzeugt, auf antlere Thiere, Katzen, Wie-
tlcrkauer, Pferde, Schweine (ob auch auf Vogel und Amphibien
ist unbekannt), und auf den Menschen, entweder unmittelbar
oder mittelbar (lurch ein vom Hunde angestecktes Tliier uber-
tragen werden kann. Dieses Gift ist fixer, nicht lliichtigbr Na-
tur, und in jeder Periotic tier Kranklieit, selbst noch cinige Zeit
nacli dem Todc ties Thieres, so lange das Cadaver noch nicht
ganz erstarrt ist, ansteckungsfahig, dagegen niemals (lurch Aus-
diinstung der Haul oder Lungen mittelst atmospharischer Lull
mittheilhar. Das gewohnliche Vehikel ist Speichel und Schlcim
im Maule wuthkrankcr Hunde, doch vergiften auch, wie Hertwig
bcobachtetc (s. Dcsscn vcrdienstvolle Beitriigc zur naheren Kcnut-
niss tier Wuthkrankhcit oder Tollheit der Hunde im Supplement-
522
SPINALE KRAEMPFE.
liel'tc von Huf eland’s Journal etc. 1828), .unvcrmischtc Spcichel-
H'ussigkeit aus dem Spcichclkanal, die Substanz der Speicheldru-
sen, wovon Stiickchen in Wunden gelegt wurden, und endlich
das Blut selbst, venoses und arteriellcs (1. c. S. 1G8). Zur Ueber-
tragung des Giftes bedarf cs ciner Verletzung der Haul: sowohl
Cutis als Schleimmcrnbran mussen des Epitheliums verlustig sein,
mag die Mittheilung durch blossen Contakt (z. B. Bcgeifern ex-
eoriirter Stellen) oder durch Impfung (Bisswunden etc.) stattfinden.
Die Wirksamkeit des aufgenommenen Giftes wird durch die Rc-
ceptivitat des Organismus bedingt. Im Allgemeinen ist die Em-
pfanglichkeit fur dieses Contagium nicht gross, scheint jedoch bei
Hunden starker zu sein als beim Menschen und bei andern Tliie-
ren. Nach Her twig s Versuchen an Ilunden ist das Yerhaltniss
etwas liber 23 pCt. : unter 59 geimplten Hunden brach bei 14
die Wuth aus (1. c. S. 166). Bei einigen fand die Ansteckung
nach der ersten Impfung statt, andere iiberstanden zwei, drei,
auch vier Impfungen, und wurden erst bei der folgenden inficirt,
einer leistete selbst drei Jahre hindurch alien Impfungen, deren
Zahl sich auf neun belief, Widerstand, wahrend sieben andere
bei verschiedenen Versuchen gleichzeitig mit ihm geimpften Hunde
angesteckt wurden. Nach Youait (I. c. p. 22) ist das Verhalt-
niss der Vergiftungen nach der natiirlichen Impfung durch Biss-
wunden betrachtlicher: von drei durch einen tollen Hund ge-
bissenen Hunden werden nach seiner Erfahrung zwei von der
Krankheit befallen. Bei Pferden ist die Frequenz noch ziemlich
gross, beim Rinde und bei Schaafen am geringsten. Audi beim
Menschen scheint dieses der Fall zu sein: von 21 Menschen, die
von einem Hunde gebissen waren, und keincr Prophylaxis sich
unterworfen hatten, sah John Hunter nur einen erkranken ( Parry
1. c. p. 84). Aehnlichc Beobachtungen werden von Vaughan
u. A. ( Andry , recherclies sur la rage p. 189) mitgetheilt. In
andern Fallen ist das Verhaltniss betrachtlicher: so wurden un-
ter 23 von einer tollen Wolfin gebissenen Menschen, deren Ge-
i
HYDROPHOBIA.
523
schichte von Trolliet beschricben 1st, dreizehn von dcr Hydro-
phobic befallen. Man hat, um diese Differenz zu crklliren, be-
. giinstigenden Umstandcn cine Bedeutung zugescliricben, die jedoch
grosstentheils der Kritik nicht gen'ugt. So soil dcr Biss eines
lollen Wolfes sicherer vergiften als der eines Hundes ( Trolliet
p. 170). Einigc haben behauptet, dass die vom Ilundegeschlechte
auf Menschen, Einhufer und Wiederkauer iibertragene Wuth
1 nicht ansteckungsfahig sei, und fuhren zum Beweise Dupuy’s
Versuche an, welclie stets mislangen, so oft die Wuth an Ochsen
und Schaafen von anderen Thieren derselben Gattung inoculirt
'\vurde, dagegen die Impfung mit dem Geifer eines wuthkranken
iHundes fasste (s. den Art. Rage im Diction, des scienc. mtfdic.
T. 47. p. 46), allein Youatt (1. c. p. 22) sah die Hydrophobie
:bei einem Stallknechte ausbrechen, der sich die Hand in der
Mundholde eines wuthkranken Pferdes beim Eingeben der Arznei
aufgeritzt hatte, und Magendie und Breschet trugen die Wuth
worn Menschen auf den Hund iiber. Sie impften am 19tcn Juni
'1813 mit dem Speichel eines Hydrophobischen zwei Hunde. Der
cine wurde am 27 sten Juli toll , und biss zwei andere Hunde,
wvovon der eine am 26sten August von der Wuth befallen wurde
(( Trolliet I. c. p. 172). Schon hierdurch, und noch griindlicher
ddurch Her twig’s Yersuche wird eine andere Behauptung wi-
(derlegt, dass das mitgetheilte Wuthgift in der zweiten und
i n den folgenden Gencrationen an Kraft verliere. Sichereren
'Schutz gewahrt die das Gift aulfangendc Bedeckung des ge-
ibissenen Theils clurch dickes, behaartes Fell, Wolle, Klcidungs-
wtiicke etc., womit die seit alten Zeiten gemachte Beobachtung
'.ler grosseren Gefahr bei Wunden im Gesichte und an den Han-
illen iibcreinstimmt.
Zwischen der Aulnahme des Giftes und dem Ausbruche dcr
tKrankheit licgt ein Interval!, dessen kurzcste Dauer bei dem
'Menschen (naeh ciner Vergleichung von sechzig authentischen
ifleohachtungen) 14 Tage, dessen langste Dauer 7 — 9 Monatc
524
SPINALE KRAEMPFE.
betriigt , gewbhnlich auf 4 — 7 Wochcn sieh belauft. Nach einer
unci derselben Ansteckung bietet dieses Inlcrvall Verschiedenhei-
ten dar, die unabhiingig von Alter, von Gesclilecht, vom Sitz
der Wunde sind. So brach unter den von Trollict beschriebe-
nen 13 Kranken, die an einem Tage von einer lollen Wolfin
gebissen worclen waren, die Hydrophobie bei seclis vom 15. — 30.
Tage, bei vier vom 30. — 40. Tage, bei zvvei vom 40. — 53. Tage,
und bei einem drci Monate und achtzchn Tage nach der Ver-
wundung aus. Bei Hunden erfolgt nach Hertwigs Beobachtung
der Ausbruch der Krankheit innerhalb 50 Tage, mag die Ver-
giftung durch Biss oder durch Inoculation stattgefunden haben.
Auf die zeitlichen Yerhaltnisse beschrankt sicli unsere Kennt-
niss des Intervalls, oder wic man es auch genannt hat, der An-
steckungsperiode : durchaus unzuvcrlassig und irrig sind die An-
gaben von Erscheinungen , welche die zu Stande gekommene An-
steckung beweisen sollen: eine eigenthumliche BeschafTenheit der
Bisswunde, die Entstehung eines Wulstes im Umkrcise, die Bil-
dung von Bliischen und Pusteln sowohl in der nachsten Umgc-
bung (S. v. Lenhossck die Wuthkrankheit nach bishcrigen Beob-
achtungen und neueren Erfahrungcn pathologisch und therapeu-
tiscli dargestellt. Pesth 1837. S. 280.), als auch entfernt von der
Wunde unter der Zunge in den Ausfiihrungsgangen der Sub-
maxillardrusen zwischen dem dritten und neunten Tage nach dei
Vervvundung, die sogenannten Wuthblaschen , die sicli als My-
stification durch einen Ukrainer Bauern bcurkund^t haben. Ein
negatives Merkmal jecloch diirfte, wenn cs durch kimftige Beob-
achtungen bestiitigt wird, beacbtenswerth scin, der Mangel cnt-
zundlicher Anschwellung naher Lymph-Gelasse und Druscn nach
der Verwundung, auch nach Inoculation an Thicren.
Nach erfolgter Aul’nahme des Wuthgiftes scheint der Aus-
bruch der Krankheit durch gclcgentliche Einflusse gefordert zu
werden: durch korperliche Anstrengung, Gcmuthsaffectc, zumal
Schreck, durch ausserc Verlctzungcn, wovon diejenigen Fallc ein
HYDROPHOBIA.
525
zuvcrlassigcs Zeugniss geben, wo die Hydrophobic nach einer
iiber die gewbhnliche Dauer des Intervalls sich hinziehenden Frist
ausbraeh. So waren bci cinem von den Kranken, deren Ge-
schichte Trolliet besclirieben hat (1. c. S. G5.) bereits 3^ Monate
mach dein Bisse vergangen, als derselbe sich Excessen nach einer
bis dahin ruhigen Lebensweise hingiebt und eines Tages aid
der Riickkehr vom Jahrmarkte einem Hunde begegnet, der j idl-
ings sein Pferd anfallt: alle Details seiner eigenen Verwundung
ttauchen in seincm Gedachtnisse wieder auf — ein Paar Tagc
■ larauf wird er von der Hydrophobie befallen , nnd stirbt am drit—
i:en Tage. Ein Paar Beispiele aus iilteren Schriften, welche je-
ll loch einer genauen Schilderung der Zulalle ermangeln, werden
' /on Lenhossek angefuhrt (1. c, S. 273.), wonach bei dem einen
i ) in Fusstritt, bei dem andern der Wurf eines Stuckes Holz an
lie Narbe der Bisswunde sechs und neun Monale nach der Yer-
etzung durch wuthkranke Thiere , die Hydrophobie sofort hervor-
•iefen. Youatt bemerkt (p. 26), dass auch bei Thieren durch
Aufregungen der schlummernde Keim geweekt wird. Bei der
• N
.riichtigen Hundin bricht die Krankheit erst 2 — 3 Tage nachdem
;ie geworfen hat, aus: bei andern haufig wahrend der Brunst.
Comparatives. Die Bestatigung der Wuthkrankheit andern
i erletzenden Thiere erganzt die Erkenntniss der Hydrophobic
und motivirt die Behandlung. Diese diagnostischen Erfahrungen
initzutheilen, ist hier der geeignete Ort, obschon die ausfuhrli-
here Betrachtung der fur die Lehre der Nervenkrankheiten iiber-
naupt wichtigen Ergebnissc der vergleichenden Pathologie fur
;ine besondere Abhandlung am Schlusse dieses Werkes bestimmt
'St. Auch in die Nosologie der Hundswuth hatten sich so vicle
Irrthumer eingeschlichen und durch Tradition erhalten , dass man
die Bcmiihungen ausgezcichneter Veterinararzte zur Ausmerzung
lies Truges dankbar anerkennen muss. Unter den Deulschen gc-
uuhrt Hertwig dieses Vcrdienst, unter den Engliindern Meyndl
md Youatt , deren. Beobachtungcn einen auffallenden Unterscbied
520
SPINALE KRAEMPFE.
in (len Erscheinungen der Krankhcit bei dcm Menschen und dcm
Ilunde nachweisen. Die Vorboten fehlen nach Hertwig entwe-
der ganz odor zcichrien sich durcli keine Eigenthiimlichkeit aus:
nach Youatt ist stetes Lecken und Kratzen des verwundeten
und mit cinem Schorfe verseliencn Theils bemerkungswerlh, wel-
ches von dcm Ilunde mit der aussersten Heftigkeit bis zum Zer-
fleischen fortgesetzt wird. Die ausgebrochcnc Wuth zeigt sich
nach Her twig unter zwei Formcn, der rasenden und stillen Wuth:
Karaktere der ersteren sind psychische Aufregung, Beisswuth und
Lauftrieb, wahrend bei der andern Depression, und paralyti-
sche Schwache, besonders des Unterkiefers sich geltend machen.
AIs pathognomonische Merkmale werden hervorgehoben : 1) Ei-
genthiimliche Veriinderung in der Stimme und in der Art des
Bellens. Die Stimme klingt rauh, heiser, angstlich: das Bellen
geschieht nicht in einzelnen kurz -auf einander folgenden, deut-
lich von einander getrennten Schlagen, sondern der erste An-
schlag geht jedesmal in ein kurzes Geheul liber, so dass das
Ganze weder ein gehoriges Bellen noch Heulen, sondern ein
Mittelding zwischen beiden darstellt. Dabei heben die Hunde
meistens das Maul in die Hohe. Einige lassen diese Tone ohne
alien Anlass sehr oft, fast ununterbrochen durch mehrere Tage
horen, andere nur selten und nach einer Reizung. 2) Nach
Youatt (p. 3.) ist die Respiration stets betheiligt: das Athmen
ist oft sehr erschwert und die Inspiration von einem rasselnden
Gerausche begleitet. 3) Psychische Storungen geben sich durch
Veriinderung des Benchmens und der Gewohnheitcn kund, und
sind nach Race , Temperament, Lebensweise des Ilundes vcrschie-
den. Doch iiussert sich im Allgemeinen sowohl cine innere
Angst durch rastloses Din- und Herlaufen, stetes Ilindraugen
nach dcr Thiire, Veranderung dcs Lagers, Entweichen aus dcm
Ilause und Umhcrschweifen auf den Strassen und im Freicn, als
aucli cine Neigung zum Anfallen und Beissen, welche sich bei
wildcn, boshaften Ilmiden znr Zcrslorungsvvulh und Mordsuchl,
HYDROPHOBIA.
527
sowohl gcgen lebendige Geschopfc, zumal Katzcn, als auch gc-
gen lcblosc Dingc steigert. Bei clem Beissen anderer Ilunde wali-
Uen sie gewohnlich das Maul und^die Genitalicn. (Her twig). Phan-
tasmcn unci Deliricn machen sicli nach Youatt’ s Erfahrung be-
mcrkbar. Dcr Hund starrt einen Fleck an der Wancl an, fahrt
iplotzlich darauf los, schliesst das Auge und lasst den Kopf han-
_gcn , sielit darauf wilden Blickes um sich oder folgt der Spur ei~
mes ihm vorschwebenden Gegenstancles, schreckt leicht auf — al-
lein das Bewusstsein ist nicht aufgehoben, er hort auf die Stimme
seines Herrn, und ist selbst noch folgsam. 4) Verlust des Ap-
ipetites zu festen consistenten NabrungsstofFen bei starker Neigung
zu heterogenen Dingen, Holz, Stroh, Leder, Wollc, Glasscher-
ben und den eigenen Excrementen. 5) Vcriindertes Aussehen:
IRothung der Bindehaut unci Photophobie, bei vielen ein geringer
(Grad von Schielen ( Youatt ), rauhe, struppige Ilaut, sclinelle Ab-
lmagerung. 6) Ausfluss von Speichel um den zweiten Tag der Krank-
1 heit, welcher nur zelm bis zwolf Stunden anhalt, und worauf ein
unausloschlicher Durst folgt (Youatt). Nach Her twig fcillt sich nur
bei Entzunclung des Pharynx clas Maul mit Speichel und Scldeim.
'7) Im weiteren Verlaufe der Krankheit gesellt sich paralytische
Affection der Kiefcrmuskeln und der Hinterbeine hinzu. 8) Ein
inegatives, nicht minder wichtiges Symptom ist Mangel der Was-
>serscheu. Die wuthkranken Huncle kdnnen Wasser und andere
IFliissigkeitcn sehcn und zu jeder Zeit saufen, einzelne lecken
das Wasser, konnen es aber wegen Geschwulst der Zunge, des
Rachens oder Schlundes nicht schlucken. — Die Krankheit endet
liramer todtlich, binnen vicr bis acht Tagen, meistens durch all-
imahliche Zunahme der Erschdpfung , zuwcilen auch plotzlich, apo-
iplectisch. Bei der Leichenoffnung findet man clas Blut dunkel
i und von theerartiger Beschalfenheit, den Pharynx und besonclers
'die Tonsillen angeschwollen und entzundct, die Epiglottis in jicirt,
und die hintere Fliiche des Larynx entziindet (Youatt). Am hau-
'figsten ist die Schleimhaut des Magens entziindet, und der Ma-
528
SPIN ALE KRAEMPFE.
gen enthiilt cine Menge unvcrdaulicher Slofl'e, Stroh, Ilaare,
Pferdemist, Erde etc., was man bei keiner andern Krankheit der
Ilunde antrifft. I)ic Entziindung dehnt sicli nicht selten auf Duo-
denum und Diinndarm aus. Gehirn und Riickenmark sind mil BIul
iiberlullt, allein so wie die peripherischen Ncrvenbahnen frei von
sichtbarer Veranderung ( Herlwig ). Nach Youcitt (p. G.) ist das
verlangerte Mark, besonders die Corpora olivaria, in schr hobem
Grade injicirt.
Die Symptome der auf anderc Thiere iibertragenen Hunds-
wuth sind in den Schriften von Youait (p. 7.) und Lenhosseh
(S. 113—^24.) zu vergleichen.
Diagnostic lies und Nosologisches. Die diagnostisclien
Vorziige einer physiologischen Auffassung der Krankheiten machen
sich auch bier geltend; Excess der Reflexspannung in dem Wur-
zelhcerde der Ncrven des Athem- und Schlingapparats ist der
wesentliche Karaktcr der Wuthkrankheit des Menschen: gestei-
gerte Errcgbarkeit fur die unentbehrliehen integrirenden Lebens-
reize, fur die Ingestion von Luft undWasser, und entsprechende
motorische Entladungcn durch die Nerven der Inspiration und
Deglutition sind die Symbole. Darauf beruht der Unterschied
von der als Symptom anderer Krankheiten auftretenden Wasser-
seheu, die entweder aus blossem Widerwillen, oder in Folge ir-
rer Yorstellungen oder durch Schlund- und Glottiskrampf ent-
steht. Dergleichen Kranke konnen den Mund voll Wasser neh-
mcn, ohne Manifestation der Reflex -Erregbarkeit: nur das Schluk-
ken ist verhindert, daher sie sofort beruhigt sind, wenn sie die Fliis-
sigkeit wieder ausspeien konnen. Wie anders bei dem Wutli-
kranken, wo schon das Benetzen der Lippe oder das Wehcn der
Luft den convulsivischen Schaudcr und den eigenthumlichen Athem-
krampf anfacht, wo daher das Verbinden der Augen, um den Anblick
des dargebotenen Wasscrs zu entziehen , von gar keinem Ein-
llusse ist! Schwieriger ist die Entscheidung in den Fallen, wo
nach dem vorhergegangenen Bisse cines Hundes oder anderen
HYDROPHOBIA.
52<)
Thieres (lurch Entwickelung ciner HirnafTection, gewohnlich acuter
Hypochondrie (S. S. 188.), sellcncr Meningitis, hydrophobischc
Zufalle herbcigcfiihrt wcrden. Dcr schnclle Eintritt dieser Er-
scheinungen nach der Yerletzung, der Mangel ties gewohnlichen
Intcrvalls, die Abwescnbcit der Reflex -Steigerung, dcr wohltha-
tige Eindruck psychischcr Beruhigung bei Hypochondrie, dcr Ka-
rakter der Deliricn in. der Phrenitis, die Tobsucht mit Neigung
zu beissen, zu zerstbren, welche in der Wuthkrankheit fehlt,
-sindhief als Criterien zu benutzen. Auch ist dcr Unterschied des
hydrophobischen Paroxysmus in der Wuthkrankheit von der Was-
■ serscheu als Beglciterin anderer Krankheiten festzuhalten. Jener
kelirt auch spontan, ohne Anblick des Wassers, ohne Yersuch
zu trinken im Wachen und im Schlummer zuruck, und das
Hinderniss selbst wire! mehr durch einen Athem-, als durch ei-
nen Schlingkrampf bedingt.
Der iiblichen Maxime, ignotum exponere per ignotius, abhold
vermeide ich in Bezug auf die Pathogenic der Wuthkrankheit
Analogieen mit andern contagiosen Krankheiten aufzustellen. Es
wire! nicht durch Vermuthungen die Liicke unscrer Kenntniss von
der Wirkungsweise des rabiosen Giftes erganzt werden: nur von
sorgfaltigen Yersuchen an geimpften Thieren, wobei die Erfah-
rungen uber Ufiterbrechung der Intoxication durch Ligaturen,
Schropfkbpfe etc. benutzt, Excisionen dcr inoculirten Stelle in
verschiedenen Zeitraumen vorgenommen werden, von solchen Ver-
suchen in grosserem Masstabc, wegen der mbglichen Nichtem-
pfanglichkeit fur das Contagium, angestellt, diirfte einiger Auf-
schluss zu erwarten sein. Der nosologische Standpunkt die-
ser Krankheit ist auf vcrschiedcne Wcise aufgefasst worden.
Man hat sie bald dem Irrcsein, bald den Convulslonen angerci-
het, odcr wegen des traumatischen Anlasses mit dem Wundstarr-
krampfe zusammengestellt. Allein die Thatsache, dass auch ohne
alle iiussere Verletzung, z. B. durch Leckcn aufgesprungener
Hande odcr excoriirter Lippcn von einem tollen llunde die Wutli-
530
SP1NALE KRAEMPFE.
krankheit cntstehen kann, dient zur Widerlegung. Dagcgen dcr
Excess dcr Reflexaction diesc Krankheit in die Categoric der
tetanischen Alfectionen stellt, unter welchen ihr durch den be-
stimmten Sitz in dcr Medulla oblongata cin eigenthiimlickes Ge-
prage der Symptome und der Unterschicd yon den zuvor besebrie-
benen Starrkrampfen gesichert wird.
Ilierin liegt auch die prognostische Bedeutung. Die aus-
gebrochene Wutkkrankheit ist bei den uns bislier zu Gebote ste-
henden Mitteln unbedingt todtlich. Beobachtungcn vom Gegcn-
theil sind unzuverlassig, entsprechen nicht den Anforderungen
dcr Critik. In Bezug auf die Incubationsperiode ist zwar bei
friiher Hiilfe eine giinstigere Prognose zu stellen, indess auch die
in so vielen Fallen mangelnde Emphinglichkeit fur das Contagium
nicht ausser Acht zu lassen.
Wo die Wissenschaft keinen Halt giebt, wuchcrt der Abcr-
glaube. Die therapeutische Literatur der Hydrophobie ist voll
davon. Aus alien Versuchen stellen sich nur zwei trostende Er-
gebnisse heraus, 1) die Zuvcrlassigkeit einer allgemeinen Pro-
phylaxis und 2) die Mogliclikeit einer individuellen. Der Staat
verraag die erstere auszufuhren, durch ein Yerbot unnutzer Ilunde,
und wo dieses zu grosse Ilindernisse findet, durch Besehrankung
einer zu grossen Anzahl mittelst einer besondcren Steuer, wie
sie in Berlin mit dem grossten Erfolge eingefiihrt ist. Wuth-
kranke Ilunde gehoren jetzt hier zu den Seltenhciten, und nur
yon den umliegenden Dorfern wird dann und wann ein Hydro-
phobischer nacli dem allgemeinen Krankenhause gebracht. Nicht
bloss auf Hunde, auch auf Katzen und auf die Ausrottung der
Wolfe mussen die olfentlichen Massregeln ausgcdehnt werden.
Die individuelle prophylaxis findet nach geschehener Yerletzung
statt, und hat den Zweck, das in die Wunde aufgenommcne
Contagium zu entfernen. Das Ausschneiden des gebissenen Tlieils
bis in das Gesunde hinein unmittelbar nach dcr Vcrwundung ist
am sichersten, doch liisst es sich bei einer grossen Zalil von Wun-
HYDROPHOBIA,
531
den, und in dcr Niilie lebenswichtiger Organe nicht immer aus-
fuliren. Ligaturen und Saugapparate (Schropfkopfe) sind, ob-
gleich sie mit benutzt werden konnen, nocli zu wenig gepriift,
um sich darauf allein zu verlassen. Fast alle Stimmen yereinigen
sich in der Nothwendigkeit, die organische Stattc, in welche das
Gift eingedrungen ist, zu zersetzen. Das Gluheisen wiirde die-
sen Erfolg am sichersten haben, wenn man iiberzeugt sein
konnte, die Wunde in ihrer ganzen Ausdehnung seiner Ein-
wirkung blosszustellen. Man hat deshalb die Verbindung der
Excision mit seiner Anwendung yorgeschlagen. Unter den Aetz-
mitteln wird von dem beruhmten Londoner Yeteriniirarzte Youait
das Argentum nitricum alien andern vorgezogen; er selbst stellte
sich dadurch sicher, nachdem er viermal von tollen Hunden ge-
bissen worden war, und hat es bei mehr als vierhundert, von
unzweifelhaft wuthkranken Hunden verwundeten Individuen in
Gebrauch gezogen, mit solchem Erfolg, dass nur bei einem ein-
zigen die Hydrophobie zum Ausbruch gekommen ist (1. c. p. 33.).
Rust war der eifrige Lobredner des Kali causticum in Solution,
\ Drachme in einem Pfunde destillirten Wassers, womit die Wunde
nach der Excision angefeuchtet wird (Theoret. prakt. Ilandb. d.
Chirurg. in alphabetischer Ordnung. Bd. IX. S. 286.). Fiir die
Unterhaltung einer ergiebigen Eiterung bis iiber die gewdhnliehe
Dauer des Intervalls entscheiden sich die meisten. Je friiher nach
der Yerwundung das Yerfahren instituirt werden kann, desto gros-
ser ist seine Schutzkraft, doch versaume man es auch dann nicht,
wenn bereits liingere Zeit oline alle Hiilfe verstrichen ist.
Man hat sich nicht mit einer ortlichen Vorbauungscur be-
gniigt, sondern auch eine allgemeine empfohlen. Hier verlasst
die sichere Grundlage, und Zweifel driingen sich auf, ob der topi—
schen Behandlung der Wunde, ob den andern Mitteln der pro-
phylactische Antheil zugeschrieben werden muss, z. B. bei dem von
Wendt beschriebcnen Verfahren im Brcslauer Hospital (Darstcllung
einer zweekmassigen und durch die Erfahrung erprobten Methode
Romberg’s Tfervenkrankh, I. 2. 35
532
SPRNALE KRAEMPFE.
zur Verh'utung der Wasserscheu. Breslau 1824. S. 45.), wonacli
die Wundc mil Cantharidenpulver angefullt und in Eiterung er-
lialten, und durch Calomel und Einreibungen mil Ung. neapolit.
cine starke Salivation erzcugt wird. — Es giebt kein Antilyssum,
dessen Wirksamkeit bisher constatirt ist, und wcder Canthariden,
noeh Belladonna , noch Mcloc majalis etc. haben angeregte lloflf-
nungen erfullt.
Unentbehrlich ist die psychische Prophylaxis: beruhigende
Motive, Vermeidung jeder Erinnerung an die vorangegangene
Verletzung , Aufheiterun'g.
Nach dem Ausbruche der Hydrophobie bleibt uns nur die ge-
wissenhafte Erfullung aller Pllichten, welche die Humanitat ge-
bietet. Fern sei korperlicher, mit Strcnge ausgefuhrter Zvvang,
da olmehin die Ungliicklichcn von dem Wahne gefoltert werden,
als Opfer der Cur zu fallen: alle Handhabungen , welche die ge-
steigerte Reflexaction erregen, mussen unterbleiben, besonders die
Wiederholung der Trinkversuche, wobei der Anblick und die
Beriihrung der Flussigkeit mit den Lippen gestattet wird: durch
Auftriiufeln auf die Zunge, durch Einziehen des Wassers aus ei-
ner Rolire (in einem Falle von Bright aus einer thonernen Ta-
bakspfeife) lasst sich der Zweck besser erreichen. Bis zum letz—
ten Augenblicke gewahre man den Trost freundlichen Zuspruches,
und meide den Namen der Ivrankheit.
Die bisher befolgten therapeutischen Massregeln haben sich
leider nur als Meditationes mortis erwiesen. Einige von Ostin-
dien iiberkommene Berichte von giinstiger Wirkung profuser Blut-
entleerungen batten zwar HolTnung angeregt, allein die Mitthei-
lungen selbst entsprcchcn, wic bereits Barry treffend gezeigt
hat (1. c. p. 04 etc..), so wenig der Kritik, dass die Nachahmung
kaum sich rechtfertigen lasst : auch ist noch kein erfolgreiclier
Fall beobachtet worden, auf den man sich mit Vcrtrauen verlas-
sen konnte. Dasselbe gilt vom Opium, dessen Dosis bier eben
so iibertriehen wurde wie beim Tetanus, (Bahington hat einen
HYDROPHOBIA.
533
Krankcn 180 Gran Opium in 11 Stunden nehmcn lassen, ohne
dass cine narcotische oder iiberhaupt eine Wirkung erfolgt war)
von den Canthariden, Belladonna, Mercur, von den Begiessun-
gen und Eintauchen in kaltes Wasser u. s. f. Youatt erwahnt
eines Versuehes von Inoculation des Ticunasgiftes bei einem wuth-
kranken Ilunde, wonach Beseitigung der Aufregung und grosse
Rulie eingetreten war, allein der todtliche Ausgang nicht verh'u-
tet werden konnte. (1. c. p. 51.).
Man hat auch eine im Menschen urspriinglich entwickelte
Wuthkrankheit angenommen (Hydrophobia idiopathica spontanea
im Gegensatze zur communicata und zur symptomatica), allein
obgleich die Analogic des Tetanus die Moglichkeit einraumt, so
sind die der Kritik geniigenden Beobachtungen ( vgl. eine in der
’ Wochenschrift fiir die gesammte Heilkunde. 1839. S. 373.) so
uberaus selten, dass man sie nur als Ausnahmen gelten lassen
und sich selbst bei ihrer Beurtheilung niemals der Vermuthung
erwehren kann, ob niclit eine Uebertragung des Wuthgiftes, wel-
cbe der Bisswunde nicht bedarf, und deshalb clem Kranken selbst
nicht mehr erinnerlich ist, dennoch stattgefunden hat.
35*
534
SPINALE KRAEMPFE.
Ausscr der Reflexpotcnz kommt dcm Riickenmarke als Cen-
stalapparat aucli die Production des motorischen Agens zu, wel-
ches im gesunden Zustandc ununterbrochen und gleichmiissig durch
die Bewegungsnerven in die Muskclfasern einstromt, und diesel-
ben bestandig in einem gewissen Grade yon Thatigkeit wahrend
des Wachens und Schlafes erhiilt. Davon geben das Gleichge-
wicht der Antagonistcn, die Action der Sphincteren, die aucli in
der Ruhe hervortretende Form der Muskeln den Beweis. Wird
der Zusammenhang des motorischen Nerven mit dem Riicken-
marke aufgchoben, so erschlafFt der yon ihm yersorgte Muskel.
In paralytischen Zustiinden bekundet die Contractur des Antago-
nisten, z. B. des Beugers bei Liihmung des Streckers, so wie
auch die Verzerrung der gesunden Gesichtshalfte bei Hemiplegia
facialis das fortdauernde Einstromcn des motorischen Agens, wor- '
auf wir spiiter bei Bctrachtung der Lahmungen zuriickkommen
werden.
firiimpfc bedingt durch almonne Production motorischer
Potenz.
Die Steigerung dieser Potenz ist gewohnlich mit Steigerung
der Reflex -Erregbarkeit verbunden, und bedingt die anhaltenden
Contractionen der Muskelgruppen in der tetanischen Affection,
welche die Nosologen unter dem Namen tonischer Krampfe be-
griffen haben. Allein nicht bloss in der Intensitiit der Produc-
tion motorischer Kraft zeigen sich Abweichungen, sie scheinen
auch in den zeitlichen Verhaltnissen derselben vorzukommen.
Statt der Norm aqual fortdauernder Production finclet eine Un-
gleichmassigkeit, eine Unterbrechung , und dann wieder ein Ein-
trromen in Impulsen statt, wodurch Oscillationen und ErschiU-
terungen der Muskeln bedingt werden, welche den Namen
Tremor, 5Ritterkraiupf
iihren.
ZITTEKK1UMPF.
535
Bebende Bewegungen musculoscr Theile finden in verschiede-
ncr Starke und Extensitiit statt, nicht selten in rhythmischer,
schneller Aufeinanderfolgc , mit Nachlass und Pausen wahrend
des Schlafes und bei gestiitzter Lage, mit Verstarkung bei will-
kuhrlicher Bewegung und bei Emotion, mit Abnahme motorischer
Kraft und Ausdauer. Die Muskeln der Rumpfglieder, die Nak-
ken- und Zungenmuskeln sind am haufigsten Sitz des Zitterns,
das entweder auf einzelne Gruppen beschriinkt bleibt, oder auf
mehrere zugleich verbreitet ist. So ist der Nystagmus oft nichts
anderes , als ein auf den Muse. rect. intern, und extern, beschrank-
tes Zittern, und im unteren Augenlidmuskel hat man nicht sel-
ten Gelegenheit in einzelnen Muskelschichten den Tremor zu
beobachten.
Complicationen mit anderen pathischen Zustanden des Nerven-
systems werden ofters beobachtet, mit Irresein im Delirium tre-
mens , mit abnormer Statik der Bewegungen in der Paralysis agi-
tans, mit Yerlust der cerebralen Leitungsfahigkeit motorischer
Nerven in Lahmungen.
Anlage wird durch das holiere Lebensalter gesetzt. Specifische
Ursachen sind Quecksilberdiimpfe, seltener Bleiintoxication ( Tan -
querel des Planches traite des maladies de plomb ou saturnines.
Paris 1839. T. II. p. 32.), Alcohol, Erschopfung durch Excessus in
venere und Onanie. Gelegentlich wirken Fieber, Gemiithsaffecte,
Schwache in der Reconvalescenz und nacli Profluvien.
Tremor mercarialis.
Meral , memoire sur le tremblemcnt auquel sont sujets les
doreurs sur mi^taux, et les autres ouvriers qui , comme eux, cm-
ploient le mcrcurc, in dessen Traite de la coliquc metallique
2. edit. Paris 1812. p. 273 — 301.
Die Krankheit beginnt selten plotzlich, meistens allmahlich,
zuerst in den Armen, befallt dann die Beine, spater die Zunge,
sowohl in ihrer masticatorischen als articulircnden Action. Das
53G
SP1NALE KRAEMPFE.
Bebtfn unci Zittcrn artet, bcsomlers bci Fortdaucr dcr Ursachen,
in erschiitternde Slosse aus, welche die Vollzichungen willkiihr-
liclicr Bevvegungen storen und verhindern. Will cin soldier
Kranker den Arm biegen, so vermag er es nidit mit einem Male,
sondern nur in zwei oder drei Absiitzcn: macht er den Versuch
zu trinken, so verschiittet er das Getriink, er ist ausser Stande,
die Nahrungsmittel in den Mund zu stecken, und muss wie ein
Kind gefiittert werden. Die Spracbe wird unverstiindlich, lal-
Iend. Gemuthsbewegungen vermehren das Zittern. Die Ge-
siditsfarbe spielt in’s Graue: die Haul ist trocken und etwas
Iieiss. Abmagerung finclet nur selten statt. Der Leib ist weich,
der Stuldgang ungehindert. Gas wird im DarmkanaJ betracht-
lich abgesondert, und nach oben und unten entleert. Der Ap-
petit nimmt ab. Der Puls ist dem Pulse in der Bleicolik ahn-
lich, hart, Iangsam, selten.
Die Dauer ist meistens lang. Die Heilung gelingt selten ganz
^vollstandig: ein gelindes Zittern bleibt gewohnlich zuriick. Com-
plication mit anderen Krankheiten ist sehr selten, und der Aus-
gang fast niemals todtlich.
Quecksilberdunst, schon bei der gewohnlichen Temperatur der
Atmosphare (nach Faraday wird ein Goldpliittchen, welches an
der Mundung einer auf dem Boden mit etwas Quecksilber verse-
henen Flasche befestigt ist, schnell amalgamirt: Chrisiison , a
treatise on poisons. 3. edit. p. 391.), und in noch starkerem Grade
bei Verdampfung durch Feuer bringt diese Ivrankheit hervor: da-
her Vergolder und Arbeiter in Quecksilber -Bcrgwerken am mei-
sten ausgesetzt sind, demnachst Verfertiger von Spiegcln und me-
teorologischen Instrumenten , Juvelire. Der iiussere oder innerc
arzneiliche Gebrauch des Mcrcurs hat nur ausnahmsweise eine
solche Wirkung , so wie andererseits dcr Tremor mercurialis sehr
selten von Salivation beglcitet wird.
Die Prophylaxis des Tremor mercurialis hat durch die von
Darcet in Bronce- und anderen Fabrikcn cingcfuhrtcn Zugdfcn
l
I
ZITTERKRAMPF.
537
an Sichcrheit gewonnen. Der Genuss frisclier Lull unci Reinlich-
keit schiitzen; bcim Arbciten selbst muss das Gesiclit so vied wie
moglieh von den Diimpfen abgewandt werden. 1st die Krankheit
einmal ausgebrochen, so ist Vermeidung der Ursacbc die Gruncl-
bedingung der Cur: das Handwerk muss fur immer ©der fur lan—
gere Zeit aufgegeben werden. Von der Electricitat hat De Haen
den entschiedensten Erfolg gesehen, und neun Falle mitgetheilt,
wo die Heilung ohne Beihiilfe eines andern Mittels erfolgt ist.
(Ratio medendi T. III. p. 201 — 209.). Der Genuss der Landluft,
warmer Beider, ties Opium und Sarsaparillen- Decocts werden von
Herat empfolden. Audi cignet sicli der Schwefel zum inneren
Gebrauehe und als Zusatz zu Badern, so wie der Gcbrauch des
Eisens und der China.
Tremor potatorum.
Hattde, Zunge und Lippen zittern vorzugsweisc bei Saufern,
am starksten, fast convulsivisch beim Erwachen aus dem Schlafe
und im niichternen Zustande. • — Die Heilvcrsuche scheilern fast
immer an der Trinksuclit der Ivranken.
Tremor senilis.
Ausser den Extremitiiten ist es vorzugsweise der Kopf, wel-
dier dem Zittern bei Greisen unterworfen ist, und zwar liaufi-
ger beim weiblichen Geschlechte, als beim mannlichcn.
Tremor febrilis.
Im Fieberschauder und Frost, besonders der intermittirenden
Fieber, beben und erzittern ausser den Muskeln des Rumples
und der Gliedmassen auch die masticatorischen Muskeln. Nach
Magendie's Vcrsuchcn bringt Entziehung des Wirbelwassers bei
lebenden Thieren, und Injection dcsselbcn in kulderer Tcmpera-
tur ein iilinliclics Zittern und Beben hervor (Lemons sur les fonc-
tions cl les maladies du systeme nerveux T. I. p. 111.).
53S
SPIN ALE KRAEMPFE.
Paralysis agitans.
Parkinson essay on the shaking palsy. London 1817.
Todd in The Cyclopaedia ol' practical medicin. art. Paralysis
p. 259.
„Die Krankheit schleicht sich alhnahlich, fast unmerkbar ein,
und beginnt gewohnlich mit Gcfiihl von Schwache und gelindera
Zittern der Handc und Arme, zuweilen des Kopfes. Nach liin-
gerer Zeit, etwa einem Jahre, verliert der Ivranke das Gleichge-
wiclit heim Gehen, und muss sich nach vorne uberbiegen. Die
Fiisse sind kraftlos und zittern. Der Tremor wird anhaltend,
iiberwiegend, lasst selbst durch festes Stiitzen der Theile nicht
mehr nach. Kopf, Hande, Fiisse sind in bestiindiger, tremulirender
Bewegung. Beim Versuche zu gehen wirft sich der Kranke auf
die Zehen und den Vordertheil des Fusses, gehthastig, unsicher,
in Gefahr bei jedem Schritte auf das Gesicht zu fallen. Auch im
Schlafe dauert jetzt das Zittern fort und wird so stark, dass die
Bettstelle erschiittert wird und der Kranke davon aufwacht. Er
ist ausser Stande zu schreiben, zu lesen, zu essen und muss ge-
futtert werden. Das Kauen wird erschwert: der Speichel fliesst
aus dem Munde. Verstopfung ist fast imrner vorhanden. Der
Rumpf ist nach vorne ubergebogen, das Kinn gegen das Sternum
gestemmt. Zuletzt ganzlicher Yerlust der Sprache und Degluti-
tion, unwillkiihrliche Secessus, Sopor, Tod.“
Die Krankheit kommt im vorgeriickten Lebensalter vor. Ihrc
Ursachen sind unbekannt. Parkinson fand in einem Falle nach
dem Tode das verliingerte Mark, den Pons Varoli und den Cer-
vical theil des Riickenmarkes verhartet.
Ich habe bis jetzt dreimal Gelegenhcit gehabt, diese Form
des Zitterns zu beobachten. Die cine Kranke, eine Frau von
53Jahren, litt seit mehreren Jahrcn daran. Das rhvthmische Be-
ben der Ilande , Arme, des Unterkiefers , der Schenkcl war ge-
waltig. Fast taktmassig stiessen die Knice mit solcher Kraft an
ZITTERKRAMPF.
539
Zander, class ein Verband zur Vcrhutung der Sclimcrzen unci
•Sxcoriationen angclegt werden musste. Das Zittern nalim zu, so-
>ald die Kranke eine aufrechte Stellung annahm. Bei Tage
auertc es ununterbrochen fort, und in der Nacht trat wahrend
iniger Stunden Schlafes Ruhe ein. Arme und Beine waren kraft-
ds, doch niclit gelahmt. Die Sphinctcren hatten ihre Kraft bei—
•ehalten. Alle Mittel blieben fruchtlos: die von einem anderen
Arzte verordneten Exutorien am Ruckgrath mit endermatischer
Application des Strychnin hatten die Intensitat der Krankheit ge-
teigert. Bei einer andern 54jahrigen Kranken nahm das Zittern
auptsachlich den Kopf und die unteren Extremitiiten ein, und
yar mit der Neigung nach vorne iiberzulallen verbunden. Der
ritte Kranke, ein 65jahriger Mann, leidet seit zehn Jahren am
itterkrampfe , mit der Neigung riickwarts zu gehen. In einem
alle hat Elliotson durch den fortgesetzten Gebrauch des Ferrum
abcarbonicum Genesung bewirkt ( Behrend neueste medic, chirurg.
ournalistik des Auslandes. Bd. XI. S. 309.).
S. Crattuilg.
Krampfe von Erregung des Gchirns.
Wie uber die sensibeln, so hat auch liber die motorischen
Apparate des Gehirns die neuere Experiraentalphysiologie
mehr Aufscliluss gegeben als die iiltere. Ihr verdankt man nicht
nur die topische Bestimmung der Ilirngebiete, auf deren Ver-
letzung beim lebenden Thiere iiberhaiipt motorische Erscheinun-
gen folgen, sondern auch den Nachweis zweier Formen dieser
krampfhaften Bewegungen, der Zuckungen und der Schwindel-
J)evvegungen.
Zuckungen entstehen nach Flourens Versuchen nur durcb
Reizung des verlangerten Markes und dcr Yierhiigel, niemals
durch Reizung der Hemispharen des grossen odcr kleinen Ge-
hirns. Die Reizung der Medulla oblongata bringt auf derselben
Seitc Convulsionen hervor, die Reizung dcr Yierhiigel auf der
cntgegengesetzten, in gekreuzter Richtung.
Die a Itesten chirurgischen Beobachtungen schildern die
Convulsionen als Begleiter von Ilirnverletzungen , und scit Hip-
pocrates blieb der bekannte Satz, dass die Convulsion auf der
verwundeten Seitc, die Paralyse in dcr cntgegengesetzten stalt-
findc, bci den Meisten giiltig, obgleich bercits Morgagni (de scd.
ct, caus. morb. Epist. LI. Art. 4G. 47. 48. und Epist. anat. 13.
Art. 14. 17. 18.) mit dem Einvvurfc unvollstandiger Untersuchung
CEREBRALE KRAEMPFE.
541
ioeider Hemispharen des Gehirns dagegen aufgeireten war, und
f Flourens die iibersehene Combination dcr Verletzungen des gros-
en oder kleinen Gehirns mit denen des verlangerten Markes und
!er Yierliugel als Erkliirung fur jene Erscheiiiungen aufstcllte.
Unter den Krankheitszustanden des Gehirns sind es vorzugs-
weise Meningitis, Cephalitis, Erweichung, Hypertrophic, After-
. ;ebilde, welche Krampfe, entweder clonische oder tonische, halb-
eitige haufiger als bilaterale, in ihrer Begleitung haben. Ge-
\rohnlich findet Theilnahme der Augen- und Antlitznerven , und
7orwalten der Convulsionen in den oberen Rumpfgliedern statt.
warakteristisch ist das Verhaltniss zur Lahmung, deren Eintritte
ie voranzugehen ptlegen, seltener folgen, ofters in der anderen
uorperhalfte mit ihr coexistircn. Fiir die cerebralen Zuckungen
ilt im Gegensatze zu den peripherischen und spinalen die Norm
er gekreuzten Leitung. Scheinbare Ausnahmen riihren von Mis-
eutung der an der Basis cerebri aufgefundenen Yeranderungen
er, welche die dort abtretenden motorischen Nerven als peri-
■herische Bahnen treffen, und Convulsionen an der entsprechen-
:en Seite, im Muskelgebiete des Facialis, Oculomotorius u. s. f.
eranlassen.
Der Widerspruch zwischen den pathologischen und experi-
lientellen Ergebnissen, in Bezug auf die convulsible Action der
llirnhemispharen, ist niiher zu pr'ufen. Unter den unzweifclhaf-
m Beobachtungen von halbseitigen Zuckungen durch Reizung
inzelner Stellen des grossen oder kleinen Gehirns (vgl. Aber-
! rombie pathol. and practic. researches on diseases of the brain.
edit. p. 73 etc.) geniige es einen von Andral (Clinique me-
icale T. V. p. 427) mitgetheilten Fall ciner 27jahrigen Frau
nzululiren, welche nach iibermassigen Anstrcngungen von Stirn-
:hmerz und Schwindel befallen wurde. Vicrzehn Tagc darauf
■aten plotzlich heftige Zuckungen dcs linken Armcs ein, welche
nfallsweise zuriickkehrten , und ungefahr zwanzig Minulcn an-
auerten. In den Intcrvallcn war die Bcweglichkeit dcs Gliedcs
542
CEREBRALE KRAEMPFE.
ungestort. Bald darauf nahm auch die linke, und noch an dem-
selben Tage die reclite Gesichtshalfte an den Zuckungen Theil.
Nach 24 Stunden stelltcn sich, bei freiem Bewusstsein die Krampfe
liaufiger ein, und befielen bald eine, bald beidc Seiten, die obe-
ren Extremitaten starker als die unteren. Mit Eintritt dcs So-
por horten sie auf. Blutiger Schaum fullte die Mundhohle, und
der Tod crfolgte asphyctisch. In der rechten llemisphare des
grossen Gehirns fand man im vorderen Lappen, zwei Zoll unter
den Hirnwindungen, in der Niihe der Fiss. interlob. eine betracht-
liche Erweichung der Marksubstanz von dunkeler Rothe und
ungefahr einem Cubikzoll Umfang. Im Umkreise zeigte sich starke
Injection. An der entsprechenden Stelle der linken Hemispbiire
war eine so bedeutende Injection vorhanden, dass sie das An-
sehen einnr Ekchymose hatte, allein die Consistenz war unver-
lindert. — Bei dem lebenden Thiere mag man die vorderen Hirn-
lappen noch so sehr reizen — niemals entstehen Convulsionen.
Der Grund ist derselbe wic fur die Schmerzen bei Entzimdung
und Desorganisation der gegen Verletzungen und Wunden un-
empfindlichen Ilirnsubstanz (S. 175). Der Orgasmus des von
unnachgiebigen Knochenwanden eingeschlossenen Gehirns begiin-
stigt die Propagation des Reizes von den fernsten Stellen nach
dem verlangerten Marke hin. Daher auch von Hypertrophie des
Gehirnes Convulsionen die gewohnlichen Begleiter sind (Andral
I. c. p. 599), und bei penetrirenden Schiidelwunden nicht seiten
auf Hemmung des Eiterausflusses Zuckungen der entgegengesetz-
ten Seite ausbrechen ( Lallemancl recherches anat. pathol. sur l’en-
cephale et ses dependances T. II. p. 122). So erwahnt auch
Abercrombie (1. c. p. 57) cincs acht Monat alten Ivindes, dcssen
Fontanelle in Folge von Exsudaten in der Schadelholde betracht-
lich angcschwollen war, und welches, so oft man dicselbe com-
primirte, von Convulsionen befallen wurde.
Die Zuckungen der Muskeln selbst bei Ilirnkrankheiten sind
in nichts von den Zuckungen bei Afl'ectioncn der periphcrischen
543
STATISCHE KRAEMPFE.
Verven und dcs Riickenmarkes yerschieden. Anders verhalt es
i eli mit den Krampfen, die bei Icbenden Thieren durch Versuche
n bestimmten Hirntheilen, bcim Mcnschen, so wie auch bei
diieren im krankhal’ten Zustande cntstehen, und wovon die eine
orm mit dem Namen
Statische Hriimpfe, Scliwimtellieweguiigen,
Motus vertiginosi
asscnd bezeichnet werden kann.
Experimentelles. Aeltere Autoren, Zinn, Saucer otte, Me -
ee de la Touche (vergl. uber den Letzteren Gama Traite des
laies de tete p. 15), Arnemann, erwahnen zwar schon beilaufig
er rotatorischen Bewegungen, die bei Thieren nach Verletzun-
en des Gehirnes eintreten, jedoch physiologisch gewurdigt wur-
en sie zuerst durch den Forscher, dessen Blick, wohin er drang,
debt verbreitet bat, durch Alexander von Humboldt (Versuche
ber die gereizte Muskel- und Nervenfaser. Berlin 1797. 2r Bd.
>. 352). „ Dieses Drehen von Thieren, denen der Ivopf abge-
chnitten, und das Riickenmark noch nicht zerstort ist, gehdrt. zu
en wunderbarsten yitalen Erscheinungen , die durch Herrn Ar-
emanns schauderhafte Versuche aufgeklart worden sind. Ich
abe bemerkt, dass besonders solche Frosche in engem Kreise
mherhiipften , an deren Rumpf noch etwas vom kleinen Gehirn,
as bei dicser Thiergattung sehr lang und platt ist, zuriickbleibt.
Is scliien, als wenn das Rechts- und Linksdrehen dadurch be-
;immt wurde, dass jene Medullarportion an der linken oder rcch-
3n Scite grosser war. Wurde dieselbe ganz weggenommen, so
orte das Drehen auf, konnte aber bisweilen durch chemische
leize wieder erregt werden, welche man an dem Axillaris oder
jympathicus der rechten oder linken Seitc anbrachte. Das Dre-
en deutete also immer auf ein gestortes Gleichgewicht in der
1 Iedullarsubstanz des Nervcnsystems hin“. — In neuerer Zeit ha-
CEREBRALE KRAEMPFE.
544
ben uber Sitz unil Modalitiit dicser Erscheinungen Magendies
und Flour ens Versuche wichtige, durch Krauss und Her twig be-
stiitigtc Resullate crgebcn, von denen folgende anzufuliren fur un-
seren Zweck hinreicht.
4) Auf Wegnahmc beider gestreiften Korper folgt ein un-
widerstehlicher Trieb vorwiirts zu laufen: das Thier flieht wie
ein Pfeil gradeaus. Die Wegnahme eines gestreiften Korpers
hat keine solclie Wirkung ( Magendie legons sur les fonctions
et les maladies du systeme nerveux. T. I. p. 198. p. 248. p. 280).
2) Nach Quersclinitten durch die Varolsbriicke frndet eine Nei-
gung nach vorne iiberzufallen statt (Krauss u. Hertwig). 3) Nach
Theilungen des kleinen Gehirns, horizontalen , verticalen, erfolgt
Riickwartsgehen ( Krauss , Hertwig, Magendie). 4) Durchschnei-
dung der Vierhiigel einer Seite, eines Pedunculus cerebelli ad
pontem, und eines Seitentheils der Varolsbriicke erregt Kreisbe-
wegungen und Herumwiilzen des Thieres nach der verletzten
Seite hin, mit verandertem Stande und Verdrehung der Augiipfel,
wovon der eine, welcher der verwundeten Seite entspricht, nach
unten und vorn, der andere nach oben und hinten gerichtet ist
(Flourens, Magendie). 5) Durchschneiden des gleichnamigen Tlieils
der anderen Seite stellt in diesen Fallen das Gleichgewicht wie-
der her ( Magendie , Hertwig).
Als krankhaften Zustand lernte man die Schwindelbewegungen
zuerst durch die Veterinararzte in der durch den Coenurus cere-
bralis veranlassten Drehkrankheit der Schafe kennen ( Rudolphi
entozoorum sive vermium intestinalium historia natimalis Vol. II.
P. II. p. 243 — 246), von dessen Sitze in verschicdenen Thcilen
des Gehirns die Verschiedenheit der Bewegungen hergeleitet
wird [Hertwig Art. Drehkrankheit im Encyclo'p. Worterbuch der
medicin. Wissenschaften. Berlin 1833. IX. Bd. S. 458., und Auers
die drei wichtigsten Jugendkrankhciten der Schafe: die Traber-
krankheit, Drehkrankheit und Lammerlahme. Berlin 1840. S. 01 ).
In den gewohnlichen Fallen, wo der Blasenwurm in einer Hemi-
STATISCHE KRAEMPFE.
545
phare des grosscn Gchirpcs sich befindet, scheint mir nach wie-
erholten Beobachtungen auf dem Landgute cines Freundes das
>rehen nicht in einer Kreisbewegung zu bestehen, sondern in
-Vendungen dcr halbseitig schwachen oder gelahmten Thiere nach
er gesunden Scite bin, so wie dieses auch bei Thieren der Fall
■ ;t, denen man eine Hemisphare des grossen Gehirns weggenom-
nen bat; jedoch soil sich nach Kuers im weiteren Verlaufe der
urankheit der Korper in immer kleinerem Kreise, endlich auf
er Stelle selbst umwenden, so dass im Stalle die Fusse sich mit
troh fest umwickeln. Seltener sind die Falle, wo das Thier vorn-
;ber fallt, oder wo beim Sitze des Coenurus in der Nahe des
ieincn Gehirns und verlangerten Markes Schwindelbewegungen
lit Iialtung des Kopfes und Halses nach hinten stattfinden.
Bei dem Menschen konnnen die statischen Krampfe selten
olirt, meistens in Begleitung anderer Ilirnaffectionen vor, daher
e kaum beachtet wurden, bis durch die Experimentalphysiologie
ie Aufmerksamkeit auf sie rege ward. Die Bewegungen, die
ine interessante Parallele zu den Schwindel-Empfindungen dar-
ieten (vgl. S. 94 — 97), erfolgen nach vorn oder hinten, nach
?chts oder links, wobei die Storung zwischen den im hygienen
ustande sich das Gleichgewicht haltenden Kraften entweder durch
chwache und Unthatigkeit des Antagonisten , oder durch Rei-
ung und krampfliaften Impuls bedingt werden kann. Einige
eispiele aus eigener und fremder Erfahrung mogen zur Erliiu-
:rung dienen.
chwimlelbewegungen mit Impuls nacli der Liingenaxe.
1. Nach vorn.
Professor B., 71 Jahr alt, hatte lifters in den letzten Jahren
ber Kopfschmerz, leichten Schwindel und Sausen vor den Oh-
en geklagt. In der Mitlc Februars 1830 wurde er des Abends
iJf der Strasse von so heftigem Schwindel ergrillen, dass er zur
rde Del, einige Minuten bewusstlos liegen blie’b, und nur mit
540
CEREBRALE KRAEMPFE.
Hi'ilfe cincs Voriibergehenden sich wieder aufrichten, und iangsam
nach Ilausc gehen konnte. Unmittelbar darauf war die Sprache
erschwert, und das Gedachtniss fur einzelne Namen und Worte
erloschen. Anfangs Miirz kam dcr Kranke in die Behandlung
des Herrn Dr. Friedheim, dessen giitiger Mittheilung ich diese
Notizen verdanke. Die Anfiille des Schwindels hatten sich hiiu-
figer wiedcrholt, zumal beim Gehen. Ueberdiess war eine merk-
lichc Schwache in den unteren Extremitaten eingetreten, so dass
beim Gehen der Kranke die Fiisse nicht in die Hohe hob, son-
dern nur yorwarts zu schieben vermochte. Die Gesichtsziige wa-
ren auffallend erschlafft, entsprechend einer psychischen Tragheit,
die sich in der Unterhaltung deutlich verrieth. Ableitende Mit-
tel, vegetabilische Diat und der Gebrauch des Marienbader-Kreuz-
brunnens im Monate Juni hatten einen sehr vortheilhaften Ein-
fluss auf den Schwindel und die Beweglichkeit und Kraft der
Fiisse. Allein im Monate Juli trat ein neuer apoplectischer An-
fall mit Lahmung der linken Gesichtshalfte und Paresis des lin-
ken Reins ein, und bald darauf eine auffallende Neigung des Ivor-
pers nach vorne iiberzustiirzen. Um dieselbe genauer zu beob-
achten, begleitete Dr. Friedheim den Kranken ofter auf den
Spatziergangen : sie schritten funf, auch zehn Minuten ruhig ne-
beneinander, plotzlich fing der letztere an schneller zu gehen,
und gerieth zuletzt in einen so heftigen Schuss mit zunehmender
Neigung des Korpers nach vorne liber, dass man ihn schnell er-
greifen und festhalten musste. In den letzten Monaten seines
Lebens trat dieser Zufall weit haufiger ein, auch beim Auf- und
Abgehen in der Stube, und der Kranke erzahlte, was seine Uin-
gebungen aus eigener Anschauung bestatigten, dass wenn er in
dem Augenblicke, wo er das Gleichgewicht des Korpers verloren,
einen Gegenstand, z. B. einen Baum odcr Stuld ergrcifen wollte,
um sich festzuhalten , er oft unwillkuhrlich zwei bis dreimal im
Krcise um denselben herumgedreht wurde, bevor er seinen Zweck
erreichen konnte. Die psychische Energie sank immer melir, und
STATISCHE KRAEMPFE.
547
die Sprache blieb erschwert, Iallend. Am 15 ten Marz wurde er
gegen Abend von dem drittcn apoplectischen Anfalle getroffen,
mit Lahmung des rechten Armes und Beines, schnarchendem
Atliem, Iangsamcm Pulse, erweiterten Pupillen, unwillkuhrlichem
Stuhl- und Urinabgange. Bei Anwendnng der geeigneten Mittel
trat am vierten Tage eine kurze Besserung ein. Der Kranke
zcigte mehr Bewusstsein, streckte die Zunge hervor, bemuhte
sicli zu antworten, fing an den rechten Arm zu bewegen, allein
am folgenden Tage kehrten die Symptome mit erneuerter Heftig-
keit zuriick, und am 24sten Miirz 1837 erfolgte der Tod. — Die
von Herrn Dr. Henle vorgenommene Untersuchung des Gehirns,
bei welcker die Herren Dr. Barez, Dr. Friedheim und icli zu-
gegen waren, ergab eine feste, derbe, mit Blut uberfullte Hirn-
substanz, und im linken Seitenventrikel ein ziemlich betrachtliches
Extravasat von frischem, klumpigem schwarzem Blute, das durch
einen Riss zwischen Thai. opt. und corp. striat. aus der angriin-
zenden Hemisphere eingedrungen war. Im rechten Corpus striat.
fand sich eine longitudinale schmale ITohle, mit einer dunkel-
braunen Membran ausgekleidet, und von einer etwas liarten Ilirn-
!*Substanz umgeben. Das Gefiissnetz an der Basis cerebri war
igrosstentheils incrustirt.
Auf dem hiesigen anatomischen Museum wird das Gehirn ei-
iner Frau aufbewahrt (No. 5763) welche an Kriimpfen litt, und
i in denselben stets nach vorne iiberfiel. Mitten in der Varols-
!brucke hat eine steatomatdse Geschwulst ihren Sitz.
2r Nach h in ten.
Ilierher gehoren die Fiille von Riickwartsbewegungen des Kor-
pers. Friedrich Hoffmann (Consultationes et responsa medici-
inalia, Cent. II. Sect. IV. Cas. CLI.) erwahnt eines dreissigjahri-
igcn Epileptischen, der vor den Anf'allen riickwarts lief: „dum ad-
liliuc sibi constant sensus, junguntur vehementes praecordiorum
inxietatcs et vomendi conatus, turbatis vero jam sensibus, discur-
Romberg’s Nervcnkraukb. I. 2.
548
CEREBRALE KRAEMPFE.
rit cancrorum in morcm relrorsum, atquc lum subito in terram
concidit“. Auch Sevres fiihrt cin zwolfjiihriges cpileptisches Miid-
chen an, desscn Anfiille schr schncll auf einandcr folgten, urid
wobei die Krankc von eincrn unwiderstchlichen Triebe ruckwarts
zu gchen, mil Retroversion des Kopies, befallen war. Setzle
man der Ruckwartsbiegung des Kopfcs einen Widerstand entge-
gen, so hielt das Gehcn nach dieser Richtung inne; sic wurde
vollstandig geheilt (Anatomic comparee du cerveau T. II. p. 628).
Taube erziihlt in seiner Geschichte der Kricbelkrankheit S. 121
„von einem Kranken, dessen Korper wiihrend des Krampfanfalles
zwei- und dreimal zuruckgeschoben wurde. Wenn ihn das Uebcl
uberfiel, so ward er nicht eigentlich mit dem Kopfe und Glie-
dern ruckwarts gebogen oder gedehnt, sondern der ganze Kor-
per ward geschwind hinter einander etliche Male, als gesckehe
es durch eine ausserliche Gewalt, zuruckgeschoben, so dass er
ganz auf eine andere Seite seines Lagers fortruckte. Dieses habe
ich gar oft bei ihm gesehen. Der Kranke kam jedesmal mit der
Frage wieder zu sich selbst, was man von ihm wolle? Er wusste
sich auf keine Zeit zu entsinnen, was unter der Zeit geschehen
war.“ In Casper’s Wochenschrift f. d. ges. Heilk. 1837. S. 264
theilt Herr Dr. Schubert den Fall ernes 17jahrigen Bauern, von
gesundem Ansehen mit, der plotzlich grosse Angst und Beklem-
mung bekotnmt, sehr roth und heiss im Gesichte wird, Sprache
und Besinnung verliert, und dann ruckwarts zu gehen anfangt.
1st er eine kiirzere oder liingere Strecke ruckwarts gegangen,
so bleibt er plotzlich wieder stehcn, wird leichenblass und be-
kommt Sprache und Besinnung. wieder. Allgemeine und ortliche
Blutentziehungen, kalte Begiessungen des Kopfes, Abhihrungs-
mittel und Einreibungen von Brechweinsteinsalbc in den Nacken
bewirkten die Ileilung. In der letzten Zeit wurde er nur bin
und wieder von leichtcn und schncll vorubergehcndcn Anfallen,
und zwar jedesmal nach Sonnenuntergang heimgesucht. Die in
Magendies Journal de physiologic T. VI. p. 162. bekanntgemachte
STATISCHE KRAEMPFE.
549
Beobachtung mit dem Sectionsbcfunde eincr Eitcrung im kleinen
Gehirne ist bereits S. 95 erwiihnt worden. Mir selbst hat sich
ausser dem S. 539 angefuhrten noch folgender Fall dargeboten:
C. B., 62 Jahr alt, cin Silberarbeiter, wurde vor sechs Jahren
von reissenden Schmerzen und Schwache der Motilitat im Dau-
men und Zeigefinger der rechten Hand befallen, welche sich
nach dem Vorder- und Oberarme verbreiteten, und ihn nothigten
sein Gewerbe aufzugeben. Ein Jahr darauf iiberstand er cine
Dysenterie, wonach die Paresis des Armes zunahm, und auch das
Bein der rechten Seite schwacher wurde. Es fanden sich Schmer-
zen im Hinterkopfe ein und im Riickgrath, von den Nacken- bis
zu den Lendenwirbeln, und mit diesen eine Neigung nach liinten
uberzufallen. Die Schmerzen im Arme machten einer Anasthesie
Platz, die besondcrs in der Hand und in den Fingern einen sol-
chen Grad erreichte, dass tiefes Einstechen und Yerbrennen nicht
i
mehr gefuhlt wurden. Die Haut wurde dunkelroth, livide. Die
linke Hand blieb noch frei, mit Ausnahme von Formication in
den Spitzen des Zeige- und Mittelfingers. Im niichsten Jahre
suchte der Kranke bei mir HLilfe. Was mir zuerst aufficl, war
die gezwungene nach vorn gerichtete Haltung des gross gcwach-
senen Mannes, und die Unmoglichkeit Kopf, Hals und Rumpf in
eine gerade vertikale Stellung zu bringen, ohne sofort riickwarts
taumeln, und wenn ihm kein Beistand geleistet wurde, auf den
Hinterkopf fallen zu miissen. Dieser steten Schwindel-Empfm-
dung und Bewegung suchte er mit aller Kraft durch jene Stel-
lung und durch einen gleichsam seegelnden Gang auf der Strasse
entgegenzuwirken. Die Sinnesthatigkeit und psychische Action
waren ungestort. Auch in den egestiven Functionen zeigte sich
keine Abweichung vom normalen Zustande, allein die genitale
Energie war erloschen, und bei dcr angestellten Untersuchung
'ergab sich cine Alrophie der Hoden, besonders des linken, welche
dem Kranken selbst seit einiger Zeit aufgefallen war. Alle Ilei-
! lungsversuche blieben erfolglos. Die Schwindelbcwegung nahrn
36 #
550
CEREBRALE KRAEMPFE.
dergestalt zu, class cr sich clurch den Fall ofters Verletzungen
am Riickcn und Hinterkopfe zuzog, nncl dass er mehrcrcmale
vom Fcnster tier Stube bis nacli dor gegen'ubcrstehenden Thiir
ruckwarts getaumelt und umgesunken war. In dieser Zeit stellte
ich ibn zu wiederboltenmalen in meinen academischen Vortriigen
vor, und viele meiner damaligen Zuhorer werden sich seiner nocli
deutlich erinnern. In den beiden letzten Lebensjahren nahm die
Lahmung immer mehr und melir iiberhand, und gestaltete sich
zur Paraplegie, mit starkem Zittern der Hiinde und Contraction
der Flexoren, zumal der Fingerbeuger. Der Yerlust der Sensi-
bilitat betraf mehr die oberen als unteren Extremitiiten. Kopf
und Rumpf waren nach vorne gekrummt, das Kinn beriihrte fast
das Brustbein, und grosse Kralt war erforderlich , um den Kopf
in die Hohe 'zu richten. Es entwickelte sich Fatuitat: die ganz-
liche Unbehulflichkeit und der Hinzutritt von Secessus involunt.
machten bei der grossen Armuth des Kranken die Aufnahme in
das Charite-Krankenhaus nothwendig, wo sein Tod nach einigen
Wochen durch brandigen Decubitus am Kreuzbein, an den Schul-
terblattern und an den Trochanteren beschleunigt wurde. Die
Section, bei welcher icb zugegen war, ergab seros-albuminose
Exsudate zwischen Arachnoiclea und Pia mater, serose Ansamm-
lungen in den Ventrikeln, Incrustationen einzelner Hirngefasse,
ein zum grossen Gehirn betrachtliches Cerebellum, dessen Ober-
flache deprimirt, wie eingesunken erschien, Hydrorrhachie , und
erweichte Consistenz der Wirbelknochen an mehreren Stellen.
Wenn auch die von mir auf eine Geschmdst an der Basis des
kleinen Gehirns in der Nahe des verliingerten Markes gestellte
Diagnose durch diesen Leichenbefund niclit bestlitigt worden ist,
so wurde sich doch wahrscheinlich bei feinerer anatomischer Un-
tersuchung, die wegen Abwescnheit des Prosectors des Kran-
kenhauses Hrn. Prof. Froriep , zu meinem Bedauern unterblieh,
noch mancher aufklarende Umstand berausgestellt haben.
/
STATISCHE KJ1AEMPFE.
551
Scliwindelliewegung mit Impuls nacli der <&ueeraxe.
Rotationen im Kreise oder Halbkreise sind sowohl nach Kopf-
verletzungen , als bei Hirnkrankheiten beobachtet worden. Petit
berichtet (Prix de 1’acad. roy. de Chir. T. IV. p. 549) den Fall
eines Soldaten, der noch 43 Stunden am Leben blieb, nachdem
eine Flintenkugel durch die linke Hemisphere des Cerebellum
bis zum hinteren Lappen des grossen Gehirns gedrungen war.
Er delirirte lifters, und wiilzte sich bestandig im Bette yon einer
Seite nach der anderen, wobei er Arm und Beine in die Hohe
hob. Einen ahnlichen Fall erzahlt Saucer otte (1. c. p. 423) von
einem Soldaten, der yon einer steilen Treppe riicklings herunter-
gefallen sich eine Fractur des linken Scheitelbeines zugezogen
hatte, und im Bette ohne Unterbrechung dergestalt sich herum-
walzte, dass es unmoglich war den Verband zu befestigen. Bei
der Leicheuoffnung fand man das Tentorium der rechten Seite
erodirt, und eine betrachtliche Menge Eiter auf dem kleinen Ge-
liirne angesammelt. Herr Dr, Krieg theilt in Casper’s Wochen-
schrift fur die ges. Ileilk. 1840. S. 37 die Beobachtung einer
Verletzung der linken Iialfte des Stirnbeins durch den Hufschlag
eines Pferdes bei einem elfjahrigen Knaben mit, der noch sieben
Tage, bewusst- und sinnlos lebte. Am dritten Tage nach der
Verletzung bemerkten die Eltern folgende auffallende Erschei-
nung, die sich auch in der Gegenwart des Herrn Dr. Krieg un-
zahlige Mai wiederholte. So oft die Kopfwunde beriihrt wurde,
oder der Kranke mit einer der durch Vesicatore (im Nacken)
und Sinapismen (an den Schenkeln) in Entzundung gesetzten
Steilen gegen irgend etwas ansticss, sehr oft aber auch ohne
eine solclic Veranlassung, begann er laut und klaglich zu wim-
mern, zog dann die Fusse ruckwarts an den Leib, Iegtc die
Iliinde mit weit ausgespreitztcn Fingern bald iiber die Brust,
bald iiber den Riicken, und drehtc sich mit schwebcndem Rumple,
bloss aul Ellenbogen und Knie sich stiitzend, mchrercmal von
552
CEREBRALE KRAEMPFE.
der Linken zur Rochtcn um seine cigenc Axe, und zwar mit
solcher Gewalt, dass zwei Personen ihn kaum anzuhalten ver-
mochten, und so rasch, dass er einmal in acht Minuten neunzehn
Ilotationen machte. Wurde er mit Gewalt zuruckgehalten , so
schrie er laut und angstvoll, und fuhr fort in den begonnenen
Drehungen, so wie das Hinderniss nachliess. Bei der gericht-
lichen Section ergab sich Folgendes: die verhaitnissmassig starken
Knochen der Calvaria waren unverletzt, zwischen Pia mater und
dem Gehirne waren an den beiden hinteren Lappen und an der
rechten Hemisphare des Cerebellum einzelne kleine Blutextra-
vasate bemerkbar. Nach Ablosung der Dura mater von der Ba-
sis des Schadels fanden sich die vorderen Rander beider kleinen
Fliigel des Keilbeins von dem Orbitaltheil des Stirnbeins durch
Trennung der Sutur losgerissen, beide etwa eine halbe Linie
weit klaffend, und die aussersten Spitzen beider kleinen Fliigel
abgebrochen.
Herrn Dr. Belhomme (Considerations sur Ie tournis chez les
animaux et chez 1’homme, in dessen Troisieme memoire sur la
localisation des fonctions cerebrales et de la folie. Paris 1839.
p. 424) verdankt man folgende interessante Beobachtung rotato-
rischen Krampfes:
Die unverheirathete G..., 60 Jahr alt, wurde in ihrem 47sten
Jahre, nach einem heftigen Gerniithsaffecte von Schwindel und
Schwache in den unteren Extremitaten befallen; eines Tages be-
kam sie an einem offentlichen Orte einen Anfall mit Drang zur
Drehbewegung , welcher eine halbe Stunde dauerte. Im Jahre
1830 erlitt sie in Folge der politischen Calamitat von Neuem
solche Anfalle, mit Neigung nach der rechten Seite zu drehen,
welche anfangs alle acht Tage, spaterhin taglich vier bis fiinfmal
wiederkehrten. Ihr Bewusstsein wurde gestort: sie glaubte eine
Schlange im Bauche zu haben, und fur das Schaffot bestimmt zu
sein. Die Heilversuchc hatten kcincn Erfolg. Im Jahre 1837
kam sie in die Behandlung des Dr. Belhomme. Die Anfalle tra-
STATISCHE KRAEMPFE.
553
ten mit folgenden Erscheinungen ein : plotzlicher Bewusstlosigkeit,
Zusammenziehen der Glieder, und da die Flexoren das Ueber-
gewicht uber die Extensoren haben, Niederkauern der Kranken.
In dieser sitzenden Stellung walzt sie sich selbst auf der Ecke
eines Stulils, meistens nach rechts, mit ausserordentlicher Ge-
schwindigkeit, bis ein Hinderniss ihr aufstosst. Zuweilen fmdet
die Rotation nach links statt, allein nicht so anhaltend. Die Ge-
sichtsmuskeln sind contrahirt, die Augen stehen offen, die Pu-
pillen sind erweitert, unbeweglich, Strabismus divergens, kein
Blinzeln beim Vorhalten des Fingers. Die Dauer der Anfalle
ist von funfzehn bis zwanzig Minuten, wonach die Kranke mit
einem Gescbrei dem Laute Ahua ahnlich, zu sich kommt. In
den letzten Jahren wiederholten sich die Anfalle sehr haufig, selbst
zwanzig mal taglich mit grosser Heftigkeit. Schlundkrampfe ge-
sellten sich hinzu. Das Irresein nahm ab, je starker die Dreh-
bewegungen wurden, nahm zu, sobald diese an Intensitat verloren.
Im April 1838 stellte sich ein Catarrhus bronchialis ein, und am
18ten April erfolgte der Tod plotzlich. — Bei der Section fan-
den sich auf der inneren Flache des ITinterhauptbeines, an den
Seiten der Fossa medull. spinal, (gouttiere basilaire de l’occipital)
zwei Exostosen, von der Grosse einer kleinen Haselnuss, wodurch
die Grube verengt war. Die Geschwulst der linken Seite war
grosser als auf der rechten. Nach Ablosung der an diesen Stel-
len verdunnten Dura mater boten sie ein runzligcs Ansehen dar.
An den Kleinhirnschenkeln zeigte sich auf jeder Seite, besonders
aul der linken, ein starker Findruck, welcher genau den Exosto-
sen entsprach. Ihre Farbe fiel in’s Graue, und ihre Consistenz
war in der Niihe dcr Varolsbriicke weicher. Diese selbst war
um ein Drittheil kleiner als gewohnlich, und zeigte auf der Durch-
schnittsflache cine halbmondformigc Injection, deren beide Enden
nach dem kleinen Gehirne gerichtet waren. Die Vierhugel wa-
ren sehr klein, besonders die vorderen, und von erweichtem Ge-
luge. Die Wandungen des vierten Yentrikcls waren von grauer
554
CEREBRALE KRAEMPFE.
Farbe, erweicht und desorganisirt: der Calamus scriptorius liess
sich kaum untcrscheiden. Die Thalam. opt. waren normal, die
Corpora striata klein und abgellacht. Der linkc mittlere Lappen
des grossen Gehirns war voluminoser als derrechtc, dagegen die
rechte Hemisphare des Cerebellum grosser als die linke. Die
Sehnerven hatten ein atrophischcs Ansehen. Dcr Quintus der
linken Seite war erweicht: seine Fasern liessen sich an der In-
sertionsstatte leicht abloscn.
Alcohol -Intoxication ist nicht selten Anlass statischer Kriim-
pfe, besonders der Schwindelbewegungen mit Impuls nach vorn.
Nachst den an besonderen Hirntheilen gebundenen statischen
Kraften, deren Storungen sich als Schwindelbewegungen offenbaren,
hat die Experimentalphysiologie den Sitz der die Bewegun-
gen coordinir enden Kraft im Gehirne nachgewiesen. Flou-
rens gebiihrt das Verdienst, im Cerebellum die Kraft entdeckt
zu haben, welche das Gleichgewicht und die Uebereinstimmung
in den zu den Ortsbewegungen erforderlichen Actionen vermit-
telt. Durch Yerletzungen und Zerstorung des kleinen Gehirns
erlischt bei den Thieren die Fahigkeit zu gehen, springen, hii-
pfen, fliegen, klettern etc. Die Wegnahme der oberflachlichen
Schichten hat*bei einer Taube Schwache und Mangel an Ueberein-
stimmung in den Bewegungen zur Folge. Bei den mittleren La-
gen zeigt sich der Gang schwankend, nur mit Hulfe der Fliigel
moglich. Nach Wegschneiden der letzten Schichten verliert das
Thier die Fahigkeit zum Springen, Fliegen, Gehen, Stehen durch-
aus. Es gelingt ihm nur, sich aufrecht zu erhalten, indem es
sich auf Fliigel und Schwanz stiitzt. Es macht wold Versuche
zum Fortfliegen oder Gehen, allein es ist nur ein Flattern, keine
bestimmte zweekmassige Bewegung, und erinnert an die er-
sten Versuche, welche die jungen Vogel beim Verlassen des
Nestes machen. Zuletzt verliert es auch die Kraft, mit Bcinen,
Schwanz und Flugelgelcnken stehen zu bleiben: es fallt immer*
COORDINIRTE KRAEMPFE.
555
uber sicli selbst bin. Auf den Riicken gclegt, erschopft es sich
in vergeblichcn Bemiihungen aufzustehen. Die Sinne und die
Empfindung sind ungestort: in dcr Ruhe erncuert das geringste
Gerausch, der schwiichstc Reiz den unruhigen Auftritt seiner An-
strengungcn, es-sicht den Streich, den man nach ihm fuhrt und
will ihn vermeiden, es strengt sich an, ihm zu entgehen, und
vermeidet ihn doch nicht. Die Mdglichkeit gemeinsame Bewe-
.gungen zu machen ist da, aber die Verknupfung dieser zu re-
.gelmassigcn, mit einem bestimmten Zwecke verbundenen ist dahin.
[ Flourens Versuche und Untersuchungen iiber die Eigenschaften
und Verrichtungen des Nervensystems bei Thieren mit RLicken-
vwirbeln. Aus dem Franz. Leipzig 1824. S. 34 — 39.). Dicse
:Ergebnisse sind bei Wiederholung der Versuche von Hertwig
md Andcren aufs Entschiedendste bestiitigt worden. Nur fehlte
2S noch an Beweisen vom Gegentheil, von Steigerung dieser ei-
.genthiimlichen Kraft der Coordination. Experimente an Thieren
gebcn hieriiber keinen Aufschluss, allein im krankhaften Zustande
bieten sich Erscheinungen dar, die physiologisch auf dicse Weise
gedeutet werden konnen, und sie sind es, die ich mit dem Namen
Coordinirte Kriiinpfc
)ezeichne.
Es sind gesticulirendc und ortsveriindcrnde Bewegungen in
Anflillen, den zeitlichen und riiumlichen Verhiiltnissen und der
ntensitat nach verschieden, seltcn isolirt, gcwohnlich mit ande-
en AfTectionen des Gehirns verbunden.
Die Formen sind mannigfaltig, wic es die Combinationen der
notorischen Fasern im Centralapparale zur Incitation der Mus-
:elgruppen fiir den Bewegungsact gestatten, und alio nur mogli-
hen durch Willensimpuls anzuregenden Bcwegungsformen wie-
! lerholen sich in den coordinirten Kriimpfen: dcnn ob der Reiz
Ter Vorstellung die Action einleitet oder cin abnormer Impuls —
lie Wirkung ist dieselbe, so wie auch die Sinnes-Encrgieen un-
tbhiingig ,von alien objectiven Reizen in Folgc vcriindcrtcr, in-
556
CEREBRALE KRAEMPFE.
nerer Zustiindc sicli offenbarcn. (S. 108.). Man sieht die Fran-
ker!, wie ungeschickt und ungclenk sie auch ausser den Anfullen
sind, in denselben mit ungestortem, ja selbst auf die Spitze ge-
stelltem Gleichgewichte, springen, hiipfen, klettern, schweben, in
viclfacher Abwechslung und mit ausscrordentlicher Schnelligkeit,
wovon glaubwiirdige Beobachter (denn niclit alle haben sich vor
Uebertreibung in Acht genommen) auffallende Beispiele schil-
dern. (Vgl. Wichmann Ideen zur Diagnostik. 2. Aufl. 1. Bd.
S. 144 und Thilenius Medic, und chirurg. Bemerkungen. 2.* Th.
S. 10.). Wie gross auch die Anstrengungen sind, ein Geiuhl
yon Ermudung pflegt nicht zu folgen, und die Dauer iibertrifft
die aller durch den Willen combinirten Bewegungen.
Oft sind die coordinirten Krampfe mit statischen verbunden
oder gehen in einander uber, was bei Affection desselben Sub-
strats nicht befremden kann. Ein solcher Fall ist von Dr. Walt
mit grosser Genauigkeit beobachtet worden (Medic, chirurg. trans-
actions. Vol. V. p. 3 — 19.). Die Krankheit begann im Januar bei
einem zehnjahrigen Madchen mit heftigen Kopfschmerzen , Erbre-
chen, Verlust der Sprache, und Unfahigkeit eine andere Stellung
des Korpers als die aufrcchte vom Erwachen bis zum Einschla-
fen anzunehmen. Anfangs Februar stellten sich rotatorische Be-
wegungen ein, wobei sie wie ein Kreisel vom Morgen bis Abend mit
grosser Schnelligkeit sich nach einer Richtung drehte und unwolil
fuhlte, sobald man diese Bewegungen unterhrach. Ende Februar
horte sie auf, und das Kopfweh kehrte mit grosser Heftigkeit
zuriick. Nach vierzehn Tagcn befiel eine solche Schwache dcr
Halsmuskeln , dass der Kopf , wenn er nicht gest'utzt wurde , scit-
wiirts, auch vorwiirts und riickwarts fiel. Darauf liess der Schmcrz
im Kopfe nach, und die Sprache stellte sich wieder ein, allein
Ende Miirz begann cine ncue rotatorische Bewegung: wie cine
Walzc rolltc sie von einem Bcttcnde zum andern, selbst cine
ganze Alice im Garten herunter, ununterbrochen beim plotzlichen
Uebergiesscn mit kaltem Wasser, und als sie einmal am seich-
COORDINIRTE KRAEMPFE.
557
,en Ufer eincs Baches hingclegt wurde, wo das Wasser sie be-
;piilte , machte sie keinen Versuch zu entkommen, sondern setzte
lire Schwingungen wie im Bade fort. Die Arme nahmen keinen
lfheil daran, sondern waren oft starr extendirt, wie im Tetanus.
/£uweilen wurde momentan der ganze Korper steif, dann horten
lie Drehbewegungen auf, kehrten aber sofort zuriick. Yon Zeit
u Zeit ward der Athem sehr erschwert, und zuweilen machte
> ie 12 — 20 Schwingungen, ohne zu inspiriren. So vergingen an-
lerthalb Monate. Ende April anderten sich die Anlalle. Sie lag
uf dem Riicken, bog Kopf und Fersen fast aneinander, kriimmte
iich wie ein Bogen, losete dann mit einem Male diese Stellung,
iel mit grosser Gewalt auf das Bett zuriick, verhielt sich einen
'augenblick ruhig und begann von neuem. Dieses wiederholte
ich 10 — 12 Mai in der Minute, anfangs sechs, zuletzt vierzehn
ii'tunden taglich. Nach Verlauf von fiinf Wochen trat wieder
ine Veranderung ein. Auf Kniee und Ellenbogen gestiitzt,
temmte sie den Scheitel auf dem Bette auf, hob dann Rumpf
und Beine bis zum Betthimmel und liess die Last des Korpers
uf Nacken und Schultern ruhen. Sobald dieses geschehen, hortc
ide Muskelanstrengung auf und sie fiel wie ein Leichnam herab.
rleich (darauf nahm sie von neuem diese Stellung ein, und so
'iederholte es sich 12 — 15 Mai in einer Minute, taglich funfzehn
ttunden lang, von acht Uhr Morgens bis eilf Uhr Abends; dann
ahm sie der Vater aus dem Bette und hielt sie fest auf seinem
choosse. Anfangs straubte sie sich heftig, wurde allmahlich ru-
ng, und nahm etwas Nahrung zu sich, so wie dieses auch am
Uorgen vor dem Eintritte der Anlalle geschah. Auf Verlangen
ar Aerzte wurde sie vom Vater auch im Laufe des Tages aus
'3m Bette genommen und festgehalten , allein sie kiimpfte dage-
:3n mit grasslicher Wuth an; auch hatten friihere Yersuche die-
■r Art mit Drohungen und Ziichtigungen nicht das mindeste ge-
uchtet. Sich selbst iiberlassen , setzte sie ihre Bcwegungen liber
e gewohnte Zeit fort, selbst die ganze Nacht hindurch. Um
558
CEREBEALE KEAEMPFE.
jeden Verdacht von Simulation zu heben, wurde das Zimmer am
Morgen verfinstert, mil Kerzcn erleuchtet, als ware es Nacht,
die Umgebungen mussten sich entfernen, sie blieb allein, jedoch
oline alien Einlluss. Bei einem Besuche, den Dr. Walt des Mor-
gens zwischen sieben und aelit Uhr machte, fand er sie auf dem
Schoosse des Yaters sitzend: sie war ruhig, jedoch so schiichtern, <
dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Der Puls war regelmas-
sig und ungefahr von neunzig Schlagen. Einige Minuten vor der
gewohnlichen Zeit des Eintritts der Bewegungen wurde sie un-
ruhig, drehte den Kopf nacb verschiedenen Seiten, die Ziige ver-
zerrten sich, die unteren Extremitaten zuckten und zogen sich
zusammen, zuletzt fing sie an zu zappeln und sich gegen den
Vater zu strauben, welcher sie aufs Bett legte, wo sofort der
Anfall seinen Anfang nahm. — Stuhlverstopfung war hartniickig, der
Korper sehr abgemagert, die Haut rauh und trocken, die Tem-
peratur der Extremitaten kalt. Obgieich das Bewusstsein in den
Paroxysmen fortdauerte, boten die intellectuellen Fahigkeiten
clen Karakter dar, wie in der Chorea. — Die bisher versuchten
Heilmittel (kalte Biider, Blutegel, Haarseil etc.) hatten keinen
Erfolg. Jetzt stellte sich eines Tages Diarrhoe ein, und mit ihr
eine Besserung des Zustandes, welche durch den fortgesetzen Ge-
brauch von Purgirmitteln sich immer mehr und mehr heraus-
stellte. Nachdem sie ganzlich genesen, zeigte sie zwar einen Wi-
der'willen von ihrer Krankheit zu sprechen , allein mehrere Aeus-
serungen bekundeten , dass sie sich der Ereignisse , aucli wiilirend
der schlimmsten Zeit, deutlich erinnerte.
Zuweilen gelit der coordinirte Krampf eine Verbindung mit
Chorea ein, wovon ich gegenwartig ein Beispiel an einem sechs-
jiihrigen Knaben vor Augen babe, der anfallsweisc von einem
unwiderstehliehen Drange zu klettern, trotz aller Hindernisse,
befallen wird, und in den Intervallen die Erscheinungen der Cho-
rea darbietet. Es ist interessant in solchen Fallen den Unter-
chicd zu beobachten der dem Ruckenmarke zukommenden und
COORDINIRTE KRAEMPFE.
559
inch bei Thieren nach dcr Decapitation noch einige Zeit anzure-
renden Fiiliigkeit die Muskelgruppcn zu den einfachen antagoni-
tisclien und associirten Bewegungen zu comb in ire n (welche vor-
;ugsweise in der Chorea betheiligt ist) von der dem kleinen Ge-
lirne immanenten Kraft alle jene Bewegungsacte zu bestimmten
7ormen und Successionen zu coordiniren.
Nur selten ist das Bewusstsein bei diesen Krampfen unge-
riibt, so dass die Kranken von dem durch den Widen nicht zu
lemmenden Drang zu den Bewegungen Rechenschaft geben kon-
ien: meistens sind psychische Storungen vorhanden, besonders
£5cstasis.
Das weibliche Geschlecht wird fast ausschliesslich befallen,
im haufigsten in der Entwickelung der Pubertat, doch auch spa-
er bei hysterischer Grundlage. Das Alter der Decrepiditat bleibt
erschont. Gemiithsaffecte geben oft den Ausschlag. Intestinal-
eize lassen sich zuweilen nachweisen.
Die Prognose ist gunstig. Uebergang in Epilepsie und Irre-
;ein kommt sehr selten vor. Die Naturheilung wird gewohnlich
lurch unbesonnene Eingriffe oder unniitze Geschaftigkeit von Sei-
en der Aerzte oder noch haufiger der curirenden Dilettanten ver-
:ogert. In der psychischen Cur hiite man sich vor Terrorismus:
Mine vorsichtige Isolirung, wodurch der Eitelkeit, der Simulation,
innd der Neugierde Abbruch gethan wird, ist zweckmiissig. Die
i^chtsamkeit sei auf critische Yorgiinge, uterine, intestinale, cu-
ane gerichtet. Ableitungen auf den Darmkanal haben sich in meh-
'eren Fallen als hiilfreich bewahrt. Mit dem sogenannten anima-
ischen Magnetismus hat man mehr modische Kurzweil getrieben
ds zuverlassige Resultate erzielt.
Nicht bloss die Ortsbewegungen, auch die Sprach-Bewe-
.^ungen bediirfcn der Coordination, einer Einrichtung im Cen-
tralapparate, wodurch die gruppenweise Erregung der Nerven und
560
CEREBRALE KRAEMPFE.
Muskeln zur Ilcrvorbringung der Laute moglich wird. Dieses
ist die praslabilirtc Harmonic zwischen der subjectiven Intelii-
genz und den Spracliorgancn , welche im krankhaften Zustande
auf mannichfache Weisc unterbrochcn wird, durch convulsivischen
oder durch paralytischen Einfluss oder durch abnorme Erregung
der Coordination, durch welche letztere articulirende Bewe-
gungen auf ahnliche Weise wie locomotive, einzeln als blosse
Laute oder in gewisser Folge als Silben, Worter etc. ohne den
Reiz der Vorstellung und selbst gegcn den Widen des Kranken
producirt werden. So habe ich bei Hiimorrhagieen des Gehirns
oftmals die Erscheinung beobachtct, dass der Kranke ein be-
stimmtes Wort intendirt, allein ein anderes ertbnen lasst. Ein
durch Bildung und Stand ausgezeichneter Mann versicherte mich
einst, dass unter alien Beschwerden nach einem iiberstandenen
apoplectischen Anfalle dicse ilirn die lastigste gewesen sei, die
richtigen BegrilFe durch ungehorige Symbole zu bezeichnen , z. B.
fur Wasser Holz etc. sagen zu mussen, und dadurch bei seinen
CJmgebungen den Argwohn einer Geistesstorung zu erweckeri.
Bright beschreibt den Fall eines achtzehnjahrigen Madchens, wel-
ches nach deprimirenden Gcmiithsaffecten unwillkuhrlich und selir
oft tief seufzen musste. Dieses ging in einen Krampf iiber, wo-
bei sie in regelmassigen Intervallen von drei Secunden unaufhdr-
lich einen Laut hervorbrachte , der wie Heigh-ho klang und sich
zuweilen in Heigh verwandelte. Nur auf kurze Zeit konnte sie
diesen Ton beherrschen, wenn sie z. B. einen kurzen Satz aus-
sprechen wollte, allein es war ihr niclit moglich, zwei oder drei
Siitze zu vcrbinden, ohne durch jenen Laut unterbrochen zu wer-
den. (Reports of medical cases. Vol. II. Part. II. p. 458.).
PSYCHISCHE KRAEMPFE.
5G1
Von Betrachtung der cerebralen Kriimpfe, die als Zuckungcn
durch die raittelbare Einwirkung einer Hirnreizung auf die mo-
torischen Bahnen sich kundthun, oder als coordinirte und Schwin-
del-Bewegungen durch unmittelbarc Erregung bestimmter Hirn-
gebilde in die Erschcinung treten, wenden wir uns zu den Kriim-
pfen, die unter dem Einflusse des Gehirns als psychischen Organs
•stehen. Die Verleiblichung des Geistes durch Bewegung erfolgt
im krankhaften Zustande wie im gesunden, und nur das Ueber-
>sehen dieser Gesetze liisst dort Wunder oder Trug vcrmuthcn.
Es konnen durch den Reiz der Vorstellungen Kriimpfe hervor-
gebracht werden, welche wir mit dem Namen
EPsycIiisclie Krampfe
bezeichnen.
Die Vorstellung krampfliafter Bewegungen, mag sie durch
.Sinnbsempfindung, oder durch Erinnerung, durch das gegcnwiir-
ttige oder als gegenwiirtig gedachte Object, angefacht und un-
tterhalten werden, erzeugt bei gleichzeitiger Aufregung, korper-
licher und geistiger, Krampf, der sich als zuckende oder als co-
(ordinirte Bewegung aussert.
Ohne und selbst gegen die willkuhrliche Intention erfolgen
Ibcim Ansehen krampfliafter Zustande, oder beim Anhoren ihrer
.'Schilderung Bewegungen derselben Art. Des nachahmen den
Singultus, Oscedo und Hustens ist bereits erwahnt worden: Bei-
spiele von Uebertragungen in grosserem Massstabe finden sich
in Hecher’s trefflichcr Monographic: die Tanzwuth, eine Volks-
krankheit im Mittelalter (Berlin 1832), welche uberhaupt eine er-
giebige Quelle fiir diesen Gegenstand ist. Um ein Beispiel anzu-
Ifuhren, so verfiel in einer englischen Spinnerei ein Madchen in
iheftige Zuckungen, welchem ein andercs aus Muth widen eine
'Maus in den Busen gesteckt hatte. Die Kranke litt unter ihren
Mitarbeiterinnen vicr und zwanzig Stunden lang ohne Nacldass.
Am folgenden Tagc verlielen drei andere Madchen in dieselben
562 CEREBII ALE KRAEMPFE.
Krampfe , und am dritten Tagc wiedcr seclis andere. l)ic iirzt-
liche Ilulfe dcs Dr. Clare wurde am vicrtcn Tage in Anspruch
genommen; zuvor liattc sich die Zald der Krankcn wieder um
drei, und die Nacht darauf um elf vermehrt, so dass also nun
schon vier und zwanzig von Zuckungen befallen waren. Untcr
diesen waren cin und zwanzig Madchen, die jiingsten beiden erst
zehn Jalire alt, und nur ein Mann, der den Erkrankten mit vie-
ler Thatigkeit beigestanden hattc. Drei von den erkrankten Mad-
chen wohnten eine halbe Stunde, und noch drei andere andert-
halb Stunden von dem Orte entfernt, wo die Krankheit ausbrach.
Diese drei letzten und noch zwei andere hatten die Kranken gar
nicht gesehen, sondern die Krampfe nur nach der Erziihlung' des
Vorfalls bekommen. Ausser den Zuckungen, die von einer Vier-
telstunde bis zu vier und zwanzig Stunden unausgesetzt fortdau-
erten, und bei einigen so heftig waren, dass sie von vier oder
funf Leuten gehalten werden mussten, damit sie sich nicht die
Haare ausrissen, oder den Kopf an den Wanden zerstiessen, lit-
ten die Kranken noch an Angst, Beklommenheit und Erstickungs-
zufallen. Die Heilung gelang sehr bald durch Electricitat, die
Krankheit verbreitete sich seit der Ankunft des Arztes nicht wei-
ter, und schon sechs Tage nach dem Ausbruche des Uebels, das
unter geeigneten Umstanden grosse Fortschritte hatte machen
konnen, waren alle genesen. Dieser Vorfall zeichnet sich da-
durch aus, dass bei den erkrankten Madchen keine erhebliche
Vorbereitung zu Krampfubeln stattfand, wenn man nicht ihr ver-
k'ummertes Leben in den Arbeitssalen einer Spinnerei in Anschlag
bringen will. Schwarmerei lag nicht zum Grunde, auch wird
nicht bemerkt, dass die Erkrankten mit andern Nervenkrankheiten
schon behaftet gewesen waren“ (1. c. S. 04).
Wo noch andere Einflusse obwalten, am machtigsten religio-
ser Fanatismus und unterdriickte geistige Entwickelung dcs Vol-
kes, da zeigen sich die psychischen Krampfe in epidemischem
Zuge oder in endemischcr Bcharrlichkeit. So verbreitete sich
PSYCH ISCHE KRAEMPFE.
563
im Jahre 1374 von Aachen und Colin aus der St. Johannistanz,
und dauerte unter dem Namen des St. Veittanzes bis zu Anfang
des sechzehntcn Jahrhunderts fort ( Hecker 1. c. S. 1 — 25). Im
achtzehnten Jahzhundert erschienen die Convulsionairs in Frank-
reich (Le natuialisme des convulsions dans les maladies de Fepi-
demie convulsionnaire, wovon Hecquet der Verfasser ist. Soleure
1733), und selbst im Jahre 1814 befiel in Cornwallis eine Epidemie
von Zuckungen, angeregt durch Rebgions-Schwarmerei, und be-
gleitet von ecstatischen Zufallen, binnen kurzer Zeit an viertau-
send Menschen, und Hess kein Alter, kein Geschlecht unverscbont :
Kinder von lunf und sechs Jahren, Greise von achtzig wurden
ergriffen, dock vorzuglich Madchen und junge Frauen (s. die Be-
schreibung von Cornish in Nasse Zeitschrift f. psychische Aerzte.
lr Bd. S. 255). Ein Beispiel von endemischer Yerbreitung und
Erhaltung psychischer Krampfe findet sich in den nordlichen Stri—
chen Schottlands, wo die Krankheit unter dem Namen Spring-
fieber (leaping ague) bekannt ist. Der Anfall bcginnt mit Kopf-
oder Kreuzschmerz : darauf brecben die Krampfe aus, mit hup—
fender, springender Action. Zuweilen laufen die Kranken mit
erstaunlicher Schnelligkeit uber gefahrliche Stellen weg, und sin-
ken dann crschdpft nieder. In den Hiitten, wo sie wohnen,
klettern sie an den Wanden empor, scbwingen sich um die
Querbalken der Decke, oder springen von einem zum anderenr
mit der Behendigkeit einer Katze (Edinburgh medical and surgi-
! cal journal Yol. III. p. 435).
Unter den Sinnesempfindungen, welche die psychischen Krampfe
anregen, ist noch in’sbesondere des Gehors zu gedenkcn: so zeigt
■sich der Einfluss der Musik auf krampfbafte Bewegungen mit
1 1 dem Rhythmus des Tanzes. Die Geschichte giebt uns hiervon
hein Beispiel im Grossen am Tarantismus , einer Volkskrankheit,
i die in Italien im siebzehnten Jahrhunderte ihre Uohc erreichte,
und wovon Hecker eine eben so geistrciche als kritische Darstel-
lung gegebcn bat, auf welche hier verwiescn werden muss (1. c.
Romberg’s Nervcukrankb, T. 2. or-
5G4
CEREBRALE KRAEMPFE.
g 2G 55). Unter den in neuerer Zeit beschriebenen sporadi-
sehen Fallen (vgl. Nasse Zeitsehrift fur psych. Aerzte. 3. Jahrg.
S. GOO) zeichnet sich durch Gcnauigkeit der Beobachtung der
von Wood in den Medic, chirurg. transact, vol. VII, p. 236 — 256
mitgetheilte aus (iibersetzt in Huf eland’s Journal d. pract. Heilk.
B. XLIV. 5. Sf. S. 83).
Die nachahmenden articulirenden Bewegungen in Krankheiten
sind bisher noch nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen.
Eine merkwurdige Erscheinung, welche ich das Eccho nennen
mochte, bat sich mir mehreremal in verschiedenartigen Krank-
heitszustanden des Gehirns dargeboten. Der Kranke wiederholt
monoton die von einer Person in seiner Niihe gesprochenen
Worte und Satze, ohne eine angeregte Aufmerksamkeit zu be-
zeugen, und iiberhaupt ohne einen Begriff damit zu yerbinden.
Eine an Hirnerweichung gestorbene Frau sprach jedesmal meine
Fragen nach, z. B. zeigen Sie die Zunge, heben Sie den Arm
auf etc., ohne das Geforderte zu thun. Bei einem elfjahrigen
Fatuus ist diese Nachaffung in der tonenden Mimik sehr auffal-
lend. Auf der Hohe eines typhosen Fiebers habe ich bei zwei
jungen Madchen dasselbe Phanomen wahrgenommen.
PSYCHISCHE KRAEMPFE.
505
Die Iielirseite der bisher betrachteten cerebralen Krampfe
sind die bewusstlosen Krampfe, ein Namen, der obgleich
sprachlich unstatthaft zur Bezeichnung derjenigen Zustande die-
nen soli, wo durch eine Pause der cerebralen Energie die mo-
torische Kraft gleichsam entfesselt wird, und zu zugelloser Herr-
. sckaft gelangt.
Man hatte in der Physiologic dem Gehirne fast ausschliesslich
einen anregenden und fordernden Impuls fur die motorische Ac-
tion zuerkannt, ohne auf einen beschrankenden und hemmenden
Einlluss die gebuhrende Aufmerksamkeit zu richten, was erst in
neuerer Zeit durch Flourens (Recherches experimental sur les
proprietes et les fonctions du syst&me nerveux dans les animaux
vertebras. 2. edit, p, 496) und durch Budge (Untersuchungen iib.
das Nervensystem. 1. Heft. 1841. S. 51 — 88) geschehen ist. Die
motorische Kraft wird im verlangerten und Ruckenmarke er-
zeugt, und wirkt ununterbrochen fort, so wie auch die sensible
Kraft ohne Stillstand thatig ist. Ruhe findet nicht statt: das
rmotorische Agens stromt fur und fur durch die Nerven in die
Muskeln, und wenn es nicht zu steten, sicht- und fiihlbaren Be-
' wegungen kommt, so beruht dieses auf eigenthiimlichen hemmen-
Uiden Anordnungen, unter denen die symmetrische Statik (daher
< die Muskelcontractionen der gesunden Seite bei Hemiplegie) und
(die Opposition der Hirnkrafte die wichtigsten sind. In den
'Schwindelbewegungen haben wir das einseitige Uebergewicht
einer solchen kennen gelernt: von der Hemmung der Reflexbe-
'wegungen durch die Macht des Widens war schon ofter die
IRede: dass selbst die optische Sinnesenergie einen Einfluss aui
i die motorische Action ausiibt, ist nachgewiesen worden (S. 228
i mnd S. 295), und keinem Zweifel ist es unterworfen, dass das
IBewusstsein der Empfindungen und die Vorstellungen selbst, auch
laei mangelnder Intention, wie es im Schlafe und haufig genug
m Wachen der Fall ist, das Uebergewicht und die Entladung
* ier motorischen Kraft verhindert. Dieser Widerstand fiillt in
37 *
5G6
CEREBRALE KRAEMPFE.
den Pausen psychischer Encrgie lort, und ungehemmt bricht das
motorische Element in convulsivischen Stdssen hervor, welche
man unter dem uralten Namcn Epilepsia begreift. Selbst Lah-
mungen durch Unterbrechung der cerebralcn Leitungsfahigkeit
verhindern nicht den Ausbruch der epileptischen Zuckungen. So
ist folgender von dem jimgeren Pinel beobachtete Fall in phy-
siologischer Beziehung von grossem Interesse. „Eine achtzehn-
jahrige Idiotinn ist von Hemiplegie der linken Seite befallen: die
Hand ist stark gegen den Vorderarm gebogen, und kann nicht
ausgestreckt werden: beim Gehen, das sehr erschwert ist, schleppt
das linke Bein nach. Epileptische Anfalle stellen sicli nach In-
tervallen von ungefahr 25 Tagen ein, und dauern dann fast ohne
Aufhoren 30 — 40 Stunden. Am 24sten Dezember 1821 befiel
ein solcher Paroxysmus, der am vierten Tage todtlich endete,
und in welchem auch die paralytischen Glieder der
linken Seite an den heftigen Convulsionen Theil nah-
men. Leichenbefund. Die gelahmten Theile sind betrachtlich
abgemagert: die Schadelknochen* verdickt, von elfenbeinartigem
Gefuge. Die rechte Hemisphere des grossen Gehirns ist atro-
phisch: die Hirnwindungen sind sehr klein und an einander ge-
drangt, besonders in der Stirn- und Occipitalgegend. Die Cor-
ticalsubstanz bildet eine dickere Schicht als gewohnlich. Der
Seitenventrikel ist sehr klein und trocken. Die Ilirnsubstanz der
rechten Hemisphere, zumal unter dem Ventrikel zeigt eine auf-
fallende Herte, wehrend die linke Hemisphere ihre normale Con-
sistenz hat. Im Buckenmarke findet sich in der Gegend des
achten und neunten Dorsal wirbels, eine Stelle von breiweicher
Consistenz, welche oben und unten durch einen rothlichen Strich
von der gesunden Substanz geschieden ist. Der Nervus ischia-
dicus des linken Beins, das seit langer Zeit von paralytischer
Contractur befallen war, ist rother und voluminoser als auf der
rechten gesunden Seite“ ( Lallemand rechcrchcs anat. patliol. sur
1 encGphale et ses dependances. T. III. p. 288). — Ein ahnlicher
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
567
Fall von Convulsionen tier in den Intervallen der cpileptisclien
Anfalle gelahmten und contrahirten Muskeln ist von Esquirol (des
maladies mentales T. I. p. 332) beobachtet worden.
Die epileptischen Zustiinde*
Experimentelles. Durch Yersuche am Gehirn und Riicken-
marke ist es bisher noch nicht gclungen einen epileptischen An-
fall bei einem lebenden Thiere kiinstlich zu erregen. Schon
Saillant, der im vorigen Jahrhundert im Auftrage der Konigl.
Societat der Medicin zu Paris Studien der Epilepsie machte, sagte
am Schlusse seines Aufsatzes: experiences f elites sur les animaux
pour decouvrir le siege et la cause prochaine de V epilepsie (in
Histoire de la societe royale cfe medecine ann. 1782 et 1783.
2. Part. p. 88 — 9G). „Nous nous contentons de conclure aujour-
d’hui qu’il est plus facile de produire un acc&s dpileptique arti—
ficiel en agissant sur le sang que sur les nerfs et le cerveau“;
indessen sein Yersuch mit Injection atmospharischer Luft in die
Jugularvene eines Pferdes ist ungeniigend, da nur todtliehe Con-
lvulsionen davon die Folge waren. Eine grossere Bedeutung ha-
ben Astley Cooper’s Experimente (Some experiments and obser-
vations on tying the carotid and vertebral arteries etc. in Guy’s
hospital reports Yol. I. London 1836 p. 465.) Einem Kaninchen
wvurden beide Carotiden unterbunden. Der Athem ward etwas
ibeschleunigt, die Herzaction verstarkt, allein es zeigte sich keine
andere Wirkung. Fi’inf Minuten darauf wurden die Vertebral-
arterien mit den Daumen comprimirt, wobei die Luftrohre vom
Drucke frei blieb. Die Athembewegungen hielten fast augen-
i blicklich inne, es erfolgtcn convulsivische Ausbruche, das Thier
'verlor das Bewusstsein, und schien dem Tode nahe. Der Druck
\wurde entfernt, es kam zu sich mit einer convulsivischen Inspi-
ration, lag auf der Seite, machte heftige zuckcndc Anstrcngungcn,
athmetc schwer, das Herz schlug stark. Nach zwei Stunden
batte es sich erholt, nur war die Respiration noch miihsam. Die
568
CEREBRALE KRAEMPFE.
Wirbelarterien wurden zum zvveitonmal comprimirt. Der Athem
stockte: darauf Convulsionen, Aulhoren der Bewegungen, und
scheinbarer Tod. Losgelasscn kam es mit einer lauten Inspira-
tion wieder zu sich, athmete aber noch sehr schwer. Nach vier
Stunden ging es herum und frass einige Blatter. Fiinf Stunden
darauf wurden die Vertebrales zum drittenmale comprimirt, mit
demselben Erfolge. Nach sieben Stunden putzte es schon das
Gesicht mit den Pfoten. Nach Yerlauf von neun Stunden com-
primirte man die Yertebralarterien zum viertenmal, und die \Vir-
kung war dieselbe. Dreizehn Stunden darauf war es schon
wieder lebhaft. Nach 24 Stunden Wiederholung des Versuches:
Hemmung des Athems, Convulsionen, Bewusstlosigkeit: nach Weg-
nahme des Druckes, heftige, erschwerte Respiration, und nachher
sehr schnelle Athemziige. Nach 48 Stunden wurde zum sechsten
Male die Compression vorgenommen, und die Erscheinungen wa-
ren dieselben. So scheint also nach Unterbindung der Carotiden
ein einfacher Druck auf die Vertebral arterien hinreichend zu sein
um die Thatigkeiten des Gehirns vollstandig zu hemmen, und,
setzen wir hinzu, die motorische Kraft des Riickenmarks frei zu
machen. Der Versuch wurde nun umgekehrt, und die Ligatur
zuerst um die Wirbelarterien gelegt. Der Athem wurde augen-
blicklich erschwert, das rechte Ohr hing herab, und das rechte
Vorderbein war zum Theil gelahmt. Eine Stunde darauf wollte
sich das Thier noch nicht bewegen: der Athem war langsam und
miihsam, das rechte Vorderbein beinah wieder beweglich. Die
Empfindung war unverletzt, allein beim Vorhalten des Futters
roch es nur daran, mochte aber nicht davon essen. Nach drei
Stunden gab man ihm etwas Kraut in das Maul, welches es frass.
Nach funf Stunden lief es herum, das Ohr hing noch herunter.
Am folgenden Tage war der Athem langsam, und das Thier be-
taubt. Die Carotiden wurden comprimirt, der Larynx frGigc-
lassen. Es fiel auf die Seite, verlor Gefiihl und Bewusstsein,
und die Augen wurden riickwarts gezogen. Sobald der Druck
EPILEPTISCHE ZUSTAEJNDE.
596
aufhbrte, kam es wieder zu sich. Am zweiten Tage war die
Respiration beschleunigt, das Ohr stand wieder in die Hohe, es
sass auf, und bewegte sich. Zum zweitenmal wurden die Caro-
tiden comprimirt, es verkebrte die Augen nach hinten, und ver-
fiel in Convulsionen. Am dritten Tage war der Athem auf 150
Ziige beschleunigt. Der Versuch wurde mit demselben Erfolge
wiederholt. Am vierten Tage nahm die Betaubung sehr zu, und
am funften wurde es todt gefunden. Am Halse fanden sich in
der Umgegend der Ligaturen Abscesse: die Carotiden waren er-
weitert, die Vertebralarterien fest zugeschniirt. Die Injections-
masse war durck die Carotiden in’s Gehirn gedrungen, allein die
Art. basilaris war leer. — Auf Unterbindung beider Carotiden
und beider Vertebralarterien folgt der Tod unter 13 — 14 con-
vulsivischen Zusammenziehungen des Zwerchfells und Zuckungen
der Hinterbeine. Werden mit beiden Daumen die Arterien bloss
comprimirt, bei unbetheiligter Trachea, so hort das Athmen in
ein Paar Secunden auf, das Thier macht einige Bewegungen, und
scheint dann todt zu sein. Wird der Druck aufgehoben, so bleibt
die Respiration noch gehemmt, allein bei kunstlichem Heben und
Senken der Rippen schnappt das Thier, holt schnell Athem, und
kommt wieder zu sich.“ —
Der neuropathische Process der Epilepsie erscliopft sich in ei-
nem Anfalle, oder setzt das Bediirfniss periodischer Wiederholung.
Die dadurch bedingte Verschiedenheit der Erscheinungen wird
mit dem Namen Eclampsia und Epilepsia bezeichnet.
Eclampsia.
Criterium: Anfall von Convulsionen mit Bewusstlosigkeit
und Unempfindlichkeit, nach dessen Aufhoren das Befinden der
Norm des Individuums entspricht.
Kindliches Alter und weibliches Geschlecht, zumal im Zustande
der Graviditiit disponiren. Die haufigsten Anlassfe sind Vergif-
570 CEREBRALS KRAEMPFE.
tung, Entbindung, jahe Reizung sensibler Theile, Inanition dutch
Safteverlust.
Eclampsia toxica.
(Vgl. Wepfer historia cicutae aquaticae. Basil. 1716. und Chri-
stison a treatise on poisons. 3. edit. Edinburgh 1836. p. 617 etc.)
Unter den narcotischen Stoffen sind es vorzuglich Oenanthe cro-
cata (I. c. p. 781), Conium maculatura, Cicuta aquatica, seltner
kohlensaures Gas und Blausiiure, welche epileptische Zufalle bei
dem Menschen hervorbringen. Auch Blutvergiftung hat sie zu-
weilen zur Folge, mag sie durch Contagien, z. B. Pocken, Schar-
lach im Eruptionsstadium, oder durch Retention auszuscheidender
Stoffe zu Stande kommen, wie es bei Harnverhaltung und Nie-
renkrankheiten der Fall ist (Acldison on the disorders of the
brain connected with diseased kidneys in Guy’s Hospital reports
vol. IV. p. 1 — 7).
Eclampsia parturientiuin.
Wie mit einem Schlage brechen Convulsionen aus, geht das
, Bewusstsein verloren. Gesicht und Hals treiben auf, rothen sich,
werden livide. Die Carotiden und Temporalarterien pulsiren hef-
tig, die Jugularvenen schwellen. Die Augenlider sind weit offen,
die Augapfel stehen in die Hohe oder glotzen starr, mit injicir-
ten Gefassen, oder rollen unter den geschlossenen Augeqlidern
hin und her. Die Zunge hangt hervor, wird von den knirschen-
den Ziihnen gebissen, schwillt auf, lasst blutigen Schaum hervor-
quellen. Die Gesichtsmuskeln zucken, die Glieder krtimmen sich,
strecken sich, ziehen sich blitzesschnell wieder zusammen. Der
ganze Rumpf ist bald starr, unbeweglich, nach hinten, zur Seite
gekrummt, 0(ler wird von den heftigsten Zuckungen und Erschiit-
terungen hin- und hergeschleudert, kann kaum gehalten werden.
Die Athemmuskeln, zumal das Zwerchfell, nehmen Theil: es droht
Erstickungsgefahr. Erbrechen gesellt sich hinzu, Excremente und
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
571
und Harn entweichen. Die Temperatur ist erhoht, das Gesicht
trieft von Schweiss. Der Puls ist selir frequent, voll, stark oder
klein, hart. Der Bauch ist aufgetrieben. Der Uterus hart, und
diese Harte nimmt zu, so oft die Convulsionen mit erneuerter
Heftigkeit eintreten. Das Orificium uteri ist geschlossen oder
unbedeutend geoffnet.
Die Dauer eines solchen Anfalls ist selten kiirzer als funf Mi-
nuten, fast immer langer, eine viertel, halbe Stunde, oft auf
mehrere Stunden, zuweilen selbst auf vier und zwanzig ausge-
dehnt, wobei die Zuckungen nachlassen, clann wieder zunehmen,
oder mit apoplectischem Zustande abwechseln, oder sich mit
demselben verbinden. Endet der erste Ausbruch nicht todtlich,
'So erfolgt eine Remission. Das Bewusstsein kehrt allmahlich zu-
! ruck , doch entsinnt sich die Kranke gewohnlich nicht des Vor-
Lgefallenen, selbst nicht der Entbindung, wenn sie wiihrend der
lEntbindung stattgefunden hat. Der Puls bleibt beschleunigt, ein-
zelne Muskelgruppen oscilliren noch, der Kopf ist wiist, schmerzt,
der Unterleib ist empfmdlich, grosse Erschopfung macht sich
.geltend — dann fangen die Augenlider wieder an zu zucken,
die Lippen beben, das Gesicht rothet sich, der Kopf wird ruck-
vvvarts gezogen, bin und hergeworfen — es erfolgt ein neuer
it Ausbruch, gewohnlich mit vermehrter Intensitat, und so kbnnen
|i s selbst uber zwolf Anfalle sich an einem Tage wiederholen, ob-
igleich mehrentheils mit dem zweiten oder dritten Genesung oder
irod erfolgt.
Vorboten zeigen sich seltener als jaher Ausbruch. Es sind:
IKopfschmerz, Flimmern vor den Augen, Erbrechen, Gahnen,
< Grefuhl von Druck und Schmerz in der epigastrischen und hypo-
i .^astrischen Gegend, Erstarrung einzelner Gliednr.
Die bisher mitgetheilten Leichenbefunde sind wegen feh-
: l ender Untersuchung des Riickenmarkes unvollstandig. In der
'Schiidelhohle findct sich gewohnlich starke Blutanfullung, dichtere
'Consistenz der Ilirnsubstanz , seros-albuminose und blutige Extra-
572
CEREBRALE KRAEMPFE.
vasate zwischen den Membranen und in den Ventrikeln, die letztc-
ren besonders in den Fallen, wo apoplectische Zulalle, tiefer Sopor,
schnarchender Athem etc. mit den convulsivischen yerbunden sind
(vgl. Hciuck: Einig. a. d. Gebiete d. prakt. Geburtsh. in Casper’s
Wochenschr. der gesammten Heilkunde. 1833. 1. Th. S. 188 etc.,
und Velpeau die Convulsionen der Schwangerschaft wiihrend und
nach der Entbindung. Uebers. von Bluff. Koln 1835. S. 86.).
So land ich ein kleines Blutcoagulum auf der Basis des vorderen
Hirnlappens der linken Hemisphiire bei einer im achten Monate
mit dem dritten Kinde schwangeren Frau von neun und zwanzig
Jahren, welche in der Nacht plotzlich von heftigem Kopfschmerz,
Bewusstlosigkeit, Convulsionen befallen, binnen zwolf Stunden starb.
Die Gebarmutter ist gewohnlich von normaler Beschaffenheit.
Zur Zeit bevorstehender Entbindung und in den beiden letz-
ten Monaten der Schwangerschaft befallt die Eclampsie am hau-
figsten , seltener nach der Entbindung und am seltensten vor dem
sechsten Monate der Graviditat, wo man gewohnlich hysterische
Paroxysmen damit verwechselt hat. Erstgebarende sind mehr dis-
ponirt, als solche, die schon wiederholte Schwangerschaften und
Entbindungen iiberstanden haben. So waren unter acht und vier-
zig Kranken, welche Merriman beobachtet hat, sechs und dreis-
sig primiparae: zehn von Champion Behandelte waren ebenfalls
Erstgebarende ( Velpeau 1. c. S. 17.). Doch kann auch die Eclam-
psie in der zweiten, dritten oder spiiteren Schwangerschaft ein-
treten: Dumont erwahnt einer Frau, die in ilirer elften Schwan-
gerschaft zum erstenmale davon befallen wurde (1. c. S. 57.).
Nach Hamilton soli Zwillingsschwangerschaft ein disponirendes
Moment sein: nach Anderen Graviditat im vorgeriickten Lebensal-
ter. Plethorische, woblgenahrte, robuste Korper disponiren, und
nach Osiander, Hamilton u. A. Oedem und Anasarca. Unter den
gelegentlichen Ursachen sind Gemiithsaffecte, besonders Schreck
und Aerger, die haufigsten. Demnachst gastrische Reize, Uebcr-
ladungen des Magens, verhinderte Ilarnentleerung durch Druck
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
573
ties schwangeren Uterus auf die Urinblase, ortliche Hinder-
nisse in den Genitalien, in deren Folge die erschwerte Ent-
bindung nur durch Kunst beendigt werden kann, starke Hamorr-
hagieen, Zuriickbleiben der Placenta. — Allein trotz des haufigen
Vorkommens und Einwirkens der genannten Ursachen gehort
diese Eclampsie zu den seltenen Krankheiten. So hat sie mein
Freund, der vielbeschaftigte Accouchor Hr. Sanit. R. Dr. Mayer ,
in funfzehn Jahren unter 2500 Geburten nur fiinf Mai beobach-
tet, die beruhmte Hebamme Lachapelle in Paris unter 38000 Ent-
bindungen 68 Mai. Anderen ist sie haufiger vorgekommen, z. B.
Merriman unter 2000 Geburten 48 Mai.
Die Gefahr bedroht zwei Individuen, Mutter und Kind.
Ueber die Halfte der befallenen Frauen stirbt binnen 12 — 24 — 36
Stunden. In den letzten Monaten der Schwangerschaft ist die
Gefahr grosser, als wahrend und nach der Entbindung. Die mit
tiefem Sopor und schnarchendem Athem verbundene oder ab-
wechselnde Eclampsie ist in der Regel lethal. Vollblutige, ro-
buste Frauen sind mehr gefahrdet, als hysterische und epilepti—
sche. Wo die Intervalle sehr kurz sind oder unmerklich wer-
den, droht der Tod. Uebergang in andere Krankheiten ist sehr
selten. Nur in einzdnen Fallen bildete sich Metritis und Perito-
nitis aus, und blieben in Folge von Hamorrhagie partielle Lah-
mungen zuriick. ( Velpeau 1. c. S. 80.). Bei giinstigem Ausgange
kehrt die voile Gesundheit des Individuums zuriick. — Fur das
Kind ist die Prognose noch schlimmer, als fur die Mutter: bei
Eclampsie in den letzten Monaten der Schwangerschaft stirbt es
gewohnlich, bei Eclampsie wahrend der Entbindung wird es zu-
weilen am Leben erhalten.
In der Behandlung stimmen die Erfahrensten in dem Lobe
starker, wiederholter Aderliisse iiberein. Die englisch-amerika-
nische Schule, die so dreist das Mass iiberschreitet, hat auch in
dieser Krankheit einen Beweis gegeben , welche ungeheure Blut-
entleerungen der weibliche Organismus ertragen kann. Dewees
574
CEREBRALE KRAEMPFE.
(compcnd. of midwifery, p. 502 — 505) spricht von einer Kran-
ken, die in sieben Aderlassen 97 Unzen Blut verlor, und von ei-
ner anderen, die nach der Entziehung von 120 Unzen in der er-
sten Stunde und 140 Unzen in den folgenden Stunden genas.
Die Armvenen sind den Fussvenen vorzuziehen, da sich aus
diesen die erforderliche Quantitat Blut schwieriger und sel-
ten rasch genug entleeren lasst. Zunachst muss die Entbindung,
auf welche Weise es auch sei, gefordert werden. Unsere Auf-
gabe ist es, die Mutter zu retten, und wir konnen dieses mit ru-
higerem Gewissen, weil das Kind in der Regel schon todt ist
oder stirbt. In der Schwangerschaft ist *das Accouchement forcd,
in dem Gebaract sind die Zange, die Wendung und alle jene in
der Geburtshulfe fur diesen Zweck bestimmten Operationen indi-
cirt. Welche es aber auch sei, gesaumt darf nicht damit, noch die
Zeit mit dem Gebrauche unwirksamer Mittel vergeudet werden.
Freilich werden nicht alle gerettet, es stirht die Halfte, doch
der Trost hleibt, dass in den Fallen, wo sie gerettet wurden,
es lediglich durch die beschleunigte Entbindung geschah. Cliaus-
sier (considerations sur les convulsions qui attaquent les femmes
enceintes.. Paris 1823.) empfiehlt zwar statt derselben ein Un-
guent. Belladonnae (aus 2 3 extr. Bellad. mit eben so viel Was-
ser verdiinnt und mit einer Unze Axungia triturirt), welches mit-
telst einer eigenen Spritze an das Orificium uteri gebracht wird
und dasselbe binnen einer halben Stunde erschlaffen soli, allein
Andere ( Velpeau 1. c. S. 94.) haben diesen Nutzen nicht bestiitigt.
Nach der Entbindung und den vorangegangenen Blutentlee-
rung versiiume man nicht, auch wenn die Convulsioncn aufgehort
haben, eine Dosis Opium zur Beruhigung des Centralapparates zu
geben. Dauert trotz dieser Mittel die Eclampsie fort, so ver-
suche man starke Ableitungen (zumal den heissen Hammer in den
Nacken), ortliche Blutenziehungcn, die Kalte in Umschliigen und
Begiessungen des Kopfcs, wahrend Bauch und Beine warm fo-
mentirt werden, kraftige Clysmata aus 01. tereb. acth., Asa foe-
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
575
tida etc., allein selteri wird es mit Erfolg geschehen, zumal wenn
die Entbindung, natiirliche oder kiinstliche, keinen Nacldass be-
wirkt hat. Denman empfiehlt das Bespritzen des Gesichtes mit
kaltem Wasser, wovon er in mehreren Fallen guten Erfolg ge-
sehen hat. Bei einer Kranken, die bereits zu Ader gelassen und
andere Mittel gebrancht hatte, nahm er ein Becken mit kaltem
Wasser vor sich, und spritzte mit einem Federbiischel, so oft die
Convulsionen drohten, kaltes Wasser in’s Gesicht. Jedesmal wur-
den die Krampfe verhutet, nur einmal brachen sie heftig aus,
als das Anspritzen versaumt wurde. Die Entbindung von einem
lebenden Kinde erfolgte funfzehn Stunden darauf (. Marshall Hall
on the diseases and derangements of the nervous system, p. 331.).
Die Cansalindication lasst sich selten erfullen, ausser bei ga-
strischen Reizen, wo von Mehreren d^r Gebrauch eines starken
Emeticum empfohlen wird, und bei Metrorrhagieen nach der
Entbindung, wo Hemmung des Blutflusses die nachste Pflicht ist,
und allgemeine Blutentleerungen nur selten in Gebrauch gezogen
werden konnen.
Eclampsia puerornm.
Niclit selten melden sich Yorboten, ein Paar Tage oder kiir-<
zere Zeit vorher. Die haufigsten sind: Unmuth, Verlust des kind-
lichen Frohsinns, unruhiger Schlaf von kurzer Dauer mit Auf-
schrecken, Hasenauge, sardonischem Lacheln, Beben und Zusam-
menfahren bei Beruhrung des Korpers oder bei Sinneseindriicken,
Kopfschmerz, wechselnde Rothe und Blasse des Gesichts, stiere
Blick oder Rollen der Augen. Jedoch auch ohne alle Prodro-
malzufalle bricht der Anfall jahe aus, oft mit einem Schrei. Die
1 Gesichtsmuskeln zucken, der Rumpf ist starr, unbeweglich, kurz
darauf wieder in zuckender Bewegung, Kopf und Nacken ziehen
sich riickwarts, die Glieder strecken, beugen sich gewaltsam, die
IBeine werden gegen den Leib gezogen. Zuweilen sind die Zuk-
kungen nur auf einzelne Muskeln, oder in selteneren Fallen auf
cine Seite beschrankt, oder sie gehen von den Bauchmuskeln aus,
576
CEREBRALE KRAEMPFE.
und steigen aufwiirts. Dabei ist wcder Bewusstsein, nodi Em-
pfindung vorhanden. Das stiere Auge sieht nicht, beim Voruber-
fahren des Fingers kein Blinzeln, die Pupille unbeweglich, erwei-
tert oder contrahirt, das Ohr unempfindlich gegen lauten Schall.
Der Puls ist klein, sehr frequent, olt unzablbar, dcr Athem stiir-
misch, die Temperatur erhoht.
Nachdem der Anfall eine viertel, lialbe Stunde und daruber
gedauert, lassen die Zuckungen allmahlich nach, seltener plotz-
lich. Die Gesichtsmuskeln, die Muskeln der Extremitaten vibri-
ren von Zeit zu Zeit, wahrend der physiognomische Ausdruck die
Riickkehr der Perception andeutet. Das Rind liegt erschopft da,
verfallt oft in einen Schlaf, der entvveder tiefer oder loser als im
gesunden Zustande ist. Die Excretionen sind meistens abnorm,
zumal die intestinalen. Dunne, griinlich - gelbe Excremente Yon
stinkendem oder sehr saurem Gerucke gehen spontan oder auf
den Gebrauch ausleerender Mittel, ofters unter schmerzhaften Em-
pfindungen ab. — Gewohnlich folgen mehrere Anfalle auf einan-
der: bei einem meiner Kinder kehrten sie eine Nacht hindurch
alle halbe Stunden punktlich mit dem Glockenschlage wieder.
Je haufiger sie kommen, urn so heftiger werden sie, lassen fast
kein Intervall mehr, und enden alsdann kaufig mit dem Tode;
je seltener, um so deutlicher das Intervall, um so sicherer und
schneller die Ruckkehr zur Gesundheit, so dass man das Rind
schon wieder spielend findet, welches ein Paar Stunden zuvor
dem Tode verfallen zu sein schien. Zuweilen haben sie auch,
zumal in der Dentition, einen regelmassig periodischen Verlauf,
und erscheinen nacb dem Quotidian-, seltner nach dem Tertiantypus.
Ein bestimmtes Lebensalter disponirt, von der Geburt bis zum
siebenten Jabre, vorzugsweise die erste Dentitionsperiode. Ange-
borene Anlage ist unleugbar: in einzelnen Familien werden fast
alle Kinder von Eclampsie befallen. Vollsaftige, beleibte Kinder
sind der Krankheit haufiger ausgesetzt, als magere, bleiche, ca-
chectische. Gelegentliche Ursachen sind: der Reiz durchbrechen-
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
577
der Z aline , die Nahrung des Kindes, bei Sauglingen die durcli
(GemuthsafFecte, Leidenschaften und andere Anlasse veriinderte
Muttermilch , bei alteren Kindern der friihzeitige Genuss reizen-
der spiritudser Dinge, der Missbrauch narcotischer Medicamente,
in unserer Zeit seltener als in friiherer. Intestinalreize, entwe-
der Eeberladung des Magens mit schwerverdaulichen Stoffen oder
Wurmreiz, in den beiden ersten Jahren seltener, als in den fol-
.genden, oder verschluckte fremde Korper, wovon ich unlangst
ain Beispiel bei einem dreijahrigen Kinde gesehen, das wahrend
des Spiels mit seinen Geschwistern plotzlich von heftiger Eclam-
1 asie befallen wurde, die eine halbe Stunde anhielt. Nachdem es
wieder zu sicli gekommen, entleerte es nach einer Dosis Rici—
:nusol eine der zum Spielzeuge dienenden Thonkugeln, welche es
:uvor in den Mund gesteckt und heruntergeschluckt batte. Aehn-
i ich wirkt manchmal bei Erwachsenen der Durchgang von Gal-
en- und Nierensteinen. Eindruck starker Kiilte und Hitze wird
:uweilen Anlass, so wie auch GemuthsafFecte, die bei Kindern
)ft iibersehen werden, nicht bloss Schreck, Zorn, Furcht, son-
lern auch Eifersucht, Neid, Gram. (Vgl. Corvisart in seiner Ue-
wers. von Auenbruggers Werk: nouvelle methode pour recon-
naitre les maladies internes de la poitrine. Paris 1808. p. 178.,
und^ Bracket memoire sur les causes des convulsions chez les en-
ans. Paris 1824. p. 104.). Metastatische Vorgange und Kopf-
erletzungen sind selten von atiologischem Einflusse.
Der todtliche Ausgang erfolgt meistens apoplectisch, in wel-
hem Falle sich nach dem Tode starke Turgescenz der Hirnmasse
md Ueberfullung mit Blut vorfindet, seltener hydrocephalisch.
)ie Genesung wird durch die Hirncrisis, durcli Schlaf eingeleitet,
(uweilen auch durch Darmausleerungen.
In der Behandlung verhutet die richtige Unterscheidung der
eclampsia puerorum von den entzundlichen HirnafFectionen oft ge-
Eliiane FehlgrifFe: denn in unseren Tagen ist Hirnentzundung
4ollectiYnamenr wie es fr'uher der Namen Kr ample war. Mit Ilin-
578
CEREBIIALE KRAEMPFE.
weisung auf die ausfuhrlichere Scliilderung der Hirnentziindung
(S. die Krankheiten des Bildungslebens der Nervenapparate in
der V. Abtheilung) deute ich hier nur die beiden Ilauptformcn
an, die sicli an karakteristischen Merkmalcn erkennen lassen.
Bei der eincn, von vorn herein stiirmische Storung der Hirnfun-
ction: Schmerz, Convulsionen, Delirien auf soporosem Grunde,
der nicht selten starker hervortritt, und dem Bilde der Krankheit
apoplectische Zuge einmischt. In der anderen, allmahliche Ent-
wickelung und Progression; einzelne Spharen der Hirnthatigkeit
leiden zuerst: es beginnt mit Schmerz, oder mit Convulsion, oder
mit Lahmung, auf einzelne Theile beschriinkt: dann gesellt sicli
Storung des psychischen Antheils hinzu, die Combination der
Symptome wird grosser und mannigfaltiger: es endet mit Sopor.
(Vgl. meine diagnostische und therapeutische Bemerkungen uber
Hirnentziindung im kindlicben Alter in der Wochenschrift fiir die
gesammte Heilkunde 1834. S. 473 etc.). Freie Intervalle, wie
bei der Eclampsie, sind nicht gegeben, ein stetiges Fortschrei-
ten macht sicli geltend, und selbst wo man der Krankheit Herr
wird, findet' kein jaher Abbruch, kein rascher Uebergang in Ge-
sundheit statt.
Die causale Indication zu erfiillen, beachte man vor Allem den
Antheil, welchen das Blut nimmt. Bei zuvor gesunden, rojiu-
sten, vollbliitigen Kindern, in der Dentitionsperiode, im Verlaufe
acuter Exantheme, sind Blutentziehungen an ihrer Stelle, bei jun-
geren ortliche, bei alteren allgemeine. Doch auch der entgegen-
gesetzte Zustand, Anamie, kann stattfmden, nach profusem Siifte-
verlust, bei atrophischen Kindern, wo dann excitirende Mittel ihre
Anwendung linden. Nicht minder wichtig ist die Riicksicht auf
die gastrischen Anlasse. Bei Ueberladungen des Magens, Inge-
stion schiidlicher StolTe etc. ist das Emeticum dringend erfordcr-
lich, von dessen Gebrauch man sich nicht durch Scheingefahr
einer moglichen Congestion nach dem Gehirne abhalten lassen
darl. Darmausleerungcn sind scliou als Ableitung von Nutzen:
epileptische zustaende.
579
Calomel, 01. Ricini eignen sich am besten, in Verbindung mit
Clystireu aus kaltem Wasser und Essig etc. Allein nicht selten
macht die Gcwalt der Kriimpfe, die Yerhinderung des Schluckens
es unmoglich der Causalindication zu geniigen: es bedarf eines
machtigen Eindruckes, um die Unterbrechung der Hirnenergieen
aufzuheben, und keinen kenne ich aus eigener Erfahrung, wel-
cher diesen Zweck besser erfullte , als kalte Uebergiessungen des
Kopfes in warmem Bade, oder wenn dieses nicht schnell zu be-
schafFen ist, auf dem Schoosse der Warterin, indem der Kopf
des Kindes uber eine leere Wanne gehalten wird. Die Wieder-
holung muss nacli Umstiinden stiindlich oder in langeren Interval-
len geschehen. Nachdem die Convulsionen nachgelassen haben,
wende man die zuvor erwahnten Mittel an, hiite sich vor Narco-
tica, und lege keinen zu grossen Werth auf Medicamente, die
dem Kufe der Wirksamkeit nicht entsprechen, wohin besonders
die Zinkpraparate gehoren. Nach Aufhoren der Convulsionen ist
der noch einige Zeit fortzusetzende Gebrauch von Purgantien von
Nutzen. In der Eclampsie mit intermittirendem Typus ist der
' Gebrauch des Chinins indicirt. Bei Sauglingen muss das Begi-
lmen der Mutter oder Amme, korperliches urtd psychisches, einer
strengen Controlle unterworfen werden.
Epilepsia.
Criterium: Anfalle von Convulsionen mit Bewusstlosigkeit
und Unempfindlichkeit, in deren Intervallen der Zustand des Men-
schen der Norm der Krankheit entspricht.
Fur das Bild der Epilepsie sind demnach die Ziige des Inter-
valls nicht minder erforderlich , als die Ziige des Paroxysmus.
Schilderung des Anfalls. Es melden sich oft Vorbo-
ten, sensible, motorische, psychische: unter den ersteren am hau-
iligsten Hyperasthesieen der Sinnesnerven, zumal des Opticus und
Acusticus,, selten des Geruchsnerven , Schwindel, schmerzhafte,
abnorme EmpFindungcn am Kopfe und an entfernten Theilen.
'Diese sind es, wclche man gewohnlich unter dem Namen Aura
Romberg’s Jferrenkrankb. I, 2.
38
580
CEREBRALE KRAEMPFE.
epileptica begreift und als Gefuhl eines kuhlen oder warmen Hau-
ches, Luftzuges etc, schildert, welches von den Extremitaten nach
Brust und Hals aufsteigt und am Kopfe angelangt, in den Anfall
iihcrgeht. Allein nui' selten entspricht die Aura ihrem Namen,
wie es bereits einer der genauesten Beobachter der Epilepsie,
Prichard , bemerkt (I have met with a great number of patients
who have perceived the affection alluded to, but I never once
heard it described in this way, though I have been very minute
in my inquiries, in dem vortrefflichen Werke: a treatise on di-
seases of the nervous system. London 1822. p. 88.) und ich selbst
bei einer nicht geringen Zahl von Kranken bestatigt gefunden habe.
Fast immer ist es die Empfindung eines reissenden, ziehenden
Schmerzes, oder der Formication, der Erstarrung, halbseitig oder an
einem Gliede etc., beim weiblichen Geschlechte auch die Em-
pfindung des Globus. Haufiger als die sensible ist die motori-
sche Aura: Hautschauer, Zittern, Crampus, Zuckung oder Con-
traction der Finger, Zehen, oder einer Hand, eines Fusses, eines
Arms , eines Beins : bei einem Kranken sah ich Zuckungen in
den vom Facialis versorgten Muskeln des rechten Nasenflugels
und der Oberlippe, bei einem andern Zuckungen der Ohren.
Zuweilen geht#plotzliche Erschlaffung und Verlust der Motilitat
voran. Auch statische Zufalle sind beobachtet worden, Herum-
drehen im Kreise, Riickwartsgehen ( Friedr . Hoffmann), Vor-
wartslaufen (Jos. Wenzel, Beobachtungen fiber den Hirnanhang
fallsiichtiger Personen. S. 50.). Psychische Prodrome sind Ver-
stimmung, Traurigkeit, Schlafrigkeit, Unfahigkeit zu geistiger
Anstrengung, Gedankenflucht, selten ungewohnliche Euphorie.
Auf die Erscheinungen in der Bildungssphare ist bisher noch we-
nig geachtet worden. Schonlein theilte mir unlangst mit, dass
er bei mehreren Kranken, die Yesicatore trugen, kurz vor dem
Anfallc eine Veranderung der Fliissigkcit in eine scharfe atzende,
wie in Humboldt’s galvanischem Yersuche, beobachtet hat.
Allein auch ohne alle Warnung bricht der Anfall plotzlich
EPILEPTISCHE ZUSTAE3NDE.
581
aus. Der Kranke stiirzt, wenn er steht, hin, entweder auf den
Hinterkopf, oder nach der Seite, oder, was seltener der Fall
ist, nach vorne iiber, oft mit einem grellen, Menschen und Thiere
entsetzenden Schrei. Zuckungen befallen, meistens allgemeine,
seltener auf einer Seite, oder auf einen kleinen Raum beschrankt.
Der Kopf wird abwecbselnd nach beiden Seiten, nach vorn oder
hinten geschleudert, die mimischen und masticatorischen Muskeln
-sind in gewaltsamer Action, die Stirn zieht sich auf und ab,
die Augenbrauen runzeln und erschlaffen, die Augenlider blin-
zeln, schliessen zur Halfte , so dass das Weisse des in die Hohe
^erollten Augapfels sichtbar ist, der Mund verzerrt sich , die Ziihne
Enirschen, klappern, mit jahem Rucke beugen, strecken sich die
iExtremitaten, drehen sich ein-, auswiirts, die Finger, besonders
die Daumen, scblagen in die Handflache hinein, die Zehen kriim-
unen sich. Zuweilen sind es Starrkrampfe : beim Eintritte des
Anfalls wird jahlings der Rumpf steif , unbiegsam , der Kopf starr
i nach einer Seite oder riickwarts gezogen, die Arme und Reine
steif, ausgestreckt , das Auge weit geoffnet, starrend, die Kie-
ffer an einander gepresst, die Zunge zwischen den Zahnen ein-
.gekeilt. Oefters macht die Steifheit der Muskeln den Anfang
und gebt nach kurzer Frist in Zuckkrampfe uber. Die Atliem-
bewegungen sind beschleunigt, kurz, ungleich , mehr oder min-
der erscbwert: bei gehemmter Inspiration agiren die exspiratori-
'ichen Muskeln gewaltsain. Der Kranke schreiet, achzt, stohnt.
Auch die unter sympathischem Einflusse stehenden Muskeln neh-
•nen Theil: Excremente, Urin, Samen werden zuweilen im An-
t'alle stossweise entleert. Die Herzschlage sind frequent, schnell,
jnregelmassig. Cerebrale Unempfmdlichkeit gegen Sinnes- und
tGiefuhlsreize ist stets vorhanden, wahrend die Reflexsensibilitat
f ortdauert. Ich habe mich hiervon uberzeugt, indem ich ei-
nem Epileptischen im Anfalle einen Federbart zwischen die Au-
tgenlider schob, die sofort stark zusammengekniffen wurden. Die
Unbeweglichkeit der Iris im Paroxysmus , mag die Pupille verengt
582
CEREBRALE KRAEMPFE.
oder erweitert sein, ist allgemein angenommen: allein noch hat
man nicht gepriift, ob nicht diese Immobilitat lediglich durch die
Hemmnng optischer Empfindung bcdingt ist; mir ist es nach je-
nem Versuchfe sehr wahrscheinlich , dass die Reflexwirkung in
derlris auf das Einfallen der Warmestrahlen des Lichtes (S.S.238.)
erfolgen wurde. Die Unempfindlichkeit der Haut gegen Brand -
und Stichwunden ist bekannt, allein ich habe zn wiederholten
Malen beobachtet, dass das Anspritzen kalten Wassers an das
Gesicht im Paroxysmus dasselbe Zusammenfahren des Korpers
hervorbringt, wie bei einem Gesunden. Die respiratorische
Schleimhaut muss noch auf Reflexaction (Niesen in Folge schar-
fer Diinste in der Nasenhohle , Husten auf reizende Diimpfe etc.)
naher untersucht werden. Verlust des Bewusstseins ist vom Aus-
bruche bis zum Ende des Anfalls vorhanden. Auch in der vege-
tativen Sphare geben sich Erscheinungen kund, welche Folge der
Convulsionen oder der erschwerten Respiration sind: dunkle, livide
Rothe des Gesichts, triefender Schweiss, Schaum vor dem Munde,
Ekchymosen wie in der Purpura, in der Nahe der Nasenwurzel,
der Augenlider, selbst Blutungen aus der Nase und aus der Bron-
chial -Schleimhaut (Laennec, traite de l’auscultation mediate, 4. edit,
par Andral. T. I. p. 309.). Der Schluss des Anfalls wird bei
einigen Kranken eben so wie der Eintritt durch bestimmte Er-
scheinungen angekiindigt, Erbrechen, Borborygmi, Aufstossen;
bei anderen bricht der Anfall plotzlich ab, indem die Muskeln
mit einem Male erschlaffen; bei noch anderen zeigt sich ein all-
mahlicher Nachlass, die Gesichtsmuskeln zucken schwacher und
schwacher, und ein tiefer Seufzer schliesst die Scene des Sturms
und Aufruhrs. Eine neue beginnt alsdann: tiefer, schnarchender
Schlaf, in welchem die Unempfindlichkeit noch in einigem Grade
fortdauert, iiberwaltigt ? der Puls hebt sich, wird voll, weich,
langsam, der Athem ruhig, die Haut duftend. Der Kranke er-
wacht, ist noch benommen, matt, verstimmt, des vorangegan-
genen Anfalls unbewusst, erholt sich nach und nach. Bei man-
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
583
chen bedarf es jedoch nicht des Schlafes zur Vermittelung des In-
tervalls: die nachste Stunde trifft sie schon wieder in der ge-
wohnten Beschaftigung.
Diese Ziige bieten in ihrem Vereine, in ihrer Intensitat, und
in der Combination mit anderen Zustiinden eine grosse Mannich-
faltigkeit, nicht nur im Allgemeinen, sondern auch bei demsel-
ben Individuum dar. Die erheblichste Vers'chiedenheit macht sich
zwischen den entwickelten und unentwickelten Anfallen geltend.
Die Ietzteren zeigen sich entweder nur im Anfang der Krankheit,
und bilden sich spaterhin aus oder erscheinen zwischen den voll-
standigen Paroxysmen. Auf kurze Zeit, zuweilen nur momen-
tan , stellt sich eine Pause des Bewusstseins ein , mit kleinen,
krampfhaften Erschiitterungen oder Steifheit einzelner Muskel-
gruppen; bei einigen selbst ohne alien Antheil des motorischen
Apparats (vertigo epileptica nach Esquirol: des maladies menta-
les. Paris 1838. T. I. p. 277, richtiger Eclipsis, S. deren Schil—
derung in der vierten Abtheilung.). Zu diesen Abortivausbrii-
chen gehoren auch diejenigen, worin es nur bis zur Aura kommt.
Die Intensitat der Paroxysmen wechselt. Endlich wird die Suc-
cession der Erscheinungen durch die Verbindung mit einer psy-
• chischen Affection modificirt. In die gewohnlichen Abschnitte
des Anfalls, zwischen dem convulsivischen und soporosen, oder
nach dem Schlafe, schiebt sich ein neuer ein, der sich am hau-
:figsten als Ecstasis oder als Mania karakterisirt. Als Beispiel der
ersteren diene ein von Horn beschriebener merkwiirdiger Fall
(Archiv fur medic. Erfahrung. Jahrgang 1812. S. 564, fortgesetzt
in Fischer diss. inaug. epilepsiae ejusque anomaliarum nonnulla-
irum adumbratio pathologica. Berol. 1818.), welchen ich selbst
'vor acht und zwanzig Jahren wahrend meines klinischen Studiums
iim hiesigen Charite-Krankenhause gesehen habe.
Ein acht und zwanzigjahriges Madchen leidet seit zwolf Jahren in
IFolge eines Schreckens an Epilepsie, deren Anfalle von Anfang an mit
einem irren Zustandc verbunden sind. In den Intervallen ist eine
584
CEREBRALE KRAEMPFE.
unvollkommene Lahmung der unteren Extremitiiten vorhanden :
die Kranke ist unvermogend vom Stulile aufzustehen , und hal
kaum die Kraft, auf zwei Personcn gestutzt ein Paar Mai auf-
und abzugehen, auch ist sie seit- zwei Jahren von hartniickiger
Quartana befallen. Der Anfall selbst giebt sich auf folgende Weise
kund: 1) Stadium prodr omorum: starkes Ziehen in den Gliedern,
Giihnen, tympanitische Auftreibung des Bauches, ungewohnliche
heitere, ausgelassene Gemuthsstimmung. Dauer von einigen Mi-
nuten bis ein Paar Stunden. 2) Stadium convulsivum. Blinzeln
der Augen, Verziehen der Mundwinkel , Kriimpfe der Hals- und
Nackenmuskeln, stiirmische Bewegungen der Brust, gellendes
Geschrei, Ruckwartsbiegen des Kopfes, Krummung des Rumpfes,
plotzliches Strecken der Extremitiiten , womit dieses Stadium auf-
hort. Dauer zehn bis zwolf Minuten. 3) Stadium soporosum
primum. Die Augen sind geschlossen: man kann der Kranken
noch so laut in’s Ohr schreien, sie hort es nicht - — man kann
sie kneifen, stechen — sie fuhlt es nicht. Dabei spricht sie wie
im Traume. Der Athem ist ruhig, gleichmassig. Dauer funf bis
zehn Minuten. 4) Stadium ecstaticum. Mit heiterer Miene er-
wacht die Kranke, reibt die Augenlider, halt ihre Personlich-
keit und Lebensverhaltnisse fur andere, und bezeichnet die Dinge
mit heterogenen Namen. Durch diesen irren Zustand, welcher
identisch bleibt, stehen die ecstatischen Anfalle mit einander in
Zusammenhang, und wird die Erinnerung fur Alles, was in dem
letzten vorgefallen , rege erhalten , wenn auch ein freies Intervall
von mehreren Wochen dazwischen ist, so dass die Kranke, wie
es in der Ecstasis gewohnlich der Fall ist, ein zwiefaches psy-
chisches Leben zu fuhren scheint. Auch in der motorischen und
sensibeln Sphare geben sich alsdann eigenthiimliche Yeranderun-
gen kund. Die Paraplegia incompleta ist verschwunden : die
Kranke kann jede Bewegung vornehmen, gchen, stehen, arbei-
ten. Merkwiirdig ist die Erscheinung (die jetzt in der Reflex-
theorie ihre Deutung findet), dass wenn sie sitzt und ihre Fiisse
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
585
den Boden beriihren, ein so heftiges Zittern derselben und Stam-
pfen entsteht, dass der starkste Mann durch Druck auf die Kniee
diese Tremulation nicht unterdrucken kann; schweben dagegen
die Fusse, so findet das Zittern nicht statt. Haut- Aniisthesie ist
an der ganzen Oberfliiche, das Gesass ausgenommen, vorhanden :
selbst das Gliiheisen wird nicht gefuhlt. Der Geschmack ist ver-
andert : Medicamente, deren Bitterkeit ihr in den Zwischenzeiten
unertraglich ist, sind ihr jetzt angenehm siiss. Auch ist sie nicht
im Stande, entfernte Gegenstande zu erkennen, wahrend sie es
in den Intervallen vermag. Die Intermittens pausirt. Dieser Zu-
stand halt Stunden, selbst mehrere Tage an, dann be^innt you
Neuem ein Stadium convulsivum, oder, was haufiger der Fall ist,
5) ein zweites Stadium sopor osum. Sie verfallt in einen fe-
sten Schlaf, der 44 — 48 Stunden fortdauert, und worin alle Ex-
cretionen suspendirt sind. Daraus erwacht sie mit Bewusstsein,
klagt uber grosse Ermattung, und kann jetzt wieder nicht gehen,
sondern muss von einem Orte zum andern gefuhrt werden.
Haufiger als der ecstatische gesellt sich ein maniacalischer
Zustand zum Anfalle, gewohnlich nach dem Abschnitte des Schla-
fes, mit grosser Aufregung und Tobsucht, dessen Dauer einige
Stunden bis Tage betragt.
Sowohl durch diese Modificationen als an und fiir sich ist,
auch in dem individuellen Falle, die Dauer eines epileptisclien
Paroxysmus sehr verschieden, welche nach dem convulsivischen
Stadium gemessen nur auf5 — 10 — 15 Minuten festgesetzt zu wer-
den pflegt. Allein die unvollstiindigen Ausbruche sind oft auf ein
Paar Secunden beschrankt, wahrend es zum Umlaufe eines vollstan-
digen Anfalles Stunden und Tage bedarf. Auch hat die Dauer und
Zunahme der Krankheit als Totalitat darauf Einfluss : im Anfange
sind die Ausbruche moistens kiirzer als im spateren Verlaufe,
und bei steigender Intensitat dchnt sich die Lange der Paroxysmen.
Schilderung des Intervalls. Die Epilepsie hat wie die
Hysteric nicht bloss in den Anfallcn, sondern auch in den Zwischen-
586
CEREBRALE KRAEMPFE.
zelten ihre Symljole, die um so deutlicher sind, je Iiinger sie be-
steht, und ein Zeugniss davon geben, dass der Organismus ein
verandertes Sein (welches die Norm der Krankheit ist) eingeht.
Diese Erscheinungen , deren Kenntniss durch fernere Beobach-
tungen nocli zu erganzen ist, geben sich sowohl in der Nerven-
sphiire als auch in den andern organischen Apparaten kund. In
der ersteren zeigen sie sich entweder als Residuum einzelner Sym-
ptome des Anfalls: so das Delirium maniacum und ecstaticum,
welches Wochen lang fortdauern kann, so der Trismus, der bei
einer von mir behandelten Kranken nach dem Anfalle 14 — 21
Tage unverandert fortdauert, oder sie treten als neue Affection en
auf. Unter diesen sind am haufigsten : Aphonie, die Kranken sind
nach dem Stadium soporosum, obgleich hei f'reiem Bewusstsein,
ihrer Stimme beraubt, vermogen auf die Application der stark-
sten Reizmittel keinen Ton hervorzubringen und bleiben lautlos,
zuweilen mehrere Wochen, bis ein neuer Anfall die Stimme
wiedergiebt. Marshall Hall (on the diseases and derangements
of the nervous system. London 1841. p. 327) erwahnt eines Kran-
ken, der jedesmal nach dem epileptischen Anfalle die Fahigkeit
verlor einige hohe Tone zu singen. Auf ahnliche Weise be-
fallt Dysphagie, oder Asthma bronchiale, oder Ischuria vesicalis,
welche heftige Schmerzen verursacht, dem Catheter Widerstand
leistet, mehrere Tage anhiilt, und zuweilen nur durch den Ein-
tritt eines neuen Paroxysmus gehoben wird. Auch Meteorismus
mit betrachtlicher Auftreibung und Spannung des Bauches, star-
ken Schmerzen, Unvertraglichkeit der Beriihrung und des Druk-
kes stellt sich nicht selten nach dem Anfalle ein und kann unter
dem Scheme einer Peritonitis den Unerfahrenen tauschen. Aus-
ser diesen vorubergehenden Affectionen offenbart sich in den In-
tervallen eine dauernde Riickwirkung der Krankheit, am deutlich-
sten in den psychischen Energieen. Schwache des Gedachnisses,
und Abnahme in der Scharfe der Vorstellungen bei gesteiger-
ter Leidenschaftlichkeit sind karakteristisch , und auch forensisch
EPILEPTISCHE ZUSTAENOE.
587
- ur die Wurdigung yerbrecherischer und zornmuthiger Hand-
ungen Epileptischer anerkannt, zuerst durch Ernst Platner : Facta
iolenta epilepticorum, quamvis malefaciendi et ulciscendi con-
^ilio. suscepta, amentiae excusatione non carere in dessen Quae-
^tiones medicae forenses. Lipsiae 1824. p. 40. etc. Ygl. Brack
iber die insana malitia epilepticorum in Rust Magaz. fur die ges.
lieilk. 1838. S. 1 und Friedreich System. Handbuch der gerichtl.
Psychol. S. 637.). Esquirol bemerkt, dass auch die von Irresein
erschonten Epileptischen sehrreizbar, launenhaft, bizarr, schwer
iimganglich sind, und in ihrem Karakter etwas Besonderes haben
I. c. p. 285.). Der Gesichtsausdruck veriindert sich, wird plump,
ind bietet das Gepriige fruhzeitigen Alterns dar: schon Aretaeus
)emerkt, dass die Epilepsie hasslich macht (edit. Boerliaave p. 28.).
)ie Ziige werden verzerrt: die Augenbrauen bilden einen star-
ueren Bogen als gewohnlich, die Augenaxen stehen ungleich, schief
ieht der Kranke gerade aus, so ist die Cornea zu hoch nach oben
::;erichtet, unter dem oberen Augenliede etwas verborgen , so dass
:in grosserer Theil des Weissen im Auge sichtbar ist, die Lip—
>en, die Wangen sind etwas verzogen. Nach Cazauvieilh haben
dte Epileptische einen unsicheren, schwankenden Gang und steife,
angsame Bewegungen (de l’epilepsie consideree dans ses rapports
|)'vec 1’alienation mentale, abgedruckt aus den Archives gener.
1.825. p. 66.). Der Sexualtrieb ist aufgeregt: Epileptische nei-
:;en zu geschlechtlichen Ausschweifungen jeder Art. In dem
Perhalten des epileptischen Organismus gegen Beize der Aussen-
velt und des inneren Haushalts stellt sich besonders das veriin-
lerte Sein heraus, in einem noch hoheren Grade als es bei der
llysterie der Fall ist. Die Toleranz der Heilmittel kommt hier
uerst in Betracht: allgemeine Blutentleerungen in reichlichem
iMaasse und hiiufiger Wiederholung werden von Epileptischen nur
elten vertragen, und es zeigt sich hierin ein betrachtlichcr Un-
erschied von apoplectischen Zustiinden. Die Toleranz der
Wauseosa, besonders der Metallkalke, ist gross: Dosen von Zink-
588
CEREBRALE KRAEMPFE.
vitriol zu einem halben bis ganzen Scrupel iiach Bright, Baling-
ton u. A. wurden in anderen Krankheiten, ohne Brechen zu er-
regen, nur selten gegeben werdcn konnen. Eine geringere Em-
pfanglichkeit fur epidemisclie und contagidse Krankheiten scheint
bei Epileptischen stattzufmden : jedoch sail Esquirol diese Kran-
ken niclit vom Typhus verschont bleiben, obschon die Mortality
unter ihnen am geringsten war: von funfzig Befallenen waren
nur sehr wenige gestorben (Dictionn. des scienc. medic, T. XII.
p. 515.), was auch bereits Greding bei einem epidemischen Ty-
phus beobachtet liatte (Sammtl. medic. Schriften. 1. Th. S. 288.).
Beachtunffswerth ist endlich das Yerbalten anderer accessoriscber
O
Krankheiten auf epileptischem Boden: im 'Allgemeinen sind sie
weniger gefahrlicb, als unter anderen Umstiinden, was nicht bloss
von den zuvor erwahnten, vom Trismus, Tympanites, Ischurie
gilt, sondern selbst von Entzimdungen, Hamorrhagieen etc.
Der Yerlauf der Epilepsie ist mehrentheils chroniscb, mit
seltnerer oder haufigerer, mehr oder minder regelmassiger Wie-
derholung der einzelnen Anfalle, worauf Alter der Krankheit und
der Erkrankten, Geschlecht, gewisse Yorgange des Lebens, und
gelegentliche Anlasse Einfluss baben. Im Anfange der Krankheit
liegen niclit selten die Paroxysmen wreit auseinander, balbe und
ganze Jahre lang, was in prognostischer und therapeutischer Be-
ziehung wohl zu beachten ist. Bei jugendlichen Individuen, im
Alter des Wachsthums, riicken die Anfalle niiher an einander.
Beim weiblichen Geschlechte ist xon den Sexualvorgangen der ty-
pische Eintritt der Anfalle oft abhiingig: der Cyclus ist iiber-
liaupt der monatlicbe, oder die Paroxysmen werden zur Zeit der
Catamenien haufiger und heftiger. Der Zustand des ^Yachens
und Schlafes bat einen unverkennbaren Einduss auf den Eintritt
der Anfalle, denn dass es hierbei weniger auf den Stand der
Sonne, auf die Verschiedenheit der Tageszeiten ankommt, geht
daraus hervor, dass Epileptische, deren Paroxysmen im Schlafe
wiederkehren, auch bei hellem Tage davon befallen werden, so-
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
589
bald sie sich dem Schlafe hingeben ( Prichard 1. c. p. 92. Esqui-
rol p. 281J. Die planetare Einwirkung des Mondes (zumal
des Neu- und Vollmondes) auf den Umlauf der Epilepsie ist schon
seit alten Zeiten anerkannt, und wenn auch hie und da Zweifel
dagegen erhoben sind ( Esquirol hat in den Pariser Ilospitalern
die Frequenz der Anfalle in keinem bestimmten Verhiiltnisse zu
den Mondesphasen geschen), so steht sie durch die genauen Be-
obachtungen Anderer fest, unter denen es geniige Stahl (Tbeor.
med. P. II. Sect. 3. membr. 3. p. 683. u. Dissertat. de heredi-
taria dispositione in varios morbos. Halae 1706 §. 76 p. 48) und
Mead zu nennen (Opera medica. edit. Goetting. 1748. p. 28 etc.),
welcher Letztere den Fall eines funljahrigen epileptischen Miid-
chens beschrieben hat, dessen Anfalle taglich mit der Fluth ein-
traten, mit der Ebbe .aufhdrten, so punktlich, dass fur den Vater
des Kindes, einen Bootsmann, der am Ufer der Themse wohnte,
der laute Schrei, womit die Kranke jedesmal aus dem Anfalle
zu sich kam, ein weekender Ruf fur den Antritt seines Geschaftes
'war. Yon Einigen wird den Aequinoctien ein iihnlicher Einfluss
wie den Mondesphasen zugeschrieben. Im Fruhling ist nach
1 Claras Beobachtung die Frequenz der epileptischen Anfalle gros-
ser (der Krampf in patholog. u. therapeut. Hinsicht, systematisch
■erlautert. S. 248).
Bei langerer Dauer geht die Epilepsie sehr oft Complica-
tion mit psychischen Storungen ein: seltener von Anfang an.
Ein statistischcr Vergleich, welchen Esquirol (1. c. p. 284) an-
gestellt hat, ergab unter 339 Epileptischen vier Fiinftel, 269, in
einem irren Zustande: am haufigsten Dementia, zunachst Manie,
selten Monomanie.
In der Wurdigung der Leichenbefunde bei Epileptischen
list man bisher nicht kritisch genug zu Werke gegangen, und
hat die durch Complicationen oder durch den todtlichen Ausgang
bedingten Veriinderungen mit in den Bereich gezogen. Auch ist
bei der Beurtheilung zu wenig auf die Dauer der Ivrankheit
590
CEREBRALE KRAEMPFE.
Riicksicht genommen worden, obgleicli sie einen entscliiedenen
Einfluss hat. Davon fiberzeugt man sich schon bei Untersuchung
der Knochenhiillen des Gehirns. Je alter die Epilepsie, um so
dicker sind meistens die Schiidelknochen, fast von elfenbeinartigem
Geffige. Die Erhabenheiten an der inneren Fliiche ragen stark
und scharf hervor, so dass das Hinfibergleiten mit der Hand em-
pfindlich ist. Greeting, dessen Untersuchungen sich durch Ge-
nauigkeit auszeichnen, (Sammtl. medicin. Schriften. Greitz. 1790.
1. Tlieil. S. 277 — 350) erwahnt spitzer scharfer Ilervorragungen
der hinteren Processus clinoidei, auf beiden Seiten oder nur auf
einer (S. 330). Ablagerungen von Knochensubstanz in der Dura
mater finden sich haufig bei Epileptischen, am sichelformigen
Fortsatze und an anderen Stellen. Die membranosen Hfillen bie-
ten die gewohnlichen Erscheinungen bei chronischen Hirnkrank-
heiten dar, Verdickung, Adhasionen, seros-albuminose Exsudate,
und eine sehr grosse Menge Pacchionischer Korperchen (Jos. et
Carol. Wenzel de penitiori structura cerebri hominis et brutorum.
Tubingae 1812. p. 12. Greeting , 1. c. p. 299), welche hauptsach-
lich die Oberfliiche des grossen Gehirns zum Sitze haben. Die
Untersuchungen des Gehirns selbst haben im Allgemeinen kein
forderndes Resultat ergeben, woran theils die Unvollstandigkeit
der Untersuchung, theils die Complication mit anderen Krankhei-
ten Schuld ist, deren Befunde als epileptische gedeutet wurden,
z. B. Hamorrhagieen und ihre Residuen etc. Nach Ferrus soil
sehr haufig bei Epileptischen Hypertrophie des Gehirns mit ver-
mehrter Dichtheit der Marksubstanz und Hypertrophie der Scha-
delknochen angetroffen werden: auch Parchappe erwahnt einhs
betrachtlicheren Gewichtes des Gehirns ( Parchappe recherches sur
l’encephale, sa structure, ses fonctions et ses maladies. 2. rae-
moire. Paris 1838. p. 201). Mehr Aufschluss hatten Joseph Wcn-
zels Untersuchungen der Glandula pituitaria in dieser Krankheit
verheissen (Joseph Wenzel’s Beobachtungen fiber den Hirnanhang
fallsfichtiger Personen, nach seinem Tode herausgegeben von Carl
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
591
Wenzel. Mainz 1810). Hypertrophic, Atrophie eines oder beider
Lappen der Glandula pffcuitaria, Entzimdung, Exsudate an der
Oberllache und zwischen den Lappen, Rothung und Anschwel-
lung des Infundibulum boten sicli in Verbindung mit krankhaften
Veranderungen der benachbartcn Knochen dar, Verengerung, Er-
weiterung der Sattelhohle des Keilbeins, Schiefheit, Verkiirzung,
Verdiinnung der Sattellehne (1. c. S. 103 — 106. S. 110 — 112).
"Sind zwar diese Befunde nicht bestandig bei Epileptischen ( Rom-
berg Ergebnisse einiger Leichenoffnungen in Horns Archiv fur
medic. Erfahrung 1823. S. 254), und kommen andrerseits Desor-
ganisationen des Ilirnanhangs ohne Epilepsie vor, wie der S. 38
beschriebene Fall von Prosopalgie und die griindliche Monogra-
phic von Engel fiber den Hirnanhang und den Trichter. Wien
1839 lehren, so sind Wenzel’s Untersuchungen, die fur alle Zeiten
als Muster genauer Beobachtung gelten werden, schon aus dem
• Grande von Wichtigkeit, weil sie zum Gegenstande die krank-
ihaften Zustande des vorderen Schiidelwirbels haben, welcher den
(nach Autenrieth, Burdacli und Arnold ) als Fortsetzung und
. gleichsam als Knospe des grauen Kerns des Ruckenmarks zu be-
• trachtenden Hirnanhang einschliesst. Zu neuen Forschungen bei
;Epileptischen in Betreff der Blutbahnen der Vertebrales und Ca-
irotiden und des Zustandes ihrer Ivnochencanale regen Astley
Cooper’ s Versuche an. Auf das Rikkenmark Epileptischer sind
die Untersuchungen zuerst von Esquirol ausgedehnt worden.
Cartilaginose Platten in der Arachnoidea spinalis und partielle
Erweichungen, besonders der Lumbarpartie , wurden am haufig-
^sten gefunden (1. c. p. 311). Ob jedoch diese Veranderungen
t nicht bloss als Complicationen bestanden haben, lasst sich wegen
Mangels der Krankengeschichten nicht entscheiden: einige von
Ollivier mitgetheilte Falle setzen ein solches Verhaltniss ausser
/Zweifel (Traitd des maladies de la moelle <$pini6re. 3. edit. Paris
^1837. T. II. p. 570).
592
CEREBRALE KRAEMPFE.
Ursachen. Unter den Anlagen stehtdie erbliche obenan, iiber
welche in auf- nnd ahsteigender Linie Cazauvieilh und Jiouchet
statistische Untersuchungen angestellt nnd gcfunden haben, dass
unter 110 Epileptischen sich 31 befanden, welche ebenfalls epi-
leptische Eltern und Verwandte hatten, demnach mehr als ein
Drittheil. Yierzehn epileptische Mutter batten 58 Kinder gebo-
ren, wovon 37 gestorben waren, das alteste in einera Alter von
14 Jahren, die ubrigen sehr jung und fast alle unter Convulsio-
uen. Ein und zwanzig waren noch am Leben, unter denen vier-
zehn gesund, doch noch sehr jung, sieben bereits von der Epi-
lepsie befallen waren (1. c. p. 71). Das Uebergehen einer Ge-
neration ist zuweilen beobachtet worden. Die nahe Beziehung
der Epilepsie zuin Irresein stellt sich auch in dem hereditaren
Verhiiltnisse heraus: unter den Eltern oder Verwandten von Epi-
leptischen finden sich oft Wahnsinnige. Der Ausbruch der erb-
lichen Epilepsie erfolgt gewohnlich vor der Pubertat. — Nachst
der hereditaren wird eine angeborene Anlage fur diese Krank-
heit angefuhrt; allein nur sehr selten ist sclion der Neugeborene
epileptischen Convulsionen unterworfen, gewohnlich kommen diese
spater, nach der ersten Dentition, nach dem Entwohnen zum
Ausbruch, und kdnnen alsdann auch eine erbliche Basis haben.
Die Beispiele von Miittern, die durch einen Schreck, namentlich
vom Anblicke eines Epileptischen, Kinder mit dieser Krankheit
zur Welt gebracht haben, ohne selbst daran gelitten zu haben,
geniigen keineswegs der Kritik, und gehoren in die Categorie
des Yersehens. Wichtiger ist die durch das Alter gesetzte Dis-
position: sie ist in den vier ersten Lustren des Lebens um das
Dreifache starker als in den spateren. Cazauvieilh (1. c. p. 73)
hat 66 Falle in dieser Beziehung verglichen. Darunter waren :
von der Geburt bis zum 5ten Jahre : 18
vom 5ten - - 10- - : 1 1
- 10 - - - 15 - - : 11
- 15 - - - 20 - - : 10
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
593
vom 20sten bis zum 25sten Jahrc
- 25 -
-
i
o
CO
-
- 30 -
-
35 -
-
- 35 -
-
40 -
-
- 40 -
_
45 -
-
- 45 -
-
50 -
-
- 50 -
-
55 -
-
- 55 -
-
60 -
-
Beispiele von einem
spiiteren
Ausbruche
16.
5
4
1
0
1
9
A*
0
1
ehr selten, doch hat Maisonneuve (in seinen schiitzenswerthen
Jecherches et observations sur 1’epilepsie p. 85) zwei mitgetheilt,
ines von einem 72jahrigen Manne, der im 69sten Jahre, das an-
ere von einer 75jahrigen Frau, die im 62sten Jahre den ersten
unfall der Epilepsie bekommen hatte. — • Der Unterschied der
eschlechtlichen Anlage macht sich nach Tissot und Esquirol erst
ach dem siebenten Jahre bemerkbar, wo ein Uebergewicht fur
as weibliche Geschlecht stattfindet. Der climatische und ethni-
:he Einfluss steht nocb nicht durch zuverlassige Thatsachen fest.
Die atiologische Forschung in einen innigeren Zusammenhang
nit der diagnostischen zu bringen, ist eine Aufgabe von zu gros-
C3r Wichtigkeit (S. 14 u. 245), um nicht auch hier unsere Auf-
nerksamkeit auf sich zu ziehen. Die in einem friihen Lebensalter
nd vor der Pubertat sich einstellende Epilepsie fiihrt vorzugs-
reise Blodsinn lierbei, und ist ofters mit Lahmungen einzelner
rliedmassen complicirt. Die Anfalle sind, nach Maisonneuve,
inem genauen Beobachter aus Pinel’s Schule (1. c. p. 55), im
.nfange stets unvollstandig, treten spaterhin gewdhnlich ohne
orboten ein, und haben eine nur kurze Dauer. Die Convul-
onen sind weder stark noch allgemein, befallen hauptsachlich
as Gesicht und die oberen Extremitaten. Die Intervalle sind
iicht selten lang: zuweilen hort die Krankheit in der Kindheit
if, um im Mannesalter zuriickzukehren.
In den Nervenapparaten haben die Ursachen der Epilepsie
504
FEKFRRALK KRAEMPFK.
entweder in dem peripherischen oder in dom eentrnlen ihren Sit/.
Nnr wonisje Beobaehtungen existiren von Anliissen in eorobro-
spinalen Salmon, koine, so viol inir bekannt, \on dergleiehen in
SYinpathischen Nervon. Kine dor iiltesten ist von Short (1720)
mitgetheilt , von einem erbsengrossen Neurom in dor IS'ahe tl«»r
Wadonnmskeln , oino andoro von l)e Horn von zwoi Nouroinen
im N. phrenicus mit Atrophie dor Sohnorvonhiigol (Ratio nie-
dondi P. V. p. 127). Zwoi andoro von Neurom des Vagus mid
dos N. ornralis wordon von Henning citirt (Analecta litteraria
epilepsiam spoetantia. Fipsiae 1705 p. 53). Boispiole ortlichcr
AtVeetionon, bosondors in don Extremitaten, die naoli don Sym-
ptomen zu urthoilon, in don Nerven selbst ihren Sit/ zu haben
schienen, sind von Portal (Cours d’anatomie inddioale T. IV.
p. 247i, Maisonneuve [\. o. p. 007: Zerrung durch zwei Narben
am Fusse in Folge einor Aderlasswundei , l.arrey Clinique chi-
rurgicale T. I. p. 400: Yerletzung dos N. cutaneus interior bei
einor Operation am Ellenbogengelenk) u. A. besehriobon wor-
don. I nter den Symptomen, welehe die durch peripherische.
Nervonaffection be ding to Epilepsie karakterisiron , stobt die Aura
oben an, sowohl die sensible als motorisehe . welehe im Anlange
dor Krankheit alloiti lur sich bestoht, und nnr zuwoilen in auf-
steigendem Laufo Scbwindol und Bonommonhoit sich hinzugeselll.
Nach und nach bildon sich die vollstiindigen Anfallo <uis, in do-
ren Intorvallon jodooh die abortivon oft zum Yorschein kommon.
Daboi klagt dor Kranke hiiutig uber schmerzhafte Fmptindung
odor iiber Krampf an einor bestinunton Stollo, welehe durch aus-
sere Borulirung und Druck gesteigort wordon : zuweilen lasst
sich auch eino kleine Geschwulst oder abnorme Fiirbung auffin-
den. Die Anfalle selbst werdon durch Isolirunc des Ausgangs-
punktos dor Aura gehemmt.
Heftige Eindnieke auf die Sinnesnerven , besonders auf den
Opticus, haben in einzelnen Fallen Epilepsio zur Folge gchabt.
3lai$onneuve erzahlt davon zwei frappante Beispiele (1. c. p. 1 76V
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
595
i Ein funfjahriges Madchen fmdet Vergniigen darin an einem Som-
mertage mehrere Minuten lang in die Sonne zu selien, und be-
kommt darauf einen Anfall der Epilepsie, die nocli neun Jahre
nachher fortdauert. Die andere Kranke liatte einmal als neun-
jahriges Madchen mehrere Minuten ihre Augen starr auf die
'Sonne gerichtet, und darin einen grossen schwarzen Kopf zu
<sehen geglaubt, woriiber sie sich schr entsetzte. Am Abend er-
;?ahlt sie den Yorfall ihrer Mutter, und verfallt sofort in epilep-
tiische Zuckungen, die seitdem in ziemlich regelmassigen Inter-
rallen zuruckkehrten. Tissot erwahnt eines jungen Menschen,
ler so oft er etwas Rothes sah, einen epileptischen Anfall be-
Uam (Abhandl. iiber die Nerven und deren Krankheiten, deutsch
lerausgeg. von Ackermann. 3. Th. S. 283).
Die das Gehirn betreffenden Ursachen der Epilepsie sind nicht
;elten Yerletzungen und deren Folgen, so wie auch Krankheiten
; ler Schadelknochen mit dyscrasischer Grundlage, syphilitischer etc.,
.vovon sich Beispielc in den chirurgischen Annalen vorfinden.
Diese Epilepsie kommt bei dem mannlichen Gescldechte haufiger
i or als bei dem weiblichen, und nimmt mit dem Alter zu: die
Wnfalle werden, wenn Knochenkrankheiten die Veranlassung sind,
lurch ausseren Druck auf den Schadel leicht herbeigefiihrt. In
len Intervallen klagt der Kranke iiber abnorme, schmerzhafte
Lmpfmdungen im Kopfe, und erfreuet sich iiberhaupt nicht eines
olchen Wohlscins wie andere Epileptische. Es gesellen sich im
^aufe der Krankheit apoplectische Zustiinde, Eahmungen liinzu.
/on physiologischem Interesse ist die excentrische Aura, welche
lie der kranken Ilemisphare entgegengesetzte Seite, mehrentheils
lie obere Extremitiit, zum Sitze nimmt. Odier theilt den Fall
•ines Soldaten mit, der nach einem Sabelhiebe auf die linke Seite
1 es Kopfes haufig an krampfhaften Zusammenziehungen des klei-
en Fingers der rechten Hand litt, welche sich spaterhin nach
I em Vorderarm, Schulter, Hals ausdehnten, und jedesmal mit
inem epileptischen Anfalle schlossen. Nach dem erfolglosen Ge-
HomLerg1! Ncrrcnkrankb. T. 2, oq
596
CEREBRALE KRAEMPFE.
brauche vieler Mitlel rieth Odier den Arm beim Eintritle des
Krampfes an zwei Stellen mit einem Stricke fest zu schniiren,
zwischen Ellenbogen und Handgelenk, und zwischen Schuller und
Ellenbogen, wodurch drei Jahrc lang die epileptischen Paroxysmen
verhiitet wurden. Einmal vergass es der Kranke in einem Rausche,
und starb im Anfalle. Bei der Section fand sich im linken Schei-
telbeine die Spur des Sabelhiebes und eine Hervortreibung der
inneren Knochenlamelle von carioser Beschaffenheit. Unter der
harten Hirnhaut hatte an dieser Stelle eine Blutgeschwulst ihren
Sitz, von weicher Consistenz und der Grosse eines Apfels, welche
cine Menge heller wiisseriger Fliissigkeit enthielt ( Odier medecine
pratique p. 181).
Weit haufiger als Verletzungen sind psychische Affecte die
Anlasse der Epilepsie; unter 44 Fallen, deren Ursachen von Ca-
zauvieilh (I. c. p. 76) sorgfaltig ermittelt wurden, kommen 31 in
diese Categorie. Yor alien ist es der Schreck, der keine andere
Krankheit so haufig wie die Epilepsie hervorbringt, und aucli
ofters durch den Anblick eines epileptischen Anfalls erregt wird,
zuniichst Furcht, in lilteren Zeiten, als noch Gespenstergeschich-
ten zur Tagesordnung in den Kinderstuben gehorten, haufiger als
jetzt, Zorn. Das weibliche Geschlecht ist vorzugsweise ausgesetzt,
und wird um so sicherer befallen, wenn der Affect wiihrend der
Catamenien einwirkt: die Beispiele sind auch nicht selten, wo
durch Attentat der Nothzucht die Epilepsie sofort ausbrach. Das
mittlere Lebensalter bleibt moistens verschont. Affecte, die den
ersten Anfall erregt liaben, fuhren ihn auch in der Folge leicht
lierbei, und wo Delirium sich hinzugesellt, pflegt es auf den- Ge-
genstand des ersten Schreckens sich zu beziehen. So berichtet
Maisonneuve (1. c. p. 151) von einer Frau, die noch 36 Jalire
nach dem ersten Anfalle im Stad. maniacum den Mann vor sich
zu selien wiihnte, weicher ihr damals wiihrend der Menses mit
einem Grabscheit einen Hieb iiber den Biicken versetzt hatte.
Als psychischer Eindruck wirkt auch die Simulation der Epilep-
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
597
sie, wodurch zuwcilen der Uebergang in die wirkliche erfolgt
sein soli.
Nachst den Nervenapparaten kommt das Blut- und Gefass-
svstem als atiologischer Heerd in Betracht. Die Zeit ist nocli
nicht lange voriiber, als Congestionen nach dem Gehirne fast ex-
clusiv als Ursachen der Nervenkrankheiten iiberhaupt, und auch
der Epilepsie angenommen wurden. Heutigen Tages bedarf es
zu einer solchen Behauptung kritischer Argumente, und so muss
es auffallen, dass von einem Krankheitszustande, wo vor alien an-
dern ein verstarkter Andrang des Blutes nach dem Gehirne statt—
findet und Hiimorrhagieen hervorruft, von der Hypertrophie der
linken Herzkammer, Epilepsie fast niemals, wohl aber Schwindel,
Apoplexie, Lahmung die haufigen Folgen sind. Einflussreich ist
unstreitig Plethora, in Folge unterdrtickter Blutfllisse, besonders
Catamenien, Epistaxis, seltener Haemorrhois , und die durch up—
pige Lebensweise erworbene Vollbliitigkeit. Die Anfalle dieser
Epilepsie haben eine apoplectische Beimischung, schwache Con-
vulsionen, hinterlassen einen soporosen Zustand, Stunden, selbst
Tage lang, so wie auch unvollstandige Lahmungen einzelner Theile,
besonders der Zunge. Ilaufiger jedoch tragt der entgegengesetzte
Zustand, Aniimie, die Schuld, besonders beim weiblichen Ge-
schlechte, sei es durch urspriingliche Crasis des Blutes, oder in
Folge von unzureichender Nahrung und Safteverlust. Mciison-
neuve erzahlt einen Fall von achtzehn Matrosen, die nachdem sie
sich vor dem Feinde durch Schwimmen auf einen Felsen geret-
tet hatten, sieben Tage in Ilungersnoth und strenger Ivaltc zu-
brachten. Alle wurden, nachdem sie in ein Hospital aufgenom-
men worden, vier Wochen darauf von epileptischen Anfallen
heimgesucht, vor und nach welchen sehr heftige Schmerzen im
rechtcn Hypochondrium sich einstelltcn. Nach zehn Monaten
waren sechs von ihnen gestorben, nach achtzehn Monaten noch
acht, so dass nur vier am Leben blicben (1. c. p. 229).
Enter den Sciftevcrlusten sind die mit Ueberreizung verbun-
39 *
598
CEREBEALE KEAEMPFE.
denen am fruchtbarsten fur Epilepsie, onanistische und geschlecht-
liclie Ausschweifungen : es giebt Individuen, zumal mannlicheu
Geschlechts, welche nach jedem Coilus in epileptische Zuckungen
verfallen. Vergiftungen des Blutes veranlassen die Epilepsie weit
seRener als die Eclampsie, mit Ausnahmc der B lei intoxication,
deren Einfluss auf Erzeugung und Modificirung der Epilepsie bier
noch besonders hervorgehoben werden muss. Unter den alteren
Autoren hatte bereits Stoll darauf aufmerksam gemacht, unter
den Neueren Laennec und Andral , am vollstiindigsten Tanquerel
des Planches in seinem trefflichen Werke: Traite des maladies
de plomb ou saturnines. Paris 1839. T. II. p. 298 etc. (nach 37
eigenen Beobachtungen).
Die Epilepsia saturnina hat einen acuten Verlauf, von ein
Paar Tagen bis vier Wochen, und ist stets mit psychischen Sto-
rungen verbunden, Delirien und soporosem Zustande, mit wel-
chen sie abwechselt und mannichfaltige Combinationen eingeht,
jedoch ohne die den anderen Epilepsieen eigene Ordnung und
Regelmassigkeit. Die Anfalle selbst, denen keine Aura voran-
geht, wiederholen sich in kurzeren oder liingeren Interyallen von
einigen Minuten bis zu sechs Tagen, zu 1 — 30 mal in 24 Stun-
den. Die Convulsionen befallen beide Seiten, und sind von gros-
serer HeRigkeit und langerer Dauer als bei der gewohnlichen
Epilepsie. Auch kehrt das Bewusstsein niemals so schnell zu-
riick: einen oder mehrere Tage bleibt Irrereden, Betaubung oder
eine grosse Gleichgultigkeit und Passivitat zuruck. Da diese Epi-
lepsie meistens Individuen befallt, die lange Zeit mit dem Blei
in Contact waren, so finden sich auch liiervon die Merkmale vor:
gelbe, erdfahlene Farbe der Haut, braunliche der Ziiline und
schiefergraue des Zahnfleisches , Abmagerung, die selir schnell
eintritt, Verlust der geschlechtlichen Energie. Zuweilen gelit
Colica saturnina voran, oder entwickelt sich gleichzeitig, seiten
erscheint sie nachhcr: dasselbc gilt von den neuralgischen Schrner-
zen in den Extremitiiten (Arthralgia saturnina). Aeusserst seiten
EPILEPTISCHE ZUSTAEJNDE.
599
zeigt sich Bleilahmung, selten Amaurose. Der todtliche Ausgang
erfolgt im Yerhaltnisse von 1:4, nach Tanquerel des Planches:
nach alteren Beobachtern wie 3£:1, asphyctisch oder apoplectisch,
ofters auch plotzlich, nachdem die Anfalle sich so haufig wieder-
holt haben, dass fast kein Intervall mehr zu unterscheiden ist,
und tiefer Sopor sich hinzugesellt hat. Bei der Leichenoffnung
findet man die der Bleivergiftung iiberhaupt eigenthiimliche gelb-
lich-graue, schmutzige Farbe der Hirnsubstanz (1. c. p. 356), und
inicht selten die in neuerer Zeit mit dem Namen Hypertrophie
des Gehirns bezeichnete Veranderung: Abflachung und Zusam-
imendrangung der Windungen mit fast obliterirten Furchen, Ver-
engerung der Ventrikel, Trockenheit der Membranen und Sub-
stanz, bleicbes Colorit, dichte, feste Consistenz, Zunahme des Vo-
llumen. Von Wichtigkeit ist auch der in zwei Fallen coffstatirte
ichemische Befund von Bleisulphat in der Hirnsubstanz (1. c. p. 362).
iDie Riickkehr zur Gesundheit erfolgt allmahlich, indem der Kranke
noch zum Schlummern geneigt ist, und einige Tage das Ansehen
eines Menschen hat, der so eben aus dem Schlafe aiufgewacht ist.
Einen wichtigen atiologischen Antheil nimmt das Uterinsystem,
oft in Verbindung mit dem Einflusse der Anamie. Die Menses
sind unentwickelt, unregelmiissig, unterdriickt, oder zu haufig,
selten profus: die Briiste schwellen und verharten sich periodisch;
Fluor albus ist vorhanden: scbmerzhafte Empfindungen in der
hypogastrischen Gegend sind andauernd, oder stellen sich von
Zeit zu Zeit ein: hysterische Anfalle gehen lange Zeit vorher,
wechseln spater mit epileptischen ab; diese selbst haben einige
hysterische Ziige, Globus als Aura, Athemkrampfe, drohende Suf-
focation, Singultus, Tympanites, Blutbrechen, und halten sich gern
an den Menstrualtypus ; die krampfhaften Zufalle nach den Pa-
roxysmen sind haufiger als bei andern Epilepsieen; der ecstati-
sche Zustand macht sich hier besonders geltend, und das Irresein
hat, wo es sich einfindet, einen nymphomanischen Ausdruck (vgl.
Sinogowilz uber Krampfformen eigenthumlicher Art und deren
000
CEREBRALE KRAEMPFE.
Yerhaltniss zu Sexualstbrungcn bei weiblichcn Individuen in Rust
Magaz. fur die ges. Heilk. Bd. XXIII. S. 11)5).
Das gastrische System kommt als iitiologische Quelle derEpilepsie
zuniichst in Betracht. Reizungen des Darmkanals und seines Drii-
senapparats geben Anlass, die ersteren mehr im kindlichen Alter, die
letzteren bei Erwachsenen : Helminthiasis, besonders Lumbr., seltner
Taenia und Oxyur. vcrmic., Catarrh, ventric. und intest., entz'und-
liche Affectionen der Leber ( Prichard 1. c. p. 251 und p. 323).
Die Anfalle melden sich nicht selten mit Vorboten, die von den
Bauchnerven ausgehen; Schmerz, Spannung, Empfindung von Kiille
in der Nabelgegend, in den Ilypochondrien , aufsteigende llitze
von der Herzgrube aus, Uebelkeit, Vomiturition, zuweilen aucli
ziehende Schmerzen in der Schulter und im entsprechenden Arme.
In den- Intervallen geben sich die Merkmale der Darm- oder Le-
beraflection kund, Verstopfung abwechselnd mit Diarrhoe, ab-
norme Beschaffenheit der Ausleerungen , Anorexic, Heisshunger,
Gelbsucht mit den Anfallen kommend und schwindend, aufgetrie-
bener Leib mit palpabeln Veranderungen,( Abdominalteint, veriin-
dertem Zungenbeleg etc. Auf die iitiologische Beziehung der Nie-
ren zur Epilepsie war man bis auf die neueste Zeit bei der Un-
tersuchung solcher Kranken weniger bedacht, obschon die Bc-
obachtungen vom Ausbruche der Epilepsie nach Verschwinden
hydropischer Zustiinde darauf hindeuten, und der Einlluss der
Blutdyscrasie in der Brightschen Krankheit ein nicht zu iibersehen-
des Moment ist. Unter alien organischen Apparaten stehen der
' respiratorische und circulatorische am seltensten in einem ursacli-
lichen Zusammenhange mit der Epilepsie.
Metastatische Vorgange sind als Ursachcn der Epilepsie hiiu-
figer vorausgesetzt als mit Ivritik nachgewiesen worden, wie es
zu der Zeit gcschah, als das Thcma dcr Kriitzmetastase ein be-
liebtcs war. Doch gicbt cs unleugbar Fiille, wo der Ausbruch
der Krankheit nach Wegnahme alter Geschwiilste an der Ober-
ilachc, nach dem Zuhcilen chronischer Gcschwure, naturlicher und
EPILEPTISCHE ZUSTAE1SDE.
601
kiinstlicher, nach Verschwinden impetigindser und gichtischer Af-
| fectionen beobachtet wird.
Zum Schlusse noch das unerfreuliche Gestiindniss, dass trotz
gewissenhafter Erforschung die Ursachen der gewaltigen Krank-
heit oftmals ganzlich unermittelt bleiben.
Diagnostisches und Nosologisches. — Nachst dem
Wahnsinne wird die Epdepsie am haufigstcn simulirt, von Re-
I cruten, Delinquenten, Bettlern etc. ofters mit tauschender Aehn-
lichkeit. Zur Entdeckung des Betruges bat man sich bisher nur
bem'uht Kriterien aus dem Anfalle selbst zu entnehmen. Ich
| kenne kein sichreres als die Unempfindlichkeit der Pupille beim
Einfallen des Sonnen- oder Kerzenlichts, welclie von keinem nach-
I gealimt werden kann. Die Anasthesie liisst zwar auch im All—
, gemeinen das Original erkennen, allein es giebt Beispiele von
! Betrugern, die sich selbst mit. dem Gluheisen brennen liessen,
ohne Schmerz zu verrathen: so zeigte eine Morderin, welche die
epileptischen Anfalle auf’s 'Tauschendste nachahmte, Van Swieten
und De Hacn drei solcher Brandnarben an der Hand (De Haen
ratio medendi. P. V. p. 135). Nur verwechsle man nicht die
auch im Anfalle fortbestehende Reflexsensibilitat mit der pausi-
renden cerebralen, und lasse sich nicht verleiten den Eindruck des
angespritzten Wassers, der an’s Augenlid gebrachten Fcder etc.
iiir einen bewussten zu halten. Der Epileptische sucht auch die
Stelle nicht aus, wo er beim Eintritt des Paroxysmus hinfallt,
ausgenommen bei einer vorangehenden Aura; der Simulirende
hingegen nimmt seine Massrcgeln: es ist bekannt, wie einst in
Paris der Bctrug dadurch entdeckt wurde, dass man das Stroll,
auf welches der Betriiger fiel, anziindete, und derselbe sofort die
Flucht ergrilf. Ilat man einem Epileptischen die eingescldagenen
Daumen mit Gewalt geofl'net, so bleiben sie olfen bis zu Ende
des Anfalls, oder schliessen sich nur wieder bei dem Eintritte
neuer Convulsiorien: bei einem Pseudoepileptischcn lassen sie sich
leichter offnen, und er schliigt sie sofort wieder ein, weil er die-
602
CEREBRALE KRAEMPFE.
ses fur cinen wesentlichen Zug der Krankheit halt {Marc in dem
Art. Epilepsie simulee im Dictionn. des scienc. medicales, T. XII.
p. 542). Selbst an einer Aura lassen es die Simulirenden nicht
fehlen, doch verrathen sie ihre Unkenntniss durch den vorgeschiitz-
ten Lauf derselben: Sauvages erzahlt, puella septennis epilepsiam
simulabat tam apposite, ut nemo in nosocomio generali dolum
suspicaretur. Interrogata num sentiret auram ex manu ad hu-
merum, inde ad dorsum et femur, ea annuit: praescripsi usum
verberum, quo audito sanata est (Nosolog. method, edit. Daniel.
T. III. p. 116). Nicht minder wichtig sind die aus dem Inter-
val! entnommenen Kriterien. Die Epileptischen sprechen nicht
gern von ihrer Krankheit, schamen sich ihrer: die Betruger prah-
len damit. Der Yerfall geistiger Energie, die Abnahme des Ge-
dachtnisses wird nicht simulirt, und schon im iiusseren Habitus
vermisst der Kenner diejenigen Zuge, deren oben Erwahnung
geschehen ist.
Die Unterschiede epileptischer Anfalle von hysterischen Con-
vulsionen sind bereits S 465. hervorgehoben worden.
In nosologischer Beziehung ist der schon seit alten Zeiten be-
stehenden Eintheilung in idiopathische und sympathische Epilepsie
(wofur die treffendere physiologische Nomenclatur: centrale und
centripetale gewahlt werden kann) der grosste Werth zuzuerken-
nen. Alle andere Eintheilungen fassen nur Complicationen oder
zufallige Yerhiiltnisse auf, und mehr oder weniger trifft sie der
kritische Bann, den schon der alte Grieche in einer der herrlich-
sten Urkunden unserer Wissenschaft, in der Einleitung des Bu-
ches de morbo sacro, auf Diejenigen gescldeudert hat, welche die
Epilepsie nach dem Geschrei der Kranken und anderen Uner-
heblichkeiten theologisch classificirt hatten: „Siquidem namque
capram imitentur et balatum edant, dextramque in partem con-
vellantur, deorum matrem in causa esse asserunt. Si vero acu-
tiorem et vehementiorem vocem edat aeger, equo simile esse di-
cunt et ad Neptunum causam referunt. Quod si stercoris aliquid
EPILEFTISCHE ZUSTAENDE.
603
mittat, quod nonnullis morbo pressis contingit* Enodiae Hecates
ppellatio adhibetur. Sin autem tenuius et crebrius dejiciat, velut
ves, Apollo Nomius. Si vero spumam ex ore demittat et pedi-
us calcitret, Mars auctor est. Pavores vero qui noctu adsunt,
mores, deliria et terriculamenta, cum aegri e cubili exiliunt et
lgiunt, Hecates insidias et heroum invasiones esse affirmant, ex-
iationibusque et incantationibus utuntur, ac meo quidem judicio,
^eleratissimum et maxime impium divinum numen faciunt“ (Hip-
ocratis opera omnia edit. Kulin. T. I. p. 592).
Die prognpstische Wiirdigung richtet sich zuvorderst nach
■ em Alter der Epilepsie: mit jedem Jahre wachst der Wider-
l:and gegen Genesung, daher die seit dem ersten Lebensjahre
estehende unheilbar ist, und sie ist es auch, die am haufigsten
liilodsinn berbeifiilirt , und die Lebensdauer abkiirzt. Das Alter
er lvranken kommt als prognostisches Motiv weniger in Betracht,
ibschon die im mittleren Lebensalter ausbrechende Epilepsie un-
uinstiger ist, als zur Zeit der Pubertat und in den Kinderjahren.
nter den Ursachen sind Erblichkeit, Schreck, Hirnverletzungen
i*ie schlimmsten: bessere xAussicht gewiihren die excentrischen
nlas^e, zumal die uterinen und die gastrischen, und peripherische
lervenafFectionen. Combination mit Irresein und Blodsinn be-
iilngt Unheilbarkeit.
Der todtliche Ausgang wird seltener im Anfalle selbst als
lurch Vermittelung anderer Krankheiten herbeigefuhrt. Dort er-
dgt er meistens asphyctisch, oder durch Gefassruptur, besonders
n Gehirne, zuweilen aucb in den Lungen und in Aneurysmen.
nter den anderen krankhaften Zustiinden sind es tuberculose Lun-
en- und Darmschwindsucht, die am haufigsten das Leben Epi-
ptischer beschliessen. Von 62 Epileptischen sail Greding iiber
He Halfte auf diese Weise sterben, an ersterer 19, an letzterer
5 (1. c. S. 285).
Die Genesung kommt spontan oder mit Hiilfe des technischen
erfahrens zu Stande. Nach dem Ausbruche von Geschwuren,
604
CEREBRALE KRAEMPFE.
Hautaffectionen, Blulfliissen, Catamenicn, nach Intermittens, Dy-
senteric, Arthritis, unci was von besonderem Interesse erseheint,
nach dem Eintritte von Amaurose (. Esquirol 1. c. p. 282) ist Na-
turheilung der Epilepsie beobachtet worden. Ein vicarirendes
Verhaltniss mit anderen Krankheiten kommt bei der Epilepsie
seltener vor als bei der Manie. Pausen zeigen sich zuweilen im
Verlaufe acuter Krankheiten, wahrend der Schwangersehaft und
des Wochenbettes.
Die Behandlung hat den Anfall und die Krankhcit zur Auf-
gabe. In jenem schiitze sie vor Yerletzungen. Der Fussboden
des Zimmers sei mit einer dicken Decke belegt, die Bettstellen
miissen niedrig sein, um das Herausfallen in den nachtlichen Pa-
roxysmen minder schadlich zu machen. Zur Verhiitung derZungen-
bisse reicht der zwischen die Zlihne geschobene holzerne Keil nicht
immer aus. Alle feste Binden am Korper miissen geloset werden.
Der Anfall selbst tobe aus : man banne die Idee ihn zu beschranken
oder zu unterbrechen, denn die Euphorie des Epileptischen basirt
auf Entladungen durch Paroxysmen; je vollstiindiger diese, zumal
nach langeren Intervallen, um so grosser das Gefiihl des Wohl-
seins nach denselben. Wenn wir den Laien tadeln, der in den
eingeschlagenen Daumen das W esen der Krankheit, und im Auf-
brechen der geschlossenen Finger Heil sucht, so miissen wir uns
vor ahnlichen Missgriffen bewahren, und alle unniitze Manover,
wohin auch die magnetischen Manipulationen gehoren, vermeiden.
Und nicht bloss die Convulsionen, auch den Schlaf nach dem An-
falle lasse man gewahren: doch unterscheide man den apoplec-
tischen Sopor, der, wenn auch selten, doch eintreten kann.
Die Radicalcur stiitzt sich zunachst auf die Causalindication.
Am schwersten liisst sich ihr in BetrefF der Anlagen, zumal der
erblichen geniigen , wo der Erfolg nur auf Prophylaxis beschrankt
bleibt. In Familien, wo die Epilepsie pathologisches Fideicom-
miss ist, werde die Verheiratlning der Mitglieder unter einander
verhiitet; und das Veterinarprincip, Kreuzung mit Vollblutrace
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
605
ingefuhrt. Die Pflcge der in einer solchen Ehe erzeugten Kin-
i ier sei Gegenstand grosser Sorgfalt. 1st die Mutter von der
\vrankheit heimgesucht , so muss sie das Selbstnahren meiden, und
las Rind werde einer kraftigen Amme anvertraut. Im jugendli-
lien Alter iniissen geistige Anstrengungen unterbleiben: auf diese
WVeise hat man es daliin gebracht, dass Epilcptische Regenten
ge worden sind.
In peripherischen Nervenbahnen haftende Bedingungen der
l ipilepsie sind zuweilen durch chirurgisches Verfahren mit Erfolg
oeseitigt worden: so Neurome durch Excision (Short, Carr on ,
II faisonneuve I. c. p. 206.), Adhiision von Nervenfdamenten, zer-
•ende Narben durch Cauterisation ( Larrey I. c. p. 489.), wobei
nan den Rath gegeben hat, die Stelle noch liingere Zeit in Ei-
erung zu erhalten. Unter diesen Umstanden darf man auch von
UJnterbrechung der sich meldenden Aura durch Ligatur, Compres-
sion, Friction, Strecken der Glieder etc. einigen Erfolg erwar-
l en, den man sich bei excentrischer Aura nicht zu versprechen
iat , indem das Yerhindern des Ausbruches, zumal bei nur sel-
t .ener Wiederkehr der Anfalle, schadliche Folgen baben kann,
i ind uberhaupt die Euphorie des Epileptischen dadurch gestort
wird. Auf Krankheiten der Schadelknochen, mogen sie von Ver-
etzungen oder Dyscrasieen die Folge sein, ist bei Behandlung
'Jer Epilcpsie stets das Augenmerk zu richten: eine sorgfaltige
lExploration des Kopfes, welche so oft unterlassen wird, ist
'[lurchaus nothwendig (vgl. S. 178.). In solchen Fallen feiert
• die Chirurgie zuweilen einen Triumph: Travers erzahlt von einem
^epileptischen Ivnaben im Londoner St. Thomashospital, wclcher
m einer Stelle des Schadels eine Vertiefung hatte, deren Druck
• empfindlich war. Ilier wurde die Trephine angesetzt, und das
i concave Stiick herausgenommen. Als es in die Hohe gchoben
wurde, trat ein heftiger epileptischer Anfall ein, allein es war
der letzte. An dcr innercn Lamcllc ragte ein Knochcnsplitter
Fervor, von dcr Liinge eines Zolles, welchcr die Dura mater
GOG
CEREBRALE KRAEMPFE.
comprimirte. (B. Travers a further inquiry concerning constitu-
tional irritation and the pathology of the nervous system, p. 285.).
Auch von Kreuzschnitten in die Kopfdccken und von liingerer
Unterhaltung einer grossen Fontanelle. sind Erfolge beobachtet
worden. Bei syphilitischen Tophen wird die ortliche Behandlung
durch Vesicatore in Verbindung mit einer Mercurialcur dringend
von Larrey empfohlen.
Ueber das Heilverfahren der durch krankhafte Zustiinde anderer
Apparate bedingten Epilepsie sollen hier nur einige wenige Bemer-
kungen ihre Stelle finden, um die lastige Wiederholung bekannter
Dinge zu vermeiden. Strenge Antiphlogose fuhrt selten zum Ziele,
und die jahe unmassige Anwendung der Aderlasse hat sich selbst
in frischen Fallen, bei plethorischer Basis, keines dauernden Er-
folges zu erfreuen: den Lancettenhelden ist Belehrung durch
Marshall Hall's treffliche Untersuchungen zu wiinschen. Im All-
gemeinen wird derjenige ein glucklicherer Arzt in der Epilepsie
sein, welcher den anamischen Verhaltnissen seine voile Aufmerk-
samkeit zuwendet, und wird sich hiervon bei der grossen Zahl
weiblicher Kranken mit gestdrten Uterinfunctionen iiberzeugen.
Unter den gastrischen Zustanden der Epilepsie ist besonders ei-
ner, der therapeutische Ber’ucksichtigung verdient, hartnackige
Obstruction , die so oft zum Missbrauch purgirender und drasti-
scher Mittel fuhrt. Kalten Wasserclystiren ist hier der Yorzug
zu geben, und wo sie nicht genug fordern, Injectionen von lauem
oder kaltem Wasser in den Mastdarm, zum Betrag von ein bis
zwei Quart, welche gleichsam als inneres Bad in der Cur schwe-
rer und hartniickiger Nervenkrankheiten noch nicht so gewiirdigt
worden sind, wie sie es verdienen.
Am leichtesten lasst sich die Causalindication bei der Epilepsia
saturnina erfullen. Durch Yermeidung des scluidlichen Gewerbes
wird ihr Eintritt und ihre Riickkehr am sichersten verhiitet. Zur
erfolgreichcn Behandlung wird von Rayer und Tanquerel des
Planches (1. c. p. 3G7.) ein mehr exspectatives Verfahren empfoh-
EPILEPTISCHE ZUSTAENDE.
607
:n, da alle hcftigen Mittel iiur den todtlichen Ausgang beschleu-
j igen. Der Gebrauch von purgirenden Clystiren, von fliegenden
1 1 resicatoren an den unteren Extremitaten , von Schropfkopfen,
i nterstiitzt durch eine passcnde Diat ist der Anwendung kalter
| degiessungen, des Opium, des Crotonols etc. vorzuziehen.
Die zweite Indication der Radicalcur ist: das Nervensein des
. Epileptischen auf die dem Individuum entsprechende Norm zuriick-
ufuhren. Diese Aufgabe zu losen bemuhe man sich in den Fal-
!<en, wo keine Ursache zu ermitteln ist, so wie aucli in jenen,
\wo nach Ceseitigung der aufgefundenen Ursache die Krankheit
iliennoch fortdauert. Ilier leite vorzugsweise die Stimmung der
lErregbarkeit. Bei vorwaltendem Erethismus, zumal beim weibli-
blien Geschlechte und im kindlichen Alter ist die Milchcur und
v'egetabilische Diat zu empfehlen. Clieyne erzablt (an essay on
the gout, London 1724. p. 103.) den Fall eines beriihmten Arz-
ttes , der selbst seit langerer Zeit an der Epilepsie gelitten
mnd sehr viele Mittel oline Erfolg gebraucht hatte. Da er
Ibemerkte, dass die Anfalle um so seltener eintraten, je we-
iniger und leichter verdauliche Nahrungsmittel er zu sicli nahm,
.‘so schriinkte er sicli auf zwei Quart Kuhmilch taglich ein,
\wovon er ein Viertel des Morgens, ein Viertel des Abends
i und die Hiilfte Mittags trank, oline noch etwas anderes als
frisches Wasser zu geniessen. Yierzehn Jahre lang hielt er
diese Diat und wurde von der Epilepsie vollkommen hergestellt,
— ein seltenes Beispiel von Abstinenz bei Kunstgenossen. Bei
uberwiegendem Erethismus ist aucli die Traubencur zu versuchen.
Ist hingegen der Kranke torpide, so ruttle man ihn durch Er-
schiitterungen auf, welclie ayf die Centralorgane und auf die pe-
rijiherischen Ausbreitungen einwirken. Hier sine! vor Allem
kalte Biider an ihrer Stelle, besonders als Immersionen, als Plon-
girbad, als Sturzbad etc. Hatten wir es in unserer Gewalt, den
Einfluss starker GemiithsalTecte, des Scbreckens zumal, nach un-
serer Willkiihr zu beschriinken, so wurden wir in der Behand-
a o ui berg’s Xerrenkrankh. I. 2.
40
G08
CEREBRALE KRAEMPFE.
lung soldier Epilcpsieen gliicklicher sein. Aeltere Autoren schlu-
o-en zu (liesem Zwecke vor, die Kranken Hinrichtungen von Ver-
o
brechern beiwohnen, das nodi warme Blut derselben trinken zu
lassen etc. Eine kral'tige Ableitung werde in der Niihe des Ko-
pies, am Hinterhaupt, in der Gegcnd der ersten Ilalswirbel an-
gebracht, am passendsten mittelst eines Haarseils, und Jahre lang
erhalten.
In Betreff der Medicamente tliut Kritik und Beharrlichkeit
Noth: ihre Zahl lullte schon vor fiinf und vierzig Jabren in Hen-
ning’s Analecta litteraria epilepsiam spectantia, Lipsiae 1798 einen
Raum von 150 Quartseiten, welcher seit jener Zeit noch um ein
Betrachtliches vergrossert worden ist. In diescm Ilaufen findet
der crfahrene Praktiker kaum ein Paar, denen er sein Yertrauen
zuwenden kann: unter den Vegetabilien die Radix Valerianae of-
licinalis, deren schon Aretaeus und Dioscorides Erwahnung ge-
tlian haben. Es gereicht zu ihrer Empfehlung, dass derjenige,
der sic wieder eingefuhrt hat, durch ihren Gebrauch von der
Epilepsie geheilt worden ist, der Neapolitaner Fabius Columna
(Phytobasanos. Neapoli 1592.). Das frisch bereitete Pulver einer
an hohen Orten wachsenden Baldrianwurzel eignet sich am be-
sten, zu ^ — 3 Drachmen, zwei bis drei Mai taglich. Haller scblug
eine auf den Schweizer Alpen heimische Pllanzc, die Spica cel-
tica, vor, die einen noch penetranteren Geruch hat und sich zu
Versuchen eignet. (Opusc. patholog. edit. Lausann. 1768. p. 195).
Enter den Metallen ist vorzugsweise das Argentum nitricum zu
nennen, fur dessen AVirksamkeit ich eine grosse Autoritat anfuh-
ren kann, unsercn verewigten Heim , der es, wie er micli einst
versichcrt hat, als das bewiilirteste Mittcl in seiner sechzigjahri-
gen Laufbahn anerkannt hat. Die erneuertc Anwendung des
Hollensteins gegen Epilepsie (derm schon im Anfang des sieb-
zehntcn Jahrhunderts war er von Angelas Sala empfohlen wor-
den) riihrt von brittischen Aerzten bcr, Wilson, Harrison, Rogci ,
vvelche von grdsseren Dosen als in Deutschland ublich sind, 1 — 2
EP1LEPTISCHE ZUSTAENDE.
609
3—6 Gran in Pillenform, dreimal taglich, den giinstigen Erfolg
leobachteten. (John Cooke history and method of cure of the va-
l -lous species of epilepsy. London 1823. p. 142 — 152.). Powell hind,
lass derMagen eine dreifach grossere Dosis des salpetersauren Silbers
n fester Form als in Solution vertragt (Med. transact. Vol. IV. p. 85.)
lRathsam ist cs, mit kleinen Gahen von einem viertel Gran zu be-
.jinnen, allmahlich zu steigen und mit Ausdauer fortbrauchen zu las-
ssen. Die blaugraue Pigmentbildung, auf welche der verstorbene
Albers in Bremen und Roget zuerst alifmerksam gemacht habcn,
Med. and chirurg. transactions. Vol.. VII. p. 290.) steht in kei-
iaer Beziehung zur Epilepsie. — Von geringerer Wirksamkeit
sind Cuprum ammoniatum und Zink: doch ist in neuester Zeit
ler Zinkvitriol in steigender Dosis bis zu einem Scrupel und hal-
iben Dracbme, drei Mai taglich, von Bright und Babington (Ob-
servations on epilepsy in Guy’s hospital reports. Vol. VI. p. 47.)
ails erfolgreich empfohlen worden.
Olme diatetisches Regimen, psychisches und korperliches, miss-
! 'ingen die Heilversuche. Von welchem wichtigen Einllusse das
I psychische ist, lehrt schon der Umstand, dass selbst bei verjahr-
f ter Epilepsie die durch Veranderung des Arztes und der Curme-
tliode geweckte Hoffnung die Intervalle der Anfalle verliingern
oder selbst eine Pause hervorbringen kann. (Toujours une nou-
'velle medication suspendait les acces pendant quinze jours chez
les uns, pendant un mois, deux mois chez d’autres, et meme
ipendant trois mois. Esquirol 1. c. p. 319.).
Druck von Julius Sittenfeld, Berlin.
4
■'] . ' . . . . . , .
/
Lehrbuch
der
Nervenkraiiklieiten ties Menschen.
Von
Moritz Heinrich Romberg,
Doctor der Medici », Ritter des rotben Adlerordens dritter Klasse mit der Schleife, ordentliche
• *
offentlicbem Professor der Heilkunde und Director des Koniglvchen Poliklinischen
Iostituts der Friedricb-Wilhelms-Universitat zu Berlin.
Cti ten VJhaudeJ dutte €Ujt¥\etVu,iity.
Berlin ,
Verlag von Alexander Duncker,
Konigl, Bfofbuchhandler.
1846.
—
.
.
'
'
Der Lehre
. der
MotllMt - IV euroyen
zweite Abtheilung.
Zweitc Abtheilung.
Acineseso
Laliimingcn.
Schwiiche ocler Aufhoren dcr Muskelcontraction durch Ab-
ahme oder Verlust der Leitungsfahigkeit und Erregung des molo-
nschen Nerven ist der BegrifF der Lahmung.
Hierdurch unterscheidet sich die Lahmung, Paralysis, von
‘der andern Immobilitiit des Muskels, womit sie oft verwechselt
,ird. Ohne auf die Unbeweglichkeit einzugehen, welche durch
>esorganisation des Muskcl- und fibrosen Gewebes in Folge
ndrer pathischer Processe bedingt wird, halle ich es fur noth-
'cndig, jene Arten von Immobilitiit hervorzuhebcn , welche durch
cn Mangel der normalen Reize der Muskelfaser entstehen.
Von dcm arteriellen Blute als Reiz der Contractililiit, dicscr
mmanenten Kraft der Muskelfaser, war schon an eincr friiheren
I telle (S. 278} die Rede, und darauf aufmerksam gemacht, dass
3r Nervcnreiz als der miichtigere sich selbst dann nocli geltend
lacht, wcnn der Blutreiz aufgehort hat. Experimente an leben-
3u Thieren und die asphyktische Cholera wurden als Belcge an-
3fuhrt. Allein cs hat dieses Verhaltniss nur cine kurze Zeit
att : wo die Zuleitung arteriellen Blutes liingcr gehemmt ist und
Horn berg’s Nervenkrankb. I. 3. 41
G12
AGNES ES.
(lurch kcinc Collatcralgcfasse ersetzt wird, folgt Vcrlust der Con-
tractilitat ehen so hestimmt, wie bei Unterbrechung der Leitung
im motorischen Nerven. Die in neuerer Zeit beschrichencn Fiilie
von Arteritis geben den Beweis, zu dencn ich folgenden aus eigner
Beobaehtung hinzufuge.
Ein neun und zwanzigjiihriger Kaufmann, seit kurzem Briiuti-
gam, welcber sich einer guten Gesnndheit zu erfreuen hatte, klagte,
nachdem ein Unwohlsein von einigen Tagen vorangegangen war,
in der Nacht vom 20. — 21. October 1844 plotzlich iiber ein
Gelulil von Brennen in den untern Extremitaten , welches aufwarts
nach dem Kopfe stieg, und sich hier in eine uherwaltigende Em-
pfindung von Zischen und Sausen verwandelte, so dass fast das
Bewusstsein schwand, doch vermochte er nocli nach Iliilfe zu
rufen. Der herbeigeholte Arzt fand ihn mit lividem aufgetriebenem
Gesichte und sprachlos ; die linke Seite war schwer beweglich , der
Kopf benomraen, der Puls langsam ; beim Aufrichten stellte sich Er-
brechen ein. (Aderlass, antiphlogistische Behandlung.) Am Abend
des folgenden Tages kehrte die Sprache zuriick: nur ein miissiger
Schmerz war noch im Kopfe vorhanden, welcher bei Bewegungen
zunahm. In den nachsten Tagen war der Puls besckleunigt , die
Haut heiss und trocken. Der Kranke klagte iiber Formication in
\
den Fingern und Schlaflosigkeit. Am ersten November bekam er
Frostschauer, darauf Hitzc und Schweiss, welche sich unregel-
miissig 1 — 2mal taglich, auch in der Nacht wiederholten. Die
BcschafFenheit des Urins war veranderlich , bald hell und blass,
bald saturirt und scdimentirend. Am vierten November fand sich
ein Gefuhl von Erstarrung im rechten Fusse ein, welches nach
ein Paar Stunden auf die Amvendung trockner Frictionen vor-
iiherging, allein am folgenden Tage zuruckkehrte , sich bis zur
Mittc des Unterschejikels erstreckte, mit Kiilte, Aniisthesie und
erschwerter, schmerzhafter Bewegung verbunden war. Dumpfp
Schmerzcn traten auch spontan in der Tiefe des Gliedes ein. Am
zwolften November stellten sich Warme und Sensibililiit allmahlig
ACINESES.
613
, vieder her, jedoch schleppte der Fuss beim Gehen nach. Das
Kieber dauerte fort bei gesunkenen Kraften. Der Kranke klagte
I etzt auch uber eine spannende Empfindung im linken Fusse und
liiefsitzenden dumpfen Schraerz, der beim Drucke auf die innere
plache des Oberschenkels iiber dem Knie zunahm und am vier-
I ehnten November sehr heftig wurde. Die Frostschauer waren
,eit einigen Tagen ausgebliebcn , dagegen steigerte sich das Fieber:
Her Schlaf fehlte fast ganz: Delirien stellten sich ein. Der Urin
:;ing oilers unwillkuhrlich ab, obgleich der Kranke des Dranges
tewusst war. In den nachsten Tagen gesellten sich starke Pal-
litationen des Herzens hinzu.
Am 28. November ward ich ziir Consultation gerufen. Der
inke Unterschenkcl und Fuss sind odematos, in erheblichem Grade,
0 dass der Fingerdruck auf dem Fussriicken Gruben hinterlasst,
und von blaulich rother Farbe. Eine betrachtliche dunkle Sugil-
iition nimmt die aussere Seite des Unterschenkels ein. Die Ilaut
I I er Fusssohle ist von blassgelber Farbe und nach den Zehen hin
in dicken Falten gekrauselt, wie in der asiatischen Cholera. Die
remperatur ist bis oberhalb des Kniees bedeutend gesunken. Die
; ' 'ensibilitat ganz erloschen, so dass ich eine Nadel tief einstechen
; .ann, olme dass der Kranke es empfindet, und ohne dass ein
Hutstropfen hervordringt. Der Unterschenkel ist geliilimt: nur auf
i viederholtes AufTordern vermag der Kranke die grosse Zehe und
; i iachbarzehe ein wenig zu ilectiren , so wie auch durch Bewegung
< es Oberschenkels die ganze Fxtremitat in schwachem Maasse zu
i'ltiren. Ueber dem Knie beginnt die normale Farbe und Wiirme.
: 'Yeder in der Art. poplitea noch in der cruralis dcr linken Seite
i«.sst sich eine Pulsation fuhlen. Der Druck auf die Schenkel-
rrterie unter dem Poupartschen Bande erregt lebhaften Schmerz.
1 der Aorta abdominalis bore ich mittelst des Sthetoscops nur
! berhalb des Nabels Pulsation, unter demselhen keinc. In der
nken Badialis fehlt ebenfalls der Puls: in der Farbe, Ternpe-
itur und Sensibilitiit des Arms und der Hand ist kcin Untcr-
41*
G14
ACINESES.
schicd von dcr andern Scite wahrzunehmcn ; allein die Kraft der
Bewegung hat geiitten, und der Kranke selbst klagt uber Schwache
in derselbcn. l)ic Pulsation der linken Carotis ist schwiicher als
in dert rechten. Das rechte Bein, im Knie gebogen, hat eine
massige Warme; die Sensibilitat ist selir abgestumpft, so dass der
Kranke jeder Beruhrung, wenn er sie nicht sieht, unbewusst ist.
Die Motilitiit ist erschwert, wenn auch nicht in solchem Grade wie
im linken Fusse. Die Cruralis zeigt Pulsation: an der Popli-
tea kann ich sie nicht deutlich unterscheiden. Der Ilerzimpuls
ist beschleunigt und verstarkt: die aufgelegte Hand fiihlt deutlich
Vibration. Der erste Ilerzton wird von einem starken Blasebalg-
gerausch verdeckt, welches synchronise!) mit dem Pulse' ist. Der
Puls ist von 120 Schlagen, leicht zu comprimiren, die Haut trocken
und warm, der Athem massig beschleunigt — kein Gefiihl von
Beklemmung, die Lage auf beiden Seiten und auf dem Rucken
gleich ertraglich, der Stuhlgang seit zwolf Stunden verstopft, der
Bauch meteoristisch aufgetrieben, bei der Percussion tympanitisch
schallend, der Urin reichlich, jumentos, offers unwillkuhrlich abge-
hend, die Zunge feucht, der Durst massig, das Gesicht eingefal-
t
len, bleich, besonders die Lippen. Das Bewusstsein zeigt sich zwar
frei in dcr Unterhaltung , allein der Kranke hat kein Gefuhl seiner
Krankheit, im Gegentheil eine gewisse Euphorie, und verfallt in
blande Delirien, sobald er sich selbst uberlassen ist.
Ich eroffnete sofort den behandelnden Aerzten, dass ich die Ansicht
von der Krankheit als einer durch Affection des Ruckenmarkes beding-
ten nicht theilen konne, sondern die Paralyse der untern Extremita-
ten als Folge einer Unwegsamkeit der Art. cruralis und ihrer Ra-
mificationen betrachte, welche in diesem Lebensalter, wenn kein
Aneurysma vorhanden, nur durch Entziindung, durch Arteritis, ent-
stclit. Cercbralc und spinale Lahmungcn beginnen nicht mit Storungen
dcr Circulation: diesc selbst, so wie die Abnahme dcr Temperatur
crreichcn dort keinen so hohen Grad , und niemals zeigt sich Puls-
losigkeit in den Artcrienstammen. llier sei dagegen Gangran,
ACINESES.
G15
iem Braude der Alien vergleichbar , im Anzugc. Die Krankheit
: lat nach dem mir mitgetheilten Berichte zu urtheilen , in der
IBalm der rechten Schenkelarterie begonnen, ohne jedocli alle
Collateralgefasse zu verstopfen, da sich Warme wieder eingcstellt
lat, sei dann aufwarts nach der Aorta bis zur Theilung in die Ilia-
cae gestiegen, imd von bier auf die andre Iliaca und Cruralis iiber-
^egangen, wo durch weitere und starkere Verbreitung der Blut-
auf uberall unterbrochen worden ist. Der lebhafte Schmerz beim
IDrucke auf die Art. cruralis unter dem Schenkelbogen deute nocli
etzt den entz'undlichen Vorgang als Bedingung der Obliteration
in. Jedoch nicht bloss unter dem Zwerchfell, aucli oberhalb
lesselben, und zwar in der linken Kbrperhalfte , ist eine Krank-
leit im arterielen Apparat ausser allem Zwcifel: im linken Her-
zen eine Veranderung der Mitralklappe, angedeutet durch das systo-
ische Blasebalggerausch , durch den verstiirkten Impuls, durch
lie Vibration, wahrscheinlich aus Endocarditis hervorgebildet, dann
much in der Art. radialis ein ahnlicher Process wie in der cru-
alis, obglcich schwacher und mit Integritat der Collateralgefasse.
- Der tddtliche Ausgang sei unvermeicUich , sowohl wegen der
Ausdchnung der Arterienenlzundung, als auch wegen bedeutenden
ErgritFenseins des Herzens und des Verfalls der Krafte, welcher
;ine Ausbildung dcs Collateralkreislaufs , bei zu Stande gckomme-
ler Obliteration der Hauptstiimme, nicht zulassen wiirde. In der
lehandlung konne daher auch von Entziehung nicht mehr die
Uede sein (Application der Warme mittelst aromatischer Fomen-
ationen der Beme, Einreibungen des Ung. cinereum in die Schcn-
;el, Fleischbrube, Geiluss des Weins).
20. November. In der Nachtl mussitirendc Delirien und
miter Schweiss. Eine dmikelrolhe Ekchymose zeigt sich auf dem
echten Knie: am linken Fuss ist das Oedem gcringer und wcicher.
io weit die warmen Fbmentationcn reichen,' fiihlt man eine mit-
;etheilte Wiirme, die am Knie aulhort, welches cine kiihle Tem-
'eralur hat. Der Puls von 128 Schlagen ist Klein und ungleich,
GIG
ACINESES.
die Haul feucht und massig warm. Die Zunge ist in der Mitte
und an der Spitze trocken. Das Bewusstsein frei. Ham und
Excremente gehen unwillkuhrlich ab, doch fiihlt der Kranke stets
das Bediirfniss. Die Lage des Korpers ist nacli der rechten Seite,
und ohne Unterstiitzung des Warters ist die Vcriinderung der
Lage unmoglich. Das rechte Bein ist im Knie gebogen. —
30. November. Der rechte Unterschenkel ist schmerzhaft bei
der Bewegung: auch in der Ruhe klagt der Kranke uber em-
pfindliche Spannung in demselben, obgleich gegen aussern Reiz voll-
kommene Anasthesie stattfindet. Die Epidermis blattert an
mehreren Stellen ab, auch an der sugillirten. Am Knie des lin-
ken Beins hat sich cine Ekchymose gebildet, welche bis zur
Mitte des Oberschenkels reicht, der jetzt auch kuhl und bis zur
Granze der Glutaei des Ilautgefuhls verlustig ist. Decubitus zeigt
sich am Kreuzbein. Das Blasebalggerausch im Herzen dauert
fort: die Auftreibung des Bauches nimmt nach dreimaliger wass-
riger Stuhlentleerung zu. Im Laufe des Tages zu wiederholten
Malen Delirien. (Decoct, cort. Ghin. mit Aeth. acet., warme Fo-
mentationen der Beine mit Essig.) — 1. December. In der
Nacht dauerten die Delirien ohne Unterbreehung fort. Die Haut war
bis gegen Morgen mit Schweiss bedeckt. Auf der vordern Flache
des rechten Unterschenkels sind zwei grosse dunkle Ekchymosen
stchtbar. Die Anasthesie dehnt sich bis einige Zoll liber dem
Kniegelenk aus, von wo an die Sensibilitlit auch nur stumpf ist.
Die Bewegungsfahigkeit des Unterschenkels ist ganz aufgehobcn.
Am rechten Trochanter, auf welchem dcr Kranke wahrend der
Nacht lag, ist Decubitus entstanden. Der Meteorismus vermehrt,
der Athem beschleunigt, ohne alles Gefuhl von Beklemmung. Der
Puls der linken Radialis liisst sich am Handgelenke fuhlen, jedoch
sehr schwach. Neigung zu Sonmolcnz, zogernde Sprache, colla-
birtes Gcsicht. — 2^ December. In dcr -Nacht fortwahren-
des Irreredcn: einige Stundcn allgemcincr warmer Schweiss. Bei
lage Somnolenz, Flechsenspringen , sehr beschlcunigter Athem,
ACINESES.
G17
Puls am Morgen von 11G, am Abend 128 Schlagen, schr klein,
wurmformig, die Zimge trocken und kiihl, der Bauch tympanitisch,
bestandiger Tenesmus und Harndrang. Am rechten Unterschen-
kel, der immer mehr zusammenschrumpft, hat sich die Epidermis
auf den Eckchymosen und ilirer Umgebung losgeschalt. Die Cutis
ist schwarz, trocken, lederartig. Der Decubitus am Kreuzbein hat
weiter um sich gegriffen, und am linken Trochanter major sich
eingefunden. Und hei diesem Zustande grosse Euphorie, so dass
der Kranke mich fragt, oh er aufstehen und einen Brief schrei-
ben konne. — 3. December. Der Athem ist sehr beschleu-
nigt, oberflachlich , tonend, das Blasebalggeriiusch und der Tmpuls
des Herzens schwacher, der Puls von 120 Schlagen verschwindet
fast unter dem Finger, die Ilaut des Rumpfes miissig warm,
Backen und Nase kiihl, Zunge trocken. Das rechte Bein ist im
Knie sehr stark gebogen und liisst sich nicht extendiren. Die
Mumification hat im Unterschenkel einen grossern Umfang. Am
linken Knie hat sich eine grosse Brandblase gebildet. Die Haut-
venen ziehen sich wie breite Strange, auch durch die Ekchymosen
hindurch. Das Oedem ist kleiner und weicher. Die Art. cruralis
ist wie ein harter Strang fuhlbar und beim Drucke schmerzhaft.
— 4. December. Die Nacht sehr unruhig, anhaltendes Irre-
reden, sechs breiige unwillkuhrliche Stiihle, allgemeiner warmer
Schweiss. Angeredet giebt der Kranke Antwort, allein bald ver-
wirrt sich sein Ideengang und er delirirt. Der Athem ist kurz,
geriiuschvoll, mit heftiger Action der Nasenllugel, der Puls von
124 Schlagen, wie eine leere Dulse, die Zunge trocken, an der
Spitze und den Raridern mit Soor bedeckt, das Schlucken er-
schwert. Der Puls der linken Radialis ist nicht zu luhlen, und
das Blasebalggeriiusch im Herzen hat aufgehort. Am linken Bein
bat sich die Injection der Vcncn holier nach dem Oberschenkel
verbreitet: sie bilden ein Netzwerk von schwarzbrauncn breiten
Streifen, die sich auch dem Gefiih! zu erkennen geben: bcson-
ders deutlich liisst sich die Saphena inagna vcrfolgen. Die Ekchy-
G18
ACINESES.
mose, wclclie die ganze innere Fliiche bedeckt, hat cine dunklere
Farbe angenommen. Am Unterschenkel sind mehrere Brandblasen
aulgcschosscn. Der reclite Untcrschenkel ist noch melir abge-
maeert: die mumificirte Stclle dehnt sich wciter aus, und die um-
o-ebende Ilaut hat eine dunlde blaurothe Farbe. Wahrend die
o
Sensibilitat am rechten Oberschenkel sehr schwach ist, bleibt der
Druck auf die Art. cruralis sehr schmerzhaft. — 5. Decem-
ber. Der Kranke ist mehr bei sich, allein seine Sprache ist un-
verstandlich , lallend. Der Athem sehr schnell und frequent, der
Puls von 124 Schlagen. Der Urin, den der Wiirter aufgefangen
hat, ist reichlich, hell, schwach sauer. Der Bfand greift rasch
um sich. Die Oberhaut Ioset sich am linken Unterschenkel ab,
die blossliegende Cutis ist kohlschwarz, matscliig, das Muskelfleisch
in stinkende Faulniss ubergegangen. Am Unterschenkel und an
der Ferse liabcn sich grosse und tiefe sphacelose Stellen gebildet.
Auf dem Riicken des rechten Fusses zeigt sich eine brandige
Stelle von grossem Umfang, wo die Epidermis abgeloset und die
Cutis schwarz, hornartig, zusammengeschrumpft erscheint. Sopor,
Morgens 4 Uhr Tod.
Die Le ichenoffnung wurde 30 Stimden nach dem Tode
vom Professor Froriep vorgenommen.
Die Pleurasiicke enthielten eine rothlich gefiirbte serose Fliis-
sigkeit in geringer Quantitat. Beide Lungen waren, die Leichen-
stasis in den untern Lappen ausgenommen, vollkommen normal.
Der Herzbeutel war sehr ausgedehnt und mit 5 — G Unzen eincr
ausgedehnten Fliissigkeit angefullt. Das llerz war vergrossert, dcr
linke Yentrikel hypertrophisch. Im rechten Yentnkel land sich
ein festes blassrothes Coagulum; im linken war das Coagulum
betriichtlicher und mehr cruorhaltig. Zwischen den beiden Zipfeln
der Mitralklappe und auf derm obern aufsitzend land sich eine
rundliche Excrescenz von anderthalb Zoll Liinge und gelblich weis-
ser Farbey welchc das Ostium venosum last ganz aus faille. Die
Aortcnklappcn und die innere Mcmbran dcs Ventrikels waren
ACINESES.
619
normal, lm Arcus aortae fanden sich kleine knorplige Verdickun-
_gen , desgleichen in der Aorta thoracica, welche einzelne hervor-
ragende Liingestrcifen auf der innern Haul bildeten.
Magen und Darmkanal waren von Gas sehr ausgedehnt. lm
Gcwebe der Milz, unter der Peritonealhaut, zeigten sich drei pla-
i 'Stische Exsudate >011 weisslicher Farbe und kleinerp Umfange.
In der Aorta abdominalis land sich dicht vor der S telle ihrer
Theilung in die Iliacae communes ein festes blassrothes Coagulum,
welches die Arterie vollkommen verschloss und fest an der innern
IHaut anhing, die glatt und nicht gerothet war. Dieser Pfropf
'Setzte sich in die beiden Iliacae communes fort und endete diin-
ner werdend mit einer conischen Spitze. Da wo die linke A.
iliaca interna abgeht, befand sich ein eben so festes aber belleres
! Exsudat. Die A. iliaca externa sinistra war bis an der Stelle,
wo sie hinter dem Poupart’schen Bande hindurchtritt, von einem
diinnern, viel Cruor haltigen Gerinnsel ausgefullt, welches sich
won der innern Haut ablosen Hess, die selbst verdickt, gerothet,
miirbe war, und mit Leichtigkeit von der mittlern oder Faser-
ihaut getrennt werden konnte. Die Faserhaut und aussre Zell-
scheide waren ebenfalls dicker und briichiger als im normalen
> Zustande. Zwischen den Hauten war lymphatisches Exsudat,
welches man auch in dem die Arterien umgebenden Zellgewebe
deutlich wahrnehmen konnte. Letzteres war besonders unterhalb
des Ligamentum Poupart. stark entziindet, und die daselbst be-
findlichen Lymphdriisen angcschwollen und gerothet. Die A. cru-
ralis enthielt da, wo sie die A. femoris profunda abgiebt, einen
festen Pfropf, der sich von der innern starkgerotheten Haut sehr
schwer losen liess und mit , einem Fortsatze in die profunda selbst
hineinerstreckte, so dass dieser Thrombus einem Zaline mit zwei
Wurzeln glich. In ihrem weitern Verlaufe war die Cruralis mit
einem diinnern cruorhaltigen Gerinnsel ausgefullt, und die innere
Haut zottig, rauh, starkgerbthet. • Weiter nach unten war sic
frei, und erst da, wo sie den Muse, adductor magnus durebsetzt,
020
ACINESES.
durch einen festen blassen Pfropf wiederum ganzlich geschlossen,
die innere Haul stark gerothet, aufgelockert, wulstig. Zellgevvebe
und Muskeln waren emphysematos , zerselzt, matschig, von iius-
serst widrigem Gestanke, so dass die Untersuchung der Arterie
am linken Unterschenkel und Fusse nicht fortgesetzt wurde. Die
rechte A. iliaca interna war frei. In der externa befand sich
unmittelbar unter der Stelle, wo sie von der Iliaca communis ab-
tritt, ein festes biasses Coagulum, ebenfalls schwer von der inncrn
Haut losbar. Die A. cruralis clieser Seite war eng, zusammen-
gezogen; ihre innere Haut war faltig. Sie enthielt an der Stelle,
wo sie die profunda femoris abgiebt, einen festen Pfropf, der sich
wie auf der linken Seite in diesen Ast hinein fortsetzte. Die
innere Haut war ebenfalls gerothet, aufgelockert. Weiter abwarts
nach dem Knie zu lullte ein blasseres Coagulum das Arterienrohr
aus, und die Membranen der Arterie waren auffallend verdickt.
Die Vena saphena magna des linken Schenkels war eng, zu-
sammengezogen : ihre innere Membran blass und gerunzelt. Ein
geringes Lymphexsudat war in das sie umgebende mid stark ent-
zundete Zellgewebe ergossen. Die Vena cruralis und iliaca com-
munis verhielteu sich normal.
In der Art. brachialis des linken Arms befand sich unmittelbar
uber der Stelle der Theilung in die Radialis und Ulnaris ein fester
blassrother an der innern Haut fest anhangender Pfropf, der einen
halben Zoll weit in die beiden Aeste hineinragte. Diese waren
eng, ihre innere Haut zeigte sich etwas rauh und gerothet. Die
Radialis enthielt aber bis zum Uandgelenke bin kein Coagulum. —
Die Art. subclavia und Carotis sinistra, so wie die Jugularvenen
waren normal bes chaffer).
48 Stunden nach der Section hatte Johannes MiiUer die Giite,
auf meinen Wunsch das Ilerz und die Arterien genauer zu unter-
suchen, welche in wasscrvcrdiinnlem Spiritus aufbcwahrt waren.
Der Durchschnitt der Geschwulst an der Mitralklappe zeigte
cine fasrige Structur, und unter dem Mikroskope Biindel von I3in-
ACINESES.
621
degewebefasern. Die Geschwulst selbst hatte unter dem Endo-
cardium ihren Sitz , welches sich vom Vorhol uber die Geschwulst
in den Ventrikel erstreckte. Im untern Theile der rechten Cruralis
war das gelblichweisse Cbagulum mit einer Ffussigkeit von der-
•selben Farbe impragnirt, in welcher bei der mikroskopischen Un-
tersuchung viele Kugeln sichtbar waren, die jedoch nicht mit Ei-
terkugeln ubereinstimmten. Auf den Gerinnseln in den Arterien
lag eine diinne Schicht plastischen Exsudats, welches auch die
innere, Membran der Arterien an vielen Stellen bedeckte. Die in-
nere Arterienhaut erschien von dunklerer Rdthe als am Tage der
Section: an grossen Strecken war sie von der mittlern Ilaut ab-
geldst, an andern liess sich deutlich ein Exsudat zwischen beiden
wahrnehmen.
Die ursachlichen Bedingungen dieser machtigen Krankheit sind
in Dunkel gehiillt: keine heftige Anstrengung, kein Excess irgend
einer Art war vorangegangen; eben so wenig liess sich ein dys-
krasisches Moment nachweisen. Nach dem Tode des Kranken er-
fuhr ich von seinem Bruder, dass seit seiner Verlobung im Sep-
tember eine auffallende psychische Veranderung stattgefunden habe.
Friiher phlegmatisch und trage, sei er lebhaft, aufgeregt gewor-
den, hatte die Nachte hindurch aufgesessen und Briefe mid Verse
an die Braut geschrieben. Auch auf dem Krankenlager hatte ihn
dieses Verhaltniss oft und eifrig beschaftigt. Wo die Krankheit
in diesem Falle begonnen hat, liisst sich, da eine genaue Beob-
achtung des Anfangs nicht vorliegt, nur conjectured andeuten.
Yon Wichtigkeit ist das simultane Walten derselben im Centrum
der Circulation und in mehreren Arterien. Vom Herzen scheint
jedoch der Ausgang gcwesen zu sein, wie der Befund vorge-
schrittener Organisation in dem Exsudate der Mitralklappe erweiset.
Es ist zu bedauern, dass keine Untersuchung der Hirngehisse vor-
genommeu ist, da mehrere Symptome auf die Ahection dersel-
ben im Debut der Krankheit hindeuten, und auch im weitern
Verlaufe die Delirien, der Mangel subjectiver Merkmale bei einem
G22
ACINESES.
so grossen Ilindernissc im Blullaufe des Herzens, die Gering-
fijgigkeit spontaner Schmerzen, und das giinzliche Verkennen des
eignen Zustandcs eine normwidrige Action des Gehirns bekunden.
In welcliem Zusammenhange die am funfzehnten Tage zuerst am
rechten, spaterliin am linken Fusse sich einfindende Entziindung
der Cruralarteric mit der Endocarditis der Mitralklappe stelit, wage
ich nicht zu cntscheiden ; mittelst Continuity des Entziindungs-
processes vom linken Ventrikel aus, auf keine Weise — die In-
tegrity der Brust- und Bauchaorta spricht dagegen. Ob ein
ahnlicher Vorgang wie in der Phlebitis stattstand? Ilier etwa
durch Ablosung und Weiterllibrung gesonderter Partikel von den
im Herzen exsudirten Stoffen , welche in einzelnen arteriellen
Schlauchen sich gleichsam fangen, und wie fremde Korper Coa-
gulation des Blutes und Entziindung hervorrufen? Rokitansky
schildert secundiire Processe bei der Endocarditis, welche sich
durch Exsudate in der Milz, in den Nieren zu erkennen geben,
und auch bei diesem Kranken fanden sich Ausschwitzungen in der
Milz. Oder war eine primare Erkrankung des Blutes Schuld, dass
sich in verschiedenen Bezirken des arteriellen Apparates Entziin-
dungsheerde bildeten?
Aus dem unsichern Bereiche pathogenetischer Vermuthungen
wende ich mich zu den chagnostischen und physiologischen Er-
gebnissen dieses Krankheitsfalles. Die Arterienentzundung hat
sich liier durch karaktcristische Merkmale sowohl nacli dem Tode
als wahrend des Lebens objectivirt. Im Leichenbefunde 1 ) durch '
plastisches Exsudat, welches an vielen Stellen die innere Arterien-
haut bedeckte, auch zwischen den ubrigen Membranen angetrof-
fen wurde, und zum Theil selbst den Blutpfropf iiberzog. 2) Durch
Wulstung, Auflockerung, Aliirbheit der einzelnen Gelasshaulc.
3) Durch Gerinnung des Bluts an alien Punkten, welche dem
Entzundungshecrde entsprechen, obschon in vcrschiedenem, mit
der Dauer ubercinstimmendem Grade: an einigen Stellen ein fester,
der innern Membran adharirender, das Arterienrohr vollkommen
ACINESES.
(',23
verschliessender Pfropf von blassrother Farbe, an andern ein dun-
ineres, cruorhaltiges , leiclifc ablosbares Gerinnsel, auf der linken
'Seite die Iliaca interna und sammtliche von der externa abgehen-
den Zweige durcli diese Blutpfropfe geschlossen, auf der rechten
die Iliaca interna lrei. 4) Die rechte Schenkelarterie , von wel-
(chcr die Entzundung ausging, zeigte schon eine Neigung zur Ob-
lliteration: sie war eng zusammengezogen, ihre innere Haut faltig.
5) Das Zellgewebe in dor Umgebung der Arterien, z. B. unter
dem Poupart’scben Bande, war stark entziindet, und aucli die da-
'Selbst befindlichen Lymphdriisen zeigten sicb gerothet und ange-
'Schwollen. 6) Der Rothung gedenke ich zuletzt, da sie die Deu-
tung als Imbibitions farbe leicht zulasst, allein der Umstand, dass
>sie niclit gleichformig, sondern stellenweise vorhanden, und dass
sie 72 Stunden nach dem Tode nocli mebr saturirt war als am
Tage der Section, Iegen ihr einen entschiedenen Werth bci. —
Die Theilnahme der linken Vena saphena erklart den Unterschied
in der Beschaffenbeit der Gangran: feuebter, odematoser Brand
im linken, trockener (Mumification) im rechten Schenkel.
Die Symptome wahrend des Lebens gaben die durch Arteritis
gehemmte Zuleitimg arteriellen Blutes, ohne Ersatz mittelst Col-
laterallaufes , kund: einerseits durcli marmorkalte Temperatur, Iivide
Farbe, Pulslosigkeit des Arterienstammes und Schmerzhaftigkeit
beim Drucke auf denselben, andrerseits durch Anasthesie und
Lahmung. Dieser Verein der den Verfall beider Lebenstriiger
andeutenden Erscbeinungen macht sicb von Anfang an geltend,
und muss zur genauen Untersuchung audordern, um die Vcr-
wecbselung mit spinalen und ccrcbralen Lahmungen zu verhiiten.
Im weiteren Verlaufe der Krankheit Iiisst die Gangran keincm
Zweifel mehr Raum.
Auch bei Pferden ist in neuerer Zeit Entzundung der Schcn-
kelarterien und der Bauchaorta ofters beobaebtet und schon wab-
rend des Lebens erkannt worden ( Gurll's und Herlwig’s Magazin
fur die gesammte Thierheilkunde 4. Jahrg. 1838. S. 455. f).
%
G24
ACINESES.
Jahrg. 1843. S. 221. 401). Die Symplome sind: Anfangs Er-
Iahmung eines oder beider Hinterbeine bei anstrengendem Gehen,
wiihrcnd bei ruhigem Steiien, im Schritte und Trabe kcine Ver-
anderung bemerkbar ist. Wird der Yersucli lbrtgesetzt, so ge-
rath das Thier in grosse Angst, Schweiss bricht reichlich hervor,
nnr der untere Theil dcs Riickens und die Ilinterschenkel bleiben
kiihl und trocken. Die Beine werden nur noch schleppend fort-
bewegt. Gonnt man alsdann einige Mirtuten Ruhe, so zielit das
Pferd die Fiisse, einen nach dem andern, bis unter den Bauch,
setzt sie tappend nieder, und verrath dabei grosse Unruhe. Treibt
man es aber wieder an, so entsteht Zittern am ganzen Leibe,
sehr frecpienter Puls imd Athem, Unfahigkeit sich weiter zu be-
wegen. In den Arterien der Ilinterschenkel fehlt die Pulsation.
Schnell erholt sich jedoch das Thier, wenn man es ruhig stehen
lasst. Jm weiteren Verlaufe tritt die Paralyse immer mehr her-
vor: schon nach wenigen Minuten stiirzt es im Trabe zusammen,
kann nicht mehr aufstehen, die Beine sind kalt und des Gefuhls
verlustig, so dass selbst das Abbrennen von Moxen nicht mehr
gefuhlt wird. Ob auch Gangran wie beim Menschen eintritt, hat
man bis jetzt, da solche Pferde fruhzeitig getodtet wurden, nicht
beobachten konnen.
Der Zusammenhang zwischen Entstehung der Paralyse und
Unterbrechung des Blutlaufes in der Arteritis, wodurch sich die-
selbe wesentlich von der Phlebitis unterscheidet, ist ein Gegen-
stand von physiologischein Interesse. Operationcn und Experimente
hatten schon ein solches Resultat gegeben. Nach Unterbindung
grosserer Arterienstiimme zur Heilung von Aneurysmen stellt sich
Erstarrung des Gefuhls, Formication, Abnahme und Verlust der
Motilitat ein, welche bis zur Ilerstellung des Collateralkreislaufes
andauern. Die Lahmung der Hinterbeine nach Ligatur der Bauch-
aorta bei Ilunden ist schon von Stenson, Bichat, Earner t und in
neuerer Zeit von Engelhart an Froschen beobachtet worden. Es
drangt sich hierbei die Frage auf, ob die Entziehung der Blut-
ACINESES.
G25
mfuhr unmittelbar auf den Muskel oder mittelbar durch den Ner-
yen wirkt. Die mit der Lahmung vorhandene Hautanasthesie
■jcheint zwar fur das letztere zu zcugen, so wie auch die durch
1 Injection reizendcr Stoffe in die Cruralis lebender Thiere hervorge-
brachte Arteritis. Cruveilhier beobacbtete bei diesen Versuchen,
iass, so lange die Circulation niclit vollstandig unterbrochen war,
las Thier heftige Schmerzen und unruhige Bewegungen ausserte,
\welche bei ganzlicher Obliteration sofort aufhorten und einer An-
isthesie und Lahmung Platz machten. Dagegen ist die bei Thie-
ren gemacbte Beobachtung von Fabigkeit massiger Bewegung und
>Stellung trotz der Obliteration der Gefasse ein Beweis, dass der
•Mangel des arteriellcn Blutes als belebenden Reizes der contractilen
! Laser die Unfahigkeit zu grosserer Thatigkeit bedingt.
Die Nothwendigkeit bei paralytischen Zustanden voile Aufmerk-
ssamkeit auf die Beschaffenheit der arteriellen Circulation zu wen-
iden, geht aus dem bisher Mitgetheilten hervor. Davon lasst sicb
irticht nur ein diagnostischer, sondern auch therapeutischer Fort-
sschritt erwarten, und die Lehre der Arteritis, welche bisher im
'Vergleiche zu ihrer Schwester, der Phlebitis, zu sehr vernachlas-
-sigt worden ist, wird in ihr wissenschaftliches Recht Ireten. Auch
ist es nicht ohne Interesse, dass ein und derselhe StofF im Stande
■ist, Arteritis mit Brand, und Convulsion, Aniistkesie und Lahmung
hervorzubringen. Die giftige Wirkung des Mutterkorns zeigte sich
unter der ersten Form als Ergotismus in einigen Provinzen Frank-
reichs und der Schweiz, unter der zweiten Form als Kriebelkrank-
heit (V^ 426 — 432.) in Deutschland und Schweden. Vgl. Hechter
Geschiehte der neuern Ileilkundc. 1839. S. 287 — 349. und Tie-
demann von der Verengung und Verschliessung der Pulsadern in
IKrankheiten. 1843. S. 273.
Ausser dem arteriellen Blute sind es unmittelbare Ncrvenreize,
deren Mangel cine Schwache der Bewegung und Immobilitat ver-
inlasst, die bei langerer Dauer in Lahmung, in Verlust dcr mo-
1 torischen Leilungslabigkeit ubergehen kann. Dabin gebort zuvor-
G2G
ACINESES.
derst der Mangel cerebraler Erregung. Wenn motorische Bahnen
von Anfang an durch den psychischen ImpuJs nicht erdffnet wer-
den, so ist Unbeweglichkeit die Folge. Das nachste handgreif-
liche Beispiel ist das liussere Ohr. Dieser fur die Thierphysionomie
so ausdrucksvolle Theil bleibt beim Menschen regungslos. Die
Stummheit bei der angebornen oder i'riihzeitig erworbenen Tauh-
lieit, die Tragheit und Unvollstandigkeit der Sprache bei Blbd-
sinnigen konnen ebenfalls als Beispiele angefuhrt werden. Andrer-
seits sehen wir, dass geisteskraftige und willensstarke Physiologen
motorische Nerven einiiben, welche andern Menschen unzugang-
lich bleiben. Von Fontana haben Mascagni , Gerardi und andre
Augenzeugen berichtet, dass er nicht nur die Iris und die Ohr-
muskeln durch Einubung zu bewegen, sondern auch den Herz-
schlag willkuhrlich zu verlangsamen oder beschleunigen, ohne auf-
fallende Bewegung der Athemmuskeln , im Stande war. Johannes
Muller brachte es selbst bis zur willkuhrlichen Spannung des M.
tensor tympani. Die Virtuositat ist ja nichts anderes, als der Aus-
druck moglichst vollkommner Ausbildung einzelner Bahnen fur den
Reiz der Vorstellung. Konnte eine ahnliche Beharrlichkeit fur den
Zweck der Gesundheit gewonnen werden, so durfte der Fortschritt
in der Cur vieler paralytischer Zustande grosser sein.
Der Mangel sensibler Erregung kommt zunachst in Betracht.
Panizzas Versuche hatten schon den Einlluss dargethan, welchen
(he bei Ziegen in der Nahe des Riickenmarks vorgenommene
Durchschneidung der sensibeln Ncrvenwurzeln des Ilinterbeins auf
die Bewegung iiussert. In Folge des Vcrlustcs der Empfindung
zeigt der Fuss eine langsamere Bewegung, wird nachgeschleppt,
beugt sich Ieichter als der anderc unter der Last des Rumples;
cine Stundc nacli der Operation sind die Bewcgungen so schwan-
kend, dass das Thier leicht auf das verletzte Glied hinfallt (Ver-
suche iiber die Verrichtungen der Nerven; iibers. von Schneemann.
S. 5G). Ein ahnliches Verhaltniss findet in Kranklieiten des Men-
schen nicht nur da stall, wo die Perception des Haut- und
ACINESES.
f>27
Muskclgcfiihls aufgehort hat (Vgl. S. 200. 227.), sondern auch
vwo die unbewusstbleibende centripctale Leitung gehemmt ist. Um
diese Zustiinde von Immobilitiit aufzufassen, welche bislier noch
-keine gehorige Wiirdigung gefunden haben, bedarf es der Erin-
nerung, dass die grosse Masse sensibler centripetaler Ncrven im
(Organismus, deren Thatigkeit als ununterbrochen gedacht werden
imuss, eine perennirende Quelle von Erregung fur die Centralorgane
iist. Diese Reize der Innenwelt, in ihrcr Mannigfaltigkeit und Wirk-
-samkeit denen der Aussenwelt vergleichbar , vielleieht noch iiber-
wiegend, beleben auch die motorische Energie, und veranlassen Be-
wegungen , welche in neuerer Zeit den Namen der Reflexbewegungen
crhalten haben. Ihrer Abnalune und Verlust entsprechen wie ihrem
: Excesse bestimmte Erscheinungen in der motorischen Sphare, allein
weder die Experimentalphysiologie, der man in letzterer Beziehung
'.so grossen Aufschluss verdankt, noch die Pathologic hatten sich
idiesem Gegenstande zugewendct, welcher um so schwieriger ist,
\weil der Mangel centripetaler Erregung sich oft verbirgt, und
, andererseits die reflectorischc Immobilitiit nicht selten in giinzliche
lUnerregbarkeit der motorischen Nerven iibergeht. Karakteristischer
Zug ist Stillstand der Reflexaction bei Fortdauer der Bewegung
auf psychischen Impuls. So hort das Blinzeln der Augenlider auf,
wo der Ramus ophthalmicus des Quintus von Aniisthesie befallen
ist, mag die Conjunctiva noch so sehr gereizt werden, wiihrend
der Wille diese Bewegung ungehindert ausfuhrt. Der stimmlose
Kranke schreit in der asiatischen Cholera laut auf, wenn hefliger
Schmerz ihn pcinigt. Die veriinderte Imtik der Augcnbewegungen
in der optischen Aniisthesie ist Folge von Mangel des belebenden
Einflusses der Sinneserregung auf den Oculomotorius : will der Amau-
rotische, so vermag er den nach aussen abgewichnen Augapfel
einwiirts zu richten. Ich habe mich bemiiht in den folgenden Schilde-
rungen der Paralysen auf den Stillstand der Reflexbewegungen auf-
merksam zu roachen, und eine Gruppe von Spinallahmungpn in Bezug
auf diesen ihren Ursprung als Reflexliihmungen darzustellen.
Ilomlierg's NervenkrankL. I. 3. 42
628
ACINESES.
Unter den Symptomen der Lahmung stehen die im Muskel
und uberhaupt im contractilen Gewebe sich kundgebenden oben
an. Am autfallendsten zeigt sich der Veriust aller Spannung con-
tractiler Fasern in der Paralyse der Antlitznerven : in einem Falle
sab ich schon zehn Minuten nach Eintrjtt der Krankheit sammt-
liche Furchen dcr Stirn- und Gesichtshalfte verschwunden. Die
Haut wird sclilaff und welk, die Backe schlottert und blaht beim
Versuche zu blasen leichter und starker auf als die gesunde; bei
eincr paraplektischen unverheiratheten Kranken fand ich cine solche
Erschlaffung dcr Bauchdecken, dass sie wie ein leerer Beutel her-
unterhingen. Eine andre Erscheinung am gelahmten Muskel,
welche sich haufiger darbieten wiirde, wenn man nicht versiiumte
die Untersuchung am entblossten Korper vorzunehmen , zeigte sich
mir bei mehreren Kranken: es ist die Oscillation der Muskelbiin-
del, ahnlich dem flimmernden Spiele in den willkuhrlichen Mus-
keln bei Thieren, deren Riickenmark zerstort ist. Nicht minder
karakteristisch als der Stillstand der Bewegung im paralysirten
Muskel ist die Contraction seines Antagonisten oder des symme-
trischen Muskels der gesunden Seite, wovon die Lahmung des
Facialis, dcr Muskelnerven des Auges, der Nerven der Rumpf-
athemmuskeln, der Nerven der Extremitaten genug Beispiele geben.
Verzerrungen und Entstellungen sind die Folge, die oft schon
beim ersten Blick den Sitz der Lahmung erkennen lassen, und
ein physiologisches Interesse haben, indem sie einen Beweis geben,
flass auch im Zustande der Ruhe ein bestiindiges Einstromen des
motorischen Agens vom ffentralapparate nach den Muskeln hin
durch die Nervenleitung stattfindet, mid die symmetrische Statik
als eine jener Einrichtungen zu betrachtcn ist, wodurch das Zu-
standekommen jener sicht - und fuhlbaren Bcwegungen verhindert
wird ( Vgl. S. 565). Nicht seltcn findejt sich Contractur in den
gelahmten Muskeln ein, fluchtige oder beharrliche. Die erstere
ist der Ausdruck einer coexislirendcn Reizung des ^crvengewebes
in der peripherischen oder centralen Balm, und in so fern ein
ACINESES.
629
diagnostisches Merkmal fur Entzundungs -, fiir Erweichung Proscess
fur carcinomatose Aftergebilde, wahrend bei blossem Druck durcli
Geschwiilste oder bei Ruptur der Faserung, z. B. in der Ha-
morrhagie des Gehirns, die gelahmten Muskeln frei von Contractur
sind. Seltner als die fliichtigen Contracturen koramen unter den-
selben Umstanden convulsivische Erscbutterungen der gelahmten
Muskeln vor. Die permanente Contractur mit Steifheit der Ge-
lenke und Uebergewicht der Beugemu skein, so dass zuweilen in
den untern Extremitaten die Ferse das Gesass beruhrt, und die
Finger dergestalt in die Handflache eingeschlagen sind, dass sich
wie ich gesehen habe, Gruben zur Aufnahme der pulpa digitorum
aushbhlen und die gewaltsamsten Streckversuche misslingen, ist
als Residuum der Lahmung zu betrachten, auf ahnliche Weise
wie die als Residuum des krampfhaften Processes zuruckbleibende
Verkiirzung des Muskels (S. 282.), und von abnormen Bedingun-
gen, nicht bloss der Muskelsubstanz , sondern auch der Bander
und Knochen abhangig.
Die Theilnahme der Sensibilitat spricht sich in den Lahmun-
gen verschieden aus. 1) Die bewusstwerdende Empfindung ist
entweder erloschen, oder vorhanden, oder gesteigert. Wo das
Muskel- und Hautgefuhl noch vorhanden ist, hat der Kranke die
Sensation der Erstarrung, der Schwere wie von einem angehiing-
ten Gewicht, oder die Empfindung, als gehore der gelahmte Theil
ihm nicht mehr an, was sich auch in den Traumen und Delirien
der jiingst Gelahmten ausspricht: sie traumen und faseln otters
von Menschen oder Thieren oder leblosen Gegenstanden , die auf
der paralytischen Seite liegen, machen abwehrende Bewegungen,
wollen sie aus dem Bette werfen etc. Im weiteren Verlaufe der
Krankheit findet dieses nicht mehr statt. Abnahme und Verlust
des eigenthiimlichen Muskelgefuhls, der Empfindung von Bewegung
und Ruhe, zeigt sich am deutlichsten in der Tabes dorsualis
(Vgl. S. 228.), wo das Sehvermogen den dadurch crzeugten
IMangel fester Ilaltung ergiinzen muss.. Aniisthesie begleitet nicht
ACINESES.
<130
sei ten ouch (lie Lahmung der organischen Muskeln in den mit
Schleimhauten bedeclden Organen: es fehlt der llarndrang in
der paralytischen Ischurie und das Gefiihl angesammelten Schleims
in den Bronchien bei Lahmung des Vagus. Von der Anaslliesie
muss jedoch der Mangel der Perception des Hautgefiihls unter-
schieden werden, wie er in cerebralen Lahmungen bei Betaubung
und Sopor statt findet. Abnorme Steigerung der Sensibilitat und
Anaesthesia dolorosa bezeichnen wie die ofter coexistirende ffuch-
tige Contractur einen Reizzustand der Nerven in seiner periphe-
rischen oder, was haufiger der Fall ist, centralen Balm. 2) Die
unbewusstbleibende Sensibilitat oder centripetale Leitung ist bei
Unterbrc cluing dcr zum Bewusstsein gelangenden nicht selten bei
Lahmungen, mit Ausnahme der peripherischen , erhalten, und
offenbart sich durch Rellexbewegung in den paralysirten Theilen,
wie sclion fr'ulier (S. 271 und 452.) nachgewiesen worden ist.
Auch konnen dieselben durch motorische Irradiation in Bewegung
gesetzt werden, wenn sie langst aufgehort liaben, dem cerebralen
Impulse zu gehorchen. Diese Mitbewegungen zeigen sich beson-
ders bei respiratorischen Actionen: so gerath der Arm des Hemi-
plektischen offers bcim Gahnen in Bewegimg, wird in die Hohe
gehoben, und verharret in dieser Stcllung bis das Gahnen been-
digt ist, worauf er wie cine todte Last zuriickfallt. Bell und
Marshall Hall haben die ersten Beispiele mitgetheilt, und ich selbst
habe mchrcrc beobachtet. In epileptischen An (alien werden ge-
lahmte Glieder nicht verschont (S. 5GG.), und auch beim Affect
gerathen sie zuweilen in Bewegung. Es bedarf hierzu gar nicht
grosser Erschiitterung : aus cinem S. G59 geschilderten Falle
von Gesichtslahmung geht hervor, dass schon die Vorstcllung des
Lacherlichen dicsen Einlluss liatte.
Zunachst sind die trophischen Vcranderungcn in den Liihmun-
gen bemerkungswerlh. Die Untersuchungen a on Nasse d. S.
(Muller’s Archiv etc. 1839. S. 4|3.) von Gunther und Schon
(ebendas. 1840. S. 27G.) haben ergeben, dass nach Durchschnei-
ACINESES.
G31
cliuig eines Nerven, wenn die Regeneration niclit zu Stande kommt,
gleichzertig mit Abnahme und Yerlust dcr Errcgbarkeit auch
Structurveranderungen im peripherischen Stumpfe des Nervens statt
finden, Schwinden des ‘Inhalts und der Wandungen der Primitiv-
fasern. Auch in paralytischen Zustanden ist bei Menschen und
Thieren Atrophie der betreffenden Nerven, des Vagus etc., gefun-
den worden, allein gcnaue mikroskopische Untersuchungen der
Nerven in chronischen Lahmungen, z. B. in der Paralysis con-
genita, liegen noch nicht vor. Ver cinder ungen in der Muskelsub-
stanz zeigen sich in der paralytischen Immobilitat wie bei jeder
andern, und sind in neuerer Zeit von Skey (Philosoph. Transact.
1837. p. 375.), Valentin (Lehrb. der Physiol, des Menschen 2. Th.
S. 62.) und Reid (on the relation between muscular contractility
and the nervous system. Edinburgh 1841.) beschrieben worden.
Der letztere fand sieben Wochen nacli Durchschneidung des
Ischiadicus an einem Kaninchen die Muskeln des gelahmten Bei-
nes weit blasser, diinner und weicher als im gesunden Schenkel:
ihr Gewicht. betrug 170 Gran, im gesunden Beine 327 Gran.
Nach Valentin's mikroskopischer Beobachtung lasst die blasse grau-
weisse Faser ilire Querstreifen minder deutlich erkennen oder
bietet dieselben stellenweise gar nicht dar. Sie erzeugen sich
auch nicht mehr durch die Einwirkung des kalten Wassers, des
Weingeistes oder andrer aussern Einfliisse, welche sic sonst star-
ker hcrvortreten lassen. Dafiir fallen die Langefaden um so mehr
in’s Auge, allein auch diese besitzen nicht immer die Scharfe und
Festigkeit, wie in frischen gesunden Muskelfasern ; vielmehr er-
scheint die Faser grau und weich, und erinnert an gesunde Fa-
sern, welche schon langere Zeit der Einwirkung der Maceration
ausgesetzt waren. Sjiater verschwinden zum Theil die aid' solche
Wcise entarteten Fasern, so dass der Umfang des Muskels ab-
nimmt. Diese Vohimcnverminderung wird jedocli bisweilen da-
durch ausgeglichen, dass sich cine grossere Mcngc Fettes zwischen
den noch bleibenden Biindeln absetzt. Unter den Lahmungen
032
AC1NESES.
fuliren die durch Blcivergiftung entstandenen am schnellsten Atro-
phie der Muskeln herbei. In liohem Grade zeigt gie sich bei
peripherischen Lahmungen der Zunge und, wie die comparative
Pathologie lehrt, auch der Kehlkopfmu skein in der ljei Pferden
nicht seltncn Paralyse des Vagus. Die Atrophie beschriinkt sicli
jedocli nicht nur auf den Muskel, sondern delint sich auch auf die
Knochensubstanz aus : Reid fand in dem zuyor erwahnten Versuche
das Gewicht des Waden- und Schienbeins im gesunden Fusse
von 89 Gran, im gelahmten von 81. In dcr angebornen oder
in den crsten Lebensjahren entstandenen Ilemiplegie und Paraplegie
bleibt das Wachsthum der Knochen in die Breite und Lange
betrachtlich zuruck. Hier, so wie uberhaupt in alien Fallen, wo
der Grad und die Dauer der Muskelunthatigkeit betrachtlich sind,
zeigen sich die nutritiven Storungen am auffallendsten : die Abma-
gerung ist so bedeutend, dass die Gelenkknorren stark hervorragen.
Sehnen und Ligamente erschlaffen: die Haut ist welk, trocken,
auch wenn sie an andern Theilen transspirirt. Der Blutlauf in
den Capillaren ist trage , daher blaulich-rothes oder sehr blasses
Colorit, und gesunkne Tempera tur. Sehr langsames Wachsen der
Nagel ist an der gelahmten Extremitat von Dr. G. v. Breuning
beobachtet worden ( Vgl. Wiederbelebung gelahmter Gliedmaassen
durch den Sehnenschnitt. S. 33 und 41). Wo Hautanasthesie mit-
vorhanden ist, hort die Widerstandsfahigkeit gegen aussere Ein-
lliisse auf (Vgl. S. 206), und Decubitus stellt sich oft ein, wie cs
besonders bei den Spinallahmungen der Fall ist.
Die Lahmung ist dem Grade nach verschieden: unvollkommen
(Paresis) oder vollstandig. In dcr ersteren ist die Leitung nicht
ganz aufgehoben, sondern trage und zogernd. Bei dem Mangel
bestimmter Maassc Fur die Geschwindigkeit der Nervenleitung im
gesunden Zustande, welche auch immer ungeniigend ausfallen
werden, da die Leitung im Nerven nic anders erkannt werden
kann, als durch die Contraction des Muskels fur den motorischen,
und durch die Perception des Bewusstseins fur den sensibeln Nerven,
ACINESES.
633
voimte uns in partiellen Paralysen dcr Vergleich mit den ent-
sprechenden gesimden Theilen einigen Aufschluss geben: dariiber
liiiegen indess noch keine Beobachtungen vor, wenn die in der
"S.childerung der Zungenlahmung angefuhrte ausgenommen wird,
deren Genauigkeit nicht erheblich zu sein scheint. Man bat sich
wie so ol't in medicinischen Angaben, mit allgemeinen vagen
Ausdriicken begnugt. Allein selbst von Irrthum ist die haufige
Annahme unvollstandiger Lahmung nicht freizusprechen , indem
man in diesen Fallen versaumt hat die Bestimmung der einzelnen
IMuskelgruppen vorzunehmen, und die Stoning, welclie durcb die
Mobilitat der einen und die Unbeweglichkeit der andern erzeugt
wird, fur den Ausdruck einer Paresis des ganzes Gliedes halt.
Auch kommt noch ein Umstand in Betracht, der fur die Beur-
theilung des Maasses der Lahmung in den obern und untern Ex-
tremitaten nicht unwichtig ist. Beim Menschen stiitzen die Beine
den ganzen Rumpf und geben von Abnahme der Motilitat sofort
ein deutliches Zeugniss, wahrend die herabhangenden Arme, welclie
nichts zu tragen haben, keine Schwache verrathen. So wie man
daher diagnostische Versuche fiber die Beweglichkeit der untern
Extremitaten bei angelehntem und liegendem Rumpfe vornimmt,
so sollten ahnliche iiber die obern Extremitaten mit Ilalten und
Schwingen schwerer Dinge, oder bei vierfiissigem Gange angestellt
werden, wobei Anfangs das Ungevvohnte dieser Stellung in An-
schlag zu bringen ist.
Fur die Lahmungen wiihle ich dieselbe Eintjieilung, wie fur die
Krampfe (S. 283).
I. Onlniuij^.
Lahmungen, abhangig vom Verluste/der Leitungsfahig-
keit der motorischen Nerven als Conductoren.
1. Gatlung , der cerebrospinalen Bahnen. Die peripherischen Pa-
ralysen befolgen die Norm der isolirten und centrifu-
galcn Leitung (S. 278) in gleichseitiger Bichtung.
G34
ACINESES.
2. G anting, tier sympathischen Bahnen. Es ist zwar durch die
neuern Uiitersuchungeii dem Sympathicus Selbstandig-
keit vindicirt und die Ansicht von den Ganglien als
Centralorganen befestigt worden, von wo aus sowohl
unmittelbare als reflectirte Erregung der motorischen
Nerven erfolgt (S< weiter unten), allein die palholo-
gische Kenntniss dieser Ganglien ist noch zu wenig
vorgeriickt, um dieselben von den pcripherischen Bah-
nen des Sympathicus zu trennen.
II. ©imI iimig.
Lahmungen, abhangig vom Verluste der Erregung der
Centralapparate.
1. Gciltung, des Riickenmarks.
2. G calling, des Gehirns. In bciden waltet die Mittheilbarkeit der
Zustande, und in den cerebralen Lahmungen die Norm
der Leitung in gekreuzter Richtung.
Die Ursachen der Paralysen sind nur zu einem kleinen Theile
bekannt. Ein jedes Lebensalter ist ihnen ausgesetzt, des Foetus
und des betagten Greises; es giebt eine Paralysis congenita und
connata, von welcher letzteren die durch Zangendruck entstandene
mimische Lahmung ein Beispiel ist. Zur Zeit der Dentition kom-
men ofters Paralysen zum Vorschein, der untern Extremitaten
oder einzelner Glieder, nach vorangegangenen Convulsionen odcr
auch ohne diese, die zuweilen das gauze Leben fortbestehen.
Das jugendliche und hohere Alter wird haufiger von cerebralen,
das mittlere von spinalen Lahmungen befallen. Fur die letzteren,
besonders fur Tabes dorsualis, zeigt das mannliche Geschlecht
eine entschieden gxossere Anlage , als das weibliche. Erbliche
Disposition zu Liihmmigen wird seltner beobachtet, als zu andern
Nervenkrankheiten. In der iitiologischen Beziehung zum Blute
unlerscheidcn sich die Paralysen von den Convulsionen dadurch,
dass Anamie ilinen seltner zu (Irunde liegt, wahrend die fort-
dauernde Unterhaltung eines starkern Blutandrangs nach den Ceil-
ACINESES.
G35
ralorganen
ein atiologisches Moment von Belang hergiebt. So
»egunstigt Hypertrophic des linken Ilerzventrikels die Entste-
mng von Cerebrallahmungen an und fur sich, nicht bloss durch
be von ibr gesetzte Haemorrhagia cerebri. Veriinderte Blulkrasis
lat seltner Lahmungen, als Krampfe zur Folge: Stoffe mit spe-
icifischem paralysirenden Einllusse sind Blei, Arsenik, Woorara,
Wicotiana. Unter den pathischen Processen ist der rheumatische
am fruchtbarsten und steht der Frequenz nach oben an, sowohl
in den immittelbaren , als in seinen Folge wirkungcn. Die Stbrung
und Unterdriickimg der Hautthatigkeit durch Luftzug oder Durch-
nassung paralysirt entweder auf der Stelle, wie die mimische
Gesichtslahmung , cbe Ptosis und Aphonia paralytica bezeugen,
oder allmahlig, wo von besonders die Suppression der an den
Fusssohlen vieler Menschen, seltner in den Handtlachen, reichli-
cben und eigenthumlichen Secretion ein Beispiel giebt. In
den letzteren Fallen scheint nicht so wold ein metastatiscber Vor-
gang, wie die iiltere Schule annahm, als cine zugleich ent-
standene peripherische Affection der motorischen und sensibcln
Nerven, eine Yeranderung ibres Erregungszustancles stattzufinden,
welche sich nach und nach durch Riickwirkung aut das Central-
organ weiter verbreitet. Beziehungsreich fur die Lahmungen wird
Bheumatismus auch durch die consecutiven Veriinderungen der
fihrosen Gewebe, an und durch welche motorische Nerven ihren
Laut' nehmen. Hier spielt besonders das innere Periosteum der
Schadelknochen , die dura mater, eine wichtige Rolle, entweder
primar oder in Folge ahnlicher Affection des Pericranium, und gc-
winnt durch ihre weitere Begleitung der Schadelnerven eine
grossere Bedeutung. Rheumatische Exsudationen innerhalb der
Nervenscheiden , wovon zwar oft die Rede ist, sind bisher bei
LeichenofTnungen nicht gefunden worden ( Froriep Beobachtungen
iiber die Heilwirkung der Electn'citat bei Anwendung des ma-
gnetoelektrischen Apparats. 1. Heft. 1843. S. 19.). Auch die von
Froriep als rheumatische Schvviele bezeichnete Exsudalion im
G36
ACINESES.
Hautzellgewebe, welehe sich genau in dem Bereiche der Ver-
theilung eines Nervenastes oder in einem ganzen Nervengebiete
abgranzen soli (a. a. 0. S. 9.), ist nodi durch keinen anatomischen
Befund bestatigt worden und hat sich mir, selbst bei Lebenden,
in zahlreiclien Fallen der rheumatischen Gesichtslahmung, nicht
dargeboten. Der syphilitische und der scrofulose Krankheitsprocess
vermitteln Paralysen durch ihren Einlluss auf die knochernen und
membranosen Hiillen, durch Erzeugung von Aftergebilden, und
durch Anschwellung der in der Nahe von Nervenbahnen gelege-
nen Driisen. Die andern pathischen Vorgange, Entziindung, Er-
weichung und Hamorrhagie, welehe vorzugsweise die Centralap-
parate zu ihrer Statte wahlen, bringen Lahmung durch Ruptur
oder Compression der motorischen Faserung hervor , und mischen
nicht selten die Symptome der Reizung den paralytischen ein.
Unter den Organen, welehe durch Entziehung des Rellexeinflusses
Immobilitat und Lahmung herbeiluhren, geben Nieren, Darmkanal
und Uterinapparat die ergiebigste Quelle, letzterer durch Vermit-
telung der hysterischen Lahmungen. Fur keine andre Classe von
Nervenkrankheiten sind aussere Verletzimgen so fruchtbar, wie fur
Lahmungen. lhre Wirkung ist entweder mittelbar durch Einlei-
tung andrer Krankheitsprocesse oder unmittelbar durch Commo-
tion, Compression oder Ruptur. Die Erschutterung durch Stoss,
Schlag, Fall trifft die peripherischen oder centralen Nervenapparate
mid bleibt selbst im erstern Falle selten beschrankt, sondern
dehnt sich in weiteren Kreisen aus. Trennung des Zusammen-
hangs der motorischen Fasern, zum Beispiel durch Schnittwunden
und chirurgische Operationen, und Compression erlautern das Ge-
setz der isolirten Leitung auf’s anschaulichste. So empfinden Am-
putate und Yerkriippelte beim ersten Gebraach der Rrucken durch
den Druck in. der Achselhohle Erstarrung und Abnahme der Mo-
tilitat in den Armen. Nach dem Aulliegen des Kopfes auf dem
Arme wahrend des Schlafes ist beim Erwachen schon oilers eine
Lahmung der Finger beobachtet worden (Vgl. Robert llcahjs
C37
ACINESES.
iittheilung in Dublin Hospital reports. 1822. Vol. III. p. .253.).
raves erzahlt den Fall cines robusten Mannes, der sehr ermiidet
ich dem Mittagessen einschlief, mit dem Kopfe auf den Armen
luhend, die auf dem Tisclie gekreuzt waren. Beim Erwachen
ar der eine Vorderarm und Hand ibrer Bewegung verlustig, und
ilieben, trotz aller angewandten Mittel, bis zu dem ein Paar
iahre nachher erfolgten Tode gelahmt (A system of clinical me-
Iiicine p. 410.). Driisengeschwulste , Aftergebilde , Aneurysmen,
errende Narben geben Anlass zur Compression. Unter den
tmospharischen Einlliissen ist strenge Kalte als gunstiges Moment
ur peripherische Paralysen, und jahes Fallen des Barometerstandes
ur Cerebrallahmungen zu erwahnen. Erschopfung durch sperma-
ischen Yerlust bat bisher oline genugende Kritik als specifische
LJrsache der Spinallahmungen , besonders der Tabes dorsualis, ge-
.>olten. Von Wichtigkeit ist anhaltender Verbrauch und iibermas-
■dger Aufwand motorischer Kraft durch fortgesetzte , angestrengte
Idewegungen und Stellungen, durch epileptische und hysterische
(Convulsionen. Psycliische Eindrucke, zumal Schreck und Gram,
stehen in naherer Beziehung zu Cerebrallahmungen. Am ergiebig-
ssten zeigt sich jedoch der Verein mehrerer Ursachen, daher es
inicht auffallend ist, dass nach Feldzngen und so grossen Ereig-
inissen, wie die Befreiungskriege waren, die Zalil der Liihmungen
i in betrachtlichem Maasse zugenommen hatte.
Der Verlauf der Lahmungen ist gleichmassiger , als der an-
drer Neryenkrankheiten : Beharrlichkeit ist im Allgemeinen ihr
Karakter. Periodischer Typus kommt ihnen nur in seltenen Aus-
nahmen zu (Vgl. den Abschnitt uber Paralyse der Bumpfathem-
muskeln.). Das von Zeit zu Zeit bei geeigneten Anliissen sliirkre
oder uberhaupt sichtbare Hervortreten der paralytischen Symptome
darf damit nicht yerwechselt warden. So ist die Lahmung des
Antlitznerven oft auf wenige Fasern beschriinkt, oder in so
schwachem Grade vorhanden, dass sic bei ruhigem Stande der
Gesichlsziige nicht erkennbar ist und nur bei mimischen oder
038
ACINESES.
respiratorischen Bewegiingen sich herausstellt. Die Paralyse des
llecurrens einer Seite stort oft die ruhigen Athembewegungen gar
nicht , macht sicli abler sotort bei respiratorischen Anstrengungen
bemerkbar. Wo die Bedingung der Lahmung Fluctuationen unler-
worfen ist, giebt sich einige Veranderlichkeit im Verlaufe kund,
z. B. bei Entziindung und Erweichung der Hirnsubstanz , wo Bes-
senmg, Stillstand und Yerschliramerung otters abwechseln.
Die Dauer der Paralysen ist seltner acut als clironisch: am
kurzesten in denen des Sympathicus, am langsten in den spinalen
und peripherischen Lahmungen. Die cerehralen bieten die grosste
Verschiedenheit dar, von einigen Stunden, z. B. bei Ilaemorrhagia
cerebri, bis zu einem ganzen Lebensalter (Paralysis congenita).
Die Prognos,e der Lahmungen ist ungunstig, denn selbst
wenn Genesung erfolgt, ist diese selir selten vollkommen: Spuren
bleiben melir oder minder zuriick. Sitz und Ursache geben den
Maassstab der Gefabr. Centraler Sitz ist misslicher, als periphe-
rischer. Lahmungen im Gebiete des Sympathicus gehoren zu den
gefahrlichsten. Unter den Ursachen sind Desorganisationen und
Aftergebilde die schlimmsten. Auch modificirt das ursachliche Ver-
haltniss die vom Sitze entnommene Prognose : so bietet eine durch
Necrose des Felsenbeins bedingte Gesichtslahmung weniger Aus-
sicht zur Ileilung dar, als eine durch Exsudat an der Ilirn-
grundflache oder durch ein der Resorption fahiges Blutextravasat
im Gehirne entstandne. Zunachst kommen die Wirkmigen der
Lahmungen in Betracht, Uemmung des Lufteintritts und Verande-
rungen in der Haematose bei Paralyse des Vagus, Verhaltung
des Urins bei Lahmung der Blasennerven , Erweitierung holder
muskuloser Organe, des Schlundes, Magens, der Darme, mit Re-
tention der auszuleerenden Stoffe, Ileus. Complication en steigern
die Gefahr, am moisten mit Anasthesie , wclche destructive Vor-
gange, Decuhitus u. s. f, einleitet.
the Leichenbefunde bei Lahmungen sind so mannigfaltig
wie die Krankheiten, welclie Lcitung und Erregbarkeit der mo-
ACINESES.
639
j rischen Nerven aufheben. Der consecutiven Atrophie der letz-
•en ist S. G31 erwahnt worden. Vieles bleibt noch kiinftigen
itersuchungen vorbehalten, Vieles wird fur immer verhiillt bleiben.
Die Naturheilung der Lakmungen kommt seltner durch lic-
it igung der Hindernisse der Leitung in den peripherischen Bah-
ai zu Stande, als durch Ilerstellung der Erregung von den Cen-
alorganen aus. Audi Uehertragung findet zuweilen statt, mittelst
ipetiginoser Affectionen unci Succession zuriickgedrangter oder in der
; ntwickelung begriffiier Processe, des arthritischen , trichomatosen.
In der Behandlung fulirt die Erfiillung der Causalindication,
iclhst wo ilir in vollem Umfange geniigt wird, selten allein zum
iel. Man ist zwar dadurch im Stande die Hindernisse der Lei-
ung, z. B. Dr'usen- und andre Geschwiilste , Enoclienkrankhei-
t>en etc. zu entfernen, allein es gelingt auf diesem Wege niclit,
ie hei einiger Dauer der Lahmung stockende Quelle centraler
Crregung in Gang zu hringen, nocli die in den contractilen Ge-
weben zu Stande gekommene Veninderung aufzuheben. Beide
mdicalionen sind von grosser Wichtigkeit: die letztere urn so
lehr, weil, wie sclion oben erwahnt worden ist, die Muskel-
i flection als Residuum der Lahmung zurixckbleiben kann, und
leicl’s instructive Versucke (1. c. p. 9 — 11) nachgewiesen baben,
lass galvanische Reizung der gelahmten Muskeln die Irritability
:nd Integritiit derselben erhiilt. Mehreren Froschen wurden die
Verven der untern Extremitaten in dem Wirbelkanal clurclischnitten.
md darauf die Muskeln des einen paralysirten Beins taglicli mit
riner schwachen Batterie galvanisirt, wiihrend die Muskeln des
mdern gelahmten Gliedes ruliig verblieben. Nacli Verlauf zweier
Vlonate zeigten die ersteren ihren gehorigen Umfang und Festig-
Keit, und zogen sicli kraftig zusammen, dagegen die andern die
I Ialfte ihres Volumens eingebiisst batten und einen bedeutenden
Contrast mit den ersteren bildeten ; sie batten zwar nocli Con-
iractilitat , allein ohne Zweifel wiirde dieselbe bei langerer Fort-
setzung des \ersuchs, wegen rnangelbafter Ernabrung und Ver-
G40
ACINESES.
anderung der Muskelsubstanz , ganz verschwunden sein. Alle
Mittel, welche die Herstellung und Erhaltung der Muskelintegritiit
bezwecken, finden daher in der Behandlung der Lahmungen ihre
Anwendung, Frictionen, Massiren, und besonders die Electricitat,
deren durch Induction erzeugte Strome mittelst magneto - electri-
scher Apparate den Vorzug vor der Reibungs- und Contact-
Electricitat yerdienen (Vgl. Froriep's oben angefuhrte Schrift). In
der antiparalytischen Wirksamkeit der Electricitat schcint mir dieser
belebende Einfluss auf den Stoffwechsel in dem Muskelgewebe
von grossrer Bedeutung zu sein, als die Wirkung auf den Ner-
ven, welcher nur als Leitungsbahn in Betracht kommt, da aucli
nach seiner Zerstorung, wie aus Reid's Versuchen bervorgeht,
der Erfolg nicbt ausbleibt. Aus diesem Grunde leistet sie am
meisten in den metallischen Lahmungen, wo die trophischen Mus-
kelstorungen einen hohen Grad erreichen, und in den Zustanden,
wo die Muskelaffection als Residuum der friihern Lahmung fort-
besteht, wahrend sie niemals allein Hiilfe schalfen kann, wo es
noch der Herstellung der Erregung vom Centralorgane bedarf.
Daraus erklart sich auch das oftere Aufgeben und Wiedereinfuhren
ihres Gebrauches. In neuerer Zeit faaben die orthopadischen
Fortschritte, die gymnastischen Uebungen und die Tenotomie den
Apparat der Mittel vergrossert, welche die Ernahrung und Bele-
bmig der Muskeln fordern.
In Erfiillung der andern Indication, die Erregung von den
Centralorganen aus wieder herzustellen, ist unser Wirken beschrank-
ter, und sehr oft erfolglos, woran theils die Unkenntniss und
Unheilbarkeit der die Quelle der Erregung unterbrecbenden Zu-
stande , theils der Mangel solcher Mittel Schuld ist, durch welche
wir unmittelbar auf jene Organe einwirken konnen. Nur zwei
Einfliisse kennen wir, welche dies vermogen, der psychische und
der Reflexreiz. Der erstere wird durch Willenskraff und Emotion
Aermittelt, nicht bloss durch jahc und starke Affecte, Freude,
Schreck, Verzweiflung, sondern auch durch cine andauernde psy-
ACINESES.
641
■hische Spannung, wie sie durch begeistertes Vertrauen auf gott-
iclie und menschliche Hi'ilfe gesetzt wird: docli scheitern leider
lie Erwartungen haufig ail der Indolenz oder Veranderlichkeit der
ivranken. Der Rellexreiz w ird durch Erregung sensibler centri-
rntaler Nerven in Anspruch genommen, wobei es keinesvvegs
rleichgiiltig ist, wo und wie der Reiz angebracht wird. Beson-
lers entscheidet in den Reflexparalysen die richtige Wahl den
iirfolg der Cur: Drastica eignen sich fur die vom Darmkanal,
)iuretica fur die von den Harnwerkzeugen abhangige Lahmung
i. s. f., wie sich dies aus der Schilderung dieser Krankheiten na-
ler ergeben wird. Allein auch in Betrelf der andern Lahmungen
st die Topik und Modalitat der Reflexreizung nicht unwichtig.
jewisse Stellen der Oberflache sind rellexhaltiger, z. B. die Fuss-
iohlen. Reizende Fussbader mit einem Zusatz von Konigswasser
>der Aetzkali zeigen sich in den nach Wegbleiben von Fuss-
chweissen entstandnen Paraplegieen wirksam, auch wenn der
dchweiss nicht zuriickkehrt (Ygl. die Fiille in den von mir her-
usgegehenen Klinischen Ergebnissen 184 6. S. 69.). Die
i mere Flache der Harnblase verdient wegen ihrer starken Rellex-
uction mehr Berucksichtigung, und Injectionen von kaltem Wasser
ind bei Paraplegieen mit Lahmung der Sphincteren zu versuchen.
Auch die Kenntnis^ bestimmter Beziehungen zwischen einzelnen
entripetalen und motorischen Bahnen ist fur diesen Zweck zu
oenutzen, z. B. des Quintus zum Facialis, zum Oculomotorius,
iles Vagus zu den Spinalnerven, welche die Athembewegungen
ermitteln. Unter den verschiednen Arten des Rellexreizes sind
Mitze und Kalte die machtigsten in lluchtiger Application: Schnell-
inoxen, Annaherung warmer Diimpfe, heisser Metallplatten , Be-
pritzung, Anwiirfe mit kaltem Wasser; ferner Frictionen in cen-
iripetaler Richtung, Electropunctur, Urtication, doch hiite man sich
or Ersclidpfung der Refiexerregharkeit durch zu lange Fortsetzung
lieser Versuche, welche vielmehr in gehorigen lntervallen wieder-
lolt werden mussen.
042
ACINESES.
Aehnlich den Reflexreizen wirken, wenn auch in unsrer Ge-
brauchsweise nur mittelbar durch das Blut, zwei Pllanzenalcaloide
snecifiseh auf den motorischen Apparat des Riickenmarkes ein,
das Strychnin und Brucin (Vgl. S. 504 — 508.), sind aber als
Heilmittel, besonders das erstere, bald gelobt, bald vqrworfen
worden, woran der Mangel an Unterscheidung der paralytischen
Zustiinde nicht minder Schuld hat, als die Hast und Unvollstan-
digkeit der Beobachtung. Folgende Kategorieen erfordern und be-
giinstigen den Gebrauch dieses Mittels. 1) Fortdauer der Uner-
regbarkeit motorischer Nerven nach Entfernung der Ursachen,
welche ihre Leitungsfahigkeit gehemmt haben, z. B. der Exsudate
oder anhaltenden Druckes durch nahgelegne Geschwiilste. 2) Re-
llexparalysen. 3) Lahmungen durch Commotion, sei es periphe-
rischer Bahnen, sei es der Centralorgane , vorzugsweise des Riik-
kenmarks. Contraindicirt ist das Strychnin bei Desorganisationen
mit Reizung und in der Tabes dorsualis, wo es den Fortschritt
der Krankheit beschleunigt. In der technischen Anwendung komrnt
es darauf an, wie bei vielen andern Mitteln, den Saturationspunkt
nicht zu uberschreiten , allein auch andrerseits ihn liingre Zeit zu
unterhalten. Die gelahmten Theile selbst sind die empfindlichsten
Reagentien, und werden zuerst und vorzugsweise von mehr oder
minder fluchtigen Contracturen und durchfahrenden Schmerzen
befallen. Deshalb stelle man nicht sofort den Gebrauch ein, son-
dern gebe kleinere Dosen oder in langeren Zwischenraumen.
Nur wo die Symptome zur tetanischen Ilohe steigen, wo Ilin-
falligkeit und Angstgefuhl, Schmerzen und Benommenheit des
Kopfes hinzutreten, ist das Aussetzen nothwendig und das Darrei-
chen von Ammonium carboaicum , Essigather etc. niitzlich.
Unter den Praparaten wird das Extr. nuc. vom. spirit., \ — 1 — 2
Gran, zum innern Gebrauche voreezogen , das schwefelsaure
Strychnin, \ ^ Gr., zum eiidermatischen. Nach Bardsley s
genauen Beobachtungen , welche in seiner Schrift (Hospital facts
and observations. London 1830.) mitgetheilt sind, scheint das
ACINESES.
643
reine Alcaloid, zu Gr., zwei- bis dreimal taglich, eine grosse
Wirksamkeit zu besitzen. Das Bruciu wirkt schwacher und muss
in 4 — 6fach grosserer Gabe verordnet werden.
Ein andres, auch in neuerer Zeit zur Kenntniss gekommenes
Pflanzenalcaloid , das Veratrin, welches in Nervenkrankheiten bis-
| her hauptsachlich bei Neuralgieen seine Anwendung gefunden hat,
verdient in Lahmungen naher gepriift zu werden. Sein Erfolg ist
nach einigen von mir beobachteten Fallen, wo ich mich der Inunc-
tion mit einer aus 10 — 15 Gran auf die halbe Unze Fett bereite-
ten Salbe, dreimal taglich, bedient habe, um so grosser, je mehr
Schmerzhaftigkeit mit der Abnahme oder dem Verluste der Motili-
tat verbunden ist. Endlich giebt es noch StofFe, welche eine spe-
cielle Anregung fur einzelne motorische Nerven haben, Canthariden
Fur die Blasennerven, Mutterkorn fur die Uterinnerven.
Unter den integrirenden Lebensreizen, welche Lahmungen zu
heilen im Stande sind, ist Warme der machtigste. Yon der ani-
malischen, in Form der Thierbiider und des Accubitus, war die
Erwartung grosser als der Erfolg, dagegen die tellurische, wie sie
in den Thermen zu Tage kommt, ihre Heilkraft oft bewahrt. Am
wirksamsten zeigt sie sich in rheumatischen und arthritischen Pa-
ralysen (Teplitz, Wiesbaden), in den metallischen (Aachen, Nenn-
dorf etc.), in den hysterischen (Ems), und in der durch Aufwand
motorischer Kraft und Strapazen entstandnen, wie sie bei fruhaltern-
den Menschen angetroffen wird (Gastein, Wildbad).
Die laienhafte Annahme einer Nervenschwache in den Lahmun-
gen hat eine Menge stlirkender und excitirender Mittel in die Be-
handlung dieser Krankheiten eingefuhrt, von welchen endlich sich
loszumachen die getauschten Hoffnungen das Recht geben. Nur bei
aniimischer Basis, primarer oder secundarer oder mit Dyscrasie ver-
bundener (die kachektische Lahmung der Alten), ist von der Re-
stauration des Blutes Heil zu erwarten. Ilier eignen sich vor alien
die natiirlichen Eisenwasser, Pyrmont, Spaa, Driburg, wovon Mar-
card’s, Brandis, und Briick’s Erfahrungen Zeugniss geben.
644
ACINESES.
Ausser diesem Verfahren stehen nocli zwei Wege offen, urn
in den widerspanstigen Lahmungen eine Veranderung hervorzu-
rulen, das Erwecken eincr Reaction und die Uebertragung. Die
erstere wird durch den Gebrauch des kalten Watsers erzielt, in
Form der Waschung, Uebergiessung, Douche, des Plongirbads,
und in neuester Zeit durch die methodische Anwendung der
feuchten Kiilte — doch liegen noch zu wenig genau beobachtete
Thatsachen vor, urn unsere Erwartungen von der Wassercur in
Paralysen hoch spannen zu diirfen. Zur Uebertragung eignen
sich Haut und Darmcanal am meisten. Exutorien stehen in
altem Rufe, und bewahren ihn vorzuglich bei Krankheiten der
knochernen und hautigen Mullen und bei impetiginoser Compli-
cation oder Metastase. Ableitung auf die gastrische Bahn des
Vagus mittelst Emetica wirkt der paralytischen Affection seiner
respiratorischen. Bahn entgegen.
Eine Warnung bescbliesse diese Einleitung, Gelahmte mit un-
heilbar erkannten Zustanden, z. B. Tabes dorsualis, Zerstorung
/
einzelner Nervenstrecken u. s. f., keinen unnutzen und qualenden
Heilversuchen zu unterwerfen. Ilier unterscheide sich der Arzt
als Kenner von dem Trosse jener Unberufenen , welche in unsern
Tagen jeden Kranken als Beute sich zuzueignen bereit sind.
Erste Ordnung.
fialmuingen vom VerSuste der Leitungs-
faliigkeit der motorischen Herven als
Conductor en.
1. Gatitoang.
Idihimingen tier cerebrospinalcn Dalinen.
Lahmung
des N. facialis.
Mimische Gcsichtslahmung.
Der karakteristische Zug dieser Lahmung, an welche sich ein
! historisches Interesse kniipft, da mit ihrer Darstellung Bell die
I Restauration der Nervenpathologie eingeleitet hat, zu dessen Anden-
lAen sie auch jetzt in England die Bellsche Lahmung genannt wird,
1st Stillsland in den Bewegungen der vom Antlitznerven versorgten
HVIuskeln, einzelner oder sammtlicher, einer oder in seltnen Fallen
beider Gesichtshalften. Der Kranke ist ausser Stande die Stirn zu
runzeln, deren Furchen sofort nach Eintritt der Lahmung vcr-
'Schwinden, so dass des Greises Stirn glatt wird, wie cines Kindes,
and fur alte Frauen kein wirksameres Cosmeticum existirt. Die
'Augenbraue liisst sich weder in die Ilohe ziehen noch runzeln, und
nimmt einen niedrigeren Stand ein, die Lidcr konnen nicht geschlos-
sen werden, und haben ihre blinzelnde Bewegung eingebusst. Der
'Nasenfliigel ist eingesunken, und delint sich nicht beim tiefen Ein-
G4G
MIMISCHE GESICIITSLAIIMUiXG.
athmen noch beim Aufschnauben und Riechen aus. Die gelahmte
Backc schwillt beim Sprechen und bei anderen exspiratorischen Ac-
tionen auf. Die Aussprache, zumal der Lippenbuchstaben , ist er-
schwert. Die Versuche dcs Ausspeiens, Blasens und Pfeifens miss-
lingen : die Luft entweicht aus der gelahmten Lippenfuge, und der
Speichel und genossenes Getrank traufeln aus. Beim Essen haufen sich
leicht die Speisen zwischen der innern Backenflache und den Zahnreihen
an, da die Lippe und Backe ihre Theilnahme am Kauen versagen.
Ebenso bezeichnend wie der Stillstand der Bewegung in den
vom Antlitznerven versorgten Muskeln sind bei halbseitiger Lahmung
das Uebergewicht der Antagonisten und die Contraction symmetri-
scher Muskeln der gesunden Gesichtshalfte. Das Offenstehen des
Auges, im Wachen und im Schlafe, ist mehr von der gesteigerten
Thatigkeit des Levator palpebr. super, abhangig, als von der
Paralyse des Schliessmuskels. Das obere Augenlid ist stark in
die Hohe gezogen , daher sein Saum scbmaler als am gesunden
Auge ist, und das Auge dadurch scheinbar grosser. Bei einer blos-
sen Immobilitat des M. orbicul. palpebr. wiirde dieses nicht der
Fall sein, wovon man sicli nach Durchschneidung des Augenlidhe-
bers, wie sie Dieffenbach zur Beseitigung der Deformitat vorgenom-
men hat, iiberzeugen kann. Die Contraction der Muskeln der ge-
sunden Gesichtshalfte ist hauptsachlich an der Entstellung Schuld,
indem sie die Medianlinie verruckt, und Nasenspitze und Mund seit-
wiirts zieht. Diese Yerzerrung der Ziige, welche bei halbseitiger
Lahmung entweder in erheblichem oder scliwachem fast unmerk-
lichem Grade vorhanden sein kairn, tritt bei alien mimischen und
respiratorischen Bewegungen des Gesichtcs greller hervor, beim Spre-
chen, Lachen, Weinen, Niesen, Aufschnauben, Gahnen, im leiden-
schaftlichcn Ausdrucke.
Anders verhiilt es sich in der Paralyse beider Antlitznerven. In
zwei mir unlangst vorgekommenen Fallen bot das Gesicht ausser
dem Offenstehen beider Augcn keine Entstellung dar: nur die Glatte
der Stirn und der Mangel irgend einer Furche warcn in dem Ge-
MIMISCHE GESICHTSL AHM UN G.
G47
sichte des einen 43jahrigen Kranken auffallend. Noch mehr frap-
pirte die Kalte des Ausdruckes beim Sprechen, bei aufgeregter Ge-
muthsstimmung in dem schhnen Gesicht einer jungen Dame. Der
eine Kranke fuhlte es selbst und bezeichnete als das grosste Miss-
geschick, dass er ohne Veranderung seiner Ziige, ohne dass die an-
dern Menschen es ibm ansehen konnen, frohlich oder traurig sein
miisse. Bei einem sechzehnjahrigen in Dupuylren’s Klinik beob-
achteten Madchen mit Liihmung beider Gesichtshalften war auch keine
Verzerrung, wohl aber eine Erschlaffung und ganzliche Unbeweg-
lichkeit aller Gesichtsziige wahrnehmbar. Die Augenlider schlossen
sich nur zur Hiilfte: die Lippen standen offen, und wurden wie
zwei Vorhange von der ausgeathmeten Luft bin- und herbewegt.
Die sehr ausdrucksvolle Physionornie hatte einen ernsten Karakter,
welcher mit der Gemiithsstimmung auffallend contrastirte. Man horte
die Kranke laut auflachen, allein sie lachte wie liinter einer Maske
( Bell physiol, u. pathol. Unters. S. 282).
Einige andere Erscheinungen begleiten die Lahmung der Muskeln.
Wegen Immobilitat des untern Augenlides konnen die Thranen nicht
leicht nach dem innern Augenwinkel hingeleitet werden , sam-
meln sich an, und traufeln alsdann auf die Backe herab, wovon auch
eine Trockenheit der entsprechenden Nasenhohle die Folge ist. Aus
Mangel des Schutzes blinzelnder und schliessender Bewegungen der
Lider, ist das Auge iiusseren Eintlussen blosgestellt, und wird nicht
selten von Entziindung der Conjunctiva befallen. Die Unbewegiich-
keit des Nasenlliigels verhindert das Aufathmen, welches zur vollen
genussreichen Thatigkeit des Geruchsinnes nothwendig ist, daher
auch Thiere, bei welchen die Stamme der Antlitznerven durchschnit-
ten worden, nicht mehr im Stande sind zu wittern, eben so wenig
wie die Ohren zum Horchen zu spitzen.
Die Sensibilitiit des Gesichtes ist bei isolirter Affection der Ant-
litznerven unbetheiligt , wovon ich durcli genaue Untersuchung aller
solcher mir vorgekommenen Fiille mich und Andere iibcrzeugt habe.
Bei kingerer Dauer der Lahmung stellt sich Erschlaffung und Welk-
G48
MIMISCI IE GESICHTSLA1 IMUNG.
heit dcr die gelahmten Muskeln, besonders der Backe, bedeckenden
Haut ein. In der Paralyse der Kami palpebrales findet nicht selten
cine Procidenz und halbe Ectropic des untern Augenlides statt.
Diese im Allgemeinen sich kundgebenden Ziige der mimischen
Gesichtslahmung werden durch den Sitz der Krankheit modificirt.
I. Ii {Hunting tier iieriplteriscJten Balm ties Facialis.
Das physiologische Kriterium ist: isolirte Leitungsunfahigkeit auf
gleichseitiger Bahn.
Die diagnostischen Merkmale sind verschieden, je nach dem Sitze
in den verschiedenen Stationen des Antlitznerven, in der Gesichts-
llache oder auf seinem Laufe durch das Schlafbein, oder an der Ba-
sis des Gehirns.
1) Sitz der Lahmung in den Ge'sichtsverzweigungen
des Facialis.
Aeussere Verletzungen und chirurgische Operationen an der Ge-
sichtsllache binterlassen zuweilen eine auf einzelne Zweige des Fa-
cialis beschrankte Paralyse. So sah ich bei einem jungen Manne
eine Lahmung der linken Oberlippe und des linken Nasenfliigels
nach der Excision einer grossen steatomatosen Geschwulst aus der
Backe, wobei die Lippen- und Nasenzweige des Facialis durch-
schnitten worden waren. Bell hatte bei der Exstirpation einer Ge-
schwulst am Ohre einen Zwreig des Facialis durchschnitten, welcher
sich in den Mundwinkel yerbreitet. Einige Zeit nachher kam der
Kranke, der ein Kutscher war, zu dim, um sich fur die gelungene
Cur zu bedanken, klagte aber, dass er seitdem ausser Stande sei
seine Pferde mit Pfcifen anzutreiben (Physiol, u. pathol. Unters.
des Nervensyst. S. G2. ). Niichstdem ist es Druck auf die Gesichts-
lliiche, vorubcrgehendcr oder bcharrender, weloher dem Antlitzner-
ven die Leitungsfahigkeit entzieht. Brodie hat eine halbseitige Gc-
sichtslahmung nach einem Schlag auf die Backe bcobachtet (Aber-
crombie pathol. and practic. researches on diseases of the brain
MIMISCHE GESICI1TSLAHMUNG. C49
I and the spinal cord. 3. edit, p. 280.) Der Druck der Gcburtszan'ge
j verursacht oilers eine angeborne Gesichtslahmung, welclie bereits
von 0 siandcr (Handbuch der Entbindungskunst. Tubingen 1821.
11. B. 2 te Abth.) geschildert, und von Dr. Landouzy der Compres-
sion des Nerv. facialis zugeschrieben worden ist (Essai sur l’h^mi-
plegie fac.iale chez les enfans nouveau-nes. Paris 1839). Der Zan-
gendruck triffl nur selten den Nervenstamm selbst bei seinem Aus-
tritte aus dem Foram. stylomastoid., sondern gewohnlich lindet die
Application der Zange nack dem diamet. occipit. mental, statt, so
dass der hintere Rand des Loffels seine Furche einige Linien
vor dem Ohrlappchen im Niveau mit dem Ursprunge der Haupt-
zvveige des Facialis eindruckt, und demgemiiss die Nerven der Augen-
lider, des Nasenfliigels und der Lippe geliihmt sind. Indess kann
die Lahmung' beschrankter sein, wenn der Druck nicht gleichmas-
sig wirkt mid nur einzelne Filamente trilft. Gleich nach der Ge-
burt, beim ersten Schrei des Kindes, giebt sich die Lahmung durch
die Verzerrung der Gesichtsziige kund, wahrend in der Ruhe nicht
die geringste Entstellung, mit Ausnahme des Offenstehens des Au-
ges, bemerkliar ist. Auch geht das Saugen, bei gehoriger Beschal-
lenheit der Brustwarze, ungehindert von statten.
Eine andauernde Compression wird durch Geschwulste und
durch tiefe Narben bewirkt. Am haufigsten sind es Anschwellun-
gen der lymphatischen Driisen in der Nahe des Zitzenfortsatzes und
am untern Rande des Unterkiefers, welche auf den aus dem For. sty-
lomast. hervortretenden Facialis einen Druck ausuben, und das ganze
Gebiet seiner Gesichtsverzweigungen liilimen. Aehnlich wirken ge-
rissne Narben scrofuloser Geschwiire an dieser Stelle. Seltner
geben Degenerationen der Parotis (Vgl. eine genaue Beobachtung
von Biilard in Descot’s dissertation sur les affections locales des
nerfs. Paris 1825 p. 318) und Aftergebilde Anlass. Am haufig-
sten wird die Faserung des Facialis im Gesichte durch den Ein-
druck der Kiilte Oder der Zugluft paralysirt, jedoch nicht immer in
ihrer ganzen Ausdehnung, sondern zuweilen nur in einzelnen Ag-
G50
MIMISCHE GESICHTSLAIIMUNG.
gregaten , so dass nach dem Gesetze der isolirten Leitung auch nur
eine Muskelgruppe oder ein einzelner Muskel von der Paralyse be-
fallen wird. Besonders sind es die Nerven des Schliessmuskels der
Augenlider, welche auf diese Weise ihre Leitungsfiihigkeit einb'ussen,
wovon Lagophthalmus paralyticus die Folge ist. Durch rheumatischen
Anlass, durch Einwirkung der Zugluft auf das erhitzte Gesicht sah
ich in dem obenerwahnten Falle zuerst die rechte, und zwei Tage
darauf die linke Halfte des Gesichts von Lahmung befallen.
2) Sitz der Lahmung in der durch das Felsenbein
streichenden Balm des Facialis.
*
Bei Kopfverletzungen entstehen zuweilen Fissuren und Fractu-
ren des Os petrosum, wo die mimische Gesichtslahmung ein diagno-
stisches Iiriterium fur den Sitz der Verletzung giebt. Bell erwabnt
eines solchen Falles, in welchem ein Pistolenschuss durch das Ohr
das Schlafbein zerschmettert und den Facialis durchrissen hatte,
und eines andern von einem Manne, der nach einem Falle auf den
Kopf noch acht Tage in einem soporosen Zustande, mit Lahmung
der linken Gesichtshalfte lebte. Eine Fractur erstreckte sich quer
durch die Basis cranii und das linke Felsenbein, und hatte den Fa-
cialis an der Stelle seines Eintritts in den innera Gehorgang durch-
rissen. (I. c. S. 204 u. 229.) Gewohnlich geben Tuberculosis und
in deren Folge Necrose des Felsenbeins Anlass. (S. Romberg uber
Lahmung des Antlitznerven durch Krankheit des Felsenbeins in Cas-
pers Wochenschr. fur die ges. Heilk. 1835. S. G01 u. folg.) Fur
ein zweijahriges , im hochsten Grade der Tabes mesenterica abge-
zehrtes Kind mit Otorrhoe des linken Ohres wurde im J. 1835
mein Rath begehrt. Beim Drucke auf den Unterleib fing der
Knabe an zu weinen, doch nur mit der rechten Halfte des Gesichts:
die linke blieb regurigslos. Der Corrugator supercilii bewegte sich
nidit auf dieser Seite, wahrend der rechte die Braue runzelte. Die
linken Augenlider klafften von einander, wobei das Auge in die
Hohe gerollt war, dabingegen die rechten beim Weinen, und, wie
die flutter auf meipe Frage crwiederte, aucli im Schlafe sich
MIMISCHE GESICHTSLAHMUNG.
G51
rbhlossen. Der linke Nasenfliigel war collabirt, die Nasenspitze und
er Mnnd nach der rechten Seite her’ubergezogen. Bei ruhigen Zii-
en zeigte sich ausser einem weiteren Abstehen der Augenlider,
i eodurch das linke Auge grosser erschien als das rechte, und einer
<eringen Wendung der Nasenspitze nach der rechten Seite keine
Sntstellung der Gesichtsz'uge. Ein Paar Tage darauf erfolgte der
i Tod des Kleinen. Die Oeffiiung der Schadelhohle wurde von
lem damaligen Prosector Hrn. Dr. Henle yorgenommen. Auf der
Arachnoidea der Oberflache beider Hemispharen des grossen Ge-
lirns liatte eine Menge kleiner rimder Granulationen ihren Sitz, die
ius einer, eingedicktem Eiter ahnlichen Masse bestanden. In der
t Corticalsubstanz desjenigen Theils des mittleren Lappens, welcher
luf dem linken Felsenbein rubet, fand sich Absatz von Tuberkel-
: masse, die \ Zoll tief in die Marksubstanz eindrang. Audi in der
harten Ilirnhaut, welche das Os petrosum iiberzieht, zeigte sich an
drei Stellen Tuberkelablagerung. Nach Ablosung der dura mater
terschien das Felsenbein von braunlicher Farbe und wurmstichigem
Ansehen; es wurde herausgemeisselt und genau untersucht. Fast
■ durchgangig war es carios. Yom Hammer fand sich keine Spur,
. auch nicht vom Paukenfell , so dass der Eiter aus der Paukenhohle
freien Abfluss durch den iiussern Gehorgang hatte. Der Nervus fa-
cialis verhielt sich in der Partie, welche das Knie genannt wird,
gesund, allein innerhalb des Fallopischen Eanals war ein Theil des-
selben durch Erweichmig desorganisirt. In einem andern von Fro-
riep untersuchten Falle waren nicht bloss die Zellen des Warzen-
fortsatzes mit Tuberkelstoff angefiillt, sondern auch der Fallopische
Kanal selbst, so dass der Antlitznerv bis zu seincm Austritte da-
durch eingepresst war. Das Felsenbein war necrotisch, das Pau-
kenfell und die Gehorknochelchen mit Ausnahme des Steigbugels
waren zerstort. Es fanden sich auch Knochentuberkel in den obern
und untcrn P^xtremitaten. (Vgl. Massalien dissert, inaug. de nervo
faciali, Berolini 1836.) — Auch beim Eintritte in das Foramen
auditorium des Felsenbeins wird der Facialis zuweilen durch an-
G52
MIMISCHE gesiciitslahmung.
granzende Geschwulst dcr harten Hirnhaut oder des Knochens selbst
bceintrachtigt , wovon Gregory ein Paar Beispiele mitgetheilt hat
(Edinh. med. and surg. journ. 1834. Vol. XLIi. p. 272.) Bei ei-
nem vierzigjahrigen Manne war nach dem Aufhoren eines seit sei-
ner Kindlieit andauernden Eiterflusses aus dem rechten Ohre Taub-
heit und Lahmung der vom Facialis der rechten Seite versorgten
Muskeln eingetreten. Nach dem durch eine Krankheit des Pancreas
erfolgten Tode fond man eine in dcr pars petrosa des rechten Schlaf-
beins eingebettete Geschwulst von der Grosse einer Wallnuss, von
Knorpelharte und Perlenglanz, welche das Foramen auditor, iiber-
ragte, und den Antlitz- und Gehornerven fest comprimirte. Der
andere Fall, der wegen des Hervordringens der Geschwulst aus der
Schadelhohle besonders merkwurdig ist, betraf ein funf und dreissig-
jahriges Frauenzimmer, welches von Lahmung der rechten Gesichts-
halfte und Taubheit des rechten Ohrs befallen war. Eine Zeit lang
hatte Otorrhoe aus diesern Ohr mit Abnahme der Taubheit statt-
gefunden. Dabei klagte sie uber Kopfschmerz der rechten Seite
und haufiges beschwerliches Erbrechen. Eine tiefgelegene Geschwulst
von betrachtlicher Grosse hatte zwischen dem rechten Kieferwinkel
und Warzenfortsatz ihren Sitz. Der innere und aussere Gebrauch
des Jods bewirkte eine Abnahme der Geschwulst, allein die Bewe-
gungen der Gesichtszuge blieben beeintrachtigt. Nach einem halben
Jahre wurde sie von neuem in das Hospital aufgenommen, mit hef-
tigem Kopfschmerze, Ohrensausen , Unvertraglichkeit des Lichtes,
Contraction der Pupillen, Strabismus, Erbrechen. Die Geschwulst
war vergrossert, Paralyse und Taubheit unverandert, das Sprechen
undeutlich. Ein Erysipelas verbreitete sich vom Kopfe, wo ein Ye-
sicatorium gelegt worden war, "uber einen grossen Theil des Kdr-
pcrs. Die Kranke starb unter gi'osser Erschopfung und Abmage-
rung, ohne vorangehenden Sopor oder Convulsionen. Der aussere
fesle, scirrhose lumor bildete einen Theil einer breiten unregelmiis-
sigcn Geschwulst oder vielmehr einer Kelte von Gcschwulstcn, die
innig mit cinander zusammenhingen , Absorbtion des Proc. cuneiform.
MIMISCHE GESICHTSLAHMUNG.
G53
und des rechten Condylus des Hinterhauptbeins , so wie auch Ne-
crose einer grossen Partie des rechten Felscnbeins hervorgebracht
hatten, in welcbem cin Thcil der Geschwulst lief und fest einge-
senkt war. Die Geschwulst nahm einen betrachtlichen Raum in
der Fossa cerebelli ein, so dass die rechte Hemisphare des kleinen
Gehirns, die Varolsbrucke und das verlangerte Mark comprimirt
und nach der linken Seite gedriingt waren. Beide Processus resti-
formes erschienen abgeplattet, der rechte Facialis und Acusticus wa-
ren erweicht und durch einen Theil der Geschwulst zusammenge-
presst, oberhalh wrelcher die Fasern des Glossopharyngeus und Hy-
poglossus ausgebreitet waren. Der Abducens war ebenfalls einem
Drucke ausgesetzt. Eine kleine- feste Geschwulst von der Grosse
■ einer Olive war zugleich mit einem Theil der grossern Geschwulst,
an welcher sie lose anhing, bis zu einer bedeutenden Tiefe in die
Substanz der rechten Hemisphare des Cerebellum eingedrungen.
Die Diagnose des Sitzes der Krankheit in der Knochenbahn des
Facialis basirt 1) auf Erscheinungen, die durch den Krankheitsprocess
im Knochen hervorgerufen werden, Otorrhoe mit Ausstossung necro-
tischer Knochenstiickchen, der Gehorknochelchen u. s. f. 2) auf der
Theilnahme des Hornerven, wrenn der Anlass sich an der Eintritts-
stelle des Facialis imFelsenbeinbefmdet, wo Taubheit gewohnlich die
Lahmung begleitet. 3) auf Eigenthiimlichkeiten in den paralytischen
Erscheinungen. Wegen Beeintrachtigung sammtlicher Primitivfasern
des Facialis in ihrem Ensemble, im Stamme, sind nicht nur die
Gesichtsramificationen ihrer Leitungsfahigkeit verlustig, sonclern auch
einige Nerven, uber deren physiologische Bestimmung man noch im
Dunkeln ist. Es sind die Chorda tympani und der N. petrosus super-
licialis major. Arnold hat zuerst einen Zwreig der Paukensaite als
motorische Wurzel des Eiefer- oder Zungenknotcns nachgewiesen
(Der Kopftheil des vegetativen Nervensystems beim Menschen. Hei-
delberg 1831. S. 119), und spatcrhin den Einfluss auf die Ausstos-
sung des Spcichels aus dcm Wharton’schen Gange in einem Falle
von Lahmung des Facialis hervorgehoben, wo an der kranken Seite
654 MIMISCHE GESICHTSLAIIMUNG.
die Speichelentleerung vermindert war (Untersuchungen im Gebiete
der Anatomie und Physiologie. 1. Bandchen, Zurich 1838. S. 210).
Bei meinera zuvor angefuhrten Kranken war die Paralyse beider
Antlitznerven Folge einer aussern Verletzung des Kopfes, wobei die
Schlalbeine durch das Einpressen zwischen zwei Balken besonders
gelitten batten, wie es nebst der Lahmung eine sogleich sich ein-
stellende Taubheit, die spaterhin wieder yerschwand, und Bluterguss
aus den Ohren bezeugten. Ein sehr lastiges Gefiihl von Trocken-
heit in der Mundhohle war vorhanden, welches der Ivranke durch
haufiges Ausspiilen und Anhalten yon Wasser zu lindern suchte.
Die untere Flache der Zunge und das Kieferbassin waren trockner
als gewohnlich. Der N. facialis ist es auch, der den Speichelgang
der Parotis versorgt ( Longet anatomie et physiologie du systkme
nerveux de 1’homme et des animaux vert4bifes. Paris 1842. T. II.
p. 456); ob jedoch bei dem Sitze der Krankheit in den Gesichts-
ramificationen ein ahnlicher Stillstand in der ausleerenden Bewe-
gung des Stenonschen Ganges stattfmdet, ist wegen fortdauernder
Thatigkeit in dem Kanal der Unterkieferdruse nicht mit Precision
zu ermitteln. Die von mir behandelten Kranken dieser Art, auch
die Kranke mit Lahmung beider Gesichtshalften, klagten nicht liber
Trockenheit der entsprechenden Mundliohle. Eine andere bei Lah-
mung des Antlitznerven in seinem knochernen Gehause in mehreren
Fallen beobachtete Erscheinung konunt bier ebenfalls in Betracht:
es ist die Veranderung und Abnahme des Geschmacks in der ent-
sprechenden Seite der Zunge, ohne alle Betheiligung der Sensibili-
tat oder Motilitiit der Zunge. Professor Roux hat in seiner eignen
Paralysis facialis einen metallischen Geschmack in der rechten Zun-
genhiilfte als Yorlaufer und Begleiter der Liilimung bemerkt (De-
scot dissertation sur les affections locales des nerfs. Paris 1825.
p. 331.). Montault fiihrt noch ein Paar Bcispiele an (dissertation
sur l’hemiplegie faciale. Paris 1831. p. 15). Unlangst hat Dr. Ber-
nard ion neuem darauf aufmerksam gemacht, und den Gegenstand
auch anatomisch - physiologisch untcrsucht (Recherches anatomiques
MIMISCHE GESICHTSLAHMUNG.
655
physiologiques sur la corde du tympan pour servir h l’histoire
]e rhdmiplegie faciale im Journal de l’anatomie, de la physiologie
jt de la pathologie du syst&me nerveux. Paris 1843. T. I. p. 408
— 439). In einem Falle war mit Lahmung der linken Gesichts-
halfte Taubheit verbunden, und eine Verletzung des Schlafbeins
mehrere Jahre vorhergegangen. Die Sensibilitiit war yollkommen
erhalten, auch in der Zunge, deren Beweglichkeit nach alien Rich-
tungen ungestort war. Dagegen machte sich in dem vorderen Theil
der linken Zungenhalfte eine Abnahme des Geschmacks, besonders
-saurer Dinge bemerkbar: gepulverte Citronensaure wurde hier weit
llangsamer und schwacker geschraeckt als auf der rechten Seite.
:Des Verfassers Erklarung, dass die in der Schleimhaut der Zunge
■sich verbreitende Chorda tympani ein motorischer Nerv sei mit der
Bestimmung die Nervenpapillen zu erigiren und fur den Eindruck
' der schmeckbaren Dinge empfanglicher zu machen, diirfte wohl we-
nige Anhanger finden. Das Phanomen selbst bedarf auch noch ei-
ner weiteren Bestatigung. *) Die Deutung des N. petrosus superfi-
cialis major ist zuerst yon Bidder versucht worden (Neurologische
Beobachtungen 1836. S. 40), welcher ihn als einen von dem Fa-
cialis zum Ganglion sphenopalatinum hinzutretenden motorischen
Nerven betrachtet, der fur die Bewegung des Velum palat. bestimmt
ist. Von der Leitungsunfahigkeit dieser Nervenfasern scheint
die erwahnte halbseitige Lahmung des Gaumensegels abhangig
zu sein, wodurch das Zapfchen eine schiefe, mit der Spitze
nach der gelahmten Seite gerichtete Stellung bekommt , und
*) In einem Aufsatze des Dr. Wilde in Dublin iiber Ursachen und Be-
handlung der Otorrhoe findo ich die Bemerkung, dass bei Applicalion des
Hollensteins auf die Membrana tympani oft ein Geschmack desselben' ent-
steht. Eine junge Dame, bei welcher kleine Excrescenzen durch das per-
forirte Trommelfell hervorwucherten, erzablte, dass sie ganz bestimmt die
Einwirkung des Aetzmiltels flihle, wie es den Zungenrand cntlang herun-
terlauft, aber niemals die Spitzo erreicht. (Journal fur Kinderkrankheiten
von Behrend und Hildebrand 3. Bd. S. 193.)
G5G
MIMISCHE GESICHTSLAIIMUNG.
nach der Heilung scinen normalcn Stand wieder einnimmt. Boi
vicr Krankcn mit Liilnmmg des Facialis habe ich die Hemi-
plegic des Gaumensegels beobachtet. Der eine, ein 38jahriger
sonst gesunder Mann war nach einer Erkiiltnng beim Waschen des
Gesichtes und Halses von Lahmung des ganzen Gebietes des linken
Antlitznerven befallen worden. Zugleich klagte er fiber einen dum-
pfen Schmerz in der Tiefe des linken Ohrs mit Schwerhorigkeit,
und uber ein Gefuhl von Trockenheit in der linken Mundhohle. Die
Uvula stand schief, bogenformig gekriimmt, mit der Spitze nach links
gerichtet. Der Sitz der Krankheit war offenbar im Felsenbein.
Gegen meine Erwartung erfolgte die Heilung schnell, schon nach
vierzehn Tagen auf den Gebrauch ortlicher Blutentleerungen hinter
dem linken Ohre, Einreibungen von Ung. neapolit. und einer Auf-
losung der Magn. sulphur, mit einem Zusatze von Tinct. Semin.
Colchici. Etwas spater als die Gesichtsmuskeln hatte die Uvula
ihren graden Stand wieder eingenommen. Der andre Kranke bot
eine vollstandige Lahmung des linken Facialis dar, welche von einer
Krankheit an der Grundflache des Gehirns abhangig, mit dem Ver-
luste der Leitungslahigkeit in den benachbarten Nerven, Quintus,
Abducens, Acusticus, Vagus verbunden war: die Kaumuskelnerven
hatten jedoch ihre Integritat beibehalten. Auch hier war das Gau-
mensegel in abnormer Stellung: die Uvula stand schief, nach der
linken Seite hin gebogen. In dem dritten Falle eines 13jahrigen
scrofulosen Madchens , welches nach einer Otorrhoe Lahmung des
rechten Facialis und Taubheit des rechten Ohres zuruckbehalten
hatte, zeigte sich ebenfalls die Hemiplegie des Gaumensegels mit
bogenformiger Kriimmung und Wendung der Spitze nach der rech-
ten Seite. Der vierte Fall hetraf ein achtjahriges Madchen, welches
seit seiner Kindheit an einer Lahmung des linken Facialis in seincm
ganzen Umfange litt. Tiefe Schnittnarben in der Nahe des Fora-
men st\lomastoideum konnten leicht zu der Annahme verleiten, dass
in ihnen der Grund der Paralyse Iiige, allein die sehr auffallende
Kriimmung der Uvula nach der linken Seite richtete den Verdacht
MIMSCHE GESICHTSLAIIMUNG.
657
I uf eincn im Inncrn des Felsenbeines vcrborgenen Anlass, und die
littheilung der Mutter, dass das Kind im siebenten Monate an ei-
I er starken Otorrhoe des linken Ohrs gelitten biitte, mit welcher
Jeine, eigenthiimlich geformte Knochenstiicke abgegangen waren,
aestiitigte diese Annahme vollkommen. Bei der Vorstellung dieses
Aindes in der Klinik zeigte sich, im Widerspruche mit den ubrigen
iymptomen einer Lahmung des linken Facialis, der Mund nach links
erzogen. Der Grund war aber nur ein mechaniscber , indem eine
■■icrofnldse, spater sich abscedirende Anschwellimg der rechten Backe
lien Mund nach links liinubergeclrangt batte. Es sind diese Falle
. ?m so wiclitiger, weil die motorische Partie des Quintus, von wel-
bher man die Muskelnerven des Gaumensegels herleitet, in ihrer
Action ungesthrt war. Bei dem Sitze der Krankheit in den Ge-
^ichtszweigen des Facialis ist das Gaumensegel niclit betheiligt ,
vwovon ich mich in vielen Fallen uberzeugt habe. Yon welchem
iEinflusse die Lahmung des von einem Zweige des Facialis versorg-
i ten Musculus stapedius ist, wissen wir nicht.
3) Sitz der Lahmung in der Insertionsstatte des An t-
llitznerven an der basis cerebri.
Exsudate und Geschwiilste in der Nahe der Varolsbriicke sind
die gewohnlichen Anlasse: die Geschwulst geht zuweilen von der
dura mater aus ( Abercrombie 1. c. p. 422). Successive, von der
Ausbreitung der Geschwulst abhiingige Theilnahme der Nachbar-
nerven, des Acusticus, des Abducens, Quintus etc. (Taubheit, Schie-
len nach innen, Aniisthesie) begleitet in diesen Fallen die mimische
Lahmung, von welcher das ganze Gebiet des Facialis getroffen ist.
Ein BeispicI ist bereits S. 223 angefuhrt, und anderer wird in den
lolgenden Bliittern Erwiihnung geschehen.
II. Liihiiiiiiig der centiutleii Balm des Facialis.
Das physiologische Kriterium ist: Norm der Leitung in gekreuz-
ter Bichtung; das diagnostische : gleichzeitiger Antheil andrer Ner-
I
C58 mimisciie gesichtslAhmung.
ven, sensibler und motorischcr, des Gesichts und Rumpfes am Ver-
luste des Leitungsvermogens.
Eine EigeritHtimlichkeit der Centralparalyse des Antlitznerven
bei Desorganisation des Gehirns ist, dass, mit seltnen Ausnahmen,
nicht sein ganzer Bereich , sondern nur diejenigen Fasern getroffen
werden, welche die Muskeln des Nasentliigels und der Oberlippe
versorgen, und die respiratorische Action des Facialis, der von Bell
deshalb Gesichtsathemnerv genannt wurde, vermitteln (Vgl. den im
Abschnitte der Paralysis cerebralis mitgetheilten Leichenbefund von
Dupuytrens Gehirn). Davon ist in apoplektischen Zustiinden das
schniiffelnde Nasengeriiusch und Aufblasen der Lippe beim Athem-
holen abhangig. Auch bildet in dem von Hippocrates im Progno*
sticon entworfenen Agonie - Portrait die pi? b&ia, die spitze, ein-
gefallene Nase, einen Hauptzug.
Ausser dem Sitze der Krankheit ist in Betreff der Modifica-
tionen ihrer Erscheinungen das Verhaltniss des Facialis, als Bewe-
gungsnerven, zu der reflectorischen und cerebralen Erregung zu
beachten. Bell, dessen Werk an fruchtbaren Keimen nicht minder
reichhaltig ist, als an reifen Gaben, bemerkt an einer Stelle (1. c.
S. 209): „Da der Facialis im Besitze verschiedener respiratorischer
Verrichtungen ist, des Athmens, des Sprechens, des Ausdrucks, so
wird es nicht befremden, dass diese Functionen auf verschiedene
Weise beeintrachtigt sein konnen. Es wird z. B. ein Mensch noch
voile Kraft iiber diesen Nerven als Nerven der Sprache haben, und
dennoch unfahig sein die gewohnlichen Ziige beim Lachen oder
Weinen anzunehmen. Ja, man wird zuweilen bei dem Kranken
nur dann die Lahmung der Gesichtsbalfte bemerken, wenn er la-
chelt oder lacht, zu andern Zeiten nicht. Dessenungeachtet ist man
nicht bereehtigt zu folgern, dass die eine Verrichtung des Nerven
eine feinere Organisation erfordert als die anderc. Ich glaube
vielmehr, dass diese Kraft des Ausdrucks auf einem zarteren Ycr-
hciltniss zwischen geistigem und korpcrlichem Zustande berulit und
daher auch durch geringfugigc Storungen leichter betheiligt werden
MMISCHE GESICIITSLAHMUNG.
659
kann.“ (Vergl. auch a. a. 0. S. 65.) Einer der instructivsten Falle,
ler den Unterschied der Willenserregung von dem Refleximpulse und
lem Einflusse des Affects herausstellt, ist von meinem Freunde Dr.
Magnus beobachtet und in Muller's Archiv Jahrg. 1837 S. 258
und fgd. selir schon beschrieben worden. Ich selbst habe die
iRranke ofters untersucht und zuletzt in dem unter meiner Leitung
'St'ehenden Hospitale an der asphyktischen Cholera behandelt, wel-
icher sie unterlag. Die wichtigsten Ziige sind folgende: Es war
.eine funf und zwanzigjahrige Wittwe, die bereits zwei apoplektische
Anfalle mit Verlust der Sprache und Lahmung der linken Seite
uberstanden hatte, den ersten im Wochenbette nach heftigem Aer-
:ger mid Cessation der Lochien, den zweiten nach einer durch Er-
kaltung verursachten Unterdriickung der Katamenien. Nach dem
letztern wurde zwar die Lahmung der Extremitaten beseitigt, allein
die Sprache kelirte nicht zuriick, wie ,es nach dem ersten der Fall
war. Die Kranke hat ein glattes Gesicht, ohne die geringste Falte,
ohne alien Ausdruck. Sammtliche Muskeln des Gesichts sind aller
willkiihr lichen Be we gun gen verlustig. Die Kranke kann weder
Stirn noch Augenbrauen runzeln, die Nasenflugel nicht heben, Bak-
ken und Ivinn nicht bewegen. Sie ist ausser Stande die Augen-
lider willkurlich zu schliessen: fordert man sie auf es zu thun, so
i
nimmt sie die Finger zu Hulfe, oder schlagt den Blick zur Erde,
wodurch der Augapfel nach unten gerichtet wird, der Ilebemuskel
des obern Augenlides in seiner Contraction nachlasst, und das obere
Augenlid ebenfalls nach unten bewegt wird. Dagegen schliessen
sich die Augenlider vollstandig, sobald man z. B. mit
der Hand gegen das Auge der Kranken fahrt, oder sie
plotzlich in ein helles Licht sehen lasst, oder beim Nie-
sen. Im Schlafe sind gleichfalls die Augen vollkommen geschlos-
sen. Die Kranke kann die Lippen weder heben noch schliessen,
so dass der Mund stets etwas geoffnet ist, aus welchem bestandig
Speichel auslliesst, den sie mit einem Tuche jeden Augenblick ab-
zuwischen genothigt ist. Der Unterkiefer ist beweglich, die Kranke
Romberg’s Nervenkrnnkh. I. 3. '44
G00 mimische gesiciitslahmung.
kann den Mund bfinen und kauen; indessen sind auch diesc Bewe-
oun^en nicht ganz wie im gesunden Zustande, denn weit kann der
Mund nicht geoffnet werden, und eben so wenig sind schnell auf
einander folgende -Bewegungen des Unterkiefers gegen den Ober-
kiefer moglich, so dass die Kranke nicht rasch und kraftig mit den
Zahnrcihcn gegen einander schlagen kann. Die Zunge ge-
horcht dem Willen durchaus nicht; die Kranke kann sie
weder zwischen den Zahnen herausstrecken, noch nach liinten oder
nach den Seiten hin bewegen; sie liegt unbeweglich wie ein Keil
in der Mundhohle test, wodurch ein willkiirliches Schlucken unmog-
licli und das Kauen sehr erschwert wird; denn hat die Kranke
Nahrungsmittel zwischen die Zahne gebracht, so muss sie, um sie
zu kauen, da die Zunge unbeweglich ist, dieselben mit dem Finger
zwischen den Zahnen hin- und herschieben und den gekauten Bis-
sen gleichfalls mit den Fingern iiber die festliegende Zunge hinweg
bis in den Pharynx zuriickdrucken , worauf sogleich das unwill-
kiihrliche Schlucken, und zwar mit alien den Bewegun-
gen der Zunge, welche im gesunden Zustande willkiihr-
licli gemacht wcrden konnen, erfolgt. Aehnlich verhalt es
sich beim Trinken: der Kopf muss hinten iibergebogen, unddie Flus-
sigkeit gleichsam in den Hals gegossen werden, oder mit Hiilfe
eines Loffels bis hinter das Gaumensegel gebracht werden, wenn
das Ilerunterschlucken geschehen soil; widrigenfalls lauft dieselbe
zum Munde wieder heraus. Yon Zeit zu Zeit erfolgt auch ohne
Genuss van Lebensmitteln ein unwillkiihrliches Schlucken des ab-
gesonderten Speichels, dessen Quantitat nach und nach so gross
geworden, dass er die Mundhohle bis nach hinten ausfullt und dann,
gleich wie ein gekauter Bissen, das Ilerunterschlucken veranlasst.
Der Geschmacksinn, so wie uberhaupt das Gefiihl sowohl in der
Zunge als auch im ganzen Gesicht sind unversehrt. Das Sprechen
ist verhmdert; andrerseits ist auch nicht ganzliche Aphonie vorhan-
dcn, denn die Kranke kann einen unarticulirten Ton hervorbringen ;
jedoch ist es iiir nicht moglich demselben verschiedene llohe und
MIMISCHE GESICHTSLAIIMUNG.
661
Tiefe zu geben. Audi ist es kein deutlicher Vocal, sondern ein
ang oder ong; denn sie kann selbst bei weitgeoffnetem Munde
nicht deutlich a sagen, viel weniger einen der andern Vocale deut-
iich aussprechen. Es ist fur die Gesichtsmuskeln der Kranken noch
eines Bewegungsimpulses zu gedenken, namlich des La chens,
wcrde es durcli Lesen oder Gesprach angeregt. Die Kranke lacht
und lachelt, alle Niiancen dieser Bewegung durchmachend, ohne alle
I Schwierigkeit, und es machen hierbei die Lippen, die Backen, die
| ' Nasenfliigel ganz dieselben Bewegungen, die ein gesunder Menseh
willkiihrlich machen kann, die aber dem Willen der Kranken ganz
entzogen sind. Eben so wenig ist ein ausserer Reiz, z. B. Stechen
oder Kneipen der Backen, im Stande dieselben hervorzurufen. Auch
vermag die Kranke beim Lachen andere Tone hervorzubringen als
den oben angegebenen. Es sind zwar auch diese Tone nur unar-
ticulirt, indess werden sie doch, je nach der Nuance des Affects,
der das Lachen bedingt, in ilirer Hohe und Tiefe modificirt, was
anderweitig nicht moglich ist. Wie wenig aber diese Tone will-
kuhrlich sind, bemerkt man vorziiglich, wenn die Kranke in heftiges
Lachen ausbricht; dann liisst sie einen eigenthumlichen, grunzenden,
thierischen Ton horen, dessen sie sich gewissermassen schiimt, und
den sie gern unterdrucken mochte, weshalb sie auch so schnell als
moglich dem Lachen ein Ende zu machen sucht ; indess dauert die-
ser Ton fort, wenn auch die Lachbewegungen schon so nachgelas-
sen hatten, dass bei einem gesunden Menschen gar kein Ton mehr
durch dieselben bedingt wiirde. In der Epidemie des Jahres 1837
wurde diese Kranke von der asphyktischen Cholera befallen und
starb binnen 36 Stunden. Bei der von Froriep vorgenommenen
Section fand sich in der rechtcn Hemisphare des grossen Gehirns,
ganz am iiussern Rande, da wo der vordere Lappen mit dem mitt-
leren an einander stosst, eine hamorrhagische Cyste, durch welche
zwei Gyri zerstort waren. Das Lumen derselben mochte etwa eine
kleine Wallnuss fassen, und die innere Oberllache war mit eincr
gelblichen Membran ausgekleidet. Die Umgebung dieser Hohle
44 *
war
GG2
MIMISCIIE GESICHTSLAHMUNG.
etwas liarter als die iibrige Hirnsubstanz , und an einigen Slellen
erodirt. Das Septum pellucidum erscbien auflallend verdickt. Die
Wandungen des linken Herzventrikels waren hypertrophisch.
Die Kehrseite dieses Falles, Fortdauer der willkuhrlichen Bewe-
gungeii der vom Facialis versorgten Muskeln bei Stillstand der re-
spiratorischen und der durch Emotion erfolgenden, findet sich in
einer Beobachtung von Stromeyer. Bei einem zwolfjahrigen Miid-
chen bleibt die rechte Seite des Gesichts ohne alien Ausdruck bei
Gemiithsaffecten, und zeigt keine vermehrte Action bei bescldeunig-
tem Athemholen nach Laufen, Treppensteigen u. s. f. Nichtsdesto-
weniger ist das Kind im Stande die Muskeln dieser Seite auf die-
selbe Weise wie an der gesimden zu bewegen; sie bewegt den
Mundwinkel, riimpft die Nase, runzelt die Stirn, bewegt die Augen-
brauen durch den Einfluss des Widens. Das Gefuhl an der rech-
ten Seite hat keine bemerkbare Veriinderung erlitten. Die Kau-
bewegungen sind an beiden Seiten ungestort. Wenn man das Kind
im ruhigen Zustande en face betrachtet, so stelit der Mund nicht
schief, wie bei den gewohnlichen Fallen plotzlich entstandener peri-
pherischer Lahmung des Antlitznerven ; so wie aber irgend eine
Gemuthsbewegung oder das Sprechen die Ziige verandert, tritt die
ungleiche Wirkung beider Gesichtshalften hervor. Sehr deutlich
ubrigens erkennt man en face eine gewisse Magerkeit der leidenden
Seite, welche besonders am Kinn sich bemerklich macht, wo der
Vorsprung des Muse, quadratus menti fehlt, der an der linken Seite
betrachtlich ist. Dieses Uebel hat sich bei dem zartgebauten Ivinde
allmahlig herangebildet. Ueberdies zei^te sich eine Abweichung der
Wirbelsaule zwischen den Schulterblattern urn etwa ^ Zoll aus der
graden Richtung nach links; die rechte Hiilfte des Thorax erscbien
fast um eben so viel eingesunken. Bei Compression der epigastri-
schen Gegend ergab es sich, dass die rechte Hiilfte des Thorax an
der durch Zuriickdrangen des Zwerchfellcs hervorgerufenen lebhaften
Brusl respiration fast gar keinen Antheil nahm. Bei dieser Art. von
Untusuchung zeigte sich die Theilnahmlosigkeit der einen Gesichts-
MIMISCIIE GESICHTSLAHMLNG.
663
hiilfte besonders an den Nasenlochern ; wiihrend das rechte unbe-
weglich blieb, dehnte sich das linke bei jeder Inspiration Jebhaft
aus ( Casper's Wochenschr. iiir die ges. Heilk. 1837. S. 33).
Endlich ist noch die Immobilitiit der vom Facialis versorgten
Muskeln bei Anasthesfie des Quintus hier anzufuhren. Dass bei
Thieren nach Durchschneidung des Quintus ein Stillstand in den
Bewegungen des Gesichts, besonders in den Redexactionen eintritt,
ist bereits S. 216 erwahnt worden. In drei Fallen von Aniisthesie
des Quintus der linken Seite, wo von ich zwei selbst beobachtet
babe, pausirten nicht nur die rellectirten Bewegungen, sondern auch
die willkuhrlicken waren sehr erschwert und zum Theil verhindert.
Der eine Kranke war nicht im Stande den Mund mit gehoriger
Kraft nach der linken Seite zu ziehen, und der andere konnte die
kranke Gesichtshiilfte nicht mit derselben Energie und Schnelligkeit
bewegen wie die gesunde.
Es giebt kein Lebensalter, welches nicht von der mimischen
Gesichtslahmung befallen werden konnte: selbst der Neugeborne
ist, wie zuvor erwahnt worden, ihr ausgesetzt. Indessen disponirt
das kindliche Alter mehr zur Lahmung durch Knochenkrankheit
und Driisenanschwellung, das hohere vom 5(t. Jahre an, zur cen-
tralen Paralyse. Unter den Dyscrasieen giebt die scrofulose am
hiiufigsten Anlass, seltner die svphilitische und carcinomatose, durch
Affectionen der Nachbargebilde des Nerven, des Zellgewebes, der
Membranen und Knochen. Yon der carcinomatosen hat Dr. Lan-
douzy einen bcmerkungswerthen Fall beschrieben. Die Kranke
litt an Aniisthesie des Quintus und an Lahmung des Facialis der
linken Seite: eine scirrhose Geschwulst erstrecktc sich in der lin-
ken Gesichtshiilfte vom obern Theil des Ohres bis unter dem Kie-
ferwinkel; der Tod erfolgte durch eine Pneumonic. Bei der Sec-
tion fanden sich eine scirrhose Geschwulst an der Basis cranii,
welche das Ganglion Gasseri und die Quintusstiimme comprimirte,
und eine betriichtliche Anzahl von Encephaloiden in den Lungen,
in der Leber und in den Nieren. (Bulletin de la societe anatomique
6G4
MIMISCIIE GESICHTSLAIIMUNG.
1839 No. 11.) Als ursachliches Moment zeichnet sich das rlieuma-
tische durch seine Frequenz aus, Erkaltung der warmen oder
schwitzenden Gesichtsllache. Joseph Frank fuhrt an, dass unter
seinen Kranken sieben sich befanden, die als sie des Morgens nach
dem Aufstehen sich an’s ofTene Fenster gelegt und wegen der kal-
ten Lul't den Ivopf wieder zuruckgezogen hatten, augenblicklich von
der Lahmung befallen worden waren (Prax. medic, univ. praecepta
vol. I. Sect. II. edit. alt. Lips. 1841 p. 555.). So bemerkte eine
meiner Kranken, welche in der Nacht von einem schweren Traume
aufgeweckt, ihr von Schweiss triefendes Gesicht der Zugluft aus-
gesetzt hatte, am folgenden Morgen die Entstellung ihrer Ziige.
Nach Shaw soil in Ostindien wiihrend des Wehens kalter Winde
die Krankheit oft vorkommen. (Medic, chirurg. transact, vol. XII.
part. I. p. 128.) Die zumal wiihrend des Schlafes treffende Zug-
luft z. B. an einem offenen Fenster begunstigt die Entstekung der
Krankheit. Oefters treten nach der Erkaltung Schmerzen und
Geschwulst der afficirten Gesichtshalfte mit Fieberbewegungen ein,
welche einen oder ein Paar Tage andauern, und wonach die Lah-
mung zurtickbleibt. Unter den centralen Anl&ssen sind Hamorrha-
gie und Erweichung ^es Gehirns die haufigsten. Heftige Gemuths-
affecte waren in einigen wenigen Fallen vorangegangen [Joseph
Frank 1. c. p. 556.).
Die Dauer der mimischen Gesichtslahmung ist selten kurz. Am
kurzesten fand ich sie bei der rheumatischen : doch habe ich sie
auch hier in giinstigen Fallen nur selten unter sechs Wochen wahr-
genommen, einmal sab ich die Heilung innerhalb acht, ein ander-
mal in vierzehn Tagen. Ein von Montault (dissert, sur l’hemiple-
gie faciale. Paris 1831. p. 18) nach Roi citirter Fall von periodi-
schem Verlaufe bei einer Frau, die nur bei Vollmond ein regel-
massiges Gesicht, bei abnehmendem Monde ein durch Paralyse ent-
st elites darbot, ist zu unvollstandig, um der Kritik zu geniigen.
Die Diagnose des peripberiscben und centralen Ursprungs dieser
Kiankheit ist fur Prognose und Bchandlung von der grosstcn
MIMISCIIE GESICHTSLAIIMUNG.
665
Wichtigkeit. Es ereignet sich nicht selten, dass der Praktiker die
peripherische Paralyse fur eine centrale, fur eine apoplektische halt,
straks zur Lancette, zu Blutegeln etc. greift, und sich und dem
Kranken keine Ruhe gonnt, bis er endlich der unschuldigen Freude
sich hingiebt, eine dringende Lebensgefahr abgewendet zu haben.
Die Norm der isolirten Leitung, so wie die dem Centralapparate
zukommende Irradiation werden bei genauer Untersuchung vor sol-
chen Irrthumern bewahren. Andrerseits lasse mail sich nicht ver-
leiten den peripherischen Sitz in prognostischer Beziehung stets fur
g'unstiger mid gefahrloser zu halten. Wo der Facialis in seiner
Knochenbahn beeintrachtigt ist, stellt sich nicht nur meistens die
Unlieilbarkeit der Liilimimg in Aussicht, sondern dem Leben selbst
droht oft wegen Theilnahme des Gehirns an der benaclibarten Des-
organisation Gefahr (. Romberg ' 1. c. S. 605.) , wahrend die Resor-
btion der Blutextravasate im Gehirn die Heilung der centralen Pa-
ralyse moglich macht.
Fur einen Nachweis der Naturheilung der mimischen Lahmung
nach Durchschneidung und Verletzung des Facialis bei Wunden
und Operationen liegen noch keine sichere Thatsachen vor. Es fehlt
nicht nur die anatomische Evidenz, wie sie die Experimente an
Thieren fur andere motorische oder sensible Nerven gegeben haben
(Vgl. S. 213), sondern in Betreff des physiologischen Bewreises wi-
dersprechen sich die Beobachtungen. Shaw (I. c. p. 139) sah in
zwei Versuchen, an einem Hunde und Affen, wo er den Facialis
durchsclmitten hatte, den motorischen Einfluss binnen ein Paar Mo-
naten wieder hergestelit, dagegen bei einem andern Hunde die Lah-
mung nach vier Monaten noch unverandert fortbestehen. Magendie
land nach zelin Wochen noch keine Spur von Bewegung und glaubt,
dass Shaw im erstern Falle den Nerven nicht vollstlindig durch-
schnitten hatte (Journ. de physiol, experiment. T. I p. 121. T. II
p. 82.). Ich selbst land in dem oben angefuhrten Falle noch an-
derthalb Jahre nach der Operation die Nasen- und Lippenzweige
geliihmt. Dagegen sah ich bei einem neunjahrigen Knaben, welcher
666
MIMISCHE GESICHTSLAHMUNG.
bei einem Mord'uberfall von einem tief eindringenden Messerstiche
in der Gegend des Foramen stylomastoideum getroffen worden war,
die Lahmung der Lippen- und Nasenzweige des Facialis nach Ver-
lauf von zwei Monaten wieder verschwinden. In andern Arten der
Gesichtslahmung, zumal der rheumatischen, wo der Zusammenhang
des Nerven mit dem unverletzten Centralorgan erhalten ist, sah ich
aucli ohne alles arztliche Zuthun die Leitung des motorischen Princips
von selbst sich wiederherstellen. Ich habe mich hiervon bei meh-
reren Kranken uberzeugt, welche alle Heilmittel aussetzten und nach
Verlauf eines viertel oder halben Jahres von ihrer Lahmung ganz-
lich befreit waren. So hatte sich bei einem achtjahrigen Knaben
nach dem Scharlachfieber Otorrhoe und Taubheit des linken Ohres
und Lahmung der linken Gesichtshalfte eingefunden. Wegen Un-
wirksamkeit der mannigfaltigsten Heilmittel wurde dieser Zustand
sich selbst iiberlassen. Der Ohrfluss hat aufgehort, die Lahmung
ist nach Verlauf eines halben Jahres fast ganz gewichen, nur die
Taubheit ist zuruckgeblieben. In der vom Zangendruck entstandenen
Lahmung bei Neugebornen erfolgt die Heilung spontan, zuweilen
schon nach Verlauf von wenigen Stunden oder Tagen, seltner von
Monaten. Bei gelingender Heilung ist es erwahnungswerth, dass die
Leitungsfahigkeit nicht in alien Zweigen des Facialis gleichzeitig zu-
riickkehrt, sondern successiv in den einzelnen, so dass der Mund
bereits seinen graden Stand wieder eingenommen hat, wahrend die
Augenlider noch von einander klaffen, oder umgekehrt, was eben-
falls einen Beweis fur das Gesetz der isolirten Leitung abgiebt.
Auf eine andere Erscheinung, die sich nach der Heilung der Para-
lyse bemerkbar macht, ist man bisher noch nicht aufmerksam ge-
wesen. Es ist das Kleinersein des Auges der geliihmten Seite,
welches ich bei mehreren Kranken beobachtet habe, und aus einem
Uebergewicht des M. orbicul. palpebrarum uber den in Folge sei-
ner zmor gesteigerten Contraction erschlafllen Aufliebemuskel des
obern Augenlides erkliire.
Line Prophylaxis der mimischcn Gesichtslahmung in chirurgi-
MIMISCHE GESICHTSLAHMUNG.
6G7
scher Beziehung ist durch Dieffenbcicti s Methode gewonnen wor-
den, bei grosseren Operationen im Gesichte die Ilaut in der Mittel-
linie zu spalten und zuriickzuschlagen , um die Durchschneidung der
Zweige des Antlitznerven zu vermeiden. In der Behandlung die-
ser Krankheit ist zunachst die causale Indication zu eriullen. Bei
rheumatischem Anlasse sind Emetica, Tinctura oder Vinum semin.
colchici autumn, und vor allem ein Vesicatorium zu empfehlen, wel-
ches zwischen Kieferwinkel und Process, mastoid, gelegt und lan-
gere Zeit in Eiterung erhalten werden muss. Bei plethorischen
Individuen, bei Schmerzhaftigkeit, zumal im Ohre, sind ortliche Blut-
entleerungen durch Schropfkopfe und Blutegel am Proc. mastoid.,
im Nacken applicirt an ihrer Stelle. Wo Drusengeschwulste und
Verhartungen die Leitung im Facialis hemmen, ist ausser der ge-
gen etwanige Kachexieen, Scrofulosis etc. geeigneten Behandlung der
ortliche Gebrauch resolvirender Mittel indicirt, Mercurialia , Jodin-
salbe, die Verbindung beider im Deutjoduret. Mercur. Bei dyscra-
sischen Anschwellungen der Knochen, Hyperostosis, Exostosis,
lasst sich selbst bei dem Sitze der Krankheit im Felsenbein, an der
Basis cranii, von den entsprechenden Mitteln einiger Erfolg erwar-
ten, wofern der Nerv selbst noch nicht desorganisirt ist. So lag in
dem oben von Dupuytren angeluhrten Falle von doppelseitiger
Gesichtslahmung Syphilis zu Grunde, und Sublimat, Sarsaparilla und
Vesicatore stellten die Ivranke ^ ieder her. In eingewurzelten Fallen
nimmt man zur Hunger- und Schmiercur seine Zuflucht. Bei Kno-
chentuberkeln mit Otorrhoe ist das 01. Jecoris und besonders das
Jodeisen zu versuchen, so wie auch der Gebrauch von Soolba-
dern. Von der Behandlung der centralen Paralyse wird an einer
andern Stelle die Bede sein.
Bleibt nach gewissenhafter Ausfiihrung der Causalindication die
Lahmung, wie es oft der Fall ist, zuriick, so ist die Anwendung
von Mitteln gerechtfertigt, welche einen Einlluss auf die motorische
Nervenenergie haben. Dahin gehoren die Nux vomica, deren Al-
caloi'd (Strychnin, sulphur, oder acet.) endermatisch applicirt wird,
GG8
MIMISCIIE GESICIITSLAHMUNG.
zu Gran, zweimal taglich auf die wunde Fliiche des Vesica-
tors: Frictionen, in centrifugaler Richtung, einfach oder in Verbin-
dung mit lliichtigen Stoffen, Balsam vit. Hoffmann, Ung. nervin.
Spirit, sal. ammon. caust. etc.: Douche, kalte, warme; Dampfe; Mo-
xen; Thermen, (Teplitz, Gastein); Galvanopunctur, Electromagnetis-
mus, welcher in einem von mir beobachteten Falle von neunjahri-
<^er Dauer, nach beharrlicher drei und dreissig wochentlicher An-
wendung sich noch wirksam zeigte.
Rei veralteter Lahmung des Facialis mit grosser Entstellung des
Gesichts hat Dieffenbach ein chirurgisches Verfabren in Anwendung
gebracht, dessen Idee, wenn es auch nicht uberall Eingang finden
diirfte, geistreich ist. Wie bei paralytischen Klumpfussen , so zie-
ben sich in dieser Affection die Antagonisten und die Muskeln der
gesunden Gesichtshalfte auf Kosten der gelahmten dauernd und starr
zusammen, und es liess sich erwarten, dass auch hier die Durch-
schneidung der gesunden Muskeln, welche eine betrachtliche Schwa-
chung der Contractilitat zur Folge hat, das Gleichgewicht einiger-
massen herstellen wiirde. Der Erfolg war unmittelbar nach der
Operation uberraschend : die Kranken konnten nach Durchschnei-
dung des Levator palpebrae superioris das Auge schliessen, und ver-
loren nach Durchschneidung des Orbicularis oris der gesunden Seite
die Entstellung des Gesichts (Medicin. Zeit. des Vereins fur Heilk.
1841. No. 37); allein nicht bei alien war die gute Wirkung nach-
baltig.
132s**— —
I
Lahmimg
der Portio minor des Quintus.
Masticatorische Gesichtslahmung.
Karl Bell war der erste, der das motorische Attribut der be-
reits von Vesal und spaterhin von Pallelta als eigenthumlicher von
dem iibrigen Quintus nicht emanirender Nerv anerkannten Pars mi-
nor festgesetzt hat (Vgl. S. 308), und ihm verdankt man auch
die Entdeckung der masticatorischen Paralyse, wovon man friiher
keine Alinung hatte, wahrend die mimische in ihren Phiinomenen
schon den altera Beobachtern bekannt war (Z. B. Forestus op.
omn. T. I. lib. X. p. 587).
Stillstand der Kaubewegungen in einer, oder was nur sehr sel-
ten vorkommt, in beidcn Seiten des Gesichts ist der pathognomo-
nische Zug dieser Lahmung. Die Heber, die Seitwarts- und Ab-
wartszieher des Unterkiefers versagen sammtlich oder einzeln ihren
Dienst. Davon uberzeugt schon der Anblick, noch genauer die Be-
tastung der gelahmten Gesichtshalfte. Lasst man den Kranken eine
Kaubewegung vornehmen, und legt die Finger auf beide Tcmporal-
muskeln und Masseteren, so fuhlt man deutlich die Contraction
und Ilarte an der eincn , die Unthatigkeit und Schlaffiieit der Mus-
keln an der andern Seite. Der Kranke ist sicli dieses Hindernisses
bewusst, kauet gar nicht mit der kranken Seite oder walzt die
Speisen mit der Zunge nach der gesunden Seite. Wahrend der
070 MASTIC ATORIS CHE GESICHTSLAHMUNG.
Action stellen sich tier Kiefer und der Mundvvinkel mehr oder vve-
ni^er schief, was in der Ruhe nur selten der Fall ist. Fine iiber-
wiegende Contraction der Kaumuskeln in der gesunden Gesichts-
halfte, wie sie in den mimischen Muskeln bei der Paralysis facialis
sich geltend macht, hat sich mir in den bisher beobachteten Fallen
nicht dargeboten. Auch konnte ich keine Yeranderung in der Tha-
tigkeit des Gaumensegels wahrnehmen, obgleich der Spanner des
Gaumensegels von einem Zweige des Ram. pterygoid, intern, verse-
hen wird. Ob und wie der Muse, tensor tympani, welcher von
einem durch das Ganglion oticum streifenden Zweige des Nervus
pterygoid, intern, versorgt wird, Theil an der Lahmung nimmt,
ist noch unermittelt. Eine meiner Kranken leidet an Schwer-
horigkeit der kranken Seite, obschon nach Scivart’s und Muller's
Untersuchungen (Handb. d. Physiol, des Menschen, 2. Ed. 2. Abth.
S. 439) die Spannung des Paukenfells das Gehor dampft.
Rei langerer Dauer der Lahmung tritt Atrophie der Kaumus-
keln ein; in einem von Bell erwahnten Falle war der linke Masse-
ter so abgezehrt und welk, dass man fast unmittelbar die Ober-
flache des Knochens fuhlte (A. a. 0. S. 222.).
Der Sitz der Krankheit ist entweder in der peripherischen oder
in der centralen Eahn des Quintus. Dort ist er in den bishengen
Reobachtungen an der Grundflache des Schadels oder Gehirnes an-
getrolfen worden, wie es die S. 220 u. fgg. und von Bell (1. c.
S. 314) mitgetheilten Falle bezeugen. Der gewohnlicke Refund war
eine comprimirende Geschwulst des Knochens oder der dura mater
oder des Ganglion Gasseri selbst. Wegen der grossen Nahe und
Retheiligung der sensibeln Portion des Quintus coexistirte Anasthe-
sie der entsprechendcn Gesichtshalfte und ihrer Ilohlen. So ist es
bei der Kranken, deren bereits S. 264 Erwahnung geschehen isf,
und welche ich noch vor Augen liabc, der Fall. Sie hatte friiher
haufig an Wechselfiebern, an Kopfschmerzen und Schwindel gelit-
ten. Vor achtJahren stieg nach einer starken Erkaltung der Fiisse
der Schmerz besonders in der linken Schlafe aufs Acusserste. Tris-
MASTICATORISCHE GESICHTSLAHMUNG.
G71
nius trat hinzu und dauertc sechs Wochen an, mil heftigen Schmer-
zen in der linken Gesichtshalfte. Als diese nachliessen, blieb eine
masticatorische Gesichtslahmung und Anasthesie aller drei Zweige
des Quintus der linken Seite zuriick, wie sie a. a. 0. niiher ge-
•schildert ist. Von der Lage und Ausbreitung des comprimirenden
Anlasses ist ausser der Anasthesie die Theilnahme der Nachbarner-
ven, einzelner oder mehrerer, abhangig.
Der centrale Ursprung der masticatorischen Lahmung giebt sich
an der gleichzeitigen Affection anderer Nerven, des Gesichts, der
Zunge und der Rumpfglieder zu erkennen. Gewohnlich ist die cen-
trale Paralyse der Kaumuskeln halbseitig, nach der Norm der Lei-
tung in gekreuzter Richtung. In der Agonie dehnt sie sich auf
beide Seiten aus, wovon das Herabfall6n des Unterkiefers herriihrt,
\\ ie bei Thieren, denen man das fiinfte Paar durchschnitten hat.
Die grossere Entfernung der Pars motoria des Quintus von der
Oberflache des Gesichts gewahrt rnehr Schutz vor alien jenen Ein-
lliissen, die den Antlitznerven oft und leicht heimsuchen. Auch
kommen krankhafte Veranderungen des Reilbeins, durch welches
der masticatorische Nerv seinen Lauf nimmt, seltener vor als des
Felsenbeins. An der Grundflache des Schadels und Gehirns sind
Geschwiilste, Aftergebilde , und Extravasate Ursachen dieser Lah-
mung. Haufiger als der peripherische Ursprung ist der centrale,
wodurch sich die masticatorische Paralyse von der mimischen un-
terscheidet, so wie uberhaupt die Faserung des Quintus, sowohl
die sensible als motorische, durch Affectionen der Centralapparate
mehr in Anspruch genommen wird als diejenige des Facialis und
andrer Nerven, daher die Frequenz der Mitempfmdungen, der neu-
ralgischen und convulsivischen Zufalle im Rereiche dieses miichti-
gen Nerven. So habe ich auch die halbseitige Lahmung der Kau-
muskeln im Gefolge der Haemorrhagia cerebri (S. Muller' s Archiv
fur Anat., Physiol, und wissensch. Medicin, Jahrg. 1838. S. 313.),
und zwar in Verbindung mit Anasthesie des dritten Astes des
Quintus, (Vgl. S. 224) beobachtet.
N
G72 MASTICATORISCHE GESICHTSLAHMUNG.
Die Prognose ist wegen des Sitzes der Krankheit im allgemei- *
nen weniger g'unstig als bei der mimischen Lahmung. Indessen
stellt sie sich bei dem centralen Ursprunge durch den Naturheilungs-
process der Blutergiisse im Gehirne besser, und es fehlt selbst nicht
an Beispielen, wo destructive Vorgiinge im Ganglion Gasseri zum
Stillstande gekommen sind, und die Wirkungen des Druckes angriin-
zender Geschwiilste aufgehort liaben. In dieser Hinsicht sind die
von Bell (S. 217 — 226) und Abercrombie (Pathol, and practic.
researches etc. 3 edit. p. 425) mitgetheilten Falle von grossem In-
teresse.
Fur die Behandlung sind im Ganzen dieselben Grundsatze zu
befolgen wie bei der mimischen Gesichtslahmung. Zur Application
der Exutoria, unter denen das Haarseil vorzuziehen ist, passt die
Nahe des Ilinterhauptes am besten.
Liihmung
des Oculomotorius, Trochlearis, Abducens.
Noch immer geben die muskulosen Aussenwerke des Auges,
obgleich sie seit Bell's Anregung und seit Einiuhrung der Schiel-
operation ein Gegenstand vieler Untersuchungen geworden sind, An-
lass zu physiologischen Debatten, und auch die pathologischen Be-
obachtungen haben uber den am meisten streitigen Punkt, fiber die
Action der Obliqui, keinen sichern Aufschluss ertheilt.
Die Lah mung der Augenlider, dieser fiir das organische
Bestehen des Auges wesentlichen und selbst fur das Sehen wichti-
gen Gebilde (S. Tourtual fiber die Function der Augenlider beim
Sehen in Muller's Archiv 1838. S. 316) erscheint unter zwei For-
men: I) als Liihmung des von den Palpebralzweigen des Facialis
versorgten Orbicularmuskels , mit Unfahigkeit die Lider zu schlies-
sen, Lagophthalmus paralyticus, dessen bereits oben Erwah-
nung geschehen ist. —
II) als Liihmung des unter der Herrschaft des Oculomotorius ste-
henden Hebemuskels des obern Augenlides, Blepharoplegia s.
Ptosis paralytica. Das obere Lid hiingt zum Tlieil oder ganz
uber dem Auge, jedoch sehr selten bis zur Beruhrung mit dem
Unterlide, indem ein iibri gbl ei b en der Theil der Lidspalte noch etwas
vom Weissen des Auges sehen liisst, und ist seiner Aufwartsbewe-
G74
AUGENMUSKELLAHMUNG.
aun" verlustie; vvird es von dem Finger in die Hohe gehoben,
und wieder losgelassen, so sinkt es schlaff herab. Ruete macht in
seinen trefflichen Bemerkungen iiber die Lahmung des Oculomoto-
rius darauf aufmerksam , dass in der paralytischen Ptosis die Fahig-
keit durch eine wechselnde Contraction und ErschlafTung der Fasern
des Orbiculariniiskels die Augenlider fester zu schliessen und wieder-
um zu erschlaffen fortdauert, woraus hervorgeht, dass die Erschlaf-
fung eines Muskels nicht bloss durch die Kraft seines Antagonisten,
sondern aueh selbstandig und willkuhrlich geschehen kann. (Klini-
sche Beitrage zur Pathologie und Physiologie der Augen und Oh-
ren S. 242.)
Die Lahmung des Augapfels, Ophthalmoplegia, ist
entweder vollstandig oder partiell. In ersterem Falle entbehrt das
Auge ganzlich der Bewegung, nach oben, nach unten imd nach den
Seiten, starrt grade aus, und verharrt in dieser Stellung. Die ein-
zige Richtung, nach welcher sich der Bulbus noch walzen kann,
ist, wie Ruete (a. a. 0.) beobachtet hat, die nach unten und nach
aussen. Diese Rotation folgt dem Segment eines kleinen Kreises,
welches diejenige Bahn ist, auf der sich die Pupille bei der isolir-
ten Wirkung des obern schiefen Augenmuskels bewegt. Bei dieser
Walzung muss die Spannung des aussern Augenmuskels, durch den
die Pupille bei der Lahmung des Oculomotorius im aussern Augen-
winkel festgehalten wird, uberwunden werden. Da aber der M.
rectus extern, viel starker als der M. obliq. superior ist, so lasst
die Contraction des letzteren bald wieder nach, und daher walzt
sich die Pupille auch gegen den Willen des Kranken nach kurzer
Zeit wieder auf demselben Segmente des kleinen Kreises zuruck,
und nimmt die Richtung wieder an, welche ihr durch die ungehin-
derte Anspannung des aussern Augenmuskels gegeben wird. Gleich-
zeitig sind Ptosis und Immobilitat der massig erweiterten Pupille
vorhanden. Bei der partiellen Ophthalmoplegie ist das Auge unfa-
hig nach einer bestimmten Richtung sich zu bewegen, und wird
von dem Antagonisten des gelahmlen Muskels nach der entgegen-
AUGENMUSKELLAIIMUNG.
075
gesetzten Seite gezogen, wodurch der Paralellismus der Augapfel-
ichsen aufgehoben wird, und Schielen enlsteht (Strabismus paraly-
ticus). So stellt sich bei Liilimung des Muse, rectus internus das
Auge nacli dem Schliifenwinkel , bei Lahmung des Ilect. ext. nach
dem Nasenwinkel, des Rect. infer, nach oben, des superior nach un-
len. Wo die schiefen Augenmuskeln Sitz der Lahmung sind, soil
[lie Rotationsbewegung des Bulbus authored, so dass, wenn mail
den Ivranken bei unvervvandtem Rlicke, den Kopf nach der rechten
oder linken Scbulter neigen lasst, das afficirte Auge fixirt bleibt,
uild den Drehungen des gesunden nicht folgt. ( Szokalshi de l’in-
fluence des muscles obliques de 1’oeil sur la vision, et de leur pa-
ralysie. Paris 1840). Von der abnormen Stellung des Auges sind
andere Erscheinungen abhangig. Die einen betreffen das Sehver-
mpgen: so lange dasselbe auf dem schielenden Auge besteht, und
com Kranken benutzt wird, ist binoculare Diplopie vorhanden. Auf
erne eigenthiimliche Art derselben mit iibereinander geschobenen
Bildern als Phanomen der Lahmung des N. trochlearis bat Szo-
kalski aufmerksam gemacht.*) Rei geschlossenen Augenlidern findet
in der Ophthalmoplegia completa das im gesunden Zustande simul-
tane Heraufrollen des Augapfels, wie es Bell zuerst beschrieben
*) In dem einen Falle waren die Bewegungen der Pupillen und der
graden Augenmuskeln un'gestort, allein das Centrum der linken Hornhaut
stand etwas mebr nach unten, als am rechten Auge. Dabei war Diplopie
vorhanden mit iibereinander stehenden Bildern. Wurde das rechte Auee
geschlossen, so verschwand das obere Bild, das untere hingegen, wenn
das linke Auge zugehalten wurde. Beim Neigen des Kopfes nach der lin-
ken Seite entfernten sich die Bilder immer mehr von einander; beim Nei-
gen nach der rechten Seite sah der Kranke nur ein Bild des Gegenstan-
des. In dem andern Falle verhielt es sich auf ahnliche Weise; an dem
aussern Winkel eines jeden Auges befanden sich einige injicirte Gefasse,
welche Szolcalshi lixirte, vvahrend er den Kopf des Kranken an den Seldii-
fen fasste und abwechselnd rechts und links drehen liess. Das alTicirte
Auge blieb am Boden der Orbita und folgte den Bewegungen des Ko-
pfes, dagegen das gesunde Auge eine rotatorische Bewegung in der Au-
genhohle machte.
Ho mb erg’s Nervenkrankh. T. 3.
45
augenmuskellAhmung.
670
hat, nicht stalt, daher die Kranken uber fortdauernde Lichtempfin-
dungen, trotz dcr gescblossenen Augen, klagen. So sail ein Kran-
ker ein rothes Liclit vor dem geschlossenen Auge, ein andrer sagte,
dass die Nachtlampe ihm Beschwerde verursache. ( Bell a. a. 0.
S. 155. 216.) Und nicht nur auf das Sehvermogen, auch auf die
trophischen Verholtnisse hat die Immobilitat Einfluss, insofern das
Auge vom Thranenquell nicht gehorig henetzt wird, und Entziin-
dung und Yerdunkelung der Hornhaut dadurch entstehen konnen.
Eine andre selten ausbleihende Folge ist die Contractur des Anta-
gonisten des gelahmten Muskels.
Die Lahmung der Iris (Iridoplegia) giebt sich durch Un-
heweglichkeit der Pupille bei Einwirkung des Lichtreizes kund, mit
Erweiterung derselben (Mydriasis) oder Yerengerung (Myosis), mit
normaler oder entstellter Configuration und Richtung des freien
Pupillarrandes.
Die Ursachen und Symptome dieser Lahmungen sind verschie-
den, je nachdem die cerebrale oder reflectorische Leitung der Ner-
ven in Anspruch genommen ist. Im ersteren Fade ist Verlust der
Bewegung auf Willensimpuls karakteristisch. Die Ursachen wirken
entweder auf die peripherische oder centrale Bahn der motorischen
Augennerven ein.
I) Peripherischer Sitz. — Der rheumatische Anlass para-
lysirt, obgleich nicht in solcher Frequenz wie den Facialis, den Ra-
mus palpebralis des Oculomotorius und hat eine einfache Blepharo-
plegie ohne Theilnahme der Augenmuskeln und der contractilen
Irisfasern, nach der Norm der isolirten Leitung, zur Folge. Seltner
werden die andern Zweige des Oculomotorius, am seltensten der
Abducens von dieser Ursache betheiligt. In einem von Dr. Dali-
Ung heohachteten und von Stromeyer mitgetheilten Falle vva-
ren nach einer plotzlichen Erkaltung des erhitzten Gesichts der Fa-
cialis und Abducens der linken Seite geliilimt worden. Das linke
Auge stand unheweglich nach innen und unten, der rechte Bulbus
vi ar nach dem aussern Augenwinkel gerichtet, und konnte mit eini-
AUGFJNMUSKELLAHMUNG.
677
ger Anstrengung, etwas leichter, wenn das rechte Auge geschlossen
war, in die Sehachse zuruckgefuhrt werden. Dieses war die U'r-
saelie des Doppeltsehens , welches so statt hatte, dass das wahre
Object oben, das falsche seitwarts nach unten, sichtbar war. Wurde
das rechte Auge zugehalten, so sah der Kranke den Gegenstand
einfach. Das Uebergewicht des symmetrischen Augenmuskels der
gesunden Gesichtshalfte erscheint hier von besonderem Interesse.
( Physiologische Bemerkungen am Krankenbette von Stromeyer in
Casper's Wochenschr. fur die ges. Heilk. 1837. S. 97 ff.) Aeus-
sere Verletzungen in der Nahe des Augenlides haben bfters Ble-
pharoplegie zur Folge. Geschwulste in der Orbita comprimiren zu-
weilen die Augenmuskelnerven : so in einem von Shaw beobachte-
ten Falle einer j ungen Frau, die an einer fungosen Geschwulst un-
terhalb des Kiefers Iitt. Die Backe derselben Seite war gelahmt,
das obere Augenlid hing herunter ; wurde es in die Hohe gehoben,
so konnte die Kranke deutlich sehen, obgleich die Pupille sehr er-
weitert und unbeweglich war. Bei der Section zeigte sich die Ge-
schwulst bis in den Seitentheil der Augenhohle ausgebreitet. Der
Trochlearis verlief oberhalb der Geschwulst, der Oculomotorius whr
:n ihrem Gewebe eingeschlossen , der Augenast des Quintus war
am meisten desorganisirt, der Abducens hatte nur stellenweise ge-
itten. Die Geschwulst reichte nicht bis zum Sehnerven (j Bell 1.
Si S. 256). Diagnostische Kriterien fur Falle dieser Art sind ans-
wer den objective!! Merkmalen in Form und Stellung des Augapfels
lie Theilnahme des Ramus ophthalmicus des Quintus, welche sich
lurch Anasthfesie der Oberflache des Auges und der Stirn kund-
giebt, und die Integritat des Pacialis , die Beibehaltung der Fiihig-
veit die Augenlider zu schliessen. Bei weitem haufiger haben die
leripherischen Anliisse der Augenmuskel-Lahmung in der Schadel-
mhle an der Griindllache des Gehirns ihren Sitz: am hauflgsten
.irid es serds-albuminose Exsudate und Blutergiisse, seltner Ge-
sbhwiilste, welche je nach ihrer Raumlichkeit mehr oder weniger
lie angranzenden Ilirnnerven in den Bereich der Lahmung hinein-
G78
AUC. ENMUSK ELLA HMUNG.
ziehen. Gewohnlich sind die Symptome einer Hirnaffection gleich-
zeitig vorhanden, oder vorangegnngen. Bell hat ein Paar Beispiele
mit°etheilt. Der eiric Kranke lilt seit acht Tagen an Fieberbewe-
<’Unoen, zu denen sicli Delirien und Sopor hinzugesellten. Mit Ein-
tritl des lrreredens verlor er die Fahigkeit, das rechte Augenlid
aufzuschlageh ; als man es mit dem Finger in die Hohe schob, sail
man, dass auch die Bewegungen des . Augapfels aufgehort batten:
wahrend das Iinke Auge von einer Seite nacb der andern rollle,
blieb das rechte ruhig und starrte grade aus. Beim Voneinander-
halten der Augenlider fiiblte man einen Widerstand von Seiten des
Augapfels und Orbicularmuskels , der auch die Augenlider mit vol-
ler Kraft schloss. Bei der Leichenbflhung fand sicli eine bedeu-
tende Menge seroser Fllissigkeit in den Hirnhohlen vor. Das ge-
wohnlich leicht erfolgende Zuriickschlagen des Gehirns wurde durch
eine dicke Scbiclit coagulabler Lympbe von strohgelber Farbe und
gallertartiger Consistenz verhindert, mittelst welcher der obere Theil
der Varolsbriicke an der dura mater anklebte. Diese Schicht war
auf der rechten Seite der Sella turcica am dicksten. Alle Nerven,
die ihren Weg nach der Augenhohle nehrnen, waren in diesem
Exsudat eingehiillt, besonders der dritte, der ein gelblich - braunes
Ansehen hatte. Die entsprechenden Nerven der linken Seite litlen
ebenfalls, jedoch in einem geringeren Grade. Die Insertionssliitte
des Facialis war von dem Sitze der Krankbeit entfernt. Bei dem
andern Kranken, einem elljahrigen scrofulosen Ivnaben hatte sicli
Diplopie , Schielen und Ptosis an beiden Augen plotzlich eingefun-
den. Die Fahigkeit, die ’Augenlider zu scbliessen und zu blinzeln,
so wie das Sehvermbgen waren ungestort. IXas linke Auge be-
wegte sicli zwar, jedoch bescbrankt: das rechte hatte einen starre-
ren Blick. Die linke Iris war allein beweglich, die rechte Pupille
erweitert. Nacli einigen Monaten verschlimmerte sicli der Zustand.
Es stellte sich Schmerz im rechten Arme und im Kopfe ein. Die
iMn skein des Daumens. schwanden und bald vlarauf wurde der gauze
Arm atrophisch und ejeliihmt. Die Liihmunff \erbreitete sich iiber
AUGENMUSKELLADMUNG.
079
den ganzen Korper. Leiclienbefund. Die Hirnhohleji enthielten
ungefahr zelm Ujizcii Flussigkeit. Die Hirnsubstanz war so weich,
dass sie auseinander (loss mid in dem Wasser der Ventrikel Flok-
ken bildete. Mehrere Tuberkel hatten im Cerebellum und Pons
Varoli ihren Sitz. Auf der Grundilache des Gehirns fand sicli ein
Lymphexsudat, welches die Insertionsstatten sammtlicher Nerven
einhiillte, vom Olfactorius an bis zum neunten Paar. Der Quintus
war noch am meisten verschont. Der Oculomotorius der rechten
Seite liess sicli nur mit Millie im Exsudate erkennen, war desorga-
nisirt und durchscheinend geworden ( Bell I. c. S. 220 u. 250).
Im Jahre 1839 wurde ich zu einem dreijahrigen Knaben gerufen,
welcher neun Monate zuvor einen starken Fall von der Treppe er-
litten liatte. Am 20. Miirz ting die Krankheit mit Erbrechen und
Durchfall an, worauf sicli starkes Fieber und Benommenheit des
Kopfes einstellten. Am 22. fand ich die ausgepragten ZLige der
Meningitis cerebralis mit Ptosis mid Blindheit des linken nach dem
iiusserii Winkel hin unverruckt stehenden Auges, welches nicht die
geringste Reaction gegen den einfalleiiden Lichtstrahl zeigte. Der Sopor
wurde tiefer, und unter heftigen Convulsionen der Rmnpfglieder erfolgte
der Tod. In den letzten beiden Tagen schien auch das rechte Auge das
Selivermogeii eingebusst zu haben. Die Pupillen waren erweitert
und unbeweglich. Bei der LeichenofTnung fand ich Erweichung der
Centraltheile des Gehirns, des Corp. callos., des Fornix, des Sept,
pellucid., der Wandungen der Seitenhohlen , die erweitert und
mit einer Menge seroser Flussigkeit angefiillt waren. Auf der Basis
cerebri, besonders der vordern Lap pen bis zum Boden des dritlen
Ventrikels war eine starke Meningitis sichtbar. Ein betrachtliches
albuminoses Exsudat hiillte die Sehnerven, das Chiasma, und den
Oculomotorius, besonders der linken Seite, ein. Hugh Ley sail in
mehreren Fallen bei Exsudalen an der Basis der vordern Lappen
und bei Verdickimg der Membranen die Lahmung auf die obern
graden Augenmuskeln beschrankt, und macht darauf aufmerksam,
dass die Fasern des Oculomotorius, welche diese Muskelu versor-
680
AUGENMUSKELLAHMUNG.
<rCn vom Stamme des Nerven abgehen, die derselbe die dura ma-
ter durchbohrt , und wegen ilirer Feinheit und der Dunnheit des
Neurilemms durch einen Druck beeintrachtigt werden konnen, wel-
eher fur den dickern Stamm unzureichend ist. (An essay on the
laryngismus stridulus, p. 47.)
Von Ophthalmoplegie in Edge einer auf den Oculomotorius be-
schrankten Compression ist folgender in Stumpff dissert, inaug. de
aneurysmatibus arteriarum cerebri, Berolini 1836, beschriebne Fall
ein instructives Beispiel. Ein zwei und zwanzigjahriger Tischler, der
schon otter an Kopfschmerzen gelitten hatte, bekam am 4 ten
Sept. 1835 wahrend einer anstrengenden Arbeit Schwindel, sehr
heftige Kopfschmerzen, und fiel um. Nachdein er wieder zu sich
gekommen, klagte er fiber heftige klopfende Schmerzen im ganzen
Kopfe, weshalb er die Aufnahihe in daa Krankenhaus nachsuchte.
Die Augen waren lichtscheu, gerothet, der Kopf nach hinten gebo-
gen. Die Nachte waren schlatlos, der Kopfschmerz wurde unleid-
lich, es gesellten sich Conyulsionen hinzu. Durch die antiphlogisti-
sche Behandlung trat Besserung ein, und der Kranke verliess, ob-
gleich niclit hergestellt, das Hospital. Nach kurzer Zeit stellte sich
der Kopfschmerz in holiem Grade wieder ein, und mit ihm folgende
Erscheinungen : Unbeweglichkeit des rechten Augapfels, der nach
dem Schlafewinkel hin stand, Erweiterung und Unbeweglichkeit der
Pupille, Ptosis, Klagen fiber einen stumpfen druckenden Schmerz
im Auge, besonders beim Einfallen der Lichtstrahlen. Die Pupille
war klar, und das Sehvermogen nicht gestort. Das linke Auge
war etwas gerothet und lichtscheu. Der Kranke liess sich von
neuem in das Charite - Krankenhaus aufnehmen, wurde in einer
Nacht von einem apoplektischen Anfalle getroffen, und starb bald
darauf. Bei der Section fand man ein betrachtliches Blutextrava-
sat, welches fast das gauze Gehirn einhullte, und sich besonders in
der Niihe der Fossa Sylvii angehauft hatte. Die Quelle davon war
ein geborstenes Aneurysma im Winkel des Ramus communicans
der Carotis cerebralis und der Art. foss. Sylv., von der Grosse einer
AUGENMUSKELLAHMUNG.
G81
llaseluuss mid ovaler Form, welches durch einen engen Hals mit
der Arterie zusammenhing , und aus deren erweiterten Membranen
bestancl. Mit seiner untern Flache sass es auf dem Oculomotorius
auf, und iibte einen Druck auf denselben aus. Hier waren die
Arterienhaute erweicht, wie breiartig, und es fand sich eine Fissur
von zwei Linien Lange. In der Ntihe des Aneurysma war die
Hirnsubstanz von weicherer Consistenz als an anclern Stellen.
II) Centraler Sitz. Nach der fur den Centralapparat des
Gehirns gultigen Leitung in gekreuzter Richtung ist die gegenuber-
stehende Hemisphare Heercl der Krankheit, und die Lahmung der
Augenmuskeln befindet sich auf derselben Seite mit der Paralyse
der Rumpfgiieder. Ptosis ist nicht selten Symbol einer Centralaffe-
ction, wahrend es Lagophthalmos nur ausnahmsweise ist, gewohn-
lich mit Ophthalmoplegie und optischer Aniisthesie verbunden. Un-
ter den Augenmuskelnerven selbst wird der Oculomotorius haufiger
als der Abducens von Centralanlassen betheiligt, besonders der den
M. rectus internus und superior versorgende Zweig: so begleitet
Strabismus divergens Hiimorrhagieen, Erweichungen, und beim chro-
nischen Hydrocephalus sind die Augapfel sehr oft nach unten ge-
stellt und unfahig in die Ilohe gerichtet zu werden. Yelloly er-
wahnt eines Fades von Lahmung des iiussern graden Augenmus-
kels mit Einwartsstellung des Bulbus, welche durch eine Geschwulst
auf der linken Seite des vierten Hirnventrikels entstanden war.
(Medic. chirurgv transact. Yol. I. p. 218.)
Zu unterscheiden von der cerebral en Paralyse der Augen-
muskeln ist die re flector is die Immobility, die sich an dem
Slillstande der Bewegungen wegen Abnahme und Verlustes sensibler
und sensueller Erregung, bei Fortdauer der Bewegungen auf den
psychischen Impuls erkennen liisst. Bereits Iriiher (S. 237. 318. 325.)
ist auf die von der Energie des Sehnerven abhangige Statik der
Augenbewegungen aul'merksam gemacht worden, und v. Wallher
hat das Verdienst, diese Erscheinungen im Muskelnervengebiete des
Auges bei der Amaurose mit einer Fulle eigner Erfahrung physio-
G82
A UGENMUSK ELLA 1 IM UNG.
lo^isch gewurdigt zu haben. (Die Lelire vom sehwarzen Staar und
seiner Heilart. Berlin 1841. S. 75 — 101). Schon die karakte-
ristische Starrheit des amaurotischen Auges ist der Ausdruck der
Torpiditat sammtlicher Muskeln des Augapfels: besonders al)er ist
es der Ocnlomotorins, und zwar der fur den Rectus intern, bestimmte
Zweig, dessen Thatigkeit wegen gesunkner Energie des Opticus
nachlasst, daher Strabismus divergens gewohnlich Begleiter der
Amaurose ist. (Vgl. Bohm’ s ausgezeichnete Monographic: Das
Schielen und der Sehnenschnitt in seinen Wirkungen auf Stellung und
Sehkraft der Augen. 1845. S. 212.) Seltner zeigt sich der Stillstand der
Bewegung in dem Hebemuskek des obern Augenlids. Kranke kbn-
nen durch cerebralen Einfluss z. B. auf Geheiss des Arztes Bewe-
gungen mit dem Auge vornehmen, dasselbe nach der Nase wenden,
das obere Lid aufschlagen, allein ungeachtet sie es vermogen, spon-
tan thun sie es nicht, weil das Motiv des Sehens fur sie nieht mehr
vorhanden ist. Es verhalt sich mit ihnen wie mit den von Aiia-
sthesie des ersten Quintusastes Behafteten, wo die blinzelnde Action
der Augenlider beim Einfallen fremder Korper etc. aufgehort hat,
obgleich der Kranke, wenn es verlangt wird, die Augenlider fest
schliessen und die blinzelnde Bewegung nachahmen kann. Von
Wichtigkeit ist der Umstand, dass je langer der Reflexeinfluss der
optischen Energie auf den motorischen Nervenapparat mangelt, urn
so schwacher die Erregbarkeit desselben fur den cerebralen Impuls
wird, wie es auch umgekehrt *bei Verlust der cerebralen Erregung
in Bezug aul die reflectorische der Fall ist. Auch darf nicht tiber-
sehen werden, dass bei centraler Amaurose durch Ausbreitung der
Krankheit die centrale Balm der Augenmuskelnerven beeintrach-
ligt und ihres Leitungsvermogens verlustig werden kann.
Nicht nur auf die Augenmuskeln, auch auf die contractilen Iris-
fasern macht sich die mangelnde Reaction der optischen Erregung in
der Amaurose geltend, und Immobilitiit der Pupille ist moistens in
ihrem Gefolge, mit Abweichung der Form und Stellung von der
Norm. Uierbei sind die Untersuchungen liber die motorischen
AUGENMUSKELLAI-IMUNG.
G83
^uellen der Iris von grossem Interesse, und verheissen selbst fur
lie gauze Lehre der motorischen Erscheinungen eine physiologische
Ergiebigkeit. Der Einlluss des Oculomotorius war zuerst durch
yiayo's Yersuche constatirt worden (Anatomical and physiological
commentaries. London 1823): die Reizung dieses Nerven in der
Schadelhohle hat Contraction, die Durchschneidung hat Expansion
ler Pupillen zur Folge. Die letztere wurde gemeinhin als passi-
ve!' Zustand, als Erschlaffung gedeutet, jedoch mit Unrecht, da schon
lie von Petit in dem Jalire 1712 angestellten und von Molinetti
and Spatern bestatigten Versuche ergehen batten, dass nach Durch-
schneidung des Cervicaltheils des Vagus und Sympathicus an leben-
len Hunden sofort eine andauernde Verengerung der Pupillen in
lem entspreclienden Auge eintritt. Denselben Erfolg hatte die von
Dupuy und Dupuytrcn vorgenommene Durchschneidung des ober-
sten Halsknotens des Sympathicus, so dass schon hieraus das Vor-
landensein von aufsteigenden durch das Ciliarganglion in die Iris
sich hegehenden motorischen Nervenfasern , denen die Erweiterung
ler Pupillen ohliegt, hatte vermuthet werden konnen. In neuester Zeit
hat Valentin diesem Gegenstande durch experimentelle Beobachtun-
5en eine festere Stiitze gegeben (de functionibus nervorum cerebra-
ium et nervi sympathici p. 109 etc.). Es stellt sich aus diesen
Versuchen der Antagonismus der motorischen Erregungen in den
on verschiedenen Heerden, cerebrospinalen und sympathischen stam-
nenden Nervenelementen der Iris, und die durch die Statik dieser
Erregungen bedingte -Form der Pupille heraus, nicht bloss der nor-
nalen, sondern auch der kunstlich gebildeten ( Valentin 1. c. p. 112.
Vo. 14). Werden das obere Ganglion des Sympathicus oder das
Ganglion des Vagus oder die Stamme oder die mit denselben sich
-erbindenden Fasern der Cervicalnerven gereizt, so folgt Erweile-
•ung der Pupille: werden sie durchschnitten und ihrer Leitung ver-
ustig, so hat der Oculomotorius das Uebergewicht uhd Verengerung
lerselben ist die Folge. So vcrhalt es sich auch umgekehrt. Pa-
liologische Erscheinungen crhalten durch diese Untersuchungen ilirc
G84
augbnmuskellAhmung.
Deutung. Mil Reizung des Gehirns ist Contraction, mit Reizung
ties Sympathicus (z. 13. in der Helminthiasis:) Erweiterung der Pu-
pille verbunden; paralytische Affectionen des Gehirns werden von
Mydriasis begleitet; in der Tabes dorsualis dagegen habe ich biters
die Pupille bis auf die Grosse eines Stecknadelknoples contrahirt ge-
funden. Ob die durch Eintraufelung des Belladonna- und Hyoscy-
amus - Aufgusses in das Auge bervorgebracbt© Mydriasis von Lah-
mung der Fasern des Oculomotorius oder von Reizung der sympa-
thischen abhangig ist, ist noch nicbt entschieden. An der Iris lasst
sicb auch deutlicher als an den ubrigen Muskeln die auf einzelne
Nervenfasern isolirte Lahmung, und das dadurch bedingte Ueber-
gewicht der andern Fasern in der Entstellung der Pupille erkennen.
Valentin will bestimmte Veranderungen in der Pupille wahrgenom-
men haben, je nachdem das Ganglion des Vagus oder das oberste
Halsganglion des Sympathicus dem Versuche unterworfen wurde
(1. c. p. 112. No. 11). Verletzungen einzelner Ciliarnerven bei
Augenoperationen geben zuweilen Anlass zur Stellung der Pu-
pille nach oben oder innen oder nach einer andern Ricbtung,
und die zu diaguostischen Kriterien der Species der Amaurose
benutzten Configurationen des freien Irisrandes, das horizontale
oder vertikale Oval, konnen nur aus einer ungleichen Ver-
theilung der Paralyse unter den einzelnen Ciliarnerven hergeleitet
werden.
Ausser der rellectorischen Immobilitat lassen sich an den Augen-
muskeln noch andere Zustande von Unthatigkeit nachweisen, welcbe
mit der Lahmung nicbt verwecbselt werden diirfen. Dahin gebort
die vernacblassigte Einubung der motorischen Balm (Vgl. S. 197),
wie sie bei Menschen mit ungleicher Sebkraft und Sehweite beider
Augen vorkommt, welche sich alsdann leicht gewobnen schon in
der mittlern Entfernung immer nur mit einem Auge zu se-
hen , wobei das andere in den sogenannten Augenscblaf veiTallt.
So begleitet auch Ptosis zuweilen den Strabismus , weun das
Auge durch seine veriinderte Stellung fur das Selien nicbt be-
AUGENMUSKELLAHMJNG.
G85
nutzt werdea kann. Dieffenbach sail class bei Schliessung des ge-
sunden Auges das kranke bedeutend weiler geoffnet werden konnte,
obgleich der Bulbus seine Stellung nicht verbesserte (Ueber das
Sckielen und die Heilung desselben durch die Operation S. 162).
Endlicli verdient die Erschlaffung des aussern Augenmuskels, wel-
cbe als eine haufige Bedingung des Strabismus convergens von Bell
mit pathologischen Argumenten nachgewiesen worden ist (Practical
essays. Edinburgh 1841. p. 62 etc.), hier erwahnt zu werden. Es
lasst sich diese Erschlaffung eines einzelnen Muskels kaum physio-
logisch deuten, wenn man nicht der doppelten Quelle motorischen
Impulses fur diesen Muskel eingedenk ist, des cerebralen durch das
sechste Nervenpaar und des sympathischen durch Fasern der vom
obersten Halsknoten des Sympathicus aufsteigenden Aeste, welche
sich dem Abducens anlagern. Schon Petit hatte beobachtet, und
andere nach ihm, class nach Durchschneidung des Cervicaltheils des
Sympathicus das Auge immer nach dem innern Winkel gezogen
wird; so wie nun durch Entziehung oder Verlust dieses Impulses
die Energie des M. rect. extern, geschwacht und das contractile
Muskelgewebe erschlafft wird, obgleich die cerebrale Leitung durch
die freie Bahn des N. abducens ungehemmt sein kann, so ist ande-
rerseits erklarlich , wie es vorzugsweise der aussere grade Augen-
muskel ist, dessen Thatigkeit von Anlassen in den unter sympathi-
schem Eintlusse stehenden Organen (bei Helminthiasis, Hysterie etc.)
in Anspruch genommen wird.
Die Behandlung stutzt sich 1) auf Erfulluitg der Causal-In-
dication. Das Verfahren gegen den rheumatischen, gegen den trau-
matischen Anlass ist hier an seiner Stelle, so wie in andern Fallen
die Beforderung der Resorbtion und die Beseitigung der Dyskra-
sieen. Allein nur sehr selten gelingt die Heilung auf diese Weise:
es stellt sich 2) die Aufgabe zur Herstellung der Erregbarkeit und
Leitung der Augenmuskelnerven. Man hat diese durch den brt-
lichen Gebrauch reizender und ableitender Mittel zu erreichen ge-
sucht, und empfiehlt eine Steigerung von aromatischen und atheri-
68G
aigenmuskillAiimung.
schen Einreibungen an (Bals. vit. Hoffmann., 01. Cajeput, Aether
sulphur.), zur Anwendung lliegender Yesicatorien bis zur Applica-
tion des Feuers mittelst Moxen, in der Umgegend des Auges. Die
letztern, besonders die Gluhhitze gehoren zu den wirksameren Agen-
tien fur die Cur der Ptosis und Qpbthalmoplegie: die erstern da-
aeo-en sind meistens erfolglos. Die Electricitat in ibren verschiede-
nen Gebrauchsweisen, als Electro- oder Galvanopunctur, oder mittelst
des magnetisch-electrischen Rotations-Apparats hat nur selten nach-
haltige Wirkung. Dasselbe gilt yon der Douche. Mehr hat man
sick von den ableitenden Mitteln, den Exutorien (vesicat. perpet.,
ung. oder empl. tartar, emet.), zumal bei rheumatischer und dyscra-
sischer Basis, zu versprechen. Dock muss ich kier auf einen Irr-
tkum aufmerksam macken, welcher durck Unbekanntsckaft mit den
neuropkysiologiscken Fortsckritten unterkalten wird, und urn so
sckwerer auszumerzen ist, weil er von einem beriihmten Namen
getragen wird. Es ist die von Joh. Ad. Schmidt gegen Ptosis em-
pfohlne Application einer Aetzpaste zwiscken Warzenfortsatz und
Kieferwinkel , wobei wohl eine Verweckslung mit deren Ileilkraft
im Lagophthalmgs zu Grunde liegt, denn eine Ableitimg an jener
Stelle ist zur Cur der Lahmung des Oculomotorius minder wirk-
sam als in der Niike des Auges. Mit dem Exutorium kann
der endermatiscke Gebrauch des Strychnins , auf ahnliche Weise
wie bei der Paralyse des Facialis, verbunden werden.
Die Chirurgie hat sich in neuerer Zeit Yerdienste um die
Behandlung der Augenmuskellahmung erworben. Diefpmhach, dem
man hierin das meiste verdankt, sah die leichtern Grade der Pto-
sis, welche das Schielen zuweilen begleiten, nach der gelungenen
Operation des letztern von selbst verschwinden (a. a. 0. S. 164). In
andern bedeutenderen Fallen hatte die Durckscbneiduug des antago-
nistischen Muskels, des Orbicularis palpebr., Erfolg, woraus sick ent-
nehmen liisst, dass in der Blepharoplegie niclit bloss der Lahmung
des Hebemuskels ein Antheil zukommt, sondern auch der ge-
steigei ten Action des Schliessmuskels, so wie es sich umgc-
AUGENMUSKELLAHMUNG.
G87
kehrt beim Lagophthalmiis verhalt. Auf ahnliche Weise wirkt
in der Ophlhalmoplegie die Durchschneidung des Antagonis-
len des gelahmten Mnskels, und die Oj)eralion des Strabismus
paralyticus ist nicht bloss von der kosmetischen Seite, sondern
auch in BetrefT ihres Einflusses auf Erhaltung und Verbesserung
der Sehkraft zu wiirdigen.
/
— 00<}r
Lahmung
ties N. hypoglossus.
Die motorische Action tier Zunge ist nicht mijider umfassend
als die sensible, und wie diese der Aufklarung noch bediirftig. We’nn
auch der Unterschied der masticatorischen und articulirenden Zun-
genbewegungen (Vgl. S. 328) in den paralytischen Affectionen noch
haufiger sich herausstellt als in den convulsivischen, so haben die
bisherigen pathologischen Beobachtungen nocli nicbts uber die Ner-
venhebel dieser zwiefachen Action, wie es in Betreff der mimischen
und Ivaubewegungen der Gesichtsmuskeln geschehen ist, gelehrt,
und konnten es auch nicht, so lange der Hypoglossus als eine aus
Elementen gleichen Ursprungs bestehende Nerveneinheit gait. Allein
dieser Nerv ist wie jeder andere nur eine Balm fur Primitivfasern
verschiedenen Ursprungs, und Volkmann hat durch mikroscopische
Untersuchungen nachgewiesen, class der Ramus descendens ein ascen-
dens ist, der dem Hypo glossus und der Zunge Fasern aus den bei-
den obern Halsnerven zufuhrt ( Muller’s Archiv 1840. S. 502).
Die masticatorische und die articulirende Lahmung der Zunge
kommen entweder isolirt oder mit einander yerbunden vor.
1) Masticatorische Glossoplegie. Die Ortsbewegung der
Zunge ist ganz oder zum Theil aufgehoben. Es geht die Bildung
des Bissens in der Mundhohle muhsam oder gar nicht vor sich;
Speisereste bleiben auf der gelahmten Seite liegen, weil die Zunge
sie nicht wegstosst, und Schwierigkeit. oder Unfahigkeit des Eau-
ZUNGENLAHMUNG.
G89
ind Schlingactes ist vorhanden. Das Geluhl ist in den nicht com-
)licirten Fallen ungestort; der Geschmack wegen der mangelnden
lBewegung stumpier. Gewohnlich fiiidet eine Ansammlung der nicht
werwendeten Speichelfliissigkeit in dem Mundhassin statt. Panizza
hat zuerst das Ergebniss einer Durchschneidung beider Zungen-
lleischnerven genau gescbildert (Versuche uber die Verricbtungen
der Nerven, fibers. v. Schneemann. Erlangen 183G. S. 31). „Der
lHund, den man einige Zeit bat fasten lassen, nabert dem vorgesetz-
iten Milchnapfe die Schnauze roll Begierde, macht mit dem Kopfe
mud Unterkieler die Bewegungen des Schliirfens, ist aber nicht im
>Stande die Zunge im geringsten vorzustrecken, so dass er die Sadie
inach vielen unniitzen Versuchen aufgiebt. Er fasst ein mit Milch
beleuchtetes Stiickchen Brod, versucbt es zu kauen, legt es aber
bald kaum in zwei Stucke getbeilt wieder auf den Boden, ergreift
nmd theilt es von Neuem, wirft es wiederum aus, bis er endlich das-
'selbe in kleine Stiickchen getbeilt liegen liisst. Wenn bei den Eau-
bewegungen durch das Beugen des Kopfes die Zungenspitze aus
leinem der Mundwinkel vorfallt, so bleibt sie scblafF aussen liangen,
das Thier beisst darauf, und stosst ein heftiges Geheul aus. Oeff-
net man das Maul, so zeigt sich die Zunge vollkommen unbeweg- '
lich und scblaff, und verbleibt in jeder Lage, in welche man sie
bringt. Ein auf den Riicken der Zunge gelegtes Stuck Brod oder
Fleisch bleibt unverriickt liegen, wenn es nicht zufallig durch die
Kaubewegungen des Unterkiefers berausfallt oder zwiscben Zunge
und Ziihne geklemmt wird. Die Deglutition geht nicht vor sich, es
musste denn sein, dass der Bissen durch die blosse Wirkung der
Schlundmuskeln in die Ilohle des Pharynx gelangt, allein auch in
diesem Falle geschiebt sie nur unvollkommen, weil der Bissen von
jenen Muskeln gedriickt sich zerlegt, und theilweise durch den ge-
bffneten Isthmus des Rachens, welcben die geliihmte Zunge nicht
mehr schliesst, in den Murid zuriickkehrt. Dasselhe findet statt,
wenn man dem Ilunde Flussigkeit in den Rachen giesst.“ Rei tota-
ler masticatorischer Glossoplegie ist zugleich die Articulation der
coo
ZUNGENLAI 1MUNG.
Sprache gehemmt, und die Zunge liegt auf dem Boden der Mund-
hohlc, hinter den Ziihnen des Untcrkiefers, wie ein Keil grade aus-
oestreckt. Bei der partiellen Lahmung entsteht cine abnorme Be-
We°"im<T oder Stellung der Zunge. Am haufigsten ist die Hemiple-
gic, wobei die ausgestreckte Zunge mit ihrer Spitze nach der ge-
lahmten Seite sieh neigt. Hiese Erscheinung, welche ich vor kurzem
bei einem Kranken nach der Exstirpation eines kleinen carcinomato-
sen Auswuchses an der linken Zungenhalfte beobachtet habe, wobei
Fasern des Hypoglossus verletzt worden waren, ist urn so au Callender,
wenn bei gleichzeitiger Lahmung der Gesichtsmuskeln die Lip-
penfuge nach der gesunden Seite verzogen ist, und hat verschiedene
Deutungen gefunden. Bidder sucht die Ursache dieser schiefen
Richtung der Zunge in dem aufgehobenen Contractionsvermogen
derjenigen Muskeln, die an der gelahmten "Seite das Zungenbein lie-
ben. Denn indem bei der Intention die Zunge hervorzustrecken
das Heraufziehen des Zungenbeins nur den Muskeln der einen Seite
uberlassen wil'd, muss eine' schiefe Stellung des Zungenbeins zum
Untcrkiefer, und also auch der Zunge zur Mundhohle hervorge-
bracht werden, eine Stellung, die durch die Lahmung des Muse,
genioglossus derselben Seite und das Uebergewicht des gleichnami-
gen Muskels der andern Seite sicherlich noch verstarkt wird. Ilier-
mit stimmt auch uberein, dass jene Stellung urn so auffallender war,
je sorgfalLiger bei Durchschneidung des Hypoglossus am lebenden
Thiere alle vor der Durchscbnittsstelle des Nerven von ihm abge-
lienden und in die bier betheiligten Muskeln tretenden Zweige ex-
stirpirt worden waren (Muller's . Arcliiv etc. 1842. S. 111). Doch
sei damn erinnert, dass auch bei Exstirpationen und Excisionen an
der Seitenllache der Zunge, wie mir der verewigte Rust und mein
geehrter Freund Dieffenbach mitgetheilt haben, die Zungenspitze
nach der operirten Seite sich hinwendet, oline dass man im Stande
ist, eine durch Vernarbung der Wunde entstandene Contractur
sicht- oder fuhlbar wahrzunehmen. Seltner zeigt sich die partielle
Llossoplegie als Lahmung der Ruckwarls- oder Yorwartszieher der
ZUNGENLAHMUNG. 091
\ 'unge. Muller macht die Bemerkung, dass nach Exstirpation des
j littlern Tlieils des Unterkielers, wodurch die das Os hyoideum und
ie Zunge vorwartsziehenden Muskeln (Mylohyoideus, Geniohyoideus,
j enioglossus ) ilire Fixation verlieren, das Zungenbein durch den
vitylohyoideus, und die Zunge durch den Styloglossus so kraftig
iickwarts gezogen werden, dass die grosste Gefahr der Erstickung
ntsteht (Handb. der Physiol, des Menschen 2. Thl. S. 81). Eine
iei Lahmung der Zungenmuskeln schneller und starker als bei an-
hern paralysirten Muskeln hervortretende Erscheinung ist die Atro-
ihie derselben. Bidder sah in deji ersten Wochen nach Durcli-
itchneidung des Hypo glossus an lebenden Hunden die Ernahrung
her Zunge immer beeintrachtigt , obgleich in keinem Falle irgend
in bedeutenderes Gelass verletzt worden war. Die Oberlliiche der
''hinge zeigte starke und tiefe Queerrunzeln als sei das Involucrum
: inguae zu weit geworden fur die verringerte (leischige Masse dieses
)rgans, und eine aulfallende GrossendifFerenz land zwischen beiden
'Zungenhalften statt (1. c. S. 110). In den folgenden Krankheits-
: ,reschichten ist der betrachtlichen Abmagernng der Zunge ausdriick-
i'ich erwahnt.
2) Articulirende Glossoplegie. Die Bewegung der Zunge,
i n so fern sie zur Bildung und zur Modulation der Stimme mitwirkt,
^t entweder aufgehoben oder erschwert. In ersterm F'alle ist
'itummheit vorhanden (Mutitas), in letzterm L alien, Undeutlich-
iteit der Aussprache oder Stammeln, verhinderte Articulation eni-
r.elner Laute. Aus Kempeleris und Spiiterer Untersuchungen ist
Her Mechanismus der Zungenbewegungen beim SprecHen bekannt.
!)r. Bennati hat auf die Bewegungen beim Singen aulmerksam ge-
macht. So zieht sich beim Singen holier Tone die Zunge auf ihre
Basis zuriick und wird breit; in den Falsettonen heben sich ihre
Bander und bilden einen halbkegellormigen Kanal (Etudes physio-
• ogiques et pathologiques sur les organes de la voix humaine. Paris
1833). Die Sanger sind daher in dieser Glossoplegie unfahig die
Slimme in ihrem ganzen Umfange zu moduliren, zumal die holiern
Hu in berg’s Nerreubrankheiten I. 3.
092
ZLNGENLAIIMUNG.
Tone der Kopf- oder Falsetslimme hervorzubringen. In der Stumm-
heit sind die Locomotion und das Schlingvermogen der Zunge zu-
weiien beeintrachtigt, beirn Stammeln gewohnlich i'rei.
Die Ursaclien der Glossoplegie haben nur sehr selten in der pe-
ripherischen Bahn der motorischen Zungennerven ihren Sitz. Ein
merkwurdiger Fall dieser Art, wo auch die Nacbbarnerven des Hy-
poglossus durch Compression betheiligt waren, ist von Gendlin ge-
nau beschrieben worden (in seiner Uebers. von Abercrombie des
maladies de I’encephale et de la moelle epiniere. p. 627.). Der
36jahrige Kranke war drei Jahr zuvor von einer Treppe in den
Keller auf den Nacken herabgesturzt, worauf sich heftige Schmerzen
im Halse mit erschwerter Beweglichkeit und Schwierigkeit im Spre-
chen einstellten. Nach vier Monaten ging er wieder an sein Ge-
schaft und setzte es ein Jahr fort, allein die Schmerzen in der lin-
ken Seite des Halses dauerten fort und verbreiteten sich in die
Arme, die Stimme wurde heiser und schwack, der Kranke magerte
ab. Jetzt liess er sich in’s Hotel-Dieu aufnehmen. Die linke Hiilfte
der Zunge war atrophisch, jedoch im Besitze des Gefuhls und Ge-
schmackes. Dupuytren diagnosticirte eine Krankheit des linker)
Hypoglossus in der Nake seines Austritts aus dem Schadel (Vgl.
Montault in Panizza’s angef.- Schrift S. 112). Spaterhin kam er
in die Behandlung von Gendrin. Die linke Zungenhalfte war in
hohem Grade atrophisch. Der driickende anhaltende Schmerz im
Nacken verbreitete sich in’s Hinterhaupt. Der Nacken war steif,
die Beweglichkeit des Kopfes sehr erschwert, so dass der Kranke
nur mit Beihiilfe seiner Hande den Kopf voin Kissen in die Hohe
heben konnte. Ein halbes Jahr darauf war der Zustand folgender:
die linke Hiilfte der Zunge war so dunn, dass sie nur aus den Plat-
tcn der Schleimhaut zu bestehen schien, und unregelmassig geslal-
let, heim Herausstrecken aus dem Munde kriimmte sie sich nach
der linken Seite. Der Schmerz im Halse war bei ruhigem Verhal-
ten dump!, steigerte sich jedoch bei jeder Bewegung des Kopfes,
dahtr der Kranke unverruckt in einer horizontalen Lage blieb, und
ZUNGENLAHMUNG.
G93
wenn cr sicli aufrichtete den Kopf mit beiden Handen stutzte. Die
'Muskelkraft war in den Extremitaten der linken Seite schwacher
als in den rechtseitigen , die Stuhlvcrstopfung hartnackig ; die Harn-
ansleerung erfolgte nur durch Regurgitation. Das Gedachtniss war
I fast ganz erloschen, die Abmagerung bedeutend. Die Sensibilitat
| der atrophischen Zungenhalfte war ungestort: Stechen mit einer
'Nadel, Kalte und Hitze brachten dieselben Empfindungen an beiden
Seiten hervor. Schmeckbare Stoffe, Coloquinten , Salz, Essigsaure
erregten in der atrophischen Halfte nur einen sehr dunkeln Ge-
schmackseindruck, der sich erst sieben bis acht Minuten nacli ihrer
Application kund gab, dagegen in der gesunden Halfte einen sehr
lebhaften schon nach 1 — \\ Minuten. Beim Athmen blieben die
Intercostalmuskeln unthatig. Das Schlucken war erschwert: der
Bissen bheb im Pharynx stecken, oder drang in den Kehlkopf, wo
er heftigen Husten veranlasste. Die Aphonie nahm zu. Stuhl- und
Harnabgang erfolgten unwillkuhrlich. Unter Hinzutritt von Aphthen,
Sopor, Lungenlahmung starb der Kranke, drei Jahr nach der
Kopfverletzung. Leichenbefund. Zwischen der linken Hemi-
sphiire des kleinen Gehirns und der Medulla oblongata fand sich
ein geborstner Hydatidenbalg, aus welchem sechs Hydatiden hervor-
gedrungen waren, wrovon zwei die Grosse einer Haselnuss, die
ubrigen das Volumen einer grossen Erbse hatten, und wovon die
grosste in der Mundung des Calamus scriptorius festsass. Im Sacke
selbst waren noch 5 — 6 ahnliche Hydatiden enthalten , darimter
eine von der Grosse einer Kastanie. Die Cyste erstreckte sich
sei t war ts 'nach vorn, zwischen dem vordern, seitlichen Rande des
grossen Hmterhauptloches und der Spitze des Felsenbeins, und
nahm durch das Foram. condyloid, anter. und durch das Foram.
lacerum ihren Ausweg aus dem Schadel. Der aus dem Foram.
condyl. hervorgedrungene Theil bildete eine kleine Geschwulst hin-
ter dem linken Hypoglossus, welcher nach der Vereinigung seiner
Wurzelladen authdlend diinner war, als auf der rechlen Seite.
Der durch das Foram. lacer. tretende Theil des Hydatidensackes
46*
G04
Z UNGENLAIIMUNG.
bildete eine Geschwulst hinter clem Proc. mastoid, und erslreckte
sich von hinten nach vorn, zwischen den Halsmuskeln abwarts, so
class er vom Splenius, Sternomastoideus und von dem hintern Bauche
des Digastricus bedeckt war. Im Foram. lacerum hatte die Cyste
die dort befindlichen Nerven nach vorn gedrangt. Der Stamm des
Vagus und seine Zweige, besonders der Ram. pharyng. und laryng.
super, waren diinn und fein. Im hochsten Grade atrophisch war
cler Glossopharyngeus, der einer dlinnen neurilemmatischen Scheide
ahnlich sail. Die Zungenmuskeln , die Muskeln des Gaumensegels
und Schlundes waren auf cler linken Seite atrophisch und hatten
kauin das Drittheil ihres normalen Volumens ; ihr Gewebe war von
weisslicher Farbe, und von dem Ansehen verdickten Zellgewebes.
Die in den Muskeln sich verbreitenden Arterien waren klein, hart,
wie obliterirt. — Das Gehirn war, mit Ausnahme einer starken
Ansammlung von heller, seroser Flussigkeit in den erweiterten Ven-
trikeln von normaler Beschaffenheit. An cler untern Flache des
mittlern Leberlappens fand sich ein Hydatidensack von dem Um-
fange eines Puteneies mit zwei grossen Hydatiden vor.
In folgendem Falle, welchen ich langere Zeit zu beobachten
Gelegenheit hatte, scheint ebenfalls eine Compression, jedoch beider
H^'poglossi an ihrer Insertionsstelle statt zu linden:
Eine 69jahrige Wittwe hatte an heftigen reissenclen Schmerzen
im Hinterkopl'e und Nacken gelitten. Darauf stellte sich erschwerte
Sprache und Sclilucken ein. Als sie bei mir im Jahre 1842 Rath
suchte war ihre lallende und stammelnde Sprache, bei lauter so-
wolil als lliisternder Stimme, schwer verstandlich : der Speichel lloss
aus dem gefullten Mundbassin uber: die Action cler Muse, genio-
glossi war gelahmt; nur mit der aussersten Willensanstrengung
wai (1 es (^er Kranken moglich che Zunge etwas hervorzustrecken,
doch kaum war es geschehen, so wurde dieselbe jahlings durch die
St\lohl°ssi zuriickgezogen. Die seitlichen Bewegungen zeigten sich
weni^er erschwert. Die Zunge war betrachtlich geschwunden und
•alle ilu glattes ehnes Ansehen verloren: ihre Oberlliiche war von
ZUNGENLAHMUNG.
695
tiefea Runzeln durchzogen und in Falten erhoben , welche in
bestandiger Oscillation sicli befanden. Geftihl und Geschmack \va-
ren nach Angabe der Kranken stumpier als friiher, allein Nadel-
stiche wurden deutlich empfunden, und das auf den hintern Theil
der Zunge gestreute Coloquintenpulver wurde schnell und deutlich
geschmeckt. Die Temperatur der Zunge war normal, und ein
dunner, weisser, feuchter Belag stets vorhanden. Tiefer Druck mi-
ter dem Winkel des Unterkiefers, auf die obersten Halswirbel und
auf die seitlichen Halsmuskeln war empfindlich. Uebrigens war
weder die Beweglichkeit des Kopfes, noch der Rumpfglieder, noch
der Athemmuskeln gestbrt. Aeussre Verletzung oder dyskrasiscbe
Verhaltnisse liessen sich nicbt ermitteln. Ableitungen durch Ex-
utorien in den Nacken blieben ohne alle Wirkung. In den folgen-
den Jahren wurde die Kranke offers im Klinicum vorgestellt. Die
Paralyse zog alle Zungenmuskeln in ihren Bereich, so class die
Zunge wie ein Keil in der Mundhohle lag und durch den Druck
der vordern Zahne des Unterkiefers eingekerbt war. Die Atropbie
und Abschnurung in einzelnen Bundeln nahm zu, und in gleichem -
Grade die Oscillation der Muskelfasern. Das Sprachvermogen ist
ganzlich erloschen: nur unarticulirte Tone lassen sicli horen, welche
die Tochter der Kranken durch Uebung yerstehen gelernt hat. Die
Deglutition ist aufgehoben: mittelst ihrer Finger muss die Kranke
weiche Bissen fiber den Riicken der Zunge his in den Pharynx
l’uhren, und beim Trinken den Kopf nach hinten biegen. Jetzt
machte sich auch eine Theilnahme des Vagus bemerkbar: suffoca-
torische Anfalle mit pfeifendem Schalle der Respiration treten bei
Tag und Nacht ein. Die Halsmuskeln, besonders Sternocleidoma-
stoideus und Trapezius, verlieren ihre Energie, und zeigen ebenfalls
Oscillationen ihrer Fascikeln. Der Kopf kann nicht lange aufrecht
gehalten noch nach hinten gebogen werclen, sondern fallt sofort
nach vorne uber. Dagegen bleibt die Motilitat der Rumpfglieder,
und die psychische Integritiit erhalten. Die Abmagerung hat den
hochsten Grad erreicht, der Verhungrungstod ist unvermeidlich.
ZUNGENLAHMUNG.
696
Je seltner peripherische Anlasse der Zungenlahmung beobachtet
werden, um so oiler kommen centrale vor, welche beide Formen
der Glossoplegie oder nur eine zur Folge haben. Bei Verletzung
des Cervicaltheils des Riickenmarks durch Wirbelbriiche u. s. I', ist
die articulirende Bewegung der Zunge ofters betheiligt. Der Krarike
ist nicht nur ausser Stande anhaltend zu sprechen, in Folge des
o-estorten Athemholens , sondern spricht undeutlich, lallend oder ist
der Sprache ganzlich beraubt. Audi die spinale Lahmung der Blei-
intoxication wird zuweilen von Glossoplegie begleitet ( Tanquerel
des Planches traite des maladies de plomb T. II. p. G2). Aflectio-
nen der Medulla oblongata sind von noch grosserem Einllusse.
Wilhelmine Ii . . . , ein zwei und zwanzigjahriges Madchen, wel-
ches sick mit kalten Waschungen einen ubelriechenden Fussschweiss
vertrieben und darauf an Kopfschmerz gelitten hatte, erlitt im Ja-
nuar 1832 einen starken Fall auf der Strasse, wobei sie mit dem
Nacken auf eine Granitplatte aufschlug. Mit grosser Anstrengung.
schleppte sie sich nach Hause und erzahlte ihrer Mutter den Un-
fall, doch nicht gelaufig, sondern stammelnd. Der Urin floss
unwillkuhrlich ab, the Schmerzen im Kopfe nahmen zu, die Glieder,
besonders der rechten Seite, wurden gelalunt , das Gedachtniss er-
losch. Das Sprechen wurde der Kranken von Tag zu Tag schwe-
rer; erhielt sie daruber Vorwurfe, so fing sie dergestalt an zu stot-
tern, class man kein Wort verstand. Die Esslust artete in Gier
aus. Das Schlucken, besonders der Anfang, waren erschwert. Ein
halbes Jalir nach dem Falle ward sie blodsinnig und ausser Stande
den Kopf in irgend einer Richtung zu erhalten. Die Sprache hatte
sich ganz verloren, das Gehor hingegen war unverletzt. Unter
Hinzutritt von Sopor erfolgte am 24. October 1833 der Tod. Nur
die Oeflhung der Schadelhohle wurde von den Verwandten mir
gestaltet. Zwischen der truben verdickten Arachnoidea und Pia ma-
ter des grossen Gehirns war eine Mcnge sulziger Fliissigkeit ange-
hauft. Die Consistenz des Gehirns, aucli der sonst weicheren Theile,
des Septum und Fornix, zeigte sich iiberaus derb und elastisch.
ZUNGENLAHMUNG.
697
J)ie Seitenhohlen waren iiber das Doppelte ihres gewohnlichen
Lumens erweitert und mit heller seroser Fliissigkeit angefiillt. Die
Fossa rhomboidea des verlangerten Markes erschien als Sitz einer
eigenthiimlichen Veranderung. In ihrem ganzen Umfange zwischen
den Processus restd'oraies war sie mit einer Menge gelber warzen-
formiger Erhabenheiten, von der Grbsse der Hirsenkorner, besetzt,
welche sich rauh und kornig anfiihlen liessen, und wie es sich bei
einer mit Prof. Joh. Miiller sofort angestellten Untersuchung ergab,
auf den weissen Streifen (striae medullares) -aufsassen, die als Wur-
zeln des Hornerven betrachtet werden, dessen Energie aber in die-
sem Falle durchaus unbetheiligt war. Wir vermutheten , dass es
urspriinglich ein albuminoses Exsudat gewesen, welches mit der
Zeit diese Beschaffenheit angenommen hatte. Das Praparat befin-
det sich auf dem hiesigen Museum und ist in der Inaugural-Disser-
tation von Olio Fischer: De rariore encephalitidis casu deque striis
medullaribus in ventriculo quarto obviis, Berolini 1834, abgebildet.
Unter den Krankheiten des Gehirns sind es Hamorrhagie und
besonders Erweichung, welche am haufigsten Glossoplegie mit sich
fiihren (Vgl. den Abschnitt iiber oerebrale Lahmungen). Ivopfver-
letzimgen, Narcotisation und Gemiithsaffecte, zumal Zorn und
Schreck, geben zuweilen Anlass. Das erstere fand in folgendem
Falle statt.
Ein funfzehnjahriger Schifferknabe wurde, im BegrifT das Segel
aufzuziehen, von einem losschnellendeji Tau an der linken Seite des
Kopfes getroffen und st'urzte sofort bewusstlos zu Boden. Als er
nach Verlauf einer Viertelstunde wieder zu sich kam, bemerkte
man eiue Liihmung der rechten Korperhiilfte und Sprachlosigkeit.
Die Zunge wurde beim Herausstrecken nach der gelahmten Seite
gezogen. In der Hautdecke des linken Scheitelbeins zeigte sich eine
mehrere Zoll lange, stark blutende, bis auf den Knochen dringende
Wunde. Drei Wochen nach der Verletzung wurde mir der Knabe
im Poliklinicum gemeldet. Die Motilitat der Extremitaten war wie-
der hergestellt, auch konnte die Zunge nach alien Richtungen ohne
(i!»8 •
ZUNGENLAHMUNG.
Schwierigkeit bewegt werden, allein die Fiihigkcit zu spreehen war
aufgehoben: bei vollkommenem Bewusstsein konnte der Knabe nur
einige unarticulirte Laute mit der grossten Anstrengung hervorbrin-
geiL Die linke Pupille war erweitert, reagirte jedoch gegen den
Einlluss ides Lichtes auf normale Weise. Nach Aussage des Va-
ters, und wie der Kranke selbst durch Geberden zu verstehen gal),
iuhlte er noch immer eine Benommenheit des Kopfes, die sich zu-
weilen zu Schwindelanlallen steigerte. Damit war Stuhlverstopfung
ver])imden. Es wurde eine ortliche Blutentleerung mittelst acht
Blutegeln hinter das linke Ohr, welche von vier zu vier Tagen
wiederholt werden sollte und eine mit kleinen Dosen des Brech-
weinsteins versetzte Auflosung der Magn. sulphur, verortbiet. Am 1.
Iuni, drei Wochen nach Beginn der Kur, kehrte die Sprache zu-
riick, und am funften wurde er als vollstandig geheilt in der Kli-
nik vorgestellt. . \
Bei centralem Ursprunge ist die Zungenlahmung sehr selten iso-
lirt, gewohnlich mit andern Paralysen verbunden, mit Lahmung der
respiratorischen und Stimmuskeln, der Bumpfglieder u. s. f.
Zu uuterscheiden von der Unerregbarkeit und dem Verluste
der Leitungsfahigkeit der motorischen Zungennerven ist die
Nichtentwicklung ihrer Energie in der angebornen oder friihzeitig
entstandnen Taubheit (S. 251) und in dem angebornen oder er-
worbnen Blodsinn, im Idiotismus und in der Dementia (Vgl.
hieriiber den Abschnitt der Logoneurosen ).
Die Aussicht zur Heilung ist in der Glossoplegie schwach, am
ungunstigsten in der articulirenden. In Hamorrhagieen des Ge-
hirns, selbst wenn die ubrigen Lahmungen, aucb die masticatori-
sche, gehoben sind, kehrt die • Integritat der Sprache sehr selten
zuruck. Die Behandlung besteht hauptsachlich in wiederholler An-
wendung blutiger Schropfkopfe und in Application von Exutorien,
Haarseilen, FontaneHen im obern Theile des Nackens. Aucb ist die
Electrieitat zu versuchen. Das oft empfohlne Kauen scharfer lluch-
tiger Stoflb ist erfolglos.
Lahmung
-i # , # ,
im Bereiche der die A them- und S liramb e wegun gen
vermittelnden Nerven.
Der grosse Einfluss exacter physiologischer Forschung auf pa-
ithologische Dntersuchungen stellt sich auch in der Reform der
ILehre von den paralytischen Affectionen der Athemmuskeln un-
/zweideutig heraus. Hinter den Codec tivnamen Asthma und Ca-
ilarrhus sulfocativus war das diirftige Thatsachliche versteckt und
won verworrnen Meinungen umhullt. Erst seit Le Gallois durch
i Flourens vervollstandigten Entdeckung des Heerdes der respiratori-
^scheIl Energieen im verlangerten Marke ist die Asphyxie centralen
lUrsprungs gedeutet worden. Noch spater wurden die ebenfalls
• durch Le Gallois Yersuche am Vagus gewonnenen Ergebnisse fur
• die Aufklarung der Lahmungen des innern Muskelapparats der Re-
sspiration benutzt, am umfassendsten von Hugh Ley (An essay on
tthe laryngismus stridulus. London 1836 p. 406 — 480), wahrend
Bell zu dem durch Stromeyer geforderten Studium der Paralyse
• der Rumpfathemmuskeln die erste Anregung gab.
Uilimiing lies <len Atliem-Muskelapimrat der liuft-
riilire versorgeiulen Vagus.
Zum bessern Yerstandniss sei daran erinnert, 1) dass nach dem
ubereinslimmenden Zeugnisse von Volhmann , Reid, Longel u. A*.
700
RESPIRATORISCIIE LAHMUNG.
dcr N. laryngeus superior des Vagus auf die respiratorisehe Bewe-
gU„g der Glottis keinen Einlluss hat, sondern dass nur dem Re-
currens eiii solcher zukommt. ( Vgl. S. 343 ). 2) INach Longel's
an grosseren Thieren angestellten Versuchen erfolgt auf Reizung
der Lungenzweige des Vagus Contraction der Muskelfasern der
Bronchen. 3) Gas Bedurfniss Luft zu holen wird nicht mittelst
des Vagus empfunden, wie es Bracket falschlicli dargestellt hatte
(Vgl. S. 233), dessen Experimente sich uberhaupt immer mehr
und mehr als unzuverlassig zeigen. Volkmann’s Versuche geben
den Beweis, dass ein Thier, welchem man die Vagi durchschnitten
hat, nicht wie Bracket hehauptet hat, ruhig stirbt, wenn ihm die
Luft entzogen wird, sondern die unzweifelhaftesten Symptome von
Erstickungsnoth und dieselben Erscheinungen zeigt, wie ein Thier,
dessen herumschweifende Nerven unverletzt geblieben sind. (Mul-
ler's Archiv fiir Anat. etc. 1841. S. 334.) 4) Beul sah in seinen
Versuchen, die als Muster gewisscnhafter Beobachtung gelten kon-
nen, nach Durchschneidung der Vagi mitten am Halse und nach
Aufhoren der Glottis-Bewegungen , plotzliche und heftige Anfiille
vonDyspnoe entstehen, welche gcwohnlich, wenn sie nicht asphy-
ktisch endeten, nach ein Paar Minuten wieder aufhorten. Die
Thiere holen, so lange sie in Ruhe sind, oder massig sich bewc-
gen, mit Leichtigkeit Athem, allein sobald sie sich anstrengen und
starker einzuathmen genothigt sind, treten Erstickmigszufalle ein,
die sofort beschwichtigt wurden, wenn man sie von der Anstren-
gung zuriickhielt oder die Luftrohre offnete. (Reid's experimental
investigation into the functions of the eighth pair of nerves in The
Edinburgh med. and surg. Journal. Vol. LI. p. 273). 5) Audi
wenn der Vagus nur auf einer Seite bei den Versuchen betheiligt
wird, zeigt sich ein storender Einlluss auf das Athemholen. So
wurde bei einem Hunde, dessen Vagus man mit einer Pincette
beruhrte, die Respiration erschwert und keichend. Galvanisiren
eines Recurrens und Kneifen mit der Zange hatte Anniiherung der
Giesskannenknorpel und Schliesscn der Glottismiindung zur lmlge
RESPIRATORISCIIE LAHMUNG.
701
(Reid in Edinb. med. and surg. Journ. Vol. XLI. p. 140). 6) Aus-
•ser den unmittelbaren Wirkungen sind die consecutiven zu beach-
ten, die Veranderungen in den Lungen und im Blute. Ueberfiillung
der Lungen mit dunkelem Blute, Verdichtung ihres Parenchyms,
und Ansammlung von schaumigem Serum in den Bronchen wer-
den gewohnlich angetroffen, auch wenn das Luftholen durch eine
Rohre in der Trachea unterhalten wird. Das venose in den Ar-
terien circulirende Blut verliert seine erregende Kraft fiir die Cen-
tralorgane des Nervensystems, besonders fiir die Medulla oblongata,
und veranlasst Coma und Convulsionen. Hierauf, als auf eine Quelle
secundarer Asphyxie und erfolgenden Todes, nachdem das Thier,
oder der Mensch dem schadlichen Einflusse bereits entzogen, und
wieder zu sich gekommen war, hat Marshall Hall aufmerksam
gemacht (on the mutual relations between anatomy, physiology, pa-
thology and therapeutics and the practice of medicine. London 1842.
p. 47. Vgl. auch Reid on the order of succession in which the
vital actions are arrested in Asphyxia in Edinb. med. and surg.
Journ. No. 147.).
I. liAlimiuig tier {lei’ijtliei'iselien ISalui ties Vagus.
Den Experimenten an Thieren reihen sich die bei chirurgischen
Operationen am liaise, wenn auch nur selten, vorkommenden Ver-
letzungen des Vagus an. Ich war vor mehreren Jahren bei der
gcrichtlichen Section eines Knaben zugegen, dessen rechte Carotis
wegen einer betrachtlichen Halswunde und Blutung hatte unterbun-
den werden miissen. In der Ligatur war der Vagus mit einge-
schlossen. Hugh Leg erwahnt eines Falles von Aneurysma der
rechten Art. subclavia, wo bei Anlegung der Ligatur in der Nalie
des Ursprungs der Arterie,' da wo der N. recurrens sicli um sie
windet, der Kranke von Athembeschwerden und Beklemmung be-
fallen wurde, welche dergestalt zunahmen, dass der Tod noch wah-
rend der Operation zu' befiirchten stand. Die Zufalle horten aber
702
respiuatorische lahmung.
auf a Is der Faden der nicht fest zugeschnurt war, durch die Pul-
sation der Artcrie ganz geloset wurde (I. c. p. 458).
Die Umgebung des Vagus in seiner Hals- und Brustbahn von
Theilen, die durch Anschwellung und Verhartung einen Druck auf
den Stamm oder auf einzelne Zweige ausiiben, bietet zum Studium
seiner paralytischen Zustande Gelegenheit dar. Am haufigsten wird
die Leitung des Vagus durch Scrofeln der Hals- und Brustdriisen,
besonders der Glandulae bronchiales, beeintrachtigt , und die davon
abhangigen Erscheinungen begleiten mehr oder weniger die im kind-
lichen Alter haufige Phthisis bronchialis. Es sirid folgende: An-
f-ille von Beklemmung, welche auf jede Anstrengung sich einstellen,
und durch Versuche tief zu inspiriren an Intensitat bis zur dro-
henden Erstickung zunehmen, gerauschvolles , zischendes Athmen,
tlusternde, rauhe, heisere Stimme, Hustenstosse, die wegen des gel-
lenden, schrillenden Schalles beim Einathmen mit der Tussis con-
vulsiva Aehnlichkeit haben, Rasselgerausche in den Lungen, welche
oft schon in einiger Entfernung vom Thorax horbar sind, bei man-
gelnder Empfindung der Ueberfiillung der Bronchen. Diese Zu-
falle kommen und schwinden, je nach dem grossern oder geringern
Athembedurfnisse, und verbinden sich meistens mit andern, die vom
Drucke der geschwollnen Driisen auf die Gefasse abhangig sind,
Oeclem, und bleiche, in’s livide scheinende Farbe des Gesichtes,
oder von der Complication mit Tuberculose andrer Organe, zumal
der Lungen, herriihren. Bei der LeichenofTnung findet man den
Vagus, den Stamm oder seine abtretenden Biinclel, den Recurrens,
die Ram. pulmon., von der entarteten Driisenmasse umgurtet, com-
primirt, abgeplattet, diinn, durcbsichtig , atrophisch oder dergestalt
mit ihr verschmolzen , class es unmoglich ist, die Nervenfasern wei-
ter zu verfolgen. Wrisberg war der erste, der eines solchen Be-
lundes bei einem scrofulosen Knaben erwahnt hat: nonnullae (glan-
dulae bronchiales) octavum par nervorum, ubi in dextrum thora-
cem descendit recurrentem lormaturum, quum in durissima cor-
P°ra essent mutatae, tali ratione amplectebantur, ut nervum ab hac
RESPIRATORTSCIIE LAHMUNG.
703
massa separare plane non possem: idem phrenico ejusdem lateris
nervo contingerat. In ipsa bronchorum divisione lapidea fere tra-
chealis glandula: de plexibus pulmonalibus ex octavo in hoc latere
per ejusmodi ossea fere concrementa ne vestigium quidem inveni-
endum. ( Commentationes medici arguments Goetting. 1800. Vol. I.
p. 144). Spaterhin haben Becker (de glandulis thoracis lymphati-
cis atque thymo specimen pathologicum. Berolini 1826 ) und be-
sonders Hugh Ley ( a. a. O. ) durch genaue Beschreibung und Ab-
bildungen eine deutliche Anschauung dieser Zustande gegeben. Un-
ter mehreren Fallen, die sich meiner Beobachtung dargeboten ha-
ben, und wovon einer bereits S. 231 mitgetheilt ist, zeichnet sich
der eines fiinfjahrigen, blodsinnigen, der Sprache nicht theilhaftigen,
im Wachsthum sehr zuruckgebliebenen Madchens aus, dessen un-
tre Extremitaten gelahmt waren. Der Schiidel war ldein, die Fon-
tanelle vorn und hinten noch offen, der Thorax von den Seiten
zusammengedriickt, der Bauch stark hervorgetrieben, die Glieder
rhachitisch verkriimmt. Seit zwei Monaten liatte sich eine fast
vollkommene Stimmlosigkeit und krahender Husten in kurzen An-
fallen mit grosser Beklemmung eingefunden. Der Athem war lar-
mend, zischend, wie bei einem mechanischen Hindernisse im Kehl-
kopfe. Die Percussion ergab in der rechten Brusthalfte einen ge-
dampften Ton. Das vesiculare Athmungsgerausch fehlte in dem
grossern Theile der rechten Lunge. Ein Nachlass in den Zufallen
wurde den gebrauchten Mitteln zugeschrieben , allein bald kehrten
sie in einem starkern Grade zuriick, es gesellte sich heftiges hekti-
sches Fieber hinzu, und der Tod erfolgte suffocatorisch. Bei der
am 13. December 1841 vorgenommenen Sectioji fand sich in der
Niihe der Bifurcation der Luftrohre nach rechts ein Convolut ange-
schwollner Bronchialdriisen , von ovaler Form, von anderthalb Zoll
Lange und einem Zoll Breite, welches von vorn auf die Trachea,
von oben auf den rechten Bronchus, und auf den Vagus dieser
Seite driickte, dessen Recurrens mit der Geschwulst fest verwach-
sen war, so dass er sich davon nicht abldsen liess. Auf der hin-
704
RESPIRATORISCIIE LAIIMUNG.
tern Flache fancl sich in cler Theilungsstelle der Luftrdhre eine ver-
hartete, herzformige Bronchialdriise , von der Grasse einer Ilasel-
nnss. Auf der Durchschnittsflache zeigte sich Tuberkelmasse in
dem hypertrophischen Gewebe der Drusen eingesprengt, welche an
einigen Stellen erweicht war. Kehlkopf und Luftrdhre waren nor-
mal beschaflen, mit Ausnahme einer starken Rdthung der Schleim-
membran in der Nahe der Bifurcation und in den Bronchen.
Die rechte Lunge war mit Tuberkelmassen, rohen und erweich-
ten, angefullt, und enthielt in ihrer Mitte eine Excavation von der
Grdsse einer Pflaume. In der linken Lunge fanden sich nur ein-
zelne Tuberkel vor, so wie auch auf der Qberflache der Leber und
im Parenchym der Milz. Die Gekrdsdrusen waren hypertrophisch
und tuberculds. Die Schadelknochen ungewohnlich diinn und blut-
reicli: das Yolumen des Gehirns war sehr klein, die Consistenz fe-
ster als gewdhnlich. Die Seitenhohlen und der clritte Ventrikel
waren erweitert, und mit einer auf etwa vier Unzen sich belaufen-
den Quantitat seroser Fl'ussigkeit angefullt. Am hintern Ende des
rechten Corpus striatum land sich ein Tuberkel von der Grdsse
einer Erbse. Alle Raume des Schadels, besonders das Foramen
magnum, waren auffallend verengert. (Vgl. die Schilderung meh-
rerer Falle in den von mir herausgegebenen „Klinischen Ergeb-
nissen“ S. 165.)
Gewdhnlich ist die Betheiligung des Vagus durch Driisen-
geschwulst und Verhartung nur auf einer Seite vorhanden, oder
wenu auch auf beiden Seiten, auf einer in starkerm Grade als auf
der andern. Je jiinger die Individuen sind, desto drohender sind
die Erstickungszufalle , auf ahnliche Weise wie bei Thieren die
Asphyxie um so starker und rascher eintritt, je naher der Ge-
burt die Durchschneidung des Vagus vorgenommen wird (Vgl. S.
349). In Leifs Werke finden sich mehrere Belege (p. 39. p. 40.
p. 139), und ein Beispiel dieser Art ist von Urn. Gunther am
eignen aoht Monale alien Kinde genau beschrieben worden ( Schmidt's
Jahrbucher 25. B. 1840. S. 60). Von den asphyktischen Anfallen
RESPIRATORISCTIE LAIIMUNG.
705
hatte einer die liingste mir bekannte Dauer: „Das Kind hatte in
dieser Nacht mehreremal getrunken und war darauf ruhig wieder
eingeschlafen. Pldtzlich thut es einen kufzen durchdringenden
Sclirei und hurt auf zu athmen. Die Mutter springt aul — aber
das Kind ist starr und giebt nicht das geringste Lebenszeichen von
sich. Im nachsten Augenblicke war auch der Vater am Lager und
findet das Kind leblos; kein died zuckte, nicht der geringste Ath-
mungsversuch war bemerkbar. Das blasse Gesicht war furchter-
lich entstellt, die Augen weit aufgerissen und verdreht, die Zunge
vor den Lippen, der gauze Korper fast schon kalt, Puls- und Ilerz-
schlag fehlten. Es wurde der Kopf mit Naphtha gewaschen, die
Herzgrube, der Bauch, die Fiisse und der Riicken mit Salmiak-
spiritus eingerieben und kraftige Frictionen mit heissen wollenen
Tuchern gemacht. Nachdem diese Iliilfsleistungen zwanzig bis
fiinf und zwanzig Min u ten unausgesetzt angewendet worden
waren, liess die Starrheit, in welcher sammtliche Muskeln sich be-
fanden, binnen wenigen Augenblicken nach, womit gleichzeitig auch
das krachzende Ausathmen, und das Kind endlich laut, doch immer
noch einige Zeit stohnend zu schreien begann. Spaterhin machten
die asphyktischen Anfalle einem Husten Platz, der paroxysmenartig
kam, dem Keuchhusten ahnlich wurde und unter stossweiser Ex-
spiration einen zahen, weissen, die Mundhohle ausfullenden Schleim
zu Tage fdrderte. Auch diese Ausbriiche des Hustens wurden
scltner, es trat Schleimrasseln ein, und ein wahrer phthisischer IIu-
sten mit vielem schleimigen dicklliissigen Auswurfe: ein lentesciren-
der Zustand ‘beschloss die Scene. — Die Thymusdriise verhielt
sicli normal. Eine Geschwulst von der Grosse einer Wallnuss lag
auf dem rechten Vagus auf, der Thymus schrag nach unten gegen-
iiber, da wo dem Vagus zur Seite und nach aussen das unterste
Halsganglion des Sympathicus li'egt. Diese grosse liarte Geschwulst,
die sich offenbar als degenerirte Rronchialdruse darstellte, umgab den
Vagus dergestalt, dass der Stamm des Nerven und der Laryng.
infer, durch den hintern Theil der Geschwulst hindurcbging und
70 G
RESPIRAT ORISCI IE LA I IMUNG.
vollig aus dem etwas lockern zelligen Gewebe lospraparirt werden
musste, was ohae Verletzung der Nervenhiille nicht vollslandig ge-
schehen konnte. An dieser Stelle halle der Nerv aucli ein etwas
gerolhetes, schmutziges Ansehen und eine last lederartige Beschaf-
fenheit. In beiden Lurigen fanden sich eine Menge Tuberkel und
mebrere Excavationen. Die Mesenterialdrusen waren angeschwollen,
und die Oberllache der Milz mit einer Menge kleiner Tuberkel besetzt. —
Obgleich das kindliche Alter vorzugsweise zu Scrofeln der Ilals-
und Bronchialdriisen disponirt ist, deren Druck die Leitung des
Vagus beeintrachtigt (Vgl. S. 231), so sind jedoch die spatern Le-
bensalter nicht verschont. Ein instructiver Fall ist von Andral
beschrieben worden ( Clinique medicale 3i±!re edit. T. III. p. 2G3 ).
Der Kranke, 24 Jahr alt, seit langrer Zeit mit schmerzhaften Ge-
schwiilsten der lyrnphatischen Driisen an beiden Seiten des Halses
behaftet, litt an Zufallen, die eine organische Herzkrankheit andeu-
teten: geschwollenes, livides Gesicht, blauliche Farbe der Lippen
und Nasenflugel, Oedem der Augenlider, Ascites, kurzer beschleu-
nigter Athem, wobei hauptsachlich die Rippen in Bewegung
waren, Unmoglichkeit der horizontalen Lage, drohende Suffocation,
halbaufrechte Stellung im Bette mit gestiitztem Kopfe und Rumpfe.
Die seit einem Jahre gesteigerte Dyspnoe nahm bei feuchtem, reg-
nichtem Wetter zu. Die Percussion ergab an der ganzen Brust
einen guten Schall. An mehreren Stellen war Schleimrasseln , an
andern Rhonchus sibilans horbar, allein uberall starkes normales
Athmungsgerausch. So oft der Kranke versuchte aus dem Bette
zu steigen, wurde die Respiration keuchend. In einem heftigen An-
falle yon Orthopnoe erfolgte der Tod. Bei der Section zeiglen
Herz und Lungen, mit Ausnahme einiger wenigen Miliartuberkel in
den letztern, eine normale Beschaffenheit. Das vordere Mediasti-
num enthielt eine Menge tuberculoser Lymphdriisen, durch welche
liindurch beide Zwerchfellsnerven ihren Lauf nahmen, welche von
ihnen umgurtet und comprimirt waren, und sich innerhalb dersel-
ben nicht genauer verfolgen liessen. Von ihrem Austritte bis zur
RESPIRATORISCIIE LAHMUNG.
707
Verbreitung an das Diaphragma ersehienen sie von grauer Farbe.
Aii beiden Seiten des Halses, vom Rande des Unterkiefers bis zum
Schliisselbein fand sich ein hetrachtlicher Haufen tuberculoser
Lymphdriisen, wovon mehrere zwischen den Halsgefassen und Ner-
ven gelegen waren. Der Vagus verlor sicli einige Zoll unter dem
Abgang des obern Kehlkopfnerven in diese Massen, und trat erst
dicht iiber dem Schliisselbein wieder hervor, mit bedeutender Ab-
plattung auf beiden Seiten. — Die Peritonealhohle enthielt eine
Menge seroser Fliissigkeit. Vor der Wirbelsaule lag eine sehr
grosse Masse tuberculos-entarteter Driisen, welche von einer Seite
die Vena cava, von der andern die Pfortader stark comprimirten.
Ausser den Driisen sind es die grossen Arterien in der Brust-
hohle und am Halse, der Aortenbogen auf der linken, • der Trunc.
anonymus und die Art. subclav. auf der rechten Seite, welche im
aneurysmatischen Zustande durch Druck den Vagus und besonders
den Recurrens betheiligen konnen, und alsdann Erscheinungen lier-
vorrufen, deren Bedingung bisher mit Unrecht in einer Compression
der Luftrohre selbst gesucht wurde: Anfalle von Dyspnoe bis zu
clrohender Erstickung, zumal bei Bewegungen, heisere, rauhe Stimme,
kriiliender Ton beim Einathmen, Hustenstosse mit Schleimrasseln
oder zischendem Geriiusche (S. em Paar Falle von Graham und
Alison in Edinb. med. and surg. journ. April 1835, Cruveilhier
anat. pathol. Livr. III. PI. 3). Auf diese Weise todten zuweilen
jahlings die Aneurysmen, ohne dass eine Ruptur derselben oder eine
Verstopfung der Luftrohre stattgefunden hat (Vgl. Lawrence in
Medic, chirurg. transact, vol. VI. p. 227). Seiten sind die Ge-
schwiilste der Thymus ( Hugh Ley 1. c. p. 469), noch seltner der
Schilddriise Schuld an einer Compression des Vagus oder Recur-
rens. Aftergebilde , in der Niihe der Luftrohre oder in der Brust-
hohle, haben zuweilen diesen Einfluss. Montault hat einen solchen
Fall beschrieben: der Kranke litt an Verstopfung, Uebelkeit und
Erbrechen bei reiner Zunge, war biass, schlallos, hatte einen ver-
anderlichen Puls, haufigen Ilusten mit croupahnlichem Tone, Er-
Romlierg’s Jferrenkrankli. T. 3. 47
708*
RESPIRATORISCHE LAHMUNG.
stickungszufalle und Schleimrasseln in der ganzen Brust. Bei der
Section wurde ein Encephaloi'd gelunden, welches von den Bron-
chialdrusen auszugehen schien, und wovon ein Theil zwischen Art.
pulmonum und Aortenbogen die Herznerven, ein andrer den rech-
ten Recurrens comprimirte, ein dritter mit dem linken Recurrens
in einer Masse verschmolzen war, und ein vierter am vordern Theil
der Trachea seinen Sitz hatte (Journ. univers. et hebdom. de md-
dec. et de chirurg. prat. T. II. p. 73). Becker theilt in seiner
Abhandlung (S. 46) einen Fall mit, wo durch die Geschwulst eine
Atrophie des rechten Vagus entstanden war, so dass man ihn eher
fur eine Membran als fur einen Nerven hatte gelten lassen konnen.
In Hasler's diss. inaug. de neuromate. Turici 1835 ist der
Fall einer von Sclionlein beobachteten Kranken beschrieben, welche
20 Jahre alt, nach einer starken Erkaltung durch einen Fall in’s
Wasser bei erbitztem Korper von Paraplegie befallen wurde. An
der rechten Seite des Halses ragte eine unter dem Sternocleidomast.
lrei bewegliche Geschwulst hervor. Wahrend der fiinfmonatlichen
Dauer der Krankheit wiederholte sich viermal ein beftiger asthma-
tischer Anfall mit uberwaltigendem Angstgefiihl, stiirmischer Bewe-
gung der Brust- und Bauchmuskeln, Herzklopfen, Eiskalte der Ex-
tremitaten, Sprachlosigkeit bei vollkommenem Bewusstsein, livider
Gesichtsfarbe. In einem solchen Anfalle erfolgte der Tod. Es
land sich auf der rechten Seite ein 4' 2" langes und 5" breites
Neurom des ersten Halsgangiion des Sympatbicus, welches den Vagus
comprimirte, der in seinem Laufe mehrere Ansclnvellungen darbot.
Am obern Theil des Riickenmarks und unter dem kleinen Ge-
hirne traf man mehrere Geschwi'dste, von ahnlicher Structur wie
das Neurom des Sympatbicus an.
Jedoch ist nicht zu iibersehen , dass Geschwulste in der Nahe des
Vagus auch ohne alle Beektrachtigung seiner Energie angetroffen wer-
den. Je weniger Widerstand sie in ihrem Hervordringen finden, um so
geringer ist der Druck auf den Nerven: daher grosse am liaise vorra-
gende Geschwulste selten von paralytischen Zufallen begleitet werden,
RESPIRATORISCHE LAHMUNG.
709
was hingegen bei kleineren, in der Tiefe gelegnen, der Contraction
nahgelegner Muskeln ausgesetzten der Fall ist. Fast keine Unterbre-
chung der Action erleidet der Vagus, wenn er fiber der Geschwulst
lauft: denn eine allmahliche Dehnung der Nervenfasern stort, wofern
kein Entziindungs- oder Erweichungsprocess vorhanden ist, weder
die sensible nocli motorische Energie, wie es meine und Andrer
Versuche erweisen (S. 30 und Hugh Ley p. 317). AUein selbst
wenn die Leitung in der Bahn des Vagus gehemmt wird, kann
das Athmen nocb vor sich gehen, so lange kein respiratorischer
Aufwand erfordert wird. Denn bei ruhigem Athemholen sind die
normalen Bewegungen der Glottis, wie bereits Le Gallois beschrie-
ben bat, fast unmerkbar. Die Stimraritze bildet, nach Mayo's
Beobachtung an Selbstmordern, eine dreieckige Oeffnung: nur bei
tiefern Inspirationen und Anstrengungen des Athems nahern sich,
wenn die offnenden Muskeln den motorischen Impuls eingebiisst
haben, in Folge des Druckes der atmospharischen Luft die Ran-
der der Glottis und hindern den Eintritt der Luft. Es erklart sich
hieraus die trotz der Andauer des comprimirenden Anlasses paro-
xysmenweise befallende Dyspnbe und drohende Erstickung.
Die vergleichende Pathologie giebt hierzu einen instructiven Be-
leg in einer bei Pferden nicht selten vorkommenden Krankheit, de-
ren karakteristische Symptome folgende sind. Beim ruhigen Ste-
hen ist das Athmen ungestort und gerauschlos : die Zald der Athem-
zuge wie bei einem gestuiden Thiere, der Puls normal, die Binde-
hant, die Maul- und Nasenschleimhaut sind blassroth und feucht.
Bei Bewegungen dagegen wird der Athem sogleich beschleunigt,
erschwert, und besonders wahrend der Inspiration laut, kreischend,
rasselnd , wovon die Krankheit auch den deutschen Namen Lungen-
pfeifen, Hartschnaufigkeit erhalten hat; es bricht Schweiss iiber den
ganzen Korper aus, der Blick wird angstlich, die Nasenschleimhaut
erscheint dunkelroth, das Pferd kann nur muhsam vorwiirts kom-
men. Liisst man es ein Paar Minuten ruhig stehen, so nimmt die
Dyspnoe und das Gcrausch beim Athmen sofort ab und alle Fun-
710
RESPIRATOR TSCIIE LAHMUNG.
ctionen sind wieder normal. Werden aljcr solche Pferde in anstren-
gender Bewegung weitergetrieben, in Galopp gesetzt oder vor einem
Lastwagen angestrengt, so wird die Respiration immer schwerer
und lauter, so dass man sie schon in betrachtlicher Entfernung hb-
ren kann, die Zahl der Athemzuge steigt auf das sechs- und acht-
fache, der Puls wird sehr schnell, klein, aussetzend, die Nasenlocher
werden weit aufgerissen, das Maul aufgesperrt, der Blick starr, das
Pferd schwankt und zittert und sturzt , will man es mit Gewalt in
Bewegung erhalten, unter Erstickungszu fallen zusammen. Der Tod
scheint nahe zu sein, allein allmahlich wird auch jetzt, wenn man
Ruhe gonnt, der Athem wieder freier. Die iibrigen Functionen
sind sehr selten beeintrachtigt, die Fresslust dauert fort, die Excre-
tionen gehen ungestort von statten, die Ernahrung leidet nicht. Die
Exploration ergiebt einige wichtige Merkmale, welche kunftighin
zum Theil auch beim Menschen fur die Diagnose benutzt werden
konnen. Die gelahmte Seite des Kehlkopfes, denn die Krankheit
kommt fast immer halbseitig und zwar auf der linken Seite, und
nur ausnahmsweise auf der rechten vor, lasst sich leichter einwarts
drucken als die gesunde Seite. Pressen des linken Giesskannenknor-
pels bis auf einen gewissen Grad und mehrere Minuten lang, wah-
rend der Kehlkopf rechts und unten fixirt wird, veranlasst eben so
erschwerten und gerauschvollen Athem wie die Bewegungen. Bei
dem gleich starken Druck auf den rechten Knorpel fehlen diese Zu-
falle. Wird dagegen der Giesskannenknorpel der gesunden Seite so
stark comprimirt, dass derselbe wie zum Schliessen der Glottis ge-
stellt wird, so stockt die Respiration sofort, weil der andere Knor-
pel wegen Lahmung der Muskeln sich nicht erheben kann. Die mit
Hulfe des Maulgatters in die Rachenhohle bis zum Kehlkopf einge-
lulirte Hand findet die Glottis schief nach rechts gestellt, imd das
rechte Band derselben straff, das linke crschlafft. Bei der Section
solcher Pferde zeigen sich im N. vagus, vor dem Abgange des Re-
currens, oder lediglich im Recurrens der gelahmten Seite krankhafte
Veranderungen. Dupuy land Compression dieser Nerven durch an-
RESPIRATORISCIIE LAHMUNG.
711
\
gesohwollene imd verhartete Lymphdrusen und durch Aftergebilde,
(Joiirn. general de medecine, Avril 1821), Gunther, dem das Ver-
dienst zukommt diese Krankheit zuerst genau und tredlich beschrie-
ben zu haben (Untersuchungen iiber den Pfeiferdampf oder die so-
genannte Hartschnaufigkeit der Pferde, in der Zeitschrift fur die ge-
sammte Thierheilkunde und Viehzucht, 1. Bd. S. 267 — 456), fand
in sechs Fallen den linken N. recurrens ohne alien comprimirenden
Anlass auffallend geschwunden und wie vertrocknet, wiihrend dieser
Nerv auf der rechten Seite sich ganz normal verhielt. Zugleich
zeigten sich alle vom Recurrens versorgten, fur die Erweiterung der
Glottis bestimmten Muskeln der linken Seite, Muse, cricoarytaenoi-
deus posticus, cricoarytaenoideus lateralis, Thyreo-arytaenoideus su-
perior und inferior und die linke Halfte des Arytaen. transversus
ausserordentlich geschwunden, bleich, welk (I. c. p. 381.). Diese
Leichenbefunde sind in der hiesigen Veterinaranstalt yon unsern Pro-
fessoren Gurlt und Hertwig bestatigt worden. (Vgl. des letzteren
Aufsatz und Abbildung in dem von ihnen herausgegebenen Magazin
fur die gesammte Thierheilkunde 1841. 1. Hft. S. 98.) Gurlt
zeigte mir unlangst im Veterinarmuseum ein Priiparat, wo der
linke Recurrens in dem Umfange von Zoll atrophisch, um die
Halfte diinner als auf der rechten Seite und nicht rein weiss, son-
dern von schmutzig grauer Farbe ist. Die ebengenannten Muskeln
sind fast ganz verschwimden und in Fettgewebe verwandelt. Field
hat, wie Percival im Veterinarian 1840 mittheilt, die Paralysis re-
spiratoria kunstlich durch Excision eines 1-1" langen Stiickes aus
dem rechten Recurrens erzeugt, das Pferd vier Jahre noch am Lc-
ben gelassen und bei der Section alle Muskeln, die unter dem Ein-
llusse des Recurrens stehen, in hohem Grade atrophisch gefunden.
— Als Ursachen dieser Krankheit bei Thieren ist Bleivergiftung be-
obachtet worden, von Trousseau bei Pferden, die in einer Mennig-
fabrik arbeiteten (Vgl. Froriep’s Notizen 1827. No. 378), endemi-
scher und miasmatischer Einlluss nach Dupuif s Erfahrung, der Ge-
nuss einer im siidhehen Frankreich vielfach angebauten Pflanze, La-
712
RESPIRATORISCIIE LA1IMUNG.
tyrus cicera ( Renault im Veterinarian VIII. p. 32), und metastatische
Wirkung ties epizootischen nervosen Fiebers bei Pferden nach Gun-
ther's Erfahrung (I. c. S. 390 — 395). Nur in frischen Fallen die-
ser Art hat die ableitende Behandlung mittelst Setaceen, Fontanel-
len, Canthariden und Brechweinsteinsalben, bei gleichzeitiger Riick-
sicht auf gute Luft und Nahrungsmittel, einen gunstigen Erfolg. Bei
langerer Dauer oder nicht zu bescitigenden Ursachen ist cine radi-
cal Ileilung unmoglich: eine palliative dagegen, wobei das Pferd
Jahre lang noch am Leben erhalten werden kann , liisst sicli durch
die Tracheotomie und Offenbalten der Fisteloffnung erzielen.
Einige andre Erscheinungen sind noch zu erwahnen: der einen
haben fast alle Beobachter gedacht, der Veranderung der Stimme,
des rauhen, heisern Klanges bis zur ganzlichen Aphonie. Eine an-
dre bedarf noch genauerer Untersuchung : es ist die Anasthesie der
Luftrohre (S. 230). Schon im normalen Zustande ist die Sensibi-
litat der Luftrohre ungleich vertheilt. Am empfindlichsten sind
Glottis und Kehlkopf, welche vom N. laryngeus superior versorgt
werden, dessen peripherische Bahn jedoch in den Bereich von
Driisengeschwulsten oder andern Anlassen nur selir selten hinein-
gezogen wird, daher auch die Sensibilitat am Eingange der Luft-
rohre, welche zum Schutze des ganzen Athemapparats dient, un-
gestort bleibt. Ein geringrer Grad von Empfindlichkeit kommt dem
Ausgange der Luftrohre, den Bronchen, zu, deren Ueberfiillung
mit Schleim und andern Fliissigkeiten gefiihlt wird. Bei Compression
des Vagus und der von ihm abgehenden Ram. pulmonal. durch
Geschwiilste der Bronchialdrusen ist dieses nicht der Fall: Rassel-
gerausche in der grossten Intensity t Iassen sich schon in der Feme
horen, ohne dass der Kranke selbst dadurch irgendwie behistigt
wird. Am unempfindlichsten ist die Luftrohre, wovon die beriich-
tigten Handhabungen bei der Tracheotomie, das Ausbiirsten und
Cauterisiren der Trachea, wie es Trousseau gegen den Croup ein-
pfohlen hat, den Beweis geben. Was die consecutiven Veriinde-
rungen im Lungenparenchym bei Liihmmjg des Vagus belrilft,
RESPIRATORISCHE LAHMUNG.
713
so hat man sie beim Menschen noch nicht sorgfaltig genug beob-
achtet, um etwas Zuverliissiges dariiber aufstellen zu konnen. Die
Ueberfullung der Gefasse, die Injection, die angesammelten exsu-
dirten Stoffe werden gewohnlich als bronchitische Erscheinungen,
das Emphysema vesiculare und die Dilatation der Bronchien, welche
sich in Verbindiing mit Scropheln der Bronchialdriisen nacli Keich-
husten vorfinden (S. 367), als Produkte dieser Krankheit betrach-
tet. Allein die Erweiterung der Lungenblaschen und der Bron-
chen selbst sind wold mit mehr Recht als Folge der Lahmung
ihrer contractilen Wande zu deuten. (Vgl. Henle’s Abhandl. iiber
Tonus, Krampf und Lahmung der Bronchen und iiber Expectora-
tion, in der Zeitschrift lur rationale Medicin. 1. B. II. II. S. 271).
II. lialimmig rfei* cciitralen Balm ties Vagus.
Verletzungen und Krankheiten des verlangerten Markes hemmen
den respiratorischen Einfluss des Vagus. Die plotzlichen Todesfalle
durch Druck, Quetschung und Zerreissung der Medulla oblongata
bei Luxationen und Fracturen der beiden ersten Flalswirbel sind
aus den chirurgischen Annalen bekannt genug. Aehnlichen Aus-
gang haben Hamorrhagieen im verlangerten Marke, wovon Ollivier
ein Paar Beispiele mitgetheilt hat (Traite des maladies de la moelle
epiniere. 3ieme edit. T. II. p. 139). Die Asphyxie der Neuge-
bornen ist oft von Blutextravasaten an der Aussenflache des klei-
nen Gehirns, des verlangerten und Riicken-Markes abhaiigig (Cru-
veilhier anat. pathol. du corps bumain Xy. livrais. PI. I.). Chro-
nische Compression der Medulla oblongata durch aneurysmatische
und andre Geschwiilste hat paralytische Zufalle der Athemmuskeln
zur Begleitung: in Ollivier' s Werke (T. I. p. 455 — 464) findet man
die Beschreibung eines Falles von Aneurysma der Basilararterien,
welches die Pyramiden zerstort und noch iiberdies die Insertions-
hideji des Vagus, Glossopharyngeus und Hypoglossus comjtrimirt
liatte. Dyspnoe bis zur Suffocation bei Bewegungen des Kranken,
714
RESPIRATORISCHE LAHMUNG.
Aphonie, und erschwerte Articulation waren mit Lahmung der
Rumpfglieder verbunden. Krankheiten des Gehirns konnen durch
Propagation des Druckes etc. auf den Wurzelheerd des Vagus, des-
sen motorische Energie auf ahnliche Weise wie die sensible (S.
231) lahmen: in jede Hirnagonie mischen sich dergleichen Ziige ein.
Therapeutischer Erfolg lasst sich in den peripherischen Lahmun-
gen des Vagus nur da erwarten, wo die Beseitigung des Anlasses
moglich und die Structur des Nerven noch nicht beeintrachtigt ist.
So eignet sich bei Scrofeln der Hals- und Bronchialdriisen der Ge-
brauch des Oleum jecoris, der Jodpraparate, der Landluft, der
See- oder Soolbiider. Bei Krankheiten der obersten Cervicalwirbel
kommt, wenn auch in seltnen Fallen, die Naturheilung noch zu
Stande, und wird durch Exutorien unterstiitzt.
Laluiiung; «ler die Kumpf-Atliemiiiuskeln
TersorseiMlen Spiualiierveii.
Die altesten neurophysiologischen Versuche an lebenden Thieren
beziehen sich auf diese paralytischen Zustande. Galen durchschnitt
den Cervical- und Dorsaltheil des Riickenmarks an verschiednen
Stellen, um seinen Schiilern den lahmenden Einfluss auf die Inter-
costalmuskeln und das Zwerchfell zu demonstriren (de anatomes
administrationibus L. VIII. Cap. IX. op. omn. Vol. II. p. 696 edit.
Kiihn). Die spatern Experimente von Le Gallois , Flourens u. A.
unterscheiden sich nur durch grossere Pracision. Das Verdienst
in den peripherischen Bahnen dieser Nerven Versuche angestellt zu
haben, kommt dem unvergleichlichen Bell zu, welcher zu diesem
Zwecke die Zwerchfellsnerven und den Accessorius wahlte (Physiol,
und pathol. Unters. des Nervensyst. S. 114.).
Die Lahmungen der die Rumpf- Athemmuskeln versorgenden
Spmalnerven unterscheiden sich von den paralytischen AfFectionen
des Vagus durch diegrossc Seltenheit ihres peripherischen Ursprungs:
sie haben fast immcr einen centralen. Vom Riickenmarke aus wird
KESP1RAT0IUSCHE LAHMUNG.
715
t
die Leitimg unterbrochen, entweder die cerebrale oder die reflecto-
rische, oder beide zugleich. Das letztcre geschieht am hiiufigsten
durch Verletzungen, besonders durch Wirbelbriiche , welche wie
Experimente, freilich betriibendster Art, am gesunden Menschen
reine Resultate geben, wahrend in Krankheiten die Scharfe der
Erscheinungen durch fast immer vorkandne Complicationen mehr
oder minder verdeckt wird. Der verschiednen Hohe der Verle-
tzung entspricht die Raumlichkeit der respiratorischen Lahmung, die
unter dieseii Umstanden beide Halften des Korpers befallt. Bei
Verletzungen oberhalb der Insertion des Zwerchfellsnerven erfolgt
der Tod meistens zu rasch, um beobachten zu konnen. Bell schil-
dert einen solchen Verwundeten, der noch eine halbe Stunde am
Leben geblieben war. Die Athembewegungen fanden nur durch
die Hals- und Scbultermuskeln statt: bei jeder Inspiration wurde
der Kopf zwischen die Schulterblatter herabgezogen. Das Zwerch-
fell regte sich nicht: beim Auflegen der Hand auf die Ilerzgrube
nahm man keine Bewegung in den Baucheingeweiden wahr (a. a.
0. S. 124 u. 326.). Hat die Verletzung tiefer, in der Gegend der
untersten Cervical- oder obersten Brustwirbel ihren Sitz, so sind
die Intercostalmuskeln und die exspiratorischen Bauchmuskeln des
motorischen Impulses verlustig, dagegen die erweiternden Muskeln
der Inspiration, (Zwerchfell, vordrer Sagemuskel, Sternocleidoma-
stoideus, Trapezius) noch im Besitze desselben. Das Einathmen
geschieht in kurzen, scbnellen Ziigen, wobei man mit den auf den
Seiten der Brust ausgebreiteten Fingern die Contraction des Serra-
tus deutlich fiihlen karin. Das Ausathmen und jede damit verbun-
dene Action ist unvollkommcn, da es nicht durch Muskelzusammen-
ziehung, sondern durch die Elasticitat der Rippen und Bauchdek-
ken, so wie durch den Druck der Baucheingeweide gegen die un-
tre Flache des erschlafften Zwerchfells zu Stande kommt. Daher
die Unfahigkeit gchorig zu husten und auszuwerfen , laut zu spre-
chen, zu lachen, zu niesen, zu schnautzen, zu pressen, und die Zu-
nahme der Athembcschwerden in der aufrechten, sitzenden Stellung,
716
RESPIRATORISCHE LAHMUNG.
weil dadurch der Druck der Baucheingeweide gegen das Zwerchfell
abgelialten wird. Aehnliche Erscheinungen zcigen sich zuweilen
in der Spondylarthrocaze der Halswirbel, dauern Ijingere Zeit an,
und verschwinden mit der Heilung dieser Krankheit ( Bell S. 329
nnd Bright in Guy’s Hospital reports vol. II. p. 296.), wahrend
bei den Halswirbelbriichen das Leben nur selten liber den sechsten
Tag besteht, gewohnlich schon ein Paar Tage nach der Verletzung
erlischt. In seltnen Fallen gesellt sich in der Bleivergiffung'* zur
Lahmung der obern Extremitaten Paralyse der Rumpfathemmuskeln,
wobei die Brustwande betrachtlich eingesunken sind und der Tod
asphyktisch erfolgt ( Tanqucrel cles Planches traite des maladies de
plomb. T. II. p. 61. p. 130. p. 140).
Der isolirte Verlust entweder der cerebralen Leitung oder der
spinalen Rellexleitung in den Nerven der Athemmuskeln giebt sich
in krankhaften Zustanden deutlich zu erkennen. Im erstern Falle
ist Unfahigkeit zu willkuhrlichen Bewegungen vorhanden, wahrend
in denselben Muskeln die respiratorische Action von Statten geht,
z. B. in den das Schulterblatt bewegenden Muskeln. Ein Hemiple-
ktischer in Folge von Hirndesorganisation ist ausser Stande die Schul-
tern der gelahmten Seite auf Verlangen aufwarts oder abwarts zu
ziehen, der Wirbelsaule nahe zu bringen u. s. w., dagegen zeigt
sich bei beschleunigter Respiration, nach Druck auf das Zwerchfell,
nach Zuhalten der Nasenfliigel kein Unterschied in dem Steigen
mid Sinken beider Schulterblatter.
In der andern Ivategorie versagen einer oder mehrere Muskeln
ihre Mitwirkung fiir das Athemholen, willfahren jedoch dem Ein-
flusse der Spontaneitat. Eine Verstarkung des Athembediirfnisses,
welche man durcli Compression des Bauches hervorruft, liisst die
respiratorische Unthiitigkeit der Muskeln deutlich erkennen, in deren
Folge auch die Form und Breite , des Brustgewolbes, welche von
dem Tonus ujid der respiratorischen Wirksamkeit dieser Muskeln
abhangig sind, eine Veranderung erleiden. Hieriiber haben zuerst
Stromeyer's Untersuchungen und Experimente Aufschluss gegeben
N
UESPIUATOUISCIIE LAIIMUNG. 717
| Ueber Paralyse der Inspirationsmuskeln 1836, und in Casper’s Wo-
henschrift fur die ges. Heilk. 1837. S. 51). Bei einem jungen
' ianinchen, aus dessen Nervus thoracicus posterior so hock als mog-
i ch ein Stuck herausgeschnitten worden, zeigte sich schon nach
rei Tagen die entsprechende Halfte des Brustkastens merklich ein-
. ;esunken. Dieses nahm mit jedem Tage zu, so dass nach vierzehn
i "agen auch beim Messen sich ein Unterschied yon 5 — 6 Linien
. egen die andre Halfte ergab. Der Versuch wurde an einem ali-
en i Kaninchen mit gleichem Erfolge wiederholt (Ueber Paralyse
tc. S. 76). Auch bei dem Menschen sind vorzugsweise die von
iesen Nerven versorgten Serrati antici Sitz der Immobilitat, an
\/elcher im weitern Verlaufe noch andre, besonders der Trapezius
heilnekmen. Je nach der grossern oder geringern Nachgiebig-
eit des Ivnochengeriistes , je nachdem eine oder beide Seiten
efallen sind, giebt sich eine Yerschiedenheit der Erschei-
r ungen kund. Im kindlichen, selhst noch im jugendlichen Al-
or bilden sich Verkriimmungen aus, indem die Wirbel dem Zuge
er Muskeln der gesunden Seite folgen, um so schneller, je jiinger
Las Kind ist.
So zeigt sich, die Rrankheit , bei einseitigem Sitze nach einiger
Dauer unter Form der Scoliosis. Die Schultern haben eine rni-
ileicheHohe: eine steht niedriger als die andere und ist mit ihrem
nntern Winkel, welcher im gesunden Zustande am untern Rande
I er achten Rippe steht, bis unter der zehnten Rippe herabgesunken.
)ie etwas um ihre Axe gedrehten Dorsalwirbel bilden eine Seit-
u artskriimmung, deren concaver Rand nach der niedriger stehenden
bchulter gerichtet ist. Die entsprechende vordere Brusthalfte ist
ingesunken, durch das Zwerchfell einwiirts und abwarts gezogen,
i nd athmet nicht, wovon man sich zur (jeniige iiberzeugt, wenn
i lan gellissentlich die Inspirationsmuskeln zu gesteigerter Action an-
egt. Die willkuhrlichen BeVegungen gehen von statten, obgleich
l as Schulterblatt seine sehiefe Riehtung zur Wirbelsaule gewohnlich
eibehiilt, und die eingesunkene Iialfte des Thorax sich nicht so
718
RESPIRATORISCHE LAHMUNG.
vollkommen wie die andere hebt. Sind die Athemmuskeln beider
Brusthalften Sitz der Krankheit, so ist der Thorax seitlich abge-
flacht, und nicht selten tritt im friihen kindlichen Alter das Ster-
num mit den gebogenen Rippenknorpeln stark hervor — die soge-
nannte holie oder Iliihnerbrust, pectus car in atum. Die untern
Rander der Brust werden auch hier durch das Zwerchfell nach
innen gezogen, und der Bauch erscheint dadurch voluminoser und
aufgetrieben. In solchen Fallen ist das Athmen erschwert, und
wird durch Bewegungen und Anstrengungen schwieriger. Zuwei-
len tritt die Krankheit anfangs imter dieser Form auf und gestaltet
sich spaterhin, wenn die Muskeln einer Brusthalfte ihre Energie
wieder erlangt haben, zur paralytischen Skoliose. Bei langrer Dauer
werden die Muskeln atrophisch.
Im vorgeruckteren Lebensalter bildet sich die consecutive Form-
veranderung nicht als Scoliosis und Vogelbrust aus, sondern be-
schrankt sich wegen isolirter Lahmung des M. serratus ant. auf
eine Lageveranderung des Schulterblattes, welches von der Wirbel-
saule und den Rippen absteht, und eine Richtung nach aussen, oben
und vorn annimmt. Auch kann der Kranke den Arm nicht mehr
so leicht in die Hohe heben wie friiher. In seltenen Fallen ent-
steht eine Verengerung mit gleichzeitiger Verlangerung des Thorax,
und wras von besonderem Interesse ist, die Krankheit tritt otters
paroxysmenweise auf. Ein von Shaw beobachteter Fall dieser Art
ist von Stromeyer mitgetheilt worden (a. a. 0. S. 26). „Der
Kranke, acht und zwanzig Jahre alt, von kraftigem athletischem
Korperbaue, klagt, dass er seine Brust beim Athmen nicht geho- |
rig ausdelmen konne. Bei der Untersuchung finden sich die Rip-
pen, besonders die untern nach innen gezogen und eigenthumlich
verdreht, der Thorax ist wie durch eine Binde fest zusammen-
gedriickt, und der Leib wie bei liltem Personen stark gerundet. .
Der Brustkasten bleibt sowohl beim Einathmen als beim Ausath-
men in dieser Form: liisst man den Kranken tief inspiriren, so
bleiben die Rippen nnbeweglich, man sieht durchaus nicht, dass der
RESPIRATORISCIIE LAHMUNG. 719
I 'horax sich hebt oder dehnt, und der Kranke empfindet dabei
I inen Sckmerz in der Brust. Bei jeder Inspiration liort man ein
|jgnes Knurren im Magen und Darmkanal. Alle iiussern Muskeln
er Brust und der Schultern , die das Zwerchfell beim Athmen
nterstiitzen, bleiben trotz der Anstrengungen des Kranken untha-
j.g, wahrend man beim Ausathmen die Bauchmuskeln sich kraftig
ontrahiren fiihlt, wenn man die Hand aid’ den Unterleib legt. Ein
itwas starker Druck hindert ihn am Athmen. Beim Niesen em-
findet er einen Schmerz, als wenn die Brust bersten wolle. Er
ann sich nicht rasch bewegen und keine Treppen steigen, hat
Gachts schwere Traume und erwacht haufig fast erstickt. Die
dais- und Brustmuskeln, die beim Athmen sich unthatig verhalten,
iaben bei jeder andern Bewegung ihre gewohnliche Energie behal-
en, z. B. beim Heben oder Beugen des Kopfes, der Schultern
it. s. w. Die Krankheit macht ganz deutliche Anfalle, die vierzehn
rpage lang unverandert anhalten: der Kranke leidet jetzt an dem
tunfzehnten. In der Zwischenzeit dehnt sich die Brust gehorig
1 tus, sie ist dann gehorig weit und der Leib nicht so hervorragend.
)en ersten Anfall bekam er, als er kurz nach einer heftigen Un-
terleibsentzundung, yon der er sehr geschwiicht war, zu Pferde
iiiber einen Deich galopirte. Sie kehrten in der Regel durch einen
Aufenthalt an der Seekiiste wieder, und schwanden, wenn er sich
vveiter yom Ufer enlfernte. — Der Kranke erhielt zuerst dreimal
v.vochentlich erofliiende Pillen aus Coloquinten und Calomel, spater
eine tonische Medicin mit Mineralsaure, Reibungen der Brust mit
einer heissen Solution yon Salmiak, und ein Kataplasma von Bella-
lonna. Nach zwanzig Tagen war er vollkommen hergestellt. Zwei
n verschiedenen Perioden angestellte Messungen gaben lolgendes
Idesnltat: 28. October: Weite des Thorax um den Processus
xyphoideus 28% Zoll: 18. November 33^ Zoll, demnach ein Unter-
echied von fiinf Zoll. Weite iiber den Brustwarzen: das erste
'Mai 314 Zoll, das letzte Mai 34^; Zoll, Unterschied 2 \ Zoll.
Bei Hysterischen habe ich Anfalle von Dyspnoe aus ahnlichem
720
RESPffiATORISCIIE LAHMUNG.
Anlasse beobachtet: sie erschienen mir als Contrast der Athembe-
schwerde beim Lungenemphysem : bei diesem ein Widerspruch zwi-
schen den gewaltsamen Anstrengungen aller Muskeln der Inspiration
und der Unlahigkeit bereits ausgedehnte Lungenzellen mit frischer
Luft anzufiillen, dort ungehindertes Eindringen der Atmosphare in
die Luftschlauche bei mangelnder Mitwirkung der Muskeln zur Er-
weiterung der Brust. Den Aerzten, welche bei Athemnoth nur auf
Herz und Lunge ihre Untersucbung zu richten gewohnt sind, d'urfte
das Augenmerk auf die Bewegungen des Thorax ofters einen bisher •
vermissten Aufschluss geben.
Unter den Ursachen sind am fruchtbarsten : kindliches Alter,
weibliches Gescldecht, zumal in der Entwickelungsperiode, Rhachitis,
Anaemie, schwachende Einfliisse, yorangegangener Keichhusten, Sto-
rungen der Katamenien.
In der Bebandlung muss niichst der atiologischen Beriicksichtigung
dahin gewirkt werden, dass die willkuhrliche Leituhg in den Ner-
venbahnen der respiratorisch unthatigen Muskeln sich verstarke.
Diesen Zweck erfullen die gymnastiichen Uebungen, zumal mit
Suspension an den Handen, wodurch der Serrat. magnus in Tha-
tigkeit gesetzt wird. Das Turnen an und fur sich wirkt belebend ,
und starkend auf die Muskeln der Inspiration, wie es der nach ein
Paar Monaten um mehrere ZoJI zunehmende Umfang des Thorax
erweiset ( Stromeyer a. a. O. S. 312). Audi das Schwimmen ist
empfeldungswerth. Ueberdiess muss durch Reizung der sensiblen
Nerven die Reflexaction angeregt und hergestellt werden. Frictio-
nen (mit liq. ammon. caust. oj in Alcohol, ovij, Mixt. ol. bals.), Mas-
siren (das indische Shampoeen),' Douche, Elektricitat, Elektromagne-
tismus, Sool- und Seebader, eignen sich hierzu.
■nm-
Lalmmng
■ \
der Stimmnerven.
4
Obgleich die Stimme im Kelilkopfe durch die Schwingungen der
ntern Stimmbander gebildet wird, so haben dennoch die umgeben-
en Theile, durch welcJie die Luft hindurchgeht, einen wesentlichen
iinfiuss auf die Modificationen der Tone. Besonders kommt dem
Ansatzrohre des Kehlkopl'es, wie Muller den Baum yon den untern
< (timmbandern bis zur Mund- und Nasenoffnung nennt (Lehrb. der
“hysiol. 2. Tli. S. 171), der wichtigste Antheil zu. Muskelaction
<it es, welche im Lebenden die zum Tonangeben nothige Spannung
lnewirkt, und der Bereich der motorischen Nerven, die jene vermit-
eln, ist grosser als man gewohnlich annimmt. Sclion in Betrefl
lies Kehlkopl'es hat der Recurrens wenn auch die Hauplrolle, doch
uicht die ausschliessliche Herrschaft iiber die Bewegungen der
vitimme, wie sie ihm yon Gakn an zuertheilt worden ist. Man
lat sich iiberzeugt, dass Thiere, nach Durchschneidung beider zu-
iicklaufender j^erven, bei Anliissen des Schmerzes zu schreien im
y?tande sind, und Lonxjet hat nachgewiesen, dass es der iiussre den
hfuscul. cricothyroideus versorgende Ast des N. laryngeus superior
•st, welcher in diesem Falle seine Energie kundthut, so wie andrer-
ieits nach seiner Durchschneidung die Stimme, trotz der lntegritat
lies Recurrens einen rauhen Klang bekommt (Recherches experi-
nen tales sur les 1'onctions des Nerfs, des Muscles du larynx et sur
’influence du nerf accessoire de Willis dans la phonalion. Paris
722
STIMMLAHMUNG.
1841 p. 8). Ausser diesen Nerven kommen noch die motorischen
der Gaumenbogen, des Gaumensegels, der Zunge in Betracht, wor-
au(‘ man bisher in den paralytischen Stimmaffectionen nicht Acht
hatte urn so weniger, weil man iiberhaupt in der Pathologie nur
den Antheil der Stimme an der Sprache beriicksichtigte und ihre
Modificationen im Gesange vernachlassigte. Auf die letztern aui-
merksam gemacht zu haben, gebiihrt Joseph Frank (Prax. medic,
univ. praecepta P. II. vol. II. Sect. I. Lipsiae 1823. p. 43), und
besonders dem verstorbenen Dr. Bennati das Verdienst, welcher
selbst ein ausgezeichneter Sanger, als Arzt an der Oper zu Paris
vielfache Untersuchungen anzustellen Gelegenheit hatte (Etudes phy-
siologiques et pathologiques sur les organes de la voix humaine.
Paris 1833).
Der Verlust der Stimme ist entweder partiell oder vollstandig.
Im ersteren Falle ist der Eranke ausser Stande seine Stimme im
gewohnten vollen Umfange ertonen zu lassen, woruber er, wenn
er des Gesanges kundig ist, am besten Auskunft geben kann. Ge-
wohnlich betrifl’t es die hohen Tone des Falsets. Doch ist auch
nicht selten der Klang der iibrigen minder hell und rein als |im
gesunden Zustande und Detoniren findet dfter statt. Bei Besichti-
gung der Rachenhohle zeigt sich die Schleimhaut bleich imd schlafif:
die Bewegungen des Gaumensegels und Zapfchens gehen trage und
unvollkommen vor sich. Auch die Bewegungen des Ivehlkopfes
nach oben oder unten sind verhindert, wie J. Frank beobachtet
hat. In der vollstandigen Aphonie ist ganzliche Unfahigkeit vorhan-
den Tone, articulirte oder unarticulirle, erklingen zu dassen, und nur
die Fliisterstimme ist moglich.
Die Ursachen sind entweder pcripherische oder centrale. Zu
den ersteren gehoren Verwundungen und Operationen am Halse,
welche den Ilecurrens treffen, Geschwiilste, die ihn comprimiren,
zumal Aneurysmen der Aorta, der Subclavia, Geschwiilste der
Bronchialdriisen etc., auch wenn sie nur den Nerven der einen
Seite betheiligen, Ueberreizung der Stimmnerven durch ungehdrige
STIMMLAHMUNG.
723
Anstrengungen, Singen, Schreien, anhaltendes Iautes Sprechen, rheu-
matischer Einfluss, kalter Zugwind, welcher auf den entblossten
und erhitzten Hals streift. Centrale Anliisse haben im obern Theile
des Riickenmarkes ofter als im Gehirn ihren Sitz: Verletzungen,
Spondylarthrokace, chronische Myelitis, Vergiftungen durch Narcotica
(Hyoscyamus, Belladonna, Semina Stramonii) Bleiintoxication ( Tan -
querel des Planches 1. c. T. II. p. 62.), wobei die Aphonie selten
isolirt, gewohnlich mit andern Lahmungen, zumal mit Verlust der
articulirenden Bewegungen, verbunden ist. Unter den cerebralen
Ursachen sind heftige Gemiithsaffecte, besonders Schmerz, und Epi-
lepsie (S. S. 586) zu nennen. Der haufigste Ursprung der Aphonie
ist jedoch reflectorische Immobilitat. Das Uterinsystem aussert ent-
schiedenen Einfluss, wie es schon der veriinderte Timbre der Stimme
wahrend der Katamenien erweiset; Amenorrhoe und Hysterie sind
die giinstigsten Momente, daher auch die grosste Zahl weiblicher
Kranken unter den von Aphonie Befallenen. Demnachst steht der
gastrische Apparat in ursachlicher Beziehung durch Helminthiasis
und Brechruhr. Auch in der asiatischen Cholera steigt zuweilen
die Klanglosigkeit der Stimme zum ganzlichen Yerluste, und ist mit
Anasthesie der Luftrohre verbunden (S. S. 230).
Der Yerlauf ist meistens chronisch: die Dauer kann auf ein
Jahr und driiber sich ausdehnen. Bei der reflectorischen Aphonie
kehrt zuweilen durch starke Emotion die Stimme zuriick und ver-
schwindet von neuem, was ich auch haufig in der asiatischen Cho-
lera beobachtet habe. In der Behandlung geschehen gewohnlich
in Voraussetzung einer entziindlichen Basis Missgriffe, zumal durch
haufige Wiederholung ortlicher Blutentleerungen und das Verbot
des Sprechens. Die Abwesenheit des Hustens und der Mangel
des rauhen, scharfen Athmungsgerausches bei der Auscultation des
Kehlkopfes konnen als diagnostische Kriterien gelten. Zunachst ist die
iitiologische Indication zu erfullen. Blcibt dieses Verfahren erfolg-
los oder ist iiberhaupt keine Ursache zu ermitteln, so wirkc man
auf den Vagus ein: 1) in der Ntihe seines centralen Heerdes, durch
Romberg’s Kerveokrankb. I. 3. 48
724
STIMMLAIIMUNG.
Schrbpfkopfe in den Nacken, Vesicatore mit cndermatischer Appli-
cation des Strychnins, kalte Douche, Moxen, welche letztere auch
zur Entdeckung der Behufs verschiedencr Zwecke simulirten Apho-
nie benutzt wcrdcn konnen. 2) in seiner peripherischen Batin.
Elektricitat und Galvanismus haben sich am meisten bewiihrt, und
in der neuesten Zeit Elektromagnetismus. 3) mittelst Reilexaction
durch Reizung sensibler Nerven. Hautreize werden von alien Seiten
empfohlen. Am wirksamsten hat sich mir die Einreibung des Cro-
tons erwiesen. Von Andern wird das 01. Cajeput zum innern
und aussern Gebrauche gcriihmt. 4) durch Uebertragung auf die
gastrische Balm des Vagus. Brechmittel haben sich schon seit al-
ten Zeiten einen Ruf der Wirksamkeit in der Aphonie erworben.
Auch Nauseosa sind hier an ihrer Stelle. Gegen die durch An-
strengung der Stimme entstandene Aphonie hat BenncUi ein Gar-
garisma von Alaunaullosung, 2 — 5 Drachmen in 8 — 10 Unzen
Gerstendecoct, als hulfreich empfohlen.
-HH
y
S. Gattuns;.
Lalmning im Muskelgebiete der sjmpatliisclien Bahneti.
✓
Schon einmal war ein richtiger Weg fur die Auffassung dieser
Paralysen eingeschlagen worden, von Be Haen, der Petit's (1726)
und Winslow's treflliche anatomische Forschungen zur Grundlage
nahm. „Ergo nervus intercostalis non oritur a communi nervorum
origine ad medullam oblongatam; (quern in cranio esse illius origi-
nem credideramus, ejus potius adscendentem, et cranium intrantem
ramum esse, quam truncum descendentem ) sed in collo, thorace et
abdomine a miris illis corporibus, quae Ganglia vocant: corpora
scilicet nervis oriunda, nervos commiscentia, novis dantia originem
nervis ( Ratio medendi T. III. p. 104. 107). Allein Be Haen land
keine Nacbfolger. Dagegen erfreuten sich im Anfange unsers Jahr-
hunderts Bichat's und spaterhin Reil's Hypothesen iiber den Sym-
pathicus einer schwarmerischen Aufnahme, und wurden von ieicht-
glaubigen Aerzten, ja von Mesmer's Adepten bis zu aberwitziger
Interpretation ausgebeutet. Der Sympathicus ward der Siindenbock
der Ignoranz. Da nahm die neuere Pbysiologie sich seiner wieder
an, riiumte ihm jcdocli nur mcdiatisirte Rechtc ein, bis in unsern
Tagen seine Selbstiindigkeit durch neue Untcrsuchungen vom ana-
tomischen und physiologischen Standpunkte aufgekliirt worden ist
(Vgl. Bidder und Volhmann die Selbstiindigkeit des sympathischen
Nervcnsystems durch anatomische Untersuchungen nachgewiesen.
Leipzig 1842. Bidder Erl'ahrungcn iiber die functionclle Selbstiin-
48*
72 6
LAIIMUNG S YMP ATIIIS CHER NERVEN.
digkeit des sympalhischen Nervensystems in Muller’s Archiv etc.
1844. S. 359, Kolliker die Selbstandigkeit und Abhangigkeit des
sympathischen Nervensystems durch anatomische Beobachtungen be-
wiesen. Zurich 1845). Seine Ganglien und die in denselben von
einem Theil der Ganglienkugeln entspringenden Nervenfasern ( Kol-
liker S. 28) sichern ihm die Selbstandigkeit: es sind Centralorgane,
von wo aus sowohl die unmittelbare als reflectirte Erregung der
motorischen Nerven erfolgt. Henle's Beobachtung, die durch KoUi-
her’s Versuche an Thieren bestatigt worden ist, giebt schon ein
Zeugniss: getrennte Darmstucke gerathen, so lange sie noch mit
dem Gekrose, also mit vielen Ganglien, in Verbindung stehen, auf
localen Reiz in ausgedehnte Bewegungen, dagegen sie, wenn das-
selbe entfernt ist, nur noch ortlich sich contrahiren. Toxicologische
Beobachtungen documentiren ebenfalls die Selbstandigkeit des Sym-
pathicus. Yergiftung mit Tabak, mit Arsenik paralysirt die Herz-
nerven, unterbricht den Kreislauf, wahrend die Athembewegungen
fortdauern. Das strychninhaltige ostindische Gift Upas Antiar wirkt
ahnlich. Dagegen das westindische Pfeilgift, Urali, auch Wurali,
Woorara genannt, dessen wirksamster Bestandtheil nach Robert
Schomburgk’s in Gujana angestellten Untersuchungen aus der Rinde
der Strychnos toxifera gewonnen wird (Vgl. Froriep’s neueste Notizen
Bd. XXII. April 1842. No. 465 und 466), die respiratorischen
und willkuhrlichen Bewegungen lahmt, wahrend die Herzaction
fortdauert und durch kiinstliches Athmen unterhalten werden kann.
Hieriiber hatten schon Bro die’s genaue Versuche Aufschluss gege-
ben (Experiments and observations on the different modes in which
death is produced by certain vegetable poisons in Philosoph. trans-
actions 1811. Part I. p. 186 und 1812. Part I. p. 208), aus de-
nen noch hervorgeht, dass in den verschiedenen Thierklassen die
Gifte nicht gleichmassig wirken: so pravalirt beim Ilunde die Wir-
kung des Arseniks auf das Ilerz fiber die Wirkung auf das Gehirn,
beim Kaninchen umgekehrt.
Diese Ganglien sind nun auch eine Quelle fur Kriimpfe und
LAHMUNG S YMP ATHIS CHER NERVEN. 727
Lahmungen, urspriingliche und reflectirte, der sogenannten unwill-
kiihrlichen Muskeln. Die Beobachtungen am kranken Menschen er-
geben, dass die sensibeln Fasern des Sympathicus ihren Reflexein-
lluss sowohl auf nahgelegene als auf entferntere Ganglien iibertra-
gen konnen. So bleibt paralytische Immobilitat auf einzelne Strek-
ken des Darmkanals beschriinkt (S. weiter unten), und die oft schmerz-
liaften Anstrengungen der obern Partie geben der Affection einen
spastischen und neuralgischen Anstrich. Im Darmbrande dagegen
erstreckt sich der paralysirende Eindruck auch auf die Herznerven.
Die Selbstandigkeit des Sympathicus stellt sich in diesen gefahrlichen
Zustanden durch die Integritiit des cerebro - spinalen Apparats, in
seiner sensibeln und motorischen Sphare, recht deutlich heraus.
Nur ist leider der Mangel solcher Reobachtungen am Lebenden,
von welchen man Aufklarung in dem dunkeln Gebiete erwarten
kann, noch driickend. Ob die pathologische Anatomie mit ihren
jetzigen Hulfsmitteln einen befriedigenden Aufschluss gewahren
wird, steht dahin, da auch im Gehirn und Ruckenmark die Reflex-
neurosen, und diese sind es, fur welche der Sympathicus mit seinen
Ganglien den fruchtbarsten Roden giebt, weder durch Messer noch
Mikroskop unsrer Kenntniss naher geruckt sind.
Allein die Selbstandigkeit des Sympathicus stellt ihn nicht ausser
alle Reziehungen zum Cerebrospinalsystem : im thierischen Haus-
halte gab die gottliche Vorsehung Schutz vor unumschrankter Herr-
schaft, und selbst unsere Lehre von den Nerven hat einen freien
Aufschwung genommen, seitdem die despotische Autokratie, welche
die Alten dem Gehirne eingeraumt hatten, gesturzt worden ist.
Schon in der Structur geben sich die Wechselbeziehungen kund:
es lassen sich sowohl vom Gehirn und Riickenmark an den Sym-
pathicus gehende Nervenfasern nachweisen, als Fasern von den sym-
pathischen Ganglien an die Spinalnerven. Auch fehlt es nicht an
bekannten Lebenserscheinungen gesunder und kranker Menschen,
welche den gegenseitigen Einlluss bezeugen: nur auf einige weniger
gewiirdigte, aus dfem Rereiche der Paralysen mag bier aufmerksam
728
LAIIMUNG SYMPATHISCIIER NERVEN.
gemacht werden. Aus der chirurgischen Erfahrung, der die Ner-
venpathologie eine wegen der Unbefangenheit der Beobachter um
so griindlichere Forderung verdankt, entlehne ich die Schilderung
eines Zustandes, der zuweilen nach gewaltigen Verletzungen eiatritt,
und den von cerebrospinalen Nerven auf sympathische Nerven und
Ganglien fortgeleiteten lahmenden Eindruck veranschaulicht. Travers
hat ihn Prostration ohne Reaction genannt (Vrgl. sein ausgezeichnetes
Werk : an inquiry concerning that disturbed state of the vital functions
usually denominated constitutional irritation. 2. edit. London 1827.
p. 106). Sinken und Verschwinden des Arterienpulses, schwacher,
llatternder Herzschlag, Kiilte, Blasse, livide Schattirung der Backen
und Lippen, kalter Schweiss, Schaucler, Erweiterung der Pupillen,
Schmerzlosigkeit, Mangel an Angst und Beklemmung, Apathie,
freies, obgleich etwas erstarrtes Bewusstsein, zuletzt Sopor, er-
schwerte Respiration, Erschlaffung der Sphincteren, Convulsionen,
sind die hervorstechendsten Ziige. Die Dauer erstreckt sich von
8 — 12 — 24 Stunden auf zwei und drei Tage. Unter den Verlet-
zungen sind am haufigsten grosse Verbrennungen Anlass. Vor
zwanzig Jahren wurde ich zu. der dreissigjahrigen Frau eines Brannt-
wein-Destillators gerufen, welche eines Morgens beim Abzapfen des
Spiritus zu nahe mit dem Lichte gekommen war, mid bei der Be-
sturzung den Hahn des Fasses zu schliessen vergessen hatte. Der
brennende Weingeist iibergoss sie in einem Strome und versengte
fast die ganze Hautflache. Augenblicklich trat Eiskalte und Puls-
losigkeit in beiden Radialarterien ein. Der Bauch trieb auf, Stuhl
und Ilarn blieben verhalten. Das Bewusstsein war vollkommen
frei — auf jede Frage erfolgte Antwort — die Ungliickliche dictirte
selbst einem Gerichtsbeamten ihren letzten Willen. Kurz vor dem
Tode, der acht Stunden nach der Verbrennung ' erfolgte, stelltc sich
Coma und Dyspnoe ein (Vgl. mehrere Fiille bei Travers p. 63 — 80).
Zertrummerung der Knochen und Zerreissung der Weichgcbilde
haben zuweilen ahnliche Folgen. So erzahlt Travers von einem
dreizehnjahrigen Knaben, dem die Ladung ciner Muskete in den
LAIIMUNG SYMPATHISCIIER NERVEN. 720
Oberschenkel gedrungen war, mid dessen Radialpuls sofort stillstand.
Das Gesicht war blass, die Haut kalt, die Pupillen in einem Grade
erweitert wie nach Application der Belladonna. Er hatte Hang zur
Betaubung, war aber vollkommen bei sich sobald man ihn weckte,
klagte uber keinen Scbmerz, hatte einen unersattlichen Durst, und
starb miter Zunahme der Betaubung neun Stunden nach der Ver-
letzung. Der Trochanter und das Schenkelbein waren zersplittert,
die Muskeln und die Schenkelarterien zerrissen. Der Bluterguss
uiibedeutend, aucli wahrend des Lebens , die Enden der Arterie
standen fast 2 Zoll von einander ab und waren contrahirt. In der
Schadel-, Brust- und Bauchhohle fand sich nichts Abnormes vor.
Auch nach Operationen , zumal Steinschnitt bei Kindern ( Travers
p. 89), hat man diesen Zustand beobachtet.
Ich habe zuvor der anatomischen Thatsache erwiihnt, dass sym-
pathische aus Ganglien stammende Nervenfasern an cerebrospinale
Nerven gehen und mit diesen verlaufen (Vgl. Volkmann I. c. S. 84).
Man hatte ihnen einen unmittelbaren Einlluss auf die Ernahrung
eingeraumt, so wie im Allgemeinen den Namen „vegetaliver, orga-
nischer Nerv“ fiir gleichbedeutend mit „sympathischer Nerv“ gebraucht.
Aucli fur diese Ansicht verdankt man neuern Untersuchungen, zu-
mal Henle’s und Valentin's, eine ' durchgreifende Reform, und was
man sonst der directen Nerveneinwirkung auf Stoffwechsel, Secre-
tion u. s. f. zuschrieb, wird mit mehr Recht von dem Einllusse
der Nervenfasern auf die contraction Elemente der Gefasse herge-
Ieitet, so wie iiberhaupi die Kenntniss contractiler, dem Gebote der
Vorstellungen entruckter Elemente, fur welche der Sympathicus eine
motorische Quelle hergicbt, fortgeschritten ist. In dieser Bezichung
vcrdient die Haut voile Beriicksichtigung, und es ist in der That
befremdend, dass in der Veterinarkunde ilircm Turgor, Tonus etc.
mehr Aufmerksamkeit zu Theil wird, als in Krankheiten der Men-
schen. Ich habe beim Darmbrande, wo eine Paralyse des Sympa-
thicus unverkcnnbar ist, eine ahnliche Beschaflfenheit der Haut bc-
obaclitet wie in der asiatischcn Cholera. Die Haut fuhlt sich teigig,
730 lAhmung sympathischer nerven.
wie weicher Thon an, und bleibt, wenn man sie am Unterleibe
oder am Halse in die Hohe hebt, in einer teigigen und tragen, nur
langsam verstreichenden Falte stehen (Vgl. Romberg : einige prak-
tische Bemerkungen iiber asiatische Cholera in Casper’s Wochen-
schrift fur die ges. Ileilk. 1833. S. 770).
Der schwiichende und lahmende Einfluss, welchen Storungen in
der Thatigkeit sympathischer Nerven durch Reflexwirkung mittelst
des Riickenmarks auf cerebrospinale Bahnen ausiiben, wird in der
Exposition der Spinallahmungen naher erortert werden.
■ i
Lahmung
im Bereiche der Herznerven.
%
Mit der von Le Gallois behaupteten Abhangigkeit der Herz-
action vom Riickenmarke stand noch immer die bekannte Erschei-
nung der Pulsation sowohl des herausgeschnittenen als des nach
Zerstorung des Riickenmarks in seinem Zusammenhange gelassnen
Herzens in Widerspruch. Bidder sah bei Froschen, denen schon
mehrere Wochen zuvor das Riickenmark zerstort worden war, nach
Eroffhung der Brusthohle das Herz eben so haufige und anschei-
nend eben so kraftige Contractionen machen, wie bei Thieren, die
er so eben erst decapitirt hatte: ja in einem Falle, wo nach Ent-
fernung des Riickenmarks schon 26 Tage verstrichen waren, machte
das Herz 40 Schlage in der Minute, wiihrend ein daneben befind-
Iiches, unversehrt gebliebnes Thier nur 35 Herzcontractionen in der-
selben Zeit zeigte. Aehnlich, aber nur kiirzere Zeit hindurch ver-
hielt es sich auch nach Vernichtung des Gehirns oder beider Cen-
tra zugleich. (Muller's Archiv etc. 1844. S. 371.). Durch Re-
male's Entdeckung kleiner Ganglien an den feinsten Verzweigungen
der Neryen in der Substanz des Herzens war jene Annahme noch
mehr erschiittert, und die physiologische Deutung der Selbstandig-
keit dieser Nerven vorbereitet worden. (S. Casper's Wochenschr.
fur die gesammte Ileilk. 1839. S. 149.) Versuche an lebenden
und frisch getodteten Thieren (vgl. dieses Lchrbuches S. 378) schie-
732
1IERZLAIIMUNG.
nen zwar cinige Zweifel aufkommen zu Iassen, allein Volltmann
hat nachgewiesen, class auch ohne alle Reizung peripherischer Ner-
ven oder der Centralorgane in der Mehrzahl der Fiille das Herz
Frisch getoclteter Thiere sich sehr ungleichmiissig bewegt, und selhst
nachdem es langre Zeit nicht pulsirt, ohne aussern Anlass die Be-
wegung wieder aufnehme ( Muller's Archiv etc. 1842. S. 373).
So hat auch derselbe ausgezeiclmefe Forscher beohachtet, dass zwar
das ausgeschnittne Herz von Froschen in seiner Totalitat vollkommne
Bewegungen vollfuhrte, dass jedoch bei gewissen Verletzungcn
augenblickliche Ruhe einzelner Theile eintrat, demnach es im Com-
plex der Herznerven gewisse Punkte giebt, von welchen die Im-
pulse ausgehen, und ohne welche niemals Bewegungen erfolgen
konnen ( Muller's Archiv etc. 1844. S. 424 — 429). Kolliker hat
gefunden, dass cliejenige Stelle der Centralheerd ist, wo Kammern
und Vorkammern an einander stossen, denn wenn man ein Herz
in kleine Stiicke schneidet, so pulsiren nur die von dieser Stelle
hergenommenen Tort, die andern nicht. (Die Selbstandigkeit und
Abhangigkeit des sympathischen Nervensystems. S. 36). In patho-
logischer Beziehung sind einige von Marshall Hall angestellte Ex-
perimente von Wichtigkeit. Nach Zerstorung des Gehirns und
Riickenmarks schlug das Herz eines Aals noch kraftig GOinal in der
Minute. Als man auf den Magen mit einem Hammer aufschlug,
stockte augenblicklich die Bewegung des Herzens und blieb mehrere
Secunden aus. Dann erfolgte eine Contraction, nach langem Inter-
valle eine zweite, allmahlich kehrte die voile Action zuriick
(On the diseases and derangements of the nervous system p. 128).
Auf ahnliche Weise folgt beim Menschen Lahmung der Herznerven
und schneller Tod nach gewaltsamen Verletzungen des Untcrleibs,
Schlag auf die Magengegend etc. Langsamer stellt sich diesc Wir-
kung beim Darmbrand ein: die Contractionen des Herzens werden
immcr schwacher, unregelmassig, aussetzend, vermogen nicht melir
das Blut weit zu treiben, dalier die Pulslosigkeit entfernter Arte-
rien, der Radialis, der Poplitea, die Kalte , das blaugraue Coloril.
HERZLAHMtftVG.
733
lUnd hiermit bildet die psychische Integritat, die fortdauernde cere-
brospinale Empfindung und Bewegung einen grellen Contrast.
Temporare Leitungsunfahigkeit der motorischen Herznerven, die
mit dem Leben bestehen kann, giebt sich durch Immobilitiit des
(Herzens, durch Intermissionen seines Impulses und seiner Tone
kund. Eine sehr instructive Beobachtung , welche durch die vorher
.gestellte Diagnose um so grosseres Interesse erregt, ist von Herrn
Dr. Heine mitgetheilt worden ( Muller’s Archiv etc. 1841. S. 234
- — 247). Der Kranke, ein Mann von 36 Jahren, welcher im Wie-
ner Krankenhause Rath suchte, klagte iiber eine Beschwerde be-
^sonderer Art, dass ihm otter das Herz stillstehe, was man
als eine von den vielen Klagen der Hypochondristen hinnahm. Al-
lein schon bei der nachsten Visite rief er zum Augenscheine , und
wirklich war von Puls - imd Herzschlag fur 4 — 6 Schlage nichts
zu fiihlen. Der Anblick des Kranken bezeugte, dass wahrend des-
sen Schreckiiches in ihm vorgehen miisse: wie angedonnert (atto-
nitus) sass er da, sprach- und bewegungslos , mit weit geoffiieten
Augen, bei vollem Bewusstsein. Dariiber befragt, was er gleich-
zeitig fuhle, erklarte er sich sehr bestimmt, dass er eine Secunde,
oft liinger, ein Vorgefiihl des werdenden Stillstandes durch eine
innere Unruhe und Brustbeklemmung habe, dass mit dem Stillste-
hen des Herzens sich zu beiden Seiten der Brust nach dem Halse
bin ein heftiger Schmerz einstelle, welcher das Genick hinauf in
den Kopf eile, und in letzterem auch noch einige Zeit nacli dem
Anfalle fixirt bleibe, wahrend er eine druckende Beschwerde im
Genicke, wenn die Anfalle sich otter einstellten, fast gar nicht los
werde. Ausser Leidenschaften wisse er nichts Besonderes, was die
Anfalle otter veranlasse; auch halte, ohne ihm bekannlen Grund,
t
das Uebel unregelmassige Perioden, wo es viel otter, den Tag 10
— 12 Mai eintrete, und dann wieder einige Wochen aussetze, seit
einem halben Jahre vermchrten sich die Anfalle auffallend. Wenn
der Herzschlag unter einem Seufzer des Kranken wiederkehrte , so
war ausser einer grosseren Sclmelle der ersten Schlage keine Ver-
734
HERZLAIIMUNG.
anderung an ihm zu bemerken, wie auch die genaueste Untersu-
chung des Herzens ausser den Anfallen den Rhythmus, die Tone
und den Umfang normal erwies. Dabei hustete er mit leichtem
Auswurfe, klagte auch ofters iiber Schwindel, wich aber den Fra-
gen danach als Kleinigkeiten immer aus, um auf seine Herzkrank-
heit zuruckzukommen. Gegen Abend fieberte er leicht, lilt jedoch
nie an Athem-Beschwerden, konnte auf beiden Seiten liegen, Trep-
pen ohne Beschwerde steigen, und veranderte im' Anfalle sein Ge-
sicht nicht zur congestiven Rothe, noch suffocativen Blaue, sondern
zum Blassen. Die Anfalle hauften sich allmahlich immer mehr,
hielten langer an, der Kopf und Nackenschmerz verliessen ihn nicht
mehr; er verfiel yon Tag zu Tag, konnte das Bett nicht mehr vor
Schwindel verlassen, und starb in soporosem Zustande, welcher
einige Tage gewiihrt hatte. Dr. Heine hatte den Kranken mit
Rokitansky und Skoda wiederholt untersucht, und bei der Integri-
ty der Respiration, der Herzbewegung , der Wirbelsaule und der
iibrigen Cervicalnerven , beim Mangel jeder sonstigen paralytischen
Erscheinung die Krankheit als abhangig von einer pseudoplastischen
Geschwulst an den obern Halsgeflechten oder an den Herznerven
mit Hypertrophie des Cervical - Riickenmarkes diagnosticirt. Die
Section wurde von Rokitansky unternommen. — Von den das
Herznervengeflecht bilclenden schlalfen, blassgraulichen Strangen war
der aus dem Geflecht zwischen der Aorta descendens und Arteria
pulmonalis aufsteigende Nervus cardiacus magnus unter ihrem
Bogen in einen haselnussgrossen schwarzen Knoten eingewebt, imd
vor seinem Eintritte in denselben verdickt. Die auf der vordern
Seite des linken Bronchus zum Lungendechte herabsteigenden
Zweige des linken Vagus zeigten sich auf ahnliche Weise von einer
unterliegenden , knotigen, schwarzblauen Lymphdriise gezerrt. Im
Herzbeutel zwei Drachmen Serum, das Ilerz von angemessncr
Grosse, zalie; in seinen Vorhofen so wie in den grossen Gefassen
llussiges Blut. Die Bronchialdriisen so wie die Lymphdrusen Icings
den Mammariis intends und hinter den grossen Gefassstammen wa-
IIERZLAHMUNG.
735
•en in schwarzblaue , derbe, von Kalkconcrementen durchwebte
hvnoten verwandelt. Ein solcher von der Grosse einer Bohne unter-
>rach den rechten Nervus phrenicus in der Mitte seines Verlaufs
m der Lungemvurzel. Der Nerv war bis auf einen iiber die Ober-
liiclie des Knotens hinstreichenden neurilematischen Rest ganz in
denselben verwebt, oberhalb dick, unterhalb um \ diinner. Das
'Ganglion solare war sehr gross, in einen blassrothen gefassreichen
/Zellstoff gehiillt. Zwischen den Riickenmarkshauten war graufarb-
les Serum angesammelt. Die Arachnoidea spinalis war mit Hirse-
iorn- bis linsengrossen Knochenplatten, besonders im obern Lumbar-
md Dorsaltheile besetzt, die Pia mater blutreich, ihre Gefasse aus-
^edehnt, das Mark gross und dick, besonders seine Cervicalportion
iiiuffallend voluminos; seine Substanz durchaus weich, die graue
^ehr blass, die markige blendend weiss. Die Gehirnwdndungen wa-
rren abgeplattet. Die Gehirnrinde diinn aufgetragen, das Mark teig-
lrtig, die Seitenhohlen ungemein ausgedehnt, in denselben vier Un-
z«en klaren Serums angesammelt. Die linke Hemisphare des kleinen
(Gehirns gross, an ihrem hintern Rande von zahlreichen an der
(Granze ilirer Marksubstanz gegen die feinen Hirnhaute sich ein-
senkenden, meist hanfkorn- bis erbsengrossen , gelblichen, speckigen
‘Tuberkeln durcbsaet; das Mark dieser Hemisphare mit Ausnahme
< des Crus cerebelli ad corpus quadrigeminum blass gelblich gefarbt
i und erweicht. Der Vermis cerebelli inferior so wie die Medulla
mblongata waren nach links gedriingt, die Erhabenheiten am Schadel-
.grunde stark ausgedriickt, die linke hintreGrube etwas geraumiger. Die
'Schleimdriise in dem vordern Lappen platt gedriickt, der hintre Lappen
.grosser, rundlich geformt, seine Substanz dunkelrostfarben und breiig
aufgelockert; die denselben an den vordern bindende Zellschicht sulzig
iinfiltrirt. Die Felsenknochen an ihrer vordern Flache, und zwar
'unter dem aussern Theile des Ganglion Gasseri rauh und siebfor-
mig; ahnliche solche Stellen zeigten sicli auf den grossen Fliigeln
des Keilbeins. — Beide Lungen waren aufgedunsen, grobzellig,
blutreich, dabei stellenweise odematos, in der Spitze besonders lin-
730
HERZLAIIMUNG.
kerseits in einem betrachtlichen Umfange zu einer schwarzlich
blauen, von schmieriger Kalkmaterie durchwebten, derben, knotigen
Masse verdichtet. Eine ahnliche h'uhnereigrosse Stelle land sich
aucli im rechten obern Lappen gegen sein vorderes untcres Ende.
Der Einlluss andrermit sympatbisclien Fasern versehenen Organe
auf temporiire Unterbrecliung der Leitung motorischer Herznerven
bietet sich dem Arzte oft genug dar, besonders bei Affectionen
des Darmkanals. Intermissionen des Herz- und Pulsschlages be-
gleiten biliose Ansammlungen, Helminthiasis, kritische Diarrhoe, ge-
hen dem Ausbruche von Darmblutungen voran.
Auch vom cerebrospinalen Systeme geht nicht selten eine liih-
mende EinwirkUng auf die Herznerven aus. Bei gewaltsamen Ver-
letzungen der Rumpfglieder steht zuweilen das Herz still ( Mar-
shall Hall a. a. O.). Haufiger geschieht es bei heftigen Gemiiths-
affecten und Kopfverletzungen mit Erschiitterung des Gehiriis, wo
erst nach einiger Zeit, wenn der Tod nicht schnell erfolgt, durch
die wieder angefachte Thiitigkeit des Herzens Reaction eintritt.
Aehnlich ist der Zustand der Ohnmacht, auf deren Sckilderung
(in der vierten Abtheilung) ich verweise. Beispiele von Verletzun-
gen und Krankheiten des Riickenmarks, in denen ein paralysiren-
der Einlluss auf das Herz beobacktet worden ist, sind mir un-
bekannt.
Der Antheil des B lutes an der motorischen Action des Her-
zens, sei er auch nur durch die Nerven vermittelt, macht sich nicht
bloss in Bezug auf den Krampf (S. S. 380), sondern auch auf die
Lahmung geltend. Die danach benannte asphyktische Cholera
giebt einen Beleg, deren Symplome in dieser Hinsicht mit denen
des Darmbrands viel Aehnhchkeit haben. Der specifische Einlluss
gewisser ArzneistolTe auf Verlangsamung und tcmponire Unterbre-
chung dcr Herzthatigkeit, der Digitalis, Nicotiana, des Arseniks, (Sub-
limats bei Frbschen nach Budge allgem. Pathol. S. 139) liisst sich
aus der combinirten Wirkung des Blutes und der Nervenenergie
deuten. Die von Henry , Muller und Valentin angestelllen Versuche
HERZLAHMUNG.
737
rgeben, (lass wenn ein noch pulsirendes Froschherz aufgeschnitten
nd die innere Oberflache der Kammerwandung mit wiissriger
Opiumtinktur bestrichen wird, die Contraction des Ventrikels augen-
ilicklich aufhdrt und selbst nicht (lurch Einleitung stiirkerer galva-
ischer Strome wieder hervorgerufen werden kann ( Valentin Lehr-
iucIi der Physiologie des Menschen. 2. B. S. 60.).
9
%
Liilimung
im 'Bereiche der Nerven des Darmkanals.
Mit den paralytischen Affectionen des unter cerebrospinaler
Herrschaft stehenden Ein- und Ausgangs des contraction Nahrungs-
schlauches ist man bekannter als mit der Lahmung des zwischen-
liegenden Apparats, dessen Bewegung grosstentheils von sympathi-
schen Fasern abhangig ist.
/ •
Ijaliiitung- ties Scltliuides und dei* Speiserolire.
Dysphagia paralytica.
Die Schwierigkeit oder Unmoglichkeit des Schlingens tritt plotz-
lich oder allmahlich ein. Der Durchgang sowohl fester als fl'ussi-
ger Dinge wird verhindert. Regurgitation findet nicht statt; der
Kranke sieht sich genothigt mit Hiilfe der Finger den im Schlunde
steckenden Bissen heraufzufdrdern, was um so miihsamer geschieht,
weil derselbe von Schleim durchweicht ist, der zum Einspeicheln
nicht verwendet in grosser Menge sich ansammelt, und aus dem
Munde fliesst. Beim Trinken entstehen Suffocationszufalle, wenn nicht
durch Riickwartsbiegen des Kopfes das Eindringen der Flussigkeit
in die Glottis vermieden wird. Die Einfiihrung der Schlundsonde
triflt auf kein Hinderniss. Fast imrner ist die Sensibilitat erhalten;
der Kranke fuldt die Erschwerung des Schluckens und die Stelle,
wo der Bissen stecken bleibt. Zuweilen ist die Sensibilitat selbst
SCHLUNDLAIIMUNG.
739
gesteigert, das GeTuhl eines driickenden zusammenschnurenden Kor-
pers im obern Theile des Halses vorhanden. Abmagerung findet
sich spa t er ein, jedoch nicht in so betrachtlichem Grade wie bei
Carcinom des Sclilundes.
Nur selten hat die Ursache der Schlundlahmung in der peri-
pherischen Bahn des Vagus und Accessorius ihren Sitz: ein Paar
Beispiele sind oben angeliihrt. Gewohnlich ist die Statte central,
im Halstheil des Riickenmarks oder im Gehirn. Andre paralytische
Affectionen sind Begleiter. Bei Spondylarthrocaze der Halswirbel,
bei Myelitis cervicalis ist Lahmung der obern Extremitaten, oder
der Stimm- und Athembewegungen, oder Paraplegie mit vorhanden.
Ollivier theilt den Fall eines ein und zwanzigjahrigen Studenten
mit, dessen Krankheit mit Schlingbeschwerden anfing, und mit der
Empfindung eines fremden im liaise steckenden Korpers, der Uebel-
keit und Erbrechen veranlasste, wie bei Geschwulst des Zapfchens.
Die ortliche Untersuchung ergab nichts Abnormes. Dabei heftige
Schmerzen im Genicke und erschwerter zischender Athem, Kribbeln
und Erstarrung zuerst in den Fingern der linken Hand, dann im
Arme, spaterhin auch in der rechten obern Extremist. Die Lah-
mung entwickelte sich vollstandig. Die untern Extremitaten blie-
ben frei. Dysphagie und Dyspnoe nahmen zu, und der Tod er-
folgte am achten Tage. Bei der Section land sich eine Erweichung
des Halstheils des Riickenmarks, welche besonders in der Bra-
chialanschwellung und in der grauen Substanz ihren Sitz und einen
Umfang von zwei Zoll liatte. Die Arachnoidea war an dieser Stelle
mit der Dura mater verwachsen, und die Pia mater sehr dicht und
gerothet. Die innern Theile des Halses verhielten sich normal
(Traite des maladies de la moelle epiniere. 3ieme edit. T. II. p.
319). Bei Krankheiten des Gehirns (Hamorrhagie, Erweichung)
mit Ilemiplegie kommt zuweilen auch eine halbseitige Lahmung
des Schlundes vor; ich habe zwei Kranke behandelt, die nach einem
apopleklischen Anfalle auf der linken Seite gelahmt ausser Stande
waren den in die linke Halite des Pharynx gleitenden Bissen zu
It o in li c r$;’s ?fcn-cnkrniikli. I. 3. 49
740
SCHLXJNDLAITMUNG.
schlucken. Bright fand in drei Fallen den Sitz der Krankheit im
Corpus striatum (Reports of medic, cases vol. II. p. 330). Nach
heftigen GemuthsafFecten ist zuweilen in Verbindung mit Stummheit
oder Aphonie Lahmung des Schlundes beobachtet worden (Jos.
Frank prax. medic, univ. praecepta. P. III. vol. I. sect. II. p. 126).
In der Behandlung ist die vitale Indication durcli Einbringen
der elastischen Schlundrobre zu eiTullen. Gegen die* zu Grunde
liegenden Krankheiten des Ruckenmarks, Gehirns und ihrer Hullen
sind ableitende Mittel, Fontanellen, Haarseile und der wiederholte
Gebrauch blutiger Schropfkopfe in den Nacken am passendsten.
Bei Abwesenheit entzundlicher Desorganisation in den Centralappa-
raten ist Strychnin auf endermatische Weise anzuwenden. Noch
mehr darf man sich nach vorliegenden Beobachtungen von der
Elektricitat versprechen. Monro erzahlt ausser mehreren erfolg-
reichen Fallen den eines Kranken, der nur, wenn er auf dem elek-
trischen Stuhle sass, im Stande war zu schlucken. Zu versuchen
ist die unmittelbare Reizung des Schlundes und Oesophagus, um
auf dem Reflexwege die Contraction der Muskelfasern zu erwecken.
Die alteren Aerzte empfahlen zu diesem Zwecke atherische Oele,
das Kauen scharfer Stoffe: der (S. 380) mitgetheilte Fall vom
Nutzen des Einbringens einer an einem Drathe befestigten silbernen
Kugel fordert zur Wiederholung ahnlicher Versuche auf.
D m un gf.
Aufhoren der pcristaltischen Bewegung und widerstandlose Aus
dehnung des Darmrohrs von tropfbaren und gasartigen Flussigkei-
tcn (Meteorismus) sind die Merkmale, an welche sich die obcn ge-
schilderten Ziige aufgehobner Thatigkeit sympathischer Nervenheerde
anschliessen. So zeigt sich die Darmlahmung consecutiv bei andern
Krankheitszustanden, zunachst des Darmkanals selbst, Enteritis, am
DARMLAHMUNG.
741
deutlichsten bei dem Darmbraride, Peritonitis intestinalis , Dysenterie,
bei Blutentmischungen, Typhus, Pldebitis, bei entzundlichen und
septischen Puerperalzustanden. Selbst oline solchen Vorgang wird
zuweilen ein gefahrdrohend# Tympanites puerperalis beobachtet.
Krankheiten des Gehirns und Ruckenmarks haben die Darmlahmung
nicht in ihrer Begleitung. Die bei Yerletzungen, zumal des Riik-
kenmarks sich so oft einfindende Yerstopfung und Auftreibung des
Unterleibs ist von der Paralyse der Bauchmuskeln , von dem Auf-
horen der Bauchpresse, abhangig.
Das Vorkommen partieller Lahmungen des Darmkanals lasst
sich mit Wahrscheinlichkeit vermuthen. Schon ein anatomischer
Befund deutet darauf hin: Erweiterung einzelner Partien, bis zu
einem enormen Umfang, mit Murbheit und Erschlaffung der con-
tractilen Wandungen, ohne alle Verengerung und Desorganisation
unterhalb der Ausdehnung. So bietet sich Erweiterung des Ma-
gens in einem solchen Grade dar, dass er fast die Bauchhohle aus-
fullt, so auch stellenweise Erweiterung im Colon, im Dunndarm,
von Armsdicke, welche letztere sich wahrend des Lebens durch
hartnackige Yerstopfung und durch die Symptome des Ileus offen-
bart, uber welche Abercrombie lehrreiche Untersuchungen ange-
stellt hat ( Pathological and practical researches on diseases of the
stomach, the intestinal canal, the liver and other viscera of the ab-
domen. p. 132 — 141). Auch die heilkriiftige Wirkung der gal-
vanischen Elektricitat bekundet die paralytische Unbeweglichkeit ein-
zelner Darmstrecken in Fallen dieser Art (I. c. p. 131), bei denen
Krampf und Entzundung nur consecutiv sind.
Laliimiiig «Iei* Aft ei’iitu skein*
Die im Antagonismus zu den einfachen Muskelfasern des Mast-
darmes stehenden quergestreiften Fasern der Aftcrmuskeln , des
Sphincter, des Levator ani und der Transversi perinaei erhalten
vom Riickenmarke motorischen Impuls und biissen ihre Action ein,
49 *
742
AFTKRL AI1MUNG .
sobald (lurch Verletzungen und Krankheiten die Leitungsfahigkeit,
die motorische und die Reflex -Potenz dieses Apparats, abnehmen
und erloschen. Selir weiche fl'ussige Excremente und Darmgase,
zu deren Abgang die Contractionen des Mastdarms gen'ugen, ent-
weichen alsdann unwillkubrlicb, wahrend festere Facalmassen, weiche
nur mit Hi'ilfe der exspiratorischen Bewegungen ausgetrieben wer-
den kbnnen, zuruckbleiben, indem unter jenen Umstanden die
Baucbinuskeln ebenfalls mehr oder minder ausser Thatigkeit ge-
setzt sind.
L&hmung
ini Bereiche der den Muskelapparat der Harnausleerung
versorgenden Nerven.
Auf ahnliche Weise wie in den krampfhaften Zustanden der
Urinblase (S. 407) fmdet auch in den paralytischen der Antagonist
mus zwischen Blasenmuskeln mid Schliessmuskeln entweder noch
statt, oder ist aufgehoben, indem beide zugleich von Lahmung be-
fallen sind.
Ijaliimiiig ties austreibendeii Bla§eiiinii8kel^.
( Ischuria paralytica. )
Harnverhaltung mit sicht- und tastbarer Anfiillung und Erwei-
terung der Urinblase, ohne Empfindung davon und ohne Drang, ist
karakteristisch. Ganzliche Unfahigkeit des Harnlassens besteht nur
bei coexistirender Lahmung der Bauchmuskeln ; dagegen die Bauch-
presse, wo sie noch in Thatigkeit gesetzt werden kann, den reich-
lich angesammelten Harn in langsamen Flusse und geringen Quan-
titaten herausdriingt. Nach kiinstlicher Entleerung des Urins bleibt
die Blase ausgedehnt, ist ausser Stande sich zusammenzuziehen.
rulimuiiR ties $cliliessnui!!ikel§.
( Enuresis paralytica. )
Die Blase hort auf ein Reservoir fur den Urin zu sein, der, so
wie er aus den Ureteren hervortritt, clurch die Harnrohre in klei-
744
BLASENLAHMUNG.
lien Quantitaten, oft nur tropfenweise, durch seine blosse Schwere,
abgeht, ohne den schraubiggedrehten bogigen Strahl zu bilden. Bei
der Untersuchung findet man die Blase leer und zusammengezogen.
Meistens fchlt der Harndrang; wo er zuweilen im Anfange vorhan-
den ist, fallt er mit der unwillkuhrlichen Entleerung zusammen,
wahrend im gesunden Zustande ein kurzes Intervall zwischen der
Empfindung des Reizes und der Contraction der Blase statt findet,
und ein langes Intervall der sich entwickelnden Ischuria paralytica
in vielen Fallen voranzugehen pllegt.
I^alimung: ties Blasen- unit Scltliessmuskels.
Uebereinstimmend mit dem Vereine convulsivischen Harndranges
und Harnzwanges (S.. 407) kommt eine Verbindung paralytischer
Verhaltung und Incontinenz vor, deren Verkennen zu MissgrifTen in
der Behandlung Anlass giebt. Wegen des abtraufelnden Urins be-
achtet man nicht den zuriickbleibenden, obgleich die zuweilen selbst
lluctuirende Blasengeschwulst durch die Bauchdecken, zumal bei ma*
gern Menschen, und Mastd.arm oder Scheide fiihlbar ist, und der aussre
Druck schon hinreichen kann eine grosse Menge Harns hervorzu-
treiben. Bis zu welchem Grade die Ausdehnung der Blase zu stei-
gen vermag, bezeugt die in einzelnen Fallen stattgefundene Ver-
wechslung mit Ascites. Peter Frank erwahnt eines solchen, wo
die Blase achtzig Pfund Urin enthielt und das Zwerchfell in die
Hohe gehoben hatte (De curandis hominum morbis epitome L. VI.
p. 506). Brodie beschreibt den Behind einer gelahmten Blase, aus
welchcr einmal 40 Unzen Harns mittelst des Catheters entleert
worden waren. Der Umfang war sehr bedeutend. Die 3Iuskel-
fasern waren in hohem Grade geschwunden. Die innere Membran
war ausserordentlich dunn und liess sich Ieicht ablosen. Die Blase
hatte durch und durch eine fast schwarze Farbe, docli hot sic
sonst kein Mcrkmal dcs Braudes dar (Lectures on the diseases of
the urinary organs 3. edit. London 1842. p. 100).
BLASENLAHMUNG.
745
Die lahmenden Ursachen der Blasennerven haben eincn peri-
pherischen oder centralen Sitz. Zu den erstern gehoren ubermas-
sige Ausdehnung und Streckung der Muskel- und Nervenfasern
der Blase, wodurch ihre Erregbarkeit abnimmt und erlischt. Will-
kiihrliches durch die Umstande gebotnes Zuruckhalten des Harn-
lassens*) oder die durch mechanische und krampfhafte Hindernisse
entstandne Anfullung der Blase haben zuweilen diese Folge. Der
Druck nahgelegner Organe und Aftergebilde wirkt lahmend: so
beim weiblichen Geschlechte der durch Schwangerschaft oder durch
fibrose etc. Geschwiilste ausgedehnte Uterus. Einlliisse, welche das
Kreuzbein und die untern Sacralnerveri betheiligen, kommen hier
in Betracht: Stoss, Schlag, Fall auf den Hintern, starke Erschutte-
rung durch anhaltendes Reiten fiihren zuweilen eine isolirte Lah-
mung der Blase ohne Beeintrachtigung der Bauchpresse herbei.
Haufiger sind die Anlasse centralen Ursprungs, besonders Verletzun-
gen und Krankheiten des Riickenmarks, welche nur selten eine
ausschliessliche Lahmung des Sphincter, sondern eine um so voll-
standigere Ischurie in ihrer Begleitung haben, wenn gleichzeitig
Paralyse der Bauchmuskeln und Anasthesie vorhanden sind. Der
letztern kommt uberhaupt ein wichtiger Antheil zu, und so wie
zur Entstehung der Blasenkrarapfe die Rellexreize von Bedeutung
sind (S. 408), so ist im entgegengesetzten Falle die Nichtempfm-
dung oder rich tiger ausgedruckt, der Mangel centripetaler Nerven-
*) Ambroise Pare Oeuvres compl. edit, de ftlalgaigne Paris 1840. T. II. p.
498. Jeune serviteur qui reuenoit des champs menant en croupe vne hon-
neste damoiselle sa maislresse, bien accompagnee: et estanl a clieual, luy
print vouloir de pisser: toutes fois n’osoit descendre; et moins encores
faire son vrine a cheual. Et estant arrive en cesle ville, voulant pisser,
ne peust nullernent, et auait de Ires grandes douleurs et esprcintes auec
une sueur uniuerselle, et tomba presque en syncope. Et alors fus envoyo
querir: et disoit-on que c’estoit une pierre qui l’engardoit de pisser: ct
estant arriue luy mis vne sonde dedans la vessie, et pressay le venire: et
parce moycn pissa enuiron vne pinted’eau: et n’y trouvay aucuno pierre
ct depuis ne s’en est senti.
746
BLASENLAHMUNG.
wirkung cles Harnreizes Schuld an der Immobilitat der Blase, deren
motorische Nerven unter diesen Umstanden noch fiir den Willens-
rciz empfanglich sein konnen. Umgekehrt verhalt es sich, wo durcli
apoplektische , soporose und typhose ABectionen des Gehirns das
Bewusstwerden der Empfindung des Harnreizes verhindert wird.
Hier fehlt die willkiihrliche Anregung und Unterst'utzung, dagegen
Reflexreize (Bespritzen des Bauches mit kaltem Wasser, Application
der Kalte auf die Fussolden, kalte Wasserclystire, Kitzeln ,des Bla-
senhalses) die ihrer Leitung noch theilhaftigen Bewegungsnerven in
Action setzen. Desault behandelte einen 87jahrigen Kranken mit
Blasenlahmung, zu der sich spaterhin noch ein Blasenstein gesellte.
Nur mittelst des Catheters konnte gewohnlich der Urin entleert
werden, allein sobald Hamorrhagieen in der Blase eintraten, ging
nicht bloss das Blut, sondern aucli der verhaltene Harn von selbst
ab. (Oeuvres chirurgicales. 3'*^ edit. Paris 1830. T. III. p. 135
Disposition zur Blasenlahmung wird durcli das Greisenalter gesetzt,
zumal beim mannlichen Geschlecht und nach wolliistigen Ausschwei-
fungeh. Nach den Anfallen der Epilepsie bleibt zuweilen mehrere
Tage hindurch Ischurie zuruck. Unter den pathischen Processen
sind der rheumatische und arthritische am gunstigsten. Missbrauch
diuretischer Mittel hat in einzelnen Fallen Blasenlahmung zur Folge.
Gefahr erwachst bei der paralytischen Verhaltung durcli hinzutretende
Disorganisation der llarnblase, durcli Riickwirkung auf die Nieren,
durcli Blutentmischung. Bei gleichzei tiger Anasthesie der Blase
stellt sich die Riickwirkung auf das Gehirn spater ein, als wo die
Sensibilitat noch erhalten ist, und. iiberhaupt todtet die paralytische
Ischurie niemals so rasch, wic die convulsivische. Die Incontinenz
nimmt einen noch langsameren Verlauf, und endet meistens mit
Ilinzutritt von Lahmung der Muskelfasern dcr Blase.
Das ortliche Verlahren ist in der Behandlung der Blasenlahmung
von der grossten Wichtigkeit. In der Ischurie wirkt der Catheter
nicht nur entleerend, sondern aucli als Reflexreiz, zumal wenn er
in dcr Nahe dcr Miindungen der Ureteren sich befindet (S. 408).
BLASENLAHMUNG.
747
HVo das haufige Einbringen Schwierigkeiten macht, muss der Ca-
i heter liegen bleiben. Bei Enuresis versuche man das Einfuhren
'iner diinnen Sonde oder Bougie in die Ilarnrohre, deren Reizung,
i )esonders des mittlern und hintern Theils, Contraction der Schliess-
imuskeln anregt (S. 409). Auch andre Rellexreize werden thera-
oeutisch benutzt: die Application der Kalte auf die Hautdeclcen des
1 iauches und der Fusssolde, auf die Schleimmembran des Mast-
ilarms, der Scheide: Irritation des Mastdarms durch Clystire, Sup-
oositorien. Die Erfullung der ’ Causalindication ist, wenn auch sel-
en, doch zuweilen erfolgreich, so bei Krankheiten der Wirbel und
lies Riickenmarks durch Application von Fontanellen, Moxcn, bei
heumatischer Basis durch den Gebrauch des Camphor. Ein spe-
ifisch erregender Einfluss auf die motorischen Blasennerven kommt
lien Canthariden zu, sowohl zum innern Gebrauch, die Tinctura
Oanth. in steigender Dosis von 5 — 15 Tropfen, als besonders in
7orm des Vesicators, mit Cantharidensalbe verbunden, auf das
\ireuzbein gelegt. Minder wirksam sind Waschungen der Blasen-
i^egend, des Riickens, der innern Seite der Schenkel mit Tinct.
I Cantharid. und einem Zusatze von Mixt. ol. balsam. Auch die
Wux vomica und ihr Alcaloid, das letztere in endermatischer An-
ivvendung, ^ ^ gr. Strychn. sulphur., und das 01. terebinth, aeth.
ind zu empfehlen. Fur Elektricitat spricht der schon von a I tern
leobachtern geruhmte Nutzen, so wie neuere Erfahrung fur die
louche auf Kreuz- und Blasengegend. Die belebenden Thermen
> on Gastein, Wildbad sind bei den paralytischen Affectionen der Blase
rm hbhern Alter zu versuchen.
— —
■4S+-
Zweite Ordnung.
Lalimun^en ablianglg vom Verluste der
Erregung der Centralorgane.
1. Gattung.
Spinale Lahnuingen.
Diese Zustande unterscheiden sich, je nachdem das Ruckenmark
als Leitungsapparat fur Medulla oblongata und Geliirn oder als
erregendes Centralorgan des Nervensystems beeintrachtigt ist.
1. lialtiniuigeii vom Kiickenmark. als Iieitungs-
apiiarat abliangfg.
Das physiologische Kriteriiun ist Verlust der motorischen Lei-
tung fur den respiratorischen und psychischen Impuls in denjenigen
Nervenfasern, welche yon und unterhalb der verletzten Stelle des
Ri’ickenmarks abtreten.
Die motorische Leitung findet in den yordern Strangen des
Riickenmarks statt. Ueberzeugendcn Beweis geben Versuche an
lebenden Thieren (Vgl. S. 423) und Verletzungen des Menschen,
letztere zuweilen mit derselben Priicision, wie die Versuche, zuin
Beispiel in folgendem vor ein Paar Jahren von Begin beobachteteu
SPINALE LAHMUNGEN.
749
:id von Longet mitgetheilten Falle (Anat. et physiol, du syst. nerv.
. I. p. 331). Ein Pariser Nationalgardist wird von hinten mit
nem Messer im Nacken verwundet und fallt sofort riicklings auf
e rechte Seite urn. Am andern Tage erfolgt seine Aufnahme in
is Hospital: er klagt Fiber keinen Schmerz, nur iiber ein Gefiihl
icbter Erstarrung in der rechten Seite. Die mit Klebepflaster
i ireinigte Queerwunde von 13 Millim. Lange befindet sich an der
eite des Halses, im Niveau des fiinften Cervicalwirbels, 24 Millim.
>m Dornfortsatz entfernt. Die Bewegungen des Halses und Ko-
Ifes sind schmerzlos imd ungestort. Der Verwundete empfindet
n chwere im rechten Arm und Kribbeln in der Hand : obgleicb mit
niger Miihe, ist er noch im Stande den Arm zu heben und den
orderarm zu bewegen, kann aber nicht die halbgebognen Finger
t recken, noch sie ganz schliessen. Das rechte Bein ist der Bewe-
iimg verlustig. Ein vager Schmerz verbreitet sich langs der rech-
?en Seitentlache der Brust. Ueberall, am Arm, am Rumpfe, am
I' ein ist die Sensibilitat vollkommen erhalten. Die iibrigen Functio-
een gehen ungestort vor sich. Am dritten Tage nach der Ver-
nmndung verschlimmert sich der Zustand. Der Puls wird ungleich,
per Athem beschleunigt, Singultus stellt sich ein, die Dyspnoe steigt,
- am sechsten Tage erfolgt der Tod. — Bei der Section findet
iich im rechten Seitentheile des Bogens des sechsten Halswirbels
i,n Stuck einer abgebrochenen Messerklinge, deren Spitze zwischen
• en Korpern des sechsten und siebenten Wirbels hervorstand und
ie hintre Wand des Pharynx gestreift hatte. In dieser Lange war
ter vordere Riickenmarksstrang der rechten Seite von der hintern
'litlichen Furche bis zur vordern Mittelfurche durchschnitten. Der
intsprechende hintre Strang war unverletzt geblieben. Aehnliche
l hirurgische Fiille ohnc Sectionsbefund sind bereits S. 269 angefuhrt.
Auch giebt es Beobachtungen von Kranklieiten mit begranztem
' itze in den vordern Striingen und ausschliesslichem Yerluste der
notorischen Leitung. Hutin berichtet von einem Paraplektischen,
l essen Beine im vollstandigen Besitz dcr Sensibilitat waren. Es
750
SP1NALE LAPIMUNGEN.
fand sicli Caries tier vordern Flache der untern zehn Riickenwirbel .
der Korper des zehnten Wirbels war nach innen gewichen und
bildete einen betrachtlichen Vorsprung, wodurch das Riickenmark last
knieformig gebogen mid auf die Halfte seines Umfangs geschwunden
war. Die Atrophie betraf lediglich die vordere Flache, so dass der
graue Kern statt im Centrum, an der Aussenlliiche sicli befand (Bi-
blioth. medic. 1828. T. I. p. 29). Cruveilhier behandelte eine Kranke,
welche an Lahmung beider Beine, mit Contraction der Beugemus-
keln litt, bei Integritat der Empfindung. Von Zeit zu Zeit stellten
sicli zuckende Bewegungen in denselben ein. Harn- und Kothab-
gang war willkuhrlich. Nach Erofi'nung der Wirbelhohle und Ab-
losung der Dura mater fand man eine ovale Geschwulst von grauer
Farbe, welche von einem scharfen Bande in der Gegend des zwei-
ten Riickenwirbels begranzt war und nach unten in eine Spitze
auslief; sie lag auf der vordern Flache des Riickenmarks und war
mit der Arachnoidea verwachsen. Der Druck, den sie austibte, war
betrachtlich. Auf einem Durchschnitte zeigte sicli das Riickenmark
an dieser Stelle wie eingeschniirt (Anat. pathol. livr. XXXII). Des-
organisationen des Riickenmarks durch Entzundungs- und Erwei-
chungsprocess werden liochst selten in den vordern Strangen isolirt
angetroffen: denn mag auch wahrend des Lebens, wie die Sym-
ptome unzweifelhaft bezeugen, eine solche Abgranzung statt finden,
so sind die Einlliisse nach dem Tode (Lage auf deni Riicken, Ein-
wirkung der Wirbelflussigkeit, warme Temperatur und die Technik
bei der gewohnlich erst nach 24 — 48 Stunden angestellten Lei-
chenoffnung) eingreifend genug, um jene aufzuheben. Hierin findet
auch der Umstand seine Deutung, dass trotz der in einigen Fallen
auf die obern Rumpfglieder beschriinkten Lahmung sicli bei der Sec-
tion die Erweichung des Cervicalmarks nicht in einzelnen Segmen-
ten, sondern durch die gauze Dicke hindurch ergab.
Die Spiuallabmung erscheint gewohnlich als Paraplegie, in
beiden Rumplhalften, gleicbzeitig oder successiv. Die Musculatur
der untern Extremitaten und der Beckenorgane ist vorzugsweise
SPINALE LAHMUNGEN.
751
‘liilimt, in der Mehrzalil der Falle ausschliesslich, oder bildet den
usgangspunkt der Paralyse, welche einen aufsteigenden, sellen ab*
esigenden Lauf nimmt, und bei giinstigem Ausgange zuerst die
lern Rumpfglieder verlasst, im Gegensatze zur cerebralen Lahmung-
\fo die Paralyse unvollstandig, wo nur eine Abnahme, nicht Ver-
'St der motorischen Leitung vorhanden ist, erfolgt die Bewegung
if Willensimpuls schwacher und trager als im gesunden Zustande,
ird jedoch durcli Stiitzung des Rumpfes, besonders durch horizon-
le Lage erleichtert, was bei der vom Gehirn ausgebenden Lah-
mng nicht bcobachtet wird. Die Muskeln sind schlafF oder in selt-
Ten Fallen contrahirt, zumal die Flexoren. Zuweilen werden sie
inch von convulsivischen Erschiitterungen befallen.
Mit der Lahmung coexistirt mehrentheils Abnahme oder Man-
1 der cerebralen, bewusstwerdenden Sensibilitat (Vgl. S. 271).
in ersten Falle ist die Empfindung der Eindriicke auf die Gefiihls-
rven der Haul, der Muskeln etc. nicht nur stumpf, sondern auch
rzogert: die sensible Leitung geht, was in physiologischer Bezie-
i mg von Interesse ist, da sich uberhaupt nur selten Gelegenheit
i. Beobachtungen fiber das Zeitmaass der Leitung darbietet, lang-
im von statten: es bedarf dazu 15 — 30 Secunden, wie schon
'uveilhier bemerkt hat (1. c. livr. XXXVIII. p. 9). Bei einigen
ranken muss der Eindruck mehreremal erneuert werden, bevor
;* ihn wahrzunehmen im Stande sind. Auch bei vollstandiger
masthesie geben sich nach dem Gesetze der excentrischen Erschei-
; ng Empfindung von Schmerz, Gliihhitze, Eiskiilte, Formication
: nd. Bei ganzlichem Verluste der Motilitiit und cerebralen Sen-
)ilitat oftenbart sich in den vom Riickenmarke als Leitungsapparat
ilhangigen Lahmungen die spinale oder unbewusste Sensibilitat
i rch Rellexaction (S. 271 u. 452). Die Fusssohle ist hierzu der
eignetste Ort: Reizung durch Kitzeln oder durch Application
m Ilitze gelingt am besten. Die Reflexbewegung zeigt sich ge-
'ihnlicli im Fuss derselben Seite, zuweilen auch in beiden Fiissen,
'schon in dem nicht gereizten schwacher, seltner in den obern
752
SPINALE LAHMUNGEN.
Extreniitaten, wenn dieselben ebenfalls gelahmt sind. Durch Strych-
nin wird die spinale Sensibilitat und Rellexaction gesteigert, durch
zu schnelle Wiederholung der Versuche geschwacht, stellt sicli je-
doch bei einiger Ruhe wiecler her. Rei Riickenmarksverletzungen
gelit einige Zeit bin, ehe cliese Erscheinungen sicli kundgeben, woran
wahrscheinlich die Commotion Schuld ist. Im Falle der Genesuim
/ o
kelirt die Sensibilitat friiher zuriick als die Molilitiit.
Stdrungen im Rereiche der trophischen Actionen sind bei Spi-
nallahmungen stets vorhanden. Eine der bestandigsten ist Neigung
zum Decubitus und zur Gangran der durchgelegnen Stellen, welche
um so friiher und starker eintritt, je schneller die Leilung im Riik-
kemnarke unterbrochen wird, z. R. durch Wirbelbriiche. Die Ana-
sthesie scheint an diesem Vorgange einen wesentlichen Antheil zu
haben, weil bei der durch sie aufgehobnen Widerstandsfahigkeit
(Vgl. S. 207) die dem Drucke am meisten ausgesetzten Stellen,
Kreuzbein, Trochanteren etc. vor alien andern betheiligt warden.
Zuweilen bilden sicli auch Rrandblasen an den Knocheln, auf dem
Fussriicken, obgleich dieses seltner der Fall ist als bei Unwegsamkeit
der Arterien. Zunachst sind die Veranderungen in der Reschaffen-
beit des Harnes zu erwiihnen. Der Urin ist in Spinallahmungen
fast innner alkalisch, entweder von Anfang an oder im spatern
Verlaufe der Krankheit. Im erstern Falle ist es sehr wahrschein-
lich, class durch Nerveneinfluss die Nierensecretion eine solche Um-
stimmung erlilten hat. Smith hat bei einem Kranken mit trauma-
tischer Yerletzung des Ruckenmarks die Rlase mit der Read’schen
Spritze geleert, dann zu wiederholten Malen lauwarmes Wasser in-
jicirt, bis es keine Spur von Alkalescenz zeigte, hierauf von neuem
eine kleine Quantitat eingespritzt, und 20 — 30 Minuten in der Blase
gelassen. Entleert zeigte es eine ammoniakalische Reschaflenheit,
zum Reweise, class der Urin schon in dieser Veranderung nach
der Rlase gelangt war (Lond. medic, gaz. 1832. vol. IX. p. G61)-
Andrerseits macht sicli, wo mit der Paraplegie eine Harnverhaltung
in der Rlase statt findet, auf ahnliche Wcisc wie in andern Ischu-
SPINALE LAHMUNGEN.
753
eeen, tier Einfluss des stagnirenden Urins auf die Schleimhaut der
lase, der Ureteren, des Nierenbeckens geltend, erregt Entz'undung,
I bsonderung zahen , zuweilen blutigen Schleims , und mit demsel-
t3n den Absatz von Phosphaten. Dupuytren machte bereits die
eobachtung, dass bei Paraplektischen der Catheter sich am schnell-
en mit Salzincrustationen belegt, und Ollivier hat einen Eall be-
hrieben, wo nach einer Fractur des zwolften Riickenwirbels am
i diten Tage diese Incrustationen bemerkbar und am 22. Tage
i arnsteine ausgeleert wurden. Bei der Section fand man aul der
nern Flache eine Pseudomembran , welche mit feinen Steinchen
3setzt war. Ueber das quantitative Verhaltniss der Harnsecretion
i , Spinallahmungen liegen noch nicht genug Beobachtungen zui1
ntscheidung vor. Brodie fand bei Verletzungen, zumal des Cer-
caltheils die Menge verringert, bei einem Kranken auf 4 Unzen
iiinnen 24 Stunden (Observations relating to injuries of the spinal
lnord in Med. chirurg. transact, vol. XX. p. 142). — Die Tempe-
mtur und Transpiration erleiden eine Abnahme. Die Haut wird
ocken und desquamirt', oft kleienartig. Selten sind hydropische
iifiltrationen. Atrophie der gelahmten Theile stellt sich oft ein.
Diese allgemeinen Zijge werden durch den Sitz der Verletzung
( der Krankheit und durch die Eigenthiimlichkeit der letztern mo-
lificirt. Es begleiten Schling- und Athembeschwerden die Cervi-
. daffectionen, und die obern Extremitaten sind von Aniisthesie und
. iihmung in starkerm oder schwachenn Grade getroffen. Aus dem
mfange der respiratorischen Liilimung lasst sich, zumal bei Wir-
elbriichen die Granze der Verletzung festsetzen (S. oben). Auch
iir den Dorsaltheil sind die Hemmungen in der Thatigkeit der
uthemmuskeln, vorzugsweise der exspiratorischen, karakteristisch.
on dieser Paralyse der mehr oder minder welken und erschlafften
! auchmuskeln ist der Mangel der Bauchpresse abhangig, wodurch
ie Entwicklung und Anhaufung der Darmgase bis zum bctracht-
chen Meteorismus gelordert wird. In zwei Fallen von Spinallah-
lung sab ich die Bauchdecken wie eine schlade Blase herabhiingen.
754
SPINALE LAHMUNGEN.
Wo die Lumbarportion den Sitz hergiebi, maclit sich die Liihmung
in den untern Extremitaten und in den Muskelfasern der Becken-
organe geltend, im Gebiete der mannlichen Geschlechtswerkzeuge
durch Mangel der Erectionen, auch bei andauernder Harnverhaltung.
Um so auffallender ist die oftere Erscheinung des Priapismus bei
Verletzung des Cervical-, seltner des Dorsaltheils. In Bezug auf
die Statte der Verletzung oder Krankheit im Vergleiche zum Sitze
der Liihmung ist ein Umstand zu beriicksichtigen, auf welchen
Ollivier aufmerksam gemacht hat, dass niimlich die Spinalnerven,
je weiter abwarts sie vom Riickenmarke abtreten, eine um so
liingre Strecke von ihrer Insertion bis zum Foram. intervertebrale
durchlaufen. Es kann demnach das Ruckenmark in der Nahe eines
Foram. interv. der Lumbarwirbel verletzt sein, und dessenungeach-
tet die Leitungsfahigkeit mehrerer oberhalb dieser Stelle abtreten-
den, fur die untern Extremitaten bestimmten Nerven fortbestehen.
Die von der Eigenthumlichkeit der Krankheit abhangigen Modi-
ficationen der Symptome werden ausfiihrlich in dem Abschnitte von
den Krankheiten in der Bildungssphare des Nervensystems geschildert
werden: hier mogen nur einige allgemeine Bemerkungen ihre Stelle
finden. Krankheiten der knochernen Hiille, am haufigsten Spon-
dylarthrokace, betheiligen vorzugsweise die Motilitat, und verschonen
haufig die Action der Sphincteren. Die seltnere und geringre
Theilnahme der Sensibilitat ist wahrscheinlich von dem Sitze der
Krankheit in den Wirbelkorpern, in der Nachbarschaft der vordern
Strange herzuleiten. Mehr als in den andern Spinallahmungen ha-
ben die ortlichen Merkmale am Riickgrate diagnostischen erth,
sowohl die Formveranderungen der Knochen, als die bei der Un-
tersuchung durch Druck und Hitze sich verrathende Empfmdliclikeit
und Schmerzhaftigkeit. Therapeutischcr Erfolg, temporarer oder
andauernder, macht sich bemerkharer als in andern vom Riicken-
marke abhangenden Paralysen. Auf Verengerung des Foramen ma-
gnum des Hinterhauptbeins durch Ablagerung von Knochensubstanz,
durch Verdickung der Knochen oder der Dura mater, als compri-
SPINALE LAHMUNGEN.
755
mirenden Anlass, muss die Aufmerksamkeit bei Leichenbffnungen
mehr gerichtet werden, als es gewohnlich geschieht. (Vgl. einen
Fall in Bright’s Reports of medical cases. Vol. II. Part. I. p. 377.)
Krankhafte Zustiinde der Membranen so wie auch Aftergebilde,
welche durch Compression oder durch Druck und Reizung einwir-
ken, jedocli die Continuitat der Faserung im Riickenmarke nicht
unterbrechen , haben ausser der Lahmung und Anasthesie, haufig
Schmerzen und lliichtige Muskelcontractionen in ihrer Begleitung.
Bei dem Entzundungs- und Erweichungsprocesse bleibt meistens die
Lahmung langere Zeit unvollstandig , die motorische und sensible
Leitung ist yerlangsamt, und abnorme Empfindungen, seltner von
Schmerz als von Erstarrung, Formication, Druck, Spannung, aus-
sern sich sowohl in den gelahmten Gliedern als am Rucken und
an der vordern Rumpfflache, hier besonders als Gefi'ihl eines um-
spannenden Reifes in der epigastrischen oder auch, docli seltner,
der hypogastrischen Region. Die spinale Hamorrhagie, eine im
Vergleiche zur cerebralen seltne Krankheit, fuhrt ausser der plotz-
lich entstehenden Paraplegic sehr heftige Schmerzen im ganzen
Riicken mit sich.
Die Thatigkeiten des Gehirns werden durch diese paralytischen
Zustande des Riickenmarks nicht beeintrachtigt.
Consecutive Veranderungen finden sich sowohl in dem musku-
Iosen als knochernen Bewegungsapparat der gelahmten Theile ein.
Die Antagonisten gerathen in eine andauernde Spannung, die sich
von der fluchtigen und schmerzhaften Contractin' unterscheidet,
welche in Folge einer Reizung des motorischen Nerven durch Zer-
rung, Entziindung etc. entsteht. In den Flexoren ist die Zusam-
menziehung zuweilen so betrachtlich , dass die Ferse das Gesiiss
beruhrt. Fiillt die Entstehung der Spinallahmung in ein frulies
Alter, in die ersten Lebensjahre, so ist der Einlluss auf Ernahrung
und Form der Weich- und Knochengebilde um so grosser; das
gelahmte Glied ist in alien seinen Dimensionen mehr oder minder
atrophisch und terkruppelt, wie folgendes Beispiel zeigt.
R omterg’a NcrreiikrankLeitcn I. 3. 50
756
SPINALE LAHMUNGEN.
„Eine 54jahrige unverheirathete Kranke wurde am Gebarmulter-
krebs in tier Salpdtriere behandelt. Ilir linkes Bein war vollkom-
men atrophisch, schlalF, hangend, um 7 — 8 Zoll kiirzer als das
rechte, beim Gehen unbrauchbar, des Gefuhls verlustig. Trotz der
Hiilfe einer Kriicke bewegte sie das rechte Bein nur mit M'uhe,
welches auch statt der starkern Ausbildung, wie sie gewohnlich
bei Menschen, die nur ein Bein zur Disposition haben, statt findet,
eine Abnahme des Umfangs und der Muskelkraft und noch iiber-
dies den Anfang eines Klumpfusses darbot. Die obern Extremi-
taten verhielten sich normal. Bei der Section fand man sarnmt-
liche Muskeln des linken Beins in Fett verwandelt, ajjein noch mit
Scheiden versehen und an ihrer biindelartigen Anordnung erkenn-
bar. An einigen Muskeln waren einzelne Muskelbundel von rother
Farbe erhalten, am Glutaeus deren vier, am Plantaris zwei. Am
rechten Beine fand man die Muskeln der hintern Flache des Ober-
schenkels, den Semitendinosus , Semimembranosus und Biceps in
Fettgewebe verwandelt. Die Wirbelsaule war in der Rucken- und
Lendengegend stark gekriimmt, mit der Concavitat nacb links. Das
Riickenmark war in seinem untern Theile, in der Liinge von 3k
Zoll bedeutend atrophisch, dichter als gewdhnlicb und von grauer
Farbe. Die mittleren Furchen schienen an dieser Stelle verstrichen,
und die Substanz in ein graues, homogenes, verhartetes Gewebe
verwandelt zu sein. Auf der linken Seite war die graue Degene-
ration bei weitem betrachtlicher als auf der rechten. Die von die-
ser Stelle ablretenden Nerven zeigten keine merkliche Abnahme
des Volumens. In der Niilie des zweiten und dritten Buckenwir-
bels nahmen die hintern Markstrange in der Niilie der Mittelfurche
an der grauen Entartung Theil, und waren, wie am untern Theil
des R'uckenmarks, mit einander verscbmolzen. An der Yarolsbriicke
fanden sicli 4 — 5 graue Inseln. Die linke Pyramide \\ar etwas
geschwunden und kleine Flecke von grauer Farbe zeigten sich uber
und unter der linken Olive. Am hintern linken Vierhugel war auch
ein grauer Fleck siclitbar, so wie mehrere am Thalamus opticus
SPINALE LAHMUNGEN.
757
und an der untern Flache des Corpus callosum. Alle diese Flecke
waren von dichter Consistenz und ziemlicher Dicke. ( Cruveilhier
Anatomie patholog. livr. XXXVIII. p. 4.)
Von besonderm Interesse ist die Beobachtung, dass die im zar-
ten Kindesalter zur Lahmung Anlass gebende Krankheit des Riik-
kenmarks, z. B. Meningitis, aufgehort haben kann, wahrend die
Unbeweglichkeit durch forts chreitende Entartung und Verbildung
der Gliedmaassen unterhalten und gesteigert wird, auf ahnliche
AVeise wie sich nach einem vorangegangnen Krampfe die Muskel-
affection von der Ursache, die sie erzeugt hat, isoliren und als Ver-
kiirzung der Muskelfasern zuriickbleiben kann. Um die Kenntniss
dieser Zustande hat sich J. Heine durch Veroffentlichung der in
seiner orthopadischen Heilanstalt zu Cannstadt gesammelten Beob-
achtungen liber Lahmungszustande der untern Extre-
rmitaten und deren Behandlung. Stuttgart 1840 ein blei-
bendes Verdienst erworben. Der Ursprung lasst sich bei solchen
lKranken meistens bis zur ersten Dentition oder bis zum Verlaufe
teiner acuten Krankheit, eines exanthematischen Fiebers verfolgen,
'wo bei zuvor gesunden Kindern nach dem Ausbruche starker Con-
wulsionen, seltner ohne diese, eine Paraplegie entdeckt wird, zuwei-
len mit Theilnahme der obern Extremitaten, selten der Blase und
ides Mastdarms. Die Lahmung beschrankt sich spaterhin auf eine
mder beide untern Extremitaten, in gleichem oder ungleichem
Maasse. Die Sensibilitat verhalt sich fast immer normal. Die Be-
wegung ist nicht ganz aufgehoben, dauert gewohnlich in den Ober-
'Schenkeln, wenn aucli in schwiicherem Maasse, fort, wahrend sie
iiin den Unterschenkeln und besonders in den Fiissen fast ganz er-
lloschen ist. Stehen und Gehen, selbst bei unterstiitztem Rumpfe,
i ist in der Regel unmoglich : die Locomotion besteht in einem Fort-
rrutschen auf dem Fussboden. Die Temperatur der Unterschenkel
mnd Fusse ist bedeutend gesunken, auf 17 bis 146 R. , die Farbe
lblauroth. Atrophie der Extremitaten ist stets vorhanden; ein Zu-
ruckbleiben in der Liingen-Dimension bei Wachsthum des Korpers
50 *
758
SPINALE LAHMUNGEN.
wird seltner jbeobachtet. Die Deformitiit der Glieder bildet sich
mit den Jahren urn so starker aus und zeigt sich in Verkrummun-
gen jeder Art, Contractin' des Knie- und Huftgelenks, Klumpfuss-
biklung, Einwartsrichtung der Kniee. Die Trochanteren , die Knie-
scheiben bleiben unvollstandig entwickelt, die Rohrenknochen haben
einen geringeren Umfang als im normalen Zustande. Im weitern
Verlaufe entstehen Kriimmungen der Wirbelsiiule im Dorsal- und
Lumbartheile. Auf die iibrige Gesundheit und auf die Lebensdauer
zeigt sich kein nachtheiliger Einlluss: ich kenne einen Kranken die-
ser Art, der, obgleich er von einern Stuhle auf den andern getra-
gen werden muss, im vierzigsten Jahre sich verbeirathet und ge-
sunde Kinder gezeugt hat.
Die therapeutische Nutzanwendung bewahrt sich durch die
Wirksamkeit jenes Verfahrens, welches die Aufhebung der conse-
cutiven ortlichen Bedingungen der Immobilitat zum Zweck hat. Es
misslingen alle Heilversuche, die auf einen vorausgesetzten Krank-
heitszustand des Riickenmarks gerichtet werden, auf etwanige Ex-
sudate, Entziindung, mittelst Anwendung von Blutegeln, Schrdpfko-
pfen, Exutorien, Nux vomica, Elektricitat u. s. f.; dagegen diejeni-
gen Mittel von Erfolg sind, welche Belebung der Nutrition, Beseiti-
gung der ErschlafFung oder Contracturen der Muskeln, endlich eine
Formveranderung der verkriippelten Knochen bezwecken, mogen
sie aus dem Bereiche der Mechanik, der operativen Chirurgie, der
Materia medica, oder aus deren Vereine entnommen werden. Die
jenem Werke beigefiigten Abbildungen der Kranken vor und nach
der Cur geben einen Beweis, wie durch den beharrlich fortgesetz-
ten Gebrauch der Wasser- und Dampfbiider, der Frictionen, der
Beuge- und Slreckbewegungen , der Tenotomie (Vgl. v. Breuning
Wiederbelebung gelahmter Gliedmaassen durch den Sehnenschnitt.
Wien 1844.), und der durch sinnreiche Apparate moglich gemach-
ten Steh- und Gehiibungen die durch eine fruhzeitige Affection
des Riickenmarks entstandnen und beim ersten Anblick als unheilbar
sich darstellenden Deformitaten gebessert und gelieilt werden kdnnen.
SPINALE LAHMUNGEN.
759
Was die Ursachen unci Behandlung der iibrigen vom Riicken-
narke als Leitungsapparate abhangigen Lahmungen betrifft, so ver-
■weise ich auf die fiinfte Abtheilung des Lehrbuches, welche die
Krankheiten der Bildungssphare der Nervenapparate zum Gegen-
;tande hat.
Es ist bereits bei Schilderung der spinalen Krampfe bemerkt
.vorden (S. 435), dass das Riickenmark sich als Leitungsapparat
on den peripherischen Bahnen dadurch unterscheidet, dass es nicht
uur die Summe der einzelnen Primitivfasern der Nerven enthalt,
ondern auch mit Anordnungen der Elementarfasern versehen ist,
velche die Erregung zu bestimmten Combinationen der Bewegung
inoglich machen. Im Gegensatze zu den durch Krampf hervorge-
ufenen Gruppen der Bewegungen, wie sie sich in der Chorea her-
usstellen (a. a. 0.), kommen paralytische Zustande vor, wo diese
ssociirende Fahigkeit aufgehoben ist. In den Rumpfgliedern spricht
i ich diese Storung am deutlichsten aus, nicht bloss durch die Un-
ahigkeit zur Beugung oder Streckung, zur Pronation oder Supi-
tation, zur Adduction oder Abduction, zum Ein- oder Auswarts-
ollen, sondern auch durch das Uebergewicht der antagonistischen
Iuskelgruppen, wodurch haufig eigenthiimliche Stellungen und Ver-
riimmungen entstehen, deren Kenntniss die Diagnose erleichtert.
*o bietet sich der paralytische Pferde- oder Klumpfuss dar,
belcher sich durch grosse Schlaffheit des Gliedes, durch die Leich-
ligkeit, womit das von der normalen Richtung abgewichne Glied
i die natiirliche Stellung zuriickgebracht werden kann, und durch
ie Abmagerung und Welkheit der ganzen Extremitat von andern
Urten unterscheidet ( Die/fenbach iiber die Durchschneidung der
3ehnen und Muskeln S. 214). Eine von Longet mitgetheilte Be-
hachtung giebt die erste genauere anatomische Untersuchung der
'Vluskeln und Nerven im paralytischen Klumpfusse (Anat. et physiol.
760
SPINALE LiHMUNGEN.
du syst. nerv. T. I. p. 358). Der Fall belraf ein achtjahriges Mad-
chen mit Varus des rechten Fusses. Die Zehenstrecker und Pero-
naei waren verlangert und vollkommen gelahmt, der dreikopfige
Waden-, der vordre und hintre Schienbeinmuskel miissig zusammen-
gezogen, und eben so wie die Zehenbeuger im Besitze ihres Con-
tractionvermogens. Das ganze Bein war merklich abgemagert, die
Sensibilitat normal. Die Operation des Klumpfusses hatte in kur-
zer Zeit guten Erfolg, allein das Kind wurde von den Pocken be-
fallen, und star!) sechs Wochen darauf an Noma. Wahrend dieser
Krankheit war der Klumpfuss zum Theil wieder zum Vorschein
gekommen. Leichenbefund. Die Achillessehne und die Sehne
des vordern Tibialis wraren vollstandig vereinigt. Sehr auffallend
war die Blasse der gelahmten Muskeln, wahrend die iibrigen eine
fast normale Farbe hatten, obgleich etwas bleicher als am gesunden
Fusse. Die Blasse dehnte sich auch auf einige Muskeln des Ober-
schenkels aus, auf den Biceps, Vastus externus, Tensor fasciae la-
tae. In den beiden ersteren zeigten sich rothe Muskelbiindel neben
blassen. Die Entfarbung nahm die ganze Lange der Fasern in den
Muskelbiindeln ein. Die Nerven des rechten Beins waren diinner
als die der linken Extremitat. Das Riickenmark zeigte keine
bemerkbare Veranderung, eben so wenig das Gehirn, allein die
vordern Wurzeln der den rechten Ischiadicus bildenden Lumbar-
und Sacralnerven hatten kaum ein Viertheil des Durchmessers der
entsprechenden Nerven der linken Seite, wahrend die hintern Wur-
zeln auf beiden Seiten von normaler Dicke waren. Die atrophi-
schen Wurzeln hatten eine braune fast ocherahnliche Farbe. Nur
eine unter ihnen war der Atrophie und Entfarbung entgangen.
Eine specifische Ursache ruft am haufigsten die Lahnmng der
zu bestimmten Acten der Bewegung combinirten Muskelreihen her-
vor, die Bleivergiftung.
RLEILAHMUNG.
761
Paralysis satiirnina.
Die obern Rumpfglieder sind vorzugsweise der Sitz, die untern
?lten, etwa 1 : 6, meistens nur in Gemeinschaft mit den obern.
>ie Lahmung befallt halbseitig oder bilateral, in letzterem Falle
I ieselben Muskeln oder andre, am haufigsten die Extensoren, Supi-
i atoren, Adductoren. In der Frequenz steht die Finger- und Hand-
ihmung oben an. Oft sind nur Mittel- und Ringfinger der Strek-
;iung verlustig und einwarts, fast in rechtem Winkel nach der
llandfiache gebogen. Bei einer Kranken, die mit Handhabung der
Mucbdruckertypen sich beschaftigte, sab ich unlangst nur den Dau-
nen der rechten Hand afficirt: seine Abductoren und Extensoren
ivaren gelahmt, der Adductor, Flexor und Opponens dagegen ver-
chont. In andern Fallen sind die Extensoren aller Finger, auf
mgleiche Weise, mehr oder minder, paralysirt, und einwarts nach
ter Mittelhand gebogen. Der Kranke kann willkuhrlich die Hand
twas melir schliessen, allein das Oeffnen ist unvollstandig : nur
lurch Nachlass des Willensimpulses auf die Flexoren kehren die
huger in die halbgebogne Stellung zuriick, ohne dass die Exten-
oren einen thatigen Antheil nehmen. Doch auch die Flexion
:ommt, wie Tanquerel des Planches bemerkt (Traite des maladies
ie plomb. Paris 1839. T. II. p. 42.), nicht so vollkommen wie
)ei einem Gesunden zu Stande, weil den gelahmten Streckmuskeln
lie Elasticitiit zur erforderlichen Verlangerung fehlt. Die Hand ist
mtweder allein oder in Verbindung mit den Fingern und dem Vor-
lerarm gelahmt. Im erstern Falle ist wegen Paralyse der Radial-
md Ulnarstrecker des Handgelenkes jede Extension unmbglich: die
Hand verharrt in starrer Riegung gegen den Vorderarm, und ist
dadurch ausser Stande die Bewegungen der Adduction und Abdu-
ction zu vollfuhren. Rei mitvorhandner Paralyse des Vorderarms
ist derselbe gegen den Oberarm gebogen und theilt mit der Hand
den Verlust der Supination, so dass bcide wegen des Uebergewichts
des Pronator teres und Quadratus in einer andauernden Pronation
762
SPINALE LAFIMUNGEN.
sich befmden und die Hand iioch iiberdies die obengeschilderte
Stellung inne hat. Am Oberarm ist am haufigsten die Bewegungs-
fahigkeit nach oben durch Lahmung des Deltoideus aufgehoben,
wiihrend die Bewegung nach vorn und hinten wegen Integritat des
Pectoralis major und Latissimus dorsi ungehindert bleibt.
Aui' ahnliche Weise wie an der obern Extremitat fiihrt an der
untern die Strecklahmung abnorme Stellungen herbei, wie dort die
Klumphand, so hier den Kiumpfuss bei isolirter Lahmung der Fuss-
und Zehenstrecker. Die Zehen sind einwarts nach der Sohle ge-
bogen, die Fussspitze steht ab warts und nach vorn, die Plantar-
tlache ist concav. Die Bewegung des Fusses nach dem Unter-
schenkel ist aufgehoben, desgleichen die Adduction und Abduction.
Vorzugsweise sind die Extensoren des Unterschenkels gelahmt, der
Rectus femoris, Cruralis, die Vasti; der Unterschenkel ist gegen
den Oberschenkel halb gebogen, der Kranke ist ausser Stande das
Bein in der Extension aufzuheben, und steigt die Treppe leichter
herauf als herunter. Liegt er auf den Knieen, so vermag er nicht
sich ohne Beihiilfe in die llohe zu richten.
Nicht immer bleibt jedoch die Bleilahmung auf diese Muskel-
gruppen beschriinkt, sondern dehnt sich bei Vernachlassigung und
bei Fortdauer schadlicher Einfliisse im spatern Verlaufe auch auf
die gauze Extremitat einer oder beider Seiten aus, jedoch sind die
Beuger minder beeintrachtigt als die Strecker, daher die Ellenbogen-,
Hand- und Fingergelenke in einer massigen Flexion beharren, und
Vorderarm und Hand eine zwischen Pronation und Supination mitt-
lere Stellung einnehmen. Niemals zeigt sich Rigiditat der Muskeln,
eben so wenig Theilnahme der Sphincteren bei paraplektischer
Form. Oefters sind die gelahmten Muskeln Sitz einer vibrirenden
Bewegung, dagegen Zittern, wie bei der Quecksilber-Vergiftung,
nicht Yorkommt.
Karakteristisch ist die zur Paralyse sich hinzugesellende Atro-
phie der Muskeln und des sie umgebenden Zell- und Fettgewebes,
welche friiher, rascher und betrachtlicher eintritt als bei andern
BLEILAHMUNG.
763
Spinallahmungen , so class sie nicht als blosse Folge der Unthatig-
keit zu betrachten ist. Die Conture der Muskeln schwinden: die
hintre und aussre Flache cles Vorderarms, die Vordertlache cles
Oberschenkels, wo die Extensoren liegen, zehren ab, und bilden
dadurch einen Contrast rait den Reliefs der Flexoren. In hoherem
Grade zeigen sich Vertiefungen und Gruben, die von den gesunden
Nachbarmuskeln iiberragt werden. Zuletzt scheint das Muskelge-
webe ganz zu verschwinden , und lasst den Knochen mit seinen
Vorspriingen scharf hervortreten : so sielit man es am Deltoideus
(vicli ac demonstravi in nosocomio Deltoidis utroque in latere sic
evanuisse carnem, ut ejus loco nihil nisi membranaceum quid ta-
ctu perciperetur. Be Haen rat. med. T. X. p. 1 00), und an der
Wulstung des Daumens , welche auf einem Niveau mit der
Hohlhand ist.
Die Sensibilitat ist l)ei der Mehrzahl der Kranken erhalten: sie
empfinden den Mangel der Motilitiit als Gefiihl von Schwere, wie
von einem zumal an den Gelenken anhangenden Gewichte. Hebt
man den Arm auf und lasst ilm herunterfallen, so klagt der Kranke
fiber Schmerz in der Achselhbhle, in der Schulter. Oefters ist ein
Gefiihl von Kiilte lastig. In seltnen Fallen begleiten neuralgische
Schmerzen, in noch seltneren Haut-Aniisthesie.
Bei liingerer Dauer der Lahmung entsteht in Folge anhaltender
Contraction der Pronatoren und Beuger eine Wolbung des Hand-
riickens. Kleine, harte Geschwiilste bilden sich claim zuweilen auf
der Handwurzel und Mittclhand, cleren schon Be Haen unci Stoll
erwahnen, und welche falschlich fur Ansammlungen verdickter Sy-
novialfliissigkeit gehalten wurden. Nach Tanquercl’s Untersuchun-
gen am Leichname (1. c. p. 44. 139. 150.) sind es einzelne Mit-
telhand- odcr Handwurzel knochen , welche mit ihren hinteren Gc-
lenkllachen ubereinander gleiten, woran die Verlangerung und Er-
schlafFung der Bander Schuld sein mag.
Nur selten befallt diese Lahmung primar, gewohnlich nach oder
mit der Bleikolik, am haufigsten allmahlich nach Aufhoren der letz-
764
SPINALE LAIIMUNGEN.
tern, seltner simultan mit gleichzeitiger Steigerung und Nachlass
ihrer Zufalle, am seltensten plotzlich mitten im Verlaufe und mit
Unterbrechung der Kolik. Die Mehrzahl der Kranken hat vor
Eintritt der Paralyse nur einen, zwei, hochstens drei Kolikanfalle
iiberstanden , die sich keinesweges durch grossere Intensitat aus-
zeichnen. Viele bleiben befreiet von der letzteren, sobald sie an
Lahmung erkranken. Bei andern nimmt die unvollstandig gelieilte
Paralyse mit jedem neuen Anfalle der Kolik wieder zu.
Mit der Bleilahmung coexistiren andre Folgen dieser Vergiftung.
Unter ihnen nimmt Anaemie die wichtigste Stelle ein. Der blass-
gelbe Teint, die bleiche Erdfarbe der Haut, der schwache, trage
Herz- und Arterienpuls, odematbse Anschwellungen geben Zeugniss
davon, und Andral fand eine betrachtliche Abnahme der Blutkor-
percben, ohne Betheiligung der Fibrine und der andern Bestand-
theile des Blutes (Essai d’hematologie pathologique p. 52). Die
Reproduction ist gesunken: allgemeine Abmagerung und ein Zustand
von Marasmus machen sich bemerkbar.
Der Eintritt der Bleilahmung erfolgt meistens langsam, nacb
Vorboten von Schwache, Erstarrung, Unbeholfenheit und leichter
Efmiidung. Wo eine gauze Extremitat Sitz derselben ist, nimmt
sie gewohnlich einen absteigenden Lauf, am Oberarm oder Ober-
scbenkel beginnend. Die Dauer ist mehrentheils lang, otters auf
Jahre ausgedehnt, mit abwecbselnder Besserung uud Verschlimme-
rung. Zuweilen werden der Hjpo glossus, Vagus (recurrens), die
Nerven der Athemmuskeln in den Bereich der Paralyse gezo-
gen, und in letzterem Falle der todtliche Augang dadurcb be-
schleunigt, welcher unter andern Umstanden apoplektisch oder
durch Complication mit andern Krankheiten hei'beigeR'ibrt wer-
den kann.
Die von Andral ( Clinique * medicale T. II. p. 227), Gendrin
(traduct. des maladies de I’encepbale par Abercrombie 2. cblit. p.
5/0), und Tanquerel (1. c. p. 77. 144. 149) vorgenommenen
Unlersuchungen nach dem Tode, welcbe den Anforderungen an
BLEILAHMUNG.
765
Vollstandigkeit und Genauigkeit entsprechen, stimmen in dem Man-
,£el wahrnehmbarer Veranderungen in den centralen und peripheri-
schen Nervenapparaten iiberein. Nur in einem Falle wurde eine
Atrophie des Nerv. radialis und ulnaris, und bei zweiKranken eine
erhebliche Menge seroser Flussigkeit in der Schadel- und Wirbel-
hohle angetroffen. Dagegen bieten sich in den gelahmten Muskeln
folgende Befunde dar: Atrophie der ihrer primitiven Form verlusti-
gen Muskelfasern , gelblich - blasse oder weissliche Farbe, Miirbheit,
zuweilen Eintrocknung, wie Mumification , im Gegensatze zur Car-
nation und normalen Beschaffenheit der iibrigen Muskeln. Auch
Bleimoleciile sollen in neuerer Zeit bei der chemischen Analyse in
den gelahmten Extensoren gefunden worden sein ( Budd oil the
symmetry of disease in Medico - chirurg. transact. 1842, vol. XXV.
p. 114). Die Ligamente sind schlaffer, leichter zu zerreissen, die
Synovialfliissigkeit in geringer Quantitiit und von gelblicher Farbe,
die Gelenkenden der Handknochen haben ihr glattes glanzendes
Ansehen verloren.
Die bedingende Ursache dieser Lahmung ist das Blei, auf welche
Weise und auf welchen Wegen es auch im molecularen oxydirten
Zustande in das Blut gelangt sein mag: denn fur eine die motori-
schen Nerven in ihrer peripherischen Bahn unmittelbar paralysirende
Wirkung liegen keine gultigen Beweise vor: schon die Auswahl
der Streckmuskeln vor den Flexoren in der isolirten Fingerlahmung
bei Handhabung des Bleies von Schriftgiessern, Buchdruckern und
dcnen, welche Blciplatten walzen, spricht dagegen, so wie auch das
Vorkommcn von Lahmung nacli Bleivergiftung durch verfalschte
Weine, durch Wasscr und Getranke, die in bleiernen Gehissen auf-
bewahrt werden, selbst durch arzneilichcn Missbrauch des Plumb,
acet., und endlich die Theilnahme der Athem- und Zungen-
muskeln. Am haufigstcn giebt eine mit Bleistaub geschwangerte At-
mosphare Anlass, daher die Arbeiter in Bleiwcissfabriken der Para-
lyse am mcisten ausgesetzt sind, und nicht bloss auf die Menschen,
auch auf die dort befmdlichen Thiere dehnt sich t dieser Einlluss
766
SPINAJLE LAHMUNGEN.
aus. Die Pferde in der Muhle werden von Lungenpfeifen in Folge
von Lahmung des Vagus befallen, und nur durch die Tracheotomie
am Leben erhalten. Ratten in den Rleiweissfabriken lassen sich
wegen Lahmung der Hinterbeine leicht fangen und todten. Zu-
nachst der Frequenz nach leiden die mit Reiben des rothen und
weissen Oxyds mit Terpentin- und andern Oelen beschaftigten An-
streicher. Gelegentliche Einfliisse begunstigen die Entstehung dieser
Lahmung: Missbrauch spirituoser Getranke, geschlechtliche Aus-
schweifungen, Unreinlichkeit, Erkaltung.
Ausser dem Rlei giebt auch der Arsenik Anlass zu Lahmungen
(Vgl. Christison a treatise on poisons. 2. edit. p. 292). Schon
Broclie hat in seinen toxicologischen Versuchen an Thieren eine
halbe Stunde nach der Vergiftung Paraplegie beobachtet (Philoso-
phical transactions 1812. Part I. p. 212), wahrend Tanquerel (1. c.
p. 18) und Andern die gellissentliche Erzeugung der Bleilahmung
bei Thieren misslungen ist. Jedoch fehlen in den bisher bekannt
gewordenen Fallen die karakteristischen Merkmale der Paralysis sa-
turnina: die Lahmung hatte beide untre Extremitaten befallen (De
Helen ratio medendi T. IX. p. 240) oder auch in den Beugemus-
keln ihren Sitz, und war von Abnahme und Verlust der Sensibilitat
begleitet.
Giinstige Momente fur die Heilung sind: frische Entstehung, be-
schrankter Sitz, massiger Grad von Atrophie, jugendliches Alter,
kraltige Constitution, Friihling und Sommer.
Ohne Entziehung des schadlichen Gewerbes lasst sich weder
die bestehende Lahmung heilen, noch ihre Riickkehr verhuten.
Aufenthalt und Bewegung in freier, trockner, warmer Luft befor-
dern machtig die Cur, und sind schon fur sich im Stande geringre
Grade der Paralyse zu heben. Die des Vertrauens wiirdigsten
Mittel sind Nux vomica, Elektricitat, warme Bader. Das Strychnin
eignet sich sowohl zum innern, als endermatischen Gebrauch, wobei
auch die kleinern Dosen \ Gran mit Sorgfalt iiberwacht wer-
den mussen. Die erforderlichen Vesicatore werden auf und in die
BLEILAHMUNG.
767
Niihe der gelahmten Theile gelegt. Unter vierzig von Tanquerel
mit diesem Alcaloid behandelten Kranken waren nur vier, bei de-
nen der entschiedne Erfolg vermisst wurde. Die Dauer der Cur
betrug im Durchschnitt zwei Monate. Von der Elektricitat hatte
schon ihr eifrigster Lobredner, De Haen, das Urtheil gefallt, dass
sie in Verbindung mit andern Mitteln am wirksamsten sei: calculo
iterato subducto evictum est, virtutem electricam cum caeteris artis
praesidiis, quae solida fluidaque ad eandem aptent, paralysin expe-
ditius curare quam absque illis (I. c. p. 109). Beharrlichkeit ist
bei ihrem Gebrauche, in welcher Form es auch sei, als Elektro-
punctur, als Elektromagnetismus, das wichtigste Erforderniss. Un-
ter den Badern verdienen die Schwefelbiider den Vorzug, die kiinst-
lichen und in noch grosserm Maasse die natiirlichen. Oft zeigt
sicb nacb den ersten Badern ein schwarzlicher Niederschlag von
Bleisulphat an den Extremitaten. Auch trockne Frictionen und
Inunctionen mit 01. Terebinth, aether., mit Ung. nervin. sind zu
empfehlen. Nach Pemberton soli bei der Lahmung der Hande die
Cur durch Anlegen von Schienen an den Handtellern, an der
Beugeflache unterstiitzt werden. Die Heilung erfolgt bei Lah-
mung ganzer Gliedmaassen in absteigendem Laufe. Die Tha-
tigkeitder Haut wird rege und das Volumen der Muskeln stellt sich
wieder her.
Nicht immer ist es jedoch Bleivergiftung, die zu dieser beson-
dern Form der Lahmung Anlass giebt. Man beobachtet sie bei
Individuen, wo die genaueste Anamnese auch nicht den geringsten
Verdacht auf eiiien solchen Einfluss rechtfertigt. Nur beschrankt
sie sich nicht, noch betrilft sie alsdann vorzugsweise die Extensoren,
sondern nimmt auch in den Beugemuskeln ihren Sitz. Atrophie ist
ihr steter Begleiter, wahrend die Sensibilitat fast immer erhalten
768
SPINALE LAHMUNGEN.
ist. Bell hat das Verdienst der ersten Schilderung: ,,die Liihmung
befallt nicht Theile des Armes oder Fusses gleichmiissig, aucli breitet
sie sicli nicht an den Gliedern, weder auf- nocli abwarts aus, sondern
die Krankheit hat in jenen Muskeln ihren Sitz, deren Bewegungen
im natiirlichen Zustande associirt sind, wenn auch diese Muskeln
an verschiednen Stellen der Extremitat liegen und von verschiede-
nen Nerven und Arterien versorgt werden. Wo der Daumen z. B.
afficirt ist, beschrankt sich das Schwinden keineswegs auf dessen
kurze Muskeln, sondern verbreitet sich auch auf diejenigen Daumen-
muskeln, welche am Yorderarme liegen, obgleich die mit denselben
in der nachsten Beriihrung stehenden Muskeln des Armes vollkom-
men kraftvoll und voluminos sind“ (Physiol, und pathol. Untersu-
chungen des Nervensystems S. 362). Ein von diesem Meister be-
obachteter und in der nach seinem Tode erschienenen Ausgabe sei-
nes Werkes (The nervous system of the human body, with additions
3. edit. London 1844. p. 432) mitgetheilter Fall mag hier eine
Stelle finden: Am linken Vorderarme des vierzigjahrigen Kranken,
der fruher Kohlentrager war, sind die Flexoren der Hand und der
Finger, und die Muskeln des Daumens in betrachtlichem Maasse
atrophisch, die Strecker der Hand, der vier F'inger und die Supi-
natoren von normalem Umfange. Die den Ballen des Daumens
bildenden Muskeln zeigen sich dergestalt geschwunden, dass zwi-
schen den Mittelhandknochen eine starke Vertiefung sichtbar ist,
und die schlafife Flaut unmittelbar auf den Knochen aufliegt. Unter
den an der Aussendache des Vorderarmes gelegnen Muskeln, die
ilire gewohnlichen Dimensionen haben, zeichnen sich die drei Dau-
menstrecker durch Abmagerung aus, und stimmen hierin mit den
am Daumen selbst gelegnen Muskeln iiberein. Die Bewegung des
Daumens ist ganz erloschen, die Beugung des Handgelenks nur
sehr schwach, die Flexion der Finger ganz unmoglich, dagegen die
Slreckung ungehindert, wenn man vorher die Hand des Kranken
geschlossen hat. Auf der rechten Seite sind Schulterblatt und
Oberarm Sitz der Affection. Die prominenten Theile des erstern
SP1NALE LAHMUNGEN.
769
stehen so weit hervor, wie im letzten Stadium der Phthisis. Her
Trapezius, der Latissimus dorsi uud die andern Muskeln, die das
Schulterblatt mit dem Rumpfe yerbindeu, sind stark und fleischig:
allein der Supraspinatus, der Infraspinatus und der Deltoideus scliei-
nen ganz und gar geschwunden zu sein. Die Atrophie des Del-
toideus ist Schuld, dass das Acromion, der Processus coracoideus
und das Caput, humeri sich scharf unter der Ilaut zeichnen. Am
Oberarm ist der Biceps in seiner ganzen Lange ausserordentlich
abgemagert, und fiihlt sich wie ein diinner Strang von der Schul-
ter bis zum Ellenbogen an, wo die Ilaut schlaff gefaltet ist. Der
Triceps dagegen ist so voll und stark wie bei einem kraftigen
Mamie. Der Kranke ist ausser Stande den Arm in die Hohe zu
heben: nur durch eine Bewegung des ganzen Korpers vermag er
ihn zu schwingen. Eben so wenig kann er ihn im Ellenbogen-
gelenk flectiren, obgleich mit ganzer Kraft ausstrecken. Seine ge-
wohnliche Stellung verrath deutlich die betheiligten Muskeln. Der
rechte Arm liegt vor der Brust, getragen vom linken Vorderarm.
Auf diese Weise kann er die rechte Hand nach Belieben gebrau-
chen. Die Krankheit hatte drei Jahr zuvor mit einem Schmerz
von der linken Schulter bis zum Ellenbogen begonnen, den er dabei
mit aller Gewalt ausstrecken musste. Die Abmagerung der Dau-
menmuskeln war von einem bestandigen oft heftigen Schmerze be-
gleitet. Nach anderthalb Jaliren ting die rechte Schulter an zu
leiden, ebenfalls unter Schmerzen. Die iibrige Gesundheit war und
blieb ungestort.
Drei Fiille dieser Lahmung haben sich bisher meiner Beobach-
tung dargeboten. Der erste betraf einen funfzigjahrigen Kutscber,
dessen Krankheit mit der eben beschriebenen in alien Details iiber-
einstimmte, ausser dass die Lahmung dcs Vorderarms und der
Hand auf der rechten Seite, die Lahmung des Oberarms und der
Schulter auf der linken ihren Sitz hatte. Die Sensibilitat war voll-
kommen erhalten, die Atrophie aber zuletzt so vorgeschritten, dass
man nur Ilaut und Knochen, mit stark hervorspringenden Kandern
770
SPINALE LAHMUNGEN.
und Unebenheiten fuhlte. Die Haut war an den gelahmten Thei-
len niclit trocken und sprode, sondern weich und transpirirte , wie
beim gesunden Menschen. Der Tod erf'olgte zehn Jahr nacb Ein-
tritt der Paralyse an Lungenschwindsucht : leider ist die Section
verweigert worden. Der zweite Kranke, ein fremder 52jahriger
Kaufmann, der fruher an Haemorrhois und Podagra gelitten hatte,
wurde vor clrittehalb Jahren von heftigen Schmerzen in der linken
Schulter befallen, welche sich den Arm entlang nach der Hand
verbreiteten, wonach Zeige- und Mittelfinger ein stumpfes, taubes
Gefiihl behielten, obgleich die Haut der Finger sehr empfindlich
gegen Beriihrung blieb. Der gauze Arm verlor die friihere Kraft
und Brauchbarkeit. Im folgenden Jahre stellte sich wahrend des
Gebrauchs kalter Douchen ein Absterben in den Fingerspitzen der
rechten Hand und bald darauf eine grosse Schwache derselben ein.
Ein Jahr darauf wurde ein Schwinden in den linken Daumenmus-
keln sichtbar, und nach ein Paar Monaten auch in denen der rech-
ten Seite, ohne dass in diesem Arme neuralgische Schmerzen vor-
angegangen waren. Seit kurzem giebt sich eine schmerzhafte Em-
pfindlichkeit in der Plaut des rechten Schenkels kund. Die Sphinc-
teren sind im Besitze ihrer vollen Kraft. — Der dritte Fall
zeigt die Krankheit auf ihrer hochsten Stufe und Verbreitung
mit der Erscheinung der Oscillation der Muskelfasern. W. S.,
36 Jahr alt, Tafeldecker, fruher von kraftiger Gesundheit, be-
kam vor drei Jahren vibrirende Bewegungen in dem Ballen
der rechten Hand, wozu sich auffallende Schwache des Daumens
gesellte. Bald wurden auch die ubrigen Finger befallen, die
Schwache und Oscillationen der Muskeln breiteten sich liber den
Vorder- und Oberarm aus, erreichten dann auch die Brustmuskeln,
und setzten sich in den linken Arm fort, der bald in gleichem Zu-
stande wie der rechte sich befand. Yon Anfang an trat Abinage-
rung der befallnen Theile ein. Nach anderthalb Jahren suchte er
zuersl arztliche Hiilfe nach, allein alle bisher angewandten Mittel
waren nicht im Stande das Fdrtschreiten der Krankheit aufzuhal-
SPINALE LAIIMUNGEN.
771
ten. Im Marz 1845 ergab die im Poliklinicum angestellte Unter-
suchung Folgendes: beide obere Extremitaten sind gelahmt; der
Kranke kann sie nur dadurch heben, dass er zugleich den Rumpf
in der entsprechenden Richtung bewegt, so dass die Anne aufwarts
geschleudert werden. Vorderarm und Hand sind schwacher als
der Oberarm: ein Druck mit der Hand ist nicht mebr moglich.
Die Unbehulflichkeit des Kranken ist so gross, dass er sicli nicht
mehr ohne Hiilfe an- und auskleiden, ja kaurn allein essen kann.
Von Zeit zu Zeit, wohl zwanzigmal am Tage stellen sich schmerz-
Iose Contractionen des Mittelfingers der linken Hand ein. Seit einem
balben Jahre hat sich Schwache der untern Extremitaten hinzuge-
sellt, langes Stehen wird nicht mebr ertragen, der Gang ist scldep-
pend, und in der Nacht treten haufig krampfhafte Zusammenzie-
hungen in den Unterschenkeln ein, wodurch die Ferse in die Hohe
gezogen wird, denen der Kranke durch ein starkes Anstemmen der
Sohle gegen die Bettpfosten zu begegnen sucht. Die Atrophie des
Muskelgewebes zeigt sich am betrachtlichsten in den Muskeln der
Daumenballen, in den Flexoren und Extensoren dos Vorderarms
und der Finger, im Biceps, der einer dunnen Membran zu verglei-
chen ist, im Triceps brachii und Deltoideus, wodurch das Schulter-
gelenk wegen des Verlustes der Rundung fast die Form wie bei
einer Luxatio humeri hat, im Supraspinatus , im Serratus anticus
major. In einem geringern Grade ist die Atrophie in den Pectoral-
muskeln, Latissimus dorsi, Trapezius und Sternocleidomastoideus
vorhanden. Ueber einen grossen Theil der Korperllache sieht man
ein Oscilliren der Muskelbiindelchen verbreitet, welches durch den
Einlluss der kalten Luft nacb dem Auskleiden sehr gesteigert wird,
und auch dem Gefiihle des Kranken bemerkbar ist. Am starksten
ist es an den obern Extremitaten, in den Brust-, Nacken- und Riik-
kenmuskeln, schwach an den untern Gliedmaassen, sehr selten in den
Bauchmuskeln, ganz fehlend im Gesicbte. Seit einiger Zeit bat sich
dieses Vibriren auch in den Muskelbundeln der Zunge eingefunden,
wodurch Sprechen und Schlucken sehr erschwert werden, obgleich
Ho inli erg’s Tftrvenkrniikli. I. 3. 51
772
SPINALE LAFIMUNGEN.
die Zunge nach alien Richtungen hin noch frei beweglich ist. Die
Sensibilitat ist so rege, dass der Kranke das Kriechen einer Fliege
auf der Hand deutlich fiiblt. Auch ist die Gesundheit iibrigens
ungestort: Harn- und Darmausleerung normal, und die Fiihigkeit
zum Beischlafe erhalten. Gegenwartig hat sich Paraplegie und L;ih-
mung der Halsmuskeln ausgebildet, so dass der Kopl‘, wenn er
niclit gestiitzt wird, nach vorne iiberfallt.
Die Ursache bleibt oft verborgen. Weder Bell’s noch meine
Kranken hatten jemals Blei gehandhabt, auch waren sie frei von
alien andern Merkmalen der Bleivergiftung. In England soli diese
Lahmung offers bei Leuten vorkommen, die schwere Lasten auf
Riicken und Schultern tragen (Vgl. Cyclopaedia of practical medi-
cine. Art. Paralysis p. 251). Rheumatischer Anlass lasst sich zu-
weilen mit Gewissheit nachweisen. Tanquerel erzahlt den Fall
eines Schneiders, der an einem schattigen Orte von 4 — 10 Uhr
Abends seinen Rausch ausschlief und beim Erwachen von einer
Paralyse der Streckmuskeln der Hand und der Finger befallen war
(1. c. p. 70). Der zuvor erwahnte Ivaufmann hatte nach wieder-
holten Anfallen der Influenz eine ausserordentliche Empfindlichkeit
der Haut gegen die geringsten Veranderungen der Temperatur und
gegen atmospharische Einfliisse zuriickbehalten, und seit dieser Zeit
an einem belastigenden Gefuhle von Zittern und Vibriren in den
Muskeln gelitten. Der Tafeldecker hat den Anfang seiner Ivrank-
heit nach einer starken Erkiiltung beobachtet, als er seinen durch
Anstrengung stark schwitzenden Korper in einem feuchten Garten-
gewolbe abkiihlte. Einer von Bell’s Kranken hatte seinen von
Schweiss triefenden Arm in ein Fass mit kaltem Wasser getaucht
und eine Zeit darin gehalten: darauf stellte sich Zittern, spaterhin
Lahmung und Atrophie des Oberarms ein. Nach vorangegangnen
acuten, exanlhematischen Krankheiten ist der Eintritt dieser Paralyse
zuweilen beobachtet worden.
Die Prognose ist seln* ungunstig: in keinem einzigen der hisher
veroffentlichten Fiille ist durch die Behandlung (Elektricitat, Strych-
SPINALE LAHMUNGEN.
773
j min, indisches Shampoeen, Douche, Moxen, Haarseil, russische
Dampfbader etc.) eine Heilung oder nur ein Stillstand der Krank-
heit erzielt worden. Ob vielleicht von dem heharrlich fortgesetz-
ten Gebrauche von Gastein’s oder Wildbad’s Thermen einiger Erfolg
zu ervvarten ist?
—
51*
IX. Iifiliiiiiiiigen vom Ruckemnark als Centralapparat
abhangig.
Abnahme und Verlust sowohl der Reflexaction als 'der Erzeu-
gung des motorischen Agens sind die Quelle yon Immobilitat und
Lahmungen, deren Beurtheilung schvver, deren Geschichte noch un-
vollstandig ist und l’ortgesetzter Forschungen bedarf.
Reflexlaltmimg.
Wahrend fur die Deutung der Reflexkrampfe physiologische
Thatsachen yorliegen (S. 451 u. fg.), macht sich fur die Reflex-
paralysen ein Mangel derselben recht fiihlbar. Ausser dem Ein-
flusse der Durchschneidung des Quintus auf den Stillstand der Ge-
sichtsbewegungen (S. 216) und des Opticus auf die Unbeweglich-
keit und Erweiterung der Pupille (S. 235) sind bisher keine Ergeb-
nisse aus Experimental an lebenden Tbieren hervorgegangen. Um
so mehr musste mir daran liegen, durch pathologische Beobachtun-
gen die Lucke zu erganzen. Ich erinnre an die veranderte Statik
der Augenbewegungen in der Amaurose (S. 237), an die durch
Anasthesie des Hornerven bedingte Stummheit (S. 251), an die re-
flectorische Immobilitat der Gesichls-, Augen-, Athem-, Stimm- und
Blasenmuskeln. Allein nur zu oft ist die Statte des Mangels cen-
tripetaler Erregung verborgen, und wenn aucli die Diagnose der
Rellexparalyse durch die vorhandne Fahigkeit zur Bewegung auf
REFLEXLAIIMUNG .
775
psychischen Impuls erleichtert wird, so ist wiederum die Dauer
dieser Erregbarkeit beschrankt, weil je langer der Reflexeinfluss
auf den motorischen Apparat fehlt, um so schwacher auch dessen
lEmpfanglichkeit fiir die cerebrale Anregung wird, und andrerseits
die dem Riickenmarke als Centralorgan zukommende Mittheilbarkeit
seiner Zustande immer weitre Kreise um die ursprunglichen Scbran-
ken der Affection zielit. Am schwierigsten ist jedenfalls die Ermitt-
lung der versiegenden sensibeln Rellexquelle im Bereiche des Sym-
pathicus, dessen erregender Einfluss auf spinale Nerven mittelst des
Riickenmarks, sowohl durch Versuche an lebenden Thieren als
durch pathologisclie Erfahrungen erwiesen ist. Es entstehen zuckende
Bewegungen eines oder beider Hinterbeine, seltner der vordern Ex-
tremitaten, wenn man bei enthaupteten Froschen oder erstickten
Kaninchen ein Darmstiick, eine Stelle des Gekroses, der Harnblase,
des Eierstocks oder einen Intestinalnerven mit der Pincette fasst
( Valentin Lehrbuch der Physiol, des Menschen 2. Bd. S. 756).
Experimente von entgegengesetzter, paralysirender Wirkung diirften
kaum iiberzeugend wrerden, wenn man nicht ganze Organe aus
ihrem Nervenverbande herauslost. Von dieser Art sind die von
Comhaire, wenn auch in andrer Absicht, an den Nieren angestell-
ten Versuche. Die Exstirpation der Niere bei lebenden Hunden
zog sogleich eine lahmungsartige Schwache des Hinterbeins dersel-
ben Seite nacli sich. Bei dem blossen Einschnitte in die Haut und
Muskeln, ohne Herausnahme der Niere, fehlte diese Wirkung (Dis-
sertat. sur l’exstirpation des reins. Paris 1803). In krankhaften
Zustanden bei Menschen und Thieren bieten sich ahnliche Erschei-
nungen dar, welche man bislier von einem unmittelbaren Drucke
des Eingeweides auf die Nervengeflechte der Extremitaten herzu-
leiten gewolmt war, wenn auch weder Geschwulst noch Verhiirtung
als Anlass einer solchen Compression aufgefunden werden kann,
noch iiberhaupt ein Gellecht oder Nervenstamm in der Nahe vor-
handen ist, noch endlich fiber Schmerz in den gelahmten Theilen,
•welcher von der Zerrung sensibler Fasern in den spinalen Bahnen
776
SPINALE LAIIMUNGEN.
unzertrennlich ist, geklagt wircl. Ueberdiess geben die Versuche
von Comhaire einen schlagenden Gegenbeweis.
Die Anregung und Belebung der Motilitat durch die hygianen
Thatigkeiten unsrer Eingeweide ist noch gar nicht geniigend aner-
kannt, obgleich tagliche Erscheinungen, z. B. die Behendigkeit oder
Tragheit der Beine je nacli leichtem oder erschwertem Stuhlgange
darauf hinweisen. Und nicht nur findet ein im Allgemeinen erre-
gender und bethatigender Einfluss statt, sondern es stellt sich in
den paralytischen Zustanden, wie in den Reflexkrampfen (S. 290)
die Beziehung einzelner sensibler oder centripetaler Nerven zu be-
stimmten motorischen Bahnen heraus, welche nicht anders als durch
eigenthumliche Anordnungen im Centralapparate begriindet sein
karrn. Die Yermuthung, class das Ruckenmark auf ahnliche Weise
wie der Sympathicus, wie das Gehirn eine Mehrzahl besondrer
motorischer Centra in sich birgt, lag nahe. Volkmanns schdne
Entdeckung yon dem Nervencentrum cles Lymphherzens beim Frosche,
des vordern in der Herzgegend des dritten Wirbels, cles hintern
Lymphherzens in der Gegend des achten Wirbels dient dieser Con-
jectur zur Stutze (Vgl. dessen Nachweisung der Nervencentra, von
welchen die Bewegung der Lymph- und Blutgefassherzen ausgeht
in Muller's Archiv 1844. S. 419). Die Existenz ahnlicher Cen-
tralstatten fur die obern, fur die untern Rumpfglieder, und der
Zusammenhang derselben mit centripetalen Fasern von den ver-
schiednen Organen durfte die Topik der Reflexlahmungen auf eine
nicht zu gewagte Weise erlautern. Wie dem aber auch sei, fur
die Therapie verspricht die Vervollkommnung unsrer Kenntniss die-
ses pathologischen Gebiets lohnenden Erfolg: denn wir konnen es
nicht verhehlen, die Annahme einer primaren Erkrankung und
Desorganisation cles Riickenmarks , womit man bei jeglicher
Paraplegie so Ieicht bei der Hand ist, zeigt sich in den mei-
sten Fallen trostlos, fur den Kranken und fur den Arzt un-
fruchtbar.
REFLEXLAHMUNG.
777
Betrachten wir
I. Die <liu*cli Darmaffectionen eiit&telienrte
Reflexlalumin^.
Nicht bloss die Bleivergiftuiig giebt Anlass zur Kolik mit Be-
..Ieitiuig oder Nachfolge von Paralyse, auch unter andern Umstan-
len beobachtet man ein ahnliches Verhiiltniss. Anhaltende hart-
tackige Verstopfung ist mehrentheils vorhanden: dazu gesellen sich
on Zeit zu Zeit Anfalle von biliosem Erbrechen und heftigen
'ichmerzen im Unterleibe, welche durch den aussern Druck nicht
ermehrt werden. Nach ofterer Wiederbolung stellt sich Schwache
ler Motilitat in den Extremitaten ein, entweder in den untern oder
in den obern, einer oder beider Seiten, anfangs mit den Anfallen
wieder vorubergehend , spaterhin andauernd und zur Lahmung ge-
« teigert, zuweilen von Schmerzempfindungen, gewohnlich von Atro-
ohie begleitet. In horizontaler Lage sind die Kranken im Stande
d lie gelahmten Beine auf den Impuls des Widens zu bewegen, was
Uhnen bei aufrechter Stellung unmoglich ist. Anasthesie ist seiten
i orhanden. Die Sphinkteren agiren normal. Die Zufalle der Darm-
nffection kehren auch nach Eintritt der Paralyse ofters zuriick.
i'olgender von Graves beobacktete Fall diene zur Erlauterung:
„Ein drei und zwanzigjahriger kraftiger Mann, der Jagd und
IFischerei leidenschaftlich ergeben, wobei er sich oft der Durch-
rnssung der Fiisse aussetzte, litt seit mehreren Jahren an Yer-
dopfung, so dass er zu Zeiten in einer ganzen Woche keinen
•Stuhlgang hatte. Mit dem Anfang seiner Krankheit im Januar 1829
horte die Obstruction auf, und es gingen jedem Anfalle fliissige
Stiihle mit kneifenden Schmerzen und Vomituritionen voran, so wie
auch eine reichliche Ahsonderung fader, wiissriger Fliissigkeit in
der Mundhohle. Der Anfall selbst bestand in heftiger andauernder
Uebelkeit und Erbrechen alles Genossenen, zuerst von saurem,
dann bitterem Geschmacke und griiner, zuweilen blaulicher Farbe;
von dieser Fliissigkeit brack er drei bis Yier Quart den Tag fiber
778
SPINALE LAHMUNGEN.
aus. Auch klagte er iiber einen Schmerz in der Magengegend und
im untern Theil der Brust, welcher spaterhin in ein Gefiihl von
peinlicher Zusammenschnurung wie von einem fest zugezogenen
Stricke langs der Insertionen Vies Zwerchfells iiberging. Gegen
Ende des Anfaljs kam profuser Schweiss. Die Dauer war yier
bis funfTage. Nach sieben Monaten kehrte ein ahnlicher von kiir-
zerer Dauer zuriick: im Jahre 1830 wiederholte er sich dreimal.
Im folgenden Jahre offer, von langerer Dauer und stiirkrer Inten-
sity. Im Jahre 1832 traten in den Monaten Marz, Mai und Juni
Anfalle ein, welche von Erstarrung und Lahmung in den untern
Extremitaten begleitet waren, doch wichen diese sofort, als das
Erbrechen aufhorte. Im August 1832 dauerte der Anfall mit ste-
tem Erbrechen, Tag und Nacht, und zusammenpressendem Schmerze
fast einen Monat lang. Als er vom Krankenlager aufstand, fiel er
plotzlich um, an beiden Fiissen gelahmt. Die Paraplegie blieb nun
permanent, obschon sie nach dem Ende eines jeden Anfalls gebes-
sert war, so dass der Kranke sich mit Hulfe zweier Stocke auf-
recht halten konnte, allein sobald das Erbrechen zuriickkehrte, war
auch die Lahmung wieder vollstandig. Die Beine magerten auffal-
lend ab, und verloren Gefiihl und Warme. Heftige durchfahrende
Schmerzen fanden sich in verschiednen Theilen des Korpers ein
mit profusen Nachtschweissen und triibem wenigem Urin. Alle
Mittel, das Brechen in den Anfallen zu lindern waren vergebens.
Dagegen liorte es manchmal von selbst plotzlich auf, mid der
Kranke ass alsdann mit Behagen Dinge, die auch ein gesunder
Magen hatte schwer vertragen konnen: das jahe Umschlagen von
schrecklicher Uebelkeit und unaufhorliclier Vomiturition in Heiss-
hunger war autTallend. Die Untersuchung des Bauches ergab keine
fuhlbare Veranderung. Das Riickgrat war an keiner Stelle em-
pfindlich. Die Sphincteren der Blase und des Mastdarms behielten
bis zuletzt ihre Kraft bei. Endlich wurde das Erbrechen anhal-
tend, die Krafte sanken und der Tod erfolgte am 30. September
1833. — Die LeichenolThung wurde von einem in anatomischen
REFLEXLAHMUNG.
779
Jntersuchungen Bewanderten mit der grossten Genauigkeit und
Ausdauer — sie nahm vier Stunden in Anspruch — gemacht. Es
and sich iiicht die geringste Veranderung, weder im Gehirn noch
m Ruckenmark, noch in den grosseren Nervenstammen , weder
W erdickung noch Injection der Membranen, und eine yollkommne
ntegritat des Magens, des Darmkanals, der Leber und der andern
llriisigen Organe des Unterleibs. “ (A system of clinical medicine
n. 411).
Nicht immer werden nach den Kolikanfallen sammtliche Mus-
Leln der Extremitat gelahmt, sondern wie bei der Paralysis satur-
inina nur einzelne Gruppen, zumal die Extensoren der Hande und
FFinger mit schnell sich ausbildender Atrophie. In den genau be-
>ichriebnen Fallen (unter denen besonders zwei in den instructiven
i Collections from the unpublished medical writings of the late Ca-
leb Hillier Parry London 1825. Vol. I. p. 527 und 533 zu ver-
igleichen sind), ist ausdriicklich jeder Yerdacht auf Bleivergiftung
abgelehnt. Erkaltung und unmassiger Genuss des Weins und spi-
irituoser Getranke lassen sich zuweilen als Ursachen nachweisen:
iich erinnere mich eines solchen Falles bei einem unserer beriihm-
itesten yerstorbenen Schauspieler , wo Excessus in Baccho die Ver-
anlassung waren.
Ausser dieser DarmafFection , fiir die ich den Collectivnamen
Kolik beibehalten babe, weil ich, wie schon friiher erwahnt, die
Schmerzen und den antiperistaltischen Zug nicht als Ausdruck einer
Neuralgie oder Krampfes ansehe, sondern vielmehr als schmerz-
hafte Anstrengung der obern Darmpartie zur Ueberwaltigung des
durch Immobilitat und Paresis gesetzten Widerstandes , giebt es
noch andre Krankheiten des Darmkanals, welche ein Verhaltniss
mit Lahmung der Rumpfglieder eingehen. Dahin gehbrt die Darm-
entziindung sowohl bei Menschen, wovon Graves mehrere Falle
mittheilt (1. c. j>. 401), als bei Thieren, Pferden und Kiihen
(Journ. pratique de medec. v^terin. 1829. p. 549. Recueil de me-
dec. veterin. 1829 p. 350), wo auch nach geheilter Enteritis die
780
SPINALE LAHMUNGEN.
Paraplegie bis zum Tode zuriickbleibt , ohne sich bei der Section
durch irgend eine krankhafte Veranderung kundzugeben (Vgl. Dr.
Henoch’s Abhandlung iiber vergleichende Pathologie der Bewegungs-
Nervenkrankheiten der Menschen und der Hausthiere, in den Denk-
schriften des deutsclien Vereins fur Heilwissenschaft. 1. B. 1845.
S. 51.). Auch bei der Dysenterie ist das Vorkommen der Para-
lyse beobachtet worden (Tantum vero ad gradum doloris in abdo-
mine vehementia apud hos vel illos evehitur, ut ab eo non minus
ac in colica saturnina brachii aut pedis unius vel alterius paralysis
sequatur. Frank de curandis hominum morbis epitome. Lib. V.
P. II. p. 497.). Aus einer alteren Dissertation von Fabricius de
paralysi brachii unius et pedis alterius lateris dysentericis familiari.
Helmstad. 1750 in HciUeri disputationes ad morborum historiam
et curationem facientes, T. I. p. 104) entnehme ich folgende Schil-
derung : „ Accidit in aegrotis, qui dysenteria epidemica , et qualis ut
plurimum est, maligna grayius decubuerunt , convenientia vero re-
media evacuantia praesertim rhabarberina initio incurii vel omise-
runt, vel deinde tamen medicamenta adstringentia et opiata nimis
mature et larga dosi assumserunt, ut fluxus ille doloris plenus et
cruentus alvi quiclem cesset, et aegri ad qualemcunque ortkostadiam
redire et se colligere yideantur, simul vero immobilitate brachii in
uno, et pedis in opposito corporis latere corripiantur , cum quo
symptomate nonnunquam clolores artbritici satis acuti conjuncti sunt,
ut plurimum vero integra fere sentiendi facultas in illis eyanescit.
Hoc malum nunc in iisdem membris semel adfectis subsistit, nunc
vero alternatim illis relictis membra opposita occupat, et nisi conveni-
enti medela tractetur, in paralysin insanabilem frequenter terminatur.“
In der Behandlung dieser Labmungen wird man nur sehr sel-
ten auf einen entzundlichen Zustand des Darmkanals Bedacht zu
nebmen nothig haben, weil er gewohnlich, wo er vorhanden war,
schon erloschen ist und eine grosse Torpiditat hinterlassen hat.
Gegen diese ricbte man das Yerfahren, wie cs schon altre Aerzte
getlian haben, von denen man iiberhaupt in der feineren Kenntniss
REFLEXLAHMUNG.
781
arzneilichen Wirkungen am Krankenbette noch immer lernen
ann. Unter den Mitteln verdienen drei genannt zu werden, Colo-
ynthis, Gratiola, Helleborus niger, in vorsichtigen Gaben, urn zu
•izen, mit Vermeidung der drastischen Action (Tinctura Colocynth.
li 5 — 10 Tropfen, allein oder yersetzt mit der Tinct. Heilebori,
in gleichen Theilen, das Extr. Colocynth. zu \ — \ gr., das Extr.
iratiolae zu 1 — 4 Gran, dreimal taglich, in Pillenform, mit einem
leinen Zusatze der rad. Scill. zu % gr.). Bader, besonders in
en Mineralquellen von Marienbad, Wiesbaden, je nach dem erethi-
cchen oder torpiden Karakter des- Individuums, sind indicirt. Auch
Oarmbader mittelst Visceralklystire , die man mit erregenden Sub-
tanzen versetzen kann, linden bier ihre Stelle. Frictionen, Rei-
umg der Bauchdecken mid der Extremitaten durch fliegende Vesi-
atore etc., Erschiitterungen durch Elektricitat , Douche auf den
Bauch, Riickgrat, Extremitaten, der Gebrauch der Nux vomica
des Extr. spirituos. zu \ — 1 gr.) , lassen sich damit zweckmassig
• erbinden. Zu vermeiden sind Exutorien am Riickgrate.
II. Die von Aifectionen «lei» Havmverkzeuge
Von dem Einflusse der Verletzungen und Krankheiten des Riik-
v.enmarks auf Nieren und Blase war schon zuvor die Rede:
nier sei der Riickwirkung kranker Harnwerkzeuge auf das spinale
^entralorgan die Aufmerksamkeit zugewendet. In neuerer Zeit sind
on Stanley, Stokes und Graves Beobachtungen mitgetheilt wor-
llen, welche die Abhiingigkeit der Paraplegie von Nierenkrankheiten
oezeugen sollen, und wobei besonders auf die bei der Section vor-
gefundne Integritat des Riickenmarkes und Gehirnes grosses Ge-
,vicht gelegt wird. Der letztere Umstand wird jedoch, wenn nicht
die Untersuchung dieser Organe und. ihrer Hiillen von einem Ana-
omen vorliegt, noch immer Zweiller finden, und man wird sich
mf Falle berufen konnen, wo trolz der Existenz einer Nierenkrank-
782
SPINALE LAIIMUNGEN.
lieit und trotz der gesunden Beschaffenheit des Riickenmarks die
krankhafte Veranderiing in den Wirbelknochen , ja selbst nur in
den Ligamenten der Wirbelsaule (Vgl. Key on paraplegia depen-
ding on disease of the ligaments of the spine, in Guy’s Hospital
reports vol. III. p. 17 — 34) angetroffen wurde. Um so mehr muss
man nach andern Thatsachen sich umsehen, welche jenen Zusam-
menhang bezeugen. Der beweisenden Versuche des Dr. Comhaire
uber Hervorbringung der Paraplegie durch Exstirpation der Nieren
bei Ilunden ist zuvor Erwahnung geschehen. Eine ahnliche
Wirkung entsteht durch zu grosse Gaben diuretischer Mittel bei
Menschen und Thieren. Broclie erzahlt den Fall eines drei und
sechzigjahrigen Mamies, der aus Versehen ein Liniment mit bedeu-
tendem Gehalt yon Cantharidentinktur eingenommen hatte, und trotz
eines nach dreiviertel Stunden gereichten Brechmittels alsobald von
Lahmung beider untern Extremitaten und Ischurie befallen wurde.
In den ersten Paar Wochen musste der Urin zu bestimmten Stun-
den kiinstlich entleert werden. Spaterhin war der Kranke wieder
im Stande Harn zu lassen, allein von einem bestandigen Drange
geplagt. Nach Verlauf yon .yier Jahren hatte sich die Lahmung
so weit gebessert, dass er mit Hiilfe yon Kriicken gehen konnte,
allein die Harnbeschwerden dauerten fort; zuweilen bekam er einen
plotzlichen Drang und liess willkuhrlich eine geringe Quantitat; zu
andern Zeiten (loss der Urin ohne seinen Willen und Wissen ab.
Beim Catheterisiren fand Broclie die Blase leer. (Lectures on the
diseases of the urinary organs. 3. edit. p. 115.) Mehreren von
Pneumonie befallnen Pferden wurden innerhalb zwolf Stunden zwei
Unzen Cantharidensalbe in jede Brusthalfte eingerieben. Es erfolgte
darauf eine sehr vermehrte Diurese, heftiger Durst und bei drei
Pferden ein schwankender Gang, so dass sie nicht mehr auf den
Hinterbeinen stehen konnten, niederstiirzten und unbeweglich liegen
blieben (Magazin fur die gesammte Thierheilkunde, herausgegeben
von Gurlt und Hertwig. 3. B. S. 355). Die Veterinararzte haben
die Coincidenz der Paraplegie mit Nierenentzundunng und das gleicli-
REFLEXLAIIMUNG.
783
zeitige Aufhoren beider Krankheiten nach Anwendung antiphlogi-
stischer Mittel beobachtet (1. c. B. II. S. 108 und B. IV. S. 435).
Unter den Beobachtungen am Menschen haben diejenigen einen
kritischen Werth, wo die Krankheit yon den Harnwerkzeugen ihren
Ausgang nahm, z. B. nach Gonorrhoen. Dahin gehort der fiinfte
von Stanley mitgetheilte Fall eines zwei und zwanzigjahrigen Men-
schen, bei welchem in Folge eines durcli Einspritzungen gestopften
heftigen Trippers Iscliurie entstanden war, und mit ihr Lahmung
des Sphincter ani, und Abnahme der Motilitat in den Beinen. Der
Puls war von 120 Schlagen, schnell und hart, der Bauch gespannt,
ausgedehnt, schmerzhaft bei der Beruhrung, besonders in der regio
hypogastrica. Der Schmerz verbreitete sich aufwarts von der Blase
nach der linken Niere, dann quer durch nach der rechten. Die
Beine wurden auffallend welk, und vollstandig gelahmt: nur im
obern Theil der Oberschenkel war nocli einiges Gefiihl. Es stellte
sich Enuresis ein; der aus der Blase entleerte Urin war dunkel,
stinkend und mit Schleim vermischt. Unter Hinzutritt von Decu-
bitus, Trockenheit der Zunge und ganzlicher Harnverhaltung er-
folgte der Tod. Die Nieren waren voluminoser als gewohnlich,
von sehr weicher Consistenz und injicirter Beschaffenheit. Fine
Menge kleiner Eiterdepots fand sich in der Cortical- und Medullar-
substanz vor. Die Infundibula und Nierenbecken waren mit Eiter
und dickem zahem Schleim angefullt. Die Schleimhaut der Blase
war sehr gefassreich und zum Theil mit plastischer Lymphe be-
deckt. Gehirn und Riickenmark verhielten sich ganz normal. ( Stan-
ley on irritation of the spinal cord and its nerves in connection
with disease in the kidneys, in Medico-chirurgical transactions. 1833.
vol. XVIII. p. 260. Vgl. auch einen von Bright in Medical reports
Vol. II. P. I. p. 380 beschriebnen Fall). So wie bei diesen Kran-
ken die Harnblase mit afficirt war, so findet man sie in andern
Fallen ausschliesslich erkrankt (Stokes fiber die Heilung der innern
Krankheiten, deulsch bearbeitet von Behrend. 2. Aull. S. 213).
Im Veterinarian Vol. I. p. 81 ist die an einem Pferde gemachte
784
SPINALE LAHMUNGEN.
Beobachtung mitgetheilt, wo die Paraplegic von einer enormen durch
Blasensteine veranlassten Ausdehnung der Harnblase abhiingig war.
Zuweilen gesellt sich die Paraplegie zu Nierenkrankheiten kurz
vor dem Tode, ohne irgend eine Betheiligung der Hirnfunctionen,
so dass das in andern Fallen zu beschuldigende Moment der Blut-
entmischung nicht in Betracht kommen kann. Stanley fiihrt den Fall
eines dreissigjahrigen Mannes an, der an Gonorrhoe und Phimosis litt.
Die Entzundung hatte aufgehort, allein der Auslluss dauerte fort.
Plotzlich trat Paraplegie mit Verlust der Sensibilitat bis an den Na-
bel ein. Ein Paar Tage zuvor hatte der Kranke iiber Schmerzen
in der Lumbargegend geklagt. Der Urin (loss umvillkuhrlich in
grosser Menge ab, und drei Maass wurden noch mit dem Catheter
entleert. Sechzehn Stunden nach Eintritt der Lahmung erfolgte
der Tod plotzlich. In den Membranen und in der Substanz der
Lumbarportion des Riickenmarks fand sich eine schwache Injection
der Gefasse, so wie auch ein Paar Drachmen heller Flussigkeit in
der Wirbelhohle. Die Leber war vergrossert imd verhartet. Beide
Nieren waren mit Blut dergestalt angefiillt, dass sie fast schwarz
aussahen. Auch die Schleimhaut der Infundibula und Nierenbecken
war schwarz gefarbt. Die Haute der Ureteren und die Schleim-
membran der Blase waren blutreicher als gewohnlich. — Folgen-
der in der Gottinger Elinik beobachtete Fall, worauf ein talentvol-
ler und eifriger Zuhorer, Herr Dr. Muller mich aufmerksam ge-
macht und welchen vollstandig mir mitzutheilen Fuchs die Giite
hatte, diirfte vielleicht ebenfalls hierher gehoren.
G. K., ein 43 jahriger, friiher stets gesunder und kraftiger Mann,
litt seit einem Jahre an einer festen harten Geschwulst des linken
Hodens, welche allmahlich in Jahresfrist die Grbsse eines Kinds-
kopfes erreicht hatte. Der Saamenstrang nahm an der Geschwulst
und Harte Theil. Es fanden sich paroxysmenweise Schmerzen ein,
die vom Hoden zum Plexus renalis aufsliegen. Das AJlgemein-
befinden war gestort, die Zunge belegt, der Geschmack bitter, der
Stuhlgang trage. Trotz der narcotischen Mittel nahmen die
REFLEXLAHMUNG.
785
Gchmerzen immer mehr zu, besonders zur Nachtzeit, fixirten sich
n der Gegend der Nieren, und stiegen in’s Scrotum herab. Jetzt
vurde eine harte hockrige Geschwulst im linken Hypochondrium
lichtbar, welche beim Drucke sehr schmerzhaft, nicht yerschiebbar
,var, etwa zwei Zoll im Durchmesser hielt, und wegen des bei
oberflachlicher Percussion matten, bei tieferem Anschlage sonoren
ITons von der vordern Wand des Fundus ventriculi auszugehen
ochien. Auch in dieser Geschwulst, die rasch nach vorn wuchs
md sicb bald bis in den Scrobiculus cordis erstreckte, stellten
Mi'ch heftige, reissende und zusammenschniirende Schmerzen ein,
i lie gleichzeitig mit den vom Riicken ausstrahlenden eintraten, und
i oft mit grosser Angst, Athmungsnoth und allgemeinem Schweisse
tindeten. Das Gehen wurde immer beschwerlicher, weil jedes harte
Auftreten neue Schmerzensanfalle in beiden Hypochondrien veran-
I asste. Von Anfang August 1843 fesselten die Schmerzen und zu-
mehmende Schwache den Kranken hestandig an das Bett und mach-
en ihm selbst die geringste Bewegung des Rumpfes fast unmog-
ich. Die Schmerzen in der Hodengeschwulst hatten jetzt aufge-
lort. Am 16. August Morgens klagte der Kranke, er liabe seit
'Vlitternacht Kribbeln und Ameisenlaufen in den Fiissen gespurt,
lach und nach sei dies mehr nach oben gestiegen und jetzt seien
lie Beine wie eingeschlafen. Das Gefiihl in den untern Extremi-
:aten war nur schwach, die Bewegung etwas schwerlallig, aber
moglich. Abends waren die Beine des Gefiihls und der Bewegung
ganzlich verlustig, die Aniisthesie erstreckte sich fiber die Bauch-
lecken, bis zur Geschwulst und den falschen Rippen. Die Wiirme
war nicht vermindert und erhielt sich bis ziun Tode. Aller Schmerz,
der den Kranken so furchtbar marterte, war von jetzt an yer-
schwunden; nur Bewegung des Rumpfes, tiefes Einathmen und
Druck riefen ihn in der Magengegend, jedoch weit schwacher her-
vor. Kurz vor der Lahmung hatte sich Erbrechen eingefunden,
welches nach einiger Uebelkeit ein bis zweimal liiglich zuriickkehrte.
Der Appetit schwand, wiihrend Durst und Trockenheit im Munde
78 G
SPINALE LAPIMUNGEN.
und Oesophagus zunahmen. Die Excremente gingen unwillkiihrlieh
ab, der Urin musste taglich mehreremal durch den Catheter ent-
leert werden. An den Fussen stellte sich Oedem ein. Die Geistes-
krafte blieben ungestort. Die Stimme wurde matt und belegt, der
Athem langsam, oft aussetzend, in den letzten beiden Tagen wur-
den blutige Sputa ausgehustet. Einigemal fand sich Kribbeln in
den Armen ein. Der Tod erfolgte nach Eintritt der Paraplegie
durch Lungenlahmung. Die Section wurde funfzehn Stunden nach-
her vorgenommen. Die rechte Lunge war gesund, nur etwas mit
Blut iiberfullt, die linke Lunge war nach oben gedriickt, mit der
Pleura durch alte Adhasionen verwachsen, blutreich, nach unten
splenisirt. Der Herzbeutel enthielt ziemlich viel Fliissigkeit, das
Herz war vollig blutleer, sonst normal. Der aus seinen gefassrei-
chen Hauten herausgelosete linke Hoden zeigte sich als eine dege-
nerirte harte Masse von vier Zoll Lange, drei Zoll Breite. Der Ne-
benhoden war noch kenntlich, der Samenstrang verdickt. Ueber
dem Hoden hatte sich in der Tunica vagin. propr. eine Hydrocele
ausgebildet, die etwa sechs Unzen gelblicher Fliissigkeit enthielt.
Bei Eroffnung der Bauchhohle fiel sogieich die abnorme Lage der
Darme auf. Der Magen war so weit nach oben gedriickt, dass
nur sein Pylorus -Ende sichtbar war. Das Colon transversum hatte
die hintre Wand des Magens verlassen, lag unter diesem ganz frei,
nur durch das Mesocolon mit ihm verbunden. Die diinnen Ge-
darme waren nach rechts gedrangt. Die eingeliihrte Hand entdeckte
in der Tiefe des Bauches links von. der Wirbelsaule eine betracht-
liche Geschwulst. Nachdem der ausserordentlich vergrosserte, ganz
nach oben unter die Rippen gedrangte von Gas und schwarzer
Fliissigkeit erfiillte Magen und die ebenfalls sehr ausgedehnten Ge-
diirme, von denen das Colon adscendens nach links gedrangt und
mit der fungosen Masse verwachsen war, herausgehoben , zeigte
sich die Leber sehr gross, die Milz auffallend lang, aber weich,
die rechte Niere ziemlich gross, vends injicirt , die Harnblase sehr
gross, von Urin strotzend, mit verdickten Wandungen, das Pan-
REFLEXLAIIMUNG.
787
creas gesund, an der Geschwulst adharirend. Diese selbst erschieri
als helle, ziemlicli weiche Masse yon der Grosse eines Kindskopfes,
hing unten mit dem an vielen Stellen mit ahnlichen kleineren Mas-
sen durchselzten Saamenstrang zusammen, adharirte fest an der
'Wirbelsaule, scliloss in sicli die atrophische, blasse, linke Niere und
die Aorta abdominalis ein, und konnte nur schwierig von dem er-
sten bis vierten Lendenwirbel abgetrennt werden: die Wirbel selbst
waren weder rauh anzufiihlen nocli in ihrer Structur verandert.
Mit dem Meissel wurden hierauf die Korper von fiinf Lendenwir-
beln yon der Bauchhohle aus entfernt und so das Riickenmark
bloss gelegt, allein ausser unbedeutender Gefassinjection der Dura
mater und des Markes selbst nichts Krankhaftes gefunden. Die
Untersuchung des Hodens und der Geschwulst ergab Folgendes:
der mitten durchschnittne Hoden liess nirgends mehr seine ur-
spriingliche Structur erkennen und zeigte sich als ziemlich feste
Masse, die an einigen Stellen gelblich und fettig, an andern mehr
blutreich und hellrothlich erscbien, sich gleichmassig weich, nicht
kornig anfiihlte, und unter dem Mikroscop unregelmassige Zellen
mit kornigem Inhalt, von freien Fettropfen und ldeinen kornigen
Moleciilen umgeben, aber keine geschwanzte Korper selien liess.
Die gauze Masse wog etwa yierzehn Unzen. Die Geschwulst im
Bauche zeigte sich als wahres Encepbaloid, fuhlte sich weich an,
zerlloss beim Einschneiden zu einer hellrothen, weich und fettig an-
zufiihlenden Masse, ergab unter dem Mikroskop dieselben unregel-
massigen Zellen und Zellenkerne wie der Hoden und Zellgewebe
als Stroma der pathologischen Substanz.
Ich selbst habe langere Zeit einen 54jahrigen Mann bebandelt,
dessen Krankbeit mit Blutharnen hegann, wozu sich spaterhin Be-
klemmung, Schwache in den untern Extremitaten und heftiger reis-
sender Schmerz in den Brust- und Lendenwirbeln gesellte, wel-
cher durch iiussre Beriihrung nicht zunahm. In den letzten drei
Wochen hatte sich vollslandige Paraplegie ausgebildet, mit Blasen-
lahmung, und unter Soj>or, Delirien und Zuckungen, auch der ge-
Ro mb erg’s Ncrvenkrankh. T. 3. 52
788
SPINALE LAHMUNGEN.
lahmtcn Gliecler, erfolgte der Tod. Professor S chlemm hatte die
Gefiilligkeit Gehirn und Riickenmark zu untersuclien. Ausser einer
Incrustation einzelner Hirnarferien und wiissriger Ansammlung se-
roser Fliissigkeit in den Ilirnhohlen fand sich nicht die geringste
Abnormitat yor, eben so wenig wie in den Membranen und knb-
chernen Hiillen. Der linke Herzventrikel war hypertrophisch. Aus
Versehen unterblieb leider, da ich yerhindert war den Schluss der
Section abzuwarten, die Untersuchung der Nieren.
Endlich fiihre ich noch fur den Connex zwischen Krankheiten
der Harnwerkzeuge und Paraplegie das Argument ex juvantibus
an. In einem von Graves mitgetheilten Falle von Dysurie, Strictur
der Harnrohre und Paraplegie war die schon nach der ersten Ap-
plication einer Bougie erfolgende Besserung der Lahmung aufFallend :
warme Bader, Frictionen etc. vollendeten die Cur (A system of
clinical medicine p. 408). Die gegen paralytische Aflfectionen ge-
riihmten Wirkungen der Canthariden, des 01. Terebinthin. aeth.,
des Bals. Peruvian, durften nicht ohne Grund auf diese Kategorie
der Lahmungen bezogen werden.
III. Die von AfTectlonen der Deselileelitswerkzeiige
abliaiigige Keflexlaltniinig-.
Das weibliche Geschlecht bietet vorzugsweise Gelegenheit zum
Studium der mit krankhaften Zustanden der Genitalien zusammen-
hangenden Paralysen dar, die entweder von einem unmittelbaren
Drucke des ausgedehnten Uterus oder Eierstocks auf die Nerven-
geflechte der untern Extremitaten entstehen, und alsdann nur halb-
seitig, mit Storungen der Sensibilitat, sowohl Schmerzhaftigkeit als
Erstarrung und Unempfindlichkeit, verbunden sind*), oder durch
') Im Februar d. J. meldete sich in der Poliklinik eine 33j;ihrige Frau,
welche am 26. Januar von ihrem dritten Kinde, unter schwerer, zwolfStun-
den anhaltender Geburtsarheil, mit Hiilfe der Zange entbunden worden war.
Schon w'ahrend der Entbindung lilt sie an schmerzhaften Kriimpfen des
REFLEXLAHMUNG.
789
einen Reflexeinfluss auf das Ri'ickenmark bedingt, beide Korperhalf-
en in Anspruch nehmen. Veterinararzte haben das Zusammen-
ireffen der Paraplegie mit Metritis offers beobachtet. So liihrt
Gelle eilf Fiille yon acuter Metritis bei Kiihen an, welclie nach dem
Kalben entstanden war: bei alien zeigte sich Unfahigkeit des Be-
wegungsvermogens in den Hinterbeinen, mit ungestorter Sensibilitat
Journal pratique 1826). Sewell giebt den Sectionsbericht einer
nach dem Kalben von Paraplegie befallnen Kuh: intensive Entziin-
llung hatte im Uterus und in der Scheide statt (Veterinar. IV. 509).
Von llhen sind einige Falle von Metritis bei Pferden mitgetheilt,
welche von Unvermogen zu stehen und sich auf den Hinterbeinen
nufzurichten, begleitet war ( Nebel und Vix Zeitschrift fur die ges.
IThierheilkunde Bd. III). Bei Frauen hat Dr. Hunt (nach Stanley
.. c. p. 274) ahnliche Beobachtungen gemacht. Lis franc beschreibt
den Fall einer 36jahrigen Frau, die allmahlich von Paraplegie ohne
lAbnahme der Sensibilitat befallen worden war. Alle in der Vor-
niussetzung einer Krankheit des Riickenmarks angewandte Mittel
uvaren erfolglos geblieben. Da nahm Lisfranc die Exploration vor
mnd fand eine voluminose Anschwellung des Fundus uteri, welche
fast das Becken ausfiillte. Nach dem viermonatlichen Gebrauche
[lies Kali hydriod., der Jodeinreibungen , der Bader von Bareges
nken Beins, und klagte am nachsten und an den folgenden Tagen, nach-
liem sie das Belt verlassen halte, liber Mattigkeit, erschwerten Gang und
erminderles Gefuhl im linken Fusse. Die vorgenommne Untersuchung
rgab normales Hautgefuhl am linken Ober- und Unterschenkel, allein slum-
fes auf dem Fussriicken und in der Soble, so dass das Heriibergleiten
mit der Hand und das Auftreten auf den Fussboden nicht deutlich gefiihlt
vvurde. Die Abnahme der Molilitat verrielh sicb durch ein muhsames
Gachschleppen des Beines beim Geben und durch die schwierige Ausfiih-
ung aller Bewegungen. Die Yenen waren varicos angeschwollen. Pro-
ipsus uteri war nach der Entbindung zuriickgeblieben. Nach Darreichung
ines Purgirmitlels wurden Einreibungen mit 01. Terebinth., und der Ge-
nrauch des Extr. Nuc. vomic. spiriluos. verordnel, anfangs zu spaterhin
u einem Gran, dreimal t'aglich, mit so trefflichem Erfolge, dass am dritlen
larz die Kranke als genesen, mit vollkommner Herstellung der Motilitat
nd Sensibilitat entlassen wurde.
52*
700
SPINALE LAIIMUNGEN.
jialim die Geschwulst der Gebiirmutter wieder ab, und nacli zwei
Jahren war die Genesung vollstandig (Journal de I’anatomie, de la
physiolo-gie et de la pathologie du systeme nerveux. Paris 1843.
T. I. p. 154). Audi entsteht ofters im Wochenbette, selbst nacli
leichten Enttyndungen , ohne vorangehenden oder begleitenden
Schmerz, Lahmung der untern Extremitaten, welche von den Ge-
burtshelfern einer durch nichts erwiesenen Compression der Plex.
ischiadici, des Nervus obturatorius, zugeschrieben worden ist. Mil
mehr Recht diirfte eine unter diesen Umstanden, wie auch bei Ge-
schwiilsten in der Bauchhdhle, in Folge von Storung der Circulation
hervorgebrachte Ansammlung seroser Fliissigkeiten in der Wirbel-
hohle angenommen werden konnen, wenn die Bestatigung durch
den anatomischen Behind vorhanden ware. Aliein, dass es gar
nicht einer solchen Bedingung bedarf, davon gab mir unlangst ein
Fall von entgegengesetzter atroph(scher Beschaffenheit des Uterus
ein Beispiel. Eine 41jahrige Frau, deren Katamenien seit sechs Jah-
ren ausgeblieben waren, litt seit dieser Zeit ofters an Zuckungen der
untern Extremitaten, und seit neun Monaten an Abnahme der Mo-
tilitat, ofterm Zittern, und Gefuhl von Schwere in den Beinen. Das
Hautgefiihl war in den Fiissen stumpf, besonders in dem linken,
wo auch die Krankheit mit reissenden Schmerzen begonnen hat.
Harnverhaltung wechselt mit Enuresis ab, zumal in der Nacht.
Die obern Extremitaten sind im Besitze ihrer vollen Kraft. Die
Untersuchung der Wirbelsaule bietet nichts Abnonnes dar. Die von
Dr. Scholler mit seiner anerkannten Genauigkeit vorgenommene
Exploration ergab eine sehr verkiirzte Scheide und Mangel der
Portio vaginalis: nur die Queerspalte des Uterus ist am Scheiden-
gewblbe in der Richtung von vorn nacli hinten sichtbar. Der Mut-
termund ist sehr weicli: der Hals zeigt seine gewohnliche Harte.
Also eine vollstandige Biickbildung der Genitalien, wie bei einer
Greisin. Das von mir verordnete Alcaloid der Nux vomica, das
Strychnin, pur. (zu \ Gr. zweimal taglich) und Einreibungen der
Beine mit 01. Tereb. aeth. batten nach drei Wochen schon eine
REFLEXLAHMUNG.
791
giinstige Wirkuilg. Die Harnbeschwerden horten auf, und der
Gang zeigte eine aufFallende Besserung. Von Zeit zu Zeit musste
wegen toxischer Zufalle das Strychnin ausgesetzt werden. Die
Kranke befindet sich noch in der Behandlung.
In diesen Bereich gehoren auch die hysterischen Lahmun-
gen. Ich habe in der Schilderung der Hysterie, dieser yon Geni-
i talienreizung ausgehenden Reflexneurose, darauf aufmerksam gemacht,
dass in den Paroxysmen nicht bloss die plotzlichen Uebergiinge der
Convulsionen ihrem Sitze und Grade nach karakteristisch sind, son-
dern auch das jahe Umschlagen in den Contrast, der Sprung von
Excess der Beweglichkeit und Empfindlichkeit in Immobilitat und
Abstumpfung, von profuser Absondrung in unterdruckte (S. 457).
Diese Reflexunthatigkeit und ihr paralytischer Ausdruck sind ent-
weder voriibergehend, periodiscb, oder dauern langre Zeit an. Im
erstern Falle zeigt sich die Paralyse in oder nach dem Anfalle, in
verschiedner Form, als Paraplegie, Hemiplegie, Lahmung einzelner
Glieder, der Hand, des Fusses, der Zunge, des Kehlkopfes, der
Harnblase, dieselbe Form beibehaltend oder verandernd, mit Erstar-
rung, Anasthesie, Formication, und yon kurzer Dauer. Diese Lah-
mung hat viel Aehnlichkeit mit der nach epileptischen Paroxysmen
vorkommenden (S. 526), und in BetretT ihres zeitlichen Yerhaltnisses
mit der Paralysis intermittens, wovon ich folgenden mir vorgekom-
menen Fall seiner Seltenheit wegen mittheile.
Im Monat April 1830 wurde ich zu einer vier und sechzigjah-
rigen Frau gerufen, die, nachdem sie den Tag vorher noch wohl
gewcsen, plotzlich von einer Lahmung der untern Extremitaten mit
unwiUkiihrlichem Abgange des Urins und der Excremente befallen
worden war. Aus dem Bette gehoben vermochte sie weder allein
zu stehen, noch einige Schritte zu gehen, sondern sank sogleich
zusammen. Die Sensibilitat war unverletzt, das Bewusstsein frei,
die Temperatur kiihl, der Puls von 80 Schliigen, klein und leer,
der Athem normal; keine Klage Fiber Scbmerzen im Riickgrat.
Ausser Stande eine bcstimmte vorhergegangne Ursache zu ermitteln,
792
SPINALE LAHMUNGEN.
verordnete ich die Application von sechszehn Schropfkopfen langs
der Wirbelsaule, ein Vesicatorium in der Lumbargegend, und zum
innern Gebrauche einen Arnicaaufguss mit Liq. ammon. vinos., gab
aber den Verwandten die grosse Gefahr und Wahrscheinlichkeit des
todtlichen Ausganges zu erkennen. Am andern Tage war ich von
der Veranderung des Zustandes iiberrascht; die Kranke kam mir,
gefuhrt von ihrer Tochter, entgegen, klagte nur noch iiber Schwiiche
in den Beinen, und konnte den Urin wieder willkiihrlich lassen.
Stuhlgang war noch nicht erfolgt. Allein der niichste Morgen triibte
meine Freude iiber die schnelle. Wirksamkeit der angewandten Mit-
tel; alle Symptome waren in derselben Stunde wieder eingetreten,
wie zwei Tage zuvor. Der Karakter der Lahmung stellte sich jetzt
deutlich heraus, und die zur Zeit vorwaltende Herrschaft der inter-
mittirenden Fieber gab der Diagnose noch mehr Halt. Jedoch, um
jeder Tauschung zu entgehen, wartete ich den dritten Paroxysmus
ab, der sich auch zur bestimmten Zeit, doch ohne Lahmung der
Sphincteren der Blase und des Mastdarms, einstellte. Sofort verord-
nete ich Chinin. sulph. zu drei Gran alle 2 Stunden, und liess, nach-
dem die Anfalle zweimal weggeblieben, die China in Substanz meh-
rere Wochen fortgebrauchen. Die Frau, welche ich spaterhin an einer
andern Krankheit behandelt habe, hat seitdem weder an Schwache
der Beine, noch sonst an einer paralytischen Affection gelitten.
In andern Fallen ist die hysterische Lahmung permanent, ein
Ersatz gleichsam fur die iibrigen Zufalle dieser Krankheit, welche
wahrend ihrer Dauer pausiren. Das eigenthiimliche psychische Yer-
hiiltniss (S'. 459) ist auch hier bcmerkenswerth: Willensschwache
bis zur ganzlichen Willenslosigkeit, Mangel an geistigem Widerstande,
Hingeben und Ueberwaltigung. Dieser Zug tritt so karakteristisch
hervor, dass er einen genauen Beobachter zur Behauptung verleitet
hat, dass in der hysterischen Paralyse die Muskeln nicht unfahig
sind, dem Impulse des Widens Folge zu leisten, sondern wegen
mangelnder Uebung der Willenskraft immobil sind ( Brodie lectures
illustrative of certain local nervous affections, p. 48). Auch giebt
REFLEXLAHMUNG.
793
es keine andre Lahmung, auf deren Beseitigung psychische Ein-
driicke eine so entschiedene Wirkung haben, Glauben und Aber-
glauben, Freude und Schreck. Doch auch spontan tritt, wie es oft
bei hysterischen Affectionen der Fall ist, und plotzlich ein solcher
giinstiger Wendepunct ein, der alsdann ohne weitre Kritik unschul-
digen Dingen, z. B. homoopathischen Mitteln, zugeschrieben wird.
Ueberhaupt ist fur Krai ike und Arzt der prognostische Stand die-
ser Lahmung beruhigend; selbst bei langrer Dauer leidet die Er-
nahrung nicht, und die Spliincteren erhalten sich in ihrer Kraft.
Dessen sei man in der Behandlurg eingedenk: zuviel schadet, stiir-
misches und angreifendes Verfahren (Moxen, Exutorien etc.) ist
verderblicb. In BetrefF der psychischen Cur berufe ich mich auf
das S. 471 Mitgetheilte. Erregung der peripherischen Nerven mit-
telst Frictionen, Vaginaleinspritzungen excitirender StofFe, aromati-
scher Aufgiisse, Suppositorien von Castoreum etc. (S. 468) ist an-
gemessen. Die Praparate der Nux vomica eignen sich, wie iiberhaupt
fur Reilexlahmungen, so auch fur die hysterische. Die Thermalbader
von Ems, in hoherer oder niedrigerer Temperatur, je nach dem
Grade der Erregbarkeit der Kranken, nebst dem Gebrauche der
aufsteigenden Douche sind vorzugsweise zu empfehlen. Ich habe
eine Hysterische behandelt, welche anderthalb Jalire lang paraplektisch
gewesen und in Ems unter der trefflichen Behandlung des verewig-
ten Diel binnen kurzer Zeit vollkommen wieder hergestellt worden
ist. Bei Ananiie sind die eisenhaltigen Bader indicirt : Bruch sah
in keinem Symptome der Hysterie die Driburger Cur von so wun-
derbarer Wirkung als in den hysterischen Lahmungen der untern
Extremitaten (Vgl. dessen treftliche Schrift: das Bad Driburg in
seinen Heilwirkungen dargestellt. 1844. S. 94; seines Vorgiingers
Brandis, Erfahrmigen fiber die Wirkung der Eisenmittel im A1I-
gemeinen und des Driburger Wassers insbesondre. 1803. S. 150 —
172, und Lcnlins Geschichte der Eisengranulirbader am Harze, in
dessen Beitriigen zur ausiibenden Arzneiwissenschaft 1. Bd. 2. Aufl.
S. 71).
Das Riickenmark ist als Centralapparat nicht nur Vermittler
gegenseitiger Uebertragung der Reize, sondern auch Quelle des
Nervenagens, des Princips motorischer uud sensibler Spannung, wo-
durch Fortdauer und Kraft der Bewegung und Empfmdung gesi-
chert, und eine allgemeine Anregung fiir die Gesammtheit der Or-
gane gegeben wird. Die Abnahme in der Production dieses A gens
ist es, welche die mit deni Namen
T abes il ors ualin
bezeichnete Krankheit bedingt.
Das friihste Merkmal ist Verringerung motorischer Kraft in den
Muskeln, zuerst und vorzugsweise der untern Extremitaten, welche
sich zuweilen Anfangs in einem Beine mehr ausspricht als in dem
andern, im weitern Verlaufe aber beide zum Sitze nimmt. Der
Kranke klagt uber Schwache und Unfahigkeit der Ausdauer bei Be-
wegungen und Steliungen. Lasst man ihn irgend eine Action vor-
nehmen, die einen grossern Aufwand motorischer Kraft erfordert,
z. B. gebiickt oder auf einem Fusse stehen, so ermattet er also-
bald: der geiibte Reiter vermag nicht mehr so lange wie sonst seine
Beine dem Pferde anzuschliessen. Friihzeitig offenbart sich auch eine
Abstumpfung der Tastempfindung und des Muskelgefiihls, wahrend die
Sensibilitat der Haul in BetretF der Temperatur und schmerzerre-
gender Eindriicke nicht verringert ist. Beim Stehen und Gehen, so
wie auch im Liegen sind die Fusse erstarrt, haben die Empfindung
des Pelzigseins: der Widerstand des Fussbodens wird nicht mehr
TABES DORSUALIS.
795
■eutlich gefiihlt, seine Cohasion erscheint schwiicher, es ist, als ob
ie Sohle auf Wolle, weichem Sande, oder einer mit Wasser ge-
illten Blase stelie. Der *Reiter fiiklt nicht mehr die Resistenz des
“teigbiigels und lasst ikn kiirzer schnallen. Unsicherheit im Gange
iacht sick bemerkbar, welche der Kranke durch verstarkten Wil-
l insimpuls zu verbessern sucht; indem er seinen Tritt nicht mehr
3st fiihlt, stemmt er die Fersen mit grossrer Kraft auf. Yon An-
mg an muss er aber seine Bewegungen sehen konnen, wenn sie
uicht noch unsichrer sein sollen (Ygl. S. 228). Lasst man ihn in
i ufrechter Stellung die Augen schliessen , so fangt er sofort an zu
>' chwanken imd zu taumeln, so wie auck, wenn es finster um ihn
^t, grossre Unsicherheit im Stehen und Gehen sich verriith. Auf
ilieses pathognomonische Merkmal — denn es zeigt sich nach mei-
ner Beobachtung weder bei andern Lahmungen noch in der von
Complication freien Amaurose — habe ich schon yor zehn Jahren
nufmerksam gemacht und es seitdem in der nicht unbetrachtlichen
?£ahl solcher Kranken, die aus der Nahe und Feme sich bei mir
melden, bei keinem einzigen vermisst. Einzelne machen selbst dar-
uuf aufmerksam, ohne dass man darnach fragt: ein Fremder, dessen
'Sehkraft noch ungestort war, erzahlte mir, dass es ihm jetzt un-
noglich sei, sich des Morgens in seiner dunklen Schlafstube auf-
'echt zu waschen, er miisse, wenn er nicht umzusinken fiirchten
>?olle, in einem hellen Zimmer seine Toilette vornehmen. Ein andrer,
ler im Winter um sechs Uhr Morgens an sein Geschaft gehen
musste, klagte, dass er eines Begleiters bedurfe, der ihn im Hause
und. auf der Strasse stutze, was bei hellem Tage nicht nothwendig
•sei. Abgesehen von dieser Eigenthiimlichkeit findet noch ein Unter-
•schied in den Bewegungen selbst statt: beschrankte und gleichsam
.gezwungne werden schwerer und ungeschickter ausgefiihrt als solche,
wo der Kranke seiner Willkuhr die Ziigel lassen kann: langsamen
.gemessncn Schrittes in einer bestimmten Richtung zu gehen iiillt
ihm weit schwerer als in belicbiger Richtung seine Fusse zu ge-
brauchen, das Aufstehen vom Stuhl und das Aufsteigen einer Treppe
79G
SPIN ALE LAHMUNGEN.
schwerer als das Niedersetzen und Heruntergehen, das Umdrehen
des Korpers beim Gehen am schwersten. Nacli Iiingrer Ruhe isi
Stehen und Gehen miihsamer und unsidirer als in eingeleitetein
Zuge. Die Abnahme der Muskelkraft giebt sich auch in den mit
Sphincteren versehnen Organen kund, besonders in der Harnblase.
Der Drang zum Uriniren kommt im Anfange liaufiger, und kann
niclit schnell genug befriedigt werden, so dass schon ehe das Ge-
rath zur Hand ist, Tropfen abgeflossen sind: im Schlafe hat nicht
selten Enuresis slatt. Der Strahl des Urins fliesst nicht mehr wie
friiher im Bogen, sondern mehr senkrecht: auch wird die Blase
nicht ganz entleert. Verstopfung ist fast immer vorhanden; der
Kranke fiihlt, dass er nicht mehr so stark und anhaltend wie sonst
pressen konne. Schmerzhafte Empfindungen verschiedner Art sind
fast stete Begleiter, am haufigsten ein Geliihl yon Zusammenschnii-
rung, welches yon den Dorsal- oder Lumbarwirbeln ausgeht, den
Leib wie mit einem Reife umgiirtet, und nicht selten den Athem
erschwert. Mehrere Kranke schilderten mir dieses Gefuhl besonders
im Schlafe als sehr lastig, wobei sie plotzlich in die Hohe fallen
und aufschreien miissten. Andre ldagen iiber einen pressenden
Druck im Mastdarm und nach der Blase, noch andre iiber Kolik-
schmerzen, Magenschmerzen, die meisten iiber blitzahnliche durchfah-
rende Schmerzen in denBeinen, iiber Prikkeln, Jucken, Brennen, Kalte
in der Haut, nicht bloss der untern, sondern auch der obern Extre-
mitaten, des Rumples : nur das Gesicht bleibt ausgenommen. Am sel-
tensten ist Formication im Riicken. Unter diesen Zufallen, die im An-
fange bfters unbeachtet bleiben, geht liingre Zeit bin. Dann yermehrt
sich die Motilitatsschwiiche in den Beinen zusehends. Der Kranke ist
genothigt wegen drohenden Vcrlustes des Gleichgewichls die Fiisse
auswiirts zu stellen, einen breitbeinigen Gang anzunehmen, die Hak-
kcn so lange als moglich auf dem Fussbodcn verweilen zu lassen,
die Kniee nach hinten auszubiegen — willkiihrlich yermag er
zwar noch sich anzutreiben (ein Kranker driicktc sich gegen mich
aus: er miisse jelzt an jede seiner Bewegungen denken) und auf
TABES DORSUALIS.
797
er Strasse umher zu schwanken, fiihlt sich aber ungliicklich, sobalcl
r durch irgend ein Hinderniss aufgehalten plotzlich stillstehen soli ;
Las ist er nicht im Stande, sondern muss sofort sich irgendwo an-
! ihnen. Bald reicht die eigne Kraft nicht mehr hin ihn fortzutra-
. ;en und die Stiitze eines andern wird nothig. Noch dringender
tellt sich das Bediirfniss des Sehvermogens heraus: bei geschloss-
en Augen ist selbst in sitzender Stellung ein Schwanken bemerk-
iar — in einem Falle sah ich, so oft der Versuch angestellt
twurde, den Kranken unfahig sich aufrecht zu halten, und vom
"ituhle heruntergleiten — in horizon taler Lage vermag der
Kranke nicht mehr die Stellung seiner eignen Glieder zu erkennen,
licht zu unterscheiden ob der rechte Fuss liber dem linken liegt
>der umgekehrt. Ein fremder Kranker erzahlte mir, dass er beim
desuche des Diorama yon dem Augenblicke, als er aus dem hellen
in den finstern Raum gefuhrt wurde, auch nicht die geringste Fm-
ofindung von seinem Fortsehreiten gehabt habe. Um so trauriger
wird das Schicksal dieser Ungliick lichen dadurch, dass sich sehr oft
Amblyopie hinzugesellt, die in seltneren Fallen schon den Anfang
Her Krankheit begleitet. Auch wo der Opticus nicht Theil nimmt,
latte ich Gelegenheit bei mehreren Kranken eine Veranderung der
coupiIle wahrzunehmen, in beiden Augen oder nur in einem, und
i^war eine Verengerung mit Unbewegiichkeit, welche bei einem
H5jahrigen Manne so zunahm, dass die Pupillen auf die Grosse
?ines Stecknadelknopfes reducirt wurden. In einem Falle trat, ohne
Complication mit Hirnleiden , ein Schielen nach innen ein,
.vvobei der Kranke willkuhrlich das Auge nach Aussen richten
vmnnte. Beim weitern Fortsehreiten der Krankheit breitet
iich die Abnahme der Kraft auch auf die obern Rumpfglie-
ler aus, ohne jedoch hier einen solchen Grad zu erreichen wie in
lien untern. Die Lahmung des Sphincter yesicae wird vollstandig.
Die Fahigkeit zu Erectionen und die mannliche Potenz erlischt. Die
Hntellectualitat dieser Kranken bleibt in der Regel ungestort: die
meisten klagen nicht viel, und haben die Neigung ihren Zustand,
798
SPINALE LAHMUNGEN.
])esonders clem Arzte gegenuber, in einem giinsligern Lichte dar-
zustellen, ja selbst, wenn sie dem gebildetern Stande angehoren,
ihre Schwache der Motilitat vor andern zu verbergen, um jeden
Verdacbt auf die beim Publikum iibel angeschriebne Riickendarre
von sich abzuwenden. Die Nutrition leidet nicht in gleichem Maasse
wie die motorische und sensible Kraft. Solche Kranke konnen selbst
noch langre Zeit ihr Embonpoint beibehalten, so class in dieser Be-
ziehung der Name Tabes nicht gerechtfertigt ist. Im spatern Ver-
laufe wircl das Fleisch schlaff und atrophisch , zumal an den Nates,
den Beinen und dem Riicken. In der letzten Zeit encllich ist es
clem Kranken ganz umuoglich sich aufrecht zu halten oder fortzu-
bewegen: clessenungeachtet dauert die Fahigkeit fort, bei gestiitzter
Lage des Rumpfes willkiihrliche Bewegungen mit den Fiissen aus-
zufuhren. Enuresis wechselt mit Ischurie: die Excremente gehen
imwillkuhrlich ab. Unter Hinzutritt brandigen Decubitus am Rreuz-
bein und an den Trochanteren mit Begleitung von Fieberbewegun-
gen erfolgt der Tod.
Die Dauer der Tabes dorsualis ist chronisch, auf mehrere, selbst
zebu, fiuifzehn Jahre ausgedehnt, und nur durch Complication mit
schneller zum Tocle fiihrenden Krankheiten, besonders Phthisis pul-
monalis und intestinalis, abgekiirzt. Auch konnen intercurrente
Krankheiten den Verlauf beschleunigen.
Die Ergebnisse der Leichenoffnungen stimmen trotz ihrer Man-
nigfaltigkeit grosstentheils in clem Befunde partieller Atrophie des
Riickenmarkes iiberein, welche haufiger in clem untern Theile, von
der Lumbaranschwellung an, und in den von dort abtretenden Ner-
venstrangen ihren Sitz hat. Die Volumsabnahme, zum Bel rage der
I lalfte oder Zweiclrittheils eines gesunden Riickenmarkes, dessen
Vergleichung, wo moglich im frischen Zustande, iiberhaupt fur die
grossre Genauigkeit der Untersuchung erforderlich ist, betriflt ent-
weder die graue und weisse Substanz oder nur eine von beiden.
IVI ikroskopische Untersuchungen des atrophischen Theils fehlen noch
zur Zeil. Das Schwinden des Nerveninhalts in den Strangen der
TABES DORSUALIS.
799
Cauda equina ist oft beobachtet worden, bis zu einem solchen
Grade, dass nur leere Hiilsen dcs Neurilemms zuriickgeblieben zu
sein schienen. Audi die Wurzeln holier inserirter Nerven nehmen
an der Atrophie Theil und, was you besonderm Interesse ist, die
hintern sensibeln Wurzeln zuweilen ausschliesslich, zugleidi mit den
hintern Strangen des Riickenmarks, wahrend die vordern motorischen
dem Ansehen nach unverandert erhalten waren. Iliervon sab ich ein
auffallendes Beispiel bei einem zwei und funfzigjahrigen Arzte einer
Provinzialstadt, welcher nach heftigen Gemuthsaffecten und starken
Erkaltungen auf seinen Berufsreisen im vierzigsten Jahre von Pa-
resis der untern Extremitaten und Amblyopie befallen, auf des ver-
ewigten Rust’s und meinen Rath eine Trink- und Badecur in Ma-
rienbad gebrauchte, jedoch ohne alien Erfolg: die Amblyopie ging
in yollstandige Amaurose fiber, und die Ausbildung der Tabes dor-
sualis fand trotz aller andern Mittel ungehindert statt. In den spa-
tern Jahren babe ich den Kranken nicht gesehen, allein in Erfah-
rung gebracht, dass die Sensibilitat der Haut bis kurze Zeit vor
dem Tode sich erhalten haben soli, und die Temperaturunterschiede
richtig gefiiblt wurden. Bei der von Froriep gemachten Section
war ich zugegen und nicht wenig erstaunt die Atrophie — das
Riickenmark betrug nur \ vom Volumen eines damit verglichnen
frischen Ruckenmarkes von einem Manne desselben Alters — auf
den untern Theil der hintern Strange und Nervenwurzeln beschrankt
zu sehen. Die Marksubstanz der. erstern war fast ganz geschwun-
den, so dass sie wie durchsichtig von graugelber Farbe erschienen. Die
hintern Wurzeln waren des Nervenmarkes verlustig, und hatten ein
wiissriges Ansehen. Yon der Mitte der Dorsalnerven ging die Atrophie
allmahlich nach oben in die gesunde Beschaffenheit fiber. Die vor-
dern Strange und Nervenwurzeln boten nichts Abnormes dar. In
einem andern Falle von Tabes dorsualis hatte Froriep dasselbe zu
beobachten Gelegenheit. Wo Amaurose vorhanden war, findet
sich fast immer Atrophie der Selmervcn, des Chiasma und der Tra-
ctus optici: auch die Sehnervenhiigel, einer oder beide, sind ent-
800
SPINALE LAIIMUNGEN.
weder geschwunden oder zeigen Veranderungen ihres Gefiiges und
ihrer Farbe. Die andern bei der Tabes dorsualis vorgefundnen
Veranderungen des Ri'ickenmarks sind verschieden: zuweilen leder-
artige Verdichtung der weissen Substanz, haufiger Erweichung der
erauen Substanz. So fand ich im J. 1832 bei einem zwei und
vierzigjahrigen Manne, den ich drei Jahre an der Tabes dorsualis
behandelt hatte, den Lumbar-, den Cer vicaltheil und ein Stiick
des Dorsaltheils von beinah fliissiger Weichheit und von einer
Menge weisser Longitudinalfasern durchsetzt, als zoge sich eine
feine Cauda equina durch das Riickenmark hindurch. Auch die
Membranen sind selten in ihrer Integritat. Die Arachnoidea ist
verdickt, mit Enorpel- oder Knochenplattchen besetzt und enthalt
in ihrem Sacke mehr oder weniger serose Fliissigkeit. In den
knochernen Hiillen findet man dagegen nur ausnahmsweise eine
krankhafte Veranderung vor.
Unter den Ursachen der Tabes dorsualis sind zwei disponirende
mit Sicherheit ermittelt, das mannliche Geschlecht und das Lebens-
alter vom 30. — 50. Jahre. Frauenzimmer machen kaum den
achten Theil in der Zahl der Kranken aus. Als einen der frucht-
barsten Anlasse hat man von alten Zeiten her Samenverlust be-
trachtet; an und fur sich scheint jedoch dieses Moment weniger
einllussreich zu sein, da Kranke mit vieljahriger Spermatorrhoe
an Hypochondrie und CerebralafFectionen iiberhaupt haufiger leiden
als an Tabes dorsualis, allein inVerbindungmitUeberreizung derNerven,
zumal durch die mannigfaltigen Verirrungen in Befriedigung der sinnli-
chen Lust, begiinstigt es nicht selten die Entstehung dieser Krankheit
und jedenfalls die schnellereEntwicklung, wenn sie bereits ihren Anfang
genommen hat. Uebermassiger Aufwand motorischer Kraft durch anhal-
tendes Stehen in gebiickter Stellung, durch forcirte Miirsche bei gleich-
zeitiger Erkaltung in feuchten Bivouacs etc. und darauf folgendeExcesse
in Baccho et Venere — wie es so haufig in Feldziigen der Fall ist
spielen in der Aetiologie eine wichtige RoIIe, daher die Fre-
quenz der Tabes dorsualis in den ersten Decennien nach den gros-
TABES DORSUALIS.
801
sen Feldziigen neuerer Zeit. Unter den pathischen Processen
scheint der rheumatische am fruchtbarsten zu sein. In nicht selt-
nen Fallen misslingt es aucli der gewissenhaftesten Nachforschung
ein atiologisches Moment zu ermitteln.
Keinem Kranken dieser Art Ieuchtet die Hoffnung der Gene-
sung: iiber alle ist der Stab gebrochen. Der einzige Trost, we-
nigstens fur die Lebenssiichtigen, ist die lange Dauer der Krankheit.
Wenn irgendwo die rastlose Geschaftigkeit des Arztes die Lei-
den des Kranken steigert, so ist es in der Tabes dorsualis der
Fall. Nur selten bietet sicli ein Ungliicklicher dieser Art dar, ohne
den Riicken voll Narben, ohne Convolute von Yerordnungen, oline
einen Cyklus von Badern aufzuweisen , wo er iiberall gewesen und
uberall vergebens sein Ileil gesucht hat. Die Humanitat Yerpflich-
tet von vorn herein zur Erolhiung, dass durch therapeutische Ein-
griffe nur geschadet, nicht geniitzt werden konne, und dass ledig-
lich die Regulirung der Diat in ihrem vollen Umfange den Kran-
ken vor zu friihem grossem Ungemache zu schiitzen im Stande
sei. Aufwand motorischer Kraft und geschlechtlicher Aufregung
muss streng untersagt werden. Zur Abhiilfe der hartnackigen Yer-
stopfung eignen sich kalte Wasserklystire, so wie iiberhaupt der
vorsichtige Gebrauch der Kalte zu Waschungen des Rumpfes und
Riickgrates, zu miissigen AfFusionen der Wirbelsaule empfohlen
werden kann. Gegen die haufigen schmerzhaften Fmpfmdungen
im Riicken, in den Extremitaten babe ich mit Nutzen Einreibun-
gen der Veratrinsalbe vornehmen lassen. Yor allem hiite man sich
vor zu haufiger Application von Schrbpfkopfen und Exutorien, und
widerralhe lange Reisen nach den Badequellen, da schon das Fah-
ren an und fur sich nachtheilig wirkt und in den Thermen hoch-
stens eine momentane Erleichterung erzielt wird, welche schon auf
der Ruckreise wieder verschwindet. Den Unheilbaren gestatte man
ein ruhiges Leben im Kreise ihrer Angehorigen und einen durch
die Nahe der Lieben sanfteren Tod.
‘2. Gattnng.
Cerebrale Lahmungen.
In keinem andern Gebiete der Nervenpathologie macht sich
Mangel an Kritik der Untersuchung so fuhlbar, wie in der Lehre
der Hirnaffectionen , und nirgends haben haltlose Meinungen, Irr-
thiimer, ja selbst Unwahrheiten so leicht Eingang gefunden wie hier.
So tritt uns beim Studium der vom Gehirne abhiingigen Lahmun-
gen sogleich ein fast durchweg begangner Irrthura entgegen in der
vernachlassigten Unterscheidung der am Gehirne abtretenden von
den in demselben verlaufenden motorischen Nervenfasern. Jene bil-
den aber nur die erste Station der peripherischen Bahn, und un-
terliegen ohne Ausnabme dem Gesetze der Leitung auf gleichseiti-
ger Strecke. Das hatte man iibersehen, und vorausgesetzt, dass
alle Krankheiten innerhalb der Schadelhbhle das Gehirn als Cen-
tralorgan betheiligen: daher riihren die Schwankungen, selbst unter
Physiologen, in BelrefF der kreuzenden oder nicht kreuzenden Rich-
tung cerebraler Leitung. Docli auch in andrer Beziehung, in dia-
gnostischer und therapeutischer, sind diese Zustiinde wichtig genug,
um bier, wenn auch in den vorangehenden Schilderungen schon
biters erwiihnt, ausfuhrlicber in Betracht zu kommen.
Ausser dem physiologischen Ivriterium der Leitungsunrahigkeit
au( gleichseitiger Bahn geben das raumliche und zeitliche Verhalt-
niss Merkmale der Unterscheidung fur die Lahmung der Nerven
am Gehirne von der Lahmung der Nerven im Gehirne. Die er-
CEREBRALE LAHMUNGEN.
803
stere befallt bei beschrankter Raumlichkeit des Anlasses isolirt ein-
zelne Kopfnerven, gewbhnlich in der Gesammtheit ihrer Primitiv-
fasern oder nimmt bei weitrer Ausbreitung des Anlasses, nach
der Contiguitat die benacbbarten Nerven, in der Richtung nach
vorn oder hinten, temporal- oder andauernd, in Anspruch. In der
Mehrzahl der Falle geschieht dies successiv, entweder langsam bei
Geschwiilsten oder rascher bei Exsudaten unci Hamorrhagieen. Die
centrale Lahmung dagegen erkennt als physiologisches Kriterium
die Norm der Leitung in gekreuzter Richtung an, und als diagno-
stisches die gleichzeitige Theilnahme andrer Nerven, sowohl sensi-
bler als motorischer, nicht bloss des Kopfes, sondern auch der Zunge
und der Rumpfglieder , an der Leitungsunfahigkeit. Karakteristisch
ist auch der Umstand, class nur selten der Nerv in der Totalitat
seiner Fasern paralysirt wil'd, sondern class gewohnlich einzelne un-
ter ihnen ganz yerschont bleiben (S. S. 658).
Die Anlasse sind mehrentheils comprimirender Art, mit oder
ohne Reizung. Haufig tragen die Schadelknochen der Basis, und
ihr Periosteum die Schuld, auf welches letztere man bisher
noch nicht geniigend die Aufmerksamkeit gerichtet hat, obgleich
die der Beobachtung mehr zugangige Periostitis der Aussenflache
des Schadels darauf hatte leiten mussen. Ilier schlagen die Dys-
krasieen Wurzel, die syphilitische , mercurielle, skrofulose, und der
rheumatische Process, seltner der arthritische, wahlt zuweilen cliesen
Sitz. Alsdann gesellen sicli der Paralyse noch eigenthumliche Ziige
hinzu, z. B. die bei syphilitischen Tophen und Periostitis zur Naclit-
zeit peinigenden Schmerzen. Wenn irgendwo, so ist in diesen
Liihmungen von der richtigen Diagnose das Ileil des Kranken ab-
hiingig, und die Verwechslung mit centralen, apoplektischen Zustiin-
den verderblich. Die specifischen Heilmittel, Quecksilber und Jod-
kali, leisten Vorzugliches: nur muss ihr Gebrauch lange genug iort-
gesetzt werden. Auch das Zittmannsche Decoct fiiidet hier cine
passende Anwendlmg. Unter mehreren Fallen der Art, welche
mir vorliegen, betrifft der letzte einen Mann in den Funfzigern, der
Horn berg’s Nervenkrankheiten I. 3. 53
804
CEREBRALE LAHMUNGEN.
zu wiederholten Malen von Chankern tier Eicliel befallen, im April
1844 iiber Abnahme unci Stumpfheit des Gefuhls in der rechten
Oberlippe zu klagen anfing, welche sich allmahlich iiber die ent-
sprechende Ilalfte des Kinnes, uber die rechte Racke, Ohr, Stirn
verbreitete. Aucb die rechte Zungenhalfte und die Schleimhaut
der Wange nahm an der Anasthesie Theil: an den Zahnen der
rechten Seite war die Empfindung eines dicken schleimigen Ueber-
zugs. Die Fahigkeit zu kauen horte auf der rechten Seite auf.
Es land sich Schielen nach innen ein: der Kranke war ausser
Stancle das rechte Auge nach aussen zu bewegen. Darauf gesellte
sich Ptosis hinzu, und Immobilitat der erweiterten Pupille. Yier
Wochen nach dem Eintritte der Krankheit befielen Schraerzen der
rechten Gesichtshalfte , welche gegen Abend an Heftigkeit zunah-
men und einen solchen Grad erreichten, class der Kranke 65 Nachte
schlallos zubrachte. Grosse Hinfalligkeit und Abmagerung waren
die Folge. Alle Mittel blieben unwirksam: nur Waschen und Ueber-
giessen des Kopfes und Gesichts linderten momentan. Im Monate
Juli suchte der Kranke bei mir Hiilfe: ich konnte die Ansicht an-
drer Aerzte von clem centralen Sitze und der Unheilbarkeit nicht
theilen, und rieth in der Voraussetzung einer Periostitis syphilitica
des Keilbeins zu einer Hunger- und Schmiercur, welche nach der
Riickkehr des Kranken in seine Vaterstadt angefangen und vier
Wochen fortgesetzt wurde. Salivation kam nicht zu Stande. Die
Schmerzen nahmen aber clergestalt ab, class der Schlaf wieder wie
in gesundcn Tagen ununterbrochen war. Im September zeigte sich
ein Nachlass der Ptosis. Im Januar sab ich den Kranken wieder
und stellte ihn meinen Zuhorern im Klinikum vor. Die ortlichen
Erscheinungen und der allgemeine Zustand hatten sich bedeutend
gebessert. Die Ptosis hat ganz aufgehort, im Abducens ist die
Leitungs fahigkeit , wcnn auch nicht vollstandig, cloch zum grossen
rheile zuruckgekehrt , die Pupille ist wieder reizbar, nur im Quintus
h.dlet noch die Affection. Im untern Theil der rechten Gesichts-
luilfle ist das Gcfiihl zuruckgekehrt, an den iibrigen Stellen ist noch
CEREBRALE LAHMUNGEN.
805
Erstarrung vorhanden, und* in Verbiiidung damit abnorme Empfin-
dungen, Stechen, Kribbeln, Jucken, Spannen. So unempfindlich die
Haut des Gesichtes gegen liussre Beruhruag ist , so empfindlich
zeigt sie sich gegen Hitze und Kalte : beim Trinken einer heissen
Fliissigkeit fuhlt der Kranke nicht nur ein Brennen in der rechten
Oberlippe, sondern gleichzeitig in der Stirn. Obgleich die Ober-
flache des rechten Auges noch wenig Empfindung verrath, so ent-
steht bei acbt Grad Kalte ein Gefiihl, als frore das Auge zu. Die
Thatigkeit der Kaumu skein ist nicht zuriickgekehrt. Von dem in-
nern und aussern Gebrauche des Kali hydriodicum und von einer
spatern Wiederholung der Inunctionscur konnte ich dem jetzt Ber-
lin verlassenden Kranken einige Aussicht zur Besserung eroffiien.
Aftergebilde an der Basis des Gehirns und Schadels hemmen
otters die Leitung der dort abtretenden und verlaufenden Nerven.
Gewohnlich sind es scirrhose und fungose Geschwiilste, selten
tuberculose, welche in dem vordern Schadelwirbel haufiger ihren
Sitz nehmen als in dem hintern, und deren trages Wachsthum
cine langsame Succession der paralytischen Erscheinungen im Be-
reiche der Nachbarnerven bedingt. Ein Beispiel, welches zum Mu-
ster klinischer "Beobachtung dienen kann, ist yon Bell geschildert
(Physiol, u. pathol. Untersuch. des Nervensystems S. 217 — 226)
und durch den in der neuesten Ausgabe hinzugefiigten Leichenbe-
lund (3. edit. 1844 p. 271) noch lehrreicher geworden. Der
Kranke hatte in der Schlacht von Waterloo eine Verwundung am
linken Schlaf- und Jochbein , und flint Jahre spater durch das Aus-
schlagen eines Pferdes eine Verletzung an derselben Stelle erlitten.
Die Reihenfolge der Symptome war: heftige Schmerzen in der lin-
ken Stirn und Backe, Ptosis des linken Augenlids, Starrheit des
Bulbus und Schielen nach aussen , darauf Stellung des Bul-
bus im Centrum und Unbeweglichkeit desselben, auch beim
Versuche das Auge zu schliessen und beim Blinzeln, Erweiterung
und Immobilitiit der linken Pupille, Anasthesie der linken Gesichts-
hiillte und ihrer Hohlen mit marternden Schmerzen, masticatorische
53*
806
CEREBBALE LAHMUNGEN.
Paralyse auf derselben Seite und Atrophie des Kau- und Schlaf-
muskels, mimische Lahmung der linken Seite, destructive Entziin-
dung des Auges, Verschwarung der Hornhaut, nach einigen Mona-
ten Aufhoren der Paralysis facialis, wahrend die Aniisthesia dolo-
rosa bis zum Tode fortdauerte. Bei der Section fand sich ein be-
trachtlicher Unterschied in den Kaumuskeln beider Seiten: der
linke Temporalis und Masseter waren blass, diinn, eines grossen
Theils ihrer Fasern verlustig, dagegen auf der rechten Seite die
Muskeln das doppelte Volumen und rothe Farbe hatten. Beim
Aufheben des Gehirns zeiglen sich auf der linken Seite der Sella
turcica Adhasionen , von alterem Datum , zwischen Dura mater und
den Membranen des Gehirns, welches hier ein rotheres Ansehen
hatte. Nach dem Losen der Adhasionen kam eine von der Dura
mater straff bedeckte Geschwulst zum Vorschein, die vorwarts bis
zur obern Keilbeinspalte reichte , welche dadurch gesperrt war, seit-
warts bis zum For. der Art. meningea, und nach hinten bis zum
Proc. clinoid. poster. So nahm die Geschwulst den ganzen Sinus
cavernosus ein. Ihre Beschaffenheit war kaseahnlich, docli etwas
dichter wegen eines Antheils von fibroser Textur. Die Glandula
pituitaria war in eine ahnliche Masse verwandelt. Die Geschwulst
liess sich mit dem Messergriffe leiclit von dem iibrigens gesunden
Knochen losen. Der N. oculomot., trochlear., quint, und abducens
waren in dem Gewebe der Geschwulst eingeschlossen und von ihrer
Insertionsstatte an bis zur Geschwulst von einer matten, grauen
Farbe und atrophisch. Der Opticus verlief oberhalb der Geschwulst
und hatte ebenfalls eine matte graue Farbe, wahrend der rechte
Sehnerv von perlweissem Ansehen war. — In diesem Faille war
der Oculomotorius zuerst von der Geschwulst betheiligt, und das
Auge schielte wegen Integritat des Abducens nach aussen. Als
spaterhin dieser Nerv aucli in den Bereich der Compression gezo-
gen wurde und alle Augenmuskeln gelahmt waren, stand dcr Bul-
bus starr und unbeweglich im Centrum der Augenhohle. Die
temporare Lahmung des Facialis deutete an, dass die Entzundung,
CEREBRALE LAHMUNEEN.
807
wovon die Adhasionen ein Zeugniss geben, sicli zu einer Zeit bis
zur Insertionsstatte des Antlitznerven erstreckt, allein dort nicht
festen Fuss gefasst hatte.
Zu den die Nerven an der Hirngrundflache comprimirenden Ge-
schwiilsten gehoren auch die aneurysmatischen , wovon bereits ein
Paar Beobachtungen mitgetheilt sind.
In alien diesen Fallen ist die Succession der Lahmungen langsam :
in rascher Aufeinanderfolge dagegen, zuweilen selbst simultan, kom-
men sie bei seros - albuminosen Ansammlungen an der Basis cerebri
zum Vorschein. So hat man sie in der Meningitis otters zu beob-
achten Gelegenheit, wo die Ausbreitung der Paralysen einen Maass-
stab fur die Raumlichkeit der Entziindung und des Exsudats giebt,
welches am baufigsten in dem Pentagon zwischen der Varolsbriicke
und dem Chiasma n. optic, unter der Arachnoidea gefunden wird.
Bei glucklichem Ausgange durch Resorbtion schwinden diese Lah-
mungen successiv, jedoch nicht immer nach der Norm der Conti-
guitat wie es der S. 223 beschriebene Fall lehrt.
Ausser den krankhaften Veranderungen an der Grundflache des
Schadels, wodurch die dort verlaufenden Nerven ihrer Leitung ver-
lustig werden, giebt es aber auch Krankheiten des Centralorgans
selbst, welche die Nerven in ihrer Insertionsstatte am verlangerten
Marke und Gehirne beeintrachtigen, und in Folge dessen ausser den
Zufallen einer HirnafFection nocli peripherische Lahmungen mit sich
fiihren. Diese Fiille sind am schwersten zu erkennen und werden
auch gewohnlich unrichtig interpretirt. So hat Watson eine voll-
standige Paralysis facialis und Taubheit der rechten Seite bei einem
Kranken beobachtet, der noch iiberdies an Kopfschmerz, Schwin-
del, Schwanken beim Gehen, Schlummersucht, Delirien litt. Einige
Tage vor dem Tode trat Sopor und Contractur beider Arme ein,
In der rechten Ilemisphare des grossen Gehirns fand sicli eine be-
trachtliche Geschwulst von drei Zoll Liinge und zwci Zoll Breite
welche einen so bedeutenden Druck ausiibte, dass die Wande des
rechten Seitenventrikels an eiuandcr lagen. Der rechte N. facialis
808
CEREBRALE LAHMUNGEN.
irnd acusticus adharirten an ihrer Abgangsstelle vom verlangerten
Marke an einander: der Facialis war harter und dicker als auf der
andern Seite, der Acusticus weich, zerfliessend, atrophisch. Unmit-
telbar uber der Medulla oblongata und in einer verticalen Linie
oberhalb der Insertion des Facialis ragte von der untern FI ache
des grossen Gehirns ein warzenahnlicher Vorsprung herab, welcher
die beiden Nerven comprimirte, und in Folge des von der grossen
Geschwulst herriihrenden Druckes sich gebildet zu haben schien.
[Bell, the nervous syst. of the human body. 3. edit. 1845. p. 304.)
Besonders ist es die Varolsbriicke, deren Geschwiilste nicht
bloss die an und neben ibr abtretenden Nerven als peripherische
Bahnen, sondern auch die angranzende Medulla oblongata compri-
miren und dadurch Lahmungen der Rumpfglieder in gekreuzter
Richtung herbeifuhren. Dieser eigenthiimliche Yerein der paralyti-
schen Symptome in den Gesichtsnerven der einen, und in den
Nerven der Extremitaten der andern Seite lasst schon wahrend des
Lebens den Sitz der Krankheit mit einiger Sicberheit feststellen.
Folgender von mir beobachtete Fall diene zur Erlauterung: Herr
B . . . z, Pole, Student der Philosophic, drei und zwanzig Jahre
alt, nach Aussage seiner Freunde stets triigen Verstandes, war
nach einem im Januar 1840 uberstandnen Nervenfieber noch stum-
pier geworden. In der Mitte des Monats August 1840 wurde ich
zu ihm gerufen und erfuhr, dass' er drei Wochen zuvor auf einem
Gelage dem Weine tiichtig zugesprocben und berauscht sich am
lifer des Flusses einer Erkaltung ausgesetzt hatte. Am nachsten
Morgen fiililte er eine grosse Schwache des linken Arms und Beins,
und bemerkte im Spiegel eine Stellung des rechten Auges nach
dem Nasenwinkel, und Unfahigkeit dassclbe nach aussen zu wenden.
Auch war die Sprache zogernd. Yon starken Bewegungen und An-
strengungen hoffte er Besserung, und suchte durch weite Spazier-
giinge die Unbehulflichkeit beim Gehen zu beseitigen, allein der
Zustand verschlimmerte sich. Ich nahm in der rechten Halite des
Gesichts und in den Rumpfgliedern der linken Seite cine geschwachte
809
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
und aufgehobne Leitungsfahigkeit, sowohl sensible als motorische,
wahr. Die rechte Halfte der Stirn zog sich nur in schwache Fal-
ten, im Vergleiche zur linken. Der rechte Augapfel stand nach
der Nase hin, und konnte durch den starksten Willensimpuls nicht
nach dem aussern Winkel gerichtet werden, auch nicht heim
Schliessen des linken Auges. Doppeltsehen begleitete das Schielen.
Die Pupille war von normaler Weite und Beweglichkeit wie am
linken Auge. Die Sehkraft war ungetrubt. Das Auge dieser Seite
konnte gehorig gedffnet, allein nicht so Test geschlossen werden,
wie das linker es blieb eine Spalte. Die Sensibilitat der rechten
Gesichtshalfte war, obgleich nicht erloschen, doch stumpf. Der
Kranke selbst bemerkte, dass er das Stechen der Haut auf dieser
Seite nur schwach fiihle, dagegen Schmerz beim Stechen der lin-
ken Backe eintrete. In der Nasenhdhle war bei ungestortem Ge-
ruche dieser Unterschied kauin bemerkbar, eben so wenig in der
Zunge, deren Geschmack auf beiden Seiten sich gleich verhielt. In
der spatern Periode der Krankheit habe ich wegen Unfahigkeit des
Kranken fiber seine Empfindungen genaue Auskunft zu geben, die
letztern Versuche nicht wiederholt. Mit dem rechten Ohre liorte
der Kranke weit schwiicher und undeutlicher als mit dem linken.
Die mimischen und masticatorischen Bewegungen der rechten Ge-
sichtsmuskeln waren trager, und der linke Mundwinkel verzog sich
beim Sprechen. Die Articulation geschah sehr langsam, bei voll-
kommner Beweglichkeit der Zunge nach alien Richtungen. Die
Motilitat des linken Arms war beeintrachtigt, die Sensibilitat unver-
letzt. Der Griff mit der Hand war kraftlos im Vergleich mit dem
der rechten, nur die Hand und der Vorderarm konnten bis zu
einer gewissen Hohe aufgehoben werden, die Bewegnng des Ober-
arms war unmoglich. Der linke Fuss schleppte beim Gehen nach.
Ueber Kopfschmerz fand, auch bei cigens danach gerichteter An-
frage, keine Klage stall. Die gcistige Thatigkeit war deprimirt, der
Schlaf lest. Der Puls trage, von 70 Schlagen. Die Haut trocken,
der Stuhlgang verstopft, drastischcn Mitteln widerstehend. Die
810
CEREBRALE LAHMUNGEN.
Behandlung blieb erfolglos. Physischer und psychischer Verfall
nahm zu. In den letzten vier Wochen des Lebens gesellten sich
Schlingbeschwerden liinzu, die besonders in der linken Seite, auch
nach der eignen Angabe des Kranken, ihren Sitz zu haben schienen.
Spaterhin wurde die Deglutition von Erstickungszulallen begleitet.
Die Torpiditat des Darmcanals blieb bis zum Tode, der unter Hin-
zutritt von tiefem Sopor im Anfange des Monats October 1840 er-
folgte. — Vor der Section, die von Herrn Dr. Bolm vorgenom-
men wurde, motivirte ich, wie ich es zu thun pflege, im Beisein
mehrerer Aerzte und Studirenden, noch einmal die von mir gestellte
Diagnose. Der Yerein von Lahmung der linken Rumpfglieder mit
paralytischer Affection der rechten Gesichtshalfte liess eine Krank-
heit auf der rechten Seite der Grundflache des Gehirns voraussetzen,
von welcher die dort abtretenden Nerven als peripherische Bahnen
betroffen wurden. Denn ware das Gehirn als Centralorgan in sei-
ner rechten Hemisphare ergriffen gewesen, so wiirden sich, verbun-
den mit der Lahmung der linken Extremitaten, paralytische Sym-
ptome in der linken Gesichtsllache gezeigt haben, und beim Spre-
chen und bei mimischen Bewegungen wurde der rechte, nicht der
linke Mundwinkel sich verzogen haben. Nicht bloss der Sitz, auch
die Raumlichkeit der organischen Veranderung liess sich aus den
Erscheinungen wahrend des Lebens vermuthen. Bis zum Abgange
des Quintus musste die Basis des Gehirns in ihrer vordern Partie
unverletzt sein. Olfactorius, Opticus, Oculomotorius , Trochlearis
zeigten keine Storungen ihrer Energieen : denn dass der nach innen
gerichtete Stand des rechten Bulbus nicht auf convulsivischer Action
von Seiten des Oculomotorius beruhte, ging aus der Unmoglichkeit
das Auge willkuhrlich nach aussen zu stellen, auch bei zugehaltnem
linkem Auge, deutlich hervor. Yon der Region des Quintus musste
sirh die krankhafte Veranderung, mit vorziiglicher Betheiligung des
Abducens, bis unter den obern Theil des verlangerten Markes aus-
dehnen, da von Anfang an das rechte Auge nach innen stand, und
die linken Extremitaten von Lahmung befallen warcn. Schwerer
CEREBRALE LAHMUNGEN.
811
iiess sich iiber die Art des organischen Anlasses ein Urtheil fallen,
j \Wenn auch die Symptome einen einzelne Hirnnerven starker, andre
'Schwacher betheiligenden Druck mid demgemass ein ungleiches
i Wolumen andeuteten, so fehlten doch Merkmale, die sich auf die
: 'Species der vorhandnen Krankheit bezogen. Von Hamorrhagie
an der Basis des Gehirns, die mit so bedeutenden Residnen
1 1 den Kranken noch zehn Woclien am Leben lasst, hatte mil*
I Ibisher weder fremde noch eigne Erfahrung ein Beispiel an die Hand
; Lgegeben. Von Erweichung oder Eiterbildung mangelten, abgesehen
davon, dass sie iiberhaupt seltner an der Grundflache des Gehirns
workommen, mehrere Symptome, namentlich Schmerz, convulsivische
lErscheinungen, abwecbseln deNachlasse und Verschlimmerungen. Als
i wvahrscheinlicher hot sich mir die Annahme eines Altergebildes fun-
igoser Art dar, obgleich auch hierbei die Schmerzlosigkeit bei des-
'sen Sitze in der Nahe sensibler Hirnpartieen und Hirnnerven ein
'Schwer zu deutender Umstand blieb. — Es fanden sich nach Er-
bffnung der Schadelhohle betrachtliche Blutiiberfuflung auf der Ober-
lllache und im Innern des grossen Gehirns, albuminose Exsudate
zwischen Arachnoidea und Pia mater und in der Nahe der Fissura
imagna, serose Fliissigkeit in nicht erheblicher Quantitat innerhalb
• der Ventrikel, feste Consistenz des Hirnmarkes. An der Basis ce-
rebri hot sich sofort eine grosse Geschwulst dar, als deren Sitz
i f nach Ilerausnahme des Gehirns die rechte Halfte der Varolsbriicke
'sich zu erkennen gab, die iiber das Doppelte ihres gewohnlichen
lUmfanges vergrossert, den vordern Rand der linken Halfte um einen
/Zoli iiberragte, nach hinten bis unter der rechten Olive sich aus-
debnte, und dadurch eine betrachtliche Verschiebung der Hirntheile
und Nerven hervorgebracht hatte. Die linke Halfte des Pons und
•des verlangerten Markes, so wie auch der Nervus abducens der
rechten Seite waren am meisten aus ihrer Lage und Form gebracht,
zunachst der rechte Quintus, Facialis und Acusticus (Vgl. die Ab-
bildung in Casper’s Wochenschr. fiir die ges. Heilk. 1842). Um
das Praparat zu schonen, welches ich dem anatomischen Museum
812
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
der Universitat ubergeben babe, wurde nur an einer Stelle eine
Oeffnung in die Geschwulst der Yarolsbrucke gemacht, nnd es er-
gab sich, dass dieselbe durch ein sehr grosses Blutgerinnsel gebii-
det wurde, welches schichtenvyeise wie in alten Aneurysmensacken
gelagert war.
Ein in den Symptomen ganz iibereinstimmender Fall, wo die
linke Halfte des Pons Yaroli Sitz einer scirrhosen Geschwulst war,
ist in Longet's Anat. et physiol, du syst. nerv. T. I. p. 448 be-
schrieben. Aehnlich sind auch die von Abercrombie (Vgl. S. 225)
und Bright (Reports of medical cases Vol. II. P. I. p. 49) mitge-
theilten Falle. Eine altre Beobachtung von Yelloly geliort ebenfalls
hierher. Der sechs und dreissigjahrige Kranke litt seit einem Jahre
von Zeit zu Zeit an heftigen, vom Hinterhaupt nach der Stirn
durchfahrenden Schmerzen. Eines Morgens bemerkte er beim Er-
wachen Doppeltsehen und Einwartsstellung des linken Auges, und
ein Paar Tage darauf Schwache der rechten Hand und Erstarrung
im linken Bein. Das Sprechen war erschwert, stammelnd, der
Mund verzerrt, der Puls trage, von 68 Schlagen, an dem gelahm-
ten Arme schwacher als am gesunden. Die Pupille des linken nach
der Nase bin stehenden Auges wrar reizbar beim Einfallen des Lich-
tes. Aller willkiihrliche Einfluss auf den Muse. rect. extern, war
dahin, auch nahm der Bulbus nicht, wie gewohnlich im Strabismus
beim Schliessen des gesunden Auges seinen gchorigen Stand ein.
Nach acht Tagen traten Anfalle von Convulsionen des ganzen Kor-
pers , Verlust des Bewusstseins ein , und 24 Stunden darauf
der Tod. Ein Paar Stunden vor demselben wurden die Pupillen
unempfindlich gegen das Licht, und der linke Augapfel nahm seine
normale Stellung ein, was Yelloly mit Recht davon herleitet, dass
der Oculomotorius jetzt auch seiner Energic verlustig wrard. An der
linken Seite der Varolsbriicke hatte eine Geschwulst von der Grosso
einer Haselnuss ihren Sitz, welche sich bis nach der linken Pyra-
mide ausdehnte und den linken Nerv. abducens ganz bedeckte.
Dieselbe wrar theilweise in Eiterung ubergegangen und mit der
CEREBRALE LAHMUNGEN.
813
Art. basilaris fest verwachsen, deren Haute an dieser Stelle so
niirbe waren, dass sie bei Beriihrung mit einer Sonde nachgaben.
^in kleines Blutgerinnsel lag auf der kranken Stelle der Arterie,
a vie in Aneurysmen (Med. chirurg. transact, vol. I. p. 183).
Tuberkel rufen durch ihre Ablagerung iin Gehirne und zugleich
im dessen Basis und an den Insertionsstatten der Nerven Symptome
i iervor, deren richtige Deutung wahrend des Lebens des Kranken
icht leiclit ist. So z. B. in folgendem in der Prager Vierteljahrs-
chrift fur die praktiscke Heilkunde (1845. IV. Bd. S. 97) yon Dr.
i J Dittrich mitgetheilten Falle. Der 27jahrige Kranke liatte vor fiinf
ahren an sy^philitischer Gonorrhoe und Bubonen gelitten, yon wel-
hen er nach vier Monaten geheilt wurde. Zehn Wochen vor sei-
ver am 19. Januar 1845 erfolgten Anfnahme in die Klinik des
'‘rof. Oppolzer fing die Krankheit mit Fieberschauer, Druckgefuhl
nn Halse und rauher Stimme an. Seit fiinf Wochen war Luscitas
es linken Auges mit Diplopie und ofters wiederkehrendem, beson-
ers bei der Nacht heftigem driickenden Kopfschmerz in den Schlafen
: nd im Scheitel yorhanden. Vor vier Wochen bekam der Kranke
ie Empfindung als sei die Zunge geschwollen; seit vierzehn Tagen
/aren Schlingbeschwerden vorhanden, feste Speisen konnte er gar
icht, Flussigkeiten nur langsam und nicht ohne darauf folgenden
lusten schlingen; seit dieser Zeit ist er auch stimmlos, und seit
|<cht Tagen klagt er fiber Schwache, Erstarrung und Ameisenkrie-
hen in der linken Hand. Bei der Anfnahme zeigte sich folgender
ustand: geringe Abmagerung, die Ilaut weiss, weich und zart,
i rf
efiihl von Schwache des ganzen Kbrpers, Sell were des Kopfes,
■uscitas des linken Auges, so dass der Kranke das Auge nicht
ach aussen zu bewegen im Stande ist. Auch die Sehkraft ist an
! iesem lichtscheuen Auge geringcr, die beiden gle^ch weiten Pupil-
■n rcagiren. Die linke Hand ist schwacher, in derselben fiihlt er
ormication und Stupor. Das Tastgefuhl daselbst noch gut, die
ewegungen weniger cnergisch. Der Kranke behauptet, die imtern
liedmaassen fiihle er gleich stark , beim Gehen schlepp! er jedoch
814
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
clie linke etwas nach. Der linke Mundwinkel liangt herab, die Lip-
pen -Nasenlinie ist undeutlich, beim Lachen wird bloss der rechte
Mundwinkel in die Hohe gezogen. Die Zunge wird schnell hervor-
gestreckt, jedoch schief nach der rechten Seite. Stimmlosigkeit.
Unter beiden Schliisselbeinen etwas verminderte Resonanz und Man-
gel des vesicularen Athmungsgerausches. Appetit und Geschmack
normal, bei dem etwas miihsamen Schlingen entsteht klangloser
Husten. Der Kranke sagt, der feste Bissen bleibe im Halse stek-
%
ken. Alkalischer Urin. Fiinf Wochen nach der Aufnahme starb
der Kranke. Wahrend dieser Zeit waren besonders die nachtlichen
Kopfschmerzen, Zittern in beiden linken Extremitaten, Schwache
der Zunge und ganzliches Atrophischwerden der rechten Halfte der-
selben, Verminderung der Sehkraft des linken Auges die bemerkens-
werthesten Symptome. Leichenbefund. Die untre Flache der
Varolsbriicke erschien bis herab unter der Stelle des Ursprunges
des N. vagus und glossopharyngeus sehr fest an der Basis des
Schadels angelothet durch eine speckige balbdurchsichtige graue
Tuberkelmasse. Eine ahnliche erbsengrosse, graue, rohe, tuberculose
Masse war in die Substanz des hintern Theils der linken Halfte der
Varolsbriicke eingesenkt, und die Umgebung iiber 3'" weit sulzig
erweicht; der iibrige Theil der Varolsbriicke erschien ebenfalls
schlaffer und weicher. Der linke N. abducens war ganz in die tu-
berculose Masse eingewachsen, der linke Vagus fest an der Umge-
bung des Drosselvenenloches angelothet und atrophisch. Der obre
Theil des Accessorius Willisii von der Stelle an, wo er sich von dem
verhingerten Marke nach aussen gegen das Foramen jugulare um-
beugt, mehr als dreifach verdickt, knotig , und von einer grauen,
sulzig-speckigen Masse infiltrirt. Tn der oberflachlichen Substanz
des rechten Corpus olivare war ein erbsengrosser, roller, speckiger
luberkel, durch welchen die Wurzel des Hypoglossus und Facialis
comprimirt und die Substanz um die Wurzel herum, so wie deren
nachste Umgebung aufgelockert und erweicht erschien. Im vordern
I heil des rechten Schenkels des Grossgehirns unweit dcs entspre-
CEREBRALE LAHMUNGEN.
815
henden Corpus candicans war eiu zuckererbsengrosser , gelblich-
rauer, roher Tuberkel eingesenkt, und dessen Umgebung sulzig
rweicht. Die rechte Halfte des Chiasma nervor. opticor. und der
unfangstheil des rechten N. optic, selbst, ferner sein Sehstreifen in
iiner 1" langen Strecke yon einer 2 bis 2>‘“ dicken sulzigen Tu-
erkelmasse infiltrirtr so dass vom Sehstreifen keine Spur sichtbar
war. Der Anfang desselben war atrophisch, halb durchsichtig. Die
\ ubstanz des Grossgehirns war etwas weicher; in jedem Seitenven-
ikel etwa zwei Drachmen Serum; der rechte war etwas enger in
'olge der grossern Ausdehnung und Spannung des rechten Seh-
nd Streifhugels ; letztre beide weicher, schwammig anzufuhlen; die
llarkpartie um diese Theile und um die Gehirnlinse in einem wall-
mssgrossen Umfange aufgelockert, weicher; auf der Durchschnitts-
ache blassgelb, sulzartig. Die rechte Halfte der Zunge zu einem
i ickhautigen, zahen, festen Lappen geschwunden. In den Lungen-
| )itzen abgekapselte verkreidete Tuberkelreste. Anschwellung der
< ilitaren Driisen des Dunn- und Dickdarms.
Wenden wir uns jetzt zu den vom Gehirn und verlangerten
Itarke als Centralapparat abhiingigen Lahmungen, so finden wir
ie Leitung in gekreuzter Richtung als allgemein gul-
lige physiologische Norm, dem anatomischen Typus der De-
mssation entsprechend , weicher beim Menschen nicht nur in der
I fedulla oblongata, seitlich und von vorn nach hinten, sondern auch
ii andern integrirenden Theilen des Gehirns, im Cerebellum, in der
» riicke, im Gebiete der Ilirnschenkel obwaltet (Vgl. Arnold Be-
lerkungen iiber den Bau des Hirns und Riickenmarkes S. 29. 42.
5, und Bell on the functions of the brain in der 3. Ausgabe sei-
es Werkes p. 218 und 225).
Die haufigste Form der Cerebrallabmung ist die halbseitige,
Hemiplegia, mit Belheiligung des Gesichtcs, der Zunge und der
CEREBRALE LAHMUNGEN.
810
Rumpfglieder. Selten zeigt sich die Lahmung als Paraplegie, die
alsdann von Anfang an als solche auftritt, und sjch nur selten suc-
cessiv in beiden Korperhalften ausbildet, was bei Spinallahmungen
haufiger der Fall ist. Die obre Extremitiit ist ofter paralysirt als
die untre, und wo es beide zugleich sind, meistens in starkerm
Grade. Auch haftet bei glucklichem Ausgange die Lahmung longer
am Arme als am Beine, in entgegengesetztem Verhiiltnisse zu den
Spinallahmungen. Die paralysirten Muskeln sind entweder schlaff
und welk oder contrahirt, temporar oder andauernd. Oefters ge-
sellt sich Zittern zur Lahmung hinzu.
Die Bewegungsfahigkeit auf den Reiz der Vorstellungen ist in
der cerebralen Lahmung ganz aufgehoben oder unvoHkommen (Pa-
resis). In letzterm Falle erfolgt die Leitung langsam und schwach:
Impuls und Ausluhrung des Wiliens sind durch ein Intervall von
mehrern Secunden getrennt, und der Druck mit der gelahmten
Hand ist kraftlos. Dagegen dauert fur andre Reize die Erregbar-
keit, selbst in einem hohern Grade fort. So sind die fiir die Wil-
lenserregung gelahmten Nerven der Rumpfglieder empfanglich fiir
Redexerregung: bei Beriihrung der Volarflache, zumal mit einem
heissen oder kalten Korper, gerath die Hand und der ganze Arm
in eine jahe Bewegung, zieht sich zuriick, fahrt in die Hohe. Audi
geschieht es zuweilen, dass bei andern Reflexbewegungen z. B. re-
spiratorischen, Gahnen, Husten, das gelalnnte Glied eine Mitbewe-
gung macht, wahrend das gesunde sich ruhig verluilt (Vgl. den wei-
ter unten mitgetheilten Fall, Bell's physiol, und pathol. Untersuch.
S. 340. No. LXVIII. Parry collections etc. vol. I. p. 488. 500).
Strychnin und Galvanismus wirken nach Marshall Hall’s Beob-
achtung auf die gelahmten Theile starker ein als auf die gesunden:
selbst ein so schwacher Grad des Galvanismus, dass er gar kei-
nen sichtbaren Einfluss auf das gesunde Glied hat, soil Con-
tractionen in den gelahmten Muskeln hervorrufen, was bei periphe-
rischen und spinalen Lahmungen nicht der Fall ist, woriiber es
jedoch noch lortgesetzler Untersuchungen bedarf (Marshall Hall
CEREBRALE LAHMUNGEN.
817
eber den Zustand der Irritabilitat in den Muskeln gelahmter Glie-
i T in Muller’s Archiv etc. 1830. S. 215).
Der Stand der Sensibilitat ist zwar bei Hirnlahmungen wegen
i t oft begleitenden Benommenheit oder Indolenz schwieriger zu
tiurtheilen als bei Spinallahmungen, doch erreicht iin Allgemei-
i n die Anasthesie der Hautnerven keinen so hohen Grad wie bei
m letztern, macht sich in der obern Extremitat bemerkbarer als
der untern, verschont den Rumpf, befallt dagegen nicht selten
s Halfte oder einzelne Theile des Gesichts (Vgl. S. 224). Audi
hmen otters die Sinnesnerven , vorziiglich der Opticus, an der
masthesie Theil. Die Wiederherstellung des Kranken kiindigt sich
nrch fruhere Riickkehr des Gefiihls als der Bewegung an. Bei
eden zeigt sich Abnahme der Sensibilitat als Prodrom der Lah-
uuiig: Rlagen liber Erstarrung, Eingeschlafensein mit Formication,
liltegefiihl gehen oft lange Zeit vorher. Haufiger als bei Spinal-
iralysen bleibt bei den cerebralen die Sensibilitat unbetheiligt. In
i dem Fallen ist sie erhoht, und Schmerz giebt sich in den ge-
iimten Theilen kund, zumal bei Contracturen der Muskeln.
Die trophischen Actionen in den paralysirten Theilen erleiden
i Hirnlahmungen eine grossre oder geringre, schnellre oder lang-
imre Beeintrachtigung, je nach dem Grade und der Dauer der
' nskelunthatigkeit. So ist die Atrophie der Haut- und Weichtheile
i grossten bei Paralysis congenita: gelahmte Glieder mit contra-
rTen Muskeln magern rascher ab, als die mit schlaffen Muskeln.
i if die Zunge sah ich jedoch bei cerebraler Lahmung die Atrophie
h nicht ausdehnen, obgleich sie bei peripherischem Sitze der
rankheit sich geltend macht (Vgl. S. 091). Die Vegetation der
irngebilde ist nach meiner Beobachtung in veralteten Hemiplegieen
norm: die Epidermis ist trocken, rauh, blattrig, die Nagel sind
wulstet, rissig, sprode, zumal an den Fingern. Oedem der
lfihmten Glieder sah ich in einzelnen langdauernden Fallen. Ueber
» Veranderungen der Temperatur liegt noch keine hinreichende
i hi genauer Untersuchungen vor: mehrere meiuer Kranken klag-
818
CEREBRALE LAHMUNGEN.
ten uber ein Geluhl von Kalte, einige liber brennende llitze, ohne
physikalische Abnalime oder Steigerung der Wiirrae. Die von eini-
gen altern Beobachtern erwahnte Schwliche, Unregelmassigkeit, selbst
Stillstand des Pulses am gelahmten Arme liaben sich mir bis jetzt als
Folge von Cerebrallahmung noch nicht dargeboten : Obliteration der
Arterie, Rigiditat und Verknocherung bei Paralytischen im vorge-
riickten Lebensalter mogen ofters iibersehen worden sein.
Ausser den bisher geschilderten Eigenthiimlichkeiten giebt es
noch ein Kriterium der Cerebrallahmung, welches physiologisch in
der dem Gehirn als Centralorgan zukommenden Mittheilbarkeit sei-
ner Zustande begriindet ist. Die Intellectuality wird, sei es in
ihrer ganzen Sphare, sei es in einzelnen Richtungen, beeintrachtigt,
wovon ihre leiblichen Symbole, Sprache, Physionomie, Mimik den
treuen Ausdruck geben. Nicht nur wird die articulirende Bewe-
gung sehr oft trage, zogernd, sondern der Mensch verliert mehr
oder minder die Fahigkeit sich seiner Vorstellungen in der festen
Bezeichnung der Sprache zu erinnern. Die Gesichtsziige werden
stumpf, hangend. Vergesslichkeit, Verlust des Gediichtnisses , Zu-
sammenhanglosigkeit der Gedanken, Mangel psychischer Intention,
Aufhoren der Selbstbestimmung, Indolenz oder schlaffes Weinen
bei jeglichem Anlasse — so bietet sich die consecutive Dementia
in leichtern oder grobern Umrissen dar, wahrend andrerseits sopo-
roser Zustand in verschiednem Grade die Lahmung von Anfang an
begleitet, oder sich bald schneller, bald langsamer hinzugesellt.
Diese allgemeinen Zi'ige der Hirnlahmungen werden durch den Sitz
der Krankheit ohne Zweifel modificirt: doch gehort es zu den gross-
ten Schwierigkeiten, trotz des gehauften Materials der Leichenbefunde,
Yom topischen Einflusse auch nur einige Andeutungen zu geben.
Obgleich liieran die hochst unvollkomnnie Kenntniss des Gehirns
die grosste Schuld tragt, so fallt doch den Aerzten die anatomische
Ungenauigkeit des Beobachteten nicht minder zur Last, und der
Mangel an Zergliederungen von eingeweihten Handen stellt sich liier
driickend heraus. Ain sichersten noch, fast von keiner Ausnahme
CEREBRALE LAHMUNGEN.
819
bedroht, steht die Norm der Leitung in gekreuzter Richtung. Ael-
tre Beobachtungen des Gegentbeils, selbst von einem Valsalva und
Morgagni , werden zwar nock immer angefiihrt, allein ohne Riick-
sicht darauf, dass in friihrer Zeit, als der Resorbtionsprocess der
Blutextravasate und Erweichungen noch unbekannt war, die nach
einem altern apoplektischen Anfall zuriickgebliebne Lahmung der
letzten frischen Desorganisation zugeschrieben wurde. Ein andrer
Irrthum ruhrt von unrichtiger Interpretation solcher Falle her, wo
eine bestehende Krankheit einzelner Hirngebilde die an der Inser-
tionsstatte abtretenden Nerven als peripherische Bahnen ihrer Lei-
tung verlustig macht (S. oben). Auch ist nicht zu leugnen, dass
bei deutlich ausgesprochner Hemiplegie zu wenig Aufmerksamkeit
auf die andre Seite verwendet, und geringre Abnahme ihrer Motili-
t tat nicht selten ubersehen wird.
Hat die Krankheit in entgegengesetzten Hemispharen des grossen
i und kleinen Gehirns zugleich ihren Sitz, so richtet sich die Lah-
rmung nach dem ersteren. Desorganisationen, deren Statte aus-
^schliesslich in der grauen Substanz ist, fuhren sehr selten Hemi-
iplegie mit sich. Die Residuen der peripherischen Hamorrhagieen
der Hirnwindungen , welche im hohern Alter haufig vorkommen,
iund zuerst von Cruveilhier beschrieben worden sind, so wie die
lErweichung der Rindensubstanz in der sogenannten Paralyse der
irren (S. weiter unten) sind weit haufiger von Blodsinn und man-
.gelndem Eindusse des Widens auf Bewegung, als von wirklichem
Werluste motoj^scher Leitung begleitet.
In der Bestimmung der topischen paralysirenden Wirkung ein-
zzelner Hirntheile ist man mehrenthcils ohne Kritik verfabren, und
! hat aus unvollstiindigen Befunden voreilige Schliisse gezogen. Die
lErgebnisse sind um so unsichrer, weil die Desorganisation, welche
die Lahmung bedingt, sehr oft mit andern krankhaften Zustanden
des Gehirns eine Verbindung eingeht. Die Turgescenz der in unnach-
.giebiger Knochenhulle eingeschlossnen Hirnmasse, auf welche ich
5chon fruher (S. 176 und 542) aufmerksam gemacht habe, spielt
Horn herd's dServenkrankb. I, 3, 51
820
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
Iiier eine um so wichtigere Rolle, weil sich ihr Einfluss auch auf
die gesunde Hemisphare ausdehnt. So erzahlt Andral (Clinique
mddicale T. V. p. 464) einen Fall, wo die linke Hemisphare, welche
den Sitz einer bedeutenden Erweichung abgab, dergestalt ange-
schwollen war, dass die grosse Hirnspalte nicht mehr die Mittel-
linie des Gehirns einnahm, sondern nach der rechten Seite gescho-
ben war. Cruveilhier fand bei einer Kranken die erweichten dun- *
kelrothen Hirnwindungen in einem solchen Grade angeschwollen,
dass ein betrachtlicher Druck unausbleiblich sein musste (Anat. pa-
thol. Livr. XXXV. p. 6). Im weitern Yerlaufe organiscber, von
Lahmung begleiteter Hirnkrankheiten iiben die hinzutretenden sero-
sen Ansammlungen in den Hohlen und auf der Aussenflache einen
comprimirenden Einfluss, so dass die Schranken der paralytischen
Symptome nicht mehr in ihrer ursprunglichen Begranzung bestehen
konnen. Diese selbst genau zu bestimmen ist endlich ein Erforder-
niss, dem bisher nicht entsprochen worden ist. Man begnugte sich
mit der Angabe der Totalitat des gelahmten Theils, und nahm auf
die einzelnen Muskelgruppen zu wenig Riicksicht (S. S. 633). Zum
Muster konnen fortan Tanquerel’ s Untersuchungen der von Blei-
lahmung befallnen Glieder dienen.
Der Yerlauf der strahlenden Markfasern und Markziige vom
Riickenmarke aus bis in den Stabkranz und die Hemisphare ist ana-
tomisch bis jetzt nur in seinen grobsten Contouren durch die mit
freiem Auge verfolgte Untersuchung an frischen und erharteten Ge-
birnen angedeutet. Die Nachweisung verschiedner Elemente in den-
selben, und die Beslimmung ihrer motorischen und sensibeln Attri-
bute sind sehr unvollkommen. Einiger Fortschritt durfte viclleicht
von der Zergliederung der Gehirne langjahrig Geliilimter, deren Mo-
tilitiit ausschliesslich betheiligt ist, zu erwarten sein. Eine solche
Gclcgenheit bot sich mir bei einem neunzehnjahrigen Miidchen dar,
welches nach Aussage des Voters als gesundes Kind geborcn, im Alter
von drei Monaten von heftigen Convulsionen befallen worden war, wel-
che eine Lahmung der rcchtcn Rumpfglieder hinterlassen hatten. Die
CEREBRALE LAHMUNGEN.
821
Kranke war fur ihr Alter klein, unentwickelt: besonders verkiimmert
zeigten sich Arm und Bein der rechten Seite, welche um die Halfte
magrer waren als die Glieder der linken Seite. Die Finger der
rechten Hand fuhlten sich an, als bestanden sie nur aus Weichge-
bilden. Dabei waren sie gewohnlich contrahirt, nach der Hohlhand
gerichtet, liessen sich jedoch ohne Muhe ausstrecken. Die Bewe-
gungen des Arms und Fusses waren sehr beschrankt; beim Gehen
wurde der Fuss nachgezogen und die Kranke war nicht im Stande
mit der rechten Hand fest zu driicken, noch den Arm nur wenig
in die Hohe zu heben. Dagegen zeigte sich weder im Gesichte
noch in der Zunge eine Spur yon Lahmung. Die Sprache war,
wenn auch einsylbig, doch ungehindert. Die Sensibilitat der Glieder
normal, desgleichen die Sinnesthatigkeiten, allein die intellectuellen fast
auf dem Stande des Idiotismus. Nur fur die Empfmdungen des
Hungers und Schmerzes hatte sie Ausdruck: weder Aufmerksam-
keit noch Gedankenbildung fanden statt. Die Menstrua hatten sich
im 16. Jahre entwickelt. Ich stellte in meinen Yortragen die Dia-
gnose auf Atrophie der linken Hemisphare des grossen Gehirns
und zwar, weil der Schadel ausserlich keine Vertiefung darbot, mit
Ersatz und Ausfullung der atrophischen oder mangelnden Theile
durch serose Fliissigkeit. Nachdem der Tod durch Phthisis pulmo-
nalis erfolgt war, wurde die Section am 4. Marz 1838 yon Henle
vorgenommen. Beim Durchsagen des Schadels floss bei zufalliger
Verletzung auf der linken Seite eine Menge blutiggefarbter seroser
Fliissigkeit aus. Die linke Hiiifte des Schadels war \ Zoll schma-
ler als die rechte, und das Stirnbein auf der linken Seite verdickt.
Der mittlere obre Thcil der linken Hemisphare des grossen Gehirns
felilte bis zum Lacunar ventriculorum und war durch einen serosen
blasigen Balg ersetzt, welcher beim Durchsagen cingerissen seinen
Inhalt ergossen hatte. Vom Seitenventrikel war diese Cyste durch
ihre Membran geschieden. Nachdem diese aufgeschnitten worden,
bot sich die erweiterte und mit viel heller seroser Fliissigkeit ge-
fiillte Seitenhohle dar. Das Monro’sche Loch war sehr erweitert,
54*
822
CEREBRALE LAHMUNGEN.
die Seitenwand fehlte fast zur Halfte, in so fern vom Corpus stria-
tum und Thalamus opticus nur Rudimente, die Halfte ihrer gewohn-
lichen Grosse, iibrig waren, die yon einem knorpelharten Rande be-
granzt waren. Corpus callosum, Fornix, Septum lucidum, die vor-
dere Commissur boten nichts krankhaftes dar. Dagegcn zeigten
sich an der Grundflache des Gehirns der Tractus opticus, die Emi-
nentia mammillaris, das Crus cerebri, der Pons und die Pyramide
der linken Seite atrophisch: yon letztrer war nur ein dunner Strei-
fen, kaum der yierte Theil der rechten Pyramide iibrig, wahrend
die Corpora restiformia auf beiden Seiten ein gleiches Volumen bat-
ten und die Oliye der linken Seite viel starker und gewolbter als
die rechte war. Beide Hemispharen des kleinen Gehirns waren
yon gleichen Dimensionen (Vgl. die treue Abbildung des in dem
hiesigen anatomischen Museum aufbewahrten Gehirns in der Inau-
guraldissertation des Dr. Eduard Henoch de atrophia cerebri. Be-
rolini 1842). Der Plexus brachialis der rechten Seite verhielt sich
normal. Die Eroffnung der Wirbelhdhle wurde nicht gestattet. In
diesem Falle zeigte sich die Commissurenformation in ihrer Inte-
gritat, wahrend eine ganze durch verschiedne Hirngebilde sich hin-
durchziehende Bahn wegen Mangels an Benutzung atrophisch war.
Ein Paar ahnliche Beobachtungen finden sich in Cruveilhier’s Anat.
path. Liv. VIII, und in Carswell's Patholog. anat. im Absdmitte
Atrophy Plate IV. Fig. 2.
Der Versuch im Gehirne einzelne Innervationsheerde fur peri-
pherische Bahnen aufzufinden, ist .schon oft gemacht worden und
missgliickt. Eben so wenig wie die an lebenden Thieren mit grossen
Zerstorungen angestellten Experimente, eben so wenig wie die mit
Commotion verbundnen chirurgischen Verletzungen, konnen compli-
ciite Krankheiten des Gehirns entscheiden. Es kommt darauf an,
eine sichre Basis zu gewinnen, damit hier nicht die der phrenologi-
schen Localisation mit Recht gemachten Vorwiirfe treffen. Aus
den Ilirnbefunden Amaurotischer (S. 24G), mag man den Weg enl-
nehmen, den man einzuschlagen hat: yon der Peripherie muss man
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
823
auf das Centrum zu wirken suchen. Folgende von Lallemand zu
anderem Zwecke mitgetheilte Beobachtung ist in dieser Beziehung
wichtig. Ein 38jahriger Soldat hatte einen Lanzenstich in der rechten
Schulter erhalten, in. dessen Folge sich ein grosses Aneurysma
der Arteria axillaris entwickelte. Wegen drohender Ruptur wurde
die Unterbindung der Subclavia oberhalb des Schliisselbeins vorge-
nommen. Beim Zuschniiren des Fadens empfand der Kranke einen
heftigen Schmerz am Halse. Am andern Tage nahm der Schmerz
ab: Warme und Gefiihl kehrten im Arme zuriick. Am vierten
und fiinften Tage stellte sich der Schmerz von neuem ein. Am
siebenten ward er heftiger : vier Aderlasse schafften keine Lindrung.
In der Nacbt vom 7 — 8ten Tage: Verlust des Bewusstseins, unru-
hige Bewegungen, besonders der untern Extremitaten (die Arme
waren in einer Bandage eingewickelt) , unbewegliche Pupillen, kur-
zer, schneller Athem, kleiner, unregelmassiger Puls. Am achten
Tage Riickwartsbiegung des Kopfes, Tod gegen Abend. Bei der
Section ergab sich, dass die Ligatur mit der Arterie diejenigen
Zweige des Plexus brachialis der rechten Seite gefasst hatte, die
vom dritten Cervicalnervenpaare abgeben. Der hintre Lappen der
linken Hemisphere des grossen Gehirns hatte an seiner Oberflache
eine griinliche Earbe: mehr nach innen war er in hokem Grade
erweicht und ebenfalls von griinlicher Farbe. In der Mitte fand
sich ein Eiterheerd, welcher sich bis nach dem Seitenventrikel aus-
dehnte: es tloss iiber einen Essloffel voll dicken grunlichen Eiters
aus. Die Hirnsubstanz im Umkreise von 2 — 3 Linien war injicirt
und von festerer Consistenz ( Lallemand recherches anatomico-patho-
logiques sur l’encephale et ses dependences. T. I. p. 123). Dieser
Fall, welcher anzudeuten scheint, dass eine andauernde Reizung ein-
zelner peripherischer Nerven in gekreuzter Richtung auf einen be-
stimmten Raum im Gehirne hinwirkt und dort Desorganisation erzeligt,
war far mich eine Aufiorderung Experimente an lebcnden Thieren
anzustellen, urn, wenn es geliingc, gleichsam eine Injection der Nerven-
fasern von der Peripherie nach dem Centrum zu bewirken. Am
824
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
24. Mai 1834 unterband ich mit Henle einem von Drchkrankheit
befallnen Hammel den Nerv. medianus in der linken Achselhohle
und betupfte mit Liq. Kali caust. ein Stuck des Nerven, von \ Zoll
Lange oberhalb der Ligatur, welches sich sogleich dunkelbraun
farbte. Das Thier zuckte, iiusserte stohnend und grunzend lebhaf-
ten Schmerz, athmete sehr schnell, unregelmassig. Das linke Vor-
derbein wrar gelahmt. Am 25. Mai war der Athem ruhiger: mit
einem Stocke von seinem Lager aufgestort, richtete sich das Thier
in die Hohe, mid stand mit schlaff herabhangendem linken Vorder-
bein. Am 26. Mai hatte sich Paraplegie eingestellt: beim Gehen
und Stehen ruhte die Last des Korpers auf dem rechten Yorder-
fusse. Der Athem wurde sehr beschleunigt, ungleich, und Mittags
erfolgte der Tod, 44 Stunden nach Anstellung des Yersuches. Der
N. medianus, welcher zum Theil vom sechsten und siebenten Hals-
nerven entsprang, hatte oberhalb der Ligatur sein normales Anse-
hen und Structur verloren, war wie plattgedriickt, bandformig, von
einer schmutzigen, rothlichgrauen Farbe und erweichter Consistenz.
Die Dura mater des Ruckenmarkes war auf der untern Flache
vom zweiten Dorsalnerven bis zum Hinterhauptloche von gleich-
massiger rother Farbe; an der obern Flache zeigte sich diese
Rothe nur in dem Zwischenraum zwischen 6 — 7. Halsnerven. Die
Substanz und Consistenz des Riickenmarks war normal : nur unter-
halb des achten Halsnerven war dasselbe etwas atrophisch, was
aber wrohl nicht Folge des Versuchs war. Die Oberdache beider
Hemispharen des grossen Gebirns war mit Blutsugillationen, beson-
ders langs dem Laufe der Gefassstiimme bedeckt. Die Hirnsubstanz
selbst erschien in alien Theilen der rechten Hemisphare normal.
Die linke Hemisphare war fast ganz ausgehohlt und mit der Was-
serblase des Coenurus angefullt, in deren Umkreise die Hirnsub-
stanz cine gelbe Farbe hatte und geschwunden, wie durchbrochen
war. Die Schadelknochen waren von normaler Consistenz, nur auf
der linken Seite, wro sie die Decke der Hydatfde bildeten, dicker
als auf der rechten.
CEREBRALE LAHMUNGEN.
825
Einige andre Versuche wurden an Nerven angestellt, welche
dem Geliirne naher gelegen sind. Am 17. Juli 1839 hatte Profes-
sor Gurlt die Gi'ite an einem rotzigen, sonst noch kraftigen Pferde
den iinken N. infraorbitalis blosszulegen. Jede Reizung dieses machti-
gen Nervenastes, yerursachte lebhaften Schmerz, Ausschlagen der
Beine, allein in keinem Gesichtsmuskel eine Spur reflectorischer
Zuckung. Das Delinen des Nerven, z. B. die Ausspannung seiner
Fasern iiber dem untergeschobnen Bistouri war durchaus schmerz-
Ios. Um das vielleicht isolirend wirkende Neurilemm als storendes
Moment des Versucks zu beseitigen, wurde der Nerv, besonders in
der Niihe seines Austritts aus dem Knochen, zu wiederholtenmalen
mit Essigsaure betiipft, wodurch er eine gelblich-braune Farbe an-
nahm. Hierauf ward ein Messingdraht lose umgelegt und dessen
Spitze in den Nerven selbst hineingesteckt. Die linke Halfte der
aussern Nase und Oberlippe batten iljr Gefuhl verloren. An
den folgenden beiden Tagen wurde das Betupfen mit Essigsaure
wiederholt. Aus der Wunde floss eine braunrothe jauckige Fliis-
sigkeit. Die Empfindlickeit des Nerven war oberhalb der lose lie-
genden Schlinge sehr erhoht, so dass die geringste Beruhrung ein
starkes Auffahren und Wegwenden des Kopfes veranlasste. Nach
unten war die Reaction weit schwacher. Vierzehn Tage wurde
das Pferd noch am Leben erhalten. Es zeigte sich beim Fressen
kein Unterschied in der Iinken und rechten Halfte der Oberlippe,
wie ihn Bell friiher zu bemerken geglaubt hat. Um noch starker
auf die Nervenfaserung einzuwirken, wurde einigemal Kalisolution
applicirt. Durch Lufteinblasen in die Venen ward das Thier am
ersten August schnell getodtet. Professor Gurlt legte den Nerven
an der Gesichtslliiche und in seinem Laufe durch den Schiidel bloss.
Nur das gereizte Stuck war Sitz eines albuminosen Exsudats zwi-
schen den Nervenfasern, wodurch die Consistenz fast eine Knorpel-
liarte hatte. Jenseits dieser Stelle war die Structur normal, sowie
im gauzcn zweiten Aste des Quintus. Weder im grossen noch
im kleinen Gehirn, noch in der Briicke, noch im verlangerten Marke
826
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
liess sich eine krankhafte Verandrung auffinden. Der hiermit uber-
einstimmende Versuch am Supraorbitalis eines Pferdes ist bereits
S. 241 mitgetheilt. Gegen dieses negative Resultat kann ich das
Ergebniss eines im Jahre 4833 angestellten Experiments anfuhren.
An einer Ziege, wo der Supraorbitalnerv nicht in einem Aste, son-
dern in mehrern Zweigen aus Oeffnungen im Stirnbein hervordringt,
wurden auf der rechten Seite zwei, auf der linken vier Zweige
unterbunden. Auch hier zeigte sich keine Wirkung auf das Seh-
vermdgen, allein nach vierzehn Tagen traten die Symptome einer
Hirnaffection ein, und bei der Section land sich Erweichung der
Hirnsubstanz an den Seitenwanden der Lateralventrikel , die eine
massige Quantitat seroser Fliissigkeit enthielten. Jedenfalls lasst
sich von fortgesetzten Untersuchungen dieser Art an Quadrupeden,
welche man lange genug am Leben lasst, einiger Aufschluss er-
warten.
Unter den pathologischen Beobachtungen, die auf die Topik der
Centralfaserung einiges Licht werfen, und die Diagnose des Sitzes
der Krankheit vorbereiten konnen, wird man nur denjenigen Ver-
trauen zuwenden, welche sich durch enge Schranken der Lahmung
und der Desorganisation, durch langes unverandertes Bestehen,
durch Mangel an Complication und durch Uebereinstimmung beim
Vergleiche mit analogen Fallen auszeichnen. Am meisten hat die
isolirte Lahmung einzelner Rumpfglieder und der Zunge die Beob-
achter beschaftigt. Nur ein Resultat, welches fast keine Ausnahme
hat, habe ich aus eigner und fremder Erfahrung. entnehmen kon-
nen: dass wo die Paralyse eines Arms oder Beins von Hirnaffec-
tion abhangig war, der Sitz derselben sich im grossen Gehirn vor-
fand. Dagegen hat sich die von einigen Neuern ( Foville , Serves )
angenommne Beziehung des Thalamus opticus zur obern Extremi-
ty des Corpus striatum zur untern nicht bestatigt, und musste
schon von vorn herein bezwcifelt werden, da ein grosser Theil der
aus dem Hirnschenkel kommenden Fasern durch den Sehhiigel sei-
nen Laul nach den gestreitfen Korpern nimmt. Ob vielleicht der
CEREBRALE LAHMUNGEN.
827
verschiedne Zug, welchen die Ausstrahlung aus dem Stabkranze
nimmt, einflussreicher ist? Die Fasern, welche .von dem hintern
Rande desselben ausgehen, dringen in den hintern Lappen des
grossen Gehirns, und hier zeigte sich in Lallemand’s Falle die
Riickwirkung von der Unterbindung mehrerer Nerven des Armge-
flechtes. Auch entspricht ein von Rostan mitgetheilter Fall den
oben gestellten Bedingungen solcher Beobachtungen. Eine liber
sechzig Jahr alte Frau litt an einer isolirten Lahmung des rech-
ten.Arms, die, als sie sechzehn Monat alt war, nacli einem An-
falle von Convulsionen eingetreten und mit Atrophie und Yerkiir-
zung des Gliedes verbunden war. Die Sensibilitat blieb ungestort.
Nacli dem an einer Brustaffection erfolgten Tode fand man vom
hintern Lappen der linken Hemisphare des grossen Gehirns nur
noch ein Fragment vorhanden: nacli aussen und oben fehlte er
ganz, so dass unter der Arachnoidea in einem Umfange von unge-
lahr zwei Zoll die Ventrikelwand sichtbar war, deren Epithelium
an dieser Stelle von einer durchsichtigen Pseudomembran bedeckt
war. Rings um diesen grossen Substanzverlust waren die Win-
dungen klein, gerunzelt, atrophisch. Der Yentrikel enthielt eine
ziemlich grosse Quantitat seroser Fliissigkeit. Das kleine Gehirn
und Riickenmark verhielten sich normal. Die Nerven des gelahm-
ten Arms waren dicker als die des gesunden Arms und von einer
dunkelgelben Farbe (Reclierches sur le ramollissement du cerveau.
2icme p> 256). In der statistischen Uebersicht, welche der
selbst so genaue und zuverlassige Andral (Clinique medic. T. V.
p. 358) von den Verhaltnissen des Sitzes der Desorganisation zum
Sitze der Lahmung gegeben hat, finden sich zwar unter 23 Fallen
von isolirter Armlahmung elf mit krankhafter Veriinderung im ge-
streiften Korper und vordern Lappen. Allein wie wenig geniigt
eine solche Angabe der Krilik, wenn man nicht einmal die Um-
stiinde erfahrt, unter welchen die Paralyse stattgefunden hat. Audi
ist es in der That nicht iiberfliissig den Namen des Beobachters
zu kennen: so erwahnt Roslan ausdriicklich (I. c. p. 251): nous
828
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
savons d’unc manure positive, que des observations de ce genre
ont faites h plaisir, und fiigt mit franzosischer Galanterie hinzu:
peut-6tre auraicnt-elles dtd communiqudes h M. Serres, qui leur
aura ajoutd cette confiance qu’on ne rencontre que chez les per-
sonnes elles m6mes tr&s v&ridiques.
Die ausschliessliche Lahmung des Beins gehort in Hirnaffe-
ctionen zu den Seltenheiten. In Andral’s Tabelle sind zwolf Falle
angefuhrt, unter denen bei zehn die Desorganisation im gestreiften
Korper oder im vordern Lappen, bei zwei im Thalamus opticus
und hintern Lappen ihren Sitz hatten. Meiner Beobachtung hat sich
bisher nur ein Fall dieser Art, obschon nicht ganz frei von Com-
plication, bei einer drei und siebenzigjahrigen Wittwe darge-
boten, welche im Jahre 1828 von einer Lahmung des rechten
Arms und Beins befallen bei mir Iliilfe suchte. Anfangs waren
die Muskeln welk und schlafT: spaterhin contrahirten sie sich, be-
sonders am Vorderarm und in der Hand dergestalt., dass es nur
mit der grossten Anstrengung gelang, die Finger aus ihrer flectir-
ten Stellung zu losen, nicht aber sie extendirt zu erhalten, da sie
augenblicklich wie elastische Federn zuriicksprangen. Es hatten
sich durch die langere Dauer Gruben in der Handflache gebildet,
welche wie mit einer Schleimhaut uberzogen waren und eine dicke
Fliissigkeit von widerlichem Geruche absonderten. Am Fusse war
die Contractor schwacher. Sechs Monate vor dem Tode, welcher
44 Jahr nach dem Eintritte der Hemiplegie, zu welcher sich De-
mentia gesellt hatte, erfolgte, stellte sich eine Lahmung des linken
Beins mit Contractor der Muskeln ein. Der linke Arm behielt bis
zuletzt seine Motilitat ungestort. Bei der am 15. Februar 1832
vorgenommenen Section fand sich im obern Lappen der linken
Hemisphare des grossen Gehirns dicht am Corpus callosum eine
Verhartung der Marksubstanz von brauner Farbe vor, welche sich
durch die linke Halfte des Balkens in die linke ITalfte der durch-
sichtigen Schcidewand fortsetzte und allmahlich in die gesunde
Subslanz uberging. Der linke Thalamus opticus war abgeplattel
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
829
id atrophisch, einen halben Zoll kleiner als der rechte. Im hin-
m Theil des hintern Lappens der linken Hemisphare hatte un-
eit der Oberflache eine alte Bluthohle von der Grosse einer
irsche ihren Sitz, die von verharteter Ilirnsubstanz umgeben mit
ner diinnen Membran ausgekleidet war und altes ocherahnliches
i lut enthielt. Im Corpus striatum der rechten Seite und in der
ngranzenden Markstrahlung war eine verhartete Stelle befindlich,
an dem Umfange einer Haselnuss, von hockriger Beschaffenheit,
rrauner Farbe und dem Ansehen, als ware vor langerer Zeit Blut
arin ausgetreten, welches theilweise resorbirt, theilweise eingetrock-
et und mit der Hirnsubstanz selbst verwebt war, wie ich es
) lehreremal als Residuum fruherer Hamorrhagieen , ohne alle Spur
iiner Cyste, angetroffen habe. Die Arterienstamme und Zweige
I es Gehirns, so weit ich sie verfolgte, waren in einem bedeutenden
Grade incrustirt. Die Dura mater war an vielen Stellen mit dem
uchadel test verwachsen. Die Arachnoidea verdickt, langs der
'iichel mit Exsudaten bedeckt und mit der Pia mater ver-
wachsen.
Zur Bestimmung des Centralsitzes der Zungennerven felilt es
nicht an Annahmen, welche, wie verschieden sie auch sind, durch
leobachtungen gestutzt werden — allein versaumt hat man in der
vlehrzahl den Antheil, welchen das Gehirn als psychisches Organ an
ler Glossoplegie nimmt, von dem Antheile desselben als Heerdes der
Centralfaserung des Hypoglossus zu unterscheiden. Nur solcbe
Fiille konnen bier zur Erlauterung benutzt werden, wo bei Integri-
,at des Bewusstseins, bei Abwesenheit von Gedachtnissscbwache
and Blodsinn, die articulirende Bewegung gehemmt oder aufgeho-
ben ist. Ich wiihle folgende fiinf Beispiele, weil sie moglichst frei
ron Complicationen sind, ohne ihnen jedoch einen grosseren Wertli,
als einen die Aufmerksamkeit anregenden zuzuschreiben. Der erste
Fall betrifTt eine betagte Frau, welche drei Jahre zuvor plotzlich
ihre Sprachc verloren hatte, ohne die geringste Storung .des Be-
wusstseins, der Motilitat ujkI Sensibilitat. Die Beweglichkeit der
830
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
/
Zunge war nach alien Richtungen hin ungehindert. Der Tod
wurde durch eine Herzkrankheit herbeigefiihrt. Bei der Section
fand Andral nahe am hintern Ende des linken gestreiften Korpers
eine Erweichung vom Umfange einer dicken Erbse, und in der
rechten Hemisphere, an der Vereinigung der vordern Halfte mil
der hintern, gleich weit vom innern und aussern Rande, eine er-
weichte Stelle von derselben Grosse (Clinique medicale T. V. p.
454). Zwei durch die Identitat der Symptome und Leichenbefunde
so ubereinstimmende Falle, dass sie in dieser Hinsicht mit genauen
physiologischen Experimenten verglichen wrerden konnen, sind von
Bright beschrieben. In beiden zeigte sich die erschwerte Articu-
lation durch die ganze Krankheit, mehrere Monate hindurch: auch
das Schlucken war schwierig: wiederholte Anfalle von unvollstandi-
ger Paralyse der Rumpfglieder hatten sich eingefunden: das Be-
wusstsein war unbenommen. Ausser Erweichung in beiden ge-
streiften Korpern mit den Ueberbleibseln von Blutextravasaten
wurde in den Gehirnen keine krankhafte Veranderung aufgefunden.
(Reports of medical cases Vol. II. P. 1. p. 296 — 301). Der vierte
und fiinfte Fall kamen in dem Kreise meiner Beobachtung vor.
Ein sechszigjahriger Schullehrer litt seit anderthalb Jahren an Lah-
mung der untern Extremitaten ohne Betheiligung der Sensibilitat.
Yon Anfang an hatte sich eine erschwerte Articulation eingefunden:
es dauerte langere Zeit, ehe er das Wort aussprechen konnte :
darin geschah es jahe, ubersturzend, mit zischendem Laute. Spa-
terhin nahm Stammeln immer mehr uberhand, und ging zuletzt in
ein unverstandliches Lallen Fiber , bei vollkonnnner psychischer Inte-
gritiit. Die Locomotion der Zunge blieb ungestort. Professor
Schlemm hatte die Gate, das Gehirn zu untersuchen. Nur im
Corpus striatum der linken Hemisphare fand sich eine krankhafte
Veranderung vor, eine Atrophie eigenthiimlicher Art, wovon ich
noch das Praparat aufbewahre. Medulla oblongata verhielt sich
normal. Die Eroflhung der Wirbelholde wurde nicht gestattet.
Der funfte Fall belriflt einen neun und dreissigjahrigen Ulirmacher,
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
831
welcher seit langerer Zeit an Lungentuberkeln leidend am 24. No-
ember 1824, als er von Schweiss triefend der Zugluft ausgesetzt
war, plotzlich umfiel und sprach- und bewegungslos liach seinem
Iause gebracht wurde. Ich sah ihn bald darauf: die rechten
Itumpfglieder waren gelahmt mid der Empfindung verlustig, das
echte Auge erblindet mit erweiterter Pupille, das Bewusstsein
rei , die Fahigkeit zu sprechen ganz aufgehoben. Bei einer anti-
[ thlogistischen Behandlung schwanden scbon in den nachsten Tagen
ilie Ajiiisthesie und Amaurose, allein Hemiplegie und Sprachlosig-
k :eit dauerten bis zum Tode fort. Auch hatten sich heftige Schmer-
!' en im gelahmten Beine eingefunden, welche fast ohne Unterlass
• ortdauerten. Die Phthisis pulmonalis saumte nicht in ihren Fort-
> chritten, und der Kranke starb am 14. Februar 1825. Bei der
Section zeigte sich das Gehirn normal, mit Ausnahme des linken
l Corpus striatum, welches von breiweicher Consistenz und braunlicher
I ?arbe mit gesprenkelter Rothe war. In beiden Lungen fanden sich
■ine Menge Tuberkel und mehrere Excavationen , der linke Ventri-
v;el des Herzens war hypertrophisch.
Am seltensten hat man Gelegenheit bei isolirten Lahmungen
:inzelner Nervenbahnen eine circumscripte Yeranderung im Gehirne
nachweisen zu konnen. Aus diesem Grunde mag folgender, auch
i lurch die Personlichkeit des Kranken bemerkungswerthe Fall er-
vahnt werden. Dupuytren wurde im Jahre 1834 wahrend eines
dinischen Vortrags von Lahmung des linken N. facialis befallen und
latte den Muth die Vorlesung fortzusetzen , indem er mit dem
7inger die linke Lippenfuge stiitzte. Friiher hatte er schon ein-
nal einen leichten Anfall von Schwindel gehabt, der sich spaterhin
wahrend seiner Beise nach Italien wiederholte. (Der linke Nasen-
lugel blieb bis zum Tode 1835 collabirt.) Bei der Section fand
iein Freund Cruveilhier eine hellgelbe Narbe an der iunern Flaclie
ler rechten Seitenhohle, hinter dem Thalamus opticus, am Ein-
gange des hintern Ilorns (Fovea digitata). Eine kleine mit zelligem
araunlichem Gewebe gefullte Hohle hatte in der grauen Substanz
832
CEREBRALS LAIIMUNGEN.
des rechten Corp. striatum und eine ganz ahnliche im grauen
Kern des linken Streifenliugels ihren Sitz ( Cruveilhier anat. patho).
Livr. XX. p. 11). Auch hier hat sich bestiitigt, dass ausschliess-
liche Betkeiligung der grauen Substanz den Yerlust der Motilitiit
nicht zur Folge hat, da Dupuytren ausser an der halbseitigen Ge-
sichtslahmung , auf welche die vernarbte Stelle an der Wand der
gegenuberstehenden Seitenhohle bezogen werden kann, niemals an
einer andern Paralyse gelitten hat.
Das seltne Vorkommen der paraplektischen Form der Hirnlah-
mungen ist bereits oben erwahnt worden. Es wiirde noch seltner
sein, wenn in den mitgetheilten Beobachtungen mehr Kritik auf
Annahme der Paralyse verwendet worden ware: allein Immobilitat
aus Mangel an Willensimpuls, Unregelmassigkeit und Unfahigkeit der
Bewegung wegen statischer Storungen sind hier mit einbegriffen,
so wie andrerseits in Fallen yon wirklichem Verluste der Leitung
in beiden Rumpfhalften die versaumte Untersuchung der Wirbel-
hohle eine genaue Folgerung unstatthaft macht. Desorganisationen
und Aftergebilde im verlangerten Marke, im angranzenden Cerebel-
lum und Pons haben ofters Paraplegie, mehr oder minder vollstan-
dig in ihrer Begleitung, so wie dies zuweilen auch bei gleichzeiti-
ger oder successiver Veriinderung in beiden Hemispharen des gros-
sen oder kleinen Gehirns der Fall ist. Am haufigsten zeigt sie
sich, besonders Lahmung der untern Extremitaten , im chronischen
Hydrocephalus (Ygl. S. 434). „Auf die Fiisse gestellt stiirzen sie
ohne l'remde Hiilfe auf der Stelle zusammen; yon beiden Seiten
unterstutzt versuchen sie wold vorzuschreiten , allein der halbge-
lahmte Fuss streift schwerfallig fiber den andern und die Wade
desselben bleibt auf dem Sckienbeine des andern liegen, ohne weiter
bewegt werden zu kbnnen“ ( Golis praktische Abhandlungen iiber
die yorzugiicheren Krankheiten des kindlichen Alters. Wien 1818.
2. Bd. S. 43).
Naher bekannt als mit dem Einllusse des Sitzes ist man mit
den Modificationen der Lahmung, welche yon der Eigenthundickkeit
CEREBRALE LAHMUNGEN.
833
der sie bedingenden Gchirnkrankheit abhangig sind. Verlauf [der
Paralyse und Beschaffenheit der gelahmten Theile zeigen eine Ver-
schiedenheit , je nachdem Ruptur der motorischen Centralfaserung,
oder Reizung, oder Druck, oder Atrophie, oder eine Com-
bination dieser Zuslande zu Grande liegt. Falle ohne Compli-
cation, von chronischer Dauer, wo die Paralyse der isolirte oder
hervorstechende Zug ist, sind am lehrreichsten. Der Schluss der
Krankheit eignet sich nicht zu solchen Beobachtungen, weil durch
den ganzlichen Verfall der Hirnenergieen die specifischen Attribute
der Lahmung verwischt werden.
Lahmung von Ruptur der Faserung entsteht durch Bluterguss
in der Hirnsubstanz. Sie entwickelt sich nicht, noch nimmt sie
allmalich zu — von Anfang an zeigt sie sich auf ihrer Hohe und
hat den Karakter der Beharrlichkeit. Die Muskeln fiihlen sich ge-
wohnlich schlatF und welk an. Nach der Behauptung einiger fran-
zosischer Aerzte soil zwar bcim Durchbruch des Blutextravasats
nach den Ventrikeln oder nach der Oberflache des Gehirns Con-
tractur der gelahmten Muskeln eintreten (Durand- Far del traite du
ramollissement du cerveau. Paris 1843. p. 195), doch habe ich
mich in zwei genau beobachteten Fallen davon nicht uberzeugen
konnen. Die Sensibilitat nimmt selten Theil und wenn Aniisthesie
vorhanden, ist sie nicht von Bestand.
Entziindungsheerde in der Hirnsubstanz setzen eine Desorganisa-
tion mit Reizung, welche sich in der davon abhangigen Lahmung
unzweideutig durch folgende Merkmale ausspricht: 1) Hinzutritt spa-
stischer Erscheinungen zu den paralytischen. Steifheit und Con-
tractur der Glieder sind die hiiufigsten und wichtigsten, entweder
(li'ichtige oder beharrliche, auf einzehie Muskelgruppen beschrankt
oder auf viele ausgedehnt. Selten sind convulsivische Erschiitterun-
gen von kurzer Dauer. 2) Veranderlichkeit, Abwechslung von
Besserung, stationiirem Zustande, Verschlimmcrung. Zu Zeiten
werden die Finger wicder rege, der Kranke kann einen starkern
Druck mit der Hand ausiiben, den Arm besser heben, das Bein
834
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
leichter bewegen — allein schneller oder langsamer findet nicht
nur eine Riickkehr, sondern auch eine Steigerung dcr Lahmung
statt, wovon die Ursache gewohnlich unerheblichen Dingen zuge-
schrieben wird, wahrend sie im Verlaufe der Krankheit selbst.be-
griindet ist. 3) Theilnahme der Sensibilitat: Abnahme, Yerlustdes
Hautgefuhls, Schmerzhaftigkeit, welche zur Anasthesie sich gesellt,
oder auch ohne dieselbe eintritt, zumal mit den Contracturen , und
beim Yersuche das Glied auszustrecken einen hohen Grad erreicht.
Auch den Folgen der Entzundung, der Erweichung und der Ver-
hartung, kommen diese Karaktere der Lahmung zu. Einige Bei-
spiele, welche ich meiner Beobachtung entnehme, mogen zur Er-
lauterung dienen:
Ein sechs und sechszigjahriger Mann wurde im September 1835
yon einem apoplektischen Anfalle mit Lahmung der rechten Seite,
besonders des Arms, getroffen, wovon er mit Ausnahme einer
Muskelschwache des Arms nacli einigen Wochen wieder ge-
nas. Im Anfange Novembers wiederholte sich der Anfall. Das
rechte Auge stand ofFen, iiber dem linken hing das obre Lid schlaff
herab, die linke Lippenfuge war abwarts gezogen, der Kranke war
unfahig, die Zunge aus dem Munde zu strecken und einen articu-
lirten Laut von sich zu geben, Arm und Fuss der rechten Seite
waren gelahmt, und die Muskeln des Arms contrahirt, so dass die
Hand gegen den Vorderarm, der letztere gegen den Oberarm ge-
bogen war. Jeder Versuch die Hand oder den Arm auszustrecken,
war sehr schmerzhaft ; auch schrie der Kranke ofters iiber Schmer-
zen in den gelahmten Gliedern laut auf. Zuletzt tiefer Sopor, De-
cubitus, und am 5. December der Tod. Bei der Section land ich
braungelbe Erweichung des linken Corpus striatum, welches seine
streifige Structur ganz verloren hatte, Erweichung des vordern
Lappens der linken Hemisphiire des grossen Gehirns bis zur Basis,
und eines Theils des mittleren Lappens. Zwischen Arachnoidea
und Pia mater des grossen Gehirns war ein betrachtliches seros-
albuminbses Exsudat angesammelt.
CEREBRALE LAHMUNGEN.
835
Eine achtzigjiihrige Frau liatte seit zwei Jahren nach einem
apoplektischen Anfalle eine Lahmung des rechten Arms und Beins
behalten. Die Sensibilitat der Glieder war ungestort, so wie auch
die Reflexbewegung. Beim Kneifen der Haut des Vorderarms zog
•sich der Arm zuriick, was die Kranke mit dem starksten Willens-
impulse ausser Stande war auszufiihren. Auch zeigte sich jedes-
imal beim tiefen Inspiriren eine rotirende Bewegung des gelahmten
(Oberarms, welche sich auf den Vorderarm fortsetzte. In dem letz-
ften halben Jahre machte sich eine Abnahme der Hemiplegie be-
imerkbar, allein die intellectuelle Kraft war gebrochen. Am 11.
Mai 1834 kehrte der apoplektische Anfall zuriick, mit vollkommner
! Lahmung des rechten Arms und Beins. Dazu hatte sich ein neues
"Symptom gesellt. Der Kopf war nach der rechten Schulter so
'Starr herabgebogen, dass ich mit der grossten Anstrengung ihn
inicht aus dieser Stellung zu bringen yermochte. Sprache und
‘‘Schlingvermogen hatten aufgehort: mit grosser Miihe streckte sie
i die Zunge heraus und lallte einige Laute; alles Genossne kam aus
idem Munde zuriick, oder fiel, krumen- oder tropfenweise in den
ILarynx und veranlasste suiFocatorische Zufalle. Am 14. Mai er-
Ifolgte der Tod. Die Contraction der Halsmuskeln dauerte nocli
acht Stunden .nach demselben fort. Bei der Section fand ich im
Ihintem Lappen der linken Hemisphare des grossen Gehirns und
dm mittleren Lappen, in der Nahe des Thalamus opticus, eine
teigenthiimliche Desorganisation, welche ich schon mehreremal an-
.getrolfen habe. Die Farbe war gelblich, die Consistenz weich: die
'Schnittfiache liess sich wie Ilonig ziehen, die Substanz war poros
mnd von kleinen Hohlen, welche das Ansehen der sogenannten
Augen im Schweizerkiise hatten, durchsetzt. Das linke Crus ce-
rebri war durch und durch erweicht, von braunschwarzer Farbe.
Der obre vordre und obre untre Lappen der linken Hemisphare
des kleinen Gehirns waren zu einer sehr weichen blutgetrankten
Masse zergangen. Diese Desorganisation verlor sich unmerklich in
die gesunde Substanz, welche von einer Menge strotzender Gelasse
Roialiorg’s Ncrvcukrankheitei) I. 3. 55
83G
CEREBRALE LAHMUNGEN.
durchzogen war. Der vordre Lappen der rechten Hemisphere des
arossen Gehirns war Sitz einer rothen Erweichung von purpurfarb-
nem geflecktem Ansehen. Die Gefassstamme und Aeste des Ge-
hirns waren grosstentheils incrustirt. Weder an der Oberdache
noch in den Ventrikeln fand sich ein seroses Exsudat vor. —
Dieser Fall zeichnet sich durch die Contractur der Halsmuskeln
auf der gelahmten Seite aus, wodurch der Kopf starr abwiirts ge-
zogen und gehalten wurde. Dieselbe Erscheinung zeigte sich bei
der S. 311 beschriebnen Kranken, wo eine Erweichung der Hirn-
substanz im hintern Lappen und im Thalamus opticus statt fand.
Bei lebenden Thieren ist nach Durchschneidung des Hirnschenkels
oder des Sehnervenhiigels eine iihnliche Stellung des Kopfes nach
der entgegengesetzten Seite beobachtet worden.
Eine neun und vierzigjahrige , zuvor gesunde, kraftige Frau,
klagte, als ihre Menstruation unregelmassig zu warden anting, uber
Schwindel, Ohrensausen und Schwache des linken Arms. Im Fe-
bruar 1842 stellten sich Zuckungen desselben ein, und Zunahme
der Schwache bis zur Lahmung. Nur mit Hiilfe der rechten Hand
war sie im Stande den linken Arm zu heben: die Finger waren
in steter Contraction, und das Hautgefuhl war zumal an der Streck-
seite gering. Die Bewegungen des rechten Arms gingen auch et-
was schwer von Statten, und beide untre Extremitaten versagten
beim Yersuche aufzustehen ihren Dienst: mit Unterstiitzung eines
Andern schleppte sie sich einige Schritte fort, wobei die Fiisse,
wie bei hydrocephalischen Kindern sich kreuzten. (Aderlass, wie-
derholte Application von Schropfkopfen in den Nacken, Ableitun-
gen auf den Darmkanal). Gegen Ende des Monats zeigte sich
eine auffallende Besserung in der Motilitat und Sensibilitat des lin-
ken Arms, welchen die Kranke wieder zu heben vermochte. Die
Contractur der Finger hatte aufgchort. Am 10. Marz bemerkte
man psychische Aufgeregtheit, Zucken der Gesichtsmuskeln, unruhige
Bewegungen mit den Armen. Nach einer Veniisection am Fusse
traten die Katamenien reichlich ein , allein ohne giinstige Wirkung.
CEREBRALE LAHMUNGEN.
837
Seitdem gab sich eine bedeutende Abnahme der intellectuellen
Kraft kund, schwere Besinnlichkeit, zogernde Sprache, haufige Kla-
gen iiber Schmerzen im Kopfe und in den Gliedern, yon solcher
Heftigkeit, dass sie laut aufschrie. Tobsiichtiges, verworrenes Spre-
clien: bald schien sie ihre Umgebungen zu kennen, bald nicht.
Wiederholte Dosen von Morphium beruhigten. Jetzt zeigte sich
die merkwiirdige Erscheinung, welche ich das Eccho genannt habe
(S. 564), und dauerte bis kurze Zeit vor dem Tode fort: die
Kranke wiederholte monoton die in ihrer Nahe gesprochnen Worte,
ohne einen Begriff damit zu verbinden; so sprach sie jedesmal
meine Fragen nach: „zeigen Sie die Zunge, lieben Sie den Arm
auf“, ohne das Geforderte zu thun. Im April dauerte das Irresein
fort, unterbrochen von ruhigen Tagen, an welchen das Bewusst-
sein klarer war. Die Lahmung und Contractur machten grosse
Fortschritte, welche besonders im linken Arme und rechten Beine
hervortraten. Aufrechtsitzend im Bette, hatte die Kranke, selbst
wenn sie gestiitzt wurde, stets eine Neigung vorne uberzufallen.
Im Mai gesellte sich Amaurose beider Augen mit Unbeweglichkeit
der miissig erweiterten Pupillen hinzu. Der geistige Zustand wech-
selte zwischen klarem Bewusstsein und lautem tobendem Irrereden.
Die Paraplegie war vollstandig, die Contractur, nur auf die Finger
beschrankt, horte in den letzten Tagen auf, so dass die Finger und
Arme ohne alles Schmerzgefuhl gestreckt werden konnten. Auch
kehrte Ruhe, Gediichtniss, Bewusstsein zuriick. Am 25. Mai er-
folgte der Tod unter den Zulallen der Lungenlahmung. Beide
Ilemispharen des grossen und kleinen Gchirns, beide Sehnerven-
hiigel und gestreifte Korper waren der Sitz emer grossen Zahl,
auf zwanzig sich belaufender Entziindungsheerde , auf verschiednen
Stufen der Entwicklung, mit einfacher Injection und Zunahme der
Consistenz, mit dunkelrother Farbe und beginnender Erweichung,
mit mattweisser Farbe und breiiger Weichheit. Einige waren
schon in Abscessbildung iibergegangen und von einer eignen Mem-
bran eingeschlossen. In einem Heerde in der Mitte der rechten
55*
838
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
Hemisphare des grossen Gehirns war ein Blutextravasat enthalten,
welches sich in einen diinnen serosen und einen klumpigen geron-
nenen Theil geschieden hatte. Der Umfang war verschieden, von
der Grosse einer Erbse bis zu der eines Viergroschenstiicks.
Die Form bei den meisten rund, bei einigen oval. Am reichlich-
sten waren die kleineren in die Streifenhugel eingesprengt.
Eine aclit und zwanzigjahrige , friiher gesunde Frau, Hess nacb
einer vor mehreren Jahren stattgehabten Verletzung ihres Kopfes
durch Anstossen an eine eiserne Stange eine psychische Veriin-
derung wahrnehmen. Ihr Frohsinn verschwand; sie ward lassig,
murrisch, argwohnisch gegen ihren Mann. Eine unbesiegbare Mii-
digkeit iiberwaltigte sie otters am Tage, so dass sie sitzend einzu-
schlafen pflegte. Heftiges driickendes Kopfweh kehrte in unbestimm-
ten Zwischenraumen wieder, bielt Tage, selbst Wochenlang an,
nahm durch die Kalte ab, wurde bei heisser Witterung unertrag-
lich. In den ersten Tagen des Decembers 1838 verlahmte der
Kranken beim Brodschneiden plotzlich die linke Hand und gerieth
in zitternde Bewegung, doch achtete sie weniger darauf, da diese
Erscheinung bald wieder von selbst verschwand. Am 21. Decem-
ber trat ein ernstlicherer Anfall ein. Die Kranke war sitzend ein-
geschlafen, den Kopf am warmen Ofen gelehnt. Beim Erwachen
konnte sie weder Arm noch Fuss der linken Seite riihren, die
Sprache war langsam mid schwer, obgleich die Zunge beim Aus-
strecken ihre grade Richtung behielt. Das linke obere Augenlid
war mehr als das rechte gesenkt, der Mund etwas nach der rech-
ten Seite gezogen. Der Kopf war heiss und die Gesichtsfarbe
roth (Aderlass, kalte Umschlage, Abfuhrungsmittel). Yon Tag zu
lag schwanden rasch wieder die Symptome der Lahmung. Es
kehrte zuerst am Fusse, dann an der Hand das Bewegungsvermo-
gen zuriick, und zwar an letzterer vom kleinen Finger anfangend
und von lunger zu Finger bis zum Daumen allmahlich fortschreitend.
Die Sprache ward ebenfalls gelaufiger. Doch schon am zehnten
Tage nach diesem Anfalle schien ein Recidiv zu drohen: das Gehen
CEREBRALE LAHMUNGEN. ' 839
ward miiksamer, das linke Augenlid senkte sick, der Puls wurde
frequent. Nach einem Aderlasse trat alles wieder in’s Geleise. Ein
zweiter keftiger Anfall stellte sick am 19. Fekruar 1869 ein. Man
fand die Kranke auf dem Bette an der reckten Seite gelakmt; das
reckte Auge war erklindet und die Zunge unkeweglick. Das Be-
wusstsein wurde von Tag zu Tag sckwacker: jede Frage ward mit
einem monotonen Ja und zuletzt gar nickt mekr keantwortet. Die
Immobilitat der Glieder keider Rumpfhalften weckselte mit Zittern
und Zuckimgen, welcke in den letzten Wocken des Lekens sick
kesonders keftig zur Nacktzeit einfanden und auck auf die Brust-
mu skein iibergingen. Am 11. Marz nakmen auck die Gesicktsmus-
keln Tkeil und zwar auf die Weise, dass die Kranke nack jeder
Anregung, sei es durck Anrede oder durck Bewegung eines Glie-
des, keftig zu lacken kegann. Am 18. Marz erfolgte der Tod nack
vorker eingetretenem Sopor. Bei der am folgenden Tage vorge-
nommenen Section fand sick in der reckten Hemisphere des grossen
Gekirns eine ganzlicke Erweickung und graugelke Farke des Cen-
traltkeils. Eine aknlicke Desorganisation katte in der linken Hemi-
spkare ikren Sitz, jedock yon grosserem Umfange, bis nack der
Basis, und in den Seknervenkiigel sick erstreckend.
Man hat zwar gegen das Einmiscken der Merkmale der Reizung
in die von Hirnerweickung akkangige Lakmung Zweifel und Ein-
wiirfe erkoken, allein versaumt in patkologiscker Hinsickt, wie es
auck in anatomiscker gesckeken, die versckiedenen Zustiinde der
Erweickung gekorig zu untersckeiden. Okgleick ick im Akscknitte
fiber die Bildungskrankkeiten der Nervenapparate ausfiikrlicker dar-
auf zuriickkommen werde, so geniige es kier anzudeuten, dass in
einer Art der Erweickung Exsudat gerinnfakiger Stoffe vorkanden
ist, und die mikroskopiscke Untersuckung von Valentin, Gluge und
inskesondere Bonnet Exsudatkorpercken und Aggregate von Kor-
nern etc. nackgewiesen kat. In der nickt geringen Zakl soldier genau
kesckriebenen Fallc kat Bennet stets die Reizungssymptome, zumal
/ die Contractur im Verein mit der Lakmung keobacktet (Vgl. Bennet
840
CEREBRALE LAHMUNGEN.
Pathological and histological researches on inflammation of the ner-
vous centres. Edinburgh 1843 p. 78). Diese entziindliche Erwei-
chmig gesellt sich sehr oft zu andern Desorganisationen des Gehirns,
zu hamorrhagischen Cysten, Geschwiilsten etc., und giebt entweder
iiberhaupt erst zum Eintritte der cephalitischen Lahmung oder,
wenn bereits Paralyse vorhanden war, zu den oben geschilderten
Erscheinungen, einzelnen oder mehreren, Anlass.
Lahmung von Compression des Gehirns ist gewohnlich durch
allmahliche Entwickelung und durch die Verbindung mit Convulsio-
nen, ortlichen und allgemeinen, karakterisirt. Die Eigenthiimlich-
keit, der Sitz und Umfang der comprimirenden Geschwulst mid
andererseits die Beschaffenheit der umgebenden Hirnsubstahz haben
einen unverkennbaren Einfluss. Carcinomatose Geschwiilste zeich-
nen sich oft durch heftige Schmerzen in den gelahmten Theilen aus,
die nebst intensivem Kopfschmerz zuweilen langere Zeit der Para-
lyse vorangehen. Die von mir behandelte fiinf und vierzigjahrige
Frau eines hiesigen Malers litt seit acht Jahren an heftigen reissen-
den Schmerzen in der rechten Seite des Kopfes, so wie auch im
linken Arm und Beine, clessen Kraft der Bewegung seit einiger
Zeit abgenommen hatte. Im November und December 1838 schritt
die Hemiplegie weiter vor: die Kranke konnte den Arm nur
bis zu einer gewissen Hohe heben, und schleppte den Fuss nach.
Schneller und kraftiger gingen die Reflexbewegungen, beim Kneifen,
Kitzeln der Ilaut vor. Die Klagen fiber Schmerzhaftigkeit der
gelahmten Glieder, zu welcher sich auch tliichtige Contracturen, be-
sonders des linken Kniees gesellten, dauerten fort. Im Kopfe bat-
ten die Schmerzen seit Eintritt der Paralyse nachgelassen. Das
Bewusstsein blieb ungestort, die Sprache wurde trage und zogernd.
Zuletzt vollstandiger Verlust der Motililat im linken Arm und Bein,
Aufhbren der Schmerzen und Contractor, Tod am 15. Februar
18ot), nach vorangegangener Haemoptysis. Bei Eroffnung der Schii-
delhohle fand ich die Dura mater an mehreren Stellen fest am
Knochcn adharirend, besoiiders in der Gegend des hintern Xappens
CEREBRALE LAHMUNGEN.
841
der rechten Hemisphare des grossen Gehirns. Hier war der Kno-
chen auf seiner inneren Flache rauh, wie wurmstichig. Die Mem-
branen waren an dieser Stelle auf’s festeste miteinander und der
Hirnsubstanz yerwaehsen. Die letztere zeigte sich in dem Umfange
eines halben Eies in eine carcinomatose blaulich-weisse Masse, mit
eingesprengten harten Kernen verwandelt, wovon einzelne Stiicke
in Zapfenform an der abgelosten Dura mater hafteten. Im Um-
kreise dieser Desorganisation began n eine Erweichung des Gehirns
die den grossern Theil des hintern und mittlern Lappens einnabm,
und sich bis zum Niveau des Ventrikels erstreckte und die angran-
zenden Schichten des Thalamus opticus und zum Theil auch des
gestreiften Korpers in eine Crehne ahnliche, mit dem Skalpellhefte
leicht wregzuwischende Masse umgewandelt hatte.
Bei Tuberkelgeschwiilsten, welchen das kindliche Lebensalter am
meisten ausgesetzt ist, kommen Convulsionen am haufigsten vor,
als Yorboten oder Begleiter der Lahmung, nach meiner Beobach-
tung besonders dann, wenn das grosse Gehirn Sitz derselben ist.
Das auffallendste Beispiel sah ich im Jahre 1836 bei einem sieben-
jahrigen Knaben, welcher von Geburt an Lahmung des rechten
Arms und Fusses, bei unbetheiligter Sensibilitat , an epileptischen
Anfallen, worm auch die paralytischen und abgemagerten Glieder
von Zuckungen befallen wurden, an Idiotismus und Sprachlosigkeit
gelitten hatte. Der Tod erfolgte an Meningitis. Zwischen Arachnoidea
und Pia mater der linken Hemisphare des grossen Gehirns fand sich
ein betrachtliches seros-albuminoses Exsudat. Das Gehirn selbst
erschien von normalem Bau: die fasrige Structur war wegen der
festen Consistenz so deutlich und schon, dass Professor Henle, wel-
cher die Giite hatte die Section zu machen, bedauerte, dieses Ge-
hirn nicht zur anatomischen Demonstration benutzen zu konnen.
Und Idiotismus! Doch stellte sich bei der weitern Untersuchung we-
nigstens der Grund der Ilemiplegie heraus: in der Mitte des linken
Grosshirnschenkels hatten zwei eingekapselte Tuberkel, von der
Grosse einer dicken Erbse, in der Entfernung eines viertel Zolls
842
CEREBRALE LAHMUNGEN.
von einander ihren Sitz. Es geht auch aus diesem Falle hervor,
wie nothwendig es ist, auf dieses wichtige Gebilde, welches von
alien Faserzugen nach und von dem Grosshirn durchsetzt wird, die
Aufmerksamkeit zu richten.
Grad und Ausbreitung der durch Druck bedingten Lahmung
sind nicht bloss von der Raumlichkeit des comprimirenden Anlasses,
worauf man am meisten Gewicht zu legen pflegt, abhangig: von
grosserer Bedeutung diirfte wold die Richtung sein, in welcher der
Druck wirkt. Die Aufklarung dieses Gegenstandes aus dem noch
dunkeln Gebiete der Mechanik der Hirnactionen wiirde durch Ver-
suche an lebenden Thieren vorbereitet werden konnen. Aus meh-
reren genauen pathologischen Beobachtungen ergiebt sich, dass der
Druck von unten nach oben nur ausnahmsweise paralysirend wirkt,
wahrend dieser Einfluss bei entgegengesetzter Richtung gewohnlich
ist. Zum Belege dienen die Geschwiilste der Glandula pituitaria,
die zuweilen einen solchen Umfang erreichen, dass sie die oberhalb
gelegenen Theile, Seitenhohlen, Seh- und Streifenhiigel aus ihrer
Lage verdrangen. So war ich im October 1822 bei der Section
einer funfzigjahrigen Frau zugegen, welche seit langrer Zeit an
Amaurose beider Augen, an Fatuitat, und in den beiden letzten
Monaten ihres Lebens an epileptischen Anfallen gelitten hatte, die
besonders in der Nacht eintraten. Von Lahmung hatte sich keine
Spur gezeigt. Eine Geschwulst von dem Umfange eines kleinen
Apfels sass auf dem hintern Theil der Lamina cribrosa des Sieb-
beins und auf der Sella turcica dergestalt fest , dass die Ablosung
nur unvollstandig statt hatte. Sie wog vier Unzen und bestand aus
einem knorpelharten, gelblichen, mit weissen und blaulichen Streifen
durchzogenen Gewebe. Die Glandula pituitaria und das Chiasma
der Sehnerven war nicht zu unterscheiden. Nach oben hatte die
Geschwulst einen so starken Druck ausgeiibt, dass die Seitenhohlen
des Gehirns auf das Lumen eines Catheters verengt waren. Im
Umkreise zeigten sich die vordern Lappen grosstentheils erweicht,
und boten dieselbe BeschafFenheit dar, welche ich S. 835 geschil-
CEREBRALE LAHMUNGEN.
843
dert habe. Die Thai. opt. und Corp. striata waren von weicher Consi-
stenz und abgeplattet. — In dem Mangel an Lahmung stimmen auch
die yon Engel in seiner Schrift iiber den Hirnan bang und den
Trichter (Wien 1839) angefuhrten Falle (S. 23 — 28) mit diesem
uberein und erinnern an die an peripherischen Nerven gemachte
Beobachtung, dass wenn sie oberhalb einer Gescbwulst verlaufen
und allmahlich gedehnt werden, keine Unterbrechung ihrer Functio-
nen statt findet (Vgl. S. 709). Dass auch eine Yerschiedenheit in
der Wirkung des Druckes yorhanden ist, je nachdem die compri-
mirende Geschwulst eine longitudinale oder transversale Richtung
inne hat, lasst sich aus den Yersuchen yon Flour ens vermuthen,
wonach ein Unterschied in den Folgen von Lange- und Queer-
-schnitten des grossen Gehirns bemerkbar ist; bei jenen stellen sich
cbe Functionen, wie bedeutend sie im Anfange gestort, selbst ver-
nichtet sein m5gen, wieder her, bei diesen niemals (Recherches ex-
perimentales sur les proprietes et les fonctions du systeme nerveux
dans les animaux vertebras. 2. edit. Paris 1842. p. 107). Endlich
kommt bei der paralysirenden Action des Iiirndruckes sehr viel auf
die Beschaffenheit der umgebenden Hirnsubstanz an. So wie durch
Entzundung und Erweichung derselben die Lahmung modificirt, ge-
steigert, ja selbst plotzlich hervorgerufen werden kann, so ist
Schwinden der nahen Hirnsubstanz Schuld, dass selbst eine grosse
i Geschwulst lange Zeit ohne oder mit nur schwachen Symptomen
der Paralyse geduldet wird.
Die Lahmung yon Hirnatrophie ist angeboren oder im ersten
Lebensjahre nach vorangegangnen Convulsionen entstanden, und
dauert unverandert das Leben bindurch. Ihre Form ist cbe hemi-
plektische, vollstandig oder unvollstandig: in letzterm Falle ist die
obre Extremitiit starker geliihmt als die untre. Nur selten beschrankt
-sie sich auf ein einzelnes Glied. Gewobnlich ist die Sensibilitat er-
balten. Iiaufig sind Contracturen vorhanden, mit Uebergewicbt der
iFIexoren. Bestiindiger Begleiter und daber pathognomonisch ist
die Atrophie der gelabmten Tlieile, in einem solchen Grade, wie
844
CEREBRALE LAIiMUNGEN.
sie bei keiner andern Lahmung angetroffen wird. Die Glieder sind
verkiimmert, kiirzer und diinner als die gesunden, und in den ein-
zelnen Theilen nicht vollkommen entwickelt. Nicht bloss Zellgewebe
und Muskelfasern, auch Ligamente und Knochen nehmen an der
Atrophie Theil. Im Gehirne dieser Paralytischen findet man Atro-
phie oder Mangel einzelner Theile, am haufigsten des Sehnerven-
hiigels, gestreiften Korpers, der Hirnwindungen , seltner ganzer
Lappen. Zugleich findet sich Verandrung der Consistenz und Farbe
vor, gewohnlich Verhartung und gelbliches Colorit. Der leere
Raum wird durch serose Fliissigkeit ausgefullt: nicht selten ist auch
die inure Tafel der Schadelknochen verdickt. In dem Befunde der
Nervenstamme der paralytischen Glieder stimmen die Beobachter
nicht iiberein: einige fanden sie dicker, harter, yon gelblicher Farbe,
andre yon normaler Structur.
Von einer Atrophie des Gehirns, in der etymologischen Bedeu-
tung des Wortes, ist die Lahmung abhangig, welche nach Unter-
bindung der Carotis communis an der entgegengesetzten Seite, in
der ersten Woche nach der Operation und andauernd bis zum
Tode, beobachtet worden ist. In einigen Fallen wurde gleichzeitig
Erweichung oder Atrophie, in andern keine Desorganisation des
Gehirns vorgefunden. So zeigt sich in dem auf dem hiesigen Museum
aufbewahrten Gehirne einer Kranken, bei welcher Graefe die linke
Carotis unterbunden hatte und wo acht Tage nach der Operation
cine Lahmung der rechten Seite eingetreten war, die Carotis bis
zu ihrem Eintritt in den Circulus Willisii obliterirt, und die Hirn-
substanz, welche die linke Fossa Sylvii umgiebt, in eine Wasser-
blase verwandelt. In dem einen der von Dohlhoff genau beschrieb-
nen Falle war nach Unterbindung der rechten Carotis am achten
Tage Lahmung des linken Mundwinkels, des linken Arms, Beins,
und der Lrinblase eingetreten. Der Tod erfolgte am drei und
zwanzigsten nach der Operation. Bei der Section hind sich das
Lumen der rechten Carotis urn die Halite enger als das der linken,
und eine Erweichung im Centrum semiovale dcr rechten Hemi-
CEREBRALE LAHMUNGEN.
845
sphiire und im gestreiften Korper. Bei der andern Kranken war
am dritten Tage nach der Ligatur der rechten Carotis Lahmung des
linken Armes und Beines eingetreten. Der Tod erfolgte am fiinf-
ten Tage. Die Eroffiiung der Kopfhohle zeigte eine grosse Ueber-
fiillung sammtlicher Theile mit Blut ; ein Unterschied zwischen der
rechten und linken Halfte des Gehirns fand nicht statt ( Rust’s Ma-
gazin fur die gesammte Heilkunde. 39. Band. 1838. S. 501 — 540).
Ein ahnliches Resultat ergab sich bei Unterbindung der Verte-
bralarterien in Astley Coopers Versuchen an lebenden Thieren:
beide Vorderbeine oder nur eines wurde gelahmt, je nachdem beide
Arterien oder nur eine impermeabel gemacht wurden. Auch hatte
die blosse Compression mit dem Finger ahnliche Wirkung (Guys
Hospital Reports Vol. I. p. 463). Dieser Umstand erinnert an die
therapeutischen Beobachtungen von der Compression einer oder
beider Carotiden in verschieclnen Nervenkrankheiten, die yon einem
der glaubwiirdigsten und genauesten Forscher, C. H. Parry , schon
vor sechzig Jahren angestellt worden sind. In folgendem Falle trat
dieser Einfluss besonders deutlich hervor.
Eine 51 jahrige Wittwe wurde, nachdem sie an einem Februar-
tage in einem sehr kalten imgeheizten Zimmer gesessen hatte, von
Erstarrung der linken Seite mit Taubheit befallen. Diese Zufalle
liessen bald nach, allein das linke Ohr wurde sehr empfindlich ge-
gen jedes Gerausch, und Zingern und Kribbeln stellte sich in den
Fingern der linken Hand ein. Die Motilitat war ungestort. In
sechs Wochen delmte sich die Erstarrung auf die rechte Seite aus.
Vesicatore wurden auf den Riicken und auf die inure Seite des
linken Armes oberhalb des Ellenbogens yerordnet. Die letztern
brachten nur Entzundung ohne Blase hervor. Danach fiihlte die
Kranke die Muskeln des Oherarms wie zusammengezogen und steif.
Diese Empfindung verbreitete sich iiber Nacken und Kopf, dann
iiber den ganzen Korper, so dass sie auf beiden Seiten nicht gut
liegen konnte. Jetzt bekam sie auch von Zeit zu Zeit fliegende
Ilitze im Kopf und Gesicht mit einem wogenden Gerausch im Hin-
846
CEREBRALE LAHMUNGEN.
terhaupt. Das Gefuhl von Spannung blieb , wobei die Sensibilitat
noch erhoht war. Die kalte Luft war der Haut unangenehm, der
feinste Flanell rauh, das Stechen mit einer Stecknadel ausserst
schmerzhaft. Bald darauf machten sich Vibrationen in gewissen
Partieen der Beugemuskeln des Vorderarms und im Deltoideus des
linken Arms bemerkbar, welche anhielten, so lange sich das Glied
in der gewohnlichen Stellung befand, und der Yorderarm und die
Hand auf dem Schoosse ruhten. Wurde der Arm stark abwarts
gestreckt, so horten die Oscillationen in den Flexoren auf, dauer-
ten im Deltoideus fort; auch wenn der Arm nach vorn extendirt
wurde, verschwanden sie, kehrten aber bei Erschlaffung der Mus-
keln sofort zur’uck. Die Vibrationen waren von verschiedner Fre-
quenz, doch ziemlich regelmassig, gewohnlich 80 in der Minute,
wie auch die Pulsschlage. Nach jeder Erhitzung und Anstrengung
nahmen sie an Frequenz und Intensitat zu. Der Puls der Caroti-
den war sehr voll und kraftig, imd cliese Arterien selbst ungewohn-
lich erweitert. Die Kranke klagte liber spanrienden Schmerz im
Kopfe und Kalte in den Fiissen. Der Stuhlgang war trage, der
Urin veranderlich blass. Parry sagte vorher, dass ein Druck auf
die rechte Carotis diesen Zufall heben wurde, dagegen nicht auf
die linke. Und so war es auch bei jeclesmaliger Compression.
Diese Versuche wurden spater an der Kranken, als sie in London
sich aufhielt, von Matthew Baillie mit demselben Resultate wieder-
holt. Im Jahre 1786 behandelte Parry eine Kranke an wie-
derholten Anfallen von heftigem Kopfschmerz, Delirien, Con-
vulsionen, welche so stark waren, dass kaum drei Menschen sie
zu halten vermochten. Die Carotiden wurden comprimirt, eine
oder beide, und augenblicklich horten alle Zulalle auf. Der blosse
Druck aul die Haut war nicht Schuld, denn berlihrte der Finger
eine, andre ^hdle als die Carotis, so blieb der Erfolg aus. Parry
versichert millelst dieser Compression der Carotiden, welche am
)eslen \errichlet wird, indem man oberhalb der Spitze der Carti-
ag° CriC0ldea ,Tlit dem Daumen gegen die Ilalswirbel druckt, in
CEREBRALE LAHMUNGEN.
847
raehr als zwanzig Jahren eine Menge yon Hirnaffectionen geheilt
zu haben, welche den gewohnlichen Mitteln Widerstand geleistet
hatten (Vgl. Memoirs of the medical society of London. 1792. Vol.III.
und Philosophical transactions for the year 1811. Part I. p. 89). Auch
theilt er instructive Bemerkungen uber den Puls der Carotiden in
Nervenkrankheiten, und iiber deren Erweiterung als disponirendes
Moment mit, welche yon Seiten eines so grundlichen Kenners des
Arterienpulses um so mehr unser Vertrauen verdienen (Collections
from the unpublished medical writings of the late Caleb Hillier
Parry. Vol. I. London 1825. p. 318). Jedenfalls steht uns in
der Compression der Carotiden und in der Regulirung der Athem-
bewegungen ein Weg often, auf welchem wir unmittelbarer auf das
Gehirn einwirken konnen, als auf jedem andern. Wie die Athem-
bewegungen zu diagnostischem Behufe yerwendet werden konnen,
ist S. 161 angedeutet. Dass tiefe Inspirationen den Ausbruch von
Convulsionen hemmen konnen, Iehrt der S. 491 geschilderte Fall,
und so lasst sich auch ymr ^ehoriger Anwendung der Compression
Nutzen erwarten *).
Impermeabilitat der Hirnarterien muss wohl unstreitig als eine
fruchtbare Ursache von cerebralen Lahmungen betrachtet warden,
allein es fehlte bisher, weil die Aufmerksamkeit durch die gewohn-
lich begleitenden Zustiinde, Blutergiisse, hamorrhagische Cysten,
Erweichung, Atrophie abgezogen wird, an lehrreichen Beobachtun-
gen. Vor kurzem hat Hasse zwei Falle dieser Art mit instructiven
Bemerkungen in Henle’s und Pfeufers Zeitschrift fur rationelle Me-
dicin 1845. 4. Band. 1. Heft S. 91 mitgetheilt. Auch ward in den
Befunden selbst nur auf die Incrustation und Verkndcherung der
Arterienstiimme und Aeste Werth gelegt, dagegen die in Folge
von Verengerung und Obliteration der Gefasseinmiindungen entstan-
dene palhogenetisch so wichtige Yerschliessung der Zweige nicbt
*) Der im Klinicum miltelst eines eigneri Compressoriums angestellten
Versuche werde ich ira zweilen Baade dieses Lehrbuchs erwahnen.
848
CEREBRALE LAHMUNGEN.
erwahnt, iinter denen die reichlich in die Streifenhugel eindringen-
den fur die Untersuchung am zugiinglichsten sind.
Der entgegengesetzte Zustand, Congestion oder Hyperamie des
Gehirns hat als Quelle der Lahmung eine so verbreitete und ge-
laufige Annahme bei Aerzten und Laien gefunden, dass die Kritik
einen um so schwierigeren Stand hat, woriiber in der allgemeinen
Pathologie der Nervenkrankheiten ein Mehreres. Ohue viel Gewicht
auf die Blutiiberfullung an der Oberflache des Gehirns, bei den be-
stehenden Verhaltnissen der Circulation in der Schadelhohle zu le-
gen, konnen wir der Hyperamie der Hirnsubstanz, zumal der ort-
lichen ihre Bedeutung nicht absprechen. So findet man nicht selten
bei Leichenoffhungen eine umschriebene betrachtliche Injection mit
kleinen punktformigen Extravasaten, welche den in der Nahe be-
fmdlichen Bluterguss andeutet: eine solche diirfte als Molimen hae-
morrhagicum sich mehreremal wiederholt und jenen fliichtigen An-
fallen von Lahmung zu Grunde gelegen baben, wie sie offers bei
Ilypertrophieen des Aortenventrikels aufzutreten pllegen.
Hirnlahmung mit regelmassigem periodiscbem Typus kommt
ausserst selten vor. So ist eine Hemiplegia intermittens als Beglei-
terin der Comitata apoplectica einigemal beobacbtet worden ( Werl-
hof opera medica edit. Wichmann. p. 66).
Die cerebralen Lahmungen sind wie die peripherischen und spi-
nalen von Storungen des Antagonismus und der symmetrischen Sta-
tik begleitet. In der Kenntniss dieser Erscheinungen baben wir
\on der physiologischen Beobachtung der Lahmungen noch manchen
Fortscln itt zu erwarten, denn bisher war man kaum fiber die Be-
kanntschaft mit der pravalirenden Tbatigkeit der Flexoren bei auf-
gehobner Action der Streckmuskeln und mit dem Verziehen des Ge-
siclits nach der gesunden Seite hinausgekommen. Ich liabe bereits
an einer andern Stelle (S. 565) darauf hingedeutet, dass wie die
sensible Kiaft, so aucli die motorischc ohne Stillstand thatig ist,
und wenn es nicht zu steten sicht- und fuhlbaren Bewegungen
vommt, dieses auf eigenlhumlichen hemmenden Anordnungen be-
CEREBRALE LAHMUNGEN.
849
ruht, unter denen die syrametrische Statik eine der wichtigsten ist.
In der halbseitigen Lahmung ist diese aufgehoben, und abnorme
Stellungen und Bewegungen sind die Folge davon. Bei plotzlichem
Eintritte des Anfalls fallt der Mensch auf die gelahmte Seite um.
Im weitern Verlaufe der Krankheit neigt sich der Hemiplektische
im Stehen und Gehen nach der gelahmten Seite, wird gleichsam
nacli dieser Richtung geschoben, ja selbst in der horizontalen Lage
wendet sich der Korper dorthin,' wovon ich mich otters und noch
vor kurzem bei einem durch Hirnerweichung am linken Arm und
Bein Gelahmten uberzeugt habe, der im Schlafe, wenn der Warter
ihn zuvor auf die rechte Seite gelegt hatte, den Rumpf nach der
linken Seite hin drehte. Ein Beobachter neuerer Zeit hat nach-
gewiesen, dass die Drehbewegungen um die Langenaxe bei je-
nen Thieren, deren Hirnschenkel oder Sehnervenhugel einer Seite
durchschnitten worden sind, auf ahnliche Weise zu Stande kommen
(. La f argue essai sur la valeur des localisations encephaliques, senso-
riales et locomotrices proposees pour l’homme et les animaux su-
perieurs. Paris 1838 p. 17).
Weder aus Storungen des Antagonismus noch aus denen der
symmetrischen Statik lassen sich einige eigenthumliche Bewegungen
erklaren, welche ich nur bei Kranken mit cerebraler Lahmung be-
obachtet habe. Die eine zeigt sich bei alten Hemiplektischen, zumal
in Folge von Haemorrhagie des Gehirns. Beim Gehen schreiten
sie mit dem gesunden Fusse vorwarts, welcher den Stiitzpunkt des
Korpers bildet, wiihrend der gelahmte die Spitze abwiirts gerichtet
die Bewegungen wie eine Rotation in einem Bogen und Halbkreise,
zogernd, gleichsam schleifend vollfuhrt. Die andre kommt bei Hy-
drocephalischen vor dem Uebergange in ganzliche Immobilitat vor,
und ist von Goelis treffend beschrieben. „Die Kranken schreiten
im Gehen immer mit dem einen Fusse iiber den andern, setzen
z. B. den rechten Fuss immer vor den linken, und diesen wieder
grade vor den rechten, und kreuzen selbe im Fortschreiten; dabei
halten sie den Vorfuss einwarts, treten im Gehen meistens nur auf
850
CEREBRALE LAHMUNGEN.
die Zehen, selten auf den aussern Rand der ganzen Fusssohle auf,
und stossen mit der grossen Zehe des einen Fusses an die Achilles-
sehne des andern.“ (Prakt. Abhandl. liber die vorziiglichsten Krank-
heiten des kindlichen Alters. 2. Bd. S. 42.)
Die consecutiven von der Immobilitat abhangigen Veriinderungen
in den Weich- und Hartgebilden der gelahmten Glieder unterschei-
den sich bei den Cerebrallahmungen nicbt von denen bei den spi-
nalen (S. 755). Andauernde Contractionen der Flexoren sind hier
noch haufiger und diirfen nicht mit den transitorischen und schmerz-
haften Zusammenziehungen der Muskeln bei entziindlicher Erwei-
chung verwechselt werden. Von dieser Contractur ist auch die
Steifheit, zuweilen selbst ankylotische Verbildung der Gelenke abzu-
leiten; wo dieselbe vorhanden ist, zeigt sich eine schnellere mid
auffallende Abmagerung.
In der Beliandlung muss auf diesen Folgezustand stets Riick-
sicht genommen werden (S. 758), um so mehr, da er sich von
der in der Heilung vorgeschrittenen Gehirnkrankheit ganz isolirt ha-
ben kann, und fur sich fortbesteht.
Die andern therapeutischen Maximen, welche auf die der Lahmung
zu Grunde liegende Ilirnkrankheit sich beziehen, finden in dem Ab-
schnitte liber die Bildungskrankheiten der Nervenapparate ihre Stelle:
hier sei nur des Antheils noch gedacht, welchen die Naturheilung der
Hamorrhagie und Erweichung des Gehirns an der Cur der Lahmung
nimmt. Es hat sich mir bei einer Priifung eigner und fremder
Beobachtungen ergeben, dass die Stufe dieses Processes in keiner
wesentlichen Beziehung zur Heilung der Paralyse steht. Unter 34
Fallen war bei zehn die Lahmung verschwunden, bei sechs in Ab-
nahme, bei achtzehn auf demselben Grade bis zum Tode verblieben,
obgleich bei mehreren aus der letzten Kategorie schon Schliessung
der Hohle und fast Vernarbung stattgefunden liatte. Yon wichti-
guem Einllusse als die Grosse des Substanzverlustes ist die Be-
schahenheit der umgebenden Hirnschichten; in den Fallen gaiizlicher
Heilung waren sie von normalem Gefiige, wahrend bei selbst unbedeu-
CEREBRALE LAHMUNGEN.
851
tenden Residuen eine Knorpelharte des Umkreises die Lahmung unver-
andert, bei einem meiner Kranken fiinf , bei einem andern zehn Jahre
unterhalten zu haben schien. Ob Sitz und Richtung der hamorrha-
gischen Cysten in Betracht kommen, ist noch nicht entschieden,
allein wahrscheinlich.
Yon der Lahmung, dem Nachlasse oder Verluste der motori-
schen Leilung in den Centralfasern des Gehirns, muss die Ab-
nahme der die Bewegungen coordinirenden Kraft unter-
schieden werden, jener Kraft, welche dem Gehirn als Centralappa-
rate zukommc (Vgl. S. 554). Karakteristische Symptome sind Ver-
lust des Gleichgewichts und Mangel an Uebereinstimmung und
Succession in den zu den Bewegungen erforderlichen Muskelzusam-
menziehungen. Der Ausdruck dieser Erscheinungen ist beim Men-
schen deutlicher in den untern als in den obern Extremitaten. Das
grade Stehen, das Gehen in grader Richtung ist unmoglich, schwan-
kend ist der Stand, taumelnd der Gang, auch wenn der Korper
von andern gestiitzt wird. Die beiden Momente des normalen Ge-
hens, das stiitzende und schwingende, in welchen beide Fiisse har-
mpnisch abwechseln, sind hier beeintrachtigt, und von der Storung
der Schwingung oder der Abwickelung der Fusssohle ist das
haufige Straucheln und Stolpern (Titubatio) abbangig. So stellt
sich der Contrast von der krankhaften Steigerung der Coordination,
welche ich S. 555 geschildert habe, deutlich heraus.
Selten bleibt dieser Zustand fur sich bestehen; nur bei Blut-
vergiftungen, wrelche das Gehirn in Anspruch nehmen, ist es der
Fall z. B. im Typhus, bei Vergiftungcn mit Opium, Alcohol, oder
im Entwickelungsstadium der Meningitis. Gewohnlich verbindet er
sich oder geht in Paralyse .uber, wie man es bei Krankheiten des
kleinen Gehirns und der Basis cerebri zu beobachten Gelegenheit hat.
Ho rn berg’s NervonkranU). I. 3.
56
852
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
Ich beschliesse die Betrachtung der cerebralen Liihmungen mil
dor Schilderung jcner, welche unter dem Einflusse dcs Gehirns als
psychischen Organs stehen.
Der wiclitige Antheil des Sensoriums an Offenbarung der Sen-
sibilitat und Motilitat im krankhaften Zustande ist schon mehrere-
mal hervorgehoben worden (S. 10!). 184. 274). Ich babe den Na-
men psych is che Krampfe fur diejenigen gewahlt, die durch den
Reiz der Vorstellungen hervorgebracht werden (S. 561). So giebt
es auch eine psychische Immobilitat und Liihmiing, welche von Sto-
rungen der Intellectuo litat abhangig sind, selten von dem Reize,
eewohnlich von dem Mangel des Widens. Doch kommt eine Mo-
nomanie vor, in welchcr sich der Mensch zu einer absoluten Im-
mobilitat verurtheilt, die bei langerer Andauer dieselben Folgen nach
sich zieht, wie der ganzliche Yerlust des motorischen Leitungsver-
mogens. Cruveilhier erzaklt einen solchen Fall von einer jungen
Frau, welche seit zwei Jahren unbeweglich im Bette lag und fur
eine Paraplektische gehalten wurde: die Beine waren atropliisch,
kalt, knickten beim Aufstehen in den Knieen ein, und schleppten
bei dem Versuche des Gehens wie gelahmte Glieder nach. Der Um-
stand jedoch, dass das Kitzeln der Fusssohle der Kranken so un-
angenehm war, dass sie um demselben sich zu entziehen lebhafte
willkuhrliche Bewegungen machte, weckte Yerdacht, und diu'ch
die gehorigen Maassregeln wurde die Immobilitat beseitigt (Anat.
patholog. Livr. XXXV p. 4), Zuweilen hat auch bei Irren der
Wahn, dass die Beine aus llolz oder Glas bestehen, die Unbeweg-
lichkeit zur Folge. Bei weitem haufiger jedoch zeigt sich die Im-
mobilitat in Begleitung des Blodsinns, des erworbenen und ange-
borenen, bedingt durch den Mangel der Selbstbestimmung zu Bewe-
gungen, auf ahnliche Weise wie bei Thieren in den Flourens schen
Versuchen nach Wegnahme der Hemispharen des grossen Gehirns.
Abgesehen hicrvon kommt eine eigenthiimliche Lahmung bei
Irren vor, die sich in der arliculirenden Bewcgung der Zunge und
in den untern Fxtremitaten kundgiebt. Esquirol hatte zuerst die
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
853
Aufmerksamkeit darauf gelenkt (Les passions considerees comme
causes, symptomes et moyens curatifs de Palienation mentale. Paris
1805). Seinem Schuler Ccilmeil verdankt man die beste Monogra-
phic (de la Paralysie consideree chez les alienes. Paris 182G). Auch
haben Bayle (Traite des maladies du cerveau et de ses membranes.
Maladies mentales. Paris 1826) und Parcliappe (Recherches sur
l’encephale, sa structure, ses fonctions et ses maladies. Deuxi&me
memoire. Paris 1838 p. 141 — 176) sich mit demselben Gegenstande
beschaftigt (Vgl. auch Esqmrol des maladies mentales. Paris 1838.
T. II. p. 263—282).
Diese Lahmung beginnt mit erschwertem Sprechen. Die Arti-
culation ist nicht mehr rein, der Irre muss sich anstrengen um zu
sprechen, die Worte lassen auf sich warten, es ist ein Stammeln wie
in der Trunkenheit, wobei jedoch die Mobilitat der Zunge und der
Lippen ungestort ist. Auch ist im Affect die Sprache gelaufiger als
in der Ruhe. Die untern Extremitaten werden schwach und geben
in ihren Bewegungen einen Mangel der Coordination kund. Der
Gang ist unsicher und schwankend, zumal bei langsamem Schritte.
Will der Kranke von einer Stelle nach der andern gehen, so muss
er sich zu wiederholtenmalen einen Anstoss dazu geben, wodurch
der Gang um so auffailender wird. Bei complicirten Bewegungen,
Steigen, Springen steht das Resultat in gar keinem Verhaltniss zu
den Anstrengungen, welche darauf verwendet werden. Ist der
Kranke einmal im Gauge, so kann er ihn beschleunigen, selbst lau-
fen, so wie auch die Fiisse, bei gestiitztem Rumpfe, bei horizonta-
ler Cage im Belle ungehindert bewegen. Im weitern Fortschreiten
der Krankheit wird die Articulation der Zunge noch mehr be-
schrankt und sehr undeutlich: man muss die Worte last errathen.
Die Kraft der Beine den Korper zu sliilzen ist dahin. Soil der
Irre vom Stuhl aufstehen und gehen, so stemint er die Hande an I
die Lehne des Stuhls, hebt sich langsam in die Ilohe, und wie ein
Kind, welches seine erslen Schritte abmisst, neigt er sich rechts,
neigt sich links, dann erst wagt er es und schleppt sich zbgernd
854
CEREBRALE LAIIMUNGEN.
im Zickzack fort. Ueber das kleinste Hinderniss stolpert er
imd fallt iiberhaupt oft hin. Das Gefiihl der Schwache und des
gestorten Gleichgewichts 1st so gross, dass er gern an dem nach-
sten Gegenstande sich festhalt. Auch die obern Extremilalen fan-
gen an Theil zu nehmen: es ist eine Unbehulflichkeit vorhanden,
nur rait Miihe konnen die Hande nach dem Kopf gefiihrt werden.
Die Nacken- und Ilalsmuskeln verlieren ihre Kraft: das Kinn neigt
sich auf die Brust. Die Sphincteren werden gelahmt. Hat die
Krankheit ihren hochsten Grad erreicht, so findet gar keine Arti-
culation mehr statt, und auch in der gestiitzten Stellung oder Lage
horen die Bewegungen auf. Kauen und Schlucken sind ersclnvert:
die Bissen bleiben im Schlunde stecken. Auf cliesem paralytischen
Boden treten offers, zumal im letzten Abschnitt der Krankheit Con-
vulsionen auf, ortliche oder allgemeine, und epileptische Anfalle.
Selten ist die Sensibilitiit in gleichem Grade wie die Motilitiit be-
theiligt: die Schuld der Abstumpfung oder ihres Yerlustes scheint
weniger an einer Unfahigkeit der Leitung als an der mangelnden
Perception der Empfindung zu liegen. Das Verhaltniss des Irre-
seins zur Lahmung ist verschieden. Sowohl Manie als Monomanie
geht mit ihr eine Verbindung ein, von Anfang an, was selten der
Fall ist, oder im spatern Yerlaufe. Oft bezieht sich der Wahn auf
den Besitz unermesslicher Reichthiimer, hochster Ehrenstellen, lu-
xurioser Gegenstande, doch keineswegs ausschliesslich, wie es Baylc
dargestellt hat. Aeusserst selten ist es die Monomanie mit negiren-
dem Affect, die Melancholie, zu welcher sich die Paralyse gesellt;
mehrentheils ist es jedoch Dementia, welche entweder schon von
Beginn an ihre Zuge der Vergesslichkeit, der Zusammeidianglosig-
keit der Gedanken, und des Mangels aller geistigen Combination
mehr oder minder einmischt, oder den Ausgang der Manie in giinz-
lichen Verfall psychischer Thatigkeit bildet. Bemerkenswerlh ist
der Einfluss tobsiichtiger Aufregung, welche auch bei dem voll-
kommensten Blbdsinn ausbrechen kann, auf die paralytischen Er-
S(heinungen: in solchen Anfallen wird die Sprache gelaufig , der
CEREBRALE LAHMUNGEN.
855
Gang schnell. Nur in der Ietzten Zeit des Lebens beschrankt sich
die tobsiichtige Aeusserung mehr auf Geschrei und stiirmische Be-
wegung der Hande und Arme.
Die Dauer der Krankheit ist auf 1 — 3 Jahre, in einzelnen Fal-
len auf langre Zeit, 5 — 6 Jahre ausgedehnt. Der Ausgang ist fast
immer todtlich, entweder plotzlich durch apoplektische und epile-
ptische Zustande, oder was haufiger der Fall ist, alhnahlich unter
Hinzutritt von Durcbfallen, Hydrops, Marasmus.
Unter den Leichenbefunden, welche die gewohnlich bei Demen-
i
tia vorkommenden Veranderungen (Vgl. den Abschnitt uber Logo-
neurosen) nachweisen, wird von mehreren franzosischen Aerzten
auf eine Erweichung der oberflachlichen Schichten der grauen Sub-
stanz im grossen Gehirne Werth gelegt, grosstentheils in Verbin-
dung mit Verwachsungen mit der Pia mater, so dass beim Ablosen
dieser Membran die Corticalsubstanz lappen- und fetzenweise daran
klebt, und die Oberdacbe des Gehirns wie erodirt oder brocklig
erscneint, in starkerem oder geringerem Grade. Auch wo keine
Adhasionen statthaben, soli sieh mit dem Skalpell diese Erweichung
innerhalb der Rinde nachweisen lassen. In der Wirbelhohle wurde
/
nach Calmeil's Untersuchungen ausser Ansammlung seroser Fliis-
sigkeit, in verschiedener Quantitat, keine auffallende Yeranderung
gefunden.
Eine Anlage zu dieser Lahmung kommt dem mannlichen Ge-
schlechte vor dem weiblichen zu. In Paris iiberzeugt man sich
sogleich bei einem Vergleiche der weiblichen Irrenanstalt in der
Salpetri^re mit der mannlichen des Bic^tre. Nach Calmeil (1. c.
p. 371) stellt sich das Verhaltniss unter mannlichen Irren wie 1:15,
unter weiblichen wie 1 : 50. Das Alter vom 30 — 50. Jahre dispo-
nirt: Jugend- und Greisesalter werden verschont. Kraftige Consti-
tutionen sind mehr ausgesetzt als schwachliche. Klimatischer Ein-
lluss maclit sich auf die Frequenz der Krankheit geltend. Im Sii-
den ist sie geringer als im Norden: Esquirol land in den italiani-
«chen Irrenhausern nur wcnig paralytische Irre. In Frankreich
850
CEREBRALE LAHMUNGEN.
scheint jedoch diese Complication haufiger zu sein als in England
und Deutschland. Die Beguterten werden haufiger davon befallen,
als die Armen, die liohern Classen der Gesellschaft ofter als die
niedrigen, diejenigen Stande, welche dem Ehrgeiz freien Spielraum
lassen und zu Ausschweifungen Anlass geben, z. B. der Militarstand,
vorzugsweise. Excesse in Baccho et Venere sind fruchtbar.
Wie wichtig die genaue Kenntniss einer Krankheit fur den pro-
gnostischen Ausspruch ist, zeigt diese Paralyse. Mag der Zustand
des Irren, sein Alter, die kurze Dauer des Wahnsinns, noch so
giinstige Erwartungen wecken, — wo eine Zogerung der articulirenden
Bewegung, wean auch nur eine temporiire, mitten in der Geschwaz-
zigkeit sich bemerkbar macht, ist schoji der Grund zu jener unauf-
haltsamen Lahmung gelegt, und der dem ISichtkenner auflallende
Ausspruch der Unheilbarkeit gerechtfertigt.
In Betreff der Behandlung vervvefse ich auf den Abschnitt uber
Dementia.
Ende des ersten Bandes.
•Gc'dtuckl l)oi Julius Sill on fold in IlerHu.
*
YfZW'i. i
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^ . YJggtft 1 .i
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